Skip to main content

Full text of "Handwörterbuch der reinen und angewandten Chemie"

See other formats


This is a digital copy of a book that was preserved for generations on library shelves before it was carefully scanned by Google as part of a project 
to make the world's books discoverable online. 

It has survived long enough for the Copyright to expire and the book to enter the public domain. A public domain book is one that was never subject 
to Copyright or whose legal Copyright term has expired. Whether a book is in the public domain may vary country to country. Public domain books 
are our gateways to the past, representing a wealth of history, culture and knowledge that 's often difficult to discover. 

Marks, notations and other marginalia present in the original volume will appear in this file - a reminder of this book's long journey from the 
publisher to a library and finally to you. 

Usage guidelines 

Google is proud to partner with libraries to digitize public domain materials and make them widely accessible. Public domain books belong to the 
public and we are merely their custodians. Nevertheless, this work is expensive, so in order to keep providing this resource, we have taken Steps to 
prevent abuse by commercial parties, including placing technical restrictions on automated querying. 

We also ask that you: 

+ Make non-commercial use of the file s We designed Google Book Search for use by individuals, and we request that you use these files for 
personal, non-commercial purposes. 

+ Refrain from automated querying Do not send automated queries of any sort to Google's System: If you are conducting research on machine 
translation, optical character recognition or other areas where access to a large amount of text is helpful, please contact us. We encourage the 
use of public domain materials for these purposes and may be able to help. 

+ Maintain attribution The Google "watermark" you see on each file is essential for informing people about this project and helping them find 
additional materials through Google Book Search. Please do not remove it. 

+ Keep it legal Whatever your use, remember that you are responsible for ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just 
because we believe a book is in the public domain for users in the United States, that the work is also in the public domain for users in other 
countries. Whether a book is still in Copyright varies from country to country, and we can't off er guidance on whether any specific use of 
any specific book is allowed. Please do not assume that a book's appearance in Google Book Search means it can be used in any manner 
anywhere in the world. Copyright infringement liability can be quite severe. 

About Google Book Search 

Google's mission is to organize the world's Information and to make it universally accessible and useful. Google Book Search helps readers 
discover the world's books while helping authors and publishers reach new audiences. You can search through the füll text of this book on the web 



at |http : //books . google . com/ 




über dieses Buch 

Dies ist ein digitales Exemplar eines Buches, das seit Generationen in den Regalen der Bibliotheken aufbewahrt wurde, bevor es von Google im 
Rahmen eines Projekts, mit dem die Bücher dieser Welt online verfügbar gemacht werden sollen, sorgfältig gescannt wurde. 

Das Buch hat das Urheberrecht überdauert und kann nun öffentlich zugänglich gemacht werden. Ein öffentlich zugängliches Buch ist ein Buch, 
das niemals Urheberrechten unterlag oder bei dem die Schutzfrist des Urheberrechts abgelaufen ist. Ob ein Buch öffentlich zugänglich ist, kann 
von Land zu Land unterschiedlich sein. Öffentlich zugängliche Bücher sind unser Tor zur Vergangenheit und stellen ein geschichtliches, kulturelles 
und wissenschaftliches Vermögen dar, das häufig nur schwierig zu entdecken ist. 

Gebrauchsspuren, Anmerkungen und andere Randbemerkungen, die im Originalband enthalten sind, finden sich auch in dieser Datei - eine Erin- 
nerung an die lange Reise, die das Buch vom Verleger zu einer Bibliothek und weiter zu Ihnen hinter sich gebracht hat. 

Nutzungsrichtlinien 

Google ist stolz, mit Bibliotheken in partnerschaftlicher Zusammenarbeit öffentlich zugängliches Material zu digitalisieren und einer breiten Masse 
zugänglich zu machen. Öffentlich zugängliche Bücher gehören der Öffentlichkeit, und wir sind nur ihre Hüter. Nichtsdestotrotz ist diese 
Arbeit kostspielig. Um diese Ressource weiterhin zur Verfügung stellen zu können, haben wir Schritte unternommen, um den Missbrauch durch 
kommerzielle Parteien zu verhindern. Dazu gehören technische Einschränkungen für automatisierte Abfragen. 

Wir bitten Sie um Einhaltung folgender Richtlinien: 

+ Nutzung der Dateien zu nichtkommerziellen Zwecken Wir haben Google Buchsuche für Endanwender konzipiert und möchten, dass Sie diese 
Dateien nur für persönliche, nichtkommerzielle Zwecke verwenden. 

+ Keine automatisierten Abfragen Senden Sie keine automatisierten Abfragen irgendwelcher Art an das Google-System. Wenn Sie Recherchen 
über maschinelle Übersetzung, optische Zeichenerkennung oder andere Bereiche durchführen, in denen der Zugang zu Text in großen Mengen 
nützlich ist, wenden Sie sich bitte an uns. Wir fördern die Nutzung des öffentlich zugänglichen Materials für diese Zwecke und können Ihnen 
unter Umständen helfen. 

+ Beibehaltung von Google -Markenelementen Das "Wasserzeichen" von Google, das Sie in jeder Datei finden, ist wichtig zur Information über 
dieses Projekt und hilft den Anwendern weiteres Material über Google Buchsuche zu finden. Bitte entfernen Sie das Wasserzeichen nicht. 

+ Bewegen Sie sich innerhalb der Legalität Unabhängig von Ihrem Verwendungszweck müssen Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst sein, 
sicherzustellen, dass Ihre Nutzung legal ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass ein Buch, das nach unserem Dafürhalten für Nutzer in den USA 
öffentlich zugänglich ist, auch für Nutzer in anderen Ländern öffentlich zugänglich ist. Ob ein Buch noch dem Urheberrecht unterliegt, ist 
von Land zu Land verschieden. Wir können keine Beratung leisten, ob eine bestimmte Nutzung eines bestimmten Buches gesetzlich zulässig 
ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass das Erscheinen eines Buchs in Google Buchsuche bedeutet, dass es in jeder Form und überall auf der 
Welt verwendet werden kann. Eine Urheberrechtsverletzung kann schwerwiegende Folgen haben. 

Über Google Buchsuche 

Das Ziel von Google besteht darin, die weltweiten Informationen zu organisieren und allgemein nutzbar und zugänglich zu machen. Google 
Buchsuche hilft Lesern dabei, die Bücher dieser Welt zu entdecken, und unterstützt Autoren und Verleger dabei, neue Zielgruppen zu erreichen. 



Den gesamten Buchtext können Sie im Internet unter http : //books . google . com durchsuchen. 



Chc-mS.Sl 



jStUük.^u^./ni.. 




r 



Digitized by VjOOQIC 



Digitized by VjOOQIC 



Digitized by VjOOQIC 



Digitized by VjOOQIC 



Digitized by VjOOQIC 



Digitized by VjOOQIC 



Digitized by VjOOQIC 



7 



HANDWÖRTERBUCH 



DER 



REINEN UND ANGEWANDTEN 



CHEMIE. 



Digitized by VjOOQIC 



Holzschnitte 

aus dem xylographUcheu Atelier 

von Friedrich Vieweg and Sohn 

in .Bmansohweig. 

Papier 

ans der mechanischen Papier>Fabrik 

der Gebrüder Vieweg zn Wendhausen 

bei Braunachweig. 



Digitized by VjOOQIC 



HANDWÖRTERBUCH 



DER 



REINEN UND ANGEWANDTEN 



CHEMIE. 



Begründet von 



Dr. J. von Liebig, Dr- J. C. Poggendorff und Dr. Fr. Wöhler, 

Prufeitoren an den l'nivcnltitvn Manchen, Berlin und (j6ulng«n. 



Bearbeitet in Verbindung 

mit mehren Gelehrten 

und redigirt von 



Dr. H. V. Fehling und Dr. H. Kolbe, 

Prof CM« reo d«r rbctnU In Stungirt und Mtrburg. 



Achter Band. 



Mit zahlreichen in den Text eingedruckten Holzschnitten. 

Braunschweigy 

Drack und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn. 

18 6 1. 

Digitized by VjOOQIC 















Die Hsreiugabe einer Uebenetaung in englischer, (hmzösiicher und anderen 
modernen Sprachen wird vorbehalten. 



Digitized by VjOOQIC 



s. 

Soda, Soude. unter diesem Namen begreift man verschiedene 
unreine SaJzgemenge, welche wesentlich aus kohlensaurem Natron be- 
stehen. Es sind diese sehr verschiedenen Urspnings, und je nach der 
Art ihres Vorkommens, ihrer Gewinnung oder künstlicheren Darstel- 
lung unterscheidet man natürliche und künstliche Soda. 

Natürliche Soda. Den ersteren Namen verdienen hauptsächlich 
die an kohlensaurem Natron reichen Auswitterungen einzelner Land- 
striche, und die Salzmassen, welche durch Verdunsten des Wassers 
der sogenannten Natronseen gewonnen werden, so wie die beim Ver- 
brennen von Strandpflanzen bleibende Asche. 

In Europa ist vorzugsweise Ungarn durch Vorkommen von natürli- 
cher Soda ausgezeichnet, namentlich Elein-Knmanien, die Umgegend von 
Szegedin, woselbst mehrere Fabriken mit Ausbeutung dieser Soda be- 
schäftigtsind. Ferner im Bicharer-Comitat, bei Mariatheresiopol, dann das 
ganze Steppengebiet zwischen der Theiss und der Donau, ja selbst noch 
jenseits der Donau bei Stuhlweissenburg am Neusiedler - See , so wie 
an der Theiss aufwärts bis über Debreczin ist alles Flachland mehr 
oder weniger mit Soda durchtränkt. In der Debrecziner Heide fin- 
den sich mehrere kleine fache Seen, die an den Ufern während des 
Sommers zum Theil eintrocknen. An diesen Stellen ist dann die 
schwarze schlammige Erde mit Soda gechwängert, so dass sie bei trocke- 
nem Wetter fortwährend auf der Oberfläche auswittert und alle 3 bis 6 
Tage durch Abkratzen und Zusammenkehren in grosser Menge gesam- 
melt werden kann. Diese natronhaltige Erde führt in Ungarn den Na- 
men Szek, aus der durch ein sehr einfaches Auslaugen, Eindampfen, 
Calciniren und Schmelzen, wodurch die von organischen Beimengungen 
herrührende braune Farbe verschwindet, das Szekso, eine sehr ge- 
schätzte Soda, bereitet wird. Nach Wackenroder^) sollen in jener 
Gegend jährlich 8000 bis 9000 Centner dieser Soda fabricirt werden, 
und fast vollständig zu der bekannten Debrecziner Seife Verwendung 
finden, während- die ganze Ausbeutung von natürlicher Soda sich in 
Ungarn etwa auf nur 15000 Centner belaufen dürfte 2). Nach Volland 
hat die Debrecziner Soda eine bläuliche Farbe, ist steinhart, zeigt auf 
dem Bruch krystallinisches Gefüge, dagegen auf der Oberfläche eine 
verwitterte Rinde und besteht in 100 Thln. aus: 

Kohlensaurem Natron 89,8 

Kochsalz 4,3 

Schwefelsaurem Natron 1,6 

Phosphorsaurem Natron 1,5 

Kieselsaurem Natron l^ß 

Kohlensaurer Magnesia, kohlensaurem Kalk | . q 

Eisenoxyd, Kieselerde und schwefelsaurem Kali) ' * ' 

*) Arch. d. Phann. Bd. XXXV, S. 271. — ■) Payen's Gewerbs-Chem. v. Fehling. 
HandwOrterbach der Chemie. Bd. Vm. 1 

Digitized by VjOOQIC 



2 Soda. 

EiD reicheres Vorkonf^men von kohlensaurem Natron bietet die 
Araxes- Ebene in ihren zahlreichen Seen, Sümpfen and Lachen, deren 
Wasser theils so concentrirt ist, dass während der trockenen Jahres- 
zeit es sich mit einer förmlichen Salzkruste bedeckt, die dann von 
Zeit zu Zeit niederfällt und den Boden allmalig mit einer dicken festen 
Salzmasse überzieht. Abich hat das Wasser mehrerer dieser Seen 
und Lachen analysirt. Durch Verdampfung erhielt er aus dem Wasser 
eines grösseren klaren Sees 6,66 Proc. Salzrückstand, aus dem röth- 
lichen Wasser eines andern Sees 30,6 Proc und aus dem einer Salz- 
lache sogar 34,7 Proc. Die auf dem Boden dieser zwei Seen abgela> 
gerten Salzkrusten fand er in 100 Thln. zusammengesetzt aus: 

weisser See rother See 

Kohlensaurem Natron .... 2:^,9 . . . 18,4 

Schwefelsaurem Natron . . 16,0 . . . 77,4 

Chlornatrium 51,5 .. . 1,9 

Wasser 9,9 .. . 1,2 

während der durch Abdampfen erhaltene Salzrückstand dieser Seen nnd 

der Lache bestand aus: 

weisser See rother See Salzlache 
Kohlensaurem Natron .... 14,7 . . 12,1 . . 68,9 
Schwefelsaurem Natron .... 10,4 . . 19,2 . . 15,5 
Chlornatrium 74,6 . . 69,7 . . 15.5 

Das kohlensaure Natron komm^ also hier mit einer dasselbe zu- 
weilen überwiegenden Menge Glaubersalz vor, womit es sogar nach 
dem Mangel an Krystallisationswasser zu schliessen zu einem dem 
Th^nardit ähnlichen Doppelsalz vereinigt zu sein scheint. 

In Aegypten finden sich in der Wüste von Theiat, in einer Aus- 
breitung von ungefähr 2 deutschen Meilen Länge und % Meile Breite, 
ebenfalls neun solcher Natronseen, und bei Fezzan kommt eine derartige 
natürliche Soda in halb Zoll dicken Lagen vor, welche in grosser Menge 
dortselbst gewonnen wird, den Namen Trona führt und früher der Ge- 
genstand eines regen Handels war. Ein ähnliches Lager wie überhaupt 
ähnliches Vorkommen hat noch Südamerika, namentlich in der Nähe 
von Mexico, wo diese Salzmasse Urao heisst. Laugier und Klaproth 
haben die Trona von Aegypten und Fezzan, Boussingault den Urao 
untersucht: 

Trona Urao 

von Aegypten von Fezzan von Mexico 

Natron \ 09 äa '^> r ^^'^^ 

Kohlensäure i "^^'^^ '^^'^ 41,22 

Schwefelsaures Natron . . . 18,35 20,8 — 

Chlomatrium 38,04 15,0 — 

Wasser 14,00 31,0 18,80 

Unlösliche Stoffe 6,00 — 0,98 

Später hat Pfeiffer*) eine lufttrockene naturliche ostindiBche Sodu 
näher analysirt und Th. Remy eine echte ägyptische Trona von hell- 
grauem, oberflächlich verwittertem innen kry stall in ischem Ansehen. 



'; Anual. d. Chem. u. Pharm. Bd. LXXXIX , S. 219; Dingl. polvt. Joiirti. 
Bd. CXXXri, S. 397. 



Digitized by VjOOQIC 



Soda. 3 

Pfeiffer Kemy 

Natron 22,59 Chlornatrium . . . . 8,16 

Kali 2,65 SchwefeUaures Natron . 2,15 

Kalk 0,16 Kieselsaures Natron . . 0,29 

Magne:*ia ... 0,30 Zweifach-kohlens. Kalk . 0,20 

Kohlensäure 16,00 Anderth.-kohlens. Natron 47,29 

Schwefelsäure .... 4,01 Einfach-kohlens. Natron . 18^43 

Chlor 0,79 Zweif.-kohlens. Magnesia ] 

Thonerde 0,26 Bromsaures Natron > Spur 

Eisenoxyd 1,08 Organische Substanz ) 

Kieselsäure und Sand 34,65 Was.ser 19,67 

Wasser 17,59 In Wasser Unlösliches . 4,11 

In kleineren Mengen als bei den genannten Vorkommen hat man 
häufig das Auftreten und die Bildung von anderthalb*kohlensaurem Na- 
tron Gelegenheit zu beobachten; so enthalten, wieKuhimann ge&ndeH 
hat, die meisten Ausblühungen der Manern bei entstehenden Salpeter- 
frass neben anderen Salzen kohlensaures Natron. Ebenso enthalten viele 
Mineralwasser kohlensaures Natron, wie z. B. das Karlsbader Wasser, 
die verschiedenen alkalischen SäuerÜuge. Besonders interessant für 
diese Bildungen ist noch die Wahrnehmung von W\ Kays er ^), welcher 
eine feste Salzkiiiste, die durch Verwitterung eines Gangthonschiefers 
der Bleiglanzgrube Neue Margare the bei Clausthal entstanden war,- 
aus wasserfreiem kohlensauren Natron mit nur Spuren anderer Bestand- 
theile zusammengesetzt gefunden hat. 

Ungeachtet dieser vielen Beobachtungen und des massenhaften Auf- 
tretens des kohlensauren Natrons in der Natur befindet man sich über 
den eigentlichen Bildungsproce»s dieses Salzes doch noch sehr im Un- 
klaren. Da kohlensaures Natron noch nie als Bestandtheil von Ge- 
birgsarten gefunden ist, und in jenen Gegenden, wo es in Mass» 
auftritt und vom Wasser ausgelaugt und gesammelt wird, das Natron 
sonst nur als sciiwefelsaures Salz und als Chlormetall vorkommt, so 
muss es erst durch eine allmälige Umsetzung dieser Salze entstehen. 
Gestützt auf die von Berzelius mitgetheilte Beobachtung, dass aus 
einem feuchten Gemenge von Kalkhydrat und Kochsalz allmälig koh- 
lensaures Natron ausblüht, hat man angenommen , dass auch in der 
Natur durch einen ähnlichen Vorgang diese Umsetzung statthabe. 
Hierzu ist jedoch zu bemerken, dass Aetzkalk nicht in der Natur vor- 
kommt und kohlensaurem Kalk wohl schwerlich diese Eigenschaft zu- 
stehen dürfte, indem ja sonst der grösste Theil des Kochsalzgehaltes, wel- 
cher einen nie fehlenden Bestandtheil aller sedimentären Gebirgsmassen 
ausmacht, neben dem ebenfalls nur selten fehlenden Kalkgehalt des ge- 
schichteten Gebirges sich gar nicht erhalten könnte und schon längst 
vollständig in kohlensaures Natron umgewandelt sein müsste. Aus 
gleichem Grunde müsste mau auch überall da, wo Steinsalz im Kalk- 
gebirge vorkommt oder Salzquellen Kalkschichten durchdringen, was ja 
so häufig der Fall ist, stets kohlensaures Natron vorfinden, was selbst 
bei Abwesenheit von Gyps oder anderen schwefelsauren Salzen fast nie 
beobachtet wird. Vielleicht dürfte bei dieser Umsetzung die nie fehlende 
Kieselsäure eine vermittelnde Rolle spielen, indem, wie bekannt, das 
Kochsalz durch saure Silicate unter Bildung von kieselsaurem Natron 



») Jahrb. f. Mincr. 1850, IS. ljH2. 

Digitizediyt^OOgle 



4 Soda. 

theilweise zerlegt wird, welches dann an der Luft unter Aufnahme von 
Kohlensäure und Ausscheidung von Kieselsäure leicht in kohlensaures 
Natron übergehen kann. 

Eine ihrer Abstammung nach von der eben beschriebenen ganz ver- 
schiedene Soda, die jedoch ebenfalls den Namen natürliche Soda fuhrt, 
gewinnt man durch Verbrennen mehrerer Strand- und Seepflanzen. 
Während die eigentlichen Binneniandpäanzen in ihrer Ausbildung eine 
bestimmte Menge Kali assimiliren, welches sich in der Asche dieser 
Pflanzen vorzugsweise als kohlensaures Kali wiederfindet, nehmen die 
Strand- und Seepflanzen aus dem mit Kochsalz durchtränkten Boden 
vorzugsweise Natronsalz auf, welches sich hauptsächlich als pflanzen- 
saures Alkali in dem Saft der Pflanze oder vorherrschend in einzel- 
nen Drüsen oder Zellen gangen wie beim MesemManthemum erystcdlinum 
wieder findet. Durch das Einäschern solcher Pflanzen werden die or- 
ganischen Säuren zerstört und es bleibt das Natron als kohlensaures 
Natron zurück. Die vorzüglichsten dieser Strandpflanzen sind verschie- 
dene Species von Salaola^ Salicornic^ Chenopodium^ Atriplea^ StaÜce^ von 
den Seepflanzen namentlich die Fucus- oder Seetangarten, besonders. 
Reaumuria^ Nitraria^ Tetragonia und MesembrianÜiemum, 

Behufs der Gewinnung der Soda aus diesen Pflanzen werden die 
Strandpflanzen zum Theil besonders zu dem Zweck angebaut, im kräf- 
tigsten Wachsthum noch vor der vollständigen Entwicklung geschnit- 
ten ; der Seetang wird an den Küsten, an die er ziir Flathzeit vorzugs- 
weise in grosser Menge gespült wird, gesammelt und beide an der 
Sonne 'getrocknet und hierauf in runden Gruben von 1 bis l^/j Me- 
ter Durchmesser und 1 Meter Tiefe eingeäschert. Hiermit wird so 
lange ohne Unterbrechung fortgefahren, bis die Grube etwa bis zu zwei 
Drittel mit Asche erfüllt ist Durch fortwährendes Umrühren sucht 
«lan bei der sich immer höher steigernden Temperatur alle in der Asche 
noch befindlichen Kohlentheilchen vollständig zu verbrennen, welches 
die Neigung der Asche, durch den Gehalt an leicht schmelzbaren Natron - 
salzen stark zusammen zu backen, gegen Ende der Operation ziemlich 
erschwert. Nachdem die auf dem Grund der Grube festgeschmolzene 
Masse vollständig erkaltet ist, wird sie losgebrochen, zerschlagen und 
sofort verpackt. 

Der Gehalt der so gewonnenen Sodasorten ist nach Art, Standort 
und Alter der Pflanzen sehr wechselnd. Die im Handel geschätzteste 
Soda ist die Bariila nach dem Ausfuhrhafen auch als Alicante-Soda 
benannt; sie wird in Spanien aus Salsola-Soda^ die zu diesem Zweck 
an den einzelnen Küsten eigens cultivirt wird, bereitet, und enthält bis 
zu 30 Proc. kohlensaures Natron. 

An der französischen Küste des ~ Mittelmeeres in der Nähe von 
Narbonne baut man zu gleichem Zweck die SaUcomia annua^ aus der 
man das Salicor, welches etwa 15 Proc. kohlensaures Natron ent- 
hält, darstellt, während man zwischen Äiguea^morUa und Frontignan aus 
den verschiedenen dort wachsenden Strandpflanzen die Blanquette 
bereitet, die im Durchschnitt sogar nur öprocentig ist. Noch ärmer 
an kohlensaurem Natron sind die in derNormandie sowie die in Schott- 
land und Irland aus verschiedenen Tangarten fabricirten Pflanzen- 
aschen; erstere ist unter dem Namen Yarec-Asche im Handel bekannt, 
während letztere Kelp genannt wird. Beide enthalten hauptsächlich 
Kalisalze, schwefelsaures Kali und Chlorkalium, sie können nicht als 

Digitized by VjOOQIC 



Soda. 5 

Soda bezeichnet werden, denn sie enthalten oft gar kein, höchstens 
einige Procent an kohlensaarem Natron ; sie werden hauptdächlich zur 
Gewinnung von Jod und Brom benutzt; zugleich werden die Kalisalze 
and etwas Chlornatrium daraus gewonnen. 

Nach Abichi) liefert die Araxes-Ebene ausser der oben erwähnten 
Soda aus den Seen eine ▼orzügliche Soda aus den dort in grosser Aus- 
dehnung wachsenden Sodapflanzen. — Auch an den Küsten des Caspischen 
Meeres, so wie an der ägyptischen uud syrischen Küste des Mittel- 
meeres und in Sicilien wird in ähnlicher Weise eine Soda, die Rochetta^ 
von sehr wechselndem Gehalt gebrannt. 

Künstliche Soda. Bis zur Zeit der französischen Revolution' von 
1 789 benutzte man in Europa neben Potasche nur die aus den Seepflan- 
zen bereiteten geringhaltigen Sodasorten, welche Frankreich, welches bei 
weitem den gröasten Theii davon verbrauchte, vom Auslande nament- 
lich ans Spanien bezog. Der Krieg, in. welchen die Republik zu der 
damaligen Zeit nach allen Seiten verwickelt war, schnitt plötzlich einen 
betrachtlichen Theil der Zufuhr der wichtigsten ausländischen Rohpro- 
ducte, namentlich auch die der Potasche ab. Hierdurch geriethen nicht 
allein die zahlreichen Industriezweige, welche sich damals noch allein 
auf Anwendung von Potasche basirten, in vollkommene Gewerbslosigkeit, 
sondern es fehlte sogar das für den Krieg wichtigste Material, näm- 
lich der Salpeter behufs der Schiesspulverfabrikation. Wurde diesem 
dringen«! sten Bedürfniss auch bald durch eine grossartige inländische 
Salpeterfabrikation abgeholfen, so drohte sie doch andere Industrie- 
zweige, welche ebenfalls auf die Anwendung des Kalis bis dahin sich 
stutzten, ganz zu vernichten. Der damalige WohlfahrtsausschudS, ver- 
anlasst durch den Fabrikanten Carny, forderte daher im Jahre II. in 
einem besondern Decret alle Bürger auf, ihre Erfahrungen und An- 
sichten über eine zweckmässige Sodaerzeugung zum Besten des Vater- 
landes offen darzulegen 3). 

£s wurden sechs Vorschläge zur Lösung der gestellten Aufgabe 
eingereicht. Alle gingen davon aus, die verbreitetste Natrium Verbin- 
dung, das Kochsalz, in Soda umzuwandeln, Scheele hatte vorgeschla- 
gen, das Kochsalz durch Bleioxyd (gemahlene Bleiglätte) zu zersetzen, 
wobei er Natron neben basischem Chlorblei erhielt; Carny wandte in 
gleicher Weise hierzu gebrannten Kalk an; Athenas schlug vor, das 
Kochsalz durch Eisenvitriol zu zersetzen; Ribeaucourt reducirte das 
schwefelsaure Natron mit Kohle zu Schwefel natrium , was er für Soda 
hielt; Alb an zersetzte das Glaubersalz durch gleichzeitige Einwirkung 



M Journ. f. prakt. Chem. Bd. XXXVIII, S. 18. 

*) Dieser «k) hochwichtig; gewordene Erlass beginnt in folgender Weise : „In 
Erwägung der Pflichten der Republik, welche ihr gebieten, die Kraft der Freiheit 
mit ihrem gansen Nachdruck auf alle diejenigen Gegenstände hinzulenken, welche 
die Grundlagen der unentbehrlichsten Gewerbszweige sind: Pdichtcn, die ihr ferner 
gebieten, die Fesseln der Handelsabh&ngigkeit abzustreifen, und aus ihrem eige- 
nen SchoosBC Alles, was die Natur darin niedergelegt hat, an das Licht zu zie- 
hen, ebenso um die gehässigen Zwangsmittel der Despotie zu entkräften, als um die 
Gaben des Bodens und der Gewerbthätigkeit in Anspruch zu nehmen ; in Erwägung 
dieses ist beschlossen und sind alle Bürger gehalten, ihre Ansichten und Erfahrungen, 
die Sodafabrikation betreffend, einer besonderen Commission zum Besten des Staates 
bbnen zwei Decaden mitzutheilen, mit Hintansetzung aller besonderen Vorthcile und 
Privatspeculationen." Die Commission bestand aus Leli^vre, Pelletier, Girout 
and Darcet. 



Digitized by VjOOQIC 



6 Soda. 

von Kohle und EiBen, während Leblanc die Aufgabe durch Glühen 
des Glaubersalzes mit Kohle und Kalk löste. Die ('Onimis8ion erkannte 
einstimmig das von dem Arzt Leblanc und deinem Geschäft^genossen 
Dize angegebene Verfahren als das allein praktische^ in jeder Aus- 
dehnung anwendbare, an. 

So grosse Mängel vom wissenschaftlichen und vom praktischen Stand- 
punkte aus diesem Verfahren noch anhaften, so stellte es der berühmte 
Erfinder doch gleich in einem so hohen Grad von technischer Ausbil- 
dung hin, dass weder die Wissenschaft noch die Empirie bis jetzt we- 
sentlich daran geändert oder verbessert haben. Dieses Verfahren ist 
in Verbindung mit der Schwefelsäurefabrikation die Basis aller chemi- 
schen Industrie geworden und hat in dem Zeiträume von nun fast 70 
Jahren eine nie geahnte Entwickelung erfahren und in einigen Län- 
dern, namentlich in England, eine wahrhaft colossale Ausdehnung an- 
genommen, die sogar noch in stetem Wachsen begriffen ist. 

Das Leblanc' sehe ^) Verfahren zerfällt i n zwei Hauptoperationen : 
erstens in die iJmwandlung des Kochsalzes mittelst Schwefelsäure in 
schwefelsaures Natron, und zweitens in die Umwandlung dieses durch 
Glühen mit Kohle und kohlensaurem Kalk in kohlensaures Natron. 

Da nur in seltenen Fällen durch andere Industriezweige, wie z. B. 
durch die Salpeter Säurefabrikation aus Natronsalpeter oder durch die 
an Glaubersalz reichen Mutterlaugen einzelner Salinen, namhafte Men- 
gen von schwefelsaurem Natron erhalten werden, so muss dasselbe für 
eine grossere Sodafabrikation in den Sodafabriken direct dargestellt 
werden (vergl. schwefelsaures Natron, Bd. VII, S. 557). Wo 
Eisenvitriol oder vitriol haltige Grubenwäs.ser oder Vitriolmntterlaugen 
der Alaunfabriken billig und in zureichender Menge zu haben sind, 
löst man entweder das Kochsalz darin auf und lässt bei niederer Tem- 
peratur das gebildete Glaubersalz auskrystallisiren , während Ohioreisen 
in der Mutterlauge bleibt, oder man dampft das Gemenge beider Salze 
in einem Flammofen ein und zieht entweder das sich wasserfrei aus- 
scheidende Glaubersalz aus der Pfanne des Ofens heraus, oder man 
dampft zur Trockne und glüht den Rückstand heftig, wobei sich neben 
Salzsäure ein Theil des Eisens als Eisenchlorid verflüchtigt und ein 
Gemenge von Glaubersalz und Eisenoxyd zurückbleibt. 

Es sind noch viele andere Methoden für diese Umwandlung des 
Kochsalzes vorgeschlagen, doch hat sich bis jetzt keine im Grossen 
ganz bewährt, oder sie sind von so localem Werth, dass sie hier keine 
besondere Besprechung erlauben; die wichtigem von ihnen sollen spä- 
ter, nachdem die Vorzüge und Schattenseiten des Leb lanc*schen Ver- 
fahrens aus dessen Beschreibung von selbst erhellt, als weitere Methode 
der Sodafabrikation Berücksichtigung finden. 

Die Zersetzung des Kochsalzes durch Schwefelsäure macht für einen 
schwunghaften Betrieb der Sodafabrikation die Vereinigung derselben 
mit der Schwefelsäurefabrikation erforderlich, und zwar um so mehr, 
als man hierzu die verdünnte Schwefelsäure, wie sie die Bleikammern 
der Schwefelsäurefabrikeu liefern, oder doch die in Bleipfannen con- 
centrirte Kammersäure benutzen kann. 



') Nach einem neueren Bericht von Dnmas (Compt. rend. T. XLII, p. 663) ist 
Leblapo der alleinige Entdecker des Verfahrens, und Diz^ hat nur an der Ausbil- 
dung ftlr den Betrieb im Grossen und an der Feststellung der GewichtsverhftHnisse 
Antheil. 



Digitized by VjOOQIC 



Soda. 7 

Bei dieser Zersetzung wird fiir jedes Aequivalent Kochsalz ein 
Aeqoivalent saizsaures Gas frei, also für je 100 Pfund Kochsalz 62 
Pfund trockene Chlorwasserstoffsäure oder etwa 200 Pfnnd flüssige Salz- 
säure. Da aber der Verbrauch von Salzsäure, namentlich früher, in 
gar keinem Verhaltniss zum Consum der Soda steht, so war diese reich- 
liche Bildung von Salzsäure kein Vortheil, sondern sogar oft ein grosses 
Hinderniss für die Fabrikation. Man condensirte aus diesem Grunde, 
bis vor 15 Jahren, auch nur den kleinsten Theil dieser sauren Dämpfe, 
indem man den grössten Theil durch das Kamin mit den Verbren- 
nungsproducten entweichen Hess. Es ergab sich jedoch sehr bald, dass 
die sich in der Luft condensirenden Säuredämpfe so belästigend und 
nachtbeilig auf die Umgebungen solcher Fabriken, besonders zerstörend 
auf die Vegetation einwirkten, dass viele derselben ausser Betrieb ge* 
aeizt und verlegt werden mussten. Die meisten Fabriken sahen sich 
genöthigt, ihre Schornsteine beträchtlich zu erhöhen, um die zerstö- 
renden Dämpfe in höhere Luftschichten zu führen, und sie erst in 
grösseren Entfernungen und verdünnter die Erde erreichen zu lassen. 
So hatte die bekannte Sodafabrik von Muspratt in Newton zwischen 
Liverpool und Manchester ein Monsterkamin von über 400 englischen 
Fuss; während die berühmte chemische Fabrik von Tennant in St. 
RoUox bei Glasgow einen Schornstein von 450 Fuss Höhe besitzt. 
Aber selbst diese enormen Kamine konnten den schädlichen Einfluss 
der Salzsäure auf die Vegetation nicht beseitigen , im Gegentheil ver- 
grosserten sie zum Theil den Rayon der Verheerung. Die Sodafabri- 
ken sahen sich daher immer mehr und 'mehr genöthigt und sind in 
den meisten Staaten durch die Vorschriften der Aufsichtsbehörden an- 
gewiesen, die Salzsäure so vollständig als nur möglich zu conden- 
siren. 

Die Salzsäure dient hauptsächlich zur Chlorkalkfabrikation, dann 
findet sie wegen ihres geringen Werthes sonst vielfach Anwendung; 
hat sie in den letzten zehn Jahren auch mehrfache und neue ausge- 
dehnte Anwendungen gefunden, so ist ihre Erzeugung doch häufig 
grosser als der Bedarf, und daher der Preis ein sehr niedriger. Ihre 
Versendung hat man in England durch Verpackung in mit Gntta- 
Percha ausgekleideten hölzernen Fässern wohlfeiler zu machen ver- 
sucht. Der Preis der Salzsäure ist an den meisten Orten sehr niedrig, 
oft nicht höher als ^/s Thaler pro Centner, nur ausnahmsweise ist er 
in einzelnen Gregenden bedeutend höher, sei es durch grösseren loca- 
len Verbrauch, oder durch künstliche Steigerung mittelst Uebereinkunft 
der betreffenden Fabriken, und durch Weggiessen des Ueberschusses. 

Durch eine grossartige Verschmelzung der Sodafabrikation mit 
der Bleichkalk- oder Chlorkalkfabrikation hat Tennant, unterstützt 
durch locales Bedürfniss, in seinem Etablissement mit grossem Erfolg 
das Chlor des Kochsalzes verstanden auszubeuten, die Nachtheile der 
Salzsänre-Entwickelnng vermieden und die bis dahin fast werthlose Salz- 
säure zu einem geschätzten Nebenproducte zu machen. Früher wurde 
dort aus dem Kochsalz mittelst Braunstein und Schwefelsäure in grossen 
Bietkasten behnf der Bleichkalkfabrikation Chlor entwickelt, der Rück- 
stand, welcher ausser Glaubersalz und schwefelsaurem Manganozj- 
dul noch freie Schwefelsäure enthält, zur Sättigung der letzteren mit 
etwas Kochsalz versetzt, zur Trockne verdampft und bei Luftzutritt 
stark geglüht. Hierbei entweicht ein wenig Salzsäure und es bleibt ein 

Digitized by VjOOQIC 



8 Soda. 

Gemenge von Glaubersalz und Manganoxydoxydul zurück, au^ dem 
durch Auslaugen das Glaubersalz leicht rein ausgeschieden werden 
kann. Später wurde jedoch auch in dieser Fabrik das Kochsalz direct 
in Glaubersalz umgewandelt und die hierbei als Nebenproduct erhal- 
tene Salzsäure zur Chlorentwickelung mittelst Braunstein benutzt. Diese 
Methode der Chlorbereitung hat in der ueuesten Zeit noch einen mäch- 
tigen Impuls dadurch erhalten, dass es gelungen ist, den Braunstein 
wieder zu beleben, d. h. aus der bei der Chlorentwickelung mittelst 
Braunstein und Salzsäure zurückbleibenden Manganlösung das Mangan 
als Mangansuperoxyd wieder zu gewinnen (s. 2te Aufl. Bd. II, Abth. 2, 
S. 370). 

Sulfat Fabrikation. Die Darstellung des wasserfreien schwefel- 
sauren Natrons oder „ Sulfats ^^ durch Zersetzung des Kochsalzes mit 
Schwefelsäure geschieht jetzt allgemein in grossen Flammenöfen (Sulphat- 
öfen) von sehr wechselnder Construction , von denen Fig. 1 einen der 

Fig. 1. 




gewöhnlicheren im Durchschnitt zeigt i). A ist der Feuerraum, in der 
Regel für Steinkohlenfenerung hergerichtet, von wo die Flamme über 
die ziemlich hohe Feuerbrücke in den Calcinirraum B strömt. Dieser 
Theil ist von sehr guten Thonsteinen mit Thonfugen gemauert, und die 
Sohle des Heerdes entweder aus auf die hohe Kante gestellten ausge- 
wählten Steinen oder auch aus mehreren Schaalenstücken von Stein- 
gut, die genau in den Heerd beim Ausmauern eingepasst sind, gebil- 
det. Am Ende des Heerdes entweichen die Verbrennungsgase an 
beiden Seiten durch zwei Oeffnungen d nach unten, und treten in E 
unter die Pfanne. Nachdem sie auch hier circulirt haben, gelangen sie 
in den Canal t, welcher sie entweder direct zu einem hohen Kamin fuhrt, 
durch das sie entweichen, oder sie gelangen zuvor in einen Condensa- 
tionsraum oder in ein System von Condensationsgefässen, Vorlagen oder 
sogenannten Bombonnes. Die Pfanne des Pfannenofens ist von Guss- 
eisen, zuweilen auch noch mit Blei ausgefüttert oder ganz von Blei, 
wenn eisenfreies Glaubersalz für Glashütten fabricirt wird. Beide 
Theile des Ofens sind für gewöhnlich durch das gut schliessende Re- 
gister e, welches ausserhalb des Ofens noch einen Sandverschlnss be- 
sitzt, getrennt. Aus dem Raum E fuhren durch das Gewölbe des Ofens 
zwei weite Thonröhrenleitungen g die salzsauren Gase zu der aus 
zwei Reihen bestehenden Batterie von Vorlagen h von Steingut, die 



*) Payen'b Gewcrbbchcnüe von Fchliug. Stuttgart 1850. 

Digitized by VjOOQIC 



Soda. 9 

bis zu 1/3 mit Walser angefüllt sind, deren Zahl bei einem Inhalt von 
200 Liter fär einen Ofen von 4 Meter Länge und l^/j Meter Breite 
bis zu 80 steigt. In neuerer Zeit leitet man einen Strom Wasser durch 
die Bombonnes, so dass das Wasser in entgegengesetzter Richtung mit 
dem Salzsäuregas geht; während daher fortwährend Wasser 'in den 
letzten Ballon fliesst, fliesst aus dem ersten in demselben Verhältniss 
concentrirte Salzsäure ab (s. S. 13, Fig. 2). 

Sobald der Ofen gehörig angewärmt und die Verbindung mit den 
Vorlagen hergestellt ist und letztere gut unter einander gedichtet sind, 
welches am besten mittelst eines Geroenges von Thon und Theer oder 
durch ein Verguss von Schwefel bewirkt wird, beschickt man die 
Pfanne durch die Oeffnung k mit dem Kochsalz oder dem zerkleinerten 
Steinsalz, schliesst k durch eine gusseiseme Klappe x^ dichtet mit ma- 
gerem Thon und lässt durch eine Trichteröfinung im Gewölbe sofort 
die verdünnte Schwefelsäure von bO^ bis 55^ B. zulaufen. Es beginnt 
sofort eine heftige Zersetzung und ein Starker Strom salzsauren Gases 
bewegt sich nach den Vorlagen h^ wo er fast vollständig zur Absorp- 
tion gelangt, und erst, wenn das Wasser in den ersten Vorlagen sich 
der Sättigung nähert, entweichen aus der letzten Vorlage noch uncon- 
densirte Dämpfe; damit solche aber die Arbeiter nicht belästigen, ver- 
bindet uian jede der beiden letzten Vorlagen mit einem unterirdischen 
Caiial, der in directer Communication mit dem wenigstens 50 Meter 
hohen Kamin der Fabrik steht, um ohne Belästigung der Umgebung 
diesen Rest von Salzsäure hoch in die Luft zu führen. 

Sobald der grösste Theil des Kochsalzes zersetzt idt und der In« 
halt der Pfannen an Steifigkeit stark zugenommen hat, mässigt man das 
Feuer, öfinet das Register e und schafi^ durch zwei Seitenöffnungen 
vermittelst Schaufeln rasch die Salzmasse auf den Herd des Calcinir- 
ofens. Es wird hier bei wiederum gesteigerter Hitze die Zersetzung 
beendet, wobei noch viele Salzsäure mit den Verbrennungsgasen ent- 
weicht. Um diese ebenfalls noch zu ' condensiren , stehen die beiden 
Ableitongscanäle f, in welchen sich der Rest von Flugasche absetzt, 
auf jeder Seite ebenfalls mit einer Reihe Vorlagen in Verbindung. So* 
bald die Salzmasse im Calcinirofen beginnt kömig zu werden» ist die 
Zersetzung zwar beendet, doch hält die Masse hartnäckig salzsaures 
Gas zurück, weshalb man die Calcination bis zu vollständiger Trocken- 
heit treiben mnss, worauf sie mit eisernen Krücken durch die während 
der Calcination geschlossene Oeffhung c in den untern gewölbten Raum 
des Ofens gezogen wird, in welchem auf eisernen Schienen eiserne Kar- 
ren zur Aufnahme der glühenden Salzmasse sich bewegen. Diese wer- 
den nach der Füllung am besten sofort bedeckt, damit die Arbeiter 
nicht zu sehr durch die hierbei noch entweichende Salzsäure leiden. 

Um den einmal angewärmten Calcinirraum ohne Unterbrechung 
benutzen zu können, hat man den in Fig. 1 abgebildeten Ofen dadurch 
verbessert, dass man die Verbrennungsgase aus dem Calcinirraum sich 
an dem Ende desselben zu beiden Seiten theilen lässt und im hintern 
Theile des Ofens zwei getrennte Zersetzungspfannen neben einander 
anbringt, die hierdurch geheizt werden. Jede 'dieser Pfannen hat ihr 
eigenes Ableitungsrohr itir die Salzsäure; sie werden abwechselnd be- 
schickt, so dass bei einer Zersetzungszeit von 7 bis 8 Stunden, also 
etwa alle 3 bis 4 Stunden die steif gewordene Salzmasse einer Pfanne 
in den Calcinirofen transportirt werden kann. 



Digitized by VjOOQIC 



10 Soda. 

In einein solchen Doppelofen besetzt man die Pfannen in der Re- 
gel mit 6 Centner Salz und 6V2 Centner Schwefelsäure von 60^ B. 
oder mit 7 Centner Salz und 8 Centner Säure. Hierbei werden im 
Durchschnitt von 100 Thln. Salz 102 bis 113 Thle. calcinirtes schwe- 
felsaures Natron gewonnen. Die grosse Differenz in diesen Zahlen liegt 
nicht in der Unreinheit des Salzes, oder im Verluste, sondern sie ist in 
den bei weitem häufigsten Fällen Absicht der Fabrikation. Für die 
Anwendung der Soda zur Seifensiederei ist nämlich ein Gehalt der 
Soda an Kochsalz nicht nachtheilig, unter Umständen sogar wunschens- 
werth. Das Salz ist nämlich in den meisten Staaten Regal oder doch 
stark besteuert^ in welcher Hinsicht die Sodafabriken sich meistens 
einer Erleichterung erfreuen, indem sie das Salz zu einem niederen 
Steuersatze als die Seifensieder erhalten. Meistens wird aber der Seifen- 
fabrikant vorziehen, eine stärkere Soda zu haben, wenigstens in Eng- 
land und Deutschland, und man arbeitet daher so, dass man eine stär- 
kere etwa 90grädige Soda erhält. Jedenfalls wäre es für den Soda- 
fabrikanten einfacher, der fertigen Soda Kochsalz zuzusetzen. 

In der Fabrik von Tennant bei Glasgow benutzt man zur Glau- 
bersalzdarstellung Oefen mit drei Abtheilungen, von denen die letzte, 
in welcher die Temperatur am niedrigsten ist, eine Bleipfanne hat. 
Wenn in dieser nach 2 Stunden die erste Einwirkung der Säure beendet 
ist, wird die Salzmasse auf den mittelsten Herd gebracht und nach aber 
mals 2 Stunden in den eigentlichen Calcinirraum. Diese Einrichtung 
gestattet zwar einen ununterbrochenen Gang, wodurch bei einer jedes- 
maligen Beschickung von 600 Pfund Kochsalz und einem gleichen Ge- 
wicht Schwefelsäure täglich 3600 Pfund Salz zersetzt werden, aber es 
entweicht hierbei auch alle Salzsäure gemischt mit den Ofengasen; es ist 
daher diese Einrichtung unzweckmässig, indem die Auflösung der Salz- 
säuredämpfe durch die beigemengten Yerbrenoungsgase sehr erschwert 
wird; die Verdichtung geschieht dort durch die jetzt vielfach an- 
gewandten Kohksthürme, viereckige schornsteinartige Thürme von 4 
bis 6 Fuss Durchmesser und 30 bis 40 Fuss Höhe. Sie werden aus 
der Säure gut widerstehenden Sandsteinen oder in Ermangelung dieser 
aus hart gebrannten Backsteinen aufgefiihrt, die Steine werden zuerst 
mit heissem Theer getränkt und mit einem Kitt aus Thon und Theer 
gedichtet. Eine verticale Scheidewand, welche bis einige Fuss unter 
die^obere Deckplatte reicht, theilt sie in zwei getrennte Canäle. Sie 
sind ganz mit lockeren grossen Kohksstücken erfüllt, auf die fortwäh- 
rend Wasser ans einem höher gelegenen Reservoir geleitet wird. Die 
Salzsäuren Dämpfe steigen in dem einen Canal dieses Kohksthurmes in 
die Höhe, also dem Wasser entgegen, und in dem anderen ziehen sie 
herab, und gelangen von hier durch einen Canal in das hohe Elamin 
der Fabrik. Die sich unten im Condensator ansammelnde wässerige 
Salzsäure fliesst in ein unterirdisches Reservoir ab. Die Brüder Tis- 
sierO beseitigen die letzten An theile der sauren Dämpfe dadurch, dass 
sie zwischen den Condensatoren und dem Kamin eine Art Kalkofen ein- 
schalten, der durch eine eigene Feuerung auf die der Absorption gün- 
stigste Temperatur erhitzt wird. 

In Gegenden, wo die Salzsäure vortheilhaft zu verwerthen, oder wo 



M Corapt. rend. T. XU, p. 1046; Cosmo«, T. VII, pf 666; Dingl. polvt. 
Hd. CXXXIX, S. 78. 



Digitized by VjOOQIC 



Soda. 11 

die sauren Dampfe ihrer Nachtheile wegen vollständiger beseitigt wer* 
den mdssen, wendet man seit einiger Zeit mit bestem Erfolg eine Art 
Muffelofen zur Zersetzung des Kochsalzes an. Der Calcinirraum be- 
steht ans einer ganz geschlossenen aussen von allen Seiten vom 
Feuer umspielten feuerfesten gasdichten Muffel, die man wohl auch 
theilweise von Gnsseisen construirt hat, indem man, wie in der neuen 
Fabrik vonMuspratt, flache eiserne Kessel mit Thonsteinen überwölbt. 
Die Arbeitsöffhungen haben sämmtlich eiserne Futter, die mit Platten 
and Riegelschrauben während der Calcination dicht geschlossen wer- 
den können. Die Rauchgase kommen hierbei in gar keine Vermischung 
mit den salzsauren Dämpfen (nnd das ist wesentlich, wenn die letzteren 
vollständig condensirt werden sollen), sondern letztere werden sowohl 
aus dem Calcinirofen als aus den beiden Pfannen fast vollständig in die 
Condensatoren geleitet. Auch hat man mit Vortheil solchen Oefen einen 
dicken Ueberzug von Steinkohlentheer gegeben, der nach dem Eintrock- 
nen einen elastischen luftdichten Schluss der Fugen bildet. — Um das f dr 
die Arbeiter so lästige Entweichen von Salzsäure beim Ausleeren des 
Caleinirofens zu beseitigen, hat man unter dem Ofen grössere geschlos- 
sene Kühlgewölbe angelegt, die zweckmässig noch durch einen Canal 
mit dem Kamin in Verbindung gesetzt werden könnten. 

Die nacht heilige Wirkung, welche die auch bei den vollkommneren 
der erwähnten Einrichtungen immer noch entweichende Salzsäure in und 
um den Fabriken ausübt, hat die belgische Regierung veranlasst, eine 
Comraission zur Prüfung und Beseitigung dieser Uebelstände niederzu- 
setzen, aus deren wichtigem Bericht >) unter Anderm hervorgeht, dass 
der jährliche Verlust an Salzsäure in den oben (Fig. 1) beschriebenen 
Sulfatöfen wahrhaft enorm ist So gewann die chemische Fabrik zu 
Risl&, nach erwähntem Bericht, im Jahre 1854 aus 2190935 Kilogramm 
Salz, welches 85 Proc. reines Chlomatrinm enthielt, 1633700 Kilogrm. 
Salzsäure von der gewöhnlichen Stärke. 100 Thle. dieser gewonne- 
nen Salzsäure enthalten 31 Thle. salzsaures Gas, mithin haben von 
100 Thln. Salz nur 23 Thle. Säure durch die Bombonnes eine Ver- 
dichtung gefunden; da nun ferner durch die Zersetzung des Kochsalzes 
dort aus 100 Thln. Salz im Durchschnitt 109 Thle. Glaubersalz ge- 
wonnen wurden, so sind hierdurch 53 Thle. reines salzsaures Gas 
frei geworden, es wurden aber nur 23 Thle. in dem Bombonnes so wie 
ausserdem noch 7 Thle. im Condensator, zusammen also nur 30 Thle. 
verdichtet, so dass 23 Thle., also über 40 Proc, unverdichtet verloren 
gingen. Dies giebt für das Jahr einen Verlust von 503925 Kilogrm. 
oder von 311248 Cubikmeter salzsauren Gases, oder täglich 852 Cubik- 
meter. 

Auffallend geringer sind diese Verluste bei Anwendung von Muf- 
felöfen und aus Bombonnes und Kohksthürmen combinirten Conden- 
sationsvorrichtungen. Während also bei sonst gutem Betrieb mit den 
gewöhnlichen Pfannenöfen nur etwa 65 Proc. der im Kochäalz ent- 
haltenen Salzsäure erhalten wird, verdichtet man bei einem Muffel- 
ofen 92 Proc. Salzsäure. In der Fabrik zu St. Gilles wurden während 



') Fabriqaes de produits chimiqnes. Rapport ä Mr. le Ministre de Tintcrieur par 
im rommiäsioo d'enquSte. Bruxellos 1866. — Verband!, d. Vereins zur Beftird. d. 
Gewerbfl. in Preassen 1857, 8. 185. — Dingl. polyt. Journ. Bd. CXLV, S. 875. — ^ 
Wagner's Jahresber. 1867, S. 81. 



Digitized by VjOOQIC 



12 Soda. 

einer längeren Campagne des Ofens aus lOOThln. Salz 187 Thle. Salz- 
säure von 200B. gewonnen. Die Benutzung von Muffelöfen gestatten 
auch die Anwendung von aschenreichen Braunkohlen und selbst von 
besseren Torfsorten zu deren Betrieb^ was bei offenen Calciniröfen der 
Flugasche wegen nur selten geschieht. Da aber die wässerige Schwefel- 
säure von 50^ B., wie sie in den Bleikammern erhalten wird, die eiser- 
nen Pfannen der Sulfatöfen zu stark angreift, so wird die Kammer- 
säure gewöhnlich nicht direct verwendet, sondern meistens zuvor in 
Bleipfannen bis zu ßO^^B. concentrirt, wozu man zweckmässig die ab- 
gehende Wärme der Muffelöfen oder der Sodaöfen verwenden kann. 

Hat die Fabrik Gelegenheit, die Salzsäure zu verwerthen, was täglich 
mehr und mehr der Fall ist, so dürfte diese grössere Ausbeute von Salz- 
säure die etwas grösseren Betriebskosten der Muffelöfen leicht decken. 
I^ach den Angaben des Directors der Fabrik zu Floreffe betragen diese 
Mehrkosten für je 100 Kilogrm. Glaubersalz 30 Centimes. 

Die Commission empfiehlt daher dringend die Erbauung von zweck- 
mässigen Muffelöfen, und verwirft ganz die noch häufig übliche Einrich- 
tung, bei denen die salzsauren Dämpfe der Calciniröfen mit den Bauch- 
gasen der Feuerung gemengt in den Schornstein entweichen. Aus diesen 
Gasen, in welchen man 1 Cubikfuss salzsaures Gas mit 60 bis 80 Cu- 
bikfuss Rauchgas gemengt annehmen kann, ist wegen der grossen Ver- 
dünnung die Absorption des ersteren sehr erschwert, während bei den 
Muffelöfen das salzsaure Gas dem Condensationswasser fast rein dar- 
geboten wird. Ueberdies ist es kaum möglich, durch den blossen Zug 
des Schornsteins die gesaromten Gase vom Ofen und der Feuerung mit 
der für den Luftzug der Feuerung nöthigen Geschwindigkeit durch das 
ganze Condensationssystem zu fUhren. Schon aus diesem Grunde hat 
man in mehreren Fabriken die sonst sehr wirksamen Kohkscondensato- 
ren durch sogenannte Regenkammern ersetzt, Schächte, ^in denen, dem 
Gasstrom entgegen, durch eine gelochte Platte ein feiner Regen fallt 
Kühl mann ist es gelungen, die letzten Antheile des sauren Gases da- 
durch zu absorbiren, dass er in die sechs letzten Vorlagen von einem 
Systeme von 54 Stück dem Wasser gemahlenen Witherit (kohlen- 
sauren Baryt) zusetzte, welcher allmälig in Chlorbarium verwandelt 
wird. In Ermangelung dieses Minerals kann man auch Kreide oder 
andere weiche Kalksorten anwenden, die man auch hier und da znnf 
Füllen der Condensationsschächte benutzt, wobei zwar die Salzsäure 
sehr vollständig absorbirt, aber auch vollständig werthlos wird. Nach 
dem Systeme von Kühl mann soll man in der Fabrik von Madeleine 
etwa nur 2 Proc« der entwickelten Salzsäure verloren haben. 

Um das lästige Umfüllen der Bombonnes zu umgehen, wobei sie 
leicht Schaden nehmen und ihre Verbindung gelockert wird, auch stets 
viel Salzsäure entweicht, hat man in der Mitte der Höhe derselben an 
den Steilen, an denen sie an einander stehen, Oeffnungen angebracht, 
die mit einem äusseren höheren Bande umgeben sind. Füllt man sie 
bis zu dieser Oeffnung mit Wasser, so schliesst solches die Oeffnung, 
ohne dass Wasser ausfliessen oder Gas austreten kann, während durch 
diese kleinen Vorbäder die einzelnen Vorlagen mittelst Heber von Blei, 
Steingut oder Glas in Verbindung gesetzt werden. Hierdurch wird die 
Flüssigkeit in allen in gleichem Niveau erhalten. Giesst man daher in 
der letzten Vorlage Wasser nach, so beginnt iu dem ganzen Systeme die 
Säure sich in einer dem Gasstrom entgegengesetzten Richtung zu be- 

» Digitized by VjOOQIC 




Soda. 13 

wegen, nnd es iudss ans der ersten Vorlage eine dem Zufluss entspre- 
chende Menge starker Salzsäure abfliessen. 

Eine der besten Einrichtungen dieser Bonibonnes geht aus Fig. 2 
hervor. Da«? salzsaure Gas tritt durch eine einlutirte Röhre von Stein- 
p. ^ gut bei b in die ebenfalls aus Stein- 

gut gefertigte Vorlage ein und bei a 
durch ein gleiches Bohr zu der näch- 
sten aus, während das die sauren 
Dämpfe absorbirende Wasser bei d 
aus einer nachfolgenden gleichen 
Vorlage eintritt und bei e gesättig- 
ter zu einer anderen dem Ofen nä- 
her stehenden Vorlage wieder ab- 
fliesst. Da die Concentration der 
Säure in den Vorlagen wegen der 
grosseren Dichtigkeit nothwendig 
nach dem Boden derselben zu- 
nimmt, so hat man die Abfluss- 
kr? öfihung e mit einem heberf örmigeo 
Rohransatz ef versehen, der eben* 
falls aus Steingut besteht nnd fest 
mit eingebrannt ist Durch diese Anordnung gelangt somit beim Nach- 
füllen die wässerige Salzsäure aus jeder Vorlage zur nächst vorher- 
gehenden. Die Verbindung dieser Vorlagen bewerkstelligt man am be- 
sten dadurch, dass man sie dicht an einander stellt nnd über die beiden 
gegen einander über stehenden Tüllen einen ungefähr 3 Zoll langen 
Rohrenabschnitt von vulkanisirtem Kautschuk steckt, wodurch ein luft- 
dichter Verschluss hergestellt wird der mehrere Jahre aushält 

Um den nachtheiligen Einflnss welchen die Sommer wärme auf 
die Absorption des salzsauren Gases ausübt möglichst zu beschränken, 
stellt man gegenwärtig die Vorlagen in einen grossen flachen Kasten 
der von einem hölzernen Gerüste getragen wird und der entweder mit 
Bleiplatten ausgekleidet oder auch nur gut getheert ist, und benetzt 
mittelst einer Röhren leitung, die sich über die ganze Condensations- 
batterie erstreckt, die Vorlagen fortwährend mit kaltem Wasser. 

Die belgische Commission empfiehlt, die Bombonnes nicht in glei- 
cher Höhe neben einander, sondern treppenförmig über einander zu 
stellen, und so einzurichten, dass sich in halber Höhe ein weiter Ab- 
flnss nach der nächst tieferen Bombonne befindet, durch welchen die 
Flüssigkeit sich hinab, das salzsaure Gas hingegen hinauf zu der nach- 
folgenden Bombonne bewegt 

Iii mehreren Fabriken hat man, nach den Mittheilungen von Dürre, 
mit Vortheil die Bombonnes durch grosse Tröge von Sandstein ersetzt, 
die bei grösserer Dauerhaftigkeit überall leicht und billig hergestellt 
werden können. In der Regel sind diese noch mit den oben erwähn- 
ten Kohksthürmen verbunden, wodurch der Verlust an Salzsäure durch 
Verflüchtigung auf eine so kleine Grösse reducirt wird, dass man den 
Rest ohne allen Nachtheil für die Umgebung in die Atmosphäre ent- 
weichen lassen kann. Die wesentliche Einrichtung einer solchen mo- 
dernen Condea<<ationsvorrichtung ist folgende: Die salzsauren Dämpfe 
treten ans dem Calcinirraum durch l^/j Fuss im Quadrat weite Ka- 
näle in die Sandstein tröge, von denen vier bis sechs zu einem System 

Digitized by VjOOQIC 



14 Soda. 

verbanden sind. Die Tröge sind ungefähr 8 Fuss lang, 5 Fuss breit 
und 4 Fuss hoch. Sie so wie die Kanäle sind aus einzelnen, mit heissem 
Theer getränkten Sandsteinplatten, welche gut in einander gefalzt und 
mit einer Mischung von Thon und Pech gedichtet werden, zusammen- 
gefügt. Dieser Harzkitt soll noch besser der Einwirkung der Säure 
durch einen Zusatz von gepulvertem Schwefelkies widerstehen. Noch 
mehr als diese Mischung wird ein inniges Gremenge von Mennige, Oel 
und Werg (Kalfaterwerg) en^pfohlen, womit alle Fugen zunächst ge- 
hörig ausgelegt und nachträglich noch von innen und aussen verstopft 
werden müssen. Die Communication der einzelnen Tröge, von denen 
der nächst folgende stets um l^/s Zoll höher liegt als der vorherge- 
hende, vermittelt man in den gegenüberstehenden Seitenwänden zweier 
Tröge durch enge Kanäle von dem gleichen Material als von den Trö- 
gen, oder man kittet Röhren von Steingut, Glas oder von Gutta-Percha 
von 1^3 Zoll Durchmesser ein, und benutzt auch hier den Kunstgriff, 
die Bohre, welche die Verbindung mit dem vorhergehenden Trog her- 
stellt, durch eine fast rechtwinklige Biegung bis nahe auf den Boden 
des nächsten Troges zu führen, so dass auch in diesem System stets 
nur die concentrirteste Säure zumAbfluss gelangt. Der vom Ofen ent- 
fernteste Trog bildet den in der Regel etwas grösseren Sammelkasten 
unter dem Kohksthurme, denn unmittelbar über demselben ruhen auf 
einem von starken Sandsteinstäben gebildeten Rost die Kohks, zwischen 
denen der Rest der sauren Dämpfe aufsteigt und hier dem nieder- 
tröpfelnden Wasser begegnet. 

Hat der Kohksthurm zugleich die Aufgabe den Zug in dem ganzen 
System zu bewirken, so ist eine Höhe von 60 bis 80 Fuss erforderlich, 
statt dessen bequemer häufig zwei Thürme von je 30 bis 40 Fuss Höhe 
angebracht worden; das Gas muss von der Spitze des ersten Thurmes 
durch einen Kanal unten in den zweiten geführt werden, damit es dem 
herabträufelnden Wasser stets entgegensteigt. Bei dieser Höhe gelangt 
zwar ziemlich vollständig die Salzsäure zur Condensation, es wird aber 
auch häufig durch Verstürzung der Kohksschichten der Luftzug so ge- 
hemmt, dass man unter allen Umständen besser thut, den Kohksthurm 
durch einen Kanal in das Kamin endigen zu lassen. 

Die Kohksthurme sind aber vorzugsweise für die Condensation der 
sauren Gase aus den Calciniröfen , in denen also die Rauchgase mit 
den Salzsäuren Dämpfen gemengt sind, zu empfehlen, denn für die 
Absorption der gasförmigen Salzsäure aus den Pfannenräumen oder 
den Muffelöfen genügt, der viel weniger hohen Temperatur halber, 
eine Anzahl Tröge oder Vorlagen, besonders wenn man sie, wie ange- 
geben, mit Wasser von aussen abkühlt, oder noch besser in ein Bassin 
mit kaltem Wasser setzt. 

Bei allen diesen Condensationsapparaten wird der Zufinss des Ab- 
sorptionswassers so regulirt, dass die Salzsäure aus der ersten Vorlage 
oder dem ersten Trog mit einer Concentration von 21® bis 22® B. 
(= 1,17 specif. Gewicht) abfliesst. 

Der schädliche Einfiuss, welchen die Anlagen von Sulfatöfen auf 
ihre nächste Umgebung ausüben, äussert sich zunächst an der umgeben- 
den Vegetation. Die Grösse des Rayons dieser Einwirkung ist doch 
00 auffallend verschieden, dass man daraus ersieht, wie diese durch man- 
nigfache Umstände eingeschränkt und ausgedehnt wird. In der Rich- 
tung der herrschenden Winde ist er am stärksten und niisgedehnte- 



Digitized by VjOOQIC 



Soda. 15 

9ten, so dass er bis zu 2000 Meter Entfernung sich geltend macht, und 
sich nie unter 600 Meter einschränken lässt; besonders kommt es hier- 
bei aber auch auf die Art der Vegetation an, indem die Pflanzen der 
nachtheiligen Wirkung dieser sauren Luft sehr verschieden widerstehen. 
Die Säaredampfe aus dem Kamin entweichend fallen, indem sie durch 
den Luftzug fortgeführt werden, allmälig nieder, in der nächsten Nähe des 
Kamins werden daher im Allgemeinen die höheren Bäume leiden, und in 
weiterer Entfernung zuerst die Gesträuche, dann die krautartigen Pflan- 
zen. Bei guter und sorgfältiger Condensation , die allerdings bei dem 
geringen Preis der Säure und dem unvollständigen Absatz wenig im In- 
teresse des Fabrikanten ist, sieht man aber auch in der Nähe der bedeu- 
tendsten Sodafabriken eine durchaus gesunde Vegetation. In dem oben 
(S. 11) genannten Berichte ist noch folgende Tabelle enthalten, welche 
eine Anzahl Bäume und Sträucher in der Folge aufzählt, wie sie der 
Reihe nach an Empfindlichkeit gegen das salzsaure Gas abnehmen : 
Carpmus betvius^ ülmua campestris^ Prunus domesticcL, 

Carpmus ineisa^ TUia platyphyüos^ Malus communis^ 

CaryUts (weUanOy Fntnus spinosa^ Pyrus communis^ 

Quereus Robur^ Larix europaea^ Cerasus vulgaris^ 

Fagus syhfcUiea^ Rubus frucUcosus^ Ribes rubrum^ 

BUula albcL^ Fraxinus exceUicTy Rosa gaUica^ 

Aeer Fseudoplatanus^ Poptäus Ma^ Syringa vulgaris^ 

Acer eampestrt^ PopuJus fasUgiata^ Rubus idaeue^ 

Saiix cinerea^ Populus trefntäa^ Spiraea ulmaria^ 

Crataegus oxyacantha^ Tliuja orientaiis^ Humulus Lupxdus^ 

Eocrnymus europaeus^ ViUs vmi/era^ Alnus tncana. 

Wie bereits oben erwähnt stellt man behufs der Sodafabrikation 
fast nirgends ein ganz kochsalzfreies Glaubersalz dar. Man wählt viel- 
mehr das Verhältniss der Säure zu dem Kochsalz jetzt so, dass sich 
einfach -schwefelsaures Natron bildet, aber noch einige Procente Koch- 
salz unzersetzt bleiben. Gleiche Theile beider Substanzen odei' besser 
etwas Kochsalz im Ueberschuss, sichern bei fleissiger Arbeit ein gutes 
Besultai. Ein Gehalt von 2 Proc. Kochsalz im Glaubersalz ist ohne 
allen Nachtheil für die Sodafabrikation, und da, wo eine strengflüssige 
Mischung in Sodaofen eingeschmolzen, wird ein grösserer Bückstand 
von Kochsalz sogar vortheilhaft. Sonst aber hat sich ein 3 Proc. über- 
steigender Rückhalt für die gewöhnlichen Umstände praktisch als 
schädlich ergeben, indem nach den Angaben von Dürr hierdurch die 
Mischung zu schnell in Fluss kommt, viel Schwefelnatrium unzersetzt 
bleibt und die rohe Soda leicht zu einem feinen Mehl zerfällt und 
trübe Laugen liefert. 

Ausser dem Verhältniss der Schwefelsäure zu dem angewandten 
Kochsalz auf die Zersetzung des letzteren und auf eine richtige und voll-, 
kommene Sulfatbildung hat die Temperatur, bei der die Zersetzung er- 
folgt, einen sehr wesentlichen Einfluss. Wird die Hitze in den Cal- 
ciniröfen zu rasch gesteigert, so schmilzt die Beschickung noch ehe alle 
Salzsäure entwichen ist. Aus einem solchen überhitzten Gemenge treibt 
selbst ein grosser Ueberschuss von Schwefelsäure die Salzsäure höchst 
anvollkonamen aus, so dass selbst bei längerem Calciniren das Sulfat 
stark kochsalshaltig bleibt. Dürr findet daher den bedeutendsten Fort- 
schritt den dieser Industriezweig in den letzten Jahren gemacht hat in 
der Einführung von Sulfatöfen mit zwei hintereinander liegenden Cal- 



Digitized by VjOOQIC 



16 Soda. 

cinirbetteii. Hierdurch wird die Zersetsong in dem hintersten Calcinir- 
ranm bei massiger Hitze vollendet, während in dem der Feuerung zu 
liegenden die eigentliche Calcination stattfindet. 

Eine möglichst vollständige Zersetzung des Kochsalzes ist nament* 
lieh für die Fabriken geboten, welche Sulfat für die Glasfabriken pro- 
duciren. Diese wählen daher auch schon ein anderes VerhältnisB der 
Säure zum Salz (etwa 105 bis 106 Pfund Säure auf 106 Pfund Koch- 
salz) und zersetzen, um jeden ISisengehalt zu vermeiden, nur in Blei- 
pfannen, die, Pobald sie von unten erhitzt werden, auf einer eisernen 
Vorlage ruhen, von der sie, um sie vor dem zu starken Erhitzen und 
Durchschmelzen möglichst zu schützen, durch eine Lage Backsteine 
getrennt sind. 

Besser noch ist diese Erhitzung von oben aus zu bewerkstelligen, 
in welchem Fall die Pfanne mit einem gnsseisernen Deckel versehen 
sein muss. Immerhin hält eine bleierne Pfanne selten länger als drei 
Monate ohne Reparatur, während eine eiserne ein Jahr bis anderthalb 
Jahre ansdauern kann. 

Theorie der Sodabildnng. Die weitere Umwandlung des cal- 
cinirten Glaubersalzes in kohlensaures Natron wird seit Leblanc 
durch Schmelzen eines gröblichen Gemenges von Glaubersalz, Stein- 
kohle und weichem Kalkstein in einem Flammenofen bewirkt. Den che- 
mischen Process dieses aus empirischen Versuchen abgeleiteten Verfah- 
rens erklärte man zuerst dahin, dass in der Schmelzhitze das schwefel- 
saure Natron sich mit dem kohlensauren Kalk geradezu in schwefel- 
sauren Kalk und kohlensaures Natron umsetzt. Da jedoch ein sol- 
ches Gemenge in Folge der Bildung eines wasserfreien schwefelsauren 
Doppelsalzes sehr schwer sich lösen, und beim Behandeln mit Was- 
ser sich grösstentheils rasch wieder rückwärts umwandeln würde, 
so wäre die Gregenwart von Kohle nothwendig, welche den gebildeten 
schwefelsauren Kalk zu Schwefelcalcium reducirt, das in Verbindung 
mit einem Theil des überschüssigen Kalks tritt, und dadurch sich in ein 
unlösliches und vom kohlensauren Natron nicht zersetzt werdendes Cal- 
ciumoxysnlfuret (2 CaS« Ca O) verwandelt 

Später war man geneigter, für diesen Vorgang von der leichten 
Desoxydationsiahigkeit des schwefelsauren Natrons auszugehen, indem 
man annahm, dass sich zunächst Schwefelnatrium bildete, welches dann 
durch die Einwirkung des Calcinmoxyds des kohlensauren Kalks in Na- 
tron umgewandelt würde, das erst nach seiner Bildung Kohlensäure 
aus den Ofengasen aufnehme, und sich grösstentheils in kohlensaures 
Natron umbilde. 

Das wissenschaftliche Interesse sowie die hohe technische Bedeu- 
tung dieses Processes hatUnger^) vor einigen Jahren veranlasst, eine 
gründliche Untersuchung über den ganzen Hergang beim Sodaschmelzen 
zu unternehmen. Durch diese hat er gefunden, dass zwar allerdings 
das Resultat des ganzen Umsetzungsprocesses dem zuletzt betrachteten 
Hergang entspricht, dass er aber keineswegs so einfach verläuft, als 
diese Betrachtung voraussetzt, und dass noch mehrere andere wichtige 
Factoren hierbei thätig sind. Unger fand nämlich, dass das bei der ersten 
Einwirkung gebildete Schwefelnatrium schon an und für sich zerlegend 



>) Annal. d. Chem. u. Pharm. Bd. LXT, S. 129, Bd. LXm, S. 240, Bd. LXVII, 
S. 78. 



Digitized by VjOOQIC 



Soda. • 17 

aaf das noch nnzenetste schwefekanre Natron wirkt, dass femer ein 
Theil des schwefelsauren Natrons sich direct mit dem kohlensauren 
Kalk nach der besprochenen Ansicht von Dumas umsetzt, und zwar 
geht aus den analytbchen Resultaten hervor, dass hierbei der dritte 
Theil des Glaubersalzes auf den kohlensauren Kalk direct einwirkt, 
während das übrige schwefelsaure Natron erst durch die Kohle und 
die reducirenden Gase des Ofens in Schwefelnatrium reducirt 
wird, welches letztere bei niederer Temperatur des Ofens durch 
den kohlensauren Kalk weiter zu kohlensaurem Natron luter Bildung 
von Schwefelcalcinm umgeändert wird. 

Ein solches Gemenge enthält aber im Ganzen sehr wenig kohlen- 
saures Natron, und ist noch weniger geeignet, durch Auslaugen Soda 
zu liefern, indem ihm noch das wichtige Calciumoxjsnlfuret fehlt, wel- 
ches das Schwefelcalcinm unlöslich macht und eine Rückzersetzung 
desselben durch Einwirkung des gelösten kohlensauren Natrons ver- 
hindert. 

Die Bildung dieser wichtigen Verbindung wird, nachUnger, ein- 
zig und allein durch die Mitwirkung des Wasserdampfes der Oefen und 
Verbrennungsgase vermittelt, indem das Wasser sich mit dem Schwe- 
felcalcinm in der Art zerlegt, dass der Wasserstoff des Wassers den 
vierten Theil des Schwefels, in der Form von Schwefelwasserstoff, der 
Verbindung entzieht und 1 Aeq. Calciomoxjd gebildet wird, so dass, 
nach Unger, das hierbei auftretende Oxysnlfuret nach der Formel 
3 Ca S . Ca O zusammengesetzt ist Der Schwefelwasserstoff wird aber hier- 
bei wohl nicht frei, sondern von dem Aetznatron der Schmelze zurückge- 
lialten, welches hierdurch gebildete Schwefelnatrium aber sofort wieder 
in der vorhin angegebenen Weise direct durch den im Ueberschuss vor- 
handenen Kalk in kohlensaures Natron zurückgeführt wird, durch wel- 
chen Kreislauf der Zersetzung, welche bei der Sohmelzhitze des Silbers 
am lebhaftesten vor sich geht, allmälig alles Schwefelnatrium in Soda 
omgewandelt wird. 

Dass in der That der Wasserdampf der Ofengase eine derartige 
Bolle spielt, geht schon aus dem Umstände hervor, dass man durch 
Schmelzen einer ganz trockenen Sodabesohickung in einem Tiegel kein 
der rohen Soda an Gehalt der letzteren nur annäherndes Pro- 
doct erhält. Direct beweisen es aber die interessanten Versuche von 
Jacquemin^), wonach es gelingt, durch die gleichzeitige Einwirkung 
von Wasserdämpfen und Kohlenoxydgas mehrere Sulfate, namentlich 
auch das schwefelsaure Natron, unter Entwickelung von Kohlensäure 
und Schwefelwasserstoff voUstüidig ihrer Säure zu berauben und die 
Basen zu isoliren. Dieses Endresultat ist Folge zweier nach einander 
eintretender Beactionen, nämlich :NaO.S08 4-4CO = NaS-f4C03 
und NaS -f- 2»0 = NaO.HO -f- HS. 

Nach der Theorie von Unger hat man sich den Sodaprocess in 
seinem wesentlichsten Verlaufe so vorzustellen, dass bei der ersten hef- 
tigen Einwirkung der Ofen wärme auf das Gemenge bei der Schroelz- 
hitze des Kupfers unter einer reichlichen Bildung von Kohlenoxydgas 
sich vorzugsweise das Schwefelnatrinm in der geschmolzenen Masse 
anreichert. Sobald dann die Temperatur unter die Schmelzhitze des 



^) Compt. rend. T. XLVI, p. 1164; Dingl. Jonrn. Bd. OXLES:, S. 276; Joarn. 
f. prakt. QMin. Bd. KCXIV, S. 441. 

Uandtr&rttfboch dsr Chmnle. Bd. VIII. ^ /^ T 

Digitized by VjOOQIC 



18 Soda. 

Silbers gesunken ist, beginnt der Wasserdampf auf die geschmolzene 
Masse zu wirken^, in Folge dessen die Bildung des Oxysulfnrets vor sich 
geht, das sich als ein Niederschlag ausscheidet, welcher die ganze 
Schmelze allmälig ansteift. In diesem Zustande, bei welchem die Ent- 
wickelung von brennbaren Gasen aus der fast erstarrenden Masse am 
reichlichsten ist, wird die Schmelze aus dem Ofen gezogen. 

Es scheint, als ob selbst während des Erkaltens die Sodabilduog 
noch fortschreite, wenigstens scheint hierfür das Vorhandensein von 
Amrooniakgas in den zahlreichen Blasenräumen der erkalteten Schmelze 
zu sprechen, denn der Wasserstoff dieses Ammoniakgehalts kann in der 
eben geschmolzen gewesenen Masse nur an Natron in Form von Hydrat- 
wasser gebunden gewesen sein. 

Hiermit stimmt denn auch die schon längst bekannte Erfahrung 
der Sodafabrikanten überein , dass die rohe Soda um so reicher an 
kohlensaurem Natron ist, je langsamer sie erkaltet, weshalb man sie 
auch in grosse viereckige Blöcke formt und vor dem Zerschlagen be- 
hufs des Auslaugens einige Zeit an der Luft liegen lä^st Noch auf- 
fallender beweisen die Analysen der zu verschiedenen Perioden der 
Oahre entnommenen Proben, wie erst gegen Schluss der ganzen Ope- 
ration die Sodabildung rasch zunimmt. 

A. Rose erscheint es nach der aus der Praxis gewonnenen An- 
sicht sehr zweifelhaft, dass der Wasserdampf bei der Sodabildung die 
Bolle spielt, welche ihm Unger zutheilt. Nach Rose haben die di* 
recten Zuleitungen von Wasserdampf zum Sodaschmelzen alle ein ne- 
gatives Resultat ergeben. Auch die sonst aus anderen Gründen zu em- 
pfehlende Einrichtung unter dem Rost einen Wasserkasten anzubringen, 
wodurch also fortwährend Wasserdampf mit durch den Rost geht, ist 
ohne allen Erfolg auf die Sodaproduction geblieben. 

Nach ihm wird gute Soda überhaupt nicht fertig geschmolzen, son- 
dern fertig gekrückt; so ist ein grösserer Gehalt der herausgezogenen 
Soda an schwefelsaurem Natron und namentlich an Schwefelnatrium 
ein Beweis , dass die Soda im Ofen nicht gehörig gekrückt worden. 
Nach A. Rose gilt es als Regel die Soda so lange im Ofen wenig zu 
bearbeiten, bis die Substanzen in breiartigen Fluss gerathen sind. Von 
diesem Zeitpunkte wird die Masse so lange gekrückt bis in der Masse 
die kleinen Flämmchen von Kohlenoxyd erscheinen und hierauf die 
Schmelze sofort aus dem Ofen herausgezogen. Wird die Masse dann 
noch länger geschmolzen, so bildet sich wieder schwefelsaures Natron. 
Während des Krückens wird das Feuer nicht geschürt, sondern man 
lässt abbrennen, damit in dem Verbrenn ungsproducte die Kohlensäure 
vorherrscht. 

Rohe Soda. Auf den Gehalt der durch den eben besprochenen 
Process im Flammofen fallenden Schmelze, der „rohen Soda^^ {blaek cu^), 
welche eine steinharte blaugraue, blasige mit Kohlenbrocken unter- 
mengte Masse bildet, an reinem kohlensaurem Natron ist die Natur und 
chemische Reinheit der einzelnen Bestandtheile von dem entschieden- 
sten Einfluss. Da Holzkohlen an den meisten Orten zu theuer sind, so 
nimmt man, wie erwähnt. Steinkohlenklein, und selbst oft mit noch 
grösserem Vortheil gutes Braunkohlenklein, besonders wenn es nicht 
zu aschenreich ist, namentlich nicht zu viel Thon enthält Wichtiger ist 
die Natur des Kalksteins, hier muss man stets den reinsten und weich- 
sten wählen, thonigen und dolomitischen aber wo möglich ganz vermei- 

Digitized by VjOOQIC 



Soda. 19 

den. Ausser den reineren Kreidesorten empfehlen sich ganz besonders 
jüngere Süsswasserkalke, sogenannte Travertine, welche hier und da 
als lockere Masse vorkommen, so dass sie kaum einer Zerkleinerung 
bedürfen. Wie weit die einzelnen Gemengtheile zerkleinert werden müs- 
sen hängt wesentlich von ihrer Natur ab. Das Glaubersalz wird in der 
Regel so angewandt wie es der Sulfatofen liefert, höchstens werden die 
gröberen zusammengebackenen Stücke gemahlen. Der Kalkstein wird 
in vielen Fabriken nur als feines Pulver verwendet. Andere dagegen 
zerquetschen ihn nur zwischen Quetschwalzen oder unter schweren lau- 
fenden eisernen Mühlsteinen zu etwa nussgrossen Stücken. Es gilt hier- 
für die Regel, dass aller Kalk, der sich leicht brennt und in der Hitze 
stark zerfällt, wie die nicht kieselhaltigen Kreidesorten, in kleinen 
Stücken unter das G emenge gegeben wird , anderenfalls derselbe aber 
zuvor fein zertheilt werden muss. Weniger wichtig ist eine so sorg- 
fältige Zerkleinerung bei den Kohlen erforderlich, und kommt es bei 
Anwendung von Steinkohlen mehr auf ihre backende Eigenschaft als 
anf die Grosse der Stücke an. Die englischein Fabriken verwenden 
durchweg ihre Materialien in stückiger Form; in den Broden finden 
sich dennoch nur einzelne Kalkstücke, die Brode zerfallen beim Aus- 
laugen schnell, und lassen sich leicht auslaugen. 

Unger hat vor Kurzem die rohe Soda der Sodafabrik in Ring- 
knhl analysirt, und um sie zu der Analyse sicher in dem Zustande 
zu erhalten, wie sie unmittelbar v beim Schmelzprocess erhalten wurde, 
in wohlverschlossenen Glasflaschen bezogen. Nach Ausscheidung der 
unwesentlichen Nebenbestandtheile giebt er deren Zusammensetzung 
wie folgt ^): 

Kohlensaures Natron 87,8 

Ghlornatrinm 0,4 

Calciurooxysulfuret (3 CaS • GaO) . . 40,0 

Kalk 8,5 

Magnesia 0,8 

Natron 1,6 

Kieselsäure 5,0 

Thonerde 1,2 

Schwefelsäure 1,2 

Kohle 2,6 

Man sieht hieraus, wie vollständig die Umsetzung stattgefunden 
hat« Ausser dem kleinen Kochsalzgehalt, welcher bei der Glaubersalz- 
bereitung unzersetzt blieb, ist alle Schwefelaäure verschwunden und 
fast alles Natron bis anf den kleinen Rest von 1,6 Procent schon als 
kohlensaures Natron in dem Gfenproduct enthalten. 

Nach der Reinheit der Rohmaterialien müsste das Verhältniss der- 
selben natürlich wechseln, doch da man erfahren hat, dass ein kleiner 
Ueberschuss an Kalk sowie an Kohlen für den Process nur vortheil- 
haft ist, so hat man im Ganzen fast überall feste Sätze angenommen. 

Die ältere Theorie verlangt: Die neuere Theorie verlangt: 

•2 (NaO . SO3) = 142 oder 2000 3 (NaO .SOs) = 213 oder 2000 

SCCaO.COa) = 140 „ 2113 4 (CaO . CO3) = 200 „ 1878 

9 C = 54 „ 760 19 C =114 „ 1070 

346 oder 4873" 527 oder 4948 

i> Annal. d. Chem. n. Pharm. Bd. LXXXT, S. 828. 

Digitized^CoOgle 



20 



Soda. 



In der Praxis wendet man an: 

nach Leblanc 

Schwefelsaures Natron . . . 2000 

Kohlensaurer Kalk 2000 

Kohle 1000 



jetzige Beschickung 

a h 

2000 — 2400 

2000 — 2000 

1060 — 1050. 



Die Beschickung a wird för eine hochgradige Soda, b hingegen 
ftir ordinäre Soda für die Bleichereien benutzt; das zu letzterer verwen- 
dete Glaubersalz enthält noch viele fremde Hestandtheile, namentlich 
Kochsalz, weshalb davon entsprechend mehr genommen wird. Doch 
sind die Mischungsverhältnisse fast in allen Fabriken und selbst in 
diesen zu verschiedenen Zeiten verschieden ; durch Vermehnmg des 
Klalks und der Kohle wird die Causticität der Rohen -Soda vermehrt 
und die Auflösung derselben erleichtert Je nachdem daher das Be- 
dürfniss der Consumenten mehr nach der einen oder anderen Sorte 
von Soda neigt, sind auch die Fabriken gezwungen in dieser Rich- 
tung verschieden zu arbeiten. 

Wie man sieht, hat die Praxis das von der Theorie verlangte Ver- 
hältniss bald erkannt. 

Aus den Betrachtungen, die sich an Unger's Untersuchungen 
knüpfen, geht noch weiter hervor, dass ausser von den Rohmaterialien 
und deren Mengeverhältniss der Erfolg der Fabrikation noch von der 
Temperatur, sowie von der Natur der Verbrennungsgase abhängig ist, 
welche wiederum wesentlich durch die- Construction der Oefen bedingt 
sind. 

Leblanc und Diz6 wandten zuerst kleine rechtwinklige Flamm- 
öfen an, die jedoch am unvollkommensten dieser Aufgabe genügen 
konnten, indem sie weder eine hinreichende Steigerung der Temperatur 
noch eine gleichmässi^e Vertheilung der Wärme gestatten. Fig. 3 
zeigt einen solchen Oi'en. a ist die Fenrung, b der Rost derselben, 
c der Aschenfall, welcher gewöhnlich unter der Sohle des Fabrikrau- 
mes liegt. Der Feuer- 
raum, welcher beinahe 
die ganze Breite des 
Heerdes hat, ist durch' 
die Fenerbrücke / von 
dem Heerde d getrennt. 
Dieser so wie das Ge- 
wölbe e des Ofens müs- 
sen ans guten feuerfesten 
Steinen constniirt sein. 
g ist der Canal, welcher 
die Verbrennungspro- 
ducte zu dem Schorn- 
stein h führt, letzterer 
muss behufs des nöthi- 
gen Zuges wenigstens 
30 bis 40 Fuss Höhe ha- 
ben, und mit einem Re- 
gister oder einer Deck- 
platte zur Regulirung 
des Zuges versehen sein. 



Fig. 8. 




K 


m 


.r' 




^^^ "^ 


« 


1 


ät 




■^tai 




i— 1^ j 



Digitized by VjOOQIC 



Soda. 



21 



t sind die Arbeitsöffiiangen, durch welche die schmelzende Masse um- 
gearbeitet und nach vollendeter Zersetzung ausgezogen wird. Nachdem 
man die Nachtheile der viereckigen Form erkannt hatte, construirte 
Payen Oefen mit eUiptischero Heerde, denen später Clement und De- 
sormes aehr grosse Dimensionen gaben. Wurde hierdurch auch we- 
sentlich an Arbeitskraft und namentlich an Brennmaterial gespart, so 
ist man doch in neuester Zeit wieder mehr zu kleineren Oefen zurück- 
gekehrt, da man fand, dass der Process in denselben viel vollkommener 
durchführbar sei. Folgende Tabelle giebt die Resultate, die durch Oefen 
von ver^hiedenen Dimensionen erhalten wurden^): 





Länge Breite ^'; 


Beschickung 


Zahl der Ope- 
rationen in 
24 Stunden 




Gehaltd. Soda 

an kohlens. 

Natron 




der Heerdaohle in 
Metern 


auflD 
Meter 


auf den 
Ofen 


Rechtwinkliger Ofen 
T.Leblancu.Dizd 

Elliptische Oefen 

von Payen. 

„ „ von Darcet 

„ „ von Clement 

und Desormes 


2 

3 

3,25 
6 
9 


1,5 

2 

2,06 
2 
3 


3 

5 

7 

11 

24 


130 

125 

65 

136 

136 


390 

725 

455 

1496 

3264 


5 

6 

12 

6 

6 


1950 

4350 

5244 

8976) 

19584^ 


26biB30 

32 „ 55 
38 „ 36 

38 „ 40 



Da die abgehende Wärme der Sodaöfen nicht unbeträchtlich ist, so 
hat man sie früher zur Darstellung des Glaubersalzes in der Art be- 
nutzt, dass man den Sulfatofen mit dem Sodaofen verband. Fig. 4 

Fig. 4. 




zeigt eine solche Einrichtung im Durchschnitt Die Flamme durchzieht 
auä dem Feuerraume A den Sodaofen B und tritt der Feuerbrücke gegen- 
über durch fünf bis sechs Züge in den Glaubersalzofen C, welcher ent- 
weder nur ans dichten harten kieseligen Sandsteinen gebildet ist oder 
auch Bleipfannen enthält, die durch die sonst verlorene Wärme erhitzt 
werden. Bei dieser Construction mischen sich die sämmtlichen Verbren- 
nungsgase und dampfförmigen Zersetzungsproducte des Sodaofens mit 
der Salzsäure des Glaubersalzofens, die dann entweder uncondensirt mit 
durch den Schornstein entweicht, oder in Kohksschächten verdichtet 



') Ans Paycn's GewerbB-Chemie, von Fehling. Stuttgart 1850. 

Digitized by VjOOQIC 



22 



Soda. 



werden muss, was, wie früher mitgetheilt, in diesem Fall «aber nie ohne 
grossen Verlust an Salzsäure geschehen kann. Man zieht es daher 
vor, die abgehende Wärme des eigentlichen Sodaofens für diesen Pro- 
cess noch weiter dadurch auszunutzen, dass man dem Ofen eine grossere 
Längserstreckung giebt und ihn entweder durch eine niedere zweite 
Brücke der Quere nach in zwei gleich grosse Abtheilungen trennt oder 
diese Trennung auch nur dadurch bewirkt, dass man die hintere Hälfte 
um eine Steindicke erhöht Der erste Raum ist in dem einen wie in 
dem anderen Falle der Sodaschmelzofen, während der zweite als Vor- 
wärmofen dient. Hierdurch wird ausser an Brennmaterial wesentlich 
an Zeit gespart, indem nach dem Ausziehen der fertigen Schmelze aus 
dem Ofen das bis zum Glühen vorgewärmte Gemenge in der ersten 
Abtheilung sofort zum Schmelzen kommt. Auch die aus dem Vor wärm - 
ofen abziehende Wärme macht man gegenwärtig noch dadurch nutzbar, 
dass man noch eine dritte Abtheilung dem Ofen an fügt, welcher aus zwei 
Pfannen gebildet wird, von denen die eine die Sohle des Heerdes bil- 
det, so dass die heisse Ofenluft über derselben hinzieht, während die 
Bodenfläche der anderen die Decke oder das Gewölbe dieser Ofen* 
abtheilung bildet. Beide dienen zum Abdampfen^ der Sodalaugen, und 
zwar die untere, da deren Inhalt direct mit den Ofengasen in Berührung 
kommt, wodurch stets noch etwas Flugasche hier abgesetzt wird, zur 
Concentrirung der Rohlaugen und Mutterlaugen, dagegen die obere 
zum Abdampfen der reineren Laugen. Fig. 5 zeigt einen derartigen 
dreifach combinirten Ofen ebenfalls im Durchschnitt. 



Fig. 6. 




Die rohe Soda, wie sie der Schmelzprocess liefert, durch den man 
im Durchschnitt aus 100 Thln. Glaubersalz 160 Thle Schmelze aus- 
bringt, enthält, wie obige Analyse zeigt, höchstens 40 Proc. kohlen- 
saures Natron, welches darin mit so mannigfachen Verbindungen ge- 
mengt ist, dass sie als solche nur in seltenen Fällen direct eine Ver- 
wendung findet. 

Sodalaugere i. Die Reinigung der rohen Soda bezweckt daher 
die Abscheidung des kohlensauren Natrons aus der Sodaschmelze, 
welche durch Auslaugen und darauf folgendes Eindampfen ausgeführt 
wird. 

Zu diesem Zweck wird die cubische Masse, in welcher die rohe 
Soda beim Ausziehen aus dem Ofen geformt war, nach dem vollstän- 
digen Erkalten zunächst mit Fäusteln zerschlagen und hierauf zuweilen 
mit Wasser besprengt. Hierdurch zerfällt die ganze Masse unter Er- 
wärmung zu einem gröblichen Grus, indem sich der in der ganzen 
Masse vorhandene und zum Theil noch als Stückchen eingemengte ge- 
brannte Kalk löscht und aufquillt Man muss aber mit dem Wasser- 

Digitized by VjOOQIC 



Soda. 



23 



2U8atz vorBichtig sein, weil sonst die Erhitzung so zunehmen kann, dass 
sie von dem grössten Nachtheil für das Geroenge wird, weshalb häufig 
das Besprengen mit Wasser auch ganz unterbleibt. Ist die zerfallene 
Soda noch zu grob und fest, so wird sie vor dem Auslaugen noch 
mechanisch zerkleinert, wozu man sich dann entweder der Quetsch- 
walzen oder der stehenden laufenden Mühlsteine (s. Fig. 36 im Art. 
Schiesspulver, Bd. VII, S. 319), welche auch zur Zerkleinerung 
des Kalksteins in den Sodafabriken üblich sind , bedienen muss. 

Die so vorbereitete rohe Soda wird nun der Laugerei übergeben. 
Dieser liegt die doppelte Aufgabe ob , auf der einen Seite eine mög- 
lichste Erschöpfung der rohen Soda an kohlensaurem Natron zu erwir- 
ken, dagegen auf der anderen gleich eine möglichst gesättigte Lösung 
zu erhalten, d. h. die Auslaugung mit der verhältnissmässig geringsten 
Menge Wasser auszufahren. Bei'de Aufgaben hat man hier, wie bei 
anderen ähnlichen Fabrikationen, durch folgende sinnreiche Einrichtung 
und Anordnung des Auslaugeapparats gelöst. 

Die rohe Soda wird in viereckige eiserne Seihkästen von unge^ 
fahr P/2 Meter Höhe, 1 Meter Breite und 1/2 M.eter Tiefe, deren 
sämmtliche Wandungen durchlöchert sind, gefüllt An jeder der bei- 
den schmalen Seitenwände dieser Kästen sind Y2 Meter lange La- 
schen angenietet Diese ragen über den Kasten empor und haben am 
oberen Ende ein rundes Loch, durch das zum Transport dieser Kästen 
Stangen gesteckt werden können. Die so gefüllten Kästen werden nun 
in die ebenfalls von starkem Eisenblech construirten, mit iO^ bis 50^0. 
warmem Wasser gefüllten Ansiaugekästen gehängt, indem man die 
durch die Laschen gesteckten Stangen auf den Rand der eisernen Kä- 
sten auflegt Diese Kästen sind von doppelter Höhe als die Seibgefasse, 
so dass letztere höchstens bis zu Va ^^^ Tiefe der Laugekästen in diese 
hinabreichen. Hierdurch wird das Ausziehen sehr beschleunigt, in- 
dem das Wasser, sobald es sich mit den löslichen Salzen beladen hat, 
als specifisch schwerere Lauge herabsinkt und sofort durch frisches 
Wasser ersetzt wird, wodurch so lange eine fortwährende Circulation 
in der Lauge erhalten wird, bis entweder der Inhalt der Seihen er- 
schöpft oder die Lauge vollständig gesättigt ist Beide Punkte werden 
durch die Art der Aufstellung der verschiedenen Auslaugekästen er- 
reicht. Fig. 6 zeigt zunächst ein System zwei solcher Kästen Ä Ä 



Fig. 6. 




Digitized by VjOOQIC 



24 



Soda. 



mit den eingehängten Seihen nn. Jeder der beiden Elasten ist hier in 
der Mitte durch eine doppelte Scheidewand gewiwermaassen in zwei 
Kästen getheilt, die nur dnrch die Oeffiiangen a und b mit einander 
commnniciren. Zwischen diesen Scheidewänden fahren die Dampf- 
röhren h bis nahe an den Boden der Kästen nnd endigen hier in eine 
horizontale Röhre von der Breite des Kastens. Ans dieser wird dnrch 
kleine Oeflnnngen in derselben ein Dampfstrom zur ersten Elrwämiong 
der Anslangeflussigkeit, sowie zur Erhaltung einer constanten Tempe- 
ratur von 45<^C. eingeleitet. 

Sobald in der letzten Abtheilnng die Lauge ihre Wirkung ziem- 
lich vollständig auf die eingehängte rohe Soda beendet hat^ was in 
Verlauf von V2 Stunde in der Regel der Fall ist, so translocirt man 
die Seihkästen in die nächst vorhergehende Abtheilung, während man 
sofort in die letzte frische Soda einhängt. Ist nach gleichem Zeitraum 
in der zweiten Abtheilung die Soda noch weiter als in der letzten er- 
schöpft, so bringt man 6ie in den nächst folgenden um einige Zoll hö- 
her gelegenen Kasten, welcher mit dem untern durch das heberförmige 
Rohr g communicirt. In dieser Weise wird unter halbstündigem Wech- 
seln bis zur vollständigen Erschöpfung der rohen Soda fortgefahren. 
Zu diesem Zwecke sind in der Regel 12 bis 14 solcher terrassenför- 
mig über einander gestellten Auslaugekästen erforderlich. Fig. 7 
zeigt ein solches System im Zusammenhange, in der wegen Mangel an 
Raum hier nur 5 Laugekästen ABCDE angegeben sind. In E kom- 
men die frisch gefüllten Seihen, passiren dann nach und nach DCB^ 
bis sie endlich nach zwölfmaligem Umwechseln in A anlangen. Ä ist 
doppelt so gross als die übrigen und von Gusseisen gefertigt. So oft 
als gewechselt wird, lässt man nach A ein doppeltes Volumen Wasser 
fliessen, als das der unten eingehängten Soda beträgt, während man 
die aus A zu entfernenden Seihkästen // behufs des Abtropfens auf das 

Fig. 7. 
if 




Gestell k setzt, von dem die letzten Antheile verdünnter Lauge eben- 
falls nach A abfliessen. Durch diesen Zufluss von reinem Wasser wird 
die entsprechende Menge der am Boden ruhenden concentrirten Lauge 
durch die Verbindungsröhre in den nächst tiefer liegenden Kasten ab- 
geleitet. Aus E fliesst die nunmehr fast concentrirte Lauge in die 
Sammel- und Klärkästen F, deren gewöhnlich sechs vorhanden sind und 
die durch weite Röhren mit einander in Verbindung stehen. 

Nach Dürre ziehen mehrere neuere Fabriken folgende Ein- 
richtung des Ansiaugeapparats dem eben beschriebenen vor. Es ste- 
hen vier schmiede- oder gnsseiseme Kasten von ungefähr 5 Fuss Länge, 
5 Fuss Breite und 2Va' Tiefe terrassenförmig übereinander. Von der 



Digitized by VjOOQIC 



Soda. 25 

so faustgroBsen Stacken zerschlagenen rohen Soda kommen in jeden 
Kasten 1000 Pfund mit dem nöthigen Wasser. Die Auslaugung er- 
folgt in 12 Standen, während welcher Zeit die Soda viermal translo- 
cirt wird, und zwar nach jedesmal drei Stunden in den nächst höher 
«gelegenen Laugekasten, so dass der Bückstand nach 12 Stunden als 
erschöpft aus dem obersten Kasten ausgeworfen wird. Durch diese 
Translocation der ganzen Masse soll nämlich der Nachtheil, dass nach 
der anderen Methode stets sich einzelne Theile durch Zusammenklum- 
pen dem Auslangen entziehen, vollständig vorgebeugt sein und ein 
durchaus gleichmässig erschöpfter Rückstand erhalten werden. Die 
beiden obersten Kasten werden kalt ausgelaugt. Der dritte bei etwa 
44^ C, der vierte bei 56® C. Die Flüssigkeit des oberen Kastens ge- 
langt ohne Weiteres in den nächst folgenden, aus diesen behufs der 
Erwänming in eine Cisterne, wo sie durch Dampf auf die angeführte 
TemperatDT gebracht wird, und fliesst erst dann in den dritten Kasten; 
zwischen diesem und dem vierten ist gleichfalls ein Gefäss eingeschal- 
tet, in dem die Lange auf ihrem Wege zu diesem letzten Kasten auf 
56^ C. erwärmt wird. Während nun in dem obersten Kasten alle drei 
Stunden Wasser nachgegeben wird, fliesst aus dem untersten die Lauge 
in den für die weitere Verarbeitung geeignetsten Concentrationsgrad 
von 24 <^ B. in ein grösseres Reservoir ab« Vier Reihen solcher Kästen 
bilden mit den zugehörigen Cistemen ein System. Die Ruckstände 
sollen nach dieser Methode höchstens 0,5 Proc. kohlensaures Natron 
enthalten. Auch soll hierbei wesentlich an Arbeitskraft gespart wer- 
den, denn während das früher beschriebene Verfahren zwei Mann zu 
seiner Wartung bedarf, 4oll dieses System, nach Dürre, von einem 
Mann versehen werden können. Uebrigens ist die Temperatur mit der 
man in den verschiedenen Fabriken auslaugt s^hr wechselnd und hängt 
das ganz von der Mischung der rohen Soda ab. Einige Fabrikanten 
geben daher schon in den hinteren Kasten warmes Wasser, während 
bei den gewöhnlichen Verhältnissen die n>eisten hier kaltes aufgeben. 
Als Regel gilt hierbei, dass, je kaustischer die Soda geschmolzen ist, 
je vorsichtiger muss man beim Auslaugen mit dem Erwärmen sein. 

Die von der Laugerei abfliessenden Rohlaugen enthalten stets eine 
nicht unbeträchtliche Quantität basisches Schwefelcalcium suspendirt, 
welches bei sofortigem Abdampfen das weitere Product sehr verunreini- 
gen würde, denn die Soda fällt um so besser und weisser aus, je voll- 
ständiger die Lauge geklärt war. Um dies möglichst zu unterstützen, 
wird sie in den meisten Fabriken aus dem erwähnten Reservoir mit- 
telst Pumpen in grosse eiserne Klärkasten gehoben , die zweckmässig 
höher als die Pfannen liegen, um nach diesen später die Lauge direct 
abfliessen lassen zu können. Da die Unreinigkeiten sich in der Wärme 
schneller absetzen und durch Erkalten die Concentration der Lauge, 
betreffs ihres Sättigungspunktes, rasch zunimmt, so ist Sorge zu tragen, 
dass die Laugen so langsam als möglich abkühlen oder dass durch 
Dampfrohren, welche, wie in Fig. 6 auf Seite 23 zwischen die dop- 
pelten Wandungen gelegt sind, stets leicht die erforderliche Tem- 
peratur erhalten werden kann. Immer wird es aber besser sein 
durch schlechte Wärmeleitung einer Abkühlung vorzubeugen, als durch 
locale Erwärmung den Verlust an Wärme auszugleichen, indem letztere 
stets eine Strömung in der ganzen Flüssigkeit hervorruft, die dem Klä- 
ren entgegenwirkt. 

Digitized by VjOOQIC 



26 Soda. 

Viele Fabriken nehmen mit der Lauge auch noch eine weitere 
chemische Reinigung vor, indem sie sowohl das kaustische Natron als 
auch den Best von Schwef(^lnatrium durch einen 8trom von Kohlen- 
säure in kohlensaures Natron umwandeln. Zu diesem Zweck führen 
^ie die Lauge auf einen aus Eisenblech construirten eisernen Thurm 
von ^twa 6 Fuss Durchmesser bei 20 bis 30 Fuss Höhe. Auf dem- 
selben befindet sich zur Aufnahme der Lauge ein kleines Bassin aus 
dem die Lauge entweder als ein feiner Regen durch einen aufsteigen- 
den Kohlensäurestrom, der durch Verbrennen von Kohks erzeugt wird, 
oder statt dessen durch die abgekühlte und von aller Flugasche befreite 
Feuerluft der Sodacalciniröfen herabfällt. Oder man lässt die Lauge zn 
einer recht grossen Oberflächenvertheilung über Kohksstücke fliessen, mit 
denen der Thurm angefüllt ist; oder es sind im Inneren des Thurmes in 
geringen Abständen von einander horizontale eiserne Scheidewände 
angebracht, in denen abwechselnd rechts und links auf beiden Seiten 
Abflussofihungen angebracht sind, so dass die oben aufgegebene Lauge 
sich auf einem langen Wege in dünnen Schichten der aufsteigenden 
Kohlensäure entgegengesetzt bewegt. 

üebt die Kohlensäure hierbei auch ganz unzweifelhaft den doppel- 
ten Vortheil aus, dass einmal das kaustische Natron, welches meistens 
nur als kohlensaures von den Consumenten bezahlt wird, in solches 
überführt, und zweitens dass ein Theil des Schwefelnatriums zersetzt 
wird und sich also ebenfalls in kohlensaures Natron umwandelt, so 
wird doch auch, wie Dürre bemerkt, ein Theil des Schwefelnatriums 
durch den Ueberschuss von Luft in dieser unreinen Kohlensäure zu 
nnterschwefligsaurem Natron oxydirt, welches keine weitere Zerlegung 
durch die Kohlensäure erfährt. Enthält die Sodalauge grössere Men- 
gen von Schwefelnatriiun , so kann dieses am besten durch doppelte 
kohlensaures Natron beseitigt werden, und es würde dies, wie A. Rose 
bemerkt, gewiss viel häufiger zu diesem Zweck Anwendung finden, 
wenn nicht täglich die kaustische Soda gesuchter würde. Dies ist denn 
auch der Grund, dass die kaum aufgetauchten Thürme zur Kohlen- 
säaernng der Lauge allmälig wieder aus den Fabriken verschwinden. 

Sodasalz. Die vollständig abgeklärte Lauge wird nun, je nach- 
dem eine reinere oder unreinere Soda fabricirt werden soll, entweder 
in einem Pfannensystem oder auf der Sohle eines eigenen Flamm- 
ofens eingedampft. 

Die Pfannen sind aus Eisen, oder auch wohl aus Blei, oder aus Ei- 
sen und mit Blei ausgekleidet Sie haben Gestalt und Grösse der Siede- 
pfannen unserer deutschen Salinen und stehen gewöhnlich terrassen- 
förmig über einander. Nur die untere wird direct geheizt, die obere 
dagegen nur durch die abziehende Wärme der Feuerluft von der ande- 
ren erwärmt. Es ist dieses schon deshalb nöthig, dass nicht schon in der 
oberen Pfanne durch Erkalten Soda auskrystallisirt, indem die bei 50^. 
gewonnene Rohlauge in der Regel schon so concentrirt ist, dass sie 
für die gewöhnliche Temperatur Übersättigt ist Heisses Wasser löst 
nämlich mehr als ein gleiches Gewicht krystallisirtes kohlensaures Na- 
tron, während kaltes etwa nur die Hälfte hiervon zu lösen vermag (vergl. 
Kohlensaures Natron, Bd. IV, S. öOO). In der mittelsten Pfanne 
scheidet sich sehr bald durch die fortschreitende Concentration einfach- 
gewässertes kohlensaures Natron (NaO.CO2.HO) in Form kleiner 
Krystalle aus, dieses wird aus der Pfanne herausgezogen, in einen über 



Digitized by VjOOQIC 



Soda. 27 

der Pfanne befindlichen grossen hölzernen mit Blei ausgekleideten Trich- 
ter abtropfen gelassen, und in Oefen oder auf eisernen Platten getrock- 
net, wodorch wasserfreie Soda erhalten wird. Mit dem Soggen des ein- 
fach gewässerten kohlensauren Natrons fahrt man so lange fort, bis die 
fremden Salze in der Mutterlauge so überhand nehmen, dass solche 
ebenfalls zur Ausscheidung kommen, und die erhaltene Soda zu sehr 
verunreinigen. Die ersten Portionen des niederfallenden kohlensauren 
Natrons sind weniger rein als die folgenden, indem mit dieser ersten 
Ausscheidung alle mechanische Verunreinigung der Lauge zur Präci- 
pitation gelangt. 

Die Mutterlaugen, in denen das Schwefelnatrium, sowie das 
aus diesem während des Abdampfens entstandene unterschwefligsaure 
Natron, sowie das durch die Einwirkung des Aetzkalks beim Aus- 
laugen gebildete Natronhydrat, als auch eine nicht unbeträchtliche 
Menge unzersetztes Kochsalz und Glaubersalz enthalten ist, wird gesammelt 
und durch einen eigenen Process zu gute gemacht. Mohr^) analy- 
airte eine solche Sodarohlauge ans dem Klärkessel der Fabrik Rhena- 
nia bei Aachen. Specif. Gewicht = 1,252. 1 Liter lieferte 311 Grm. 
festen Rückstand, welcher in 100 enthielt: 

Kohlensaures Natron . . 95,112 

Kochsalz 2,154 

Schwefelsaures Natron . . 0^913 

ünterschwefligsaures Natron 1,207 

'Schwefelnatrium .... 0,547. 

Das in der Rohlauge enthalten gewesene Aetznatron war während des 

Abdampfens in kohlensaures übergegangen. 

Die Mutterlauge wird auf der Sohle eines Flammenofens unter 
Zasatz yon Kohlenstaub und Sägespänen oder sonstigen wasserstoff- 
baltigen organischen Materien nnter fortwährendem Umrühren calci- 
nirt. Hierdurch wird das Glaubersalz zu Schwefel natrium desoxydirt, 
und dieses wahrscheinlich durch die Einwirkung des sich in reichlicher 
Menge entwickelnden Wasserstoffs und der gleichzeitigen Mitwirkung 
der Kohlensäure zu kohlensaurem Natron zersetzt Auch dürfte durch 
die Einwirkung des Aetznatrons auf die organischen Materien oxal- 
saures Natron entstehen, welches später ebenfalls in kohlensaures Na- 
tron umgewandelt wird. 

Da wo es nicht in der Absicht der Fabrikation liegt , eine hoch- 
gradige Soda, sondern mit den möglichst geringen Kosten ein cal- 
cinirtes weisses Sodasalz zu liefern, bewirkt man die Eindampfung 
der Rohlauge in einem Flammenofen, indem man die Verdunstung 
<tirect durch den glühenden Gasstrom der Feuerluft bewirkt. Da hier- 
bei die Verdunstung unter den günstigsten Verhältnissen von der Ober- 
fläche aus stattfindet, und die über die Flüssigkeit streichende glühende 
Feuerlnfl ein sehr hohes Absorptionsvermögen für den Wasserdampf 
hat, sowie auch die mit Feuchtigkeit gesättigte Luft fortwährend Über 
der Flüssigkeit durch neue trockene ersetzt wird, so erfolgt die Ver- 
dampfung liierbei in sehr kurzer Zeit und unter wesentlicher Ersparung 
von Brennmaterial. Fig. 8 (s. f. S.) zeigt im verticalen Durchschnitt 
theilweise die Einrichtung eines solchen Abdampfflammofens. ü ist 



') Mohr, Lehrbuch der ehem. aualyt. Titrirmethode. Braunschweig, 1869. 
2. Abtheü. S. 148. 



Digitized by VjOOQIC 



28 Soda. 

die FeueniDg^ die mit einem wenig Flugasche gebenden Brennmaterial 
wie Kohks, oder am besten mit den brennbaren Gasen einer Generator- 
pig g feuerung gespeist wird. Sohle 

und Gewölbe des Ofens werden 
ans guten feuerfesten Thon- 
steinen gebildet, und erstere 
dadurch vor dem Angriff der 




Lauge geschützt, dasa man 
auf die vertiefte Sohle eine 
dicke Lage Soda fest ein^ 
stampft, so dass der eigent> 
;fe^;;^5^i5äs^i^:js^^ ■^"- ^ liehe Heerd T des Ofens, der 

freilich hier mehr eine Pfanne 
vorstellt, aus wasserfreier halb geschmolzener Soda besteht Sobald 
der Ofen bis zu schwacher Bothglöhhitze angewärmt ist, lässt man die 
in der Pfanne Q dui*ch die abgehende Wärme des Ofens möglichst con* 
centrirte Lauge mittelst eines Hahns bei R durch ein gusseisernes Rohr 
in den Heerdraum fliessen. Hier schäumt die Masse stark auf, trock- 
net aber rasch ein und hinterlässt, durch fortwährendes Umrühren be- 
günstigt, die wasserfreie Soda als eine gröbliche pulverige Masse. Ist 
dieselbe noch grau von eingemengter org^ischer Materie, so steigert 
man vor dem Ausziehen derselben aus dem Ofen die Temperatur bis 
zur beginnenden Rothglühhitze, wodurch die Soda sich vollkommen 
weiss brennt, indem die organischen Substanzen zerstört werden und 
das Sohwefelnatrium oxydirt wird. Hierauf wird sie noch glühend aus 
dem Ofen in eiserne Kästen geschafft, aus denen sie nach dem Er- 
kalten sofort zur Verpackung gelangt. 

Nach keinem der beschriebenen Verfahren wird so reine Soda er- 
halten, wie sie von einzelnen Gewerben verlangt wird. Zur Bereitung 
dieser ist es noth wendig, die leichte Krjstallisirbarkeit des kohlensau- 
ren Natrons in wasserhaltigem Zustande zu Hülfe zu nehmen. Zu die- 
sem Zwecke löst man das beim Soggen der Rohlauge erhaltene einfach 
gewässerte kohlensaure Natron oder auch die calcinirte Soda in 
warmem Wasser auf, lässt den Rückstand zu Boden sinken und setzt 
der Lösung ^/looo Kalk zu, welcher sofort eine Trübung der ganzen 
Flüssigkeit bewirkt, indem er in kohlensauren Kalk umgewandelt wird 
und in dieser Form sich schnell in der warmen Flüssigkeit absetzt, wo- 
durch er dieselbe vollkommen klärt. Sobald die heisse Lauge durch 
Abdampfen 25^ B. erlangt hat, füllt man sie in längliche trogförmige 
eiserne Krystallisirkästen von ly^ Meter Länge, gleicher oder etwas 
geringerer Breite bei nur 30 Centimeter Tiefe. Man nimmt die Ge- 
fässe oft von Gusseisen, besser von Schmiedeeisen, weil die letzteren 
nicht so leicht zerspringen, wegen des geringeren Gewichtes rascher ab- 
kühlen, und weniger kosten. Nach 24 Stunden sind der Boden und die 
Söitenwände mit einer dicken festen Kruste grosser Krystalle von krj- 
stallisirtem kohlensaurem Natron (NaO.COj -\- 10 HO) überkleidet. 
Oft hängt man auch noch Roste von Eisenstäben in die Lauge, da- 
mit sich auch dort Krystalle abscheiden. Die Mutterlauge giesst man 
aus, spült die Oberfläche der Krystalle mit Wasser ab, lässt sie ab- 
tropfen und löst sie als eine grosse Krystalldruse durch Aufstossen der 
Krystallisirbecken von den Wänden los. Um den Krystallen ihr glän- 
zendes schönes Ansehen für den Handel möglichst zu erhalten, muss 



Digitized by VjOOQIC 



Soda. 29 

die sogenannte kiystallisirte Soda wegen ihrer leichten Yerwitterbar- 
keit, wodurch sie auf der Oberfläche mehlig wird, nach dem Abtrocknen 
an der Lnft yerschlossen verpackt werden. Für viele Indnstriezweige, 
welche sich auf Anwendung der Soda basiren^ wörde es in Hinsicht 
der Reinheit von Vortheil sein, alle Soda als krystallisirte in den 
Handel zu bringen, doch spricht hiergegen der enorme Krjstallisations- 
waftsergehalt des kohlensauren Natrons von über 60 Proc, der die 
Transportkosten nnnothig erhöhen würde. 

Ein Gehalt der Soda an Schwefelnatriiim ist für einzelne Anwen- 
dungen höchst nachtheilig, weshalb man wohl auch den Bohlaugen 
gleich beim Eindampfen überhaupt etwas Sägemehl zusetzt, um das 
Schwefelnatrium sicherer zu beseitigen, wodurch zwar die ganze Soda 
vorübergehend braun gefärbt wird, was sich aber beim Calciniren wieder 
verliert. Nach Ward sollen die letzten Antheile des Schwefelnatriums 
am besten durch einen Zusatz von 8 bis 7 Proc. der trockenen Salz- 
masse an fein gepulverter Magnesia beseitigt werden können. Es soll 
diese die Masse im Calcinirofen (ectrb(mating fumaee) porös erhalten, 
wodurch die Umwandlung des Schwefelnatriums in kohlensaures und 
schwefelsaures Natron erleichtert wird. Zur Abscheidung der Magnesia 
wird die Masse später ausgelaugt, wobei sie als solche wieder zurück- 
bleibt und nach dem Auswaschen später zu gleichem Zwecke brauchbar 
ist Habich^) empfiehlt zu gleichem Zweck, die Sodalaugen möglichst 
frisch, ehe sich aus dem Schwefelnatrium unterschwefiigsaures Natron 
gebildet, mit fein gemahlenem reinen Spatheisenstein zu behandeln, wo- 
bei sich das Schwefelnatrium mit dem kohlensauren Eisenoxydul zu 
kohlensaurem Natron und Schwefeleisen' umsetze. 

Ans den an Schwefelnatrium reichen Mutterlangen stellt man jetzt 
in den meisten Fabriken eine unreine Soda dar, die auch unter dem 
Namen Aetznatron in den Handel kommt Dieselbe wird durch Ein- 
dampfen der Laugen in grossen eisernen Kesseln von 4 bis 8 Fuss 
Durchmesser, so weit concentrirt, dass sich die meisten fremden Salze 
ausscheiden, die durch ein Krücken mit einem eisernen Schaumlöffel 
so lange beseitigt werden, als noch kein kohlensaures Natron zur Aus- 
scheidung kommt Um jedoch in diesem Punkt sicher zu gehen und 
für die ganze Arbeit einen Anhalt zu haben, informirt man sich zuvor 
durch eine Probe im Kleinen Über den Alkaligehalt der zu verarbei- 
tenden Lauge. Hierzu dampft man ein abgemessenes Volumen dersel- 
ben in einer Schale von Silber oder Platin ein, schmilzt den Rück- 
stand, löst diesen wieder auf und bestimmt auf alkalimetrischem Wege 
den Grehalt an Natron. 

Während des Einkochens dei^ Lauge wird diese nach und nach 
in Folge des sich mehr und mehr anhäufenden Schwefelnatriums und 
der Schwefelcyanverbindungen dunkelroth. Die Menge des ersteren 
dieser Salze wird bei fortschreitender Concentration und damit erhöhter 
Temperatur der siedenden Lauge dadurch rasch vermehrt, dass sich 
das bei der langen Einwirkung der Luft auf die Rohlauge aus dem 
Schwefelnatrium gebildete unterschwefligsaure Natron jetzt wieder -in 
schwefelsaures Natron und Mehrfach-Schwefelnatrium zerlegt 

Sobald die Lauge fast alles Wasser verloren hat, beginnt sie an 
den Rändern eine feste Masse abzusetzen, die bei genügender Tempe- 



M Dinglers polyt. Journ. Bd. GXL, ^. 870. 

Digitized by VjOOQIC 



30 



Soda. 



ratur der Kessel wände schmilzt. Bei diesem Zeitpunkt setzt man dem 
Bückstande im Kessel zur gänzlichen Zerstörung der Schwefelcyan- 
verbindungen sowie der noch beigemengten organischen Materien 2 bis 
3 Proc. Natron -Salpeter zu und dampft zur Trockne. Hierbei ent- 
wickeln sich vom Beginnen des Dick werde ns der Masse bis zur Been- 
digung des P^ocesses reichliche Mengen von Ammoniak. Nachdem 
die kaustische Soda geschmolzen ist, erhitzt man sie noch kurze Zeit 
so, dass sie ruhig fliesst, worauf man sie mittelst einer eisernen Kelle 
in eiserne Formen von 3 Fuss Länge, 2 Fuss Breite und 2 Zoll Tiefe 
giesst. Die erkaltete Soda muss weiss sein und ein deutliches kry* 
stallinisches Gefüge zeigen. 

F. Muspratt und Danson^) haben die verschiedenen Prodacte 
der Sodafabrikation analysirt und hierbei die in nachfolgender Tabelle 
mitgetheilten Resultate erhalten. Sie unterscheiden: Ä Sodasalz (cal- 
cinirte Soda) für Seifensieder, B dasselbe für Spiegelfabriken, C rohe 
Soda, D Bückstand vom Auslaugen der Soda, frisch, E denselben 
sechs Wochen alt, /^Glaubersalz zu ^, ^ und C. 



Bestandtheile. 


A 


B 


C 


D 


E 


F 


Kohlensaures Natron . 
Schwefelsaures Natron . . 
Kieselsaures Natron . . 
Natronhjdrat ... 
Schwerelnatriuni . * . . 






77,08 
5,11 
2,40 
4,88 
0,G3 
7,18 
0,20 

0,32 

0,20 

0,32 

1,0G 
0,66 


78,55 
1,70 
0,25 
4,15 

.5,62 
0,33 

0,27 

8,05 
0,48 


28,89 
0,82 

8,27 
0,40 
3,07 

14,22 

9,24 

25,86 

2,03 

6,23 
0,99 


M4 

2,58 
42,20 

8,72 

25,79 

5,97 

3,63 

8,91 
1,73 


2,87 

4,59 
28,42 
12,03 

86,70 
0,62 

MS 

7,40 
10,59 

- l 


95,94 


Chlomatriuni 






Kohlensaures Kali 






Schwefelsaurer Kalk . . 
Kohlensaurer Kalk . 




0,57 


Kalkhydrat 







Einfach-Schwefelcalcium 
Zweifach- „ „ 
Schwefelsaare Magnesia 
Kieselsäure „ 
Eisenoxjd 




0,14 
0,29 


Eisenchlorid .... 




1,3G 


Phosphorsaure Erden mit 

oxyd und Thonerde . 
Wasser 


Eisen 




Freie Säure .... 
Kohle und Sand . . . 




1,31 
0,40 


Sum 


ma 




99,99 


100,00 


100,02 


99,92 


100,00 


100,01 



Da der wässerige Auszug aus verwittertem Sodarückstand beim Ab- 
dampfen bekanntlich eine farblose Krystallmasse bildet, welche beim 
Erhitzen viel schweflige Säure unter Abscheidung von Schwefel ent- 
wickelt, so muss es auffallen, dass unter E die schweflige Säure gar 
nicht erwähnt ist, während die Analyse doch nach den Summen der 
gefundenen Bestandtheile sehr genau ausgeftihrt erscheint. 



>) Chem. Sc. Qu. J. IT, 216. 



Digitized by VjOOQIC 



Soda. 31 

Neaere Vorschläge zur Sodnfabrikation. N«ach dem aus- 
führlich betrachteten Verfahren Leblanc's geht mithin der ganze 
Schwefelgehalt des Glaubersalzes während der Fabrikation der Soda 
eine unlösliche Kalkverbindung ein^ die itber bis jetzt, so viel die 
Technik sich auch bemüht hat, ihr eine ausgedehntere Anwendung zu 
verschaffen oder den Schwefel daraus irgendwie mit Vortheil wieder 
natsbar zu machen^ fiir die meisten Fabriken geradezu ein höchst 
lästiger und ganz werthloser Ballast ist. Die Fabriken bedürfeh zu 
ihrer Beseitigung eines grossen Areals, da jeder Centner roher Soda im 
Darchschnitt 60 Pfund Rückstand liefert, wodurch sich derselbe bald 
ZQ ungeheuren Massen anhäuft, wozu noch der Umstand kommt, dass 
er nicht auf grossen Halden aufgethürmt werden darf, indem er sich 
an der feuchten Luft oxydirt, hierbei in den oberen Schichten reich- 
lich Schwefelwasserstoff entwickelt, während er sich im Inneren der 
Haufen bis zur Entzündung erhitzt, wobei dann eine grosse Menge 
schwefliger Säure gebildet wird, die durch Zersetzung mit dem 
Schwefelwasserstoff in den oberen Schichten zur Ausscheidung von 
Schwefel Veranlassung giebt Wie viel Schwefel hierbei entweicht» 
geht daraus hervor, dass die neueren Massen bis zu 30 Proc« Schwefel 
enthalten, während man in alten 10 bis 15 Proc. fand« Breitet man 
die Bückstände in dünnen Schichten aus, so zersetzen sie sich rasch 
und erhärten später beträchtlich, weshalb man sie auch hier und da nass 
in Formen schlägt und zu einer Art Luftsteine erhärten lässt. Auch 
hat man angefangen, den Rückstand in Röstofen zu brennen um das 
Schwefelcalciutn in Gyps umzuwandeln und diesen als Düngegjps zu 
verwenden. Von besonderer Wichtigkeit ist in Hinsicht der Benutzung 
dieser Sodarückstände der Vorschlag von W. Aspdin, dieselben zur 
Darstellung vonCement zu benutzen^). Demselben ist es gelungen, aus 
ausgelaugtem Sodarückstande, dem mittelst einer Thonknete - Maschine 
der siebente Theil seines anfänglichen Qewichts Thon eingemischt war, 
durch Trocknen und starkes Brennen einen guten Cement zu erhalten. 
Brom eis hat in gleicher Richtung Versuche angestellt und die Ueber- 
zengong erlangt, dass der Sodarückstand ein vortreffliches Rohmaterial 
für die Cementbereitnng ist, welcher Umstand in seinem Natrongehalt 
m suchen ist. Die daraus dargestellten Cemente haben in ihren che- 
mischen wie physikalischen Eigenschaften die grösste Aehnlichkeit mit 
dem so geschätzten Portlandcement, der sich vor allen anderen ebenfalls 
durch einen namhaften Natrongehalt auszeichnet; nur ist der Soda- 
ceroent durch einen nicht zu beseitigenden kleinen Gehalt an Gyps 
etwas heller von Farbe als der Portlandcement. Die besten Resultate 
Ueferten sehr eisenreiche Thone, sogenannter Lehm, aus dem durch 
Schlämmen der gröbste Sand entfernt war. Die helleren plastischen 
Thone enthalten zu wenig Eisenoxyd, um die gewünschte grünliche 
Farbe des Portland cements zu geben. Auch ist es nöthig, dieBestand- 
theile so innig als nur möglich zu mischen, weshalb es immer räthlich 
sein wird, den gemahlenen Sodarückstand mit dem Thon durch ein 
nochmaliges Mahlen und Schlämmen zu mengen. Auf diesem Wege 
wurde aus einer Mischung von 100 Thln. grauem trockenen Sodarück- 
stand und 30 Thln. geschlämmtem mageren Lehm ein Cement von 



') Repert. of Patent* Invent. October 1858; Dingl. polyt. Journ. Bd. CXXXIII, 
S. 28S. 



Digitized by VjOOQIC 



32 Soda. 

vortrefflichen Eigenschaften erhalten^ der sich seit 6 Monaten sowohl 
als hydraulischer Mörtel wie als Lufbmörtel bewährt hat. 

Eine andere sehr wichtige Anwendung des Rückstandes ist die zu 
Pis^mauern, die ebenso tialtbar sein sollen, wie Mauern mit gewöhn- 
lichen Ziegelsteinen; weiter verwendet man ihn zur Herstellung fester 
FusBwege, als Unterlage bei Chausseen u. s. w. 

Ungeachtet also nach dem Verfahren von Leblanc aller Schwefel 
und die Fabrikationskosten der Schwefelsäure so wie bis jetzt auch viel- 
leicht 10 bis 15 Proc. der entwickelten Salzsäure (in einzelnen Fabri«- 
ken selbst mehr) ganz verloren gehen, so hat dieses Verfahren sich bis 
jetzt, ungeachtet der mannigfaltigsten anderweitigen Vorschläge, nicht 
allein fast unverändert erhalten, sondern eine solche enorme Prodnction 
von Soda herbeigeführt, dass gegenwärtig in Grossbritannien eine ein* 
zige der vielen Sodafabriken, nämlich die erwähnte von Tennant bei 
Glasgow, täglich weit über 1000 Centner dieses Salzes darstellt 

Diese Fabrikation konnte solche enorme Ausdehnung nur durch 
den so ausserordentlich niedrigen Preis des Bohschwefels gewinnen. 

Man nimmt an, dass gegenwärtig England allein über 2 Million 
Centner Soda producirt. Ebenso ausgedehnt ist die Sodafabrikation in 
Belgien, Frankreich, und jetzt auch in Deutschland, wo namentlich seit 
den letzten 10 Jahren eine Reihe grossartiger Sodafabriken errichtet 
sind, die freilich selten die günstigen Verhältnisse in Bezug auf wohl- 
feiles Salz und wohlfeiles Brennmaterial wie die englischen Fabriken 
haben. 

Sowohl der grosse Verlust an Arbeit, Zeit und an Schwefel, als auch 
die gäQzliche Abhängigkeit eines so umfangreichen Industriezweigs von 
dem Preise eines ausländischen überseeischen in den wenigsten Ländern 
in genügender Menge sich vorfindenden Minerals, dem Schwefel, ha- 
ben zu vielen Versuchen und Vorschriften Veranlassung gegeben, die 
Soda entweder mit gänzlicher Umgehung der Schwefelsäure und des 
Glaubersalzes direct aus Kochsalz darzustellen, oder diese doch aus an- 
deren billigen inländischen Quellen zu schöpfen, oder auch den Schwefel 
dabei wieder zu gewinnen, und immer neue Massen Kochsalz mit der 
einmal in den Kreis der Fabrikation gezogenen Schwefelmenge zerset- 
zen zu können. 

Baiard appellirt an die unerschöpfliche Menge von schwefelsauren 
Salzen des Meerwassers. Nach ihm soll man die Mutterlaugen der 
Salzgärten Frankreichs im Winter mit dem im Sommer gewonnenen 
Kochsalze sättigen, wodurch bei eintretender Kälte Glaubersalz aus- 
krystallisirt. 

Mit grossem Vortheil hat man in letzterer Zeit die schweflige 
Säure , welche beim Rösten von Schwefelkies, Zinkblende, Bleiglanz, 
Kupferkies u. s. w. auf den Hüttenwerken früher ganz verloren ging, 
entweder direct zur Darstellung von Schwefelsäure benutzt, oder man 
lässt dieselbe nach einem Verfahren von Longmaid, oder einem ähn- 
lichen von Broomann^) sowie einem noch späteren von Mesdach^) 
auf feuchtes Kochsalz einwirken. Hierbei wird das Wasser zersetzt, 
Schwefelsäure gebildet, die dann zersetzend auf das Kochsalz einwirkt. 
Hat jedes dieser Verfahren auch seine Eigenthümlichkeiten, so basiren 



■) Repert of Pateot-Invent. 1867, Nro. 882; Polyt. Centralbl. 1868. 8. 76. 
*). G^nie industriel. Juin 1868, p. 806. 



Digitized by VjOOQIC 



Soda. 33 

sie sich doch alle drei auf das gleiche Princip der Zersetzung, welches 
aber keineswegs neu ist, sondern schon zur Zeit der französischen Re- 
▼olution von dem Wohlfahrtsausschuss im Grossen geprüft wurde ^). 

In der schon mehrfach erwähnten grossartigen Fabrik von Ten- 
nant bei Glasgow gewinnt man, nach O. Krieg'), seit Kurzem einen 
Theil des zur Sodafabrikation dienen Sulfats als Nebenproduct bei der 
Chlor kalkfabrikation durch einen eben sowohl theoretisch als praktisch 
interessanten Process. Man zersetzt nämlich in grossen gusseisernen 
Cylindem, welche horizontal in einem Ofen eingemauert sind, ein Ge- 
menge von Kochsalz und Chilisalpeter mit Schwefelsäure , und erhält 
hierdurch schwefelsaures Natron, Chlorgas und salpetrige Säure. Um 
letztere zu trennen, leitet man diese durch ein System von Vorlagen, 
welche mit concentrirter Schwefelsäure gefüllt sind welche die salpe- 
trige Säure vollständig zurückhält, während das Chlor zuerst zur Ab- 
sorption der Salzsäure mit Wasser gewaschen und dann nach den Ab- 
sorptionskammern der Chlorkalkfabrik entweicht. Die hierdurch mit 
Salpetergas gesättigte Schwefelsäure dient in den Bleikammem der 
Schwefelsäurefabrik zur Oxydation der schwefligen Säure. Man ge- 
winnt hierdurch von jedem Aequivalent des angewandten Salpeters 
vorerst noch 2 Aeq. Chlor, welche in anderen Fabriken, in denen 
direct Salpeter oder Salpetersäure angewendet wird, verloren gehen, 
indem die salpetrige Säure bei ihrer eigenthümlichen Wirkungsweise 
für die Schwefelsäurefabrikation fast ganz denselben Werth als die 
Salpetersäure besitzt. Denkt man sich 8 Aeq. Schwefelsäure auf 1 Aeq. 
ClulMalpeter und 2 Aeq. Kochsalz wirken, so ergeben sich daraus 
3 Aeq. schwefelsaures Natron, 1 Aeq. salpetrige Säure und 2 Aeq. 
Chlor. Um jedoch das in den Cylindem zurückbleibende Sulfat besser 
translociren und aus den Cylindem entfernen zu können, wendet man 
die doppelte Menge Schwefelsäure, also 6 Aeq. an, wodurch dann dop- 
pelt-schwefelsaures Natron entsteht, welches nach dem Erkalten noch 
lange flüssig bleibt. Um den Ueberschuss der Schwefelsäure auszu- 
nutzen, bringt man es mit einer entsprechenden Menge Kochsalz auf 
das hintere Bett eines Sulfatofens^ wodurch* es in neutrales Sulfat um- 
gewandelt wird. 

Ramon deLunas') verwendet die an mehreren Orten in Spanien 
vorkommende natürliche schwefelsaure Magnesia zur Zersetzung des 
Kochsalzes. Beim Erhitzen eines Gemenges von 2 Thln. kry stall isirter 
schwefelsaurer Magnesia und 1 Thl. Kochsalz zum Rothgltihen ent- 
weicht Salzsäure, während der Rückstand der Hauptmasse nach aus 
Glaubersalz und Magnesia besteht, die leicht durch warmes Wasser zu 
trennen sind. Einen Rest von unzersetzter schwefelsaurer Magnesia 
beseitigt man mittelst Kalkmilch. 

Margueritte^) benutzt die Schwefelsäure des Gypses, indem er 
äquivalente Mengen von schwefelsaurem Bleioxyd (zuerst durch Rösten 
von Bleiglanzschlieg erhalten) und Kochsalz in der Rothglühhitze auf 



') DamM* Handb. d. angew. Ghem. Übersetzt von Buchner. B4. II, S. 490. 

*) Zeitschrift des Vereins deutscher Ingenieare 1858, Bd. 269; Dingl. pol^rt. 
Joura. Bd. CU, S. 48. — ») AnnaL de chim. et de phys. [8.] T. XLV, p. 841; 
Compt. rend. T.ZLI, p. 96; Annal. d. Chem. u. Pharm. Bd. XCVJ, S. 104; Jahresber. 
V. Liebig a.Kopp 1866, S. 868; Dingl. polyt. Journ. Bd. CXXXVIII. — *) Polyt. 
Ccntralbl. 1866, S. 1469; Jahresber. v. Liebig u. Kopp. 1855, S. 853; Chem. Gaz. 
1866, p. 61. 

HaadwOrtcrboch der Chemie. Bd. VIU. ^ /^ T 

Digitized by VjOOQIC 



34 Soda. 

dem Heerd eines Flamniofens behandelt. Es entsteht schwefelsaures Na- 
tron, welches auf dem Heerd zurückbleibt, während Chlorblei sich verflüch- 
tigt, dessen Dämpfe in der mit dem Ofen verbundenen Condensations- 
kamraer verdichtet werden. Dieses wird fein gemahlen und durch 
Digestion mit gypshaltigem Wasser wieder in schwefelsaures Bleioxyd 
zurückgeführt, welches dann mit dem bei der Ausbeute des Glauber- 
salzes unzersetzt zurückgebliebenem schwefelsauren Bleioxyd zur Zer- 
setzung einer neuen Menge Kochsalz dient. 

Von besonderem Interesse sind die zahlreichen Versuche und pa- 
tentirteu Verfahren, Soda dircct aus dem Kochsalz darzustellen. Die 
Beobachtungen von Proust, Felletier undDeyeux, dass an Mauern 
häufig kohlensaures Natron efflorescire, was, nach Scheele, nur durch 
Einwirkung des Kalkhydrats auf das Kochsalz der Mauersteine ent- 
standen sein sollte, stimmte mit einem Verfahren überein, nach 
welchem schon vor der Revolution Guy ton und Carny bei Croisic 
in der unteren Picardie die Soda darstellten. Scheele theilte dann das 
auf gleichem chemischen Principe beruhende Verfahren mit, Kochsalz 
durch Bleioxyd (Bleiglätte) im feuchten Zustande zu zersetzen, wonach 
ein Bleioxy Chlorid und Aetznatron entsteht, welches letztere dann an 
der Luft leicht in Soda umgewandelt wurde. 

Auch könnte man das Kochsalz direct durch Potasche zersetzen, 
indem beim Abdampfen beider 'Lösungen sich zuerst Chlorkalium kry- 
stallinisch ausscheidet, doch ist die Anwendung des Chlorkaliums zu 
beschränkt und die Potasche viel zu theuer; überhaupt wäre es dann 
einfacher, Potasche selbst statt Soda zu verwenden. 

Auch haben die bekannte Zersetzbarkeit des Kochsalzes mittelst 
doppelt -kohlensauren Ammoniaks zuerst Dyar undHemming im Jahre 
1838 im Grossen auszubeuten gesucht, wenigstens muss ihr Vorschlag 
als die Grundlage des späteren Verfahrens von Schloesing angesehen 
werden. Es gründet sich dieses auf die. Schwerlöslichkeit des doppelt- 
kohlensauren Natrons, welches sich bei der genannten Zersetzung als 
ein kryqtallinischer pulverforroiger Niederschlag ausscheidet, während 
der entstandene Salmiak als leichtlöslich in Auflösung verbleibt. Es 
ist dief^es Verfahren in der neuesten Zeit von Heeren i) genauer ge- 
prüft in Bezug auf die den Erfolg sichernden Bedingungen ; von techni- 
schem Werth kann dieses Verfahren wegen des Preises der verschie- 
denen Materialien nicht sein, weshalb wir auf die Abhandlung selbst 
verweisen müssen. 

Auf dasselbe Princip läuft ein Patent hinaus, welches Bell') er- 
hielt. Derselbe benutzt die ammoniakalischen Destillationsproducte, 
welche bei der Darstellung der thierischen Kohle entweichen, indem er 
diese, nachdem sich der grösste Theil des Theers abgesetzt hat, in 
eine concentrirte Lösung von Kochsalz leitet. Auch Bandiner ') 
hat schon im Jahre 1832 auf ein ähnliches Verfahren für die combi- 
nirte Fabrikation von Beinschwarz und Soda ein Patent für Bayern er- 
halten. 

Auch ist hier noch das Verfahren zu erwähnen, welches Böhringer 



*) Hannover. Mittheil. 1868, S. 18; Dingl. polyt. Jonrn. Bd. CXLIX; S. 47; 
Polyt. Centralbl. 1868, S. 867. — «) Rep. of. Invent. Juni 1868, p. 468; Polyt. 
Oentralbl. 1858, S. 1032. — «) Wagner's Jahresber. 1868, S. 102. 



Digitized by VjOOQIC 



Soda. 35 

und 6. Klemm im Jahre 1853 in England patentirt erhielten i). Nach 
demselben wird das Glaubersalz in einem Flammofen durch die reduci- 
rende Wirkung der Ofengase und die Beihülfe von Kohlenklein mög- 
lichst rasch und vollkommen in Schwefelnatrium umgewandelt. Die so 
erhaltene noch kohlige Masse wird mit Wasser ausgelaugt und die Lauge 
sofort in einer mit einem gut schliessenden Deckel oder Dom versehe- 
nen Pfanne mit einem kleinen lieber schuss von Natron - Bicarbonat 
▼ersetzt, und unter fortwährendem Rühren eingedampft und erhitzt. 
Hierbei zersetzt die Kohlensäure des Bicarbonats das Schwefelnatrium^ 
indem -Schwefelwasserstoff entweicht und einfach - kohlensaures Natron 
entsteht. Das Schwefelwasserstoffgas wird nun entweder mit seh welli- 
ger Säure zusammengebracht, und hierdurch der Schwefelgehalt dieser 
Gase als ausgeschiedener fein vertheilter Schwefel gewonnen, oder das 
Sehwefelwasserstoffgas wird verbrannt, und die dadurch gebildete 
schweflige Säure zur Wiedererzeugung von Schwefelsäure in die Blei- 
kammern geleitet. Sobald die im Destillirapparat rückständige Salz- 
masse keinen Schwefelwasserstoff mehr entwickelt und in ein trockenes 
Pulver verwandelt ist, wird sie rasch in dem Flammofen calcinirt, 
hierauf abermals aufgelöst und nun wie gewöhnlich auf kohlensaures 
Natron eingedampft. Ein Theil dieser reinen Lauge wird dann stets 
zur Wiedergewinnung der nöthigen Menge von doppelt- kohlensaurem 
Natron benutzt, indem man sie der von schwefliger Säure befreiten 
Ofenluft der verschiedenen Feuerstätten aussetzt. 

Nach der Ansicht von A. Rose sind alle Methoden, welche sich 
darauf gründen, zuerst Schwefelnatrium zu erzeugen und dieses zu zer- 
setzen, an der Schwierigkeit gescheitert, ein Material zur Construction 
der nöthigen Oefen zu finden, indem die gewöhnlich angewandten Bau- 
mateirialien ungemein schnell von dem Schwefelnatrium zerstört werden. 
Auch sind nach demselben alle Methoden gänzlich unpraktisch, welche 
darauf abzielen durch Zersetzung von Schwefelnatrium oder Schwefel- 
calcium Schwefelwasserstoff zu erzeugen, um dieses behufs der Schwefel- 
saarefabrikation in Bleikammern zu verbrennen, und zwar aus dem 
doppelten Grunde, weil der Schwefelwasserstoff zur Verbrennung der 
Lult den Sauerstoff entzieht und ausserdem eine so grosse Hitze in den 
Kammern erzeugt, dass die Schwefelsäure nicht zu condensiren ist. Hat 
man daher Schwefelwasserstoff zur Verfügung, so mussman aus diesem 
erst durch Zersetzung den Schwefel abscheiden und diesen dann wie 
gewöhnlich verbrennen. 

Andere Vorschläge wollen die überall in grosser Menge sich vor- 
findende Kieselsäure zur . Zersetzung des Kochsalzes benutzen. Schon 
Guy ton und Carny zersetzten 1782 das Kochsalz durch Schmelzen 
mit Feldspath und das erhaltene in Wasser lösliche kieselsaure 
Natron durch Kohlensäure unter Abscheidung von Kieselsäure, während 
später Maugham dieses Natronsilicat durch kohlensauren Kalk zer- 
legte. 

Im Jahre 1847 nahm Tilghmann^) ein Patent fiir eine derartige 
Umwandlung des Kochsalzes in Soda, nach welcher in thönernen Röhren 



OAns d. Kepert. of Patent-Invent. 1853| p. 447; Dingl. polyt Joum. Bd.GXXXI, 
S. 88; Jfthreflber. v. Liebig u. Kopp. 1854, 8. 781. 

") Rep. qf Pat«nt-Invent. Sept. 1847, p. 160; DiDgl. polyt. Jouro. Bd. CVI, 
8. 196; Jahr«tber. y. Liebig u. Kopp. 1847 bU 1848, S. 1062. 



Digiti 



äcfby Google 



36 Soda. 

über glühenden Thon ein Gemenge von Wasserdampf und Kocksalc- 
dampf geleitet werden soll. Diese Dämpfe werden dadnrcli erzeugt, dass 
man überhitzten Wasserdampf in gusseiseme Retorten leitet, in denen 
Kochsalz geschmolzen erhalten wird. Es findet hierbei eine Zerlegung 
des Wassers statt, in Folge davon entweicht Salzsäure, während der 
Sauerstoff des Wassers das Natrium des Kochsalzes zu Natron oxjdirt, 
welches mit dem überschüssigen Thon zu einem Natronaluminat zusam- 
menschmilzt, das dann durch Kohlensäure zersetzt wird. 

Nach einer späteren Mittheilung von Tilghmann soll das Koch- 
salz zu gleichen Theilen mit Gyps gemengt und in thönernen Bohren 
in der Rothglühhitze Wasserdämpfen ausgesetzt werden. Hierbei ent- 
weicht viel Salzsäure, die man verdichtet. Das zersetzte Gemenge wird 
ausgelaugt und das gebildete Glaubersalz durch Krjstallisation von dem 
unzersetzten Kochsalz getrennt. Das Glaubersalz wird zur weiteren 
Umwandlung wieder mit Thon gemengt und das Gemenge auf dem 
Heerd eines Flammofens unter Zuleitung eines Dampfstromes calci- 
nirt. Auch hier wird das durch Auslaugen erhaltene Natronaluminat 
durch Kohlensäure zersetzt. Ein ähnliches Verfahren erhielt Fritsche 
in Biala für Oesterreich patentirt^). 

Andere Vorschläge gehen dahin, die Umwandlung des schwefel- 
sauren Natrons in Soda nach von dem Leblanc' sehen Verfahren ab- 
weichenden Methoden umzuändern. Unter füesen ist das von Prück- 
ner in Hof das bekannteste, welches später in ähnlicher Weise von 
Persoz und Anderen adoptirt wurde. Dieselben verwandeln zunächst 
das Kochsalz durch schwefelsaures Ammoniak in Glaubersalz, hierauf 
dieses durch Glühen mit Kohle in Schwefelnatrium, und zerlegen dieses 
dann in wässeriger Lösung durch Kupferoxydul, wobei Aetznatron und 
Schwefelkupfer gebildet werden. Letzteres wird durch Rösten in Ku- 
pferoxyd und schweflige Säure verwandelt, von denen das erstere durch 
schwaches Glühen mit etwas Kohlenpulver wieder in Oxydul zurück- 
geführt, dagegen das schwefiigsaure Gas in Amoniak geleitet wird, 
wodurch schweüigsaures Ammoniak entsteht, das an der Luft allmälig 
wieder in schwefelsaures Ammoniak übergeht. Soll das Aetznatron 
carbonisirt werden, so wird die Lauge mit Holzkohlenklein und Säge- 
spänen eingedampft und calcinirt, wodurch eine sehr reine Soda erhal- 
ten wird. 

Kölreuther und später C. Lennig^) haben auch Verfahren be- 
schrieben und patentirt erhalten, das Glaubersalz durch kohlensauren 
Baryt oder Aetzbaryt zu zersetzen. Er d mann und Buchner geben 
jedoch übereinstimmend an, dass das schwefelsaure Natron selbst durch 
anhaltendes Sieden nicht vollständig von kohlensaurem Baryt zerlegt 
wird, welches aber bei Anwendung von Aetzbaryt oder, nach Wagner, 
auch durch in Wasser gelösten doppelt-kohlensauren Baryt leicht ge- 
lingt. Der hierbei entstehende schwefelsaure Baryt wird wieder in 
kohlensauren zurückgeführt, wozu man vorgeschlagen hat, ihn mit Kohle 
und Theer gemengt zu glühen, hierdurch in Schwefelbarium umzu- 
wandeln, aus diesem mit Salzsäure Ghlorbarium darzustellen, und 
dieses mit dem unreinen kohlensauren Ammoniak der Knochendestillä- 



*) Polyt. Centralhalle 1868, S. 32. — «) Boyer. Kunst- u. Qcwcrbebl. 1867, 
S. 82. 



Digitized by VjOOQIC 



Soda. 37 

tion zu fallen. Der kohlensaure Baryt wird dann von der Salmiak- 
loaung durch Filtration getrennt. 

In der neuesten Zeit will man auch den angeblich in grosser 
Menge in Grönland aufgefundenen Krjolith (AljFs -|-3NaF), mit Vor- 
theil zur Darstellung von Soda oder kaustischer Natronlauge benutzen, 
welche Methode, nach Moigno^), namentlich in Frankreich mehrfache 
Anwendung finden soll. Aus 100 Pfund dieses Minerals würde man 
bei vollständiger Zersetzung desselben mit einem Ueberschusse an ge- 
branntem Kalk 57 Pfund Natronhydrat und 24 Pfund Thonerde erhal- 
ten, doch soll, nach Ti|ssier, selbst bei anhaltendem Sieden mit der 
Kalkmilch höchstens ^/^ der im Ejryolith enthaltenen Thonerde als lös- 
liches Natronaluminat erhalten werden. Die thonerdehaltige Lauge 
benutzt man bereits in kleineren Seifensiedereien direct zu der Dar- 
stellung von Seife, wobei alles Thonerdehydrat mit in die Seife geht. 
Durch Einleiten von Kohlensäure in die Kryolithlauge wird die Thon- 
erde abgeschieden, wodurch man eine sehr reine Sodalauge erhält. 
Sollte dieses Mineral in hinreichender Menge zu niedrigem Preise nach- 
haltig zu beziehen sein, so dürfte es einer vielfachen Anwendung fähig 
sein. 

Persoz 3) will die Sodafabrikation mit der Darstellung der Oxalsäure 
verbinden, indem er nach der Prücker'schen Methode (s. o. S. 86) 
mittelst Kupferoxydul aus Schwefelnatrium kaustische Natronlauge berei- 
tet und diese bei 150^ bis 180^0. auf organische Substanzen einwirken 
lässt. Sobald er 4 bis 6 Thle. Natronhydrat auf 1 Thl. getrocknete 
Weizenkleie anwandte, erhielt er 90 Proc. der angewandten Kleie an 
Oxalsäure. Das oxalsaure Natron scheidet sich beim Abdampfen der 
Natronlauge bis zu Sb^B, (specif. Gewicht 1,320) ans, indem es darin 
fast anlöslich ist. Die Mutterlauge wird eingedampft und calcinirt, 
wodurch der Rest der Oxalsäure zerstört wird und hochgradige Soda 
übrig bleibt. Das oxalsaure Natron wird mit Kalkmilch behandelt, 
wobei es sich schon in der Kälte vollständig in Natronhydrat und Oxal- 
säuren Kalk umsetzt, welcher letzterer ausgewaschen und zur Ausschei- 
dung der Oxalsäure mit Schwefelsäure zersetzt wird. 

Von besonderem Interesse scheint für die Ausbeutung im Grossen 
ein Verfahren werden zu wollen, welches in England im Jahre 1854 
patentirt wurde, seit 1855 in einer grossen Fabrik von Blythe und 
Benson in Church bei Manchester mit gutem Erfolg in Anwendung 
ist und zuerst durch E. Kopp') eine Veröffentlichung fand. Dasselbe 
gründet sich darauf, Glaubersalz durch Glühen mit »Kohle und Eisen- 
oxyd zu zersetzen, und aus dem dabei entstehenden Schwefeleisen 
den Schwefel durch Röstung zur Fabrikation der Schwefelsäure zum 
grossten Theil wieder zu gewinnen, während das zurückbleibende 
Eisenoxyd von neuem in den Kreis der Fabrikation gelangt. Hiernach 
ist dieses Verfahren nur die Ausbildung eines der ältesten Vorschläge 
zur Gewinnung von Soda. Schon im Jahre 1778 schlug der Bene- 
dictiner Maleherbe vor, aus einem gleichen Gemenge Soda zu bereiten, 

') ComoB T.Xn-, Polyt. Centralbl. 1868, 8.889. — •) Compt. rend. T. XLVII, 
P. 648; Dingl. polyt. Journ. Bd. CL, S. 882; Polyt. Notizbl. 1869, S. 22; Polyt. 
Centralbl. 1869, 8. 49. — «) Annal. de chim. et de phya. [8.] T. XLVÜI, p. 81 ; 
Polyt. CcDtralbL 1865, 8.1128; Sill. Amer. Joum. [2.JT.XXI, p. 120; Dingl. polyt. 
Jonni. Bd. CXLII, 8. 341; Jabresber. v. Liebig u. Kopp, 1855, 8. 866; Wagner's 
«»»hreBber. 1865, 8.66; 1866, 8. 62. 

Digitized by VjOOQIC 



38 / Soda. 

und Alb an stellte hier&ber in Gegenwart der Commissäre des Wohlfahrts- 
ausschusses Versuche an (vergl. S. 5). Derselbe nahm 100 Kilogrm. 
calcinirtes Glaubersalz, 20 Eilogrm. Kohlenpulver, 11 Kilogrm. glü- 
hende Holzkohlen und 33 Kilogrm. Eisenblechabfälle. Zuerst redu- 
cirte er das Glaubersalz mit Kohle zu Schwefelnatrium, dann setzte 
er einen Theil des Eisens zu, dann einen Theil der glühenden Kohle, und 
dieses wurde in gleicher Reihenfolge mit dem Beste wiederholt, und so 
lange ruhig geschmolzen, bis die SchwefelwasserstoiTentwickelung fast 
beendet war, worauf die Masse aus dem Ofen entfernt wurde. An der 
Luft zerfiel diese unter Wärmeentwickelung, worauf Wasser 100 Kilogrm. 
kohlensaures Natron auslaugte. 

Nach Kopp mischt man 125 Kilogrm. wasserfreies Glaubersalz 
mit 80 Kilogrm. Eisenoxyd und 55 Kilogrm. Kohle innig zusammen. 
Das Eisenoxjd wird als wasserfreies feines Pulver angewandt, dae 
möglichst rein, namentlich frei von Kalk und Magnesia sein soll. Für 
die erste Operation kann man statt des künstlichen Eisenoxyds auch 
reinen Rotheisenstein, Spatheisenstein, Magneteisenstein, Hamm erschlag 
oder selbst fein vertheiltes metallisches Eisen anwenden. In der Folge 
hat man immer mit dem durch den Process fallenden Eisenoxyd zu 
operiren. Als Kohle soll man eine reinere Steinkohle, Anthracitkohle 
oder kalkfreie Braunkohle wählen. 

Die Eisenmenge muss hinreichen, den ganzen Schwefelgehalt der Be- 
schickung als Einfach-Schwefeleisen (FeS) zu binden. Die Kohle darf 
nicht im Ueberschuss vorhanden sein, da sie sonst zu einem Gehalt an 
Schwefelnatrium in der Schmelze Veranlassung giebt, der vermieden 
werden muss, so dass diesem Fehler am besten durch einen kleinen 
Ueberschuss von Glaubersalz vorgebeugt wird. Die Beschickung 
schmilzt leicht, greift die Heerdsohle stark au, ist leicht zu bearbeiten 
und nimmt einen viel kleineren Raum ein, als die gleiche Beschickung 
nach dem Leblanc 'sehen Verfahren, so dass in denselben Oefen, wel- 
che bis jetzt für dieses Verfahren dienen, nach dem neuen Verfahren 
doppelt so reiche Beschickungen in kürzerer Zeit zersetzt werden kön- 
nen. Auch hier ist der Process beendet, sobald die Gasentwickelang 
nachlässt Man lässt die Masse in eisernen zugedeckten Rollkästen er- 
kalten. Sie ist von schwärzlicher Farbe, wenig porös, sehr hart und 
von krystaUinischem Bruch. 

Hierauf erfolgt das Carbonisiren der rohen Soda, wodurch sie zu 
einem Pulver zerföllt. Versucht man nämlich die Schmelze, wie sie 
den Ofen verlassen, auszulaugen, so erscheint sie nur wenig löslich, 
indem das Wasser in eine dunkelgrüne emulsionsartige Flüssigkeit 
verwandelt wird, aus der sich das hydratische Schwefeleisen selbst nach 
langer Ruhe nicht absetzt. Lässt man sie aber nach dem Erkalten an 
der offenen Luft liegen, so erleiden die Blöcke oberflächlich rasch eine 
Veränderung, sie werden matt, schwellen auf und bedecken sich unter 
Erwärmung mit einem grauschwarzen Pulver, zu dem sie allmälig ganz 
zerfallen. Diese Veränderung erfolgt um so schneller, je feuchter und 
kohlensänrereicher die umgebende Luft ist. Hierbei kann ich die 
Wärme bis zur Entzündung der Masse steigern, wodurch idann wieder 
schwefelsaures Natron gebildet würde. Um den Process der Carboni- 
sirung zu beschleunigen, werden in England diese Blöcke in einem 
trocken aufgemanerten leicht bedachten viereckigen Schuppen, dessen 
Boden durch einen eisernen Rost gebildet wird, unter dem sich in 

Digitized by VjOOQIC 



Soda. 39 

einem Abstände von 27) Meter ein von Steinplatten gebildeter solider 
Boden befindet , aufgestellt, zu diesem unteren Räume führt eine £in- 
gangsthör sur Herausschaffung des sich hier ansammelnden Pulvers, so 
wie ein Canal, durch welchen ein Strom feuchter kalter Kohlensäure 
(darch Verbrennung von Kohks mittelst eines Ventilatorgebläses er- 
zeugt) eingeleitet wird. Das sich von den Blöcken ablosende Pulver 
fallt fortwährend durch den Rost, wird in dem unteren Räume rasch 
mit Kohlensäure gesättigt, während der Rest* der feuchten Kohlensäure 
auf die so stets vom Pulver entblösste rohe Soda wirkt. Ein Block von 
250 Kilogrm. erfordert höchstenä^l Quadratmeter Fläche für das Zer- 
fallen, welches in 8 bis 10 Tagen erfolgt ist. Hiernach reicht ein Ge- 
bäude von 20 Meter Länge und 10 Meter Breite für 200 Blöcke hin, 
also fiir eine wöchentliche Production von 50000 Kilogrm. roher Soda. 
Auch kann man mit Vortheil die Verbrennungsluft des Sodaofens zu die- 
sem Zwecke benutzen. 

Durch Aufnahme von Kohlensäure hat die Soda die Eigenschaft 
gänzlich verloren, im Wasser zu einer emulsionsartig aufgeschwollenen 
Masse zu zergehen, sondern kann, wie die auf anderem Wege erhaltene 
rohe Soda^ methodisch mit Wasser von 30^ bis iO^ C. ausgelaugt wer- 
den, welcher Umstand allein die fabrikmässige Darstellung nach dieser 
Methode ermöglicht, und das eigentlich wesentlich Neue derselben aus- 
macht. Bei mittlerer Lufttemperatur liefern die bei iO^ C. concentrirten 
Laugen binnen 24 bis 48 Stunden eine reichliche Krystallisation von 
kohlensaurem Natron. Die eingedampflen Laugen hinterlas$!ien nach 
dem Caiciniren ganz weisses Sodasalz von 80 bis 95 Proc. Gehalt. 

Der Bückstand der Auslaugung besteht wesentlich aus Schwefel- 
eisen von dunkel kupferfarbigem Ansehen. Nachdem dieses ziemlich 
vollständig an Soda erschöpft ist, wird es am besten so weit abtropfen 
gelassen, dass es ausgepresst werden kann, wobei man es in Form von 
Ziegeln schlägt, die noch im halbfeuchten Zustande auf den Heerd 
des Rostofens gesetzt werden. Dieses Schwefeleisen ist so entzünd- 
lich, dass es schon bei 100^ C. sich entzündet. Ist der grösste Theil 
desselben abgebrannt, so wird es auf den glühenden Platten des Röst- 
ofens ' anseinandergebreitet, um die Abröstung des Schwefels zu voll- 
enden. Die schweflige Säure wird in die Bleikammern geleitet, wo- 
selbst der Wassergehalt, der zunächst aus dem feuchten Schwefeleisen 
entweicht, die Umwandlung der schwefligen Säure in Schwefelsäure 
befördert. Ein kleiner Röckhalt von Natron, der bei der RÖstung wie- 
der in schwefelsaures Natron zurückgeführt wird, ist den weiteren 
Eigenschaften des Schwefeleisens nicht nachtheilig, sondern günstig, 
ond da dieses nicht verloren geht, sondern dem nächsten Process zu 
gute kommt, so ist eine vollständige Erschöpfung bei der Laugung, wo- 
durch nur das Volumen der Laugflüssigkeiten zu sehr vermehrt wird, 
hier nicht wie bei dem L eb 1 an c' sehen Verfahren noth wendig. Ist 
das Schwefeleisen allmälig durch Beimengung der aus dem Glaubersalz, 
der Asche des Brennmaterials und dem Heerdabgange bis auf 50 Proc. 
verunreinigt, so muss es durch neues ersetzt werden. 

Nach Kopp sollen sich bei diesem Verfahren durch Glühen bil- 
den, ans : 

2Fe2 08 -f SNaO.SOa + 16C = Fe4NaaS8 + 14C0 + C2O4; 
es wird dann durch weiteres Glühen Sauerstoff und Kohlensäure aus 
der Luft absorbirt: 

Digitized by VjOOQIC 



40 Soda. 

Fe4NaaS3 + 20 + 2C0, = Fe4NaS3 + 2(NaO.CO,). 
Unlösliche Verbindung 

A. Stromeyer^) hat dieses neue Verfahren einer ausfuhrlichen 
theoretischen und praktischen Untersuchung unterworfen, wobei er zu- 
nächst die grossen Vortheile, welche dieses Verfahren vor dem alten 
von Leblanc auszeichnen sollen und die von Kopp schon bei dessen 
erster Publication hervorgehoben wurden, vollkommen bestätigt; dahin- 
gegen stimmt er nicht mit Kopp in Hinsicht dessen für den Process 
aufgestellten Theorie überein. 

Stromeyer glaubt nach seinen zahlreichen Versuchen und Analy- 
sen schliessen zu müssen, dass in diesem Process von 3 Atomen NaO.SOt 
nur zwei zu Schwefelnatrium reducirt werden, deren beide Schwefel- 
atome dann sich mit 2 Atomen Fe zu 2FeS vereinigen, während die 
2 Atome Natron im Ofen in kohlensaures Natron übergehen; das dritte 
Atom, NaO.SOg, wird zwar auch zu NaS reducirt, bildet aber als sol* 
ches mit dem 2FeS ein Doppelsulfid, welches er sogar durch directes 
Zusammenschmelzen der Sulfide in den passenden Verhältnissen darge- 
ätellt hat. Es besitzt diese Verbindung alle die interessanten Eigen- 
schaften, welche man an der Schmelze zuerst kennen gelernt hat. Auch 
beobachtete er hierbei, wie Schwefelnatrium in wässeriger Lösung nur 
sehr langsam und unvollständig durch Kohlensäure zersetzt wird, wäh- 
rend es im festen aber vertheilten und noch feuchten Zustande sehr 
rasch und viel vollständiger unter reichlicher Entwickelung von Schwe- 
felwasserstoff in kohlensaures Natron übergeht. 

Für die Praxis glaubt Stromeyer nach seinen Versuchen auf 
o Atom Glaubersalz (213) die Anwendung von nur 1 Atom Eisenoxyd 
(80) empfehlen zu müssen, indem diese Menge Eisen vollständig ausreicht 
und in Hinsicht der Natronausbeute und dessen Reinheit die besten 
Resultate lieferte. Freilich greift diese Mischung die Tiegelwände so 
stark an, dass Stromeyervermnthet,dass, vielleicht nur um die Schmelze 
dickflüssiger und weniger fressend zu machen, in England ein so über- 
grosses Verhältniss des Eisenoxyds angewendet werde. Er ist der 
Meinung, dass diesem Uebelstande durch Anwendung von dicken 
Eisengussschalen für die Sohle des Heerdes (wie man sie bei der Fa- 
brikation des Blutlaugensalzes schon längst mit Vurtheil anwendet) 
mit Nutzen vorgebeugt werden könnte, um so mehr, da die Temperatur 
viel niedriger als in dem ge wohnlichen Sodaofen zu sein brauche. 

Die leichte Krystallisirbarkeit des kohlensauren Natrons erleichtert 
seine vollständige Reinigung von allen fremden Beimengungen, so dass 
die krystallisirte Soda in der Regel für die meisten Anwendungen 
keiner weiteren Reinigung bedarf. Auch die calcinirte Soda muss eine 
rein weisse Farbe besitzen, sich trocken anfühlen lassen und sich in 
reinem Wasser vollständig und klar auflösen. In verdünnten Säuren 
löst sie sich ebenfalls unter Entweichen der Kohlensäure klar auf; wird 
ihre wässerige Lösung durch Bleiessiglüsung geschwärzt, so enthält sie 
noch Schwefelnatrium. Giebt ihre Lösung in reiner Salpetersäure mit 
Silberlösung einen weissen Niederschlag, so enthält sie noch Kochsalz, 
und erzeugt Chlorbarium in dieser sauren Auflösung eine weisse Fäl- 



») Annsl. d. Chem. u. Pharm. Bd. CVII, S. 833 i Polyt. C«iitralbL 1868, S. 
1560; Wsgner'e Jahrcaber. 1868, S. 102. 



Digitized by VjOOQIC 



Soda. 41 

Inng^ 9o zeigt diese einen Rtickstand von Glaubersalz in der Soda an. 
Wird der in möglichst neutraler Lösung entstandene Silbernieder- 
schlag beim Erhitzen grau oder schwarz, so enthält sie schwefligsaures 
oder unterschwefligsaures Natron; auch erzeugt in diesem Fall der ge- 
ringste Znsatz von jodsaurem Kall und Stärkekleister eine tief blaue 
Jodfltärkereaction , und auf Zusatz von metallischem Zink entwickelt 
die mit Salzsäure angesäuerte Sodalösung Schwefelwasserstoff, des- 
sen kleinste Spuren mit Hülfe von Bleipapier wahrgenommen wer- 
den können. Bei einer normalen Fabrikation dürfen diese Verun- 
reinigungen höchstens 2 bis 5 Proc. betragen. Steigt jedoch ihre 
Menge höher, wie zu 10 bis 20 Proc, so war dieses Absicht der Fa- 
brikation oder ist ein betrügerischer Zusatz. Häufig enthält die calci- 
nirte Soda auch grössere Mengen von Aetznatron, welches bis zu 10 
und selbst 15 Proc. betragen kann. Hierdurch wird der Gehalt der 
Soda an Alkali wesentlich erhöht, weshalb solche namentlich von den 
Seifensiedern gesucht ist. Von einem Gehalte an Aetznatron überzeugt 
man sich dadurch, dass man die wässerige Lösung der fraglichen Soda 
mit einem Ueberschusse von Chlorbariumlösung fallt, und prüft, ob 
hienach die Flüssigkeit noch stark alkalisch reagirt, ohne jedoch durch 
Bleiessig geschwärzt zu werden. Der Gehalt an Aetznatron macht, 
dass die Soda leichter Feuchtigkeit aus der Lufl anzieht, weshalb der 
Consument darauf zu achten hat. Häufig enthält die calcinirte Soda 
Cyankalium und meistens auch Eisen; eine mit Salzsäure angesäuerte 
Losung giebt dann beim Stehen für sich oder nach Zusatz von etwas 
Eisenoxyd-Eisenoxydnlsalz einen Niederschlag von Berlinerblau. 

Die quantitative Prüfung der im Handel vorkommenden Sodasorten 
auf ihren Gehalt an reinem kohlensauren Alkali geschieht jetzt allge- 
mein nach den bekannten maassanalytischen Methoden, die unter ,,A1- 
kalimetrie (2. Aufl. Bd. I, S. 448)^^ so wie unter „Analyse, volumetri- 
sche, für starre und flüssige Körper (2. Aufl. Bd. I, S. 909)", eine aus- 
fuhrliche Besprechung bereits gefunden haben. 

Durch die maassanalytische Bestimmung wird in der Regel direct 
der Procentgehalt einer Soda an Natronhydrat oder an wasserfreiem 
kohlensauren Natron aus dem Volumen der zur Neutralisation einer 
bestimmten Gewichtsmenge der angewandten Soda verbrauchten Säure 
gefunden. Ist die Concentration der Säure (wozu man in der Technik 
allgemein noch die Schwefelsäure anwendet) so gestellt, dass die ver- 
brauchten Volumprocente oder Grade zugleich die Procente der Soda 
an Natronhydrat angeben, so kann man diese durch Multiplication mit 
1,71 leicht in die entsprechenden Procente an kohlensaurem Natron 
nmrechnen, und multiplicirt man die hierdurch erhaltenen Zahlen aber- 
mals mit dem Factor 2,698, so erhält man die Procente an krystalli- 
sirtem kohlensaurem Natron. 

Um diesen Bedingungen zu entsprechen, muss die Schwefelsäure 
so weit verdünnt werden, dass 100 Grade des Alkalimeters genau 
171 Gran oder 8,55 Gramm wasserfreies kohlensaures Natron (= 100 
Gran oder 5 Gramm Natron NaO) sättigen. 

Um die Beduction der Procente an Natron in Natron hydrat, in 
wasserfreies kohlensaures Natron oder in krystallisirtes kohlensaures 
Natron ohne weitere Rechnung sofort ausführen, d. h. ablesen zu kön- 
nen, ist folgende Tabelle berechnet. 



-Digitized by VjOOQIC 



42 



Soda. 



Tabelle über äquivalente Mengen von Natron, Natronhydrat, kohlen- 
saurem, wasserfreiem und krystallisirtem Natron. 







h 


b" er 






^ 


c y 






S ^ 


O SS 






s. 


o S 


o 

o 




!l8- 


.2 « + 

11^ 


O 

i 


go 


2 g" <N 


5 8+ 

|So" 


j 


li 






1 


1^ 


1-^ 


■5 « 






^ 


^55 






^ 


^Ä 


1 


1,2» 


1,71 


4,61 


51 


C5,ßl 


87,19 


23rj,26 


2 


2.5Ö 


3,43 


9,23 


52 


C7,10 


88,90 


239,87 


8 


3,87 


5,13 


18,84 


53 


G8,39 


90,G1 


24i,48 


4 


5,1 G 


c,a4 


18^45 


54 


69,68 


92,32 


24iJ,10 


6 


C,45 


8,56 


23,OG 


55 


70,97 


94,03 


2^3,71 


G 


7,74 


1Ü,2G 


27,G8 


50 


72,20 


95,74 


258,32 


7 


9.03 


11,97 


32,29 


57 


73,55 


97,45 


21^2,94 


8 


1033 


13,Ga 


30,90 


58 


74,84 


99,16 


2G7,55 


» 


U,G1 


15,39 


41,52 


59 


7G,13 1 


100.87 


272,16 


10 


12,90 


17,10 


4C,18 


00 


77,42 


102,58 


276,77 


Jt 


J4,19 


18,81 


50,74 


Gl 


78,71 


106,00 


281,40 


12 


15.^8 


20,52 


55,85 


02 


80,00 


107,71 


28G,01 


13 


1C,77 


22,23 


59,97 


G3 


81,29 


109,42 


290,62 


U 


1&,0G 


23,93 


G4,58 


04 


82,58 


11M3 


295,24 


15 


i9,35 


2&,G4 


G9,19 


05 


83,87 


112,84 


299,85 


IC 


:fO,G4 


27,35 


73,80 


CG 


85,1 G 


114,55 


304,46 


17 


■ii,n3 


Ü9.0G 


78,42 


07 ! 


8G,45 


316,20 


309,08 


18 


23.22 


30,77 


83,03 


08 


87,74 


117,97 


313,69 


19 


24.5^2 


32,84 


87,64 


C9 


89,03 


119,68 


318,30 


20 


25,81 


3^,19 


92,26 


70 


90,32 


119,G& 


322,90 


21 


27,10 


SS,90 


96,87 


71 


91, Gl 


121,39 


327,52 


aa 


28.39 


37,G1 


101,48 


72 


92,90 


123,10 


332,18 


23 


29,C8 


39,32 


1Ü6,10 


78 


94,19 


124,81 


33f;,74 


34 


30,97 


41,03 


110,71 


74 


95,48 


120,52 


341,86 


25 


32,20 


42,74 


115,82 


75 


96,77 


128,23 


315,97 


2G 


33,05 


44,15 


119,94 


7G 


9ft,0G 


129,94 


350,58 


27 


34,84 


4G,1C 


124,55 


77 


99,35 


131,C4 


355,20 


28 


30,13 


47,87 


129,16 


78 


100,64 


188,85 


859,81 


i9 


S7,42 


49,68 


133,78 


79 


101,98 


135,07 


864,41 


3n 


38,71 


51,29 


138,39 


80 


103,225 


136,77 


369,03 


Sl 


40,00 


53,00 


143,00 


81 


104,51 


138,48 


873,64 


32 


41,29 


54,71 


U7,G1 


82 


105,80 


140,19 


878,26 


33 


42,5S 


5G,42 


152,28 


83 


107,09 


141,90 


382,87 


34 


43,87 


58,13 


lo6,84 


84 


108,38 


143,61 


387,48 


So 


45.1G 


59,84 


IG 1,45 


85 


109,67 


145,32 


892,09 


96 


4t!,45 


01,55 


11)6,07 


86 


110,96 


147,03 


396,71 


:iT 


47,74 


G3,2G 


1 70,68 


87 


112,25 


148,74 


401,82 


3** 


4n,03 


1 04,97 


175,29 


88 


113,55 


150,45 


405,98 


39 


50,32 


CG,C8 


179,90 


89 


114,84 


152,16 


410,55 


40 


^l,Gl 


fi8,39 


184,51 


90 


116,18 


158,87 


415,16 


41 


52,90 


70,10 


189,18 


91 


117,41 


155,58 


419,77 


42 


54 J 9 


71,81 


198,74 


92 


118,70 


157,29 


424,39 


43 


55,48 


73,52 


198,35 


98 


119,99 


159,00 


429,00 


44 


5G,77 


T5,23 


202,97 


94 


121,28 


160,71 


483,61 


4& 


S8,0G 


7G,94 


iJ07,58 


95 


122,57 


162,42 


438,22 


'46 


69,35 


79,05 


212,19 


96 


123,86 


164,18 


442,84 


47 


60,G4 


80,35 


216,81 


97 


125,15 


165,88 


447,45 


4S 


Gl, 93 


82,ÖG 


221,42 


98 


126,45 


167,54 


452,06 


49 


03,22 


83,77 


226,08 


99 


127,74 


169,25 


456,68 


50 


64,52 

L 


85^8 


230,64 


100 


129,08 


170,97 


461,29 



Digitized by VjOOQIC 



Soda. 43 

Hat man z, B. flir die Neutralisation einer geglühten Sodaprobe 
54 Grad Säure verbraucht, so enthält dieselbe nach der Tabelle 54 Froc. 
Natron oder 69v^5 Natronhydrat, oder 92,18 wasserfreies, oder 249,1 
krjstallisirtes kohlensaures Natron. 

So einfach die quantitative Bestimmung des Alkaligehalts eines fer- 
tigen reineren Sodasalzes nach den allgemein dabei befolgten alkalime- 
trischen Methoden auch ist, so umständlich, unsicher und selbst schwierig 
wird dieselbe, sobald die Soda neben dem kohlensauren Natron noch 
Aetznatron, Schwefelnatrium, schwefligsaures Natron und einen Rest 
von alkalischen Erden enthält. Dieses ist namentlich bei der Unter- 
suchung von roher Soda in hohem Grade der Fall, da sich in dieser 
die genannten Verbindungen noch mit einer grössern Zahl anderer ge- 
sellt befinden. 

Es müssen solche Sodasorten zunächst gonau qualitativ auf die ein- 
zelnen Bestandtheile untersucht und dann nach den Regeln der quantita- 
tiven chemischen Analyse analysirt werden. Auch in dieser Richtung 
hat sich Unger durch seine Untersuchungen über den Sodaprocess 
Verdienste erworben, indem er die von ihm als brauchbar für diesen 
Zweck erkannten Methoden ausführlich beschrieben hat ^). Er hat 
durch die Analyse der Sodaschmelze von Ringkuhl (s. S. 19) nicht 
weniger als 24 einfache Stoffe darin nachgewiesen. 

Auch ist es den Bemühungen Mohr 's gelungen, nach seinen Titrir- 
methoden die in den Sodarohlaugen der Sodafabriken enthaltenen Be- 
standtheile nach folgendem Verfahren sämmtlich quantitativ zu be- 
stimmen. 

Er zieht 10,6 Grm. der Sodaschmelze während 10 bis 12 Stunden 
nnter häufigem Umschütteln mit kaltem Wasser aus, ergänzt die Lauge 
nebst Waschwasser mittelst reinem Wasser zu einem Liter Flüssigkeit 
und bestimmt in V4 derselben mittelst Normalschwefelsäure den Al- 
kaligehalt, bei welchem Verhältniss jedes Cubikcentimeter der Normal- 
säore gleich 2 Proc reinem kohlensauren Natron ist; das zweite Viertel 
(250 CG.) der klaren Lauge wird mit Essigsäure schwach angesäuert, 
mit Stärkelosung versetzt und durch Zehent- Jodldaung Schwefelwasser- 
stoff bestimmt, der dann auf Einfach - Schwefelnatrium berechnet wird. 
Da jedoch bei nicht ganz frischer Schmelze oder bei Untersuchung 
von Sodarohlauge dieselben durch den Einfluss der Luft auch unter- 
schwefligsaures Natron enthalten, so wird in einem andern Antheil 
der Lauge mit schwefelsaurem Zinkoxyd gefällt, wodurch der Schwefel 
als Schwefelzink niederfällt; das Filtrat hiervon wird wiederum mit 
Starke und Zehent-Jodlösung gemessen. 

Aus der Differenz dieser Bestimmung und der vorigen, bei der 
Schwefelwasserstoff und unterschweflige Säure gemessen war, ergiebt 
sich der Gehalt an letzterer. Ein weiterer Theil der Lauge wird beinahe 
mit Essigsäure gesättigt und hierauf zur Chlorwasserstofi'bestimmung 
mit ohromsaurem Kali und Zehent- Silberlösung ausgemessen, und end- 
lich die Schwefelsäure der Lauge, nachdem dieselbe zuvor mit Salzsäure 
gesättigt, mit Normalchlorbarium gefallt, der Ueberschuss desselben 
mit kohlensaurem Ammoniak gefUUt und der aus schwefelsaurem und 
kohlensaurem Baryt bestehende Niederschlag nach dem Auswaschen 
mit Normalsalpetersänre titrirt. 

>) Annal. d. Chem. n. Pharm. Bd. LXXXI, S. 289. 

Digitized by VjOOQIC 



44 Soda, künstliche. — Soda, natürliche. 

Bei der Analyse der erwähnten Rohlange der Rhenania (s. S. 27) 
bestimmte Mohr zunächst das specifische Gewicht der Lange, sowie durch 
Abdampfen von 10 Cubikcentimer im Platintiegel den festen Rückstand 
derselben. Zu den übrigen oben angeführten roaassanaljtischen Bestim- 
mungen wandte er je 10 Cubikcentimeter der Rohlange an. 

Eine andere Analyse, wobei Schwefelsäure, Thonerde und Cyan 
durch Wägung bestimmt wurde, hat Mohr^) später beschrieben. 
Pelouze^) hat in letzterer Zeit darauf aufmerksam gemacht, dass in 
der rohen Soda beim Glühen derselben bei Zutritt der Luft in Folge 
der Oxydation des Calciumoxysulfurets eine Gewichtsvermehrung ein- 
trete, und dass beim Auslaugen durch Zersetzung von schwefelsaurem 
Kalk mit kohlensaurem Natron sich Glaubersalz bilde unter Abnahme 
des Titers, so dass zuletzt kaum noch Spuren Soda gelöst werden. 
Dieselbe Zersetzung findet langsamer als in der Glühhitze schon bei 
200^ bis 300^ G. statt, und nach längerer Zeit schon bei gewöhnlicher 
Temperatur, welche letztere Erfahrung Erdmann^) bestätigte. Ein 
Sodasalz, welches vor 27 Jahren 29 Proo. kohlensaures Natron enthielt, 
zeigte jetzt nur noch Spuren davon, enthielt fast nur schwefelsaures 
Natron und nahm beim Glühen an der Luft nicht mehr merkbar an Ge- 
wicht zu. 

Beim Glühen in einer sauerstofffreien Atmosphäre^ verändert sich 
die rohe Soda nicht, weder dem Gewicht noch dem Gehalt nach. Es 
geht daraus hervor, dass man die rohe Soda, wenn sie Sohwefelcalcium 
enthält, behufd der Bestimmung ihres Gehalts an kohlensaurem Alkali im 
luftleeren Räume oder in einer Kohlensäure - Atmosphäre trocknen miiss. 

Die Anwendung der Soda zur Fabrikation von Seife, von Glas, 
in der Färberei u. s. w. hat seit 40 Jahren eine ungeahnte Ausdehnung 
erhalten; ihre Fabrikation aus Kochsalz, nach Leblanc's Methode, ist 
zuerst in Frankreich, dann namentlich in England, im grossartigsten 
Maassstabe, und zuletzt auch in Deutschland mehr und mehr in Anwen- 
dung gekommen. Bei der Möglichkeit, die Gewinnung von Kochsalz noch 
unendlich zu steigern, ist auch der Sodafabrikation in dieser Weise keine 
Gränze gezogen, während die Gewinnung der natürlichen Soda, wie 
der Potasche, durch die Art derselben beschränkt ist und nicht über ein 
gegebenes Maass ausgedehnt werden kann. Die Soda hat daher in vie- 
len Fällen die Potasche verdrängt, so vielfach in der Fabrikation von 
Glas, Seife u. s. w., und der Gebrauch der Kalisalze beschränkt sich 
immer mehr auf die Fälle, wo es nicht durch Natron zu ersetzen ist, 
wie zur Herstellung von Alaun, Blutlaugensalz und verschiedenen an- 
deren Producten. ßr. 

Soda, künstliche, s. S. 5. 

Soda, mineralische, hat man auch den Kryolith genannt, 
der vor einigen Jahren in grosser Menge von Grönland nach Deutsch- 
land kam, weil er auf nassem Wege mit Kalk zersetzt, eine kaustische 
Natronlauge (Thonerde haltend) giebt, die zur Seifenfabrikation ver- 
wendet ward. Fe. 

Soda, natürliche, s. S. 1. 



>) Dingl. polyt. Journ. Bd. CLIY, S. 206; Polyt. Centralbl. 1860, S. 899. 
•) Compt. rend. T. XLVIII, p. 768; Journ. f. prakt. Chem. Bd. LXXVIII, 
S. 828. — ") Journ. f. prakt. Chem. Bd. CLXXIX, S. 127. 



Digitized by VjOOQIC 



Sodagyps. — Soggen. 45 

Sodagyps. Wird der bei der Sodafabrikation nach dem Aus- 
langen bleibende BQckstand an der Luft zum Glühen erhitzt, so ver* 
wandelt sich das Calcinmoxysulfuret vollständig in schwefelsaures Salz 
(S. 31), und das Gemenge erhält dann Gjps neben Natronsalzen, und 
wird in vielen Fällen zur Düngung der Felder vortheilhafte Anwen- 
dung finden. 

oodallth^ dodekaedrischer Amphigenspath, Cancrinit 
zum Theil. Das tesseral krystallisirende Mineral bildet gewöhnlich 
Rhorobendedekaeder und ist parallel den Flächen desselben spaltbar, 
der Bruch ist muschlig, splittrig, uneben. Ausser auf- und eingewach- 
senen Krjstallen bildet es rundliche Korner oder derbe Massen mit 
kömiger Absonderung. Farblos, weissgrau, grün, blau, glasartig glän- 
zend, auf den Bruchfiächen wachsartig, halbdurchsichtig bis durch- 
scheinend; spröde; Härte = 5,5 bis 6,0; specif. Gewicht = 2,28 bis 
2,37. Vor dem Löthrohr schmilzt es ziemlich leicht, zum Theil mit 
Aufblähen zu farblosem Glase, in Salz- oder Salpetersäure ist es lös- 
lich, Kieselgallerte abscheidend. Es wurde mehrfach analysirt, so der 
von Kangerdluarsuk in Grönland von Ekeberg ^) von Thomson ^), 
der vom Vesuv von Dunin-Borkowsky 8), von Arfvedson *), der 
vom Dmengebirge von E. Hof mann, G. Bose^), der von Litchfield 
in Maine in Nordamerika von Whitney^), der von der Insel Lamö 
bei Brevig in Norwegen von v. Borc^. Die aus den Analysen her- 
vorgehende Formel ist 3 NaO . SiOs + 3 (Als Og . Si O3) -f- Na Gl. ^ 

Ein dem Sodalith sehr nahe stehendes Mineral untersuchte C. 
Bergemann s), welches der Formel NaO.SiOg -(- AlgOg.SiOa -|- 
Na Gl entspricht. Dasselbe befindet sich bei Brevig in Norwegen, 
grossere krystallinische Partien bildend, die spaltbar parallel den Flä- 
chen eines RhomboSders zu sein scheinen, eingewachsen in einer grü- 
nen Feldspathmasse. Es ist grünlich, glasartig glänzend, durchschei- 
nend, hat die Härte = 5,0, das specif. Gewicht = 2,302, und schmilzt 
vor dem Löthrohr schwierig an den Kanten ohne Aufblähen. Von Säu- 
ren wird es leicht zersetzt. K. 

Sodaseife, Natronseife, s. unter Seife. 

Sodawasser, Soda-water^ nannte man namentlich zuerst in 
England ein durch Einpressen mit Kohlensäuregas übersättigtes Was- 
wsty welches gewöhnlich keine weiteren Salze enthält. 

Sodium s. Natrium. 

■^^SS^^' Soogen; Soccage^ Precipitation du sei, heisst die Gewin- 
nung des Kochsalzes durch Eindampfen der concentrirten oder „gahren^ 
Soole, nachdem durch das erste SiedeA der nahezu concentrirten Salz- 
lösung durch das „Stören^^ der „Salzschlamm^^ sich abgeschieden. 
Bei dem Soggen sammelt das Kochsalz sich auf dem Boden der Sogge- 
pfannen und wird hier herausgekrfickt (s. unter Kochsalz, Bd. IV, 
S. 424). 

») Thomson's Annal. of phil. T. I, p. 104. — *) Trans, of the roy. Soc. of 
Edinb. T. I, p. 890. — *) Jonrn. de phy». T. LXXXIII, p. 428. — *) K. Vet. 
Acad. HMdl. 1821, S. 166. — *) Pogg. Annal. Bd. XLVn, S. 877. — •) Ebend. 
Bd. LXX, S. 481. — Ebend. Bd. LXXVIII, S. 418. — •) Pogg. Annal. Bd. 
LXXXIV, S. 492. 

Digitized by VjOOQIC 



46 Soimonit. — Solanin. 

Soimonit s. Corund. 

Solanidin s. unter Solanin (S. 48 and 50). 

S olanin. Ein krjstallisirbarer schwach basischer Körper, der 
noch sehr unvollständig bekannt ist. Er ward (1820) zuerst von 
Desfosses 1) in den Beeren des schwarzen Nachtschattens {Solanum 
nigrum) aufgefunden; man hat später diesen Körper aas verschiedenen 
Solanomarten dargestellt. So aus den Beeren von Solanum verbasd- 
folium^ so wie aus den Beeren und in geringer Menge aus den Knollen 
und dem Kraut der Kartoffel pflanze (0,015 Proc. nach J. Wolfl) Solch 
num tuberosum)^ besonders aber findet er sich in den Blüthen, Stengeln und 
Beeren von Bitter süss {Solannm dukamara) und namentlich in denKei* 
men, welche die Kartoffeln im Winter in unseren Kellern treiben (0,068 
Proc. nach J. Wolff u. Blanche t). Das Solanin ist nach Desfosses 
V. Payen u. C he vallier^), von O. Henry*), Morin und A. unter- 
sucht, namentlich von Otto^), in neuester Zeit von Moitissier^) und 
O. Gmelin^). Die Besultate der verschiedenen Untersuchungen stim- 
men nun in vielen Punkten sehr wenig mit eineinder überein ; der Grund 
liegt wahrscheinlich darin, dass hier oft verschiedenartige Substanzen 
als Solanin untersucht wurden, und dass die bisherige Annahme, die 
krystallisirbaren Körper aus verschiedenen Solanumarten als identisch 
zu betrachten, eine unberechtigte ist; Moitissier behauptet, allerdings 
ohne durch nähere Angaben es zu beweisen, dass diese verschiedenen 
Körper schon in den physikalischen Eigenschaften von einander abwei- 
chen. Die von verschiedenen Chemikern vorgenommenen Elementar- 
analysen haben folgende Resultate gegeben: 

Blanchet O. 

1 



Kohlenstoff 


62,0 


Wasgerstoff 


8,9 


Stickstoff 


1,6 


Sauerstoff 


27,5 



Gmelin 


Henry 


Moitissier 


2 


8 


4 


62,2 


75,0 


60,9 


8,7 


9,1 


. 8,7 


— 


8,1 


8,6 


29,1 


12,8 


26,8 



Das Solanin zu den Analysen 1 und 2 war aus Kartoffelkeimen 
dargestellt, das zu 3 und 4 aus Solanum dulcamara. O. Gmelin fand 
in dem Solanin aus Kaitoffelkeimen bei der Bestimmung nach der 
Dumas' sehen Methode 0;5 bis 2,0 Proc. Stickstoff; sehr sorgfältig ge- 
reinigtes Solanin giebt beim Verbrennen mit Natron-Kalk nur eine Spur 
Ammoniak, und oft wird bei der qualitativen Untersuchung mit Natrium 
gar keine Reaction auf Stickstoff erhalten; er nimmt daher an, dass 
ganz reines Solanin stickstofffrei sei, der Gehalt an Stickstoff rühre von 
fremden Beimengungen, namentlich von einem Rückhalt an Ammoniak 
her; er berechnet (nus 10 Analysen, die 61,8 bis 62,8 Kohlenstoff und 
8,7 bis 8,8 Wasserstoff gaben) die Formel C88H73O80; Blanchet') 
gab die Formel C94He8NOsg, besser würden die von ihm erhaltenen 



*) Journ. de pharm. (1820) T. VI, p, 874; (1821) T. VII, p. 414. — •) Jonrt. 
de chim. m^d. (1825) T. I, p. 617. — «) Journ. de pharm. (1832) T. XVIII, p. 661; 
(1884) T. XX, p 64. — ") Journ. f. prakt. Chem. Bd. I, S. 58; Annal. d. Chem. 
u. Pharm. Bd. VII, S. 150; Bd. XXVI, 8.282. — ») Compt. rend. T. XLIIl, p. 978; 
Annal. d. Chem. u. Pharm. Bd. CI, S. 868; Jahresber. v. Liebig n. Kopp 1856, 
S. 547. — *) Annal. d. Chem. u. Pharm. Bd. CX, S. 167 -— ^ Annal. d. Chem. 
n. Pharm. Bd. VII, S. 152. 

Digitized by VjOOQIC 



Solanin. 47 

Zahlenresaltate nach dem neueren Atomgewicht zu der Formel 
C90H77NO30 passen. 

Für das Solanin aus Solanum dulcamara giebt Henry 's Analyse, 
deren hoher KohlenstoflTgehalt jedenfalls verdächtig ist, nach ihm 
Cj«H42N07, nach dem neuen Atomgewicht CnjHsoNaOis; Moitis- 
sier berechnet aus seiner Analyse die Formel C42fi35NOi4. Man 
sieht, dass hier eine genauere Untersuchung der verschiedenen Sub- 
stanzen geboten erscheint« 

Nach Versuchen von Gmelin und Zwenger^) ist das Solanin 
ein Glucosid, nach ihren Angaben eine Verbindung von Zucker mit 
einem Solanidin genannten Körper. 

Zur Darstellung von Solanin aus Solanum nigrum werden die rei- 
fen Beeren ausgepresst, der Saft mit Ammoniak gefällt, und der graue 
pulverige Niederschlag durch Umkrystallisiren aus Alkohol mit etwas 
Thierkohle gereinigt. Peschier löst den unreinen Niederschlag in 
Essigsäure, fällt das Filtrat mit Ammoniak, und behandelt dann mit 
kochendem Alkohol. Payen und Chevallier zogen die getrockneten 
Beeren von Solanum verbascifoiium mit Weingeist aus, behandelten das 
beim Abdampfen zurückbleibende Extract mit Wasser, und fällten die 
wässerige Lösung mit Magnesia, wodurch unreines Solanin niederge- 
schlagen wird. Man kann diese Base am leichtesten aus den Keimen 
der Karte flelknoUen darstellen; diese werden zerschnitten und 1 oder 
2 Tage mit durch Salzsäure angesäueitem Wasser digerirt. 

Nachdem Gmelin und Zw enger gezeigt haben, dass Solanin 
beim Erwärmen mit verdünnter Säure leicht zerfällt in Solanidin und 
Zacker, mnss man, um nicht an Solanin zu verlieren, bei der Darstel- 
lang desselben mittelst Säuren, vermeiden diese zu concentrirt oder in 
zu grosser Menge und bei höherer Temperatur anzuwenden. Statt Salz- 
säure oder Schwefelsäure dürfte vielleicht zweckmässiger Essigsäure 
anzuwenden sein, da diese Säure das Solanin wohl weniger leicht zer- 
setzt als die Mincralsäuren. 

Die durch Abpressen erhaltene wässerige Flüssigkeit wird nach 
und nach mit so viel Kalkhydrat versetzt, dass die Lösung schwach 
alkalisch reagirt; man lässt den Niederschlag sich 24 Stunden absetzen, 
filtrirt, trocknet ihn nach dem Auswaschen bei gelinder Wärme und 
zieht dann mit kochendem 84procentigen Alkohol aus; aus der kochend 
filtrirten Lösung krystallisirt das Solanin gewöhnlich schon grössten- 
theils beim Erkalten, durch Eindampfen der Mutterlauge wird noch 
mehr erhalten. Nach einer andern Methode werden die zerquetschten 
Kartoffelkeime mit Schwefelsäure haltendem Wasser ausgezogen, die 
Flüssigkeit abfiltrirt, mit essigsaurem Blei ausgefällt, worauf man die 
vom Niederschlag abfiltrirte Flüssigkeit mit Kalkmilch versetzt; der da- 
bei erhaltene Niederschlag wird dann nach dem Trocknen wieder mit 
starkem Alkohol ausgekocht. 

Statt mit Kalk kann man auch die saure Lösung des Solanins mit 
Ammoniak fallen. 

Um aus den Kartoffeln selbst nun das Solanin darzustellen, zer- 
reibt man sie, digerirt den Brei mit Schwefelsäure haltendem Wasser, 
erhitzt das Filtrat zum Sieden zur Abscheidung von Eiweiss, fällt das 
Filtrat mit Kalkmilch, und behandelt den Niederschlag mit Alkohol. 



*) Annal. d. Chem. u. Pharm. Bd. CIX, S. 244. 

Digitized by VjOOQIC 



48 Solanin« 

Beim Ausziehen des mit Kalk oder Magnesia erhaltenen Solanins 
mit Alkohol erfolgt zuweilen beim Erkalten des siedenden Filtrats keine 
Krjstallisation, und beim Abdampfen erstarrt die concentrirte Lösung 
zu einer Gallerte, die nach dem Trocknen eine hornartige amorphe 
Masse bildet; diese Substanz ist Solanin, welches durch Beimengung 
fremder Substanzen in Alkohol leicht löslich und unkrystallisirbar ge- 
worden ist (Otto). Um hieraus krystallisirtes Solanin darzustellen, 
fällt man mit Ammoniak , oder man versetzt die concentrirte weingei- 
stige Solaninlösung mit starkem weingeistigen Ammoniak, wäscht den 
Niederschlag mit überschüssigem Ammoniak aus; aus der durch Abko- 
chung des Niederschlags mit Alkohol erhaltenen Lösung krystallisirt 
das Solanin jetzt mit Leichtigkeit (Reuling)^). 

Nicht ganz reine Solanin krystalle werden durch Umkrystallisiren 
aus Alkohol mit Zusatz von Alkali leicht gereinigt. 

Das Solanin aus Kartoffelkeimeii zeigt folgende Eigenschaften: 
aus einer alkoholischen Lösung scheidet es sich ab in blendend weissen 
perlmutterglänzenden plattgedrückten , wie es scheint rhombischen Säu- 
len; im trockenen Zustande ist es luftbeständig und geruchlos, mit Was- 
ser befeuchtet, zeigt es einen schwachen Geruch wie Wasser, in dem 
Kartoffeln gekocht wurden, es hat einen widrig bittern Geschmack, zu- 
gleich nach rohen Kartoffeln, und bewirkt ein anhaltendes Kratzen im 
Schlünde; es löst sich äusserst wenig in kaltem oder kochendem Was- 
ser, die Lösung raagirt kaum alkalisch, schäumt aber beim Schütteln, 
es löst sich in 500 Thln. kaltem und 125 Thln. siedendem Weingeint 
von 0,839 specif. Gewicht; unreines Solanin ist viel leichter löslich als 
das reinere. Die alkoholische Lösung reagirt alkalisch (?) In Aether 
(400 Thln. nach Otto) und fetten Oelen ist das Solanin kaum löslich. 
Es löst sich in verdünnten Säuren, damit lösliche Salze bildend; reine 
und kohlensaure Alkalien fällen aus diesen Lösungen das reine Solanin 
in Flocken oder als eine gelatinöse Masse , die aus feinen mikroskopi- 
schen Nadeln besteht. Das Solanin schmilzt beim Erhitzen, und ver- 
kohlt bei höherer Temperatur; bei der trocknen Destillation bildet sich 
ein braunes Brenzöl und eine saure Flüssigkeit. 

Concentrirte Schwefelsäure färbt das Solanin orangegelb (durch 
Bildung von Solanidin, nach Zwenger), welche Farbe bald in Violett 
und zuletzt in Braun übergeht; durch concentrirte Salpetersäure oder 
Salzsäure wird es gelb gefärbt. Verdünnte Mineralsäuren zersetzen 
das Solanin schon bei 50^0., es bildet sich Traubenzucker und ein 
neuer Körper, das Solanidin (s. unten). 

Solanin absorbirt leicht Jod, setzt man es den Dämpfen von Jod 
aus, so bildet sich braunes luftbeständiges Jodsolanin, das mit brauner 
Farbe in Wasser löslich ist. 

Auch eine wässerige Lösung von schwefelsaurem Solanin färbt sich 
auf Zusatz von wässeriger Jodlösung dunkelbraim. Legt man in eiAe 
wässerige Lösung von Solaninsalz etwas festes Jod, so umgiebt sich 
dies bald mit einer braunen syrupartigen Masse. 

Wird Jod zu einer alkoholischen Lösung von Solanin gesetzt, so 
fallt eine braune amorphe Verbindung nieder, die in Wasser unlöslich 
sein soll. 

Nach Gmelin entstand beim längeren Erhitzen von Jodäthyl mit 

>) Annal. d. Chem. u. Pharm. Bd. XXX, S. 225. 

Digitized by VjOOQIC 



Solanin. 49 

Solanin (aas Eartoffelkeimen) keine Verbindang; die harzige Masse in 
Wasser ^lost and mit Ammoniak behandelt, gab reines Solanin. 
Moitissier giebt an, dass beim Erhitzen von Solanin (aus Solanwn 
dukamard) mit Jodäthyl in einer zngeschmolzenen Glasröhre sich eine 
Verbindung bildet, aus der nach Zusatz von Ammoniak sich Aethyl- 
solanin; C4«fi39NOi4=rC42 (H34.C4ll5)NOi4, abscheidet; es ist eine 
weisse anscheinend amorphe Masse » die aus verfilzten mikroskopischen 
Krystallen besteht; sie ist geruchlos, schmeckt bitter, ist unlöslich in 
Wasser, aber loslich in AlkohoL Die Salze des Aethylsolanins sind 
leicht loslich, gummiartig, sie sind giftig wie die Solaninsalze selbst. 

Durch Einwirkung von Jodamyl auf Solanin soll sich Amjlsola- 
nin (nach Moitissier* s Angabe C5SH45NO14) bilden, und durch 
Eünwirkung von Jodamyl auf Aethylsolanin ein Aethyl-Amylsolanin 
(nach Moitissier C(6H49NOi4) entstehen. 

Diese gepaarten Solanine sind in ihren Eigenschaften dem reinen So- 
lanin auffallend ähnlich; bei allen diesen Verbindungen hat Moitissier 
die betreffenden Formeln angegeben, aber nur bei dem Aethylsolanin hat 
er eine Elementaranalyse angeführt, und zwar ist 62,2 Kohlenstoff auf 
^8 Wasserstoff (der Stickstoff ist hier nicht bestimmt) gefunden, das sind 
genau dieselben Zahlen, welche Omelin (Ür reines Solanin fand; 
Moitissier giebt nicht an, ob er sich auf irgend eine Weise überzeugt 
habe, dass die von ihm untersuchten Basen wirklich die Alkoholradicale 
enthalten, seine Versuche sind daher noch nicht beweisend, dass man die 
Behauptung von Graelin, Solanin aus Kartoffelkeimen verbinde sich 
nicht mit Aethyl, als irrig oder wenigstens nicht für das Solanin der 
Dolcamara gültig ansehen könne. 

Das Solanin der Kartoffelkeime ist sehr giftig, 2 oder 3 Gran 
reichen hin, ein Kaninchen in einigen Stunden zu tödten; zuerst stellt 
sich eine Lähmung der hintern Extremitäten ein. Diese Erscheinung 
zeigte sich selbst bei Rindvieh, das Kartoffelkeime gefressen hatte; eine 
roihlau&rtige Ejrankheit soll sich bei den Schweinen in Folge der 
Fütterung mit gekeimten Kartoffeln zeigen; nach Fr aas ist jedoch das 
Solanin hier wenigstens nicht die Ursache. 

Das Solanin verbindet sich mit Säuren, und bildet damit in Was- 
ser und Weingeist leicht lösliche Salze, die meistens nicht krystallisir- 
bar sind, sie schmecken widerlich bitter und anhaltend kratzend scharf; 
die wässerige Lösung wird durch reine ttn4 kohlensaure Alkalien, durch 
Oxalsäure 9 phosphorsaure Salze und durch Gerbsäure gefällt; Platin- 
diiorid bildet damit kein Doppelsalz, die Salze von Gold oder Silber 
werden leicht dadurch reducirt. Die Salze sind sehr unvollständig 
untersucht, sie sind hauptsächlich von Baumann^) beschrieben; nach 
ihm bilden die Verbindungen von Solanin mit Ameisensäure, Essig* 
säure, Salpetersäure und Cyanwasserstoff, so wie mit Benzoesäure, 
Aepfelsaure, Gitronensäure und Weinsäure leicht lösliche gummiartige 
Massen; ähnlich verhält sich die Verbindung mit Chlorwasserstoff, die 
durch Platinchlorid nicht gefallt wird; nach Blanchet absorbiren 100 
Thle. Sobnin 4,2 Thle. Chlorwasserstoffgas. 

Bernstein saures Solan in krystallisirt in leicht löslichen fei- 
nen Nadeln« 

Chromsanres Solanin krystallisirt in dnnkelgelben Nadeln. 



*) Aichiv d. Phrnrm. Bd. XXXIV, S. 23. 
H«*w*rt*rboeh der CHemle. Bd. VIIL DigitizelGoOglc 



50 Solanin. 

Beim Versetzen eines gelösten Solaninsalzes mit Ferrocyankalium fiillt 
die Ferrocyany erbindnng in weissen Flocken; mit Gerbsäure 
bildet das Solanin ein nur wenig in kaltem, leicht in heissem Wasser lösli- 
ches Salz, das in Nadeln krystallisirt. Das gallussaure Solan in ist 
eine lösliche amorphe Masse. 

Das Oxalsäure Solanin fallt aus der Lösung eines Solaninsalzes 
auf Zusatz freier Oxalsäure in schwer löslichen Blättchen nieder. 

Das mellithsaure Solan in löst sich in Wasser; beim Verdam- 
pfen der neutralen Lösung scheidet sich das Solanin ab. Phosphor- 
saures Solanin wird durch Fällung als ein weisses kristallinisches 
Pulver erhalten. Schleimsaures Solanin krystallisirt in feinen leicbt 
löslichen Nadeln. 

Schwefelsaures Solanin bildet eine körnig -krystallinische, in 
Wasser leicht lösliche Masse, deren Lösung beim Kochen sich trübt, 
worauf das Filtrat beim Abdampfen ein gummiartigos Salz hinterlässt 
Nach Desfosses neutralisiren 100 Thle. Solanin 10,98 Thle. Schwe- 
felsäure. 

Solanidin. 

Die Zersetzungsproducte des Solanins, welche durch Einwirkung 
von Säuren entstehen, sind von'Gmelin und unt^bhängig von ihm von 
Zw eng er entdeckt, aber noch unvollständig untersucht. Nach Zw en- 
ger ist das Solanidin eine starke Base. Nach Gmelin ist seine For- 
mel = C53 114304; es soll nach ihm nach folgendem Schema entstehen:^ 
CbsHjjOjjo + 6 ho + 4 O = C5^H4204 + 3 (Ci,»i, 0^). 

Solanin Solanidin 

Er fand nämlich bei drei Versuchen, dass sich aus lOOThln. Solanin 
65,1 bis 65,4 Thle. Traubenzucker (Ci^HijOia) bildeten, die Formel 
▼erlangt 64,3 Thle. Dagegen stimmen die Resultate der Elementar- 
analyse des Salanidins selbst wenig mit der berechneten Formel; er 
fand 81,9 und 82,0 Kohlenstoff auf 10,6 und 10,8 Wasserstoff (berech- 
net 80,8 Kohlenstoff auf 10,9 Wasserstoff, ob die Differenz bedingt ist 
durch Unreinheiten der nach Gmelin leicht zersetzbaren Substanz, 
bleibt zu untersuchen). Besser würde für das Solanidin die Formel 
Qo ^46 O4 passen, (berechnet 82,2 Kohlenstoff auf 10,5 Wasserstoff) ; 
diese Formeln haben aber keinen Werth, so lange nicht die Formel des 
Solanins selbst genau ermittelt und sicher festgestellt ist. 

Abweichend von der gewöhnlichen Spaltungsweise der Glucoside 
Wäre es, dass hier zugleich Sauerstoff aufgenommen und das Solanidin 
also nicht durch einfache Spaltung, sondern durch gleichzeitige Oxy* 
dation entstanden wäre. 

Wird Solanin mit tiberschüssiger verdünnter Säure gekocht, so 
trübt sich die Flüssigkeit bald, es scheiden sich Krystalle aus, deren 
Menge beim Erkalten noch zunimmt; zuweilen bildet sich ein harzarti- 
ger Absatz, der aber beim Uebergiessen mit Wasser vollkommen krj- 
stallinisch erstarrt. Der Niederschlag enthält eine Verbindung der 
Säure mit Solanidin; löst man das Salz in Wasser, so fällt Ammoniak 
daraus das reine Solanidin fast vollständig in krystallinischen Flocken, 
die frisch gefällt selbst in kochendem Alkohol nur schwierig löslich 
sind, nach dem Trocknen an der Luft sich aber leicht darin lösen 
(Gmelin). Nach Z w e n g e r ist das Solanidin kaum löslich in Wasser, 
aber leicht löslich in Alkohol und Aether, und lässt sich ans diesen 



Digitized by VjOOQIC 



Solanin. — Solanoleinsäure. 51 

Ldsongen leicht krystallisirt erhalten; die Lösung schmeckt bitter und 
reagirt alkalisch; mit concentrirter Schwefelsäure Übergossen, färbt es 
diese roth. Das Solanidin färbt sich schon bei 100<>C. gelblich, und 
Terliert dabei an Gewicht, der Zusammensetzung ^ nach unter 
Verlust der Elemente des Wassers; die Formel C53M40O) erfordert 
84,8 Kohlenstoff und 10,87 Wasserstoff, nach der Formel Cßo M44 Oj 
berechnet sich 85^7 Kohlenstoff und 10,5 Wasserstoff; der durch Er- 
wärmen veränderte Körper gab bei der Analyse 84,0 und 85,1 Kohlen* 
Stoff auf 10,7, resp. 10,9 Wasserstoff. Bei stärkerem aber vorsichtigem 
Erhitzen snblimirt das Solanidin fast vollständig ohne Zersetzung in 
schonen Krystallen. 

Das Solanidin neutralisirt die Säuren vollständig und bildet mit 
denselben leicht krjstallisirbare Verbindungen, die in Säure haltendem 
Wasser wenig löslich sind, aus absolutem Alkohol aber leicht in aus- 
gebildeten ELrystallen und rein erhalten werden. 

Das Chlorwasserstoff-Solanidin giebt mit Platinchlorid ein 
kiystallisirbares »Doppelsalz. 

Gmelin erhielt die Ghlorwasserstoffverbindung des Solanidins, 
0(2 II42 O4 . H Gl, aus dem beim Auflösen von rohem Solanin in Salz- 
saure bleibenden Bückstand, der beim Umkrystallisiren aus Alkohol 
in wohlausgebildeten farblosen and glänzenden Krystallen erhalten ward. 
Eine nähere Untersuchung des Solanidins ist noch nicht gegeben. Fe. 

Solanin von Spatzier, Kartoffel-Solanin. Pflanzen- 
apatit von Döbereiner. Wird der ausgepresste Saft der Kartoffel- 
knollen mit Ammoniak versetzt, so entsteht ein Niederschlag von phos- 
phorsaurer Ammoniak -Magnesia mit etwas organischer Substanz; nach 
fiuchner enthält der Niederschlag eine geringe Menge Solanin. Die 
angeführten verschiedenen dem Niederschlag gegebenen Namen sind 
daher wenig passend. 

Solanoleinsäui'e, Solanostearinsäure. Werden aer- 
riebene Kartoffeln ausgepresst, so enthält der über dem Stärkmehl sich 
abscheidende fast klare Saft etwas Fett gelöst, was sich bei längerem 
Stehen abscheidet und dann zu Boden setzt, oder beim Aufkochen der 
Flüssigkeit von dem Eiweissgerinnsel eingeschlossen wird, aus welchem 
es durch Ausziehen mit Aether erhalten wird; wird die ätherische Lö- 
sung concentrirt, so scheidet sich ein wachsartiger Körper, CsgHsoO?, 
in feinen Nadeln aus, er ist in Aether oder Alkohol wenig löslich, 
schmilzt noch nicht bei 270^ C, wird durch Kalilauge nicht angegriffen. 
Die abfiltrirte ätherische Lösung hinterlässt beim Abdampfen ein wei- 
ches bei 42<>,5C. sehmelzendesFett; dieses enthält nur freie Fettsäuren, 
seine alkoholische Lösung reagirt sauer, es löst sich in kaustischem 
wie in kohlensaurem Alkali und zeigt keine Reaction auf Glycerin. 
Durch Umkrystallisiren aus wasserhaltendem Alkohol wird daraus eine 
bei 52® C. krystallisirende Fettsäure erhalten, deren alkoholische Lö- 
sung durch fractionirte Fällung mit essigsaurem Blei eine bei 58^ C. 
schmelzende nicht näher untersuchte Fettsäure gab, neben einer bei 
50® C. schmelzenden, welche die Formel C^q H30 O4 haben soll, ihr Sil- 
bersalz ist Ag O . C30 H29 O3 ; Eichhorn nennt sie Solanostearin- 
sänre; ob sie mit der Stillistearinsäure identisch ist, ob sie sich in 
Palmitinsäare und eine Säure von niedrigerem Atomgewicht zerlegen 
lägst, ist nicht untersucht. 



Digitizi 



idby Google 



52 Solanum. 

Aus dem Gemenge, welches bei 52oC. schmilzt, wird neben den 
beiden angegebenen festen Fettsäuren noch eine flüssige Fettsaare er- 
halten, von Eichhorn alsSolanoleinsäure bezeichnet ; ihre alkoholi- 
sche Lösung wird von Bleizuckerlösung nicht geillllt; weiter ist sie 
nicht untersucht (Eichhorn 0* 

Bs bedarf kaum der Bemerkung, dass die Untersuchung des Kar- 
toffelfettes zu unvollständig ist, um danach zu entscheiden, ob die So- 
lanoleinsäure und Solanostearinsäure Geroenge sind oder einfache Kör- 
per, ob sie eigenthümliche Säuren sind oder nicht. Fe. 

Solanum. Von dieser Pflanzengattung, zur Familie der Sola- 
neen gehörend, kommen verschiedene Species in Anwendung. Am 
wichtigsten ist für uns das Solanum tuberosum^ eine Pflanze, deren wur- 
zelartige Knollen, die Kartoffeln, durch Anbau und Benutzung so ausser- 
ordentlich wichtig sind. 

Das Solanum tuberosum soll in Chili und Montevideo sich wild fin- 
den, seine Gultur ging wahrscheinlich von den Gebirgen Chilis au.s 
pflanzte sich längst der Andeskette fort, und gelangte von da nordwärts 
nach Peru, Quito und Neu- Granada« Von hier sollen die Knollen 1545 
durch einen Sklavenhändler Hawkins nach Irland gebracht sein; 
1584 ward die Kartoffelpflanze durch den Admiral Kaleigh nochmals 
nach Irland gebracht; 1586 kam sie von Nordamerika durch Drake 
nach England. Gegen das Ende des 16. Jahrhunderts ward die Knolle 
von Irland nach Belgien gebracht; erst im Anfang des 18. Jahrhunderts 
verbreitete sich ihr Anbau in Deutschland. Die Pflanze wurde zuerst 
wohl nur in Gärten gezogen; im Grossen ward sie erst später angebaut, 
seit 1684 in England, 1717 in Sachsen, 1728 in Schottland, 1738 in 
Preussen. Die Kartoffeln, die jetzt in vielen Gegenden oil nur in zn 
vorwiegender Weise die Grundlage der Ernährung bilden, konnten 
lange nicht allgemeinen Eingang finden. Erst nach der Hungersnoth 
von 1771 auf 1772 sollen sie allgemeiner benutzt sein, da man mehr und 
mehr sich überzeugt hatte, dass sie ein ebenso wichtiges wie wohl- 
schmeckendes Nahrungsmittel seien. Heutigen Tages ist der Anbau der 
Kartoffeln über alle Theile der Erde verbreitet, und man kann mit 
Humboldt behaupten, dass ausser den Cerealien, deren Anbau seit 
undenklichen Zeiten stattfindet, die Einführung keiner anderen Pflanze 
von solcher Bedeutung gewesen ist, wie die der Kartoffelpflanze. Un- 
streitig hat der allgemeine Anbau dieser Pflanze einen wohlthätigen 
Einfluss auf das allgemeine Volkswohl gehabt, aber es haben sich seit 
etwa 15 Jahren bei einer in manchen Gegenden zu ausschliesslich be- 
triebenen Kartoffelcultur nicht geringe Uebelstände gezeigt in Folge 
der oft in grosser Ausdehnung auftretenden Kartoffelkrankheit. Man 
kann auch nicht verkennen, dass die Kartoffel allein ihren chemi- 
schen Bestandtheilen nach das Brod nicht ersetzen kann, dass eine aus- 
schliessliche Ernährung damit deshalb nothwendig nachtheiligen Ein- 
fluss auf das körperliche Wohl haben muss, wie sich dies in Irland so 
wie in manchen Gegenden Deutschlands gezeigt hat. 

Von den verschiedenen Theilen des S. tuberosum finden nur die 
Knollen Anwendung, die Blüthen und das Kraut haben noch keine wei- 
tere Benutzung gefunden. 

Pogg. Annal. Bd. LXXXVIX, S. 227; Pharm. Ccntralbl. 1862, S. 988; Jah- 
resber. v. Liebig u. Kopp 1852, S. 521. 



Digitized by VjOOQIC 



Solanum. 53 

Die Blüthen der Kartoffeln sollen einen gelben Farbstoff enthalten, 
der auf Baumwolle ein lebhaftes Gelb von mittlerer Haltbarkeit giebt 
(Schwarz i). Das Kraut der Kartoffelpflanze ist nicht näher unter- 
sucht; C. Sprengel^ fand in dem reifen fast blätterlosen lufttrockenen 
Kraut 4,7 Proc. Asche (s. in der Tab. S. 56 unter L). Hert wig «) fand 
in 100 Asche nur 7 lösliche und 93 unlösliche Salze, nämlich: 

4.7 kohlensaures Kali (mit schwefelsaurem Kali luid kohlen- 

saurem Natron), 
2,3 Ghlornatrium, 

48.7 kohlensauren Kalk, 

3.8 Magnesia, 

5,7 phosphorsauren Kalk, 

1,3 phosphorsaures Eisenoxyd, 

2,7 phosphorsaure Thonerde, 

29.8 Kieselsäure. 

Way und Ogston^) haben das Kraut der blühenden (11.) und 
der abgeblühten (III. S. 56) Pflanze untersucht. 

Nach Boussingault^) ward von 1 Hectare Feld 2870 Kilogrm. 
grünes oder 790 Kilogrm. trockenes Kartoffelkraut erhalten (neben 
12400 Kilogrm. Knollen). Das getrocknete Kraut enthält in lOOThln.: 
44,8 Kohlenstoff, 5,1 Wasserstoff, 2,3 Stickstoff und 17,8 Asche. 

Der fortgesetzte Anbau der Kartoffeln hat nach Cultnr- und Boden- 
verhaltnissen viele Spielarten und Varietäten der Knollen hervorge- 
bracht, die zum Theil einzelnen Gegenden eigenthümlich sind. Die wich- 
ügeren chemischen Bestandtheile der Knollen sind ausser Wasser Stärk- 
mehl und eiweissartige Stoffe; die Quantität der einzelnen Stoffe wech- 
selt sehr bedeutend, im Mittel kann man annehmen, dass lOOThle. fri- 
scher Kartoffeln enthalten: 

Stärkmehl 20,0 

Fette und Zucker 1,3 

Ei weiss und eiweissartige Körper . 1,5 

Pektin und Faserstoff 1,7 

Säuren und Salze . .^ . . . . 1,0 

Wasser 74,0. 

Das Stärkmehl der Kartoffeln ist ausgezeichnet durch seine Form 
und Grosse (s. Stärkmehl); seine Menge zeigt sehr starke Schwan- 
kongen nach Boden- und Cnlturverhältnissen so wie nach dem Alter der 
Kartoffeln, die im Herbst am reichsten daran sind, während mit der Ent- 
wickelung von Keimen der Stärkmehlgehalt sich wesentlich vermindert. 
Der Grehalt an Stärkmehl wechselt aber selbst im Herbst in den verschie- 
denen Sorten von 12 bis 25 Proc, nach Lüdersdorff zwischen 9 und 
24 Proc ; entsprechend dem steigenden Stärkmehlgehalt vermindert sich 
der Wassergehalt, und damit steigt natürlich das speciflsche Gewicht 
der Kartoffeln von 1,06 bis 1,13. Für manche Verwendungen, so bei der 
Mästung, namentlich für die Fabrikation von Branntwein oder Stärke- 
zncker, kommt hauptsächlich der Gehalt der fijiollen an Stärkmehl in 
Betracht, und ihr Werth ist um so grösser je reicher sie daran sind ; 



1) Joun. f. techn. Chem. Bd. VII, S.832. — *) Ebendas. Bd. VIII, S.270.— 
AoimL d. Chem. n. Phann. Bd. XLVI, S. 97. — '*) Joarn. of Roy. Agric. 8oc. 
VoLXI, Pars U; Jahreaber. y. Liebig u. Kopp 1850, S. 671. — ^ Annal. de chim. 
et de pbys. [3.] T. 11, p. 308. 



Digitized by VjOOQIC 



54 



Solanum. 



nach Versuchen von Berg*), von Ltidersdorf*), von Balling') und 
von Pohl*) lässt sich nun aus dem specifischen Gewicht der Knollen 
der Gehalt an Stärkmehl, so wie an trockener Substanz überhaupt be- 
rechnen. 

Balling giebt folgende Tabelle: 



Specif. Gewicht 



I 

n 



1,0G1 

bis 

1,068 


1,069 

bis 

1,074 


1,075 

bis 

1,082 


1,083 

bis 

1,096 


1,097 

bis 

1,106 


1,107 

bis 

1,114 


1,115 

bis 

1,119 


16 


18 


20 


22,5 


24 


26 


27 


9 


11 


13 


15,5 


17 


19 


20 



1,120 

bis 

1,129 

28 

21 



Um nun nach dieser Tabelle den Gehalt einer Kartoffel an trocke- 
ner Substanz zu finden, multiplicirt man das gefundene specifische Ge- 
wicht derselben tnit der unter diesem in der Horizontalreihe I stehen- 
den Zahl; oder mit der in Horizontalreihe II stehenden Zahl, um den 
Gehalt an Stärkmehl zu finden. 

Sei z. B. das specif. Gewicht = 1,110 gefunden, so enthält die 
Kartoffel 

1,110 X 26 = 28,7 Proc. trockene Substanz, oder 
1,110 X 19 = 21,1 Proc. Stärkmehl. 
Nach Pohl berechnet sich aus dem specifischen Gewicht d die 
Trockensubstanz T: 

T= 16,49 -i-Cd— 1,060). 245; 
und der Stärkmehlgehalt: 

5 = 9,009 + Cd— 1,060) . 245. 
Für den gewöhnlichen Gebrauch kann man in der ersten Formel 
16,5 statt 16,49, und in der zweiten 9 statt 9,009 setzen. 

Pohl hat nun mit Hülfe der angegebenen Formeln folgende Tabelle 
berechnet, die mit seinen Versuchen hinreichend genau übereinstimmt 



Specif. Gew. 



Gehalt an 
trockener 
Substanz 



Differenz für 

0,001 
specif. Gew. 



Gebalt an 
Stärke 



Differenz für 

0,001 
specit Gew. 



1,060 
1,065 
1,070 
1,075 
1,080 
1,085 
1,090 
1,095 
1,100 
1,105 
1,110 
1,115 
1,120 
1,125 
1,130 



16,50 
17,73 
18,95 
20,18 
21,40 
22,68 
23,85 
25,08 
26,80 
27,53 
28,75 
29,98 
31,20 
32,43 
83,65 



0,246 
0,244 
0,246 
0,244 
0,246 
0,244 
0,246 
0,244 
0,246 
0,244 
0,246 
0,244 
0,246 
0,244 



9,00 
10,23 
11,45 
12,68 
13,90 
15,18 
16,35 
17,68 
18,80 
20,08 
21,25 
22,48 
23,70 
24,93 
26,15 



0,246 
0,244 
0,246 
0,244 
0,246 
0,244 
0,246 
0,244 
0,246 
0,244 
0,246 
0,244 
0,246 
0,244 



Der Gehalt der Kartoffeln an trockener Substanz (ungefähr 16 bis 



*) Dingt, polyt. Joum. Bd. LXV, S. 48. — «) Journ. f. prakt. Obern. Bd. XX, 
8. 446 n. Bd. XXII, S. 187. — "0 G&hrnngschemie. Prag 1846, Bd. II, S. 64 n. 
Snpplbd. S. 48 — *) Bcr. d. Wien, Akad. d. Wiasenscb. Bd. VIU, S. 42. 



Digitized by VjOOQIC 



Solanum. 55 

28 Proc.) läset sich natürlich auch direct durch Trocknen der in 
Scheiben geschnittenen Kartoffeln bei 100^ G. finden; dieser Gehalt 
— 6 giebt annähernd den Gehalt der Kartoffeln an Stärkmehl; hier- 
bei rouss man aber ganze Scheiben der Kartoffeln nehmen, weil die 
äusseren Zellen mehr Stärkmehl enthalten als die inneren. 

Das specifische Gewicht derselben Kartoffelsorte, selbst auf dem 
gleichen Felde erwachsen, variirt; um das mittlere specifische Gewicht 
eines grösseren Quantums Kartoffeln zu erfahren, genügt es nicht das 
einiger weniger Knollen zu bestimmen, sondern man muss es bei einer 
grösseren Menge untersuchen. Fresen.ius und Schulze i) verfahren 
ao, dass sie 6 bis 12 Kartoffeln in eine gesättigte Kochsalzlösung brin- 
gen, auf welcher sie schwimmen; man setzt dann vorsichtig so viel 
Wasser zu, bis etwa die Hälfte der Kartoffeln zu Boden sinkt, die an- 
dere aber jetzt in der Flüssigkeit schwimmt; nach Entfernung der 
Kartoffeln bestimmt man mittelst eines Aräometers das Specifische Ge- 
wicht der Flüssigkeit, und hat damit das der Kartoffeln; man kann 
diese Operation mit anderen Kartoffeln leicht wiederholen^ wobei man 
nach Bedarf eine concentrirte Kochsalzlösung oder Wasser zusetzt. £8 
ist wesentlich, die Kartoffeln von Erde gereinigt anzuwenden, durch 
Umrühren die Flüssigkeiten, Salzlösung und Wasser, gut zu men- 
gen und zugleich die den Knollen anhängenden Luftbläschen zu ent- 
fernen. 

um bei grösseren Quantitäten von Kartoffeln das durchschnittliche 
specifische Gewicht zu erfahren, verfahrt Pohl so, dass er auf einer 
Wage 15 bis 20 Pfund Kartoffeln auf einmal in der Luft wägt (die 
Wage muss bei dieser Belastung auf Vs ^^^^ °^^h einen deutlichen 
Ausschlag geben); an einem Haken, der an der unteren Seite der Schale 
befindlich ist, hängt zu gleicher Zeit an einem Metalldraht ein hinrei- 
chend grosses Netz; dieses Netz ist schon bei der ersten Wägang der 
Kartoffeln in der Luft in Wasser eingetaucht; die Kartoffeln werden 
dann in das Netz gebracht und unter Wasser gewogen. Das absolute 
Gewicht der Kartoffeln, dividirt durch den bei der Wägung im Wasser 
gefandenen Gewichtsverlust, giebt bekanntlich das specifische Gewicht. 

Nach Boussingault giebt 1 Hectare Ackerland 13000 bis 27000 
Kilogrm. Kartoffeln; nach Angabe von Payen 20000 bis 36000 Kilo- 
grm. Knollen, und darin 8500 bis 6000 Kilogrm. Stärkmehl; nach 
Payen gab 1 Kilogrm. Saatkartoffeln eine Ernte von 32 bis 58 Kilo- 
grm. Knollen. 

Die Kartoffeln enthalten nach Boussingault 0,1 bis 0,2 Proc. 
Fett, nach Liebig 0,07 Proc, nach Eichhorn«) 0,04 bis 0,08 Proc; 
das Fett findet sich in grösserer Menge in der Schale (etwa die Hälfte 
des Gehalts der ganzen Kartoffel) als in der inneren Masse; das Fett 
der Schalen ist, nach ihm, auch flüssiger, als das im Innern der Kar- 
toffel enthaltene Fett, welches im Saft gelöst ist; das Fett soll keine 
Glyceride enthalten, sondern ein Gemenge eines wachsartigen Körpers, 
CaeH^oO?, mit mehreren fetten Säuren sein; Eichhorn glaubt minde- 
stens drei eigenthümliche Säuren abgeschieden zu haben, eine bei 58^ C. 
oder höher schmelzende Säure, eine bei 50<> C. schmelzbare, die Solano- 
stearinsanre, und eine flüssige Solanoleinsäure (s. d. Art. S. 51). 



O Jonrn. f. prakt. Chem. Bd. LI, S. 486. 

^ Pogg. AnoAl. Bd. LXXXYn, S. 227; Pharm. Centralbl. 1862, S. 988. 



Digitized by VjOOQIC 



56 



Solanum. 



Bekanntlich hat seit etwa 15 Jahren bei den Kartoffeln sich eine 
Krankheit gezeigt, die zuerst das Kraut ergreift, bald auch die 
Knollen zerstört; nach Winkler's nicht erwiesener Angabe giebt der 
faule Theil der Kartoffeln bei der Destillation mit Kalk Nicotin. Man 
hat viele Hypothesen über die Ursache dieser Krankheit aufgestellt, so 
wie eine unendliche Masse von Vorschlägen zur Verhütung derselben 
gemacht, die erhaltenen Resultate sind aber durchaus ungenügend; 
wir müssen es den landwirthschafltlichen Schriften überlassen, diesen 
so vielfach besprochenen Gegenstand weiter zu behandeln. 

Die chemischen Untersuchungen der kranken ELartoffeln haben bis 
jetzt keine Resultate gegeben , die auf die Ursache dieser Erscheinung 
schliessen Hessen. 

Nach dem Keimen findet sich in den Kartoffeln eine geringe Menge 
Solanin, mehr in den Keimen selbst (s. Solan in). 

Way und Ogston*) haben die Asche der Ejiollen zu verschie- 
denen Perioden des Wachsthums untersucht, nämlich während (FV.) 



' 


I. 


U. 


m. 


IV. 


V. 


VI. 


Vtt 


Asche der lufttrocke- 
















nen Substanz . . 


4,8 


1,6 


2,2 


0,6 


0,6 


0,7 


— 


Asche der bei 100® C. 
















getrockneten Sub- 
















StfUlZ 


— 


13,7 


15,0 


3,5 


2,8 


8,0 


— 


Wasser in 100 luft- 
















trockener Substanz 


— 


88,4 


85,1 


80,7 


78,8 


78,0 


— 


KaU 


2,9 


10,0 


11,4 


50,9 


50,9 


50,9 


$6,5 


Natron . . . 






— 


— 




— 


— 


8,4 


8,6 


Kalk .... 






Cl,2 


29,9 


37,0 


4,5 


3,8 


2,6 


2,, 


Magnesia . . 






10,2 


5,4 


6,0 


5,7 


8,9 


4,2 


8,1 


Eisenoxjd . . 






1,2«) 


8,9 


3,8 


0,8 


2,1 


1,0 


ifi 


Schwefelsäure 






5,1 


4,6 


5,1 


1,7 


8,8 


8,2 


4,* 


Kieselsäure 






1G,7 


2,2 


8,2 


5,* 


1,2 


0,9 


S,l 


Kohlensäure . 








11,5 


14,1 


11,0 


7,8 


12,1 


16,6 


Fhosphorsänre 






0,7 


0,6 


2,3 


15,1 


17,7 


17,1 


12,« 


ChlorkaUum . 






— 


21,1 


Spur 


6,0 


9,0 




— 


Chlomatrium 






— 


4,8 


12,1 


0,8 


0,9 


6,4 


1,6 


Kohle und Sand 


l 




~~" 






'~~ 






9,0 



^) Jonm. of the Roy. Agric. Soc. Vol. XI, Pars 11; Jahresber. v. Lieb. u. Kopp 
1860, S. 671. 

•) Nebst 1,0 Thoncrde und 0,9 Manganoxyd. 



Digitized by VjOOQIC 



Solanum. 



57 



und nach dem BlQhen (Y.) der Pflanze, and nachdem sie vertrocknet 
(VI.) war. WalsO gieht die Analyse der Asche verschiedener Sor- 
ten (VII., Vni. und IX.); ebenso Moser«) (X. und XI.). Schulz- 
Fleeth^) hat die Asche einer Reihe von Kartoffelsorten meistens von 
Sandboden untersucht und zwar zuerst die 'Asche der ganzen Kartoffeln 
(XII. bis XVin.), dann die Asche der Schalen von den gekochten 
Kartoffeln einiger dieser Sorten (XIX. bis XXI.), so wie die Asche 
des beim Auswaschen der zerriebenen Kartoffeln zurückbleibenden un- 
reinen Faserstoffs (XX TT. bis XXV.), und die Asche des durch Aus- 
pressen der Kartoffeln erhaltenen Saftes, der durch Erhitzen vom Ei- 
weiss befreit und dann fUtrirt war (XXVI. und XXVII.). Griepen- 
kerl hat die Asche von gesunden und von kranken Kartoffeln unter- 
sucht; er fand bei beiden den Aschengehalt der getrockneten Kartoffeln 
zwischen 4,6 und 6,0 schwankend (der Wassergehalt ist meistens bei 
kranken Kartoffeln etwas grösser als bei gesunden); die Asche gesun- 
der (XXVllL) und kranker (XXIX.) Kartoffeln zeigte keinen bedeu- 
tenden Unterschied. 



vm. 


IX. 


X. 


XI. 


XII. 


XUL 


XIV. 


XV. 


— 


— 


1,0 


1,1 


1,2 


1,0 


1,0 


1,2 


— 


— 


4,8 


5,8 


5,0 


8,9 


4,4 


4,8 








76,0 


80,1 


78,4 


74,7 


77,4 


72,7 


35,1 


30,G 


66,6 


68,6 


67,4 


51,7 


56,8 


68,0 


5,8 


2,1 


— 


— 







— 


— 


2,1 


4,8 


1.6 


1,8 


0,8 


M 


1,0 


0,6 


2,7 


8.1 


8,7 


4,3 


2,6 


4,1 


4,6 


4,6 


1,8 


4,2 


0,8 


0,4 


0,4 


0,6 


0,8 


0,4 


8,8 


8,3 


4,6 


8,9 


2,7 


6,4 


8,0 


2,4 


3,0 


8,1 


1,8 


0,2 


0,5 


1,2 


1,0 


0,8 


17,1 


18,9 





— 












20,7 


18,2 


17,5 


18,6 


16,7 


15,8 


18,4 


20,4 





— 


1,1 


4,1 


18,3 


17,5 


15,2 


8,1 


M 


1,5 


2,9 


8,1 


0,5 


1,5 


1,1 


0,8 


6,6 


11,6 


""■ 


"^ 


^~' 




'~~ 





Jahrb. f. prakt. Pharm. Bd. XX, S. 216. — *) Ber. d. Wien. Akad. d. Wias. 
Bd. XI, S. 667; Jahresber. v. Lieb. u. Kopp 1858, S. 580. — *) Pogg. Annal. 
Bd. XCU, 8. 266; Jahnnber. ▼. Liebig u. Kopp 1854, S. 666. 



Digitized by VjOOQIC 



68 



Solanum. 



=1 



XVI. 



XVIL 



xvin. 



XIX. 

(Touxin.) 



XX. 

(▼onXIV.) 



TTT 



Asehe der lufttrockenen Sub- 
stanz 

Asche der bei 100*^0. getrock- 
neten Substanz 

Wasser in 100 lufttrockener 
Substanz 

Kali 

Natron 

Kalk 

Magnesia 

Eisenoxyd 

Schwefelsäure 

Kieselsäure 

Kohlensäure . 

Fhosphorsäure ^ 

Chlorkalium . ' 

Chlomatrium 

Kohle und Sand 



1,0 

8,6 

72,0 
65,0 

3,2 
0,6 

2,9 
0,6 

19,1 
6,8 
0,7 



0,5 

2,6 

79^0 
53,0 

8,5 
8,9 
2,8 

5,0 
1^5 

25,5 
3,9 
1,3 



1,0 

4,4 

76.3 
65,9 

1,8 
4,0 
0,6 
0,4 
0,4 

15,0 

12,1 

0,1 



8,7 



72,8 

7.3 
7,0 
2,4 
0,4 

]f 
2,9 
3,2 
X,9 



10,8 



68,1 

8,9 
6,0 
3,0 
0,4 
3,4 



8,7 
4,8 
2 



,8» 
,0/ 



9,7 



69,6 

12,7 
7,0 
8,0 
0,8 

8.5 
1,1 



Die Asche der frischen Kartoffeln beträgt etwa 1 bis 2 Free, sie 
besteht grösstentheils aus löslichen, namentlich Kalisalzen; Herapafth^) 
erhielt mit verschiedenen Kartoffelsorten folgende Resultate: 



100 Thle. Kartoffeln enthalten: 

in frischem Zustande an Asche 
in trockenem Zustande „ „ 
darin sind lösliche Salze .... 
,, ,, unlösliche Salze . . . 



In den löslichen Salzen sind: 

Kohlensaure 

Schwefelsäure 

Phosphorsäure .... 

Kali 

Chlorkalium 



In den unlöslichen Salzen sind: 
Kohlensaurer Kalk .... 
Kohlensaure Magnesia . . 
Phosphorsaurer Kalk . . . 
Phosphorsaure Magnesia . 



1,S 


1,0 


1,8 


1,1 


4,8 


3,6 


4,4 


8,6 


68,0 


88,2 


84,7 


84,0 


81,1 


16,8 


15,3 


16,0 


21,0 


16,7 


81,4 


18,1 


2,8 


4,9 


3,2 


6,6 


5,7 


8,9 


8,8 


6,7 


SS,5 


64,2 


55,6 


65,7 


Spar 


Spar 


Spur 


Spnr 


0,8 


2,0 


8,0 


1,9 


8,5 


0,3 


1,8 


2,6 


8,3 


0,7 


3,8 


5,4 


9,2 


12,8 


7,5 


8,6 



0,9 

4,0 

86,7 

18,3 



18,8 

6,8 

11,4 

58,0 

2,1 



2,8 
0,6 
2,8 
7,6 



Ausserdem enthält die Asche Spuren Natronsalze, Eisenozyd und Kieselsäure. 

Solanum dulcamara. Die Stengel dieser Pflanze, Stipitea cbd- 
camarae, sind officinell (s. Bittersüss, Bd. II, 2, S. !.)• 

Solanum Lycopersicon L, ist nur unvollständig untersucht; die 
Blätter sollen einen in Wasser löslichen alkalischen Stoff enthalten; 
die hochroth gefärbten säuerlichen Früchte, die sogenannten Liebes- 
oder Paradiesäpfel, Pommes damour, Tomatoes^ enthalten freie Säure, 



^) Chem. Sog. Qnart-Joum. T. 11, p. 4; Jahresber. y. Liebig u. Kopp 1849, 
S. 6d8. 



Digitized by VjOOQIC 



Solaröl. — Sonchus. 



59 



xxn. 

NbXIII.> 


xxni. 

(TOD xn.) 


XXIV. 

(TonXVno 


XXV. 

(vonXVin.) 


XXVI. 

(Ton xin.) 


XXVII. 

(von xn.) 


xxvni. 


XXTX. 


1.0 


1,8 


0,9 


0,7 


— 








__ 


— 


— 


— 


— 


86,5 


23,4 


— 


— 


__ 


__ 





_^_ 





_ 


78,9 


79,6 


1Ä,6 


22,5 


5,8 


8,5 


58.9 


60,3 


55,4 


»5,8 


42,7 
0,9 


80,3 
6,7 
0,9 

2,5 


59,S 
8,1 
1,2 

3,5 


50,0 
1.0 
2,1 


1,0 

0,2 
4,0 
0,1 


0,9 
2,7 
0,3 
8,2 
Spur 


2,8 
4,2 
0,5 

4,7 
8,6 


1,5 
8,0 
1,0 
5,9 
4,7 


«,1 


25,8 
2,2 


20,0 
2,3 


27,7 
3,2 


18,1 
13,4 


14,4 
18,1 


16,4 
12,4 


16,7 
11,8 


~~ 





"— 


"■" 


— ^ 





— 






K 



nach früheren Angaben Aepfelsänre, nach Bertagnini Citronensäure, 
wahrscheinlich Solanin neben fluchtigem Oel, Scbleimzucker n. s. w. 

Verschiedene andere Solannmarten sollen noch Solanin besonders 
in den Früchten enthalten neben Aepfelsänre (?), so & mammosum^ S. 
tugrum and S. verbasdfoUum ^ welche Pflanzen aber nicht näher nnter- 
aacht sind. Fe. 

Solaröl. Unter diesem Namen kommen ganz verschieden- 
artige Schiefer- und Theeröle im Handel vor; hauptsächlich werden 
die weniger flüchtigen Oele so bezeichnet, während die leichter flüch- 
tigen als Photogen, Hydro carbür u. s. w. bezeichnet werden. 

Solfataren werden die Krater erloschener oder ausgebrann- 
ter Vulcane genannt, welche dadurch an die früheren Eruptionen er- 
ixmem, dass sich noch Dämpfe und Gase verschiedener Art entwickeln, 
wodurch sich an den Wänden der Spalten zuweilen feste Mineralien 
absetzen, vorzüglich Schwefel, Salmiak u. a. 

Solfatarit nannte Shepard ^) den Natronalaun wegen des 
Vorkommens in der Solfatara bei Neapel« 

Sommervillit hat Brooke») eine Varietät des Melilith vom 
Vesuv genannt, welche auch für Vesuvian gehalten, sich von diesem 
durch die basische Spaltbarkeit, geringere Härte und geringeres specifi- 
sches Gewicht, so wie durch vollkommenen Glasglanz unterscheidet. 

Sommit, Nephelin von Monte Somma am Vesuv (s. Eläolith). 

Sptichus. Eine zu den Cichoriaceen gehörende Pflanzen* 
gattong. C. Sprengel') hat S, arverms L. und S. oleraceus unter- 



>) Sillim. Americ Jonrn. T. XVI, p. 208. — *) Journ. of Sc. Literat, and 
ArU. T. XVI, p. 274. — *) Journ. f. techn. n. ökon. Chem. Bd. IX, S. 17; Bd. 
X, S. 36. 



Digitized by VjOOQIC 



60 Sonnenblumön. 

sucht. Er fand in S. arvensis^ während des Blühens gesammelt, 86,0 
Thle. Wasser und 1,1^ Thle. Asche; die Pflanze enthält ausserdem 
Bitterstoff, Wachs, Harz, etwas freie Säure u. s. w. S. oleraceus ent- 
hält im blühenden Zustande 90,0 Thle. Wasser, 1,48 Thle. Asche. 

100 Theile der Asche enthalten ausser Spuren von Thonerde nnd 
Eisenoxyd : 



^ 


f. amensis. 


S. oleraeeus. 


Kali .... 


21,9 


29,3 


Patron . . . 


13,7 


18,6 


Kalk .... 


27,0 


18,8 


Magnesia . . . 


4,6 


1,6 


Kieselsäure . . 


3,0 


2,8 


Schwefelsäure . 


15,1 


6,1 


Phosphorsäure . 


8,6 


15,8 


Chlor .... 


6,0 


7,4. 



Fe. 

Sonnenblumen. Die gewöhnliche Sonnenblame, Helianlhua 
annuua L., HeUanthus tuberosus s. Topinambour soll aus Peru and Mexico 
stammen. Die junge Pflanze enthält nach Dessaignes Asparagin; 
John fand im frischen Mark der Stengel Aepfelsäure und Citronensäure, 
Kali- und Kalksalze Medullin (Cellulose) und andere Stoffe. Das 
Sonnenblumenmark, hat nach Schaffner's^ Analyse, die Zusam- 
mensetzung der Zellensubstanz. In der Wurzelist, nach Braconnot, Inu- 
lin enthalten. Die Stengel, Blatter und Blumen hinterlassen 10,8 Proc 
Asche, davon sind 4,5 in Wasser löslich, und 6,3 darin unlöslich. 

Die Samen von HeUanthus, welche einen nassartigen milden Ge- 
schmack haben, und gestampft in Amerika zu Brod verbacken werden 
sollen, sind von Ludwig nnd Kromeyer^) näher untersucht, sie er- 
hielten aus dem entschälten Samen eine eigenthümliche Säure, die He- 
lianthsäure (s. unten), 40 Proc. fettes Oel (s. d. Art S. 62), nicht kry- 
stallisir baren Zucker, dem Inulin ähnliche Körper, die durch das Kochen 
mit verdünnter Säure die Eigenschaft erlangen, ans alkalischer Kupfer- 
oxydlösung Kupferoxydul abzuscheiden; Legumin, Mulder *8 Substanz 
des hornartigen Pflanzenalbumins, Zellensubstanz, und ein gallert- 
artiges Gemenge verschiedener Substanzen (s. unten). 100 entschälte 
Samenkörner gaben 4,19 Asche, davon nur 0,38 in Wasser löslich 
(phosphorsaures Kali, Chlorkalium, keine Natronsalze) und 3,81 in 
Wasser unlöslich (phosphorsaurer Kalk und Magnesia und Spuren 
Schwefelsäure). 

Die schwarzen Schalen der Samen, dem Gewicht nach die Hälfte 
der ganzen Samen etwa ausmachend, enthalten einen nicht näher unter- 
suchten Farbstoff, Oxalsäure, zum Theil an Kali, zum Theil an Kalk 
gebunden, Aepfelsäure oder eine ihr ähnliche Säure und Legumin. 
Zucker und Helianthsäure Hessen sich nicht in den Schalen nachweisen, 
der bräunlich violette Farbstoff ist jedoch vielleicht ein Zersetzungs- 
product ans dieser Säure. Die Asche der Schalen enthält hauptsäch- 
lich kohlensaures Kali und Kalk, etwas Magnesia und Eisenoxyd. 

Die Helianthsäure gehört zu der gleichen Classe von Gerbsäuren, wie 
Caffeegerbsäure, welche die Eisenoxydsalze grün ftrben, die Leimlösung 



^) Aniial..d. Ghem. u. Pharm. Bd. L, 8. 160. 

*) Archiv d. Pharm. [8.] Bd. GXLIX, S. 1 u. S. 285. 



Digitized by VjOOQIC 



Sonnenblumenmark. 6 1 

aber nicht iallen. Ihre Formel ist im trockenen Znstandc Ci4H9 0g oder 
H0.Ci4fig O7; sie steht daher auch ihrer Zusammensetzung nach der 
Caffeegerbsäure, Ci4]fg07 (s. 2. Aufl. Bd. II, 2, S. 630), sehr nahe, so 
wie auch dem isomeren Carthamin, C14 Hg O7 (a. d. Art.) ; sie unter- 
scheidet sich von der Gaffeegerbsäure ausser in der Zusammensetzung 
auch dadurch, dass sie unter Einfiuss von Sauerstoff und Alkali nicht 
Viridinsäure bildet wie diese. 

Zur Darstellung der Helianthsänre werden die entschälten Kerne fein- 
gerieben, mit starkem Weingeist einige Male ausgekocht; diese Auszüge 
werden, nachdem sich beim Stehen etwas fettes Oel abgeschieden hat, in 
einem Strom von Wasserstoffgas abdestillirt; beim Erkalten des Rückstan- 
des scheidet sich eine gallertartige Masse ab (s. unten), worauf die Flüssig- 
keit abfiltrirt und mit Bleizuckerlösung geföUt wird. Der gelbe Nie- 
derschlag wird nach dem Auswaschen in Wasser vertheilt, durch Schwe- 
felwasserstoffzersetzt; das Filtrat wird nochmals mit essigsaurem Blei ge- 
fallt, wieder mit Schwefelwasserstoffgas zersetzt und 'zuletzt das farblose 
Filtrat im Wasserbade verdampft. Die Helianthsäure bildet so eine wenig 
gefärbte amorphe Masse, die ein schwach gelbliches fast weisses Pul- 
ver giebt. Die Helianthsäure wird nicht feucht an der Luft, löst sich 
aber leicht in Wasser und Alkohol, und ist unlöslich in Aether. Beim 
Erhitzen schmilzt sie und färbt sich dann braun unter Verbreitung eines 
Gremchs nach verbranntem Caffee, bei stärkerem Erhitzen entwickeln 
sieh brenzliche saure Dämpfe. Concentrirte Salzsäure färbt die He- 
lianthsäure erst beim Erwärmen roth; concentrirte Salpetersäure und 
Schwefelsäure bewirken diese Färbung schon in der Kälte; beim Er- 
hitzen mit diesen Säuren wird der Körper zerstört. Verdünnte Säuren 
spalten die Helianthsäure in gährungsfahigen Zucker und einen sauren 
Körper, der durch kohlensaures Blei gefallt und durch Zersetzung des 
Niederschlags mit Schwefelwasserstoff in farbloser wässeriger Lösung 
erhalten wird. Beim Abdampfen an der Luft fsrhi die Flüssigkeit sich 
schnell, namentlich bei Zusatz von Alkalien wird die Lösung roth bis 
violett, zuletzt schmutzig braun. Ob die Samenschalen ihre Farbe die- 
sem Zersetznngsproducte der Helianthsäure verdanken, bleibt zu unter- 
suchen. 

Salpetersaures Silberozyd giebt mit Helianthsäure eine geringe 
weisse Färbung, auf Zusatz von Ammoniak scheidet sich Silber zum 
Theil als Metallspiegel ab. Leimlösung und Ferrocyankalium fallen 
die Säure nicht. Eisenchlorid giebt eine schöne dunkelgrüne Färbung, 
durch Ammoniak ins Violette übergehend. 

Die reinen Alkalien färben die Säurelösung sogleich gelb, ohne sie 
zu fallen ; Kalkwasser giebt einen gelben, in Salzsäure löslichen Nieder- 
schlag, der in Berührung mit überschüssigem Kalkwasser und Sauer- 
stoff sich braun färbt. — Neutrales und basisch -essigsaures Blei fallen 
die Säure schön hellgelb, der Niederschlag enthält PbO.Ci4Hg O7. 

Der aus dem alkoholischen Auszug der Samenkerne nach dem 
Abdestilliren und Erkalten sich abscheidende Körper löst sich in sie- 
dendem Alkohol, schwillt in Wasser zu einem seifenleimartigen Körper 
an, und wird durch Säuren coagulirt; die gallertartige Masse scheint 
ein Gemenge zu sein von Helianthsäure, verbunden mit einem ProteTn- 
körper und einer Alkaliseife. Fe, 

Sonnenblumen mark s. d. vorigen Art. S. 60. 



Digitized by VjOOQIC 



62 Sonnenblumenöl. — . Sorbin. 

Sonnenblumenöl, Sonnenblumensamenöl i«t ein 

fettes Oel, welches durch P^es8eD aus den Samen der Sonnenblumen, 
Heiianthus annuus L. , gewonnen wird, die man in verschiedenen Län- 
dern eigens zu diesem Zwecke cultivirt. Der Samen wird vor dem 
Pressen enthölst. Kalt gepresst liefert er 5 bis 6 Proc, warm gepresst 
aber nahe an 40 Proc. Oel. Es ist hellgelb, von mildem Geruch und 
Geschmack, erstarrt bei— 16<>C. Specif. Gewicht bei 15oC.= 0,9262. 
An der Luft trocknet es langsam aus. Man gebraucht es als Nahrungs- 
mittel und zum Brennen. Der Presskuchen dient zur Fütterung des 
Viehes. Wp, 

Sonnenstein s. Oligoklas, Bd, V, S. 674. 

Sonntagssalz heisst in den Salinen zuweilen das feste grob- 
krystallinische Salz, welches in den Soggepfannen vom Sonnabend bu 
Montag bei dem langsamen Verdampfen in dichten und grossen Ery- 
stallen sich ausscheidet. 

Sonoragummi ist eine Art von Gummilack, welche von Mi- 
moaa eerifera, einem in Mexico einheimischen, unter dem Namen Ttina" 
cancuittaquahwtt oder TlahoUolquahuit bekannten Baume stammt und 
durch den Stich einer Coccusspecies erzeugt wird.. Es scheint schon 
längere Zeit von den dortigen Aerzten als Excitans angewendet za 
sein und wurde von ihnen TzmacancuiUctte (^Stereos vespertilionumy ge- 
nannt. Nach Leon Soubeiran^) bildet es Stücke von verschiedener 
Grösse, ist leicht zerbrechlich, auf der Oberfläche matt, auf dem Bruche 
glänzend braungelb, von bitterem schwach adstringirendem Geschmack. 
Man bemerkt darin zahlreiche unregelmässige Zellen, worin einge-- 
trocknete Larven und entwickelte Insecten. Wp. 

Soolen, Soolquellen, Salzsoolen, Sources saUea^ Salt- 
waters, Chlor natrium haltende Quellen, welche zur Gewinnung von 
Kochsalz, Siedesalz oder Soolensalz dienen. 

Sooranjee. Die einen eigenthümlichen Farbstoff enthaltende 
Wurzel von Morinda citrifoUa (s. Morindin, Bd. V, S. 881). 

Sorbamid • ) , . ,, , . 

^, _ ... T ( S- bei borbinsaure vonHofmann, S.65. 

borbanilid ) 

Sorbin. Sorbit. Eine Zuckerart, zu den sogenannten nicht gäh- 
rnngsfähigen gehörend. Formel: Ci^HisOis ; also isomer mit dem getrock- 
neten Traubenzucker und Milchzucker; (1852) von Pelouze 3) entdeckt 
Dieser Zucker wird aus den reifen Vogelbeeren von Sorbus aucuparia er- 
halten, daher sein Name ; ob das Sorbin sich in dem frischen Saft schon 
fertig gebildet findet, ist nicht nachgewiesen. Pelouze hatte die 
Vogelbeeren, die gegen Ende September gesammelt waren, zerquetscht 
und ausgepresst, und den so gewonnenen Saft 13 bis 14 Monate hin- 
durch in Schüsseln an der Luft stehen lassen; die klare Flüssigkeit 
ward von dem Bodensatz abgegossen und zur Syrupsconsistenz einge- 



») Joum. de chim. et de pharm. [8.] T. XXVUI, p. 196. — «) Compt. rend. 
T. XXXIV, p. 877; Annal. de chim. et de phys. [8.] T. XXXV, p. 222; Annal. d. 
Chem. Q. Pharm. Bd.LXXXÜI, S. 47; Jahresber. y. liebig u. Kopp 1862, S. 664. 



Digitized by VjOOQIC 



Sorbin. 63 

dampft, worauf daa Sorbin heraaskrjstallisirte; durch wiederholtes Ein- 
dampfen der Mutterlauge ward noch mehr davon erhalten. Die brau- 
nen Krjstalle werden durch Umkrystallisiren aus Wasser mit Hülfe 
▼on Kohle leicht vollständig entfärbt. 

Das reine Sorbin bildet ausgezeichnet schöne und regelmässige 
durchsichtige farblose Erystalle, nach Berthelot dem rhombischen 
System angehörend, meistens Rectanguläro^taSder : p x • p oo mit P ; 
über OP ist poo:p«> = 88^49^ p<x>:Poo = 37« 7'; die Flächen 
swischen P und P x sind abgestumpft durch mpx(mpx:px 
= 164^20'). Die Erjstalle haben bei 15<^C. ein specif. Gewicht von 
1,654; sie krachen zwischen den Zähnen, schmecken rein süss voll- 
kommen wie Rohrzucker. Das Sorbin löst sich in etwa der Hälfte sei- 
nes Gewichtes Wasser; die concentrirte Lösung hat ein specif. Ge- 
wicht von 1,372 bei Ib^ C, ist also etwas dichter als Rohrzuckersyrup, 
dem sie sonst vollkommen gleicht. Die wässerige Lösung von Sorbin 
polarisirt das Licht nach links; für den rothen Lichtstrahl ist die Ab- 
lenkung einer Lösung von 0,2391 Sorbin in 0,7609 Wasser: [a]r = 
— 35<^97' bei 5<^C.; das Rotationsverroögen scheint durch Temperatur- 
erhöhung nur wenig zuzunehmen, durch Einwirkung verdünnter Säure 
ferändert sich die Ablenkung nicht merkbar. In absolutem Alkohol 
ISst sich beim Sieden sehr wenig Sorbin, das sich beim Erkalten wie- 
der in OctaSdern abscheidet. Bis zum Schmelzen erhitzt, nimmt das 
Sorbin nicht an Gewicht ab ; stärker erhitzt entwickeln sich sauer rca- 
g^ende Wasserdäropfe, und es bleibt Pyrosorbinsäure (s. S. 64) zurück; 
wird das Sorbin auf Platinblech stark erhitzt, so verhält es sich wie 
gewoholicher Zucker, es zeigt den Geruch nach Caramel, und hinter- 
iJUst takizi ein« voluminöse Kohle. 

Verdünnte Schwefelsäure verändert das Sorbin auch bei längerem 
Kochen damit nicht; concentrirte Schwefelsäure zersetzt es sogleich, 
es färbt sich schnell rothgelb und schwärzt sich schon bei gelindem 
£rwännen. Mit Salpetersäure erhitzt giebt es Oxalsäure, und zwar 
aber die Hälfte seines Gewichts. 

Gelöstes Sorbin färbt sich mit Alkali versetzt schnell gelb unter 
Entwickelung eines Geruchs nach gebranntem Zucker, eine Lösung 
Ton 1 Thl. Sorbin in 2000 Thln. Wasser wird durch Kali noch 
merklich gelb gefärbt. Das wässerige Sorbin löst Baryt, Bleioxyd und 
Kalk, die Lösungen riechen beim Erwärmen nach gebranntem Zucker. 
Das Sorbin löst Kupferoxydhydrat, die tiefblaue Lösung scheidet 
nach einiger Zeit Kupferoxydnl ab; auf eine Lösung von weinsaurem 
Ktipferoxyd-Kali wirkt das Sorbin schon in der Kälte reducirend. In 
wässeriger Lösung^ mit Bierhefe zusammengebracht verändert das Sor- 
bin sich nicht, auch nicht wenn es zuerst mit verdünnter Schwefelsäure 
gekocht war. 

Eine Lösung von neutralem oder basisch*essigsaurem Blei wird 
Ton Sorbin nicht getrübt, nur bei Zusatz von Ammoniak entsteht ein 
Niederschlag. Durch Zusatz einer schwach ammoniakalischen Lösung 
von essigsaurem Bleioxyd zu überschüssigem Sorbin wird ein weisser 
Niederschlag erhalten, der bei 100^ C. getrocknet sich schwach gelb* 
lieh färbt, und den Geruch nach Caramel zeigt ; er hat die Zusammen- 
letzüng 4PbO.C„H9 0». 

Mit Chlomatrium giebt das Sorbin eine in mikroskopischen wie 
es scheint würfelförmigen Krystallen sich ausscheidende Verbindung. 

Digitized by VjOOQIC 



64 Sorbinsäure. 

Berthelot 1) giebt an^ dass er durch Einwirkung von Weinsäure 
auf Sorbin bei 100^ C. eine Verbindung, Sorbitartrinsäure, erhalten 
habe; er sagt nichts von den Eigenschaften und der Zusammensetzung 
derselben. 

Pyro sorbinsäure. 

Sorbinsäure von Pelouze (die davon zu unterscheidende Sor- 
bin säure von Hofmani^ 8. folgd. Art), nach ihm CasHigOisy bildet 
sich beim Erhitzen von Sorbin für sich. Wird dieser Zucker einige 
Zeit auf 150o bis ISQOC. erhitzt, so bleibt ein dunkelrother Rückstand, 
der hauptsächlich ans dieser Säure besteht. Um sie zu reinigen, löst man 
die geschmolzene Masse in Kali oder Ammoniak, und fällt die filtrirte 
Flüssigkeit mit überschüssiger Salzsäure; die intensiv rothen Flocken wer- 
den ausgewaschen und getrocknet. Die Pyrosorbinsäure i^t eine amor- 
phe, ganz dunkelroth oder schwarz erscheinende Masse, sie ist unlös- 
lich in Wasser, in Alkohol und in verdünnten Säuren; sie löst sich in 
alkalischen Flüssigkeiten zu sepiafarbigen Lösungen, die selbst bei 
grosser Verdünnung noch braun gefärbt erscheinen. Die pyrosorbin- 
sauren Salze von Kali, Natron und Ammoniak sind in Wasser löslich, sie 
geben mit den löslichen Salzen von Baryt, Kalk, Thonerde, Eisen, Zinn, 
Gold und Platin verschieden intensiv gefärbte gelblichrothe volumi- 
nöse Niederschläge; mit schwefelsaurem Kupferoxyd bilden sie einen 
gelblich grünen, in Ammoniak mit intensiv grüner Farbe löslichen Nie- 
derschlag. Die Nickeloxydulsalze werden röthlich braun, die Kobalt- 
oxydulsalze ockerbraun gefällt, der Nickelniederschlag ist löslich irt 
Ammoniak, während der Kobaltniederschlag darin unlöslich ist. Das 
pyrosorbinsäure Bleioxyd hat die Formel SPbO.CaaHigOis. Fe. 

Sorbinsäure von Hofmann (die davon verschiedene Sorbin- 
säure von Pelouze s. oben Pyrosorbinsäure unter Sorbin). Eine 
stickstofffreie organische Säure. Formel : Ci^ Hg O4 oder H O . G13 H7 0| 
_ C12H7 Oaj Q^ p.^g^ g„^^ ^jgg^j ^^^ Hof mann «) entdeckt, bil- 
det sich durch Umlagerung der Moleküle aus dem isomeren Vogel- 
beeröl (s. unter Sorbus aucuparia)beim Erwärmen mit festem Alkali 
oder mit Säuren. Wird das Oel zuerst gelinde mit festem Kalihydrat 
erwärmt, die Masse in Wasser gelöst und mit Chlorwasserstoffsäure ver- 
setzt, so scheidet sich eine ölige Flüssigkeit ab, die nach einigen Augen- 
blicken zu einer Krystallmasse erstarrte Dieselbe Säure bildet sich, 
wenn man das Vogelbeeröl längere Zeit mit concentrirter Salzsäure 
kocht, oder wenn man es in concentrirter Schwefelsäure löst, einige Zeit 
gelinde erwärmt und dann durch Zusatz von Wasser fällt. 

Die Sorbinsäure wird durch Umkrystallisiren am besten aus schwa- 
chem Alkohol (1 Vol. Alkohol, 2 Vol. Wasser) gereinigt; sie krystalli- 
sirt leicht in zolliangen weissen Nadeln, die geruchlos sind, sie lösen 
sich nicht in kaltem, aber leicht in heissem Wasser ; in Alkohol und 
Aether sind sie leicht löslich. Mit einer zur Lösung unzureichenden 
Menge Wasser erhitzt, schmilzt die Sorbinsäure schon beim Sieden des 
Wassers, die trockene Säure schmilzt erst bei 1 34^,5 C; sie erstarrt 



>) Jahresber. v. Kopp. u. Will. 1857, S. 607. 

^ Annal. d. Chem. u. Pharm. Bd.CX, 8.129; Campt, rend. T.XLYIU, S.297. 



Digitized by VjOOQIC 



Sorbinsäure. 65 

langsam weit unterhalb des Schmelzpunktes; bei höherer Temperator 
▼erflöchtigt sich die Sänre ohne Zersetzung. 

Wird Sorbinsanre mit Phosphorperchlorid oder sorbinsaares 
Kali mit Fhosphorchlorid erhitzt, so bildet sich Sorbylchlorid, 
im reinen Zustande CifHjOsGl; es zersetzt sich bei der Destfllation 
grdssteniheils ; durch Alkohol wird es zersetzt unter Bildung von Sorbin- 
a&ore-Aether, mit Ammoniakgas bildet es Sorbamid (s. unten), mit 
Anilin bildet sich Sorbanilid, das beim Lösen in Wasser als ein bald 
kryatallinisch erstarrendes Oel zurückbleibt. 

Beim Erhitzen mit Barythydrat bildet sich kohlensaurer Baryt 
und ein flüchtiger und flüssiger aromatischer Kohlenwasserstoff, der 
nicht näher untersucht ist. 

Die Sorbinsäure ist eine starke Säure, sie zersetzt leicht die kohlen* 

C H O J 
sanren Salze ; die sorbinsauren Salze sind BO . Cjs^tOs ^^^ ^' ^t^ (Of ; 

die sorbinsanren Alkalien sind leicht löslich in Wasser, das Kali- und 
Natronsalz schwierig krystallisirbar; ihre concentrirten Lösungen fällen 
weder die Chloride von Barium, Strontium und Magnesium, noch schwefel- 
saures Kobaltoxydul ; mit Chlorcalcium geben sie erst nach einiger Zeit 
einen kiystallinischen Niederschlag; auf Zusatz yon Alaunlösung fällt 
in der Kälte nur Sorbinsäure, beim Kochen sorbinsaure Thonerde ; ähn- 
lich yerhält sich Chromalaun. Weiter werden amorph gefällt: Eisen- 
oxydolsalz schmutzig gelb, Eisenoxydsalz gelb, schwefelsaures Nickel- 
oxydnl grünlich, essigsaures Bleioxyd, salpetersaures Quecksilberoxydul 
und Quecksilberchlorid weiss, schwefelsaures Knpferoxyd licht- bläulich- 
grün. In schwefelsaurem Manganoxydnl und Zinkoxyd entstehen nach 
einiger Zeit weisse krystallinische Niederschläge. 

Sorbinsaures Aethyloxyd, Cie}{i204 = C4ll5 0.Ci9H7 08, 
bildet sich beim Behandeln einer alkoholischen Lösung von Sorbin- 
sanre mit Salzsänregas , Waschen und Trocknen der Flüssigkeit über 
Chlorcalcium. Es bildet sich auch bei Einwirkung von Alkohol auf 
Sorbylchlorid. Der Sorbinsäureäther ist eine farblose Flüssigkeit von 
angenehmen aromatischem, an BenzoSäther erinnernden G-eruch; er ist 
leichter als Wasser und siedet bei 19ö<>,5 C. 

Wird der Sorbinsäureäther mit wässerigem Ammoniak in einer 
zageschmolzenen Glasröhre auf 120<^C. erhitzt, so bildet sich Sorbamid, 

Ci,H,NOa = ^*^g«JN; es büdet weisse, leicht schmelzbare Na- 

dein, die sich in Wasser und Alkohol lösen, und beim Erhitzen mit 
wässerigen Flüssigkeiten leicht in sorbinsaures Ammoniak übergehen. 

Sorbinsaures Ammoninmoxyd ist sehr leicht löslich, es kry* 
stailisirt in langen Nadeln, die an der Luft bald Ammoniak ver- 
lieren. 

Sorbinsaurer Baryt, BaO.Ci2H708, wird dargestellt durch 
Sieden einer concentrirten wässerigen Lösung der Säure mit kohlen* 
saurem Baryt; die neutrale Lösung scheidet das Salz beim Yerdam* 
pfen, besser bei Zusatz von Alkohol, in krystalHnischen Schuppen ab. 
Das Salz löst sich in siedendem Wasser kaum leichter als in kaltem; 
weniger als in Wasser löst es sich in Alkohol. 

Sorbinsanrer Kalk kann wie das Barytsalz dargestellt werden, 
dem es auch in seinen Eigenschaften gleicht, oder durch Fällen von 
sorbinsanrem Ammoniak mit Chlorcalcium aus hinreichend concentrir- 

Btmtwtttmbütii dar Chemie. Bd. VDL 5 

• Digitized by VjOOQIC 



66 Sorbinsäure. — Sorbus aucuparia. 

ten Lösungen; es scheidet sich dann in kurzer Zeit als krystaUinischer 
Niederschlag ab. 

Sorbinsaures Silberoxyd, AgO .C12II7OS9 wird durch Fällen 
von salpetersaurem Silber mit sorbinsaurem Ammoniak als ein weisser 
unlöslicher, kaum krystaUinischer Niederschlag erhalten. Fe, 

Sorbinsäure von Peloaze, Pyrosorbinsäure s. unter 
Sorbin, S. 64. 

Sorbit hat man das Sorbin als nicht gährungsfähigen Zucker 
genannt wegen der Aehnlichkeit in dieser Beziehung mit Mannit. 

Sorbitartrinsäure s. unter Sorbin, Einwirkung von 
Weinsäure, S. 64. 

Sorbus aucuparia, Vogelbeerbaum. Ein zu den Rosa- 
ceen gehörender, in Deutschland sehr verbreiteter Baum. Die Bin« 
men, die Rinde von Stamm und Wurzeln sollen beim Destilliren mit 
Wasser blausäurehaltende Producte geben; die Rinden sollen ausser- 
dem Gerbstoff und Bitterstoff enthalten (Grass mann). Näher als 
diese Theile des Baumes sind seine Früchte, in Büscheln vereinigte 
Beeren, untersucht, die im Herbst eine schön rothe Färbung annehmen. 
Diese Beeren enthalten besonders im unreifen Zustande viele freie 
Pflanzensäuren, Citronsäure, Weinsäure und Aepfelsäure; die letztere 
ist am reichlichsten in den Beeren zu der Zeit, wenn sie rosenroth ge- 
färbt erscheinen, vorher enthalten sie mehr Weinsäure, bei weiterem 
Reifen verschwindet die Aepfelsäure wie es scheint auch wieder; wel- 
che Veränderungen hier vorgehen ist nicht nachgewiesen. Ausser die- 
sen Säuren wird ans dem Vogelbeersaft noch ein nicht gährungsfähi- 
ger Zucker, Sorbin (s. d. Art.), erhalten; doch enthalten die Beeren 
auch gährungsfähigen Zucker, denn selbst der Saft unreifer Beeren (in 
Giessen Mitte August gesammelt) ging freiwiUig in regelmässige wei- 
nige Gährung über, und bei der Destillation von 100 Vol. Saft wur- 
den 4 Vol. Branntwein von 50 Proc. erhalten, der reinschmeckend 
war, und sich von Kirschwasser kaum unterscheiden liess. Nach dem 
Branntwein destillirt eine milchige Flüssigkeit über, aus der sich in 
einigen Tagen eine geringe Menge eines Stearoptens in kleinen glän- 
zenden Ery stallen absetzt (Lieb ig). Man stellt in verschiedenen Ge- 
genden, in Norddeutschland, in Tyrol u. a. a. O. auch aus dem Saft rei- 
fer Vogelbeeren Branntwein dar. Lieb ig schlägt vor den Vogelbeer- 
saft zur Elartoffelmaische zu setzen, um zu versuchen, ob dadurch nicht 
ein reinerer weniger Fusel enthaltender Branntwein erhalten würde. 

Wird der zur Abscheidung von Aepfelsäure mit Kalk versetzte 
Vogelbeersaft abgedampft, so zeigt sich ein höchst stechender die Au- 
g^n stark reizender Geruch ; wird das Abdampfen in einem Destillations- 
apparat vorgenommen, so ist das Destillat sauer, und beim Stehen schei- 
det sich ein saurer ölartiger Körper, VogelbeerÖl oder Parasorbin- 
säure ^) aus. Wird der Rückstand in der Blase mit etwas Schwefel- 
säure versetzt, so wird bei wiederholter Destillation noch mehr von 
dem sauren Oel erhalten. Um dieses auch aus der destillirten wässeri- 
gen Flüssigkeit abzuscheiden, wird diese mit kohlensaurem Natron 



Annal. d. Chem. u. Pharm. Bd. CX, S. 129 ; Compt. rend. T. XLVm, p. 297. 

Digitized by VjOOQIC 



Sorbyl. — Sordawalit. 67 

neutraliBirt, eingedampft, und der Salzrückatand mit massig verdünn- 
ter Schwefelsäure zersetzt, auf der Salzlösung sammelt sich dann die 
Säure als eine Oelschicht Das so erhaltene Yogelbeeröl ist nun schwach 
gelb oder mehr oder weniger braun gefärbt, zur Reinigung wird es 
rectificirt, dabei fängt es etwas über 100^ C. an zu sieden, die Tem* 
perator steigt aber bald auf 200^0., und dann langsam auf 225^0. 
Das Destillat ist nun das reine Yogelbeeröl, ein saurer Körper, dem 
Hofmann daher denNamenParasorbinsäure giebt; das erste Destil- 
lat scheidet sich in zwei Schichten, die obere ist wasserhaltende Säure, 
auf einer wässerigen Lösung der Säure schwimmend; über 200^0. 
ging die reine Säure über, im Bückstand blieb eine harzige Substanz. 
Die Farasorbinsäure hat die Formel C1SH8O4, ist eine wasser- 
klare ölartige Flüssigkeit von eigenthümlichen, verdünnt nicht unange- 
nehmen aromatischem Geruch; concentrirt riechen die Dämpfe unan- 
genehm, fast betäubend ; das Oel hat ein specif. Gewicht von 1,068 bei 
15<>C.; es siedet constant bei 221^0., der grössere Theil destillirt un- 
verändert über, ein kleiner Theil bleibt aber jedes Mal selbst beim De- 
stiliiren im Wasserstofigasstrom als harzartiger Bückstand. Die Säure 
lost sich ziemlich reichlich in Wasser, in jedem Verhältniss in Alko- 
hol oder Aether, die Lösungen reagiren sauer. Die Säure löst sich 
leicht in wässerigen kaustischen Alkalien, wie in Kalk- und Baryt- 
wasser, und in den kohlensauren Alkalien, ohne aber Kohlensäure aus- 
zutreiben; diese Lösungen hinterlassen beim Abdampfen einen amor- 
phen harzartigen Bückstand. Die ammoniakalische Lösung giebt mit 
Silbersalz versetzt einen weissen gallertartigen Niederschlag, der sich 
am Licht bald schwärzt. Die alkalische Lösung der Farasorbinsäure 
Verändert sich beim Kochen selbst mit überschüssigem Alkali nicht; 
Zusatz von Säure scheidet die ölige Säure unverändert ab; wird diese 
aber mit festem Kalihydrat erwärmt oder mit wässerigen Säuren er- 
hitzt, so verwandelt sie sich in eine isomere krystallisirbare Säure die 
Sorbinsäure (s. d. Art.). Fe- 

Sorbyl. Das Badical CiaH702 der Sorbinsäure von Hof- 
mann (s. d. Art.). 

Sorbylchlorid s. Sorbinsäure von Hofmann 
S. 65. 

Sordawalit von Sordawala in Finnland, woselbst das Mineral 
als Saalband eines im Gneisse aufsetzenden Doleritganges vorkommt, 
ist amorph, derb, Platten und Trümmer bildend, hat muschligen Bruch, 
ist br&unlichschwarz bis schwärzlichgrün mit leberbraunem Strich, 
wachs- bis glasartig glänzend, undurchsichtig, spröde, hat die Härte 
= 4,0 bis 4,5, das specif. Gewicht = 2,55 bis 2,62. Es schmilzt vor 
dem Löthrohr ruhig zur schwarzen Kugel und wird von Säuren un- 
vollkommen zersetzt. NordenskiÖld ^) fand darin 49,4 Kieselsäure, 
13,8 Thonerde, 18,17 Eisenoxydul, 10,67 Magnesia, 2,68 Phosphor- 
säore, 4,38 Wasser, Wandesieben >) dagegen 47,70 Kieselsäure, 
16,65 Thonerde, 21,32 Eisenoxyd, 10,21 Magnesia, 2,26 Phosphor- 
säure. K. 



^} Bidrag S. 86. -^ <) Jahresber. v. Liebig a. Kopp 1854, S. 842, 



Digit^edby Google 



68 Sorghum saccharatum. 

Sorghum saccharatum W. Holeus saeeharatusL. Sor- 
gho^ ZnckerBorgho, chinesisches Znckerrohr, Znckermoor- 
hirse, Imphee (L. Wray), Kao-lien ^). 

Auf den Sorgho, eine dem Welschkorn (Zea mens) ähnliche Pflanze, 
ist in der neoesten Zeit vielCskch die Aafmerksamkeit der Znckerfabri- 
kanten und Landwirthe gerichtet worden. Den ersteren versprach sie 
einen Ersatz fiOr die Zuckerrübe, den letzteren ein neues Material rar 
Branntweinbrennerei und bei dem so häufig eintretenden Mangel ao 
Grrünfntter einen reichen und ausserordentlich Tortheilhaften Ersatz Ar 
dasselbe. Die gemachten Mittheilungen beziehen sich offenbar nicht 
immer auf dieselbe Pflanze, wir betrachten daher hauptsächlich dieje- 
nige Species, mit welcher die meisten Versuche angestellt wurden, in- 
dem wir die an anderen Species gemachten Erfahrungen, insoweit es 
klar am Tage lag, dass wirklich mit anderen Species experimentirt 
wurde, gelegentlich beigeben. 

Die ersten Beobachtungen über das Sorghttm saceharaium wurden 
Ton dem Jesuitenmissionär du Halde aus der chinesischen Provinz 
Le Chuen gemacht, worauf im Jahre 1851 Montignj, französischer 
Generalconsul in Shanghai, der geographischen Gesellschaft zu Paris 
Samen von Sorgho schickte, welchem er den Namen „chinesisches 
Zuckerrohr^^ gab. Der Samen wurde in Frankreich besonders durch 
Vilmorin und David Beanregard, Mitglied der AkklimatisatiooB- 
gesellschaflt, verbreitet 1854 wurde durch die Vermittlung des D. J. 
Browne, der im Auftrage der Patent office of WaskingUm eine Reise 
durch das südliche Europa unternahm behufs der Aufsuchung von fQr 
die landwirthschaftliche Cultur der vereinigten Staaten sich eignenden 
Pflanzen, eine grosse Quantität von Vilmorin gezogener Samen nach 
Washington gesandt, wo die genannte Behörde alsdann vielfache und 
ausgedehnte Versuche mit dem Sorgho veranlasste, welche sämmtlich 
die vortheilhafte Verwerthung der Pflanze für die Industrie wie für die 
Landwirthschaft bestätigten. 

Wir haben von den vielen gegebenen Abhandlungen hier nur die 
wichtigsten angeführt und entnehmen das die chemischen Verhältnisse 
der Pflanze Betreffende hauptsächlich der schätzbaren Abhandlang 
Oössmann's, indem wir die Resultate anderer Forscher anreihen. 

Die von den Blättern befreite Pflanze, das Sorghumrohr, besteht 
aus 78,9 Thln. Wasser, 10,2 Thln. löslichen Bestandtheüen, 8,2 Thh. 
Cellulose, 0,4 bis 0,5 Thln. unlöslichen Salzen und Cerosin. Dieser 
letztere wachsartige Stoff ist ungleich auf der Oberfläche der Pflanse 
vertheilt, flndet sich jedoch hauptsächlich auf den Theilen der Pflanze, 
welche durch den scheidenartigen Theil der Blätter verdeckt sind. 
Nach 01c Ott erhält man in Algier etwa 69 Pfund Cerosin vom Mor- 
gen und es lässt sich, gemischt mit etwas Talg, zu schön brennenden 
Kerzen verarbeiten. Beim Verkohlen des entblätterten Rohres erhielt 
Gössmann 0,71 Proc unorganische Bestandtheile. Der alkalisch res- 



') Henry S. Oleott, Sorgho and Imphee, the new chines and afticaD sogar 
canos. Saxton. New York 1867. — VilmoriD, Recherchesde sorgho sncr^ 1864. 

— Stansbnry, the chines. sngar-canes. KewTork 1867. —* James F. C. Hyde, 
the chines. sngar-canes. Boston 1867. ^ J. Lovring, the chines. sngar-canes. Phi- 
ladelphia 1868. — A. Goessmann, Jonm. f. Landwirthschaft, von Henneberg. 
Nene Folge. Bd. I, S. 294. 1868. — Habich, Polyt. CentralbL 1868, S. 1G47. 

— LOffler, das chinesische Znckerrohr. Braunsohweig 1859. 



Digitized by VjOOQIC 



Sorghum saccharatum. 69 

girande RQokstand bestand ans phosphorsaurera Kalk und Magnesia, 
Kalk, Magnesia, Natron undEIali verbanden mit Kohlensänre und Chlor, 
beim Behandeln mit Mineralsäure hinterblieb Kieselerde. Kali war 
▼orherTBchender als Natron. 

Die Blatter, welche keinen Zucker enthalten, hinterlassen beim 
Verbrennen 2,07 Proc. unorganische Bestandtheile, vorzugsweise aus 
Kieselerde und alkalischen Erden (CaO.MgO) bestehend, und enthalten 
27 Proc. Feuchtigkeit 

Die Aschenbestandtheile der ganzen Pflanze sind von J. Elwert 
(Assistenten am chemischen Laboratorium in Stuttgart) ermittelt wor- 
den. Die hierzu verwendeten Pflanzen waren von der Sorgbumspedes, 
welche in Amerika unter dem Namen Broom Com (Besenkorn ^) an- 
gebaat wird und sich durch die vielfach getheilte, längere Rispe vom 
chinesischen Zuckerrohr unterscheidet Die erhaltenen Zahlen sind fol- 
gende: 100 Kilogramm der grünen Pflanze» entsprechend 15,5 trocke- 
ner, geben 1,879 IQlogramm Asche bestehend aus 

20.3 KaU 
4,7 Natron 

21.4 Kalk 
2,2 Chlor 

1,9 Schwefelsäure 

8,0 Phosphorsäure 

14,1 Kohlensäure 

1 6.5 Kieselsäure 

10,5 Sand, Spuren von Eisen 

100,00. 
Hiervon sind löslich in Wasser: 
20,3 Kali 
4,7 Natron 

2.2 Chlor 

1,9 Schwefelsäure 
3,4 Phosphorsäure 

3.3 Kieselsäure. 

Loslich in Salzsäure: 21,4 Kalk, 14,1 Kohlensäure, 4,6 Phosphor- 
länre. Unlöslich blieben: 13,2 Kieselsäure und 10,5 Sand. 

Der durch Auspressen der Pflanze erhaltene Saft schmeckt sehr 
ifiss, hat einen krautartigen Beigeschmack, ist grünlich gelb, trQbe, rea- 
girt frisch schwach sauer und hat ein speci£ Gewicht von ungefähr 1,07 
(9 bis 9Vs^B.) bei 19oC. Er siedet bei lOl» bis 101 1/3^ C, beginnt 
bei 65^ bis 70^ C. sich zu trüben und ein eiweissartiges Coagulum ab- 
zuscheiden, ohne sich jedoch völlig zu klären, was erst bei längerem 
Kochen geschieht. Bei 20o bis 25<> C. sich selbst überlassen, beginnt er 
bald zu gähren. Beim Abdampfen hinterlässt er, nach dem Abschäumen 
der ausgeschiedenen eiweissartigen Bestandtheile einen durchsichtigen 
zähen süssschmeckenden Bückstand, welcher keine Spur von Kry- 
rtallisation zeigt und bei Anwendung nicht vollständig gereifter Exem- 
plare Stärkereaction giebt Bei vollständig gereiften Exemplaren 
«hielt Gössmann nur Rohrzucker, und zwar 9 bis 9,56 Procent 
Nach den Untersuchungen von Beihlen und Fehling enthielt der 
Saft des Besenkornes von nicht völlig reifen Pflanzen neben 4 Proc. 

^}Flei0ch]ii»nn, Nordsmerik. L4uidinrth. Frankfurt 1848, S. 169. 

Digitized by VjOOQIC 






70 Sorghum saccharatum. 

Rohrzucker 10 Proc. Schleimzucker. Lüdersdorff fand im Safte 
des chinesischen Zuckerrohrs bei einem Totalzuckergehalt von 7,5 Proc 
denselben aus gleichen Theilen Bohr- und Fruchtzucker bestehend, 
und Bergemann fand darin gar keinen Bohrzucker, sondern 11,3 
Proc. Fruchtzucker. Aus diesem und aus den ausföhrlichen Unter- 
suchungen des Dt, Jackson i) geht hervor, dass die Pflanze in den 
ersten Lebensstadien nur Traubenzucker neben Stärkmehl enthalt, 
während mit Vollendung der Beife alles Stärkmehl verschwindet and 
sich alsdann nur Rohrzucker vorfindet An indiflTerenten Stoffen ent- 
hält der Saft schleimige stickstoffhaltige Theile, Chlorophyll, Gnmmi 
und eiweissartige Verbindungen. Obgleich die Menge der letzteren 
nicht auffallend gross ist, so hält er doch mehr davon als hinreichend 
ist, eine vollständige Entmischung des Saftes herbeizufShren, d. h. eine 
Umwandlung des Rohrzuckers in Traubenzucker und dann in Alkohol 
und Kohlensäure zu bewirken. L off 1er führt noch als allein in dem 
Sorghum saccharatum enthalten eine „Sorghosäure^* und eine „wahre 
Sorghoaäure^^ (?) an, welche letztere süsslich herbe schmeckt und Seide 
gelb färben soll. Im Uebrigen ist die chemische Natur dieser Doppel- 
säure noch nicht erklärt. 

Oleott fand den Saft bestehend aus 15,2 Zucker, 1,0 Salze and 
organischen Bestandtheilen (Eiweiss, Pflanzenfaser, Gummi, Chloro- 
phyll u. 8. w.) und 83,8 Wasser. Die Salze ergaben sich als: 

0,750 Kalisalze, mit Kohlensäure, Essigsäure, Chlor und Schwefel- 
säure verbunden, 
0,218 saurer phosphorsaurer Kalk und Magnesia, und 
0,012 Kieselerdohydrat, gemischt mit Eisenoxyd und Manganoxyd 
Die Asche des Saftes enthält, nach Gössmann, an in Salzsäure 
unlöslichen Bestandtheilen 0,0015 Proc. Kieselsäure, löslich waren: 

0,219 phosphorsaurer Kalk und Magnesia, nebst Spü- 
ren von Eisen 
0,310 Alkalien, vorzugsweise Kali 
0,069 Schwefelsäure 
0,065 Chlor 
0,079 Phosphorsäure 
0,742. 
Es entspricht dies nahezu 0,309 Proc. Salzen, von denen wieder 
0,13 Proc. als reine Alkalien zu berechnen sein würden. Wahrschein- 
lich enthält der Saft geringe Mengen von Oxalsäure und Weinsäure (?). 
Die ausgepressten Pflanzen (Bagasse), welche zur Papierfabrika- 
tion verwendet werden können, geben, nach Olcott's Angaben, 1,6 
Proc. Asche, bestehend aus: 

8,10 schwefelsaurem Kali 
9,60 schwefelsaurem Natron 
11,80 Kalk 
9,80 Magnesia 
28,70 Schwefelsäure 
13,42 Phosphorsäure 

3,70 Chlor 
14,40 Kieselsäure 
0,68 Sp uren von Eisenoxyd, Kohlensäure u. Verlast 

100,00. 

Polyt. Centralbl. Nene Folge. Bd. SJI. S. 1649. 

Digitized by VjOOQIC 



Sorghum saccharatum. 71 

Die Aehren des Sorgho sind rispenartig, grünlich gelb in der Bltt- 
theseit, nnd werden bei vorschreitender Reife gelb. Die Deckblätter 
der Blüthen sind bei vollständiger Beife der Samen rothbrann, bei 
dnrehfallendem Lichte violettroth. Der Farbstoff in diesen Pflanzen- 
theilen scheint grünlich constant cu sein, löst sich leicht in Alkohol, 
veniger leicht in Aether, ist ziemlich unlöslich in reinem und ange- 
aänertem Wasser sowie in neutralen Salzlösungen; reine freie kohlen- 
saure Alkalien lösen ihn ziemlich leicht mit violetter Farbe, und ver- 
dünnte Säuren fallen ihn in einem lichten Roth (Gössmann). 

01c Ott giebt über den Farbstoff das Folgende an. Durch Behau- 
dein der äusseren Samenhülle mit heissem Wasser, verdünnter Schwe- 
felsäure, Salzsäure, Essigsäure, Salpetersäure, Oxalsäure, Zinnchlorid 
und Alaun wird eine Reihe von Farben erhalten, die vom tiefsten Pur- 
pur bis zum hellsten Rosa abnimmt Die erhaltenen Farben eignen 
sich sowohl zur Seiden- als Baumwollefarberei. Der Farbstoff ist un- 
löslich in kaltem Wasser, Alkohol löst ihn mit tief rother Farbe auf, 
Aether glänzend roth, eine siedende Alaunlösung nimmt eine röthlich- 
lilla Farbe an, concentrirte Schwefelsäure löst ihn tief roth, Salzsäure 
rothlich orange, die Alkalien braun. Er zerfallt in zwei verschiedene 
färbende Principien (Sorghotin und Sorghin L off 1er 's); der eine 
Farbstoff ist roth, schwer löslich in Wasser und löslich in Weingeist, 
Aether, den Säuren und Alkalien und wird von Oleott Purpurhol- 
eine genannt Der zweite, gelbe Farbstoff ist leicht löslich in Wasser 
imd den anderen Lösungsmitteln, lässt sich jedoch nicht wie das Pur- 
purholcin ans seinen Lösungen niederschlagen, er hat den Namen 
Xantholcin erhalten und 01c ott hielt ihn für identisch mit dem im 
Krapp enthaltenen Xanthin (?). 

L off 1er giebt in seiner Brochüre noch Y erfahrungsweisen an, aus 
dem Sorgho, mit Ausnahme von Blau, fast sämmtliche andere bekannte wie 
nicht bekannte Farben und noch dazu in unendlichen Nuancen darzu- 
stellen, wodurch das chinesische Zuckerrohr, wenn wir ausserdem alle dort 
genannten und in Aussicht gestellten Anwendungen in Betracht ziehen, 
allerdings wie ein wahres Wunder- und Beglückungsgewächs für Indu- 
strie und Landwirthschaflt erscheint 

Der eigentliche Samenkem ist gelblich, giebt ein gelblich weisses 
Mehl, was in Marseille und Lyon zu feinen Bäckereien benutzt werden 
soH. Es ist fett und stärkereich, enthält, nach Oleott, 10 bis 12 Proc. 
stickstoffhaltige Substanzen und 60 bis 66 Proc. Stärkemehl. Mit 12 
Us 15 Thln. Wasser gekocht, bilden die Samen einen kleisterartigen 
Leim; mit Aetiier ausgezogen, liefern sie nicht unbedeutende Mengen 
Fett. 

Gössmann erhielt aus 50 bis 60 6rm. gemahlenem Samen meh- 
rere Gnu. fester Fettsäure. 

Werden Thiere mit dem Samen gefüttert, so nehmen ihre Knochen 
mit der Zeit eine rothe Farbe an. 

Auch aus den Stengeln des Sorgho kann ein Farbstoff gewonnen 
werden, dessen Darstellung A. Winter ^) gelehrt hat und den er „ba- 
disch Both^ benennt Das Verfahren besteht im Wesentlichen darin, 
dass man die frische Bagasse in Haufen, unter Vermeidung zu starker 
Erhitzung gähren lässt Im Verlauf von etwa 14 Tagen ist die Masse 



Allgememer dentAcher Telegraph 1S69, Nr. 23. 

Digitized by VjOOQIC 



72 Spack. — Spänkada. 

durch und durch roth bis rothbraim geworden. Man unterbricht non 
die Gährung durch Trocknen der Stengel. Nach dem Zerkleinern 
werden dieselben mit kaltem Flusswasser übergössen und 12 Stunden 
lang der Ruhe überlassen. Die so ausgewaschene und ausgepreßte 
Masse wird nun mit verdünnter Kali> oder Natronlauge vollständig er- 
schöpft, die Lösung alsdann mit Schwefelsäure genau nentralisirt, wo 
sich nach kurzer Zeit der Farbstoff in rothen Flocken ausscheidet, die 
man abfiltrirt and trocknet. 

Der so erhaltene Farbstoff löst sich leicht in Weingeist, alkalischen 
Laugen, in verdünnten Säuren u. s. w., und man bedient sich zum Both- 
&rben und Bedrucken der Seide und Wolle der gewöhnlichen Zinn- 
beizen. Die damit erzeugten Farben sind sehr haltbar und werden 
weder durch das Sonnenlicht noch beim Waschen mit warmer Seifen- 
lösung verändert. 

Betrachten wir schliesslich die Wichtigkeit des Sorgho als Zncker- 
pflanze, so scheint es, als ob er dies nur fiir diejenigen Gegenden werde, 
die zwischen der Zone der Zuckerrübe und des Zuckerrohrs liegen. In 
den Elimaten, in welchen die Zuckerrübe gut geräth, pflegt der Betrag 
an unkrystallisirbarem Zucker im Sorghosafte zu sehr vorzuwiegen, der 
dann nicht allein den Ertrag des zu erhaltenden Zuckers verändert, 
sondern auch die Schwierigkeiten für dessen Abscheidung wesentlich 
vermehrt Will man in solchen Gegenden den Sorgho cnltiviren, so 
muss man ihn entweder auf Spiritus verarbeiten oder als Yiehfntter, 
zu welchem er sich ganz vortrefflich eignet, verwenden. Die vortheil- 
hafte Anwendbarkeit zu den letztgenannten Zwecken ersieht man dar- 
aus 9 dass Vilmorin angiebt, auf einer Hectare mit Sorgho etwa 32 
Kilogrm. Zucker erhalten zu können; Beihlen erhielt von der Hectare 
etwa 800 Kilogrm. frischer Stengel. Was die Zuckerfabrikation aus Sorgho 
in Amerika betrifft, so scheint man bis jetzt dort vorherrschend darauf 
bedacht zu sein, mehr einen Syrup für den Hausbedarf des Farmers 
darzustellen, als die Fabrikation im Grossen zu betreiben. HL 

Spack 8. Steinsalz. 

Spadait nannte F. v. EobelP) ein mit WoUastonit am Capo 
di Bove bei Rom vorkommendes amorphes, im Bruche muschliges bis 
splittriges blaurothes, wenig wachsartig schimmerndes, durchschei* 
nendes und mildes Mineral, welches nach seiner Analyse die Formel 
Mg0.4H0 + ^(MgO.SiOg), die Härte = 2,6 hat. Vor dem Löth- 
rohr schmilzt der Spadait ziemlich schwer zu einem emailähnlichen 
Glase und wird als Pulver leicht von concentrirter Salzsäure zersetzt, 
Kieselschleim abscheidend. £. 

Spänkada, Spänkadaharz. Als Spännkada oder Tuggkada 
bezeichnet man im nördlichen Schweden ein dort sehr allgemein zum 
Kauen benutztes Harz, das die Zähne rein und den Mund frisch hal- 
ten soll. Dieses Harz sitzt in Klumpen an den Stämmen der Fichten, 
und ist nur schwierig von dem ähnlichen Fichtenharz zu unterscheiden. 
Die im Bruch milchweisse Harzmasse wird unter warmem Wasser 
zusammengeknetet und dabei von anhängender Binde befreit. Das 
Harz ist aussen bräunlich mit einem Stich ins Rosenrothe, innen ist es 



>} Joom. f. prftkt Chem. Bd. XXX, S. 467. 

Digitized by VjOOQIC 



Spagirische Kunst. — Spaltungsflächen» 73 

gelbbraun, wird an der Luft aber bald dunkler und rötbUch; ea ist bei 
gewöhnlicher Temperatur spröde, beim Kauen wird es zuerst weich, 
zeigt einen balsamischen zugleich aber auch einen sauren Geschmack, ^ 
wird beim längeren Kauen rosenroth und spröde. 

Dieses Harz enthält eine kleine Menge eines dickf üssigen ätheri- 
schen, von Terpentinöl ganz verschiedenen Oels^ welches sich durch 
Destillation mit Wasser erhalten lässt, eine durch Wasser ausziehbare 
leicht veränderliche Säure und verschiedene Harze. 

Wird das Kauharz mit Wasser ausgekocht, so scheidet sich beim 
längeren Stehen die Säure in hellrothgefärbten sternförmig gruppirten 
kömigen Krystallen ab. Die Säure verändert sich in Lösung an der 
Laft sehr leicht, wird daher die wässerige Lösung abgedampft, so bleibt 
ein brauner Rückstand, aus dem Wasser die Säure wieder löst unter 
ZarQcklassung einer braunen harzartigen Masse. Man kann daher die 
Säure aus ihrer Lösung durch Bleiessig fällen, den Niederschlag in 
Alkohol vertheilt durch Schwefelwasserstoff zersetzen; ein Theil der 
Saure geht hier in Lösung, ein anderer Theil fällt mit dem Schwefel- 
blei nieder und kann durch Alkohol ausgezogen werden; beim Yer* 
dunsten der Lösung bleibt braun gefärbte Säure zurück. 

Die Säure ist farblos krystallisirbar, löst sich schwierig in kaltem 
leichter in heissem Wasser, sie scheidet sich aber erst nach dem Ein- 
dampfen wieder ab. Die Säure löst sich leicht in Alkohol. Vorsich- 
tig erhitzt schmilzt die Säure und erstarrt beim Erkalten zu einer 
bl&ttrig-krjstallinischen Masse; sie wird bei der trockenen Destillation 
zersetzt, an der Luft verbrennt sie mit russender Flamme. 

Die Säure schmeckt sauer, fast so stark wie Bemsteinsäure , sie 
«ersetzt schon in der Kälte die kohlensauren Alkalien und neutralisirt 
Baiyt und Kali vollständig ; die Salze derselben mit den Alkalien und 
Erdalkalien lösen sich in Wasser mit gelber Farbe, Salzsäure fällt die 
Säure wieder aus diesen Lösungen. 

Die Lökung der freien Säure fällt Eisenchlorid vollständig, essig- 
saures Kupferoxyd wird schmutziggrtin gefällt; Bleiessig giebt auch in 
verdünnter Lösung einen schwefelgelben Niederschlag, Silbersalz wird 
weiss gefällt, der Niederschlag zersetzt sich am Licht schnell ; neutra- 
les essigsaures Blei wird nur in concentrirter Lösung gefällt, der 
Niederschlag ist aber in Wasser löslich. 

Das mit Wasser ausgezogene Kauharz löst sich vollständig in 
Alkohol von 0,84 specif. Gewicht, aber nicht ganz in Aether; Wasser 
fillt ans der alkoholischen Lösung ein Pulver ^ das sich nicht mehr 
kauen lässt. Kalilauge verbindet sich mit dem Harz, mit einem Theil 
desselben bildet es eine in überschüssiger Lauge nicht lösliche, mit dem 
anderen lösliche Verbindung; das letztere Harz löst sich auch in Am* 
noniak (Berlin 0- Fe, 

Spagirische Kunst hiess wohl die Alchemie, weil sie 
tjennt und vereinigt (von öTcaHV trennen, und aystgsLV vereinigen). 

Spaltungsflächen, Spaltungsrichtung s. Blät- 
terdurchgang. 



>) AnnaL d. Cfaem. a. Pharm. Bd. UI, S. 404. 

Digitized by VjOOQIC 



74 Spangrtin. — Spargelsamen. 

Spangrün s. Grünspan, grüner, Bd.in, S.712. Nur 

die reinere Sorte von basisch -essigsaurem Kupferoxyd, welche durch 
Befeuchten von Kupferblechen mit Essig und Aussetzen an die Laft 
gewonnen wird und auch unter dem Namen englischer oder deut- 
scher Grünspan im Handel vorkommt, nicht aber die durch Schichten 
von Kupferblech mit Weintrebern bereitete gewöhnlich als blauer oder 
französischer Grünspan bezeichnete Farbe wirdSpangrün genannt; 
es dient bisweilen als Wasser- und Oelfarbe, meist aber als bestes 
Material zur Darstellung des Schweinfurter Grüns (s. Bd. in, S.705). 

F. 
Spaniolltmin nennt Kane einen in sehr geringer Menge im 
Lackmus enthaltenen stickstofffreien Farbstoff (s. Lackmus Bd. IV, 
S. 754). 

Spanisch Gelb. Mit diesem Namen wird auch wohl das 
Auripigment bezeichnet. 

Spanische Fliegen s. Canthariden. 

Spanische Kreide wird auch der Speckstein genannt 

Spanisches Weiss, blanc d'Espagne^ syn. für das frü- 
her als Schmincke gebrauchte basisch -salpetersaure Wismuthoxyd. 

Spannung der Dämpfe s. unter Dampf. 

Sparadrap. Mit Wachsmasse getränkte Leinwand oder Pa- 
pierstreifen; man erhält sie durch Eintauchen in die flüssige Masse 
und Abtropfenlassen des überflüssigen Fettes. 

Sparagmit wurde von Es mark der Quarzfels vom Berge 
Belling u. a. O. in Norwegen genannt, welcher Chlorit und Talk bei- 
gemengt enthält K. 

Spargel werden die essbaren Sprossen von Äaparagus offema- 
Us genannt, sie enthalten Asparagin neben den gewohnlichen Pflanzen- 
substanzen. Werden die getrockneten Spargelsprossen ausgepresst und 
getrocknet mit Alkohol behandelt, so soU sich darin ein fettes Oel lö- 
sen, weiches beim Abdampfen zurückbleibt; das Spar gel öl hat die 
Consistenz von weichem Fett, ist dunkelgrün, wird in der Sonne leicbt 
gelblich, riecht eigenthümlich aromatisch, schmeckt fade, lost sich ziem- 
lich leicht in kaltem Alkohol, in jedem Verhältniss in Aether und fet> 
ten Oelen; es löst sich auch in wässerigen Alkalien und in Salzsäure, 
Salpetersäure und Schwefelsäure (Latour de Trie und RoziöresO' 

Spargelsamen. Diese Samen sind von v. Bibra*) unter- 
sucht; sie enthalten 15,2 durch Aether, 8,0 durch Alkohol und 10,0 
durch Wasser ausziehbare Theile. Der Aether löst eine geringe 
Menge eines ätherischen Oels, etwas Harz und hauptsächlich ein wei- 
ches Fett, das wahrscheinlich aus den Schalen des Samens einen gel- 
ben Farbstofl^ beigemengt enthält. Der alkoholische Auszug enthlit 
eine körnig -krystallinische fette Substanz, die sich leicht in Alkohol, 



^) Joarn. de pharm. 1888, T. XIX, p. 664; Büchners Repert. Bd. XLYII 
8.268. — *) Abh»Dd. d. naturw.-techn. Comm. d. bayr.Akad. 1S6S, Bd.II, S.801 



Digitized by VjOOQIC 



Spargelstein. — Spartein. 75 

aber schwierig in Aether löst; ans dem alkoholischen Extract löst 
Wasser eine Säore auf, die durch Bleisalze and Quecksilberoxydnlsalze 
gefallt wird, daneben eine neutrale bitter stissschmeckende Substanz, 
die Silber- und Goldsalze stark reducirt, auch das basisch -Salpeter- 
säure Wismuthoxyd bei Znsatz von kohlensaurem Natron, aber nicht 
das weinsaure Kupferoxyd -Kali zersetzt 

Der wässerige Auszug des Samens enthält eine organische Säure, die 
durch Quecksilberoxydulsalze , aber nicht durch Bleisalze gefällt wird. 

Grerbsänre und Asparaginsäure konnten in dem Samen nicht auf- 
gefunden werden, dagegen enthalten sie Huminsäuren, die sich durch 
verdönntes Alkali ausziehen lassen. Bei den durch Behandlung mit 
Alkalien von Huminsubstanzen befreiten Samen Hessen sich die Scha- 
len und Kerne derselben leicht trennen. Die Schalen geben 20,9 Proc. 
Asche, davon sind 22,5 Proc. in Wasser löslich (Phosphorsäure, Schwe- 
felsäure, Kali, Natron), 77,5 Proc. in Wasser unlöslich (kohlensaurer 
imd schwefelsaurer Kalk, Kieselsäure und Spuren Eisen). Die Samen- 
kerne enthalten in 100 Thln. 5,3 Proc. Asche, davon sind 80,0 Proc. 
in Wasser löslich (nur phosphorsanres Kali und Natron), und 20,0 Proc. 
in Wasser unlöslich (kohlensaurer, phosphorsaurer und schwefelsaurer 
Kalk und Kieselsäure). 

Yorsichtig gerösteter Spargelsamen zeigt einen Geruch, der dem 
▼on guten gerösteten CaflTeebohnen sehr ähnlich ist, und diese Samen 
übertreffen in dieser Beziehung alle anderen Caffeesurrogate. Ein In- 
fosom der frisch gerösteten Spargelsamen schmeckt ölig; lässt man die 
Samen nach dem Kosten aber mindestens 48 Stunden stehen, so schmeckt 
das Infbsum jetzt angenehm, und zeigt, nach v. Bibra, einen eigen- 
thomlichen Wohlgeschmack, an den der echten Mokkabohnen erinnernd. 
Der geröstete Spargelsamen soll daher zweckmässig sein , um geringe 
(Taffeesorten wohlschmeckend zu machen. Ft. * ' 

Spargelstein s. Apatit. 

Spargelstoff s. Asparagin. 

Sparkalk, ein wenig gebräuchliche Bezeichnung für gebrann- 
ten Gjps. 

Spartait nennt Breithaupt ^) einen bei Sparta in New-Jersey 
vorkommenden Kalkspath, der nach Jenzsch^) ein specif. Gewicht von 
2,81, and die Härte 3,5 hat, und der neben 80 Proc. kohlensauren 
Kalk, die Carbonate von Magnesia, Mangan, Eisen und Zink neben 
5,3 Flaorcalcium enthält. 

Spartein^). Eine sauerstofffreie flüchtige Base in dem Sfat* 
\mm teoparhtm L. von Stenhouse (1851) entdeckt. Formel GisHigN, 
vielleicht C30H96N2, oder auch CisffisN. 

Zur Darstellung dieser Base wird die ganze Pflanze mit Wasser aus- 
gekocht, daa Decoct gesteht nach dem Abdampfen beim Erkalten zu einer 
grfinlich braunen GaUerte; diese Masse wird mit Wasser durch ein 
wenig Salzsäure angesäuert ausgekocht , beim Erkalten scheidet sich 



Berg.-'iL Hmtenm. Zeitung, Bd. XVII, 8. 68. — «) Pogg. Annal. Bd.XCVI, 
S. 146. — *) PhUospb. Transact. 1861, Part. II, p. 422; AnnaL d. Chem. n. 
PbMm. Bd. LXSYm, S. 20; Jahresber. v. Liebig v. Kopp 1851, S. 672. 



Digitized by VjOOQIC 



76 Spartdn. 

unreines Scoparin (s. d. Art.) gallertartig aus, w&hrend das Spartein 
in der saaren Mutterlauge bleibt; diese wird mit überschüssigem koh- 
lensauren Natron versetzt destillirt, das Destillat wird mit Chlornatriam 
gesättigt wiederholt rectificirt; es geht dann zuerst Ammoniak, später 
das Spartein als ein farbloses Oel über; durch Waschen mit Wasser 
wird es von anhängendem Ammoniak befreit. 

Das reine Spartein ist ein farbloses dickflüssiges schweres Oel, es 
riecht schwach dem Anilin ähnlich und schmeckt bitter; es siedet bei 
288<> C, und färbt sich dabei gelblich. Es löst sich wenig in Wasser, 
reagirt stark alkalisch und hat stark narkotische und giftige Eigen- 
schaften. 

Das Spartein verändert sich bald an der Luft und wird braun, in 
Berührung mit Wasser wird es opalisirend. Durch Kochen mit Salz- 
säure wird es zersetzt, wobei sich ein mäuseartiger Geruch entwickelt. 
Mit starker Salpetersäure gekocht, wird es zersetzt; wird die saure 
Flüssigkeit abgedampft, so scheidet sich ans dem Rückstand auf Zu- 
satz von Wasser ein leichter flockiger Niederschlag ab, und das Fil- 
trat giebt mit Chlor^kalklösung behandelt Chlorpi]urin> oder wenn es 
mit Kali gesättigt destillirt wird, eine flüchtige nicht näher unter- 
suchte, aber wie es scheint neue Base. 

Brom verwandelt das Spartein unter Erhitzen in einen braunen 
harzartigen Körper. 

Das Spartein ist eine starke Base, es neutralisirt die Säuren voll- 
ständig. 

Chlorwasserstoff-Spartein ist sehr leicht löslich, und konnte 
nicht kiystallisirt erhalten werden. 

Chlorwasserstoff-Spartein-Platinchlorid, CieHisN.S^l. 
PtGla -^ 2 aq., wird aus salzsanrem Sparten als ein gelber Nieder- 
schlag erhalten; durch Umkrystallisiren aus heisser Salzsäure erhält 
man die Verbindung in rhombischen Krystallen (nach W. H. Miller 
ooPoopoo-oopoo-poo-poo(ooP:ooP== 82« 16', P oo : p oo in dem 
basischen Hauptschnitt = 105o 2i\ p oo : p oo daselbst = 97<> 480» 
Das Salz ist in kaltem Wasser oder Weingeist fast unlöslich, durch 
Kochen mit diesen Flüssigkeiten wird es zersetzt Es verliert bei 100<^ 
bis 130« C. 2 Aeq. Wasser. 

Chlorwasserstoff-Spartein-Goldchlorid ist ein gelber krj- 
stallinischer Niederschlag, der sich wenig in Wasser oder Weingeist 
löst; aus der Lösung in heisser Salzsäure scheidet sich das Salz in 
kleinen blättrigen Krystallen ab. 

Chlorwasserstoff-Spartein -Quecksilberchlorid, CieHisN. 
H Gl. Hg Gl, wird durch Fällen der Lösung von Spartein in Salzsäure 
als weisser krystallinischer Niederschlag erhalten; durch UmkrjrstaUi- 
siren aus heisser Salzsäure erhält man rhombische Kiystalle mit den 
Flächen oopoooopoo-oop2'Oop2«P'Poo(P:P in den Endkan- 
ten = 1310 32' und 1260 6' in der Basis 750 24'; poo:poo im basi- 
schen Hauptschnitt = 540 60'; oo P 2 : oo p oo r= 1510 5'; oop2: 
00 p 00 = 1 140 21', vollkommene Spaltbarkeit parallel oo p 00 ). Das 
Salz ist fast unlöslich in Wasser und Alkohol. 

Salpetersaures Spartein ist sehr löslich und konnte nicht 
krjstallisirt erhalten werden. 

Trinitrophenylsaures Spartein, CieHuN, HO. Ci, 81^04), 0, 
scheidet sich beim Mischen der alkoholischen Lösungen von Pikrin- 

Digitized by VjOOQIC . 



Spartiin. — Spathe. 77 

s&are und Spartein als ein krystallinischer Niederschlag ab; durch Um- 
krystallisiren aus siedendem Weingeist wird es in bis zu 2 Zoll langen 
dem pikrinsauren Elali ähnlichen spröden Nadeln erhalten; es ist in 
Wasser oder Alkohol in der Kälte sehr wenig löslich, etwas leichter in 
der Wärme ; es löst sich bei Zusatz von überschüssiger Base ; beim Er* 
hitzen Terpufil das Sala ziemlich stark. 

Der Spartein fällt neutrales und basisches Bleisalz weiss, Kupfer» 
Chlorid grün, die Niederschläge enthalten Spartein und scheinen Doppel- 
salze zu sein. Fe* 

Spartiin s. unter Spartium bei Sp. monosper- 
mum. 

Spartium. Von diesem zu den Schmetterlingsblüthigen ge- 
hörigen Pflanzengenus ist das Sp. manoapermum untersucht, welches, 
nach der nicht gehörig begründeten Angabe von Lorenzo und Mo- 
reno ^), eine dem Salicin analoge krystallinische Pflanzensubstanz, 
Spartiin genannt, aber nicht näher untersucht, enthält. 

Das Spartium seoparium L. (Cytisus acoparium Link) ist der sogenannte 
Besenginster. Cadet *) fand in den Blumen des letzteren ein ätherisches 
Oel, Fett, einen hellgelben Farbstofl*, eine in Wasser und Weingeist lös- 
liche eigenthümliche Substanz vom Geruch und Geschmack der Pflanze. 
Beinsch^ fand in den Blumen und dem Kraut der Pflanze einen krj* 
staUinischen Bitterstoff. Stenhouse^) stellte aus der Pflanze einen kry- 
stallinischen Farbstoff, das Scoparin (s. d. Art.), und eine flüchtige sauer- 
stoffGr^e Base, das Spartein (s.d. Art.), dar; beide Substanzen finden sich 
in grösserer Menge in solchen Pflanzen, die an sonnigen Orten gewach- 
sen sind. Nach C. Sprengel ') geben 100 Thle. der grünen Pflanze 
0,615 kohlensäurefreie Asche, diese enthält in 100 Theilen: 



KaU. . 
Natron . 
Kalk. . 
Magnesia 
Thonerde 
Eisenoxjd 



27,6 Manganoxyd . . 0,7 

1,0 Kieselsäure ... 9,7 

24,1 Chlor 1,4 

4,2 Schwefelsäure . . 0,1 

13,0 Phosphorsäure . . 12,3 
5,7 



Die Wurzel von Spartium acoparium schmeckt, nach Rein seh, 
aaf&Uend süssholzartig, hintennach kratzend. Fe. 

Spathe werden manche Minerale genannt, welche deutlich bis 
▼ollkommen spaltbar sind und nicht metallisches Aussehen haben. Die- 
ser Name, der zunächst nur späthige d. i. spaltbare Minerale bezeich- 
nete und, wie es scheint, keine wissenschaftliche Bedeutung hatte, wird 
insofern für verschiedene Minerale in Anwendung gebracht, dass man 
ein Wort zur näheren Bezeichnung vorsetzt, ao Stoffnamen, wie in 
den Namen Kalkspath, Eisenspath, Manganspath, Zinkspath, um einen 
Stoff anzudeuten, welcher in dem Mineral enthalten ist und dadurch 
die Spathe unterscheidet; oder Gestaltsnamen, wie in den Namen 
Baotenspath, Würfelspath, Tafelspath, Papierspath, um eine Gestalt 



^ Jonrn. de chim. m^. 1888, T. IX, p. 747. •— *) Jouni. de pharm. 1824, 
T.X, p.482.— •) Jahrb. f. prakt. Pharm. Bd. XU, S. 141.— *) Philosph. Transact. 
1851, ^art.n, p.422; Annal. d. Chem. n. Pharm. Bd. LXXVin, S. 15. — >) Jonrn. 
f. techn. Q. Okon. Chem. Bd. V, S. 129. 



Digitized by VjOOQIC 



78 Spatheisenstein. — Speckgeschwulst. 

anzodeuien, welche die Minerale besonders zeigen and durch diese 
sich unterscheiden lassen; oder Eigenschaftenamen, wie in den Namen 
Perlspath, Himbeerspatb, Atlasspath, Blauspath, Braunspath, Schwer* 
spath, um eine Eigenschaft, Farbe, Glanz, Schwere u. a. anzudeuten, 
durch welche die betreffenden Minerale besonders auffallen; oder Mi* 
neralnamen, wie Gypsspath, Anhydritspath, Augitspath, um die kry- 
stallinischen Varietäten zu unterscheiden u. s. w. Eine ^wissenschaft- 
liche Bedeutung erlangte der Name Spathe, als er zur Bezeichnong 
einer bestimmten Abtheilung von Mineralen in der systematischen 
Gruppirung yerwendet wurde, wie von Mohs, wo freilich viele Mine- 
rale in die Gruppe der Spathe aufgenommen wurden, welche sonst nie 
den Namen Späth wegeh der Spaltbarkeit erhalten hatten, während 
viele sonst mit dem Namen Späth belegte Minerale nicht dieser Mineral- 
gruppe zugezählt wurden. Jedenfalls erscheint es zweckmässiger, den 
Namen Späth bei deutschen Mineralnamen da zu gebrauchen, wo wirk- 
lich Spaltbarkeit, in entechiedener Weise hervortretend, seinen Gebrauch 
rechtfertigt, und ihn als Gruppennamen fallen zu lassen, da niemals alle 
Späth genannten Minerale eine Gruppe bilden werden. K. 

Spatheisenstein s. Eisenspath. 

SpathsäurCy s}^!. mit Flussspathsäure, s. Fluor- 
wasserstoff. 

Species ist ein pharmaceutischer Eunstausdruck für Gemenge 
von mehr oder minder fein zerschnittenen oder zerstossenen Wurzeln, 
Binden, Kräutern, Blumen, Hölzern, Früchten, Samen u. s. w. Man 
sieht darauf, dass die Zerkleinerung der einzelnen Ingredienzien mög- 
lichst gleichmässig ist. Die Mischung geschieht gewöhnlich mit den 
Händen. Wp. 

Speclfisches Gewicht ist das Yerhältniss des absolu- 
ten Gewichtes der Körper zu ihrem Volumen (s. unter Gewicht 
Bd. in, S. 472). 

Specifisches Volumen nannte Kopp zuerst das Yerhältniss 
zwischen dem Aequivalentengewicht der Körper und ihrem specifischen 
Gewicht (s. Atomvolumen, 2te Aufl. Bd. II, 1, S. 526). 

Speci fische Wärme heissen die Zahlen, welche die Wärrae- 
capacität der Körper bei gleichem absoluten Gewicht ausdrücken (s. 
unter Wärme, specifische). 

Speckgeschwulst ^)y In vielen zu den Geschwülsten zäh- 
lenden pathologischen Neubildungen ist Fettgewebe der vorherrschende 
Bestandtheil, ja einige derselben bestehen gradezu aus reinem Fettge- 
webe und heissen dann Lipome. Sie gleichen in jeder Hinsicht dem 
normalen Fettgewebe, stellen frisch untersucht eine weiche Masse von 
gelblicher Farbe dar, die sich fettig anfiihlt und beim Trocknen so- 
wohl als auch bei rascherem Erhitzen flüssiges Fett liefert Unter dem 
Mikroskop erscheinen sie zusammengesetzt aus einer Anhäufung von 



^) Literatur: J. Vogel, P»thol. Anttomie 1845. S. 178. -- y. Bibra, Arch. 
f. phys. HeUkunde von Roser und Wunderlich. 1845. S. 680. 



Digitized by VjOOQIC 



Speckstein. — Spectrum der Lichtstrahlen. 79 

Fettzellen, welche ganz mit denen des normalen Fettgewebes über- 
einstimmen. Sie bestehen ans einer amorphen Zellenwand, die biswei- 
len, jedoch selten, einen deutlichen Kern einschliesst, und einem flüssi* 
gen Zelleninhalt: Fett. Das Fett lässt sich durch kochenden Alkohol 
oder Aether vollständig ausziehen, und enthält die gewöhnlichen Be- 
gtandtheile des thierischen Fettes, vorzugsweise OMn und Palmitin. 
Bisweilen ist letzteres in so grosser Menge zugegen, dass es sich nach 
dem Tode bei der Abkühlung des Körpers oder beim Erkalten der ex- 
stirpirten Geschwulst in Form von Nadeln krystallinisch ausscheidet, 
die entweder einzeln oder in sternförmigen Gruppen innerhalb der Fett- 
zellen erscheinen. Die Zellenwand besteht wahrscheinlich aus einem 
Proteinkörper. 

Schon im normalen Fettgewebe finden sich zwischen den eigent- 
lichen Fettzellen Ge&sse und Bindegewebsfasern in grösserer oder ge- 
ringerer Anzahl; ebenso verhält es sich mit den Fettgeschwülsten. 
In demselben Maasse, als in diesen das Bindegewebe reichlicher wird, 
geht die weiche Beschaffenheit der Geschwulst in eine festere über: 
sie erlangt die physikalischen Eigenschaften eioes mehr oder weniger 
derben Speckes, und heisst dann Speckgeschwulst, Steatoma. 

Quantitative Analysen von Fettgeschwülsten hat v. Bibra ausge- 
führt Die von ihm untersuchten Geschwülste Hessen bei der Behand- 
lang mit Aether eine geringe Menge einer merabranösen Substanz zu- 
rück, welche beim Kochen viel Leim gab, und daher aus Bindegewebe 
bestand. Das Fett selbst bestand zum grössten Theile aus Olei'n. Der 
Aschengehalt war sehr gering, und betrug in einem Falle 0,10 Proc. In 
100 Thln. waren enthalten: 

I. n. m. 

Fett 79,938 ... 78,32 . . . 75,72 

Bindegewebe . . 2,553 . . . 3,54 . . . 6,06 
Wasser .... 17,509 . . . 18,14 . . . 18,22 
L Fettgeschwulst unter der Haut des Oberschenkels; IL Fettge- 
sdiwulst am Bücken einer Frau; UI. von einem dreijährigen Kinde. 

Die Asche von L enthielt in 100 Thln. 22,8 Chlornatrium, 28,2 
pbosphorsaures Alkali, 42,0 phosphorsaure Erden, 3,0 Eisenoxyd, 4,0 
Kieselerde. > G.-B, 

Speckstein ist eine Varietät des Steatit (s. d. Art) wie 
auch Talk. 

Speckstein, chinesischer, syn. Agalmatolith. 

Spectrum der Lichtstrahlen, ist schon in den Artikeln 
Farbe und Licht betrachtet. Hier beschränke ich mich daher auf 
einige Nachträge. 

Durch die Daguerreotopie und die Photographie wurde man bald 
darauf aufmerksam gemacht, dass die chemisch wirksamsten Strahlen 
des Sonnenlichtes nicht die sind, welche dem Auge als die intensiv- 
sten erscheinen, namentlich zeigten sich die photographirten Spectren 
weit ober die sichtbaren Spectren verlängert, dagegen erst etwas vor 
der Linie G anfangend. Die genaueste und eingehendste Untersuchung 
dsrQber haben Bunsen und Boscoe ^) geliefert. Danach fängt 



') Pogg. AnnaL Bd. CVID, S. 267. 

Digitized by VjOOQIC 



80 . Spectnim der Lichtstrahlen, 

die chemische Wirkung der Strahlen der Sonne anf völlig reinee Chlor^ 
knallgas, welche die Atmosphäre und ein Qoarsprisma durchlaufen ha^ 
ben, nahe bei dem Orange an, ist schwach im Gelb und beginnt erst im 
Grün schnell zu wachsen, erreicht ein Maximum zwischen den Frann- 
hoferschen Linien G und H etwa beim Uebergang von Blau in Vio* 
lett, erreicht ein zweites aber kleineres Maximum bei der Linie /, 
und nimmt von dort gegen das ultraviolette Ende des Spectruros hin 
nicht sehr regelmässig ab. Diese Verhältnisse ändern sich aber we- 
sentlich, wenn die Dicke der von den Sonnenstrahlen durchlaufenen 
Luftschicht eine andere wird (vergl. Bd. IV, S. 871). 

Ob die Litensität der chemischen Wirkung der Lichtstrahlen auf 
verschiedene Stoffe im Spectrum verschieden vertheilt sei, ist noch 
nicht genauer untersucht Crookes behauptet, dass die Strahlen zwi- 
schen F und O lebhafter auf Bromsilber als auf Jodsilber wirken. 

Die Strahlen, welche über das violette Ende des Spectrums hinaus- 
fallen, kann man sichtbar machen, wenn man sie mit einer fluoresciren- 
den Substanz, namentlich mit Papier, das mit schwefelsaurem Chinin 
bestrichen ist, auffängt B u n s e n und Kirchhof i) haben die Spectren 
studirt, welche die für sich wenig leuchtende Flamme der Bun sen- 
schen Lampe giebt, wenn in sie die Chlorverbindungen der Metalle 
der Alkalien und der alkalischen Erden gebracht werden, und erkannten 
dabei, dass jedes dieser Metalle charakteristische gefärbte helle Linien 
giebt, welche man benutzen kann, um die Anwesenheit dieser Metalle zu 
erkennen. Von allen diesen Reactionen ist die auf Natrium die em,- 
pfindlichste, die Natriumflamme giebt eine sehr helle Doppellinie, wel- 
che genau mit der Fraunhoferschen Doppellinie D zusammenfällt 
und welche schon von anderen, namentlich Swan, als dem Natrium 
angehörend erkannt wurde. Bei der ungeheuren Empfindlichkeit die- 
ser Reaction — die Genannten berechnen, dass das Auge noch weni- 
ger als Vs 000 000 Milligramm Natronsalz mit grösster Deutlichkeit er- 
kenne — ist erklärlich, dass nur selten in glühender atmosphärischer 
Luft eine deutliche Natronreaction fehle. Die Lithionflamme giebt 
eine rothe glänzende Linie Li a und eine sehr schwache gelbe Li ß. 
Die flüchtigen Kaliumverbindungen geben ein Spectrum mit nur zwei 
charakteristischen Linien, Ka a im äussersten Roth auf die dunkle 
Linie Ä von Fraunhofer fallend, die andere Ka /3, weit in Violett nach 
dem anderen Ende des Spectrums hinfallend, ist schwächer als die 
erste. Die Spectren der alkalischen Enden stehen denen der Alkalien 
an Einfachheit nach; wir verweisen über sie auf die angeführte Ab- 
handlung, der sehr gute Abbildungen der Spectren beigegeben sind. 

Die Spectren dieser Substanzen treten zusammen auf, wenn die 
Substanzen zusammen vorkommen, so dass man aus dem Spectmna 
auf die Anwesenheit der Substanzen schliessen kann. Ein Tropfen 
Meerwasser, an einem Platindraht verflüchtigt, zeigt eine starke Na- 
triumreaction, und nach dem Verflüchtigen des Chlornatriums eine 
schwache Calciumreaction, welche durch Befeuchten des Drahtes mit 
Salzsäure auf Augenblicke sehr intensiv wird. Um Kalium und Li- 
thium im Meerwasser nachzuweisen, muss man das schwefelsauer ge- 
machte trockene Salz mit Alkohol ausziehen und abdampfen. Auch 



*) Pogg. Annal. Bd. CX, S. 161. 

Digitized by VjOOQIC 



Speerkies. — Speichel. 81 

die Gegenwart von Strontium wurde durch das Spectrum im IVfeer- 
wasser nachgewiesen. 

Kirchhof^) hat aus theoretischen Gründen den Satz aui'gesteÜt, 
welchen er auch experimentell bestätigte, dass das Spectrum eines glü- 
henden Gases umgekehrt wird, d. h. dass die hellen Linien in dunkle 
9ich verwandeln, wenn hinter das Gas eine Lichtquelle von hinreichen- 
der Intensität gebracht wird, die an sich ein continuirliches Spectrum 
giebt; er schliesst daraus, dass das Sonnenspectrum mit seinen dunkelen 
Linien nichts anderes sei, als die Umkehrung des Spectrums, welches 
die Atmosphäre der Sonne für sich geben würde, und man kenne also 
die Bestandtheile der Sonnenatmosphäre, wenn man die Stoffe kenne, 
welche, in eine Flamme gebracht, helle Linien da auftreten lassen, wo 
in dem Sonnenspectrum dunkle Linien sind. Danach kann man schliessen, 
dass die Sonnenatmodphäre Kalium, Natrium, nicht aber Lithium ent- 
halte. 

Füllt man eine Glasröhre mit einem Gase und entleert nun die 
Glasröhre möglichst von Luft, so giebt eine durch diese Rohre gelei- 
tete elektrische Entladung ein je nach der Art des Gases anders ge- 
färbtes Licht, dessen Spectrum Plücker^) näher untersucht hat, wobei 
er für die einzelnen Gasarten eigenthümliche charakteristische Linien fand. 

Die Vertheilung der Wärmestrahlen im Spectrum haben R. Franz*) 
und J. Müller^) genauer untersucht. Müller fand das Spectrum der 
Wärmestrahlen, welche er mit Hülfe einer linearen Thermosäule beob- 
achtete, ungefähr um die Länge des sichtbaren Speotrums über das 
rothe Ende hin verlängert, und das Maximum der Intensität der Wärme- 
strahlen bei einem Glas- wie bei einem Steinsalzprisma über das rothe 
Ende des sichtbaren Spectrums hinausliegend, bei dem Steinsalzprisma 
aber weiter als bei dem Glasprisraa.' Die Intensitäten der Wärme- 
strahlen in dem sichtbaren Theile des Spectrums waren nahe gleich 
bei beiden Prismen, in dem unsichtbaren Theile aber für das Steinsalz- 
prisma merklich grösser als für das Glasprisma. Hz. 

Speerkies s. Strahlkies. 

Speichel^), Die Mnndflüssigkeit oder der Speichel im ge- 
wohnlichen Sinne ist eine Mischung von heterogenen Secreten, deren 



Pogg. Annal. Bd. XCIX, S. 275. — «) Pogg. Annal. Bd. CV, S. 167. 

*) Pogg. Annal. Bd. CI, S. 46. — *) Pogg. Annal. Bd. CV, S. 387. 

*) Literatur: v. Setten, De saliva, diasertat. Groning, 1887. — Wright, 
un the physiology and pathologv of the saliva, 1842. — Tilanas, De saliva et 
muco disaertat. Amstelodami, 1849. — Jacubowitsch, De saliva, dissertat. Dor- 
pati 1863. — Frerich», im Handwörterb. d. PhysioL, Bd. HI, S. 758., Art. Spei- 
chel. — Bidderu. Schmidt, Verdauungssäfte u. Stoffwechsel, Mitau 1852. — 
Lehmann, Zoochemie, Heidelberg 1858. S. 18 u. s. f. — Cl. Bernard, Le90ns 
de phrsiologie experiraentale, 1866. — Derselbe. Le9onB snr les propri^tes phy- 
siologiques et les alterations pathologiqaes des liquides de l'organisme, Paris 1859. — 
C. G. Mitscher lieh, Pogg. Annal. T. XXVII, p. 820. — Donnd, Histoire 
phy«. et path. de la salive, Paris 1886. — Tiedcraann u. Gmelin, Die Verdauung 
nach Versuchen, 1816, Bd. I. S. 10. — Pettenkofer, Buchners Repert. d. 
Pharm. N. F., Bd. XVI, S. 834. — Nick les, Compt. rend. T. XLIII, p. 855. — 
Berzelias, Lehrb. d. Chem., 4te Aufl., Bd. IX. S. 218. — Mialhe, Compt. rend. 
T. XX, p. 954. — Frorichs u. Städeler, Verhandl. d. naturf. Gesellsch. in Zü- 
rich, Bd. rV. — KöUiker u. H. Müller, Verhandl. d. physiol. med. Gesellsch. in 
Würsburg, Bd. V, S. 218. — Longe t, Compt. rend., T. XLU. p. 480. »— Pi- 
card. De )a pr^ence de lure^ dans le sang. Th^se. Strasbourg 1856. — Bödecker 

HaadwörterbDCh der Chemie. Bd. Vllf. y. ^ j 

Digitizedby VjOOQIC - I 



82 Speichel. 

relative Mengenverhältnisse wechselnde sind. Zum grösseren Theile 
stammt sie allerdings von den eigentlichen Speicheldrusen , allein es 
haben an ihrer Absonderung auch die kleineren Drüsen der Mund- 
schleimhaut Antheil. Die Natur dieser letzteren Secrete ist von der 
der eigentlichen Speicheldrüsen wesentlich . verschieden, und nähert sich 
den Absonderungsproducten der übrigen Schleimhaut. Im nüchternen 
Zustande wiegt das schleimige Secret, während der Thätigkeit der 
Kaumuskel- und der Digestionsorgane das eigentliche Speicheldrüse n- 
secret vor. Aus diesem Umstände erklären sich viele widersprechende 
Angaben über den Speichel. 

Im Allgemeinen stellt der Speichel des Menschen eine farblose 
etwas ins Bläuliche ziehende Flüssigkeit dar, von schwach fadenziehen- 
der Consistenz, ohne Geruch und Geschmack. Unter dem Mikroskop 
untersucht, zeigt er Pflasterepithelien und Speichelkörperchen. Beide 
Formbestandtheile scheiden sich bei längerem Stehen des Speichels ab, 
und bilden einen graulich weissen Bodensatz. 

Das specifische Gewicht des Speichels wird sehr verschieden an- 
gegeben; beim Menschen scheint es zwischen 1,004 und 1,006 schwan- 
ken zu können. C. G. Mitscherlich fand es 1,006 und 1,008, 
Wright 1,0079, Jacubowitsch 1,0026. — Die Reaction des normalen 
Speichels wird von den meisten Beobachtern übereinstimmend als al- 
kalisch bezeichnet, doch wird unter pathologischen Verhältnissen der 
Speichel nicht selten sauer, was Donn^ zuerst nachgewiesen hat und 
seither von zahlreichen Beobachtern bestätigt wurde. (Lehmann, 
Budge, L'Heritier, Wright). Ueber die Natur dieser freien Säure 
fehlen zuverlässige Angaben. Der Temperatur des kochenden Was- 
sers ausgesetzt, wird der Speichel trübe, auf Zusatz von Alkohol fallen 
weisse Flocken nieder, Essigsäure, Ferrocyankalium, Salzsäure, Salpe- 
tersäure, Schwefelsäure, Kali, Ammoniak, so wie Alaun geben keiner- 
lei Reaction, Gerbsäure erzeugt ein flockiges Präcipitat, ebenso neu- 
trales essigsaures Bleioxyd; ähnlich verhalten sich Bleiessig, salpeter- 
saures Queckeilberoxydul und Sublimat. Eisenchlorid ruft im Speichel 
eine dunkelblutrothe Färbung hervor. 

Der Speichel ist sehr arm an festen Bestandtheilen , und gehört 
zu den wasserreichsten Secreten des Thierorganismus. Frerichs 
fand in 18 Analysen 1,05 Proc. als Maximum und 0,51 Proc. als Mini- 
mum an festen Bestandtheilen, sonach im Mittel 0,72 Proc. Die mei- 
sten früheren Beobachter fanden höhere Werthe. Nach Lehmann 
ist die Summe der festen Bestandtheile des reinen Parotidensecrets 
ziemlich schwankend ; in dem vom Menschen fand man 1,4 bis 1,6 Proc, 
in dem des Hundes 0,46 Proc, in dem des Pferdes 0,7 bis 1,1 Proc, 
feste Theile; diese sind theils anorganische, theils organische. In 100 
Theilen Rückstand des gemischten Speichels des Menschen sind gegen 
38 Proc Mineralbestandtheile. Unter letzteren werden angegeben: 
Chlornatrium, Chlorkalium, wenig phosphorsaure Alkalien, 
und phqsphorsaure Salze überhaupt, Spuren von schwefelsauren 
Salzen, kohlensaures Natron, kohlensaures Kali und kohlensauren Kalk 
(im Parotideaspeichel) und Rhodankalium. 



u. Troachel, Pharm. Centralbl. 1864, S. 771. — Leuchs, KsBtner's Arch. 1881. 

- Städeler, Jonrn. f. prakt. Chem., Bd. LXXU, S. 260; Chem. Ceutralbl. 1868. 

— Hartwig, Beitr. zur nähern Kenntniss der Wuthkrankheit, Berlin 1829. S. 156. 



Digitized by VjOOQIC 



Speichel 83 

Da« Vorkommen des letztgenannten Salzes von Tiedemann 
and Gmelin zuerst behauptet, seither aber wiederholt gel&ugnet und 
wieder angenommen, darif nach den Versuchen von Pettenkofer, 
Tilanus und Jacubowitsch gegenwärtig als erwiesen angesehen 
werden, obgleich es unter gewissen Umständen auch fehlen zu können 
scheint; so vermisste es Lehmann bei Salivation (nach Quecksilber- 
ond Jodgebrauch • im Typhus), im Speichel der Schaafe und Hunde, 
während Wright im letzteren es fand. Nach Wright kann die Menge 
desselben im Speichel vermehrt werden durch örtliche Beizung der 
Speicheldrüsen, durch den Gebrauch von Cyanpräparaten, und nament- 
lich von Schwefel. Nach Longet ist das Bhodankalium als constan- 
ter Bestandtheil des Speichels zu betrachten und unabhängig von Alter, , 
Geschlecht, Nahrung und Zuständen des Nervensystems« Jacubo- 
witsch bestimmte die im menschlichen Speichel vorkommende Ge« 
wichtsmenge von ^Bhodankalium auf 0,006 Proc. , während Lehmann 
0,0046 bis 0,0089 Proc. und Wright 0,51 bis 0,98 Proc. fanden. 
Letztere Angabe ist entschieden unrichtig. 

Die Thatsache des Vorkommens einer Schwefelcyanverbindnng im 
Speichel verliert an Wunderbarem, seit man weiss, dass das Bhodan- 
kalium keineswegs die giftigen Eigenschaften besitzt, die man ihm 
frQher zuschrieb. Die Art der Bildung des Bhodans im Organismas 
ist noch gänzlich unaufgeklärt 

Die Angabe von Nicki es, wonach Fluor im Speichel vorkäme, 
bedurfte weitere Bestätigung. 

Die organischen Bestandtheile des Speichels gehören demselben 
als solchem gar nicht an oder sind chemisch sehr wenig scharf charak- 
terisirt. 

Zu den unwesentlichen Bestandtheilen des Speichels gehöroi zu- 
nächst die Epit hellen und der Schleim, deren Menge sehr wech- 
selt, und im nüchternen Zustande des Organismus relativ am grössten 
ist (Frerichs). 

Zu den wesentlichen gehören Spuren von Album in aten, mei- 
fltenä von den Beactionen des Albumins, seltener von denen des Ca- 
sefns. Die beim Kochen in filtrirtem Speichel entstehende Trübung 
charakterisirt sich durch ihr Verhalten gegen Salpetersäure, Kalilauge, 
Essigsäure und Blutlaugensalz i^ Albuminat (Frerichs). Femer 
Fett, welches von Berzelius zwar nicht unter den Speichelbestand- 
theilen aufgeführt, von Gmelin dagegen beobachtet wurde, und in ge- 
ringer Menge wohl in jedem Speichel vorkommt, und extractive Ma- 
terien. Unter letzteren wurde von verschiedenen Autoren und Che- 
mikern eine Substanz unter dem Namen Ptyalin oder Speichelstoff 
beschrieben, deren Wichtigkeit aber nach den darüber gewonnenen Er- 
fahrungen sehr eingeschrumpft ist, da sie nicht nur allein nicht che- 
misch charakterisirt ist, sondern auch die Ansicht, dass sie das wirk- 
same Princip des Speichels, das Speichelferment, darstelle, sich als 
nicht BtichhaUig erwiesen hat. Ueberdies hat man unter dem Namen 
Ptyalin nach verschiedenen Darstellungsmethoden gewonnene und qua- 
litativ auch wirklich verschiedene Stoffe zusammengeworfen. 

Berzelius stellte sein Ptyalin dar, indem er den Speichel im 
Wasserbade zur Trockne eindampfte, den Bückstand mit Alkohol aus- 
zog, den schwach alkalisch reagirenden Bückstand in Wasser löste, 
mit etwas Essigsäure sättigte, wieder zur Trockne abdampfte, den 

Digitized by VjOOQIC 



84 Speichel. 

Rückstand nochmals mit Alkohol auszogt um das gebildete e^sigsnure 
Natron zu entfernen, und das darin Unlösliche mit Wasser behandelte, 
welches das Ptyalin auflöste, den Schleim aber und Albumiiiate unge- 
löst zurfickliess. Das so dargestellte Ptyalin war grauweiss , geruch- 
und geschmacklos, und löste sich in Wasser zu einer Lösung, die weder 
durch Gerbsäure, noch durch Quecksilberchlorid oder basisch-essigsaures 
Bleioxyd, noch endlich durch starke Säuren wohl aber durch Alkohol 
gefallt wurde. 

l?iedemann und Gmelin wichen bei ihrer Darstellung des 
Ptyalins hauptsächlich darin vonBerzelius ab, dass sie das mit Alko- 
hol ausgezogene Speichelextract nach Sättigung mit Essigsäure nicht 
nochmals mit Alkohol auszogen, und dass sie den ungelösten Rück* 
stand nicht mit kaltem, sondern mit kochendem Wasser erschöpften. 
Das so dargestellte Ptyalin ist, einmal abgedampft, im Wasser nicht 
mehr völlig löslich, und wird durch Gerbsäure und Metallsalze gefällt. 
Das nach Berzelius' Methode von G. G. Mitscherlich dargestellte 
Ptyalin wurde ebenfnlls durch Metallsalze gefällt. 

Durch Fällung des Speichels mit dem Ainf- bis sechsfachen Gewichte 
Alkohol stellte Mialhe eine Materie dar, welche er Diaataae animaU 
aalivaire nannte, und die sich in weissen Flocken abschied. Sie sollte 
das wirksame Ferment des Speichels sein. 

Eine von S. Wright als Ptyalin beschriebene Materie wurde ans 
dem ätherischen Auszuge des Speichelrückstandes gewonnen,, und ist 
leichter löslich in Alkohol und Aether, als in Wasser; sie hat demzu- 
folge mit den obigen als Ptyalin bezeichneten Materien kaum etwas 
gemein. 

Nach Lehmann ist das Ptyalin des Parotidenspeichels an Alkali 
und Kalk gebunden, und darin dem Natronalbuminat und' Casein 
sehr ähnlich, sonst aber davon verschieden. Wenn es von dem damit 
verbundenen Alkali getrennt ist, so wird es schwer löslich in Wasser; 
alkali- und säurehaltiges Wasser lösen es leicht. Am reinsten erhielt 
Lehmann die Substanz, wenn er den Spirituosen Speichelaus zug mit 
Alkohol und Aether behandelte. Das so dargestellte Ptyalin war gal- 
lertartig farblos. In alkalischer Lösung gab Essigsäure und Salpeter- 
säure einen flockigen Niederschlag, welcher im Ueberschuss des Fäl- 
lungsmittels sich wieder löste. Ebenso entstand nach dem Znsatz von 
Salmiak beim Erhitzen ein Niederschlag, ebenso durch Gerbsäure, 
Bleiessig, keiner dagegen durch Alaun und Kupfervitriol. Blutlaugen- 
salz trübte die essigsaure Lösung. Der Grund, warum aus gemisch- 
tem Speichel Ptyalin von verschiedenen Reactionen erhalten wird, liegt, 
nach Lehmann, in der Beimengung von Schleim u. dergl. 

Das alkalische Ptyalin, welches Lehmann aus dem Rück stände des 
Parotidenspeichels vom Pferde dargestellt hat, betrug 23,33 Proc die- 
ses Rückstandes, und gab 5,67 Proc. einer fast nur aus Kalk und koh- 
lensaurem Alkali bestehenden Asche. Aus dem Angeführten geht zur 
Genüge hervor, dass unter dem Namen Ptyalin verschiedene Substanzen 
zusammengeworfen, und dass alle diese Substanzen Gemenge sind. 

Alle die bisher gemachten Angaben beziehen sich auf den ge- 
mischten Speichel. Reinen Parotidenspeichel vom Menschen haben 
bis jetzt nur C. G. Mitscherlich, van Setten und Cl. Bernard 
untersucht. Der von Hunden und Pferden wurde von Jacubowitsch 
und Lehmann untersucht. Das Secret der Parotis ist meist vollkoni- 



Digitized by VjOOQIC 



Speichel. 86 

roeo wMserhell, farblos , ohne Geruch und Geschinack, häufig faden- 
ziehend and von deutlich alkalischer Reaction. Durch Erhitzen ge- 
rann das des Hundes nicht, schied aber kohlensauren Kalk aus. Das 
specif. Gewicht desselben fand Mitscher lieh bei einem kranken Men- 
schen zwischen 1,0061 und 1,0088, Jacubowitsch bei Hunden 1,004 
und 1,0047, und Lehmann bei Pferden 1,005 und 1,007. Mitscher- 
lieh fand bei derselben Person, dass nach längerem Hungern oder 
beim Genüsse harter und reizender Speisen ein concentrirterer Speichel 
abgesondert wird; das Parotidensecret war übrigens im nüchternen 
Zustande sauer, nur während des Essens alkalisch. 

Als constante chemische Bestandtheile des Parotidenspeicheht wer- 
den von den genannten Forschem angegeben: 

Kali, Natron und Kalk in Verbindung mit Kohlensäure und 
einer organischen Materie (Lehmann's Ptjalin); — ein in Alko- 
hol and Wasser löslicher Extractivstoff, welcher durch Gerb- 
siure, aber nicht durch Alaun gefällt wird; — Rhodankalium, das 
Kalisalz einer der Buttersäuregruppe angehörigen schwerfiüchtigen 
organischen Säure, das in Büscheln von Nadeln anschiesst; t- Chlor - 
natrium und Chlorkalium; — sehr wenig phosphorsaure Salze; 
eine Spur schwefelsauren Alkalis. 

Dagegen kann das von Frerichs und Stadel er in dem Paroti- 
den- und in dem Submaxillaris- Speichel eines Ochsen aufgefundene 
Leacin als constanter Speichelbestandtheil nicht angesehen werden. Be- 
M>nder& bemerkenswerth ist, nach Lehmann, dass der Parotidenspeichel 
Dieht bloss pflanzenfressender Thiere, sondern selbst fleischfressender an 
der Luft sich wie Kalkwasser trübt, und dabei krjstallinischen kohlen- 
sauren Kalk ausscheidet Demnach scheint doppelt- kohlensaurer Kalk 
im Parotidensecret gelöst zu sein. 

Die Men^e der festen Stoffe des Parotidenspeichel s beträgt nach 
Mitscher lieh 1,46 bis 1,63 Proc, nach van Setten 1,62 Proc, 
nach Jacubowitsch in dem des Hundes 0,47 Proc, nach Lehmann 
0,708 Proc 

. Das Secret der Sub m axillar dr äsen ist eine farblose sehr zähe 
Flüssigkeit ohne Geruch und Geschmack yon 1,004 specif. Gewicht ( Ja- 
enbowitsch), die Reaction ist minder stark alkalisch, wie die des 
Parotidenspeichels. Rhodankalium konnten Kölliker und Müller 
darin nicht auffinden, während es Longet gefunden haben will. Der 
feste Buckstand wurde 0,885 Proc betragend gefunden (Jacubo- 
witsch). 

Soblingualspeichel ist noch zäher und fadenziehender als der 
der Sabmaxfllardrüsen» und enthält, nach Bidder und Schmidt, 9,98 
Proc fester Stoffe, worunter, nach Longet, Rhodankalium. 

Das Secret der Mundschleimhaut des Hundes ist, nach Jacubo- 
witsch, sehr zähe und klebrig, farblos, reagirt alkalisch, hinterUess 
0,999 Proc fester Stoffe mit 0,167 organischer Materie. 

Um eine Uebersicht der Zusammensetzung des Speichels zu ge- 
ben, stellen wir zwei Analysen desselben zusammen; in 1000 Thln. 
£uideD 

Frerichs Jacubowitsch 

Wasser 994,1 . . . 995,1 

Feste Stoffe 5,9 .. . 4,8 

Epithelien 2,1 ... 1,6 



Digitized by VjOOQIC 



86 Speichel. 

Frericbi Jacubowitsch 

Fett 0,07| - « 

Extraetivstoffe .... 1,4 j ' ' * '^ 

Bhodankalium .... 0,1 ... . 0,06 
Anorganische Salze. 2,1 ... 1,8 

Die 1,82 Salze bestanden aus: 0,94 phosphorsaurem Natron, 
0,03 Kalk, 0,01 Bittererde, nnd 0,84 Chlornatrium und Chlorkalinm. 

Von aussergewöhnlichen, abnormen Bestandtheilen des 
Speichels werden folgende angegeben: 

Harnstoff, den Pettenkofer und Picard im Speichel gesun- 
der Menschen, und Wright in jenen an Brightfscher Krankheit Lei- 
dender, und eines mit Sublimat vergifteten Hundes aufgefunden haben 
wollen. 

Gallenstoffe, deren Gegenwart von Wright im Speichel ver- 
schiedener Kranken auf Grund wenig verlässlicher Reactionen behaup- 
tet wurde. 

Milchsäure, von Lehmann im sauren Speichel eines Diabeti- 
kers zuerst mit Bestimmtheit nachgewiesen. Ob, wie Wright und 
Prout angeben, die saure Reaction des Speichels in allen Fällen 
von Milchsäure herrühre, scheint mindestens zweifelhaft. 

Leu ein fanden Frerichs und Stade 1er im Speichel einer an 
Salivation leidenden Ikterischen nnd in den Speicheldrüsen einer apo- 
plektischen Frau. 

Manche anorganische und organische Stoffe werden , wenn sie in 
den Organismus "eingeführt werden, mit dem Speichel wieder ausge* 
schieden, so vor Allem: 

Jod- und Brommetalle, die nach dem innerlichen Gebrauche 
schon nach wenigen Minuten im Speichel nachzuweisen sind, und auch 
nach 40 Stunden nachgewiesen wurden. Bernard spritzte Jod eisen 
in die Jugularis ein , und konnte hierauf Jod und Eisen im Speiehel 
nachweisen. 

Quecksilber hat Lehmann constant im Speichel bei Salivation 
nach Inunctionscuren nachweisen können, und Wright will das Alkali 
des Speichels nach Injection kohlensaurer Alkalien in das Blut ver- 
mehrt gefunden haben. 

Dagegen gehen, nach den Erfahrungen von Gl. Bernard, Ferro- 
cjankalium, roilchsaures und essigsaures Eisenoxydul, vom Magen auf- 
genommen oder in das Blut injicirt, nicht in den Speichel über. 

In dem Speicheldrüsensecrete von DoUum Galea Lam., einer der 
grössten Schnecken SiciHens, welches eine farblose wasserhelle stark 
sauer schmeckende und die Zähne stumpf machende Flüssigkeit dar- 
stellte, die in Berührung mit kohlensaurem Kalk heftig brauste, haben 
Bödecker und Troschel merkwürdiger Weise 0,4 Proc. freie Salz- 
säure, 2,6Proc. Schwefelsäurehydrat, 1,4 Proc. schwefelsaure 
Salze, 1,6 Proc. Magnesia, Kali, Natron, etwas Ammoniak, 
Kalk, nebst organischer Substanz, und 93,8 Proc. Wasser 
gefunden. 

üeber die in den Ausführungsgängen der Speicheldrüsen zuweilen 
vorkommenden Concremente s. d. Art. Speichelsteine S. 88. 

Was die innerhalb einer bestimmten Zeit abgesonderte 
Menge von Speichel anbelangt, so kann man nach neueren Unter- 
suchungen für den erwachsenen Menschen 1500 Grm. als mittlere 



Digitized by VjOOQIC 



Speichel. 87 

in 24 Standen abgesonderte Menge annehmen, während ältere Beob- 
achtungen eine viel geringere Mittelzahl ergeben hatten. 

Die Speichelabsonderang ist übrigens von sehr verschiedenen 
Bedingungen abhängig, ond in einzelnen Zeiträumen sehr verschieden. 
Kauen, Sprechen, Singen, saure, aromatische und scharfe Stoffe ver- 
mehren die Speichelabsonderung. Je mehr Speichel bereits abgeson- 
dert ist, desto ärmer wird derselbe an festen Stoffen, wie Becker und 
Ludwig gezeigt haben. 

Ueber die physiologische Bedeutung des Speichels sind die 
Physiologen noch so wenig einig. Während die Einen die Rolle des 
Speichels bei der Verdauung als eine sehr hervorragende bezeichnen, 
sprechen ihm die Anderen alle und jede physiologische Bedeutung als 
eigenthumliches Secret ab, und sehen in ihm nichts weiter wie ein 
Anfeuchtungsmittel. Ans diesem Gewirr der Ansichten ragt eine ein- 
zige von allen Beobachtern anerkannte Thatsache hervor, nämlich die, 
dass der Speichel nach Art eines Fermentes Stärkmehl, hauptsäch- 
lich gekochtes, und Glykogen, den zuckerbildenden Stoff der Leber, 
ziemlich rasch in Zucker umzuwandeln vermag. Diese Thatsache, 
von Leuchs zuerst beobachtet, worde seither von beinahe allen For- 
schem, die sich mit diesem Gegenstande beschäftigten, bestätigt. Da- 
gegen sind die Versuche, das diese Umsetzung bedingende Ferment 
des Speichels zu isoliren, erfolglos geblieben, denn keinem einzigen 
der oben aufgeführten „Speichelstoffe^^ und auch der Diastase saUoaire 
Mialhe's nicht, kommt diese Eigenschaft zu, ja es hat sich gezeigt, 
dass nur dem gemischten Speichel diese Fähigkeit zukommt, in- 
dem das Parotidensecret weder Hir sich noch mit Mundschleim ge- 
mischt, noch endlich das Submaxillardrüsensecret diese Eigenschaft 
zeigt, wohl aber das letztere mit Mundschleim gemengt. Nach den 
Beobachtongen von Frerichs würde zwar den einzelnen die Mund- 
flüssigkeiten constituirenden Secreten eine schwache Fermentwirkung 
nicht abzusprechen sein, allein auch er fand, dass jenes kräftige Um- 
wandlnngsvermögen nur den Mischungen von Drüsenspeichel und 
Mnndschleim zukomme. 

Es liegt nahe, diese Thatsache für die physiologische Function 
des Speichels zu verwerthen, und mit vielen Physiologen anzunehmen, 
dass dem Speichel die Function zukomme, die Amylacea der Nahrungs- 
mittel aafzuschliessen , d. h. in Traubenzucker zu verwandeln, allein 
demungeachtet wird diese Ansicht von einzelnen Physiologen, nament- 
lich von Gl. Bernard, mit Entschiedenheit bekämpft, indem er darauf 
hinweist, dass dieses Umwandlungsvermögen dem frischen Speichel 
gar nicht zukomme, und er dasselbe erst an der Luft erlange, also 
unter Umständen, unter welchen auch andere thierische Stoffe und 
Secrete, wie Blutserum, Fibrin, zu Fermenten werden. Unter den ge- 
wöhnlichen Verhältnissen könne daher der Speichel keine grosse Wir- 
kung auf Stärkmehl äussern. Man hat auch darauf hingewiesen, dass 
die Natur in dem pankreatischen und dem Darmsaft viel kräftigere 
Mittel geschaffen l^abe, um im Darme Stärkmehl in Zucker zu ver- 
wandeln. 

Immerhin bleibt es in hohem Grade bemerkenswerth , dass der 
Speichel auch in anderer Beziehung ein dem Emulsin ähnliches kräf- 
tiges Ferment darstellt, insofern er nämlich, wie Städeler gezeigt hat, 
SaUcin sehr energisch in Saligenin und Zucker zerlege. Zur Zerle- 



Digitized by VjOOQIC 



88 Speichelsteine. 

gfing von 1 Grni. Salicin wurde eine Quantität Speichel verwendet 
wie sie in einer Viertelstunde gebammelt werden konnte. 

Die mechanische und nicht bestrittene Function des Speichels be- 
steht darin, die Nahrungsbissen zu durchfeuchten, schlüpfrig zu machen, 
und so die Deglutition zu erleichtern. Durch seine schaumige Be- 
schaffenheit vermag der Speichel endlich atmosphärische Luft dem Ma- 
gen und Darmcanal zuzuführen. 

Auch deletäre Wirkungen hat man dem Speichel zugeschrie- 
ben, welche derselbe im bestimmten krankhaften Zuständen annehmen 
soll. So bei heftigen Gemüthsaffecten , bei welchen er eine giftige 
Wirkung ähnlich der Aqua toffana (sie) entfalten soll, bei der Hunda- 
wttth, bei welcher der Speichel als Träger des Giftes erschiene. 
Wright injicirte Hunden menschlichen Speichel und sah darauf Wür- 
gen und Erbrechen eintreten, bei Injection in die Venen wollte er gar 
die Erscheinungen der Hydrophobie beobachten. Jacubowitsch, 
Bidder und Schmidt wiederholten alle diese Experimente, aber mit 
negativem Erfolge. Sie beobachteten nach Injection von Speichel in 
dem Magen gar keine Erscheinungen. Wurde derselbe, beim Taback- 
rauchen gesammelt, in die Venen eingespritzt, so stellten sich naroo- 
tische Erscheinungen und solche von Circulationsstorung ein. Erstere 
rührten aber vom Taback her, und blieben aus, wenn man sich den 
Speichel auf andere Weise verschaffte, und letztere waren bedingt 
durch Obstruction der Capillaren durch die Pdasterepithelien des 
Speichels. Auch sie stellten sich nicht ein, wenn man den Speichel 
vorher filtrirte. Die Bedeutung der Mundflässigkeit bei der Hydro- 
phobie ist ebenfalls noch nicht wissenschaftlich erwiesen. Bruce, 
Harris und Hartwig versuchten vergebens, durch Einimpfung des 
Geifers toller Hunde, oder durch Zumischung desselben zu Speisen, 
die Krankheit auf andere Thiere zu übertra^n. Die giftigen Wirkun- 
gen des Speichels müssen demnach noch dahingestellt bleiben. 

G.-Ä 

Speichelsteine ^). Der Speichel enthält unter seinen nor- 
malen Bestandtheilen gewisse Stoffe, die unter gewissen Bedingungen 
zur Bildung unlöslicher Niederschläge Veranlassung geben können. 
Es sind dieses phosphorsaurer< Kalk und Bittererde, deren Lösung im 
Speichel durch eine noch unbekannte Verbindung niit organischen 
Materien vermittelt wird, und lösliche Kalksalze, die in kohlensauren 
Kalk übergehen können. Tritt nun eine abnorme Vermehrung dieser 
Bestandtheile ein , so schlagen sich dieselben nieder, und werden ent- 
weder von dem abfliessenden Speichel in dem Maasse, wie sie sich bil« 
den, hin weggeführt, oder sie häufen sich an, vereinigen sich zu grösse- 
ren Massen und bilden Concretionen. 

Speichelsteine bilden sich dann, wenn jener Niederschlag be- 
reits innerhalb der Speicheldrüsen erfolgt und sich zu so grossen Mas- 
sen verkittet, dass sie das Lumen der Ausfuhrungsgänge übertreffen 



*) Literatur: Wright, On the physiology and pathology of tbe saliva. London 
1847. p. 67. •— V. Bibra, Medicin. Correspondenzbl. bair. Aerzte. 1848. — Le- 
cana und Besson in L. GmeHn*8 Handb. d. Ghem. 3. Aufl. 1829, Bd. II, % 
S. 1399; u. J. Vogel's pathol. Anatom. S. 381 u. Golding-Bird, Die Harn- 
sedSmente u. 8. w. S. 93. — Weitere Analysen findet man mitgetheilt in Berzelias' 
Lehrb. d. Chem. 3. Aufl. Bd. IX, S. 228;' John in Mecel's Archiv, Bd. VI, S. 4 
u. Kath in Baumgarten's Zeitschr. f. Chirurg. Bd. I, Hft. 2, S. 28. 



Digitized by VjOOQIC 



Speichelsteine. 89 

lind nicht mehr ausgeleert werden können. Die so gebildeten Speichel- 
steine wachsen weiter, indem sie sich durch Juxtaposition vergrossern, 
und können eine beträchtliche Grösse erreichen. Sie finden sich ent- 
weder im Parenchym der Speicheldrusen oder in deren Ausföhrungs- 
g&ngen. Es sind rundliche oder längliche Concretionen , welche die 
Grösse einer Mandel, einer Olive, ja eines Taubeneies erreichen kön- 
nen, von weisslicher Farbe, gewöhnlich aus concentrischen Lagen yon 
deutlicher Schichtung bestehend , zuweilen aber ohne deutliche Schich- 
tang, zuweilen kreideähnlich und leicht zerreiblich, zuweilen aber auch 
steinhart Im Inneren enthalten sie bisweilen einen Kern von mehr 
grfinlieher Färbung. Ihre Hauptbestandtheile sind kohlensaurer und 
phosphorsaurer Kalk, durch thierische Materie verbunden, wie nach- 
stehende Analysen zeigen i) : 







Wright 




V. Bibra 


Lecanu 


Besson 


Golding 
Bird 




I. 


11. 


in. 


IV. 


V. 


VI. 


VII. 


Kohlensaur. Kalk 


81,3 


79,4 


80,7 


18,9 


20 


16 


2 


Phosphorsaurer 
















Kalk 


4,1 


5,0 


4,2 


38,2 


75 


65 


76 


Photphonanre 
















Magnesia . . . 


— 


— 


— 


5,1 





1 


— 


In Wasser lösli- 
















che Salze . . . 


6,2 


4,8 


5,1 













Thierische Ma- 






\ 


88,1 








terie 


7,1 


8,6 


8,3 




5 


25 


23 


Wasser a. Verlust 


1,8 


2,8 


1.7 


, 6,8 




2 


— 




100,0 


100,0 


100,0 


100,6 


100 


98 


100 



Erfolgt der Niederschlag nicht in den Speicheldrüsen, sondern erst in 
der Mundhöhle, so kann er sich an den Zähnen anlegen, und bildet 
dann den sogenannten Weinstein der Zähne. Wahrscheinlich aber 
tragen zur Bildung dieses Weinsteins nicht allein die eigentlichen Spei- 
cheldrusen, sondern auch die übrigen kleinen Drüsen der Mundhöhle, 
die sogenannten Weinsteindrüsen, bei. Der Weinstein der Zähne ist 
ähnlich zusammengesetzt wie die Speichelsteine, wie nachstehende Ana- 
lysen erläutern. In 100 Thln. fanden: 



Berzelius 



Vauquelin 



Phosphorsaure Erdsalze 

Kohlensauren Kalk 

Schleun (mit Epithelien?) 

SpcichelstofT (?) 

In Salpetersäure lösliche thierische Materie 
Wasser 



79,0 

12,5 
1,0 
7,5 



66 

9 

18 

. 5 
7 



G.-B. 



») Schulze (Journ. f. prakt. Chcm. Bd. XXXIX, 8. 29.) fand in Speichel- 
•teinen tod Ochs und Pferd in 100 Theilen : 88 bis 91 Thle. kohlensauren Kalk, 
das Uebrige von den flbrigen oben angeHlhrten Bestandtheilen. 



Digitized by VjOOQIC 



90 Speichelstoff. — Speiskobalt, gelber. 

Speichelstoff, S. Ptyalin, Bd. VI, S. 686 u. Speichel, 
S. 82. 

Speise, Speis nennt der Hättenmann die beim AiKschmelzen 
von arsen- oder an timon haltenden Kobalt-, Blei- n. a. Erzen fallen- 
den Prodacte, Verbindungen, welche Arsen oder Antimon als negati- 
ven Bestand theil enthalten, wie z. B. die Kobaltspeise der Blaufarben* 
werke (s. Bd. VII, S. 1001). 

Speise, syn. Magneteisenkies oder Magnetkies. 

Speise. Thlerisches Leben ist bestandiger Stoffverbrauch. In 
jedem Momente seines Daseins giebt das Thier an die Anssenwelt Be- 
Btandtheile seiner Organe und Gewebe ab, die theils durch im Körper 
selbst liegende Bedingungen, theils durch die oxydirende Wirkung 
des Sauerstoffs, der eingeathmet wird, ihre organisirte Form einbüssen, 
und zu . immer einfacheren und einfacheren Verbindungen umgesetzt, 
den Organismus verlassen. Im Thiere sind die stofflichen Leben8e^ 
scheinungen an die Aufnahme von Sauerstoff gebunden, der, indem er 
die intermediären Glieder des Stoffwechsels zu ihren Endprodacten 
ozjdirt, als Kohlensäure und Wasser durch Lunge und Haut, in ande- 
ren einfachen Verbindungsformen durch die Nieren austritt, und da- 
durch eine beständige Abnahme an Masse bewirkt. Berücksichtigen 
wir nun, dass, nach den Versuchen von Lavoisier und Menzie, von 
einem erwachsenen Manne in einem Jahre 700 bis 800 Pfd. Sauerstoff 
aufgenommen werden, die an Elemente seiner Organe gebunden vollst&o- 
dig wieder austreten, so ist es klar, dass die Thiere in einem gewissen 
Zeiträume alle brennbaren Bestandtheile verlieren müssten, wenn ihnen 
filr den beständigen Verlust an Stoffe den sie erleiden, nicht Ersatz durch 
Zufuhr von aussei^ geboten würde. Dieser Ersatz wird durch die Nah- 
rung geliefert, und es fallen im physiologischen Sinne der Begriff von 
fester Nahrung und Speise zusammen. Soll aber die Speise den 
erforderlichen Ersatz wirklich leisten, so muss sie dem zu Ersetzenden 
physiologisch äquivalent sein, und den Nahrungsstoff in einer assimilir- 
baren Form enthalten. Vgl. Ernährung. G,'B, 

Speiskobalt, syn. Smaltit. 

Speiskobalt fasriger, Strahlkobaltkies wurde Ar- 
senikkobalt genannt, welcher in kugligen nierenförmigen krystallinisch- 
stängligen bis faserigen Partien vorkommt und in der Zusammensetzung 
mit dem Smaltit und Safüorit übereinstimmt. Nur das specifische 
Gewicht entscheidet, wie bei dem Safüorit angegeben worden ist, ob 
solche Vorkommnisse zu diesem oder zu dem Smaltit gehören, weil de^ 
artige Aggregate, wenn auch seltener, bei tesseral krystallisirenden Mi- 
neralen vorkommen können. Der fasrige Speiskobalt, welcher zn 
Schneeberg in Sachsen vorkommt, und von John^) analysirt wurde, 
gehört wegen des höheren specifischen Gewichtes = 7,28 zum Safflorit 

Speiskobalt, gelber, vonUllmann«), wird für ein inniges 
Gemenge von Smaltit mit Pyrit gehalten. 



Dessen Chem. Untersuch. Bd. II, S. 286. — ') Dessen systematiach tabellt- 
rische Uebersicht S. 422. 



Digitized by VjOOQIC 



Speiskobait, grauer. — Sphaerococcus crispus. 91 

Speiskobalt, grauer, syn. Eisenkobaltkies. 

Spergelheu, Spergelkraut. E. Wolff erhielt bei wieder- 
holten Untersachangen der Pflanze , die theiU auf ungedöngtem Boden 
gewachsen war, theils auf solchem der mit Holzasche oder mit Zusatz 
▼on Potasche, von Soda, von Magnesia, von Säuren u. s. w. gedüngt 
war, bei sieben Analysen von 8,4 bis 9,8 Proc. Asche, davon waren 
48,3 bis 54,0 Thle. lösliche Salze und 51,7 bis 46,0 Thle. unlösliche. 
Die Asche enthielt in 100 Theilen: 



KaU . . 24,3 bis 28,3 


Schwefelsäure . 


1,8 bis 3,9 


Natron . 0,6 „ 1,1 


Kieselerde . . 


1,0 „ 1,2 


Kalk . . 13,1 „ 15,0 


Kohlensäure 


24,2 „ 27,3 


Magnesia 7,6 ,, 9,2 


Phosphorsäure 


10,2 „ 11,6. 


Chlomatrium 8,5 „ 11,1 







Sperma s. Samenflüssigkeit. 

Spermaceti s. Wallrath und Cetyloxydhydrat. 

Spermatin^ nach Vauquelin der Hauptbestandtheil des 
Samens (s. Samenflüssigkeit Bd. YII, S. 225). 

Spessartin, Manganthongranat, Mangangranat, Man- 
gankiesel, Braunsteinkiesel, granatförmiges Braunsteine^'Z, 
Manganesian Garnet ^ ist eine eigenthümliche Art in der Gruppe 
der Granate, welche nach den Analysen von Klaproth^) des vom 
Spessart, von Seyberf) des von Haddam in Connecticut, von 
d 'Ohsson^) des von Broddbo bei Fahlun in Schweden, von C. Ram- 
inelsberg^) von Mallet^) des von Haddam in Connecticut und von 
K. V. Lissenko^) des von Miask am Ural wesentlich der Formel 
SMnO.SiOs -f- AljOs-SiOs entspricht, und neben Manganoxydul 
und Thonerde auch Eisenoxydul oder Oxyd enthält. Ausser krytsal- 
lisirt in der Gestalt 202 ohne oder mit ooO, kommt er auch derb mit 
schaliger Absonderung vor, hat muscheligen bis unebenen Bruch, hya- 
cinth- bis bräunlichrothe, röthlich- oder gelblichbraune Farbe, wachs- 
artigen Glasglanz, ist mehr oder weniger durchscheinend, hat weissen 
Strich, die Härte = 7,0 bis 7,5, das specif. Gewicht = 3,7 bis 4,38, 
sehxnilzt vor dem Löth röhre ziemlich leicht zu einer schwarzen Kugel 
und seigt mit Borax geschmolzen starke Mangan reaction. K. 

Sphaeria deusta. Ein kleiner Pilz zu der Abtheilung. 
Pyronemyceies Wallroth gehörend. Die organische Substanz des Pil- 
zes, mit Salzsäure von Aschentheilen befreit, wird weder von Säuren 
noch von Alkalien in ihre Bestandtheile zerlegt; von Salpetersäure 
wird sie zerstört; sie enthält 6 1,6^ Thle. Kohlenstoff, 4,0 Thle. Wasser- 
stoff, 1,2 Thle. Stickstoff, 33,1* Thle. Sauerstoff. Der frische Pilz 
enthielt 6,5 Proc. Asche, die alkalisch reagirt, reich an Kohlensäure 
ist und auch Eisenoxyd enthält (KnopO- 

Sphaerococcus crispus s. Carragheen. 



«) Dessen Beiträge Bd. II, S. 244. — *) Sillim. Americ. Journ. T. VI, p. 166. 
~ ») Schweigg. Joarn. Bd. XXX, S. 346. — *) Pogg. Annal. Bd. LXXXV, S. 299. 
— *) Rammeleb. Sappl. Bd. Y, S. 124. — *) N. v. Kokscharow's Materialien zur 
Mineralogie RuBslands Bd. HI, S. 280. — Pharm. Centralbl. 1861, S. 648. 



Digitized by VjOOQIC __ 



92 Sphäroidalzustand. — Sphen. 

Sphäroidalzustand s. unter Leidenfrost's Ver- 
such, Bd. IV, S. 818. 

Sphärolith, syn. Sphärulith. 

Sphärosiderit wurde zunächst der in kugligen Gestalten vor- 
kommende Eisenspath als auch der Eisenspath überhaupt und Gemenge 
desselben mit Thon in sphärischen Gestalten genannt, ausserdem auch 
dieser Name auf Brauneisenerz und braunen Thoneisenstein übertragen, 
die gleichfalls in sphärischen Gestalten vorkommen, was der nothwendi- 
gen Verwechselung wegen vermieden werden sollte. K. 

Sphärostilbit, SpherosÜlbiU nannte Beudant^) ein- auf den 
Faroern vorkommendes Mineral, welches koglige Gestalten mit cen- 
traler Faserbildung im Innern und Perlmütterglanz bildet, das specif. 
Gewicht = 2,31 und die Härte über 3 hat. Vor dem Löthcohre ist 
es mit Aufblättern und Aufblähen schmelzbar, in Säuren mit Gallert- 
bildung auflöslich, und enthält, nach Beudant,^ 55,9 Proc. Kiesel- 
säure, 16,6 Thonerde, 9,0 Kalk, 0,7 Natron und 17,8 Wasser, wonach 
man es wohl nur als eine Varietät des Desmin zu betrachten hat, der 
öfter in solchen kugligen Gestalten vorkommt. K. 

' Sphärulith, Sphärolith, Nierenstein, wurdenkugligeKörner 
oder unvollkommen kuglig gestaltete Partien genannt, welche in Pech- 
und Perlstein prophyrartig ausgeschieden vorkommen, und ihrer chemi- 
schen Beschaffenheit nach der Masse des Perlsteins am nächsten kom- 
men. Weil diese kugligen Körner im Innern unvollkommen fasrig bis 
stänglig erscheinen, kann man wohl annehmen, dass der Sphärulith 
durch den beim Festwerden sich geltend machenden Krystallisations- 
process entsteht, die Substanz jedoch noch nicht frei genug von Bei- 
mengungen ist, um sie als Species bestimmen zu können. Der Sphäru- 
lith ist grau, gelb, braun, roth, wenig glänzend bis matt, an den Kanten 
durchscheinend bis undurchsichtig, hat splittrigen Bruch, die Härte = 
7,0, das specif. Gewicht = 2,4 bis 2,5 und schmilzt vor dem Löthrohre 
zerknisternd an den Kanten schwierig zu weissem Email. Die Ana- 
lysen des Minerals von Ficinus *) und von Erdmann 3) des von 
Hlinik in Ungarn führen zu keiner annehmbaren Formel. 

Sphagnum. Ein Laubmoos, welches namentlich sich auf 
Torfmooren häufig findet, und oft auch einen wesentlichen Antheil 
an der Torfbildung gehabt hat. Spk. acutifolium^ das Torfmoos, ent- 
hält nach C. Sprengel*) 3,05 Proc. Asche, darin 10,9 Thle. Kali, 
13,9 Thle. Natron, 5,8 Thle. Magnesia, 3,4 Thle. Thonerde, 7,0 Thle. 
Eisenoxyd, 43,8 Thle. Kieselsäure, 4,0 Thle. Schwefelsäure, 11,2 Thle. 
Chlor. 

Sphalerit, syn. Zinkblende. 

Sphen, syn. Titanit. 



>) Trait^ de min. T. II. p. 120. — •) Schweigg. Joum. Bd. XXIX, S. 186. 
^ Journ. f. techn. Ghem. Bd. XV, S. 82. — *) Jonrn. f. teohn. n. Ökonom. 
Chem. Bd. VUI, S. 282. 



Digitized by VjOOQIC 



Sphenomit. — SpiegelmetÄll. 93 

Sphenomit nannte C. U. Shepard*) ein im Meteor8tein von 
Juvenas vorkommendes Mineral, welches mit Augit und Anorthit ver- 
wachsen, graubraune, ins gelbliche fallende tafelförmige sehr kleine 
Erystalle bildet, deren Härte = 5,5 ist. Vor dem Löthrohre schmilzt 
der Sphenomit leicht zu schwarzem magnetischen Glase, löst sich mit 
Brausen im Borax und zeigt dann ähnliche Reaction wie Sphen (Tita- 
nit). Er ist in Salpetersäure loslich, ein in Ammoniak unlösliches 
schweres weisses Pulver hinterlassend. Die Lösung enthält Kiesel- 
säure und Kalk. 

Sphragid, syn. Siegelerde. 

Spiauter, älterer Name för metallisches Zink. 

Spiköl, Oleum apicae. Das echte Spiköl (huile cTaspie) 
ist das durch Destillation mit Wasser aus der Lmoandula Spica Dec. 
erhaltene ätherische Oel, welches weniger angenehm riecht als das echte 
Lavendelöl, specifisch schwerer ist und mehr Camphor absetzen soll. Nach 
Gaste 11 wird das Spiköl aus den Blättern and Stengeln, das eigent- 
liche Lavendelöl nur aus den Blüthen der Lavandula-Arten erhalten. 
Das Spiköl ist meistens mit Terpentinöl verfälscht, oft wird über La- 
vendelstengel oder -Blätter destillirtes Terpentinöl oder selbst reines Ter- 
pentinöl als Spiköl bezeichnet. Das Terpentinöl soll in Alkohol schwe- 
rer löslich sein als Spiköl, und wenn ein solches mehr als. 5 Thle. 
Wüngeist von 0,894 zur Lösung erfordert, so soll das ein Beweis von 
Verfiäsehong mit Terpentinöl sein (G asteil). 

Spiegelbelegeii s. unter Glas, Bd. III, S. 565, und 
Mter Silber, Bd. VIT, S. 901. 

Spiegelblende s. Zinkblende. 

Spiegeleisen; blätterlgkrystallinisches weisses Eisen (s. d. 
Art. Roheisen unter Eisen). 

Spiegelerz, Spiegeleisen, syn. Eisenglanz. 

Spiegelglanz, ^yu. Tellurwismuth. 

Spiegelglas s. unter Glas, Bd. III, S. 560. 

Spiegel metall, Meital ä vüroira^ Speculum jtietaL Eine sehr 
harte und politurfähige Kupfer -Zinnlegirung, die deshalb zu Metall- 
spiegeln, namentlich zu den Spiegeln der Teleskope angewendet wird. 
Die Legirung enthält etwas mehr als 2 Thle. Kupfer auf 1 Thl. Zinn, so 
sollen auf 64 Thle. Kupfer 29 Thle. Zinn, oder auf 69 Thle. Kupfer M 
Thle. Zinn genommen werden; eine ähnliche Zusammensetzung soll 
der Spiegel des grossen Teleskops von Lord Ross haben; Edmunds 
empfiehlt auf 32 Thle. Kupfer 15 bis 16 Thle. Zinn und etwas Arsen 
(etwa 2 Thle.); Eisner fand in einem chinesischen Spiegel 80,8 Thle. 
Kupfer, 9,5 Thle. Blei, 8,5 Thle. Antimon. Bei der Darstellung wird 
zuerst das Kupfer geschmolzen^ und dann das Zinn eingerührt; das 
Arsen wird eriit beim Umschraelzen der Legirung kurz vor dem Ab- 
giessen zugesetzt. 



*) Jahresber. ▼. Uebig u. Kopp, 1847 u. 1848 S. 1S14. 

Digitized by VjOOQIC 



94 Spiegelwismuthglanz. — Spilanthes oleracea. 

Die Legirung niuss weiss, dicht, feinkörnig und so hart sein, dass 
sie eine schöne Politur annimmt; sie darf beim Abkühlen nicht Sprunge 
bekommen und an der Luft nicht anlaufen. Durch zu viel Zinn wird 
die Legirung bläulich weiss und verliert an Glanz. Ein Zusatz voo 
Arsen soll die Masse dichter machen, und daher politurfähiger; die 
Masse wird aber leicht krystallinisch, und läuft auch an der Luft an, 
wenn zu viel Arsen genommen wird; dieser Zusatz wird daher in neue- 
ster Zeit als sehr unzweckmässig bezeichnet. Aach ein Zusatz von Sil- 
ber soll nachtheilig sein, weil dadurch die Legirung an Härte verliert 

In neuester Zeit sind statt dieser Metallspiegel Silberspiegel an- 
gewendet, welche durch Versilberung von Glas nach Lieb ig darge- 
stellt wurden; nach Steinheil haben diese vor den Metallspiegelnden 
Vorzug, viel mehr Licht zu geben. Fe, 

Spiegelwismuthglanz, syn. Tellurwismuth, 
Spiersäure, syn. für Aepfelsäure. 

SpieSSglanz, die ältere Bezeichnung für Antimon, weil der 
„rohe Spiessglanz^^ das AnUmoniam crudum (s. 2te Aufl. Bd. II, 1, 
S. 117) ein sehr auffallendes strahlig- kr jstallinisches Gefüge zeigt 

Spiessglanz, ars'enikalischer, syn. Allemontit, 

Spiessglanzbleierz, syn. Bournonit. 

Spiessglanzblende, syn. Rothspiessglanzerz. 

Spiessglanzblüthe^ syn. Rothspiessglanzerz. 

Spiessglanzfahl^rz s. Fahlerz. 

Spiessglanzseife s. unter Seife, medicinische. 

Spiessglanz verbin düngen s. Antimon Verbin- 
dungen. 

Spiessglanzweiss, syn. Weissspiessglanzerz. 

Spiessglas oder Spiessglanzglas s. Antimon- 
glas. 

Spigelia. Diese Pflanzengattung gehört zu den Gentianeen. 
Die Spigelia anihelnunthica^ ein einjähriges Gewächs Südamerikas, ent- 
hält, nach Fe neu 11 e ^), in den Blättern neben fettem Oel und in den 
Wurzeln neben ätherischem Oel einen amorphen sehr bitter widrig 
schmeckenden, in Wasser und Weingeist löslichen Körper, der die ür^ 
Sache der wurm treibenden Wirkung der Pflanze sein soll; Ricord- 
Madianna'2) fand keinen solchen Bitterstoff. 

Spilanthes oleracea. Eine einjährige in Ostindien und 
Südamerika einheimische Pflanze zu den Synanthereen gehörend, die 
ihren scharfen Geschmack einem scharfen ätherischen Oel zu verdanken 



») Journ. de pharm. 1828, T. IX, p. 197. — «) Brandes* Archiv Bd. XXV, 
S. 28. 



Digitized by VjOOQIC 



Spilit. — Spindelbaumsamenöl. 95 

scheint; die weingeistige Tinctur der Blätter nnd Blöthen dieser 
Pflanse ist als Paraguay-Rous bezeichnet 

Späanthes txnctoria enthält ein Chromogen, welches an der Luft 
Indigo liefert. 

Spillt wurde eine Varietät des Diabasmandelsteins genannt, 
jedoch ohne dass dieser Name als einer bestimmten Gebirgsart an- 
gehorig in Gebrauch gekommen ist. K. 

Spinacia oleracea, Spinat Der zu den Chenopodiaceen 
(^hörende als Kuchenkraut vielfach benutzte Spinat enthält, nach Bra- 
connot, in den Blättern saure Oxalsäure, äpfelsaure und phosphorsanre 
Salze. In der lufttrockenen Pflanze fand Th. Richardson^) 2,03 Proc, 
in der bei lOO^C. getrockneten Pflanze Saalmüller*) 19,7 Proc. Asche. 
Diese enthielt in 100 Thln.: 

Richardson Saalmaller 

Kali 9,7 23,4 

Natron 35,0 24,6 

Kalk 13,1 10,6 

Magnesia 5,3 7,5 

Schwefelsäure .... 9,3 4,4 

Kieselsäure 3,1 5,9 

Phosphorsäure. . . . 7,9 8,6 

Phosphorsaures Eisen oxyd 8,7 — 

Chlornatrium .... 7,9 12,8 

Eisenoxyd — 2,1 

, Spindelbaum, Evonymtu europaeus^ eine zu den Celastrineen 
^eiiorende Pflanze. Das leichte Holz dieses Baum eis wird gern zur 
Koiüe für Schiesspulver verwendet (s. Bd. VII, S. 312); die rothen 
Samenkapseln schmecken, nach Grundner'), salatartig und enthalten 
Traubenzucker, Cerin, Gerbstoff, Harze, Citronensäure u. s. w. Die 
oraogefarbige Samenhölle enthält, nach ihm, ein fettes Oel, das beim 
Auspressen den Farbstoff auflöst; die rosenrothe Samenschale enthält 
Gerbsäure, Gummi, Aschenbestandtheile n. s. w., in den Saroenkemen 
fand sich neben Emnlsin, Zucker, Gummi u. s. w. 3,9 Proc. Harz und 
28,1 Proc. fettes Oel. 

Spindelbaumsamenöl, HuiUdefusain, SpindUtree-oiL Das 
durch Auspressen des Samens erhaltene fette Oel ist klar, dickflüssig, 
rothbraun, in dünnen Schichten gelb, es hat einen widrigen Geruch und 
einen bittem hintennach kratzenden Geschmack, sein specifisches Ge- 
wicht ist 0,938 ; mit Wasser geschüttelt ertheilt es diesem einen bit* 
tem Geschmack, in Weingeist ist es schwer, in Aether leicht löslich. 
Das Oel gesteht bei — 12o bis IG^C, mit dem Fett scheidet sich dann 
aach ein grosser Theil des Farbstoff aus^ beim vorsichtigen Schmelzen 
de« Oels bleibt dieses in schönrothen Körnern an den Wandungen des 
Glases zurück. 

Das Oel enthält ausser dem Farbstoff ein bitteres Harz, Spindel« 



*) AnnaL d. Chem. u. Pharm. Bd. LXVII, Tabelle; Jahresber. v. Liebig u. 
lopp lg47, S. 1074. — «) Annal. d. Chem. u. Pharm. T. LVUI, S. 889. — ») Buch- 
wt\ Repertor. [2.] Bd. XLVn, S. 316; Pharm. .Centralbl. 1847, S. 871. 



Digitized by VjOOQIC 



9« Spinell. 

banmbitter oder Evonymin von Riederer ^), ausser diesem noch fluchtige 
Säuren. Schweizer'^) erhielt bei der Verseifung des fetten OeU ne* 
ben Oelsäure und Margarinsäure Essigsäure and BenzoSsänre, welche 
beiden Säuren sich nach dem Verseifen des Oels in der Unterlaage 
finden. Schweizer nimmt an, dass die Essigsäure an Glyceryloxyd ge- 
bunden als Acetin in dem Oel enthalten, die Benzoesäure dagegen frei 
darin sei, er schliesst dies aus dem Umstände, dass die alkoholische Lö- 
sung des Oels sauer reagirt. Das Spindelbaumöl wird namentlich in der 
Schweiz durch Auspressen gewonnen, und hier tbeils als Lampenöl be- 
nutzt, theils gegen Ungeziefer in den Haaren bei Menschen und Thieren 
angewendet, sowie auch bei Wunden. Ft, 

Spinell, Rubinspinell, rother Spinell, dodekaedrischer 
Korund, SpinelU^ Alumine magneaiee^ Spinel^ krystallisirt te»- 
seral, bildet gewöhnlich Octaeder, oder Combinationen desselben mit. 
dem Rhombendodekaeder und auch mit dem Leucitoeder, häufig ZwiU 
linge nach dem Gesetze, dass die Octaederfläche Verwachsungsfläche 
ist; ausser deutlichen Krystallen finden sich auch mehr oder weniger 
abgerundete, oder nur Krystallkörner, lose im aufgeschwemmten Lande 
oder im Sande von Flüssen in Folge der Zerstörung der ihn ursprüng- 
lich enthaltenden Gebirgsmassen. Spuren von Spaltungsflächen parallel 
den Octaederflächen, Bruch muschlig. Roth, besonders karminroth, 
bläulichrot h bis blau, braun, gelb, farblos, glasartig glänzend, durch- 
sichtig bis durchscheinend; Härte = 8,0, specif. Gewicht =3,5 bis 3,6. 
Vor dem Löthrohr unschmelzbar, in Säuren unlöslich; mit zweifach- 
schwefelsaurem Kali geschmolzen dagegen vollständig löslich. Mehr* 
fache Analysen haben die Formel MgO.AlgOs ergeben, mit etwas 
Eisen oder Chrom. Der als Edelstein geschätzte Spinell hat nach den 
Farben verschiedene Namen erhalten, indem der hochrothe wegen der 
Aehnlichkeit mit RubinRubin-Spinell, der blassrothe Bailasrubin, 
Bubin haktis^ der bräunlich rothe wegen der Aehnlichkeit mit gevrisaeo 
Granaten Almandin, der gelblich rothe Rubicel genannt wurde. 

Der Eisengehalt des Spinell, Eisenoxydul die Magnesia, Eisenoxyd 
die Thonerde in geringen Mengen vertretend, wird zuweilen auch 
grösser, und die dadurch hervorgehenden Mineralvorkommnisse, welche 
in ihren Eigenschaften durch den höheren Eisengehalt etwas abweichen, 
sind als eigene Species vom Spinell getrennt worden, wie derChloro- 
spinell und Pleonast, können aber ebensogut als Varietäten dea 
Spinell angesehen werden. Was den Chlorospinell betrifft, welcher 
in der Gegend von Slatoust am Ural im Talkschiefer gefunden und 
von G. Rose') so genannt wurde, und welcher nach H. Rose 's Ana- 
lysen um 10 Proc. bis 15 Proc. Eisenoxyd und Eisenoxydul enthält, m 
ist derselbe durch seine grüne Farbe und gel blich weissen Strich aus- 
gezeichnet und hat das specif. Gewicht == 3,591 bis 3,594. Vor dem 
Löthrohre erhitzt, wird er bräunlich grttn und erlangt nach dem Erkalten 
seine ursprnngliche Farbe. Der Pleonast dagegen (auch schwarzer 
Spinell, Ceylanit, Candit,Chrysomelan genannt) findet sich lose, 
an verschiedenen Orten oder eingewachsen, und bildet zuweilen bis über 



*) Buchner's Repert. [2.] Bd. XLIV, S. 1. — «) Journ. f. prakt. Chem. Bd. 
LIIL S. 487. — •) Pogg. Annal. Bd. L, S. 668; G. Rose'» Reise nach dem ürtl 
Bd. II, S. 117, u. 474. 



Digitized by VjOOQIC 



Spinell, schwarzer. — Spiöellan. 97 

zoUgrosse Krystalle, weiche vorherrschend schwarz gefärbt sind, zumThell 
ins Grünliche, Brännliche oder Bläuliche übergehen mit graulichweissero 
oder grauem Strichpalver. Er ist meist undurchsichtig bis schwach 
durchscheinend) glasartig glänzend, hat muschligen bis unebenen Bruch 
und zeigt zuweilen deutliche Blätterdurchgänge parallel den Octaeder- 
flächen. Die Härte ist = 7,5 bis 8,0, das specif. Gewicht = 8,7 bis 
3,8. Er zeigt vor dem Löthrohre stärkere Eisenreaction , da er, wie 
mehrfiM^he Analysen gezeigt haben, eisenhaltig ist und der Eisengehalt 
bis über 20 Proc. steigt Ausser in eingewachsenen und losen Kry- 
stallen bis Krystallkömern findet er sich auch derb, mit krystallinisch- 
körniger Absonderung. 

Vom Spinell wurde auch längere Zeit der sogenannte Sa pphir in 
getrennt, welcher octaSdrische Krystalle und Krjstallkörner bildet, 
sapphirblau, graulichblau, auch grünlich geftlrbt ist und das specif. Ge- 
wieht = 3,4 bis 3,7 hat. Die Trennung des Sapphirin, wie ihn 
Giesecke^) nannte, wurde dadurch hervorgerufen, dass die Analysen 
desselben ausser etwas Eisen einen wechselnden Gehalt an Kieselsäure 
ergaben, welcher offenbar von Beimengungen herrührt« Dies zeigen 
£e Analysen des Sapphirin von Aker in Schweden nach Berzelius') 
and nach A b i c h ^, des von Fiskenäes in Grönland nach Stromeier ^}, 
eines Sapphirin nach Damour^). Dass überhaupt Kieselsäure im 
Sapphirin gefunden wurde, ist in der Gruppe der Spinelle kein einzeln- 
stehendes Factum, wie namentlich die Pleonaste zeigen, ohne dass 
man dort daran dachte, die Kieselsäure mit in die Mineralsubstanz zu 
redmen. Dafür ist aber auch der grönländische, der im Glimmer- 
schiefer vorkommt und am meisten Kieselsäure enthält, am wenigsten 
rein zu erhalten. K, 

Spinell, schwarzer, s. Spinell. 

Spinellan wurde die blaue Abänderung des Nosean genannt, 
eines Minerals, welches sich in verschiedenartigen Gesteinen der vul- 
canischen Gegenden unweit Andernach am Rhein findet, und selbst wie- 
der von einzelnen Mineralogen dem Haujn zngezählt wird, mit welchem 
es in der Krjstallisation und anderen Eigenschaften übereinstimmt, je- 
doch in der Zusammensetzung insoweit abweicht, als hier mit demNa- 
ti'on-Thonerdesilicat, welches beiden zu Grunde liegt, noch schwefelsau- 
res Natron verbunden ist, so dass man auf Grund der verschiedenen 
Analysen die Formel 3 NaO . SiOg + 8 (AI, Og . SiOg) ■+• NaO . SO» 
aufgestellt hat Die Krystallgestalten des Nosean (Nosin, Spinellan, 
Sapphirin u. s. w.) sind tesserale, meist odQ, seltener ooO mit QoO<io 
oder O, gewöhnlich unregelmässig ausgebildet, verzerrt oder in Gestalt 
krystallinischer Kömer, einzeln oder verwachsen zu locker kömigen 
Aggregaten; spaltbar ziemlich deutlich nach ooO, Bruch muschlig bis 
uneben; grau, blau, braun, schwarz, glasartig glänzend, mit Neigung 
in Wachxglanz, halbdnrchsichtig bis undurchsichtig; Strich weiss bis 
grau; Häi\e = 5,5 bis 6,0; spröde; specif. Gewicht = 2,25 bis 2,28. 
Vor dem Löthrohre sich entfärbend, schwierig und ruhig zu blasigem 
Glase schmelzbar; in Salzsäure löslich und Kieselgallerte abscheidend. 



») Stromeyert Untersuch. S. 891. — ■) Afhandl. i Fjrsik T. I, p. 104. -— 
■) Pogg. Ann»!. Bd. XXIII, S. 806. — -•) Desaen Unters. 8. 897. — *) Jahresber. 
T. UeUg n. Kopp. 1S49, 8. 785. 



Httdwßrterbaeb der Obemte. Bd. VUL 



Digitized by VjOOQIC 



98 Spinellin. Spinnenfäden. 

Es iuialydii'ten: Klaproth i) den yom Laacher See, BereemanQ >) 
den vom Laacher See, Yarrentrapp ') den vom Laacher See und 
von Niedermendig am Rhein, Whitney^) den vom Laacher See and 
von Niedermendig am Rhein. Ausser den in der Formel angegebenen 
Bestandtheilen wurden noch geringe Mengen Kalk, Eisenozyd, Mangan- 
oxyd, Wasser und Chlor gefunden. K. 

Spinellin 8. Titanit. 

Spinnenfäden^y^ Spinnengewebe. Die Spinnen führen gleich 
wie der Seidenwurm einen eigenthümlichen drüsigen Apparat: Serictormu, 
dessen Secret eine Flüssigkeit darstellt, die bei ihrem Hervortreten aus 
feinen AusHihrungsgängen sogleich zu einem klebrigen elastischen Faden 
gesteht, der an Allem, womit er in Berührung kommt, so fest haftet, dass 
er eher zerreisst, als sich ablost. Aus solchen Fäden besteht das Spin- 
nengewebe. Nach der Untersuchung von Cadet de Vaux löst sich 
beim Kochen mit Wasser etwa die Hälfte des Spinnengewebes ani^ and 
die wässerige Lösung reagirt auf Chlorüre, schwefelsaure Salze und 
Kalksalz. Beim Verdunsten bedeckt sie sich mit einer Haut, die 
sich weggenommen immer wieder erneuert. Zuletzt bleibt ein £x- 
tract zurück, woraus Alkohol ungefähr den vierten Theil aufninunt 
Das Alkoholextract ist braun, zerfliesslich, schmeckt scharf, and ent- 
hält ausser organischen Stoffen auch Salmiak. Der in Alkohol unlös- 
liche Theil ist körnig wie durch Kochen geronnenes Blut (?), und 
hat einen schwächeren Geschmack. Alkohol zieht aus dem ursprüng- 
lichen Spinnengewebe ein Harz aus, welches durch Wasser mit gran- 
licher Farbe gefallt wird, und nach dem Verdunsten eine braune syrup- 
artige Masse von anfangs süsslichem hintennach scharfem Geschmacke 
hinterlässt. Das mit Alkohol ausgezogene Spinnengewebe giebt beim 
Verbrennen eine Asche, welche kohlensaures Natron, Kochsalz, Gjps, 
kohlensauren Kalk, Eisenozyd, Kieselerde und Thonerde enthält-^ 
Setzt man zu mit Wasser befeuchtetem Spinnengewebe kaustisches Kali, 
so entwickelt sich starker Ammoniakgeruch. Eine weitere Analyse 
des Spinnengewebes von Santagata ergab in 100 Thln. dersel- 
ben: Chlormagnesium 4,0, phosphorsaures Natron 3,42, phosphorsaa- 
ren Kalk 2,80, kohlensauren Kalk 1,20, schwefelsauren Kalk 3,58, 
Kieselerde 1,00, Harz 11,0, Farbstoff 13, Mucus 13, Faser (Fibroin?) 
36,0, Eisenoxyd 1. Es bedarf wohl kaum der Erwähnung, dass der 
Werth dieser Analysen bei dem gegenwärtigen Standpunkte der Wis- 
senschaft ein sehr geringer ist, denn sie lassen die Hauptfrage, wel- 
cher Art der organische Bestandtheil der Spinnenfaden ist, gänzlich 
unerledigt« Wenn man annimmt, dass die sogenannten Herbst- 
fäden, die unzweifelhaft organischen Ursprungs sind, mit dem Spin- 
nengewebe Übereinstimmen, so wäre der Hanptbestandtheil dersel- 
ben, Fibroin, und ihre Zusammensetzung von der der Seide qua- 
litativ nicht verschieden. Mulder fand in den Herbstseiden 15,85 



') Dessen Beiträge Bd. VI, S. 376). ^ *) NOggerath geb. in Rhein. W^tph. Bd. 0, 
S.802. — 8) Pogg. Annal. Bd. XLIX, S.616. — ") Pogg. Annal. Bd. LXX, S. 487. 

^) Literatur: Cadet de Vaux, Berlin. Jahrbücher Bd. XI, S. 166. — Santt- 
gata, GazetU ecclett. Nov. 1886. — Mulder, Pogg. Annal. Bd. XXXIX, S. 498. 
— Schlossbcrger, Vergleichende Thierchem. S. 257. — Derselbe, AnuaL d. 
Chem. u. Pharm. Bd. CX, S. 246. 



Digitized by VjOOQIC 



Spinnenkoth. — Spiraea ulmaria. r 99 

Fibn»D, 64,00 Albamin, 18,04 leimähnliche Sabstanae ond 2,71' Wachs 
and festes Fett Die Fäden selbst enthielten, so wie sie aufgesam- 
melt wurden, 166 Proc. Wasser. Auch Schlossberger hält, ohne 
fibrigens seine Ansicht näher zu begründen, die Herbstfäden £ttr 
ein Grespinnst von Arachniden; bei Versuchen mit wirklichem Spinnen* 
gewebe fand letzterer Chemiker übrigens die allergrösste Ueberein* 
Stimmung mit den SeidenfUden; so wie letztere verschwinden auch die 
Spinneniaden in Nickeloxydulamrooniak und Kupferozydammoniak voll- 
ständig und noch weit schneller als die Seidenfaden, während die 
Substanz des Badeschwammes in diesen Lösungsmitteln unlöslich ist. 
Schlossberger hält dahe^ die Substanz der Seide mit der des Spin- 
nengewebes ffir identisch, aber verschieden von der des Badeschwam- 
mes, and schlägt vor, sie zum Unterschiede vom Fibroin des Bade- 
schwammes „Sericin^^ (von Serica, Seide) zu nennen. G.-B. 

Spinnenkoth^). Die Excremente der Spinnen sind weiss bis 
weisslichgelb , getrocknet leicht zu pulvern. Sie lösen sich kaum in 
Wasser, nur sehr wenig in Alkohol, leicht jedoch in Salzsäure und 
Schwefelsäure. Auf dem Platinblech erhitzt bräunen sie sich, stossen 
ammoniakalische Dämpfe aus, und hinterlassen eine schwer verbrenn* 
liehe Kohle. Die Excremente, mit Salpetersäure vorsichtig abgedampft, 
hinterlassen einen dtronengelben Rückstand, der sich in Kali und Am- 
moniak mit tief gelbrother Farbe löst In der alkalischen Lösung er- 
zeugt Salmiak einen gelben, Kohlensäure einen weissen Niederschlag, 
unterchlorigsaures Natron entfärbt die Lösung, nachdem kurz zuvor 
öne grünliche Färbung eingetreten war. Nach einiger Zeit entsteht 
in der farblosen Lösung ein weisslicher Niederschlag. Diese Beactio- 
nen hat das Xanthin mit dem Guanin gemein, und in der That hat 
auch schon J. Davy angegeben, dass der Spinnenkoth einen Körper 
enthalte, welcher alle Eigenschaften des Xanthicoxyds oder Xanthins be- 
sitzt. Gorup-Besanez und Fr. Will haben aber gezeigt, dass der im 
Spinnenkoth enthaltene, dem Xanthin allerdings ähnliche Körper Gua- 
nin sei. Sie haben aus den Spinnenexcrementen salpetersaures so wie 
salssaores Guanin und die Plantindoppelverbindung dargestellt, und 
diese Verbindungen mit aus Guano dargestellten genau verglichen. 
Das seither mehrfach beobachtete Vorkommen von Guanin im Thier- 
körper lässt die Auffindung desselben in thierischen Excrementen um 
so weniger auffallend erscheinen, als wir wissen, dass das Guanin in 
naher Beziehung zu Harnsäure und Harnstoff steht, und nach den Ver- 
snoben von G. Kern er in der That in Harnstoff ausgeführt wer- 
den kann. G.-B. 

Spinther.8. Titanit. 

Spiraea ulmaria. Die Blumen von Spiraea ubnaria^ einer 
zu den Rosaceen gehörenden Pflanze, geben bei der Destillation mit 
Wasser ein ätherisches Oel, es ist gelb, schwerer als Wasser, riecht 
wie die Blüthen, fangt bei 85<^C. an zu sieden; dieses Oel ist ein Ge- 
menge verschiedener Substanzen, es enthält hauptsächlich salicylige 
Saure, die aber in der Pflanze nicht fertig gebildet enthalten war, son- 

') Liter mtnr: J. Davy, Edinburgh new phiL joarn. Vol. XL, p. 281 u. 886; 
B«neUiu* JahrMbcr. Bd.XXyiI, S. 681. — Oorop-Betanes n. Fr. Will, Annal. 
d. Qiem. n. Fhftrni. Bd. LXIX, S. 117. 

7* 

Digitized by VjOOQIC 



100 "C" Spiräain. — Spiraln. 

OCTn'^ioh erat bei der Einwirkung von Wasser biidete (s. Salicylige 
Säure, Bd. VII, S. 72), ferner ein indifferentes Oel (welches sich auch 
beim Schütteln des über die Blumen destiUirten Wassers mit Aether er- 
halten lässt, es enthält 71,2 Kohlenstoff auf 10,1 Wasserstoff und 18,7 
Sauerstoff) und eine camphorartige in weissen perlmutterglanzenden 
Schuppen krystallisirende Substanz, die bei gewöhnlicher Teroperatar 
fest bleibt. 

Werden die Spiraablumen getrocknet mit Aether ausgezogen, ao 
löst sich der Farbstoff, das Spiräin, neben Fett, Wachs, Sparen von 
einem ätherischen indifferenten Oel und einer flüchtigen Säure, dagegen 
lässt sich hier salicylige Säure nicht nachweisen. Das indifferente 
Oel ist dasselbe, was beim Destilliren der Blumen mit Wasser neben 
salicyliger Säure erhalten wird. Die Säure findet sich auch in diesem 
wässerigen Destillat, sie krystallisirt in farblosen Nadeln, ist leicht 
flüchtig, löst sich leicht in Wasser, schwierig in Aether, und färbt die 
Eisenoxydsalze blutroth; eine nähere Untersuchung ist wegen der gerin- 
gen Menge, in welchen die Säure erhalten wird, nicht angestellt Ft. 

Spiräain s. Spiräin. 

Spiräaöl, Spiräasäure, syn. Salicylige Säure, 
s. Bd. Vn. S. 72. 

Spiräin. Spiräain, Spirein, Spiräasäure. Der in den 
BlÜthen der Spiraea ulmaria enthaltene Farbstoff, von Pagenste- 
cher nachgewiesen, von Löwig und Weidmann^ zuerst darge- 
stellt und untersucht. Formel nachLöwig und Weidmann CisHg^?; 
zu den gefundenen Zahlen passt jedenfalls besser CgoMx^ 0x4 ; Gerhardt 
giebt die Formel O43 M24 O301 die aber schlecht zu den Resultaten passt. 
Gefunden wurde, nach dem neueren Atomgewicht berechnet, im Mitttel 
58,9 Kohlenstoff und 5,2 Wasserstoff; es berechnet sich nach 

^16 "8^7 • C30H15G14 . 0421x94030 

Kohlenstoff . . . 58,4 58,6 57,9 

Wasserstoff. . . 5,2 4,9 5,5 

Sauerstoff ... 36,4 . 36,5 36,7 

Zur Darstellung von Spiräin werden die getrockneten Blumen 
mit Aether ausgezogen, man destillirt von dem Auszug den Aether ab, 
wäscht den Rückstand mit Wasser, und löst den ausgeschiedenen Kör- 
per nach Trennung des Fetts in heissem Weingeist ; aus der erkalteten 
und von Fett abfiltrirten Flüssigkeit scheidet sich beim Verdunsten 
das Spiräin ab, das durch wiederholtes Unkrystallisiren gereinigt wird. 

Das Spiräin ist ein grünlich gelbes kristallinisches Pulver von 
eigenthümlich bitterem, derSpiräa ähnlichem Geschmack; es ist unlös- 
lich in Wasser, löst sich schwer in Weingeist aber leicht in Aether; 
die verdünnten Lösungen sind gelb, die concentrirten grün, und röthen 
schwach Lackmus. 

Das Spiräin wird beim Erhitzen zersetzt, es schmilzt und wird 
braun. Verdünnte Salpetersäure wirkt erst beim Erwärmen darauf 
ein, concentrirte Säure löst es schon in der Kälte mit rother Farbe; 



») Journ. f. prakt. Chem. Bd. XIX, S. 286. — Lowig's Chem. d. org. Verbind. 
1849, Bd. I» 8. 908. 



Digitized by VjOOQIC 



Spirein. — Spirin. 101 

Wa03er schlägt es aus der Lösung grösstentheils unverändert nieder, 
nach längerem Kochen der Lösung in Salpetersäure ist die Flüssigkeit 
farblos, beim Verdünnen mit Wasser entsteht dann kein Niederschlag 
mehr; beim Abdampfen der Flüssigkeit bleibt eine hellgelbe stark 
saure amorphe Masse, welche durch Bleisalze und salpetersaures Queck- 
silberoxjdul gelb, durch Ealksalze, Quecksilberchlorid und Silbersal- 
peter aber nicht gefallt werden. 

Mit Braunstein und Schwefelsäure oder mit Chormsäure erhitzt, 
giebt das Spiräin Ameisensäure und Kohlensäure. Concentrirte Schwe- 
felsäure löst es bei gewöhnlicher Temperatur mit grüngelber Farbe, 
Wasser flUlt es unverändert; mit der Säure erhitzt wird es zersetst, 
es entwickelt sich schweflige Säure. Brom zersetzt das Spiräin leicht, 
es bildet sich Brom Wasserstoff und ein gelbrother Körper, der ein 
Geraenge verschiedener Substanzen ist, Weingeist löst davon wenig 
mit dunkelrother Farbe auf, der Bückstand mit Alkohol gekocht giebt 
eine gelbliche Lösung; die von Alkohol nicht gelöste Substanz ist in 
Aether löslich, sie giebt beim Behandeln mit Brom den in Alkohol mit 
rother Farbe löslichen Körper. Die durch Brom aus Spiräin entste- 
henden Producte riechen ähnlich der Bromsalicylsäure, und sind leicht 
schmelzbar. 

Das Spiräin löst sich in den Alkalien mit gelber Farbe, beim Er- 
hitzen zersetzt es die kohlensauren Alkalien; Säuren schlagen es an- 
▼erändert nieder; beim längeren Stehen der alkalischen Losungen an 
der Luft werden sie braun. 

Die weingeistige Lösung von Spiräin iallt Barytwasser schwefel- 
saure Thonerde und Zinkoxjdsalze gelb, EisenoxydulRalze dunkelgrün 
and Eisenoxydsalze schwarz, Kupfersalze werden grasgrün, Brechwein- 
stein citronengelb gefällt ; salpetersaures Quecksilberoxydul giebt einen 
gelbbraunen später dunkelbraun werdenden Niederschlag; Quecksilber- 
chlorid giebt auf Zusatz von etwas Ammoniak einen voluminösen gelben 
Kederschlag ; salpetersaures Silberoxyd giebt auf Znsatz von Ammo- 
niak einen schwarzen in überschüssigem Ammoniak löslichen Nieder- 
schlag. Essigssures Blei, fällt die alkoholische Lösung von Spiräin car* 
minroth, nach dem Trocknen ist der Niederschlag schwarz, seine Zu- 
sammensetzung entspricht nahe der Formel 4 Pb O . C30 H15 O14. Wird 
dieses Salz in Wasser vertheilt mit Schwefelwasserstoff zersetzt, so 
lünterlässt das saure Filtrat eine in Wasser und Weingeist leicht lös- 
liche braune Masse, deren Lösung von Bleisalz nicht roth, sondern gelb 
gefallt wird. 

Gold- und Platinchlorid sowie Gerbstoff reagiren nicht auf Spiräin. 

Spirein s. Spiräiü. 

Spirhuminsäure nannte Berzelius die humusartige Säure, 
welche bei Einwirkung von Sauerstoff auf eine alkalische Lösung von 
salicyliger Säure entsteht; Piria hatte sie der schwarzen Farbe wegen 
Melansäure genanixt (s. bei salicyligsaurem Kali, Bd. YII, S. 81). 

Spirige Säure, syn. Salicylige Säure- 

Spirimid, syn. Salhydramidj s. Bd. VII, S. 65, 

Spirin oder Parasalicyl wurde früher das Benzo-Salicyl ge- 
nannt (s. d. Bd. Vn, S. 75). 

Digitized by VjOOQIC 



102 Spiritus. — Spiritus rector. 

Spiritus, Geist. Das Wort Spiritus wurde in der älteren Che- 
mie vorzugsweise als Gattungsname für eine Reihe destillirter Flüssig- 
keiten gebraucht. Die unten stehenden Namen zeigen , wie ganz ver- 
schiedenartige Dinge so benannt wurden. Jetzt bezeichnet das Wort 
Spiritus im gewöhnlichen Leben den Spiritus Vtni (s. d.), und in den 
Apotheken ist es der Gattungsname für aromatische alkoholhaltige De> 
stillate so wie für alkoholhaltige Lösungen, z. B. Spiritus Cochleariae^ Lc^ 
vandxdae^ Sp. camphoratus^ saponatus. 0. 

Spiritus abstractus. Wenn riechende Substanzen mit 
Wasser haltendem nicht zu schwachem Weingeist destillirt werden, 
so bezeichnet man das Destillat als Spiritus cibstractus^ abgezogener Geist, 
gewöhnlicher als Spiritus aromaäcus^ man unterscheidet Spiritus aroma^ 
tieus Simplex und compositus. 

Spiritus aceti dulcificatus ) ««w Liquor anodinus 

S.dulcis ( ^^9^^^^i^*^i öine L5- 

' r sung von Essigäther (l 

Spiritus acetico-aethereus) Thl.) in Weingeist (8 
Thle.)) 8. unter Essigäther. 

Spiritus aeruginis, s. Spiritus veneris^ Kupferspiri- 
tus^ Orünspanspiritus^ Esprit de verdigris^ Spirit ofverdigris^ 
nannte man die durch Destillation von krystallisirtem essigsauren Eu- 
pferozyd erhaltene concentrirte Essigsäure (s. d. Art.). 

Spiritus aromaticus s. Spiritus abstractus. 

Spiritus cerae, Wachsge ist, die durch trockene Destillation 
von Wachs erhaltene wässerige Flüssigkeit, brenzliche Oele, Essigsäure 
u. s. w. enthaltend. 

Spiritus cornu cervi, Hirschhornspiritus, die durch 
Destillation von thierischen StoflPen erhaltene Lösung von unreinem koh- 
lensauren Ammoniak, s. Hirschhorn geist, Bd. III, S. 864. 

Spiritus fumans Libavii s. wasserfreies 
Zinnchlorid (s. d. Art). 

Spiritus Mindereriy eine wässerige Lösung von essig- 
saurem Ammoniumoxyd (s. d. Art.). 

Spiritus muriatico-aethereuss. Spiritus salis 
dulcis, s. Salzgeist, versüsster, Bd. VII, S. 215. 

Spiritus muriaticus, Salzgeist, syn. Salzsäure, 
s. Chlorwaserstoff. 

Spiritus nitri acidus, syn. Acidum nitricum, 
8. Salpetersäure. 

Spiritus nitri aethereus, s. dulcis, s. Salpeter- 
geist Bd. VII, S. 125. 

Spiritus rector. Bo Sr ha ve nahm an, dass die ätherischen 
Oele Verbindungen von Harzen mit einem eigenthümlichen Biechstoffi 

Digitized by VjOOQIC 



Spiritus salis ammoniacus. — Spiritus vini. 103 

dem t^nrituB rictor seien, dessen Menge den Geruch des ätherischen 
OeleB bedinge, während die anderen Eigenschaften von der Verschie- 
denartigkeit der Harze abhängig sei. 

Spiritus salis ammoniacus, Salmiakgeist, s. 
Ammoniakflüssigkeit. 

Spiritus salis dulcis s. Spiritus muriatico- 
aethereus. 

Spiritus salis fumans oder Spiritus salis fu- 
mans Glauberi, syn. rauchende Salzsäure. 

Spiritus sulphurico-aethereus, syn. Wein- 
geisthaltender Aether, 2te Aufl. Bd. I, S. 205. 

Spiritus sulphuris per campanam. AlteBezeich- 
nnng für wässerige schweflige Säure (s. Bd. VII, S. 587). 

Spiritus sulphuris s. Sp. sulphuratus, volatile 
B e g U i n i , eine an der Luft rauchende concentrirte Lösung verschie- 
dener Ammoniumpolysulfurete (s. unter Amraonium8ulfurete,2. Aufl. 
Bd. I, S. 753. 

Spiritus sylvestris, Gas sylvestre, veralteter Name 
für Kohlensäure. 

Spiritus tartari; Liquor pyro-tartaricus nannte 
man früher die durch trockene Destillation von Weinstein erhaltene braun- 
geiarbte .brenzliche Flüssigkeit, welche neben Brenzölen Brenzwein- 
saure, Essigsäure, nach Göbel auch Ameisensäure enthält. 

Spiritus veneris s. Spiritus aeruginis. 

Spiritus vini (Spiritus, Weingeist; Esprit de »in, Spirü). 
— Das durch Destillation gewonnene Gemisch aus Alkohol und Was- 
ser, dessen Alkoholgehalt grösser ist als der des Branntweins, also 
50 Yolumprocente übersteigt. Wenn nicht eine besondere Reinigung 
stattgefunden hat, enthält der Spiritus neben Alkohol und Wasser 
stets Fuselöl oder Weinöl, was keineswegs ohne Einfluss ist auf den 
Handelswerth der Waare, aber doch nicht wenigstens nicht immer von 
so erheblichem Einflüsse wie bei dem zum Getränke bestimmten Brannt- 
wein. Deshalb dienen zur Spiritusfabrikation auch Materialien, wel- 
che keinen werthvollen Branntwein liefern, wenn nur der Alkohol aus 
denselben billig zu stehen kommt (s. Spiritusfabrikation), und des- 
halb verbindet man mit der Angabe über die Abstammung des Spi- 
ritus, ans welcher die Natur des Weinöls oder Fuselöls erkannt wird — 
Kartoffelspiritus, Bübenspiritus, Weinspiritus — die Angabe des Al- 
koholgehalts, der Stärke, in Graden des landesüblichen Alkoholometers 
oder in anderer landesüblicher Weise — 80-, 90procentiger Spiritus 
o. s. w. (s. Alkoholometrie), 

Früher erhielt man in den Brennereien zuerst Branntwein, oder ein 
noch schwächeres Destillat, den Lutter (S. 111). Durch wiederholte Recti- 
fication ward daraus Branntwein dargestellt, und aus diesem rectificir- 
ter Spiritus von ungefähr 65 bis 75 YoL-Proc, Alkoholgehalt {Spiritus 

Digitized by VjOOQIC 



104 Spiritus vitrioli. — Spiritusfabrikation. 

Vini rectificatu8\ der darch öftere Hectiiication in höchst rectificirten 
Spiritus {Spiritus Vini rectifieatissimua) von 80 bis 90 VoL-Proc. ver. 
wandelt wird. Da jetzt ein völlig fuselfreier Spiritus von 90 bis 94 Proo. 
fabrikmässig in den sogenannten Spritfabriken für den Handel dar- 
gestellt wird, so ist es zeitgemäss, den Apothekern die Darstellung 
eines entfuselten Spiritus Vini rectiflcatiasmus zu erlassen. Der Sprit 
des Handels, eventuell bis zu 90 Proc. verdünnt, ist Spintua Fmt 
rectificatiasimuB^ so rein wie er von dem Apotheker nicht erhalten 
wird; den Spiritus Vini reetificatus mischt der Apotheker aus Sprit und 
Wasser. 

Unter dem Namen Spiritus Vini alcohoUsatus geht in den Pharma- 
kopoen und Apotheken reiner Spiritus von ungefähr 96 Proc. Al- 
koholgehalt. Derselbe wird durch Destillation von Spiritus Vini reeU- 
fioaüssimtis über entwässernde Substanzen , Chlorcalcium u. a. darge- 
stellt 

Der Spiritus erleidet die ausgedehnteste und mannigfachste Ver- 
wendung. Er dient als Brennmaterial in den Spirituslampen, zur Be- 
reitung von Liqueuren, zum Versetzen Verschneiden der Weine, zu 
Parfümerien (z. B. Eau de Cologne) zu Lacken, zur Tischlerpolitur, 
zur Fabrikation von Essig, zur Anfertigung zahlreicher chemischer 
und pharmaceutischer Präparate (Aether, Tincturen), und ist ein wich- 
tiges Auflösungsmittel bei chemischen Arbeiten. Ist das Vorkommen 
von widrig riechendem Fuselöl bei der Verwendung unstatthaft, so 
mnss entfuselter Spiritus, oder Spiritus, welcher ein angenehm riechen- 
des Fuselöl (Weinöl, Aroma) enthält, genommen werden, so zum Ve^ 
schneiden der Weine, zu feinen Liqueuren, zu Parfümerien, zu Tinctu- 
ren u. s. w. Für manche Verwendungen muss er sehr stark, hoch- 
gradig, alkoholreich sein, so für die Bereitung von Lacken^ Politur, 
Parfümerien, Aether, auch zur Benutzung in den Spirituslampen. 0. 

Spiritus vitrioli ist verdünnte Schwefelsäure, Acidum siA- 
phuricum dilutum. 

Spiritus vitrioli coagulabulis, altes Syn. für schwefel- 
saures Eali. 

Spiritusfabrikation , Branntweinbrennen i)- Brannt- 
wein und Spiritus sind Destillate aus gegohrenen Flüssigkeiten, Gre- 
mische aus Alkohol Wasser und geringen Mengen der riechenden 
Stoffe, welche neben Alkohol bei der weinigen Gährung sich bilden, 
nämlich Weinöl oder Fuselöl. 

Die Darstellung des Branntweins und Spiritus besteht in der 
Destillation einer gegohrenen Flüssigkeit, in der Erzielong eines 
mehr oder weniger alkoholreichen Destillats aus derselben. Man nennt 
diese Destillation, von älterer Zeit her, das Brennen; daher die Na- 
men Brennerei, Branntweinbrennerei, SpiritusbrennereL 

Nur im seltenen Falle gelangen indess gegohrene Flüssigkeiten f ör 
die Gewinnung von Branntwein und Spiritus fertig in die Brennereien 



Balling, die G&hrnngsohemie. — G. La Cambre, TraiU complet de U 
fabrioation des bi^res et de la distillation. — Otto, Lehrb. d. rat. Praris d. 
landw. Gewerbe. — Trommer, Lehrb. d. SpiritaBfabrikation. 



Digitized by VjOOQIC 



Spiritusfabrikation. 105 

(Wein); in der Regel werden dort selbst zuerst die gegohrenen FlQsaig- 
keiten, die „weingahren Meischen ^^, dargestellt. 

Der ganze Process der Gewinnung von Branntwein und Spiritus 
zerfällt dann in zwei Hauptabtheilungen: 

I. Die Darstellung einer weingahren Meische. 
n. Die Destillation dieser Meische. 

Es^ giebt nur eine Quelle des Alkohols, den Zucker, und nur einen 
Weg zur Erzeugung von Alkohol aus Zucker, diejenige Grahning, 
welche durch Alkoholferment veranlasst wird (s. Alkohol, Hefe, 
Gahrung). 

Der körnige Zucker (Kramelzucker, 8tärkezucker , Glucose), 
CjaHisOis, und der Fruchtzucker (Fructose), welcher dieselbe Zu- 
sammensetzung hat, können bei der Gährung gerade auf in Alkohol 
(^.04860,) und Kohlensäure (2.C2O4) zerfallen. 

Daraus berechnet sich für 100 Pfund in dieser Weise zerlegten 
Zockers 51 Pfund Alkohol. Es resultirt indess bei der Gährung diese 
berechnete Menge Alkohol nicht, weil stets etwas des Zuckers dabei 
in anderer Weise zersetzt wird, indem sich neben anderen Producten 
(Foseldl), nach Pasteur, aus einem Theil des Zuckers auch immer 
Bernsteinsäure und Glycerin neben Kohlensäure bilden. Man pflegt 
in der Praxis anzunehmen, dass für je 2 Pfund zersetzten Zuckers 
1 Pfund Alkohol in die Flüssigkeit kommt. 

Der Rohrzucker, CisHuOn, verwandelt sich, wenn man zu seiner 
Lösung Hefe giebt, unter Aufnahme der Elemente von 1 Aeq. Wasser 
(80) so leicht in Fruchtzucker, Ci^HisOd, dass seine Lösung auf Zu- 
satz von Hefe ebenfalls sehr leicht in Gährung kommt. Da aus 100 
Pfund EU>hrzucker 105,26 Pfd. Fruchtzucker entstehen, so* sollten sie 
bei der Gährung 53,8 Pfd. Alkohol liefern; der Ertrag bleibt aber auch 
hier hinter der Rechnung zurück, aus oben angegebenem Grunde. 

um den Zucker durch die weinige Gährung zu zerlegen, ist es 
nicht erforderlich, denselben in reiner wässeriger Lösung zu haben; 
zuckerhaltige Säfte, Auszüge, können durch Hefe eben so gut, meistens 
sogar noch leichter in Gährung gebracht werden, als reine Zuckerlösun- 
gen. Deshalb sind zuckerhaltige Pflanzensubstanzen häufiger als Zucker 
selbst Materialien zur Gewinnung von Branntwein und Spiritus. Was 
für eine Art von Zucker darin vorkommt, ob krystallisirbarer, körniger 
Zucker oder Fruchtzucker, ist dabei gleichgültig. 

Berücksichtigt man, dass es organische Stoffe giebt, aus denen sich 
durch Einwirkung anderer Stoffe gährungsfähiger Zucker erzeugen 
l&sst, so leuchtet ein, dass auch diese Stoffe, und alle Pflanzensubstan- 
zen welche solche Stoffe enthalten, zur Darstellung von Branntwein 
und Spiritus geeignet sind. Vor Allen gehören hierher Stärkmehl und 
Stärkmehl haltige Substanzen. Das Stärkmehl kann sowohl durch Diastas- 
lösung (Malzauszug) bei der Temperatur von 60^ bis 75 ^ C, als auch 
durch verdünnte Schwefelsäure oder Salzsäure bei Siedhitze in Stärke- 
zncker, umgewandelt werden. Nichts steht nun entgegen diese Um- 
wandlung auch in allen stärkmehlhaltigen Pflanzensubstanzen aus- 
zuführen, die erhaltene zuckerhaltige Flüssigkeit oder Masse in Gäh- 
rung zu bringen und zu destilliren. In der That sind neben den zucker- 
haltigen Substanzen die stärkmehlhaltigen Substanzen die vorzüglich- 
sten Materialien zur fabrikmässigen Gewinnung von Branntwein und 
Spiritas« 

Digitized by VjOOQIC 



106 Spiritusfabrikation. 

Auch das Inulin kann leicht in Zucker verwandelt werden; inulin- 
haltige Substanzen lassen sich deshalb auf Branntwein und Spiritus 
verarbeiten. *Der Milchzucker verwandelt sich unter gewissen Umstän- 
den ebenfalls in einen gährungsfähigen Zucker, wie der Umstand zeigt, 
dass die Tataren und Kalmücken aus der Milch der Stuten und Ka- 
meele eine gegohrene Flüssigkeit darstellen (s. Arsa). Die organi- 
schen Stoffe, aus denen durch Spaltung Zucker erhalten werden kann, 
sind für die Gewinnung von Spiritus ohne Bedeutung; ich will indes« 
nicht unterlassen, anzuführen, dass die Lupinen, welche keine Spur von 
Stärkmehl oder Inulin und auch keine beachtenswerthe Menge von 
Zucker enthalten, eine reichliche Menge von Branntwein geben sol- 
len, dass sich also in denselben ein Stoff finden muss, welcher bei der 
Einwirkung von Diastas Zucker liefert. 

Fasst man ins Auge, wie verbreitet Zucker und St&rkmehl im 
Pflanzenreich vorkommen, so ergiebt sich daraus schon, dass die Zahl 
der Substanzen, welche auf Spiritus verarbeitet werden können, sehr 
gross ist. 

Der Zucker findet sich in den zuckerhaltigen Pflanzen immer im 
Pflanzensafte aufgelöst, und manche Pfianzensäfte sind bekanntlich so 
reich an krystallisirbarem Zucker, dass dieser in grossartigero Maass- 
stabe daraus dargestellt wird, so der Saft des Zuckerrohrs, des Zucke^ 
ahorns, mancher Palmen, der Zuckerrüben. Auch in dem Safte der 
grünen Maisstengel und des Sorghum (Zuckerhirse) ist eine erhebliche 
Menge von Zucker enthalten. Fruchtzucker und körniger Zucker sind 
es, welche den Geschmack der süssen und säuerlich süssen Früchte be- 
dingen, so der Aepfel, Birnen, Kirschen, Zwetschen, Pflaumen, Heidel- 
beeren, Himbeeren, Brombeeren, Vogelbeeren, der Trauben, Feigen, 
des Johannisbrot, der Cactusfrüchte u. s. w. Alle die aufgezählten zucke- 
rigen Pflanzensäfte lassen sich auf Spiritus verarbeiten. 

Das Stärkmehl kommt stets in Körnern in den Zellen der stärk- 
mehlhaltigen Pflanzentheile vor. Die sogenannten mehligen Samen, 
wie die Getreidesainen, der Reis, der Mais, enthalten beträchtliche Men- 
gen von Stärkmehl, auch die Kastanien und die mehligen Knollen 
verächiedener Pflanzen, so namentlich die Kartoffeln. Sie lassen sich 
säromtlich zur Gewinnung von Spiritus benutzen. Hierzu kommt noch, 
dass manche Abfallsproducte von der Darstellung des Zuckers and 
Stärkmehls, von der Fabrikation des Weins u. s. w. ebenfalls Materia- 
lien für die Darstellung von Spiritus abgeben können. 

Welche Substanzen soll man wählen? Bei der Beantwortung 
dieser Frage kommt zunächst in Betracht, dass der Handelswerth des 
zum Trinken gebrauchten Branntweins keineswegs vorzüglich von dem 
Alkoholgehalte, sondern von dem durch Weinöl oder Fuselöl bedingten 
Gerüche und Geschmacke abhängig ist, während bei dem eigentlichen 
Spiritus das Weinöl oder Fuselöl einen verhältnissmässig geringen £in- 
fluss auf den Handelswerth ausüben» besonders bei dem hochgradigen 
Spiritus, welcher wegen seines niederen Siedepunktes nur wenig Weinöl 
und Fuselöl enthalten kann. Es lassen sich deshalb auf Spiritus viele 
Substanzen verarbeiten, deren Verarbeitung auf Branntwein nicht statt- 
haben kann, weil der Geruch und Geschmack des Products nicht zum 
Genüsse einladet, und wiederum können viele Substanzen ndt Yortheil 
zur Gewinnung von Branntwein dienen, deren Verwendung zur Spiritus- 

Digitized by VjOOQIC 



Spiritusfabrikation. 107 

fabiikation, wegen der hohen Gestehungskosten des Alkohols im Pro- 
dacte» nnmdglich ist. 

Zu den Verhältnissen und Umständen, welche bei der Wahl des 
Materials für die Darstellung von Spiritus, für die Erzeugung von Alko- 
hol mitsprechen, gehören der Modus der Steuererhebung und der Werth 
der Abfallsprodncte, namentlich des Rückstandes von der Destillation. 
Am freiesten kann sich der Spiritusfabrikant da bewegen, wo keine 
Steuer von der Erzeugung des Alkohols erhoben wird, oder wo nur der 
Alkohol des Products besteuert ist. Wo man, wie im Zollverein, den 
Grikhmngsraum besteuert, mnss der Fabrikant danach trachten, aus die- 
sem möglichst viel Alkohol zu erzielen, um die Steuer auf eine mög- 
lichst grosse Menge des Fabrikats zu vertheilen. Dies kann ihn zwin- 
gen von der Verarbeitung mancher Substanzen abzusehen, welche un- 
ter anderen Verhältnissen sehr geeignete Materialien zur Spiritusfabri- 
kation abgeben würden. Im Zollverein können die Zuckerrüben als 
Material zur Erzeugung von Alkohol mit den Kartoffeln nicht riva- 
lisiren, weil es nicht möglich ist, aus denselben eine eben so zucker- 
reiche Meische darzustellen, die weingahre Meische aus den' Rüben ent- 
halt deshalb weniger Alkohol im Volumen als bei den Kartoffeln. 

Der Rückstand von der Destillation (die Schlempe, der Spühlicht, 
VhuMSse) ist bei der Verarbeitung mancher Substanzen auf Spiritus von 
grosser Bedeutung, weil er als Viehfutter benutzt werden kann und benutzt 
wird. Der Kombranntwein ist nicht in dem Verhältnisse theurer als der 
Kartoffelbranntwein, als das Stärkroehl in dem Roggen theurer ist &h in 
den Kartoffeln, weil die Kornschlempe einen höheren Futterwerth hat 
als die Kartoffelschlempe. Die geeignetste Verwerthung dieses Rück- 
standes in den Oekonomien macht die Erzeugung von Alkohol aus 
Bodenproducten in vielen Fällen zu einem ausgezeichneten landwirth- 
BchaiUichen Gewerbe; man führt in der Schlempe dem Vieh die fleisch- 
bildenden Protouistoffe zu und giebt durch den Dünger des Viehes dem 
Boden die anorganischen Bestandtheile zurück, welche die Spiritusmate- 
rialien dem Boden entnommen hatten. 

Der hohe Werth, welchen die allgemein beliebten Branntweine 
haben, rechtfertigt das Streben der Chemiker und Fabrikanten, die 
Weinöle, denen diese Branntweine ihren Werth verdanken, künst- 
lich darzustellen. Gelingt es der Chemie, die Weinöle des Cognacs, 
Arracs, Rums, mit allen ihren Eigenthümlichkeiten hinreichend billig 
künstlich zu erzeugen, so ist man begreiflich im Stande, aus diesen 
Weinölen und jedem gereinigten Spiritus, Cognac, Arrac und Rum 
zn bereiten. Die höchste Summe würde für diese Erfindung gezahlt 
werden. 

üeber das Verfahren bei der Verarbeitohg der verschiedenen Ma- 
terialien zu Spiritus und Branntwein lässt sich etwa das folgende All- 
gemeine sagen. Der ganze Process der Gewinnung von Branntwein 
and Spiritus zerfällt, wie früher erwähnt, in zwei Hauptabtheilungen, 
nämlich in die Darstellung einer weingahrea Meische und in die De- 
stillation dieser Flüssigkeit. Die weingahre Meische wird erhalten: 

1) aas zuckerhaltigen Substanzen oder 

2) aus stärkmehlhaltigen Substanzen. 

Wie einleuchtet, muss die Verarbeitung von schon zuckerhaltigen 
Substanzen auf eine weingahre Meische insofern einfacher sein, als die 
Zackerbildung wegfällt* Betrachten wir deshalb mvörderat die Verar- 

Digitized by VjOOQIC 



108 Spiritusfabrikation. 

beitung der zuckerhaltigen Substanzen. Es ist aus denselben zunächst 
eine für die Gährung geeignete Flüssigkeit oder Masse darzustelleii. 
Die Verschiedenartigkeit der Substanzen nöthigt, dabei verschiedene 
Wege einzuschlagen. Während z. B. aus Zucker, Melasse, Honig, 
durch Auflösen oder Verdünnen mit Wasser, ohne Weiteres eine gah- 
mngafähige Flüssigkeit resultirt, müssen Kirschen, Zwetschen, süase 
Früchte und Beeren überhaupt, zerquetscht, auch wohl noch ausgepresst 
werden. 

Die auf die eine oder andere Weise erhaltene zuckerige Flöasig- 
keit muss nun der Gährung unterworfen werden. Zerquetschte Beeren, 
Früchte und zuckerige Säfte kommen häufig vou selbst in Gähnini^, 
weil sich auf der Oberfläche der Masse Hefenpilze finden, oder weil die 
in der Luft vorhandenen Hefenpilze sich in der Masse leicht entwickeln 
und vermehren können. Befördert oder regelt ein Zusatz von H«fe 
die Gährung, so wendet man Hefe an. Man hat dann die Wahl zwi* 
sehen Bierhefe, Presshefe oder sogenannten Kunsthefen, Schrothefen (9. 
unten). Auch dadurch, dass man einen Theil der gährenden zuckeri- 
gen Flüssigkeit selbst zu der in Gährung zu bringenden Flüssigkeit 
giebt, lässt sich die Gährung fortpflanzen. 

Selbstverständlich muss bei der Gährung dahin gewirkt werden, 
dass ein möglichst vollständiges Zerfallen des vorhandenen Zuckers in 
Alkohol und Kohlensäure stattfindet, weil davon begreiflich, unter sonst 
gleichen Umständen, die grösste Ausbeute an Alkohol abhängig ist 
Die Gährung muss deshalb eine lebhafte sein, wie sie sich zeigt, wenn 
sie nicht bei zu niederer Temperatur verläuft, wenn die eventuell an- 
gewandte Hefe kräftig war, und in nicht zu geringer Menge zugegeben 
wurde. Dünnflüssige klare Flüssigkeiten gähren im Allgemeinen nichtao 
leicht und schnell, weil die Hefenzellen darin zu Boden sinken. Der Zn- 
satz von Mitteln, welche die Gährung fördern, wie Schwefelsäure oder 
Schlempe ist unter Umständen rathsam, ja bisweilen nothwendig. Ffir 
rasche Gährung muss besonders dann Sorge getragen werden, wenn 
die Steuerbehörde der Gährung eine bestimmte nur kurze Zeit gestat- 
tet. In Belgien z. B. verlangt die Steuerbehörde, dass die Gähmng 
innerhalb 24 Stunden beendet sei, man trifft deshalb dort ausserordent- 
lich stürmische Gährungen an, die wegen der sehr bedeutenden Tem- 
peraturerhöhung, die dabei stattfindet, einen Verlust an Alkohol dorch 
Verdunsten so wie durch Verwandlung eines Theils Alkohol in Essig- 
säure herbeiführt 

Ueber den Verlauf der Gährung giebt am sichersten die Vermin- 
derung des specifischen Gewichts der Flüssigkeit, die Attenuation, Aos- 
kunft. Vor dem Eintreten der Gährung ist deshalb, wenn es irgend 
ausführbar, die Angabe des Saccharometers in der Flüssigkeit genau zn 
ermitteln. Das Ende der Gährung erkennt man an dem Aufhören der 
Attenuation. Mit Hülfe der Alkoholfactoren Ba Hing's lässt sich dann 
aus dem Betrage der Attenuation die Menge des bei der Gährung ent- 
stehenden Alkohols ermitteln (s. Bier, Untersuchung desselben^ 
Bd. II, 1, S. 1081). 

Was nun die Verarbeitung der stärkroehlhaltigen Substanzen be- 
trifil, so muss aus denselben eine für die Gährung geeignete Masse 
durch Verwandlung des Stärkmehls in Zucker dargestellt werden. 
Am häufigsten bewerkstelligt man diese Verwandlung mittelst Malz 
(Diastas) durch den sogenannten Meischprocess« Das Malz ist 



Digitized by VjOOQIC 



Spiritusfabrikation. 109 

Oer^tenmalz, dessen Keime man meistens etwas länger hat werden las* 
sen al» für das Bierbraaen. Man wendet es gewöhnlich an wie es von 
der Keimtenne kommt (Grünmalz), und zerquetscht es zwischen Wal* 
len; es hat dann die znckerbildende Kraft im höchsten Grade. Auch 
das getrocknete Malz wird am zweckmässigsten durch Walzen ge- 
ichroten (s. Bier, Brauen desselben). Darren des Malzes ist über- 
flüssig, ja schädlich, weil es die Wirksamkeit des Malzes schwächt und 
weil durch Darrmalz Rostaroma in das alkoholische Destillat kommt, 
das schwierig zu beseitigen ist. 

Die Vorbereitung der starkroehlhaltigen Substanzen für den Zucker- 
bildungsprocess ist nach der Natur und Beschaffenheit der Substanzen 
verschieden, sie besteht im Allgemeinen in zweckmässiger Zerkleinerung. 
Man verwandelt das Getreide in feines Schrot, mischt dasselbe dem ge- 
sekrotenen Malz hinzu, das man einige Zeit vorher in einem Bottiche 
mit Wasser angerührt hat, erwärmt nun die Masse, durch Zugeben von 
siedendem Wasser oder durch Einleiten von Wasserdampf, auf die Tem- 
perator von 600 \y{^ 750 c.y und meischt tüchtig durch. Man lässt 
dann die Meische etwa zwei Stunden lang stehen, damit die Umwand- 
long des Stärkmehls in Zucker möglichst vollständig erfolge, kühlt sie 
hierauf ab, verdünnt sie, soviel wie nöthig, durch Wasser und bringt 
sie in Grähmng. Der Verlauf der Zuckerbildung kann mit Hülfe von 
Jodlösung verfolgt werden. Kartoffeln werden in Dampf gekocht, zwi- 
schen Walzen zerdrückt und in dem Meischbottiche mit dem Malze bei 
der Zuckerbildungstemperatur zusammengebracht. 

Die Umwandlung des Stärkmehls in Zucker durch Säuren (Schwe- 
felsänre oder Salzsäure) ist nur selten statthaft, und nur wo es keinen 
Vortheil bringt, die Schlempe als Viehfutter zu benutzen. 

Wasser, welchem man die Säure zugemischt hat, wird in einem 
hölzernen , mehr hohen als weitem Bottiche (dem Kochfasse) durch ein- 
geleiteten Wasserdampf zum Sieden erhitzt, und die zerkleinerte stärk- 
mehlhaltige Substanz, wenn sie trocken ist mit etwas Wasser ange- 
röhrt, nach und nach eingetragen. Das Sieden wird dann so lange 
fortgesetzt, als es zur möglichst vollständigen Umwandlung des Stärk- 
mehls in Zucker erforderlich ist, bis 10 Stunden. Jodlösung dient auch 
hier znr Beurtheilung des Processes. Die resultirende saure zuckerhal- 
tige Flüssigkeit wird noch heiss mit kohlensaurem Kalk neutralisirt 
oder fast neutralisirt, dann abgekühlt. Der bei dem Neutralisiren 
entstehende Gyps bleibt, wie man erkennt, in der Flüssigkeit ; densel- 
ben durch Absetzen, Filtriren oder Schleudern von der FHissigkeit zu 
trennen, macht die Arbeit lästig und umständlich. 

Für die Gährung der süssen Meischen aus stärkmehlhaltigen Sub- 
stanzen gilt Alles, was oben für die Gährung der süssen Massen aus 
zuckerhaltigen Substanzen gesagt worden ist, die Gährung muss abe 
Immer durch Hefe eingeleitet werden. Von der gährenden Meische 
mancher an Proteinstoffen reichen stärkmehlhaltigen Substanzen, wie 
des Boggens, lässt sich die entstehende Hefe leicht sammeln und ab 
Nebeoproduct gewinnen (Bereitung der Presshefe). 

Der Alkoholgehalt der gegohrenen Meischen der Brennereien ist 
abhängig von dem Zuckergehalt der süssen Meischen. £r beträgt mei- 
stens nur 5 bis 8 Proc, bleibt in vielen Fällen noch weit hinter diesen 
Zahlen zurück, übersteigt dieselben nur in wenigen Fällen. Gestattet 
aaoh die Natur der verarbeiteten Substanzen eine sehr zackerreiche 



Digitized by VjOOQIC 



1 10 Spiritusfabrikation. 

Flüssigkeit daraus darzustellen (Bobzocker, Melasse, Honig), der 6äh- 
rungsprocess verlangt bekanntlich eine erhebliche Verdfinnung der 
zuckerhaltigen Flüssigkeiten, nnd eine um so bedeutendere, je rascher 
er verlaufen soll. Die zuckerhaltigen und stärkmehlhaltigen Pflanzen* 
Stoffe (Früchte, Buben, Getreide, Kartoffeln) lassen aber die Darstellung 
einer sehr zuckerreichen Meische gar nicht zu, theils weil der Zacker« 
gehalt der Säfte nie ein sehr bedeutender ist, theils weil bei der Verarbei- 
tung der Stoffe viel Wasser angewandt werden muss, um den für die G&h- 
rung erforderlichen Grad von Dünnflüssigkeit der Meische zu erreichen. 
Der Saft der Zuckerrüben z.B. enthält etwa 12Proc« Zucker; er kann 
also im günstigsten Fall nur eine weingahre Flüssigkeit liefern, welche 
etwas Über 7 Yol.-Proc. Alkohol enthält. Eine Concentrirung des Saftes 
durch Eindampfen ist der Kosten wegen und auch aus anderen Grün- 
den nicht statthaft, es muss vielmehr, um möglichst viel Saft aas den 
Buben zu gewinnen, noch Wasser als Zusatz in Anwendung kommen. 
Das Gemisch aus Boggen- und Gerstenmalz, welches in den Brenne- 
reien auf Branntwein verarbeitet wird, enthält ungefähr 50 Proc. Stirk- 
mehl, also 50 Proc. alkohol gebender Substanz. Der Meischprocess, 
welchem das Gemenge unterworfen werden muss, verlangt die Vermi- 
schung mit so viel Wasser, dass eine breiige Masse entsteht, diese ist 
aber für die Grährung noch viel zu dick, sie muss mit Wasser ver- 
dünnt werden; die süsse Meische zeigt deshalb nur etwa höchstens 
13 Proc. am Saccharometer. 

Fassen wir nun die zweite Hauptabtheilung unseres Processes ins 
Auge, die Destillation der weingahren Meischen. Die Bestandtheile der 
gegohrenen Meischen zerfallen für unseren Zweck in zwei Gruppen, in 
flüchtige und nicht flüchtige. Die flüchtigen sind: Alkohol, Wasser, 
Essigsäure und Fuselöl oder Weinöl; die nicht flüchtigen sind nach der 
Natur der verarbeiteten Substanzen sehr verschieden, bestehen aus 
Trebern, Hefe, Meischextract, Salzen u. s. w. Von den flüchtigen ist 
selbstverständlich das Wasser in grösster Menge vorhanden ; die Menge 
des Alkohols beträgt, wie vorhin angedeutet, in der Begel unter 8 Proc. ; 
Essigsäure und Fuselöl kommen in verhältnissmässig nur sehr geringer 
Menge vor. Wird nun eine weingahre Flüssigkeit in einem einfachen 
aus Blase und Kühlapparat bestehenden Destillirapparate erhitzt, so ver- 
dampfen Alkohol, Wasser, Essigsäure und Fuselöl. Das Destillat ent» 
hält aber begreiflich die genannten flüchtigen Bestandtheile nicht in dem 
Verhältnisse, in welchem sie in der gegohrenen Flüssigkeit vorkom- 
men, weil sie nicht gleich flüchtig sind. Man berücksichtige, dass der 
Siedepunkt des Alkohols bei 79oC., der Siedepunkt des Wassers bei 
100^ C., der Siedepunkt der Essigsäure und des Fuselöls noch höher 
liegen. Eine gegohrene Meische, welche z. B. 7 Vol. -Proc. Alkohol 
enthält, giebt beim Beginn der Destillation keineswegs ein Destillat von 
7 Proc, sondern von wohl 50 Proc. Alkoholgehalt. Dadurch ändert 
sich natürlich das Verhältniss des Alkohols zum Wasser in der Mebche 
bei der Destillation, die Meische wird alkoholärmer und dies hat be- 
greiflich eine Verminderung des Alkoholgehalts des späteren Destillats 
zur Folge. 

Ist z. B. der Alkoholgehalt der Meische auf 5 Procent herab- 
gekommen, so ist der Alkoholgehalt der daraus entweichenden Dämpfe 
nur etwa 40 Proc, ist der Alkoholgehalt der Meische auf 2 Proc. gesun- 
ken, so beträgt der Alkoholgehalt der Dämpfe nur etwa 26 Proc; ist 

Digitized by VjOOQIC 



Spiritusfabrikation. 111 

der Alkoholgehalt der MeUche auf 1 Proc. erniedrigt, so enthalten die 
Dämpfe nur etwa 13 Proc. Alkohol. Es destillirt also verhältniss- 
mässig immer mehr Wasser mit dem Alkohol, je kleiner der Alkohol- 
gehalt der Meische wird. Der Siedepunkt der Meische, anfangs wegen 
des Alkoholgehalts um mehrere Grade niedriger als der des Wassers, 
erhöht sich mehr und mehr und selbst etwas über den des Wassers, 
wenn die Menge der eztractiven Stoffe des Rückstandes in der Blase 
beträchtlich ist. Begreiflich gilt Alles, was eben für die Verflüchti- 
gung des Alkohols und Wassers bei der Destillation gesagt ist, auch 
für die Essigsäure uitd das Fuselöl; das Destillat enthält von diesen 
beim Beginn der Destillation am wenigsten, und wird im Verlaufe der 
Destillation, in dem Maasse als der Siedepunkt steigt, verhältniss- 
mäs«ig immer reicher daran. 

Nach dem Gesagten wird bei der Destillation der Meische end- 
lich ein Zeitpunkt eintreten, wo aller Alkohol abdestillirt ist, ohne 
dass zugleich alles Wasser abdestillirt ist. In der That, wenn man aus 
einer Meische von oben angenommenem Alkoholgehalte (7 Proc.) etwa 
i/a ihres Gewichts abdestillirt hat, ist aller Alkohol abdestillirt. Handelt 
es sich nun, wie in unserem Falle, nur um die Gewinnung des Alkohols, 
so wird natürlich dann die Destillation unterbrochen, und da der ganze 
Alkoholgehalt der Meische sich in dem Destillate befindet, so ist dessen 
Alkoholgehalt etwa 21 Procent. 

Unterwirft man nun ein solches Destillat abermals der Destillation, 
so destillirt es wieder nicht unverändert über, sondern die Dämpfe, wel- 
che daraus entweichen, sind stets alkoholreicher als die Flüssigkeit in 
der Blase, und es kommt endlich wieder ein Zeitpunkt, wo aller Alko- 
hol verflüchtigt ist, sich in der Blase kein Alkohol mehr befindet. De- 
stillirt man z. B. von dem 21procentigen Destillate die Hälfte ab, so 
ist aller Alkohol überdestillirt, der Rückstand enthält nur Wasser und 
den grosseren Rest der Essigsäure und des Fuselöls. 

Durch wiederholte Destillationen, welche man Rectificationen nennt, 
lassen sich, so wie man sieht, aus Destillaten von geringerem Al- 
koholgehalte Destillate von grösserem Alkoholgehalte darstellen, und 
begreiflich kann bei dieser Destillation das Destillat in verschiedenen 
Perioden gesondert gesammelt werden, so dass man bei einer Destilla- 
tion stärkere und schwächere Destillate gewinnt, die ersteren vom An- 
fange der Destillation, die letzteren vom weiteren Verlaufe derselben. 

Die alkoholärmeren, aus der Meische gezogenen Destillate pflegt 
man Lutter zu nennen, die stärkeren, durch Rectification aus diesem be- 
reiteten Destillate von etwa 50 Proc. Alkoholgehalt sind der Branntw^, 
noch stärkere heissen Spiritus (s. Branntwein und Spiritus Vini). 

Die Destillirapparate (Brennapparate), welche in den Brennereien 
zur Destillation der weingahren Flüssigkeit oder Meischen benutzt wer- 
den, sind ausserordentlich verschiedener Art« 

Das zu verarbeitende Material, von dessen Natur die Beschaffen- 
heit der Meische abhängt, influirt bei der Wahl des Apparats nur in- 
sofern, als manche Apparate einen gewissen Grad von Dünnflüssigkeit 
der Meische verlangen, deshalb nicht anwendbar sind für die Destilla- 
tion dickflüssiger Meischen. 

Der Alkoholgehalt, welchen das Destillat haben soll, spricht bei 
der Wahl des Apparats entschieden mit. Der einfachste nur aus Blase 
und Kühlvorrichtung bestehende Apparat, giebt hauptsächlich Lutter; 

Digitized by VjOOQIC 



112 SpiritusfabrikatioD. ' 

complicirtere Apparate, in denen neben der Destillation zugleich Becti- 
fication stattfindet, liefern Branntwein; noch complicirtere Apparate, 
worin ausser durch Rectification , noch auf andere, später zu erläo- 
ternde Weise auf Verstärkung des Destillats hingewirkt wird, geben 
unmittelbar Spiritus. 

Eine wesentliche Verschiedenheit wird bei allen Apparaten durch 
die Art und Weise der Erhitzung der Heische in der Blase bedingt, 
ob durch freies Feuer oder durch Dampf. 

Verschiedenheit der Gestalt und Einrichtung der einzelnen Theile 
der Apparate führen endlich zu einer grossen Mannigfaltigkeit, mehr 
oder weniger wesentlich von einander abweichenden Apparate, wie 
später gezeigt wird. 

Auf den Ertrag an Alkohol übt die Verschiedenheit der DestiUir- 
apparate einen wesentlichen Einfluss nicht aus. Auf den vom Weböle 
oder Fuselöle bedingten specifischen Geruch und Geschmack des De- 
stillats hat der Apparat nur insofern Einfluss, als er ein alkoholärme- 
res oder alkoholreicheres Destillat giebt und danach die Menge des 
in das Destillat eingehenden Weinöls und Fuselöls grösser oder ge- 
ringer ist 

Bei der folgenden Beschreibung des speciellen Verfahrens zur Ver- 
arbeitung der verschiedenen Substanzen auf Spiritus, sollen als Ge- 
wichtseinheiten das Kilogramm (Kil.) und das Pfund = Ys ^i^« dienen; 
als Maasseinheiten das Liter und das Preuss. Quart = 1,145 Liter 
(100 Liter = 87,3 Quart). Der Alkoholgehalt soll in Volumprocen- 
ten nach Tralles oder Gay-Lussac oder auf die Weise angegeben 
werden , wie man ihn jetzt sehr gewöhnlich angiebt, in Literprocenten 
oder Quartprocenten. Man setzt nämlich die Maasseinheit reinen Alko- 
hol gleich 100 Volumprocent Alkohol. 1 Liter absoluter Alkohol ist 
100 Literprocente ; 1 Quart Alkohol 100 Quartprocente. Durch Molü- 
plication der Anzahl der Liter oder Quart eines Spiritus oder Brannt- 
weins mit den Volumprocenten, welche derselbe zeigt, erhält man also 
die Menge solcher Literprocente oder Quartprocente. 100 Liter Spiri- 
tus von 80 Proc. sind hiemach 100.80 = 8000 Literprocente Alko- 
hol, das heisst in 100 Liter 80procentigen Spiritus sind 80 Liter Al- 
kohol enthalten. 8000 Quart Meische von 7 Proc. enthalten 21000 
Quartprocente Alkohol (210 Quart Alkohol); es können daraus durch 

Destillation also = 262,5 Quart Spiritus von 80 Proc. erhal- 

oO 

ten werden. Der Ausdruck, man erhalte vom Quart Gährraum 7,5 Proc: 
Alkohol, bedeutet, dass 10 Quart Gährraum (Meische) 1 Quart Spiri- 
tus von 75 Proc. liefern u. s. w. Ein Pfund Alkohol entspricht 63 
Literprocenten, 55 Quartprocenten Alkohol. 

I. Darstellung der gegohrenen Flüssigkeit, der weingahren 

Meische. 

1. Aus Zucker und suckerhaltigen Substanaen. 

Aus Rohzucker, Melasse u. s. w. — Nichts ist einfacher als 
die Darstellung einer weingahren Flüssigkeit aus Rohzucker. Der 
Rohzucker wird in heissem Wasser gelöst, die Lösung auf 12 bis 18 Proc 
des Saccharometers (6,5 bis 10^ Baum 6) verdünnt und durch Ferment 



Digitized by VjOOQI^ 



Spiritusfabrikation. 113 

iD Ofthrong gebracht Die Gährnng dieser neutralen Flüssigkeit yer- 
iäuft indeas immer sehr langsam; ein Zusatz von Schwefelsäure oder des 
sauren Böckstandes der Destillation (Schlempe) wirkt ausserordentlich 
fördernd. Man wendet Vs his 1 Proc. vom Gewicht des Zuckers an 
Schwefelsaure an, mischt dieselbe verdünnt dem gelösten Zucker hinsu, 
verdünnt so weit es erforderlich mit kaltem Wasser und setzt schliess- 
lich das Ferment zu (stellt an). Von der Schlempe nimmt man Y^ bis 
^3 der Capacitat des (^ährbottichS) oft zugleich mit einer kleinen Menge 
von Schwefelsäure. Als Ferment dienen Bierhefe (Oberhefe), Presshefe 
oder Schrothefe (Kunsthefe). Die letztere, effien so wie ein Zusatz von 
SchrotmeiBche (aus feinem Boggenschrot und Gerstenmalzschrot), be- 
schleunigt die Gährung, weil dadurch hefegebende Substanzen (Protein- 
stoffe) in die Flüssigkeit kommen, und weil dadurch die Flüssigkeit 
dickflüssiger wird, das Niederfallen der Hefe deshalb nicht so leicht 
stattfindet Die Concentration der Zuckerlosung, die Menge der Hefe, 
die Temperatur beim Anstellen sind davon abhängig, wie lange die 
Gährung dauern soll oder darf, und wie kräftig die Hefe ist. Je ver- 
dünnter die L&sung ist, je kräftiger die Hefe, und je mehr davon ange- 
wandt wird 9 desto rascher verläuft die Gährung. 

Das unkrystallisirbare Abfallsproduct von der (xewinnung des 
Zuckers ans dem Zuckerrohre die indische Melasse, enthält, neben 
Rohrzucker, veränderten namentlich auch caramelisirten Zucker, eine 
geringe Menge von Salzen und anderen löslichen Stoffen des Zucker- 
Tohnaftes. Es wird im Allgemeinen ganz wie der Bohrzucker verar- 
btttsL Man löst die Melasse in klarer warmer Schlempe oder in war- 
mem Wasser, unter Zusatz von Schwefelsäure bis zur entschieden sau- 
ren fieaction, verdünnt und setzt das Ferment zu. 

Die Bübenzuckerme lasse enthält etwa 40 Proc. an gäh- 
rongsHUiigem Zucker (krystallisirbaren und veränderten). Das Verfah- 
ren zur Verarbeitung ist im Wesentlichen gleich dem Verfahren zur 
Verarbeitung der indischen Melasse. Wegen der oft erheblichen al- 
kalischen Beaction ist ein reichlicher Zusatz von Schwefelsäure oder 
Schlempe, oder beider, erforderlich. Lackmuspapier belehrt über das 
Minimum des Zusatzes. Durchschnittlich werden 1 bis \^l% Proc. 
Schwefelsäure angewandt. Der Grad der Verdünnung, die Menge und 
Art des Ferments, die Temperatur beim Anstellen sind durch die 
Steuerverhältnisse bedingt. Bei uns bringt man in 1000 Liter Gähr- 
raum ungefähr 52& Pfund Melasse (auf 100 Pfund Melasse ungefähr 
BOG Pfand Wasser). Das Anstellen geschieht meist mit Schrothefe, 
und nimmt man 4 bis 5 Proc. der Melasse an Schrot zur Hefe. Bei dem 
Ansäaren der Melasse mit Schwefelsäure entwickeln sich höchst übel- 
riechende flüchtige Säuren, die vorzugsweise den widrigen Geruch des 
Destillats veranlassen. Entfernt man diese Säuren durch Kochen der 
mit Wasser und mit Säure gemischten Melasse, so wird daher ein weit 
reineres Product erhalten. 

Wegen des bedeutenden Gehalts der Bübenmelasse an Salzen ist 
die bei der Destillation bleibende Schlempe reich an Salzen, so dass 
man sie unter Umständen zur Gewinnung von Pottasche, Chlorkalium 
n. s. w. benutzt. Als Viehfutter darf die Schlempe wegen des Salz- 
gehalts nur mit grosser Vorsicht verwandt werden, aber sie giebt ein 
sehr gutes Düngungsmittel ab. 

Es wird nur selten möglich sein, käuflichen Stärkezucker und 

UMdwteterboch der Cb«mle. Bd. VIU ^ f ^ I 

Digitized by VjOOQIC 



114 Spiritusfabrikation. 

Stärkesyrnp mit Vortheil auf Alkohol zu verarbeiten. Das Verfahren 
ist wie bei Rohzucker und Melasse. Die Lösung verg&hrt indess unyoU- 
ständig, selbst wenn man Schlempe, Säure und Schrotmeisehe anwen- 
det und der Ertrag bleibt hinter der Rechnung bedeutend zurück, weil 
die käufliche Waare nicht aus gährungsfähigem Zucker allein bestebt 
Als Zusatz bei der Verarbeitung von Beeren und Früchten wirdStirke- 
Zucker nicht selten angewandt (siehe unten). 

Unverdorbener Honig wird wegen des Preises nur in besonderen 
Fällen in die Brennereien kommen. Säuerlich gewordener havarirter 
Honig lässt sich noch recht wohl zur Gewinnung von Alkohol benutcen. 
Das Verfahren ist im Wesentlichen wie bei Zucker, aber die Ldstmg 
vergährt unter gewöhnlichen Umständen ausserordentlich langsam; 
man muss Säure und Schrotmeische anwenden, viel Hefe nehmen and 
bei hoher Temperatur anstellen. 

Aus Zuckerrüben. — Die Zuckerrüben liefern, wie die Ear- 
toflPeln» einen ausserordentlich hohen Ertrag an Alkohol von der Boden- 
fläche« und geben bei der Verarbeitung auf Spiritus ein werthvolles 
Futtermaterial« 

Die Rüben enthalten etwa 96 Proc. Saft, also nur 4 Proc. unlö^ 
liehe Substanz, Mark. Der Saft ist eine Lösung von Zucker, Protein- 
«toffen, eztractiven Stoffen und Salzen. Die Menge des Zuckers wech- 
selt s^ir bedeutend, nach Lage, Beschaffenheit, Düngung des Bodens, 
auf welchem die Rüben erbaut wurden , nach der Witterung des Jah- . 
res und Ait der Rüben. Im Allgemeinen sind die Rüben um so zucker- 
reicher je grösser das specifische Gewicht ihres Saftes ist Rüben, de- 
ren Saft am Saccharometer 15 Proc zeigt, lassen sich als gute Zucke^ 
rüben betrachten. 

Wird der Zuckergehalt der Rüben durchschnittlich zu 11 bis 12 
Proc. angenommen (des Saftes zu 11,4 Proc.)) so berechnet sich die 
theoretische Ausbeute an Alkohol von 100 PAmd zu ungefähr SOG bis 
380 Quartprocenten. 

Kein alkoholgebendes Material hat man auf so mannigfach Te^ 
achiedene Weise zu verarbeiten versucht und verarbeitet, wie die Zucker- 
rüben; es sollen sieben der wichtigsten Methoden angeführt werden. 

1. Die Rüben werden gekocht» zerrieben, mit Wasser verdünnt 
und angestellt. — Ais sich zur Zeit der Theuerung der Kartoffeln die 
Kartoffelspiritusbrennereien den Zuckerrüben zuwandten, kochte man 
die Rüben in dem Kartoffeldampffasse, zerquetschte sie zwischen den 
Kartoffelquetschwalzen, verdünnte die Masse, kühlte sie und stellte sie 
an. Das Verfahren hat sich in Ländern, wo die Steuerverhältnisse nicht 
störend eingreifen, in kleineren Brennereien erhalten, seiner Einfach- 
heit wegen und weil die dabei fallende Schlempe ein treffliches Futter 
abgiebt Wo die Steuer vom Gährraume erhoben wird, ist das Ver- 
falu'en nicht anwendbar. Die durch Zerquetschen der gekochten Rü- 
ben erhaltene Masse bedarf nämlich eine bedeutende Menge Wassers, 
um die für die Gährung nothwendige Dünnflüssigkeit zu erhalten; man 
bedarf für 100 Pfund Rüben nach Siemens 90 Liter Gährraum, nach 
Trommer nahe 80 Liter, so dass pro Liter Gährraum nur 2,7 bia 
3,2 Literprocente Alkohol resultiren, nicht einmal halb soviel wie bei 
der Verarbeitung von Kartoffeln. 

2. Die Buben werden roh zerrieben, der Brei verdünnt und 
angestellt. --* Die Rüben werden durch die Reibemaschine in zar- 

Digitized by VjOOQIC 



. Spiritusfabrikation. 115 

ten Brei verwandelt, der Brei wird so weit mit Wasser verdünnt, 
dass er hinreichend flüssig für die Gähning wird, dann stellt man an. 
Ein Zasatz von Schwefels&nre fördert die Gährnng sehr. Der Rüben- 
brei qnillt beim Zugeben von Wasser so auf, dass man eine bedeutende 
Menge Wasser nöthig hat, um ihn hinreichend zu verflüssigen. Da- 
darch wird natürlich der procentische Zuckergehalt des Rübenbreies 
etwa auf die Hälfte redncirt, und ist also der Ertrag an Alkohol vom 
Gährraom sehr gering. 

8. Die Hüben werden zerrieben, der Saft durch Fressen oder 
Sclüeudem gewonnen und angestellt. — Dieses Verfahren wird in 
einigen franzosischen Fabriken in grossartigem Maassstabe befolgt. Das 
Zerreiben geschieht durch die Reibe von Thierrj, der Saft wird durch 
hydraulische Pressen gewonnen, oder mittelst Centrifugen ausgeschleudert. 
Man arbeitet genau so, wie zur Gewinnung des Saftes für die Zucker- 
fabrikation (s. d.). Da man bei dem Zerreiben Wasser zufliessen lassen 
muss (etwa 20 Proc. der Rüben) , um den Brei so zu verflüssigen, dass er 
beim Pressen den Saft leicht abgiebt, so ist der Presssaflt verdünnter 
als der Saft der Rüben. Auch ist es nicht möglich, den Saft vollständig 
auszupressen; man erhält nur etwa 80 Proc. Saft, so dass von dem 
Zucker der Rüben ungefähr Y? üi dem Pressrückstande bleibt, der als 
Futtermaterial verwerthet wird. Auch für das Ausschleudern des Saf- 
tes ist Zufluss von Wasser auf die Reibe erforderlich, und wenn man 
den Brei in den Centrifugen mit Wasser deckt, wird der Saft noch 
mehr verdünnt. Da der gewonnene Saft kalt ist, so muss man ihn auf 
die zum gehörig raschen Verlaufe der Gährung nothwendige höhere 
Temperatur von 24<^ bis 30^ G. bringen. Ein Zusatz von Schwefelsäure 
ist durchaus erforderlich, auf 1000 Pfund Saft etwa 1^/2 Pfund Säure. 
Zum Anstellen dienen Bierhefe, Presshefe, Schrothefe, oder man pflanzt 
die Gährung auf die Weise fort, dass man den frischen Saft zu dem 
schleimigen Bodensatze fliessen lässt, welcher nach der Gährung in 
den Bottichen zurückbleibt; oder dass man den ungegohrenen Saft 
zu gährendem Safte giebt. Wie Winter zuerst beobachtete, kommt 
der mit Schwefelsäure angesäuerte Rübensaft sogar ohne Zusatz von 
Ferment in Gährung. Wenn man den Saft mit IY2 P^o Mille Schwefel- 
säure vermischt, und bei Zutritt der Luft auf etwa 25<> C. erwärmt, so 
tritt die Gährung spätestens in 12 Stunden ein und verläuft in 8 Tagen. 
Die Vergähiiing ist eine sehr vollständige; bei einem Versuche kam 
der Saft von 15 Proc. auf 0,5 Proc. Soll die Gährung schneller beendet 
sein, so muss Ferment angewandt werden; es bildet sich dann aber 
oft eine sehr bedeutende Menge von Schaum, der kaum durch Gel und 
Fett zu beseitigen ist. 

Wurde der Zuckergehalt des Saftes der Rüben durch das auf die 
Reibe fliessende Wasser auf 10 Proc. herabgebracht, so kann der Er- 
trag an Alkohol bei vollständiger Vergährung 6,7 Literprocente Al- 
kohol vom Liter Gährraum betragen, das ist fast eben so viel wie 
bei der Kartoffelmeische. Concentrirung des Saftes durch Verdampfen, 
um den Ertrag vom Gährraum zu erhöhen, ist zu kostspielig, aber 
durch Auflösen von Melasse in dem Safte lässt sich oft vortheilhaft eine 
Erhöhung des Ertrags bewerkstelligen. Wo es gestattet ist, kann Rüben- 
saft recht zweckmässig zum Verdünnen der Meische aus stärkroehlhalti- 
gen Substanzen, wie Kartoffeln und Getreide, verwandt werden. 

DiJ8z*dby Google 



116 Spiritusfabrikation. 

4. Die Buben werden serrieben, der Saft duroh AuaUucmi, 
Macerlren oder Verdrängen gewonnen. — Da sich durch Auspres- 
sen nicht aller Saft aus dem Bübenbreie erhalten lasst, so kam man 
schon früh darauf die vollständige Gewinnung des Saftes durch syste- 
matisches Auslaugen des Breies zu ermöglichen. In Frankreich diente 
dazu früher Pelleta n's Lävigator, jetzt wendet man mehr und mehr 
Schützenbach's Macerations- Apparat an (s. Zuckerfabrikation). 

Tromm er empfiehlt^ den Bübenbrei in einem Bottiche mit Seih- 
boden nach dem Yerdrängungsverfahren auszulaugen. Der erhaltene 
Saft wird mit Schwefelsäure angesäuert und bleibt 12 bis 18 Stunden 
stehen, dann giebt man ihn von dem abgelagerten Bodensatze ab. Er 
ist viel zu verdünnt, um ohne Weiteres in Gährung gebracht werden 
zu können. Trommer lässt ihn, nachdem die Säure durch Kreide 
neutralisirt worden, anstatt Wasser im Dampfkessel benutzen, um die 
Kosten der Verdampfung zu sparen. Hat er die Goncentration von 
18 Proc. erreicht, wird abgelassen, geklärt, etwas angesäuert und in 
Gährung gebracht. 

6. Die Buben werden aersohnitten, die Schnitte mit 'Waaaer 
oder Schlempe macerirt. — Um den Saft; der Büben durch Auslangen 
auszuziehen, ist es nicht nothwendig, die Büben in Brei zu verwan- 
deln; es reicht aus, dieselben in hinreichend kleine Stücken zu zer- 
schneiden, am besten in Streifen von 2 bis 3 Linien Dicke und 3 bis 
4 Linien Breite. 

Die Möglichkeit, aus den Bübenschnitten den Saft durch Macera- 
tion zu gewinnen, gründet sich darauf, dass, wenn man sie in Wasser 
bringt, sich der Saft durch die Zellenwände hindurch — in Folge von 
Endosmose und Exosmose — mit dem Wasser mischt, so dass eine 
Zuckerlösung von mittlerem Zuckergehalte entsteht, und zwar sowohl 
in den Zellen, als ausserhalb derselben. Wie im Wasser verhalten sich 
natürlich die Schnitte auch in einer Zuckerflüssigkeit, deren Zucker- 
gehalt geringer ist, als der Saft der Büben; es erfolgt eine Ausgleichung 
des Zuckergehalts. Der Vorgang lässt sich auf folgende Weise veran- 
schaulichen, wobei, der Einfachheit wegen, 100 Pfund Büben gleich 100 
Pfund Saft gesetzt werden mögen. 

Giesst man auf 100 Pfund Bü benschnitte, deren Saflb 12 Proc 
Zucker enthält, 100 Pfund Wasser und lässt man das Wasser längere 
Zeit über den Schnitten stehen, so verwandelt es sich in Zuckersaft 
von 6 Proc. Zuckergehalt und der Saft in den Schnitten wird auch 
6procentig. Zieht man 100 Pfund der 6procentigen Zuckerflüssig- 
keit ab und giesst man sie auf 100 Pfund frische Bübenschnitte , so 
entsteht nach einiger Zeit eine 9procentige Zuckerflüssigkeit, denn 

fi j 1 9 

^9. 100 Pfund der 9procentigen Zuckerflüssigkeit wieder 

auf 100 Pfund frische Schnitte gebracht, geben eine Zuckerflüssigkeit 

9-4-12 
von 10,5 Proc, nämlich — -~ = 10,5, und bei dem Aufgeben die- 

äer auf eine vierte Quantität Schnitte resultirt eine Zuckerflüssigkeit 
von 11,25 Proc. Dieser letztere Zuckergehalt kommt, wie man sieht, 
dem Zuckergehalte des Saftes der Büben schon sehr nahe, und man 
könnte ihn durch nochmaliges Aufgiessen der Flüssigkeit auf neue 
Schnitte auf 11,6 Proc. erhöhen. Von den 12 Proc. Zucker der Raben 



Digitized by VjOOQIC 



Spiritusfabrikation. 117 

sind daher durch viermalige Maceration 11,25 Proc. in den Macera- 
tionssaft geführt, also weit mehr, als dnrch Pressen erhalten wird. 

Gehen wir nun zu den ersten, mit reinem Wasser macerirten 
Bübenschnitten zurück, deren Saft 6procentig geworden ist Giebt man 
auf dieselben wiederum 100 Pfund Wasser, so wird natürlich der Zucker- 
gehalt des Saftes auf 3 Proc. reducirt. Zieht man die 3procentige 
ZockerlOsung ab und giebt man zum dritten Male 100 Pfund Wasser 
aof die Schnitte, so kommt der Zuckergehalt auf 1,5 Proc; durch eine 
▼ierte Maceration auf 0,75 Proc. u. s. w. 

Es versteht sich, dass die Maceration systematisch ausgeführt wird; 
der concentrirteste Zuckersaft kommt auf frische Bübenschnitte, der min- 
der concentrirte auf schon theilweise entzuckerte Schnitte, das Wasser auf 
die schon fast vollständig erschöpften Schnitte. Der hinreichend con- 
centrirte Saft wird zur Gährung gebracht; die erschöpften Schnitte sind 
«n gutes Futtermaterial, das sich auch in Gruben aufbewahren lässt 

Die Erfahrung hat gezeigt, dass die Maceration der Rübenschnitte. 
nur vollständig bei einer Temperatur von SO® bis 85 o C. erfolgt, dass 
wenigstens die Schnitte bei dieser Temperatur abgewelkt sein müssen, 
wenn sie an kältere Flüssigkeiten den Saft vollständig abgeben sollen. 
In der Kälte erfolgt die Maceration ganz unvollkommen, bei höherer 
Temperatur erweichen die Schnitte zu sehr, was das Auslaugen er- 
schwert. Es mu9s bemerkt werden, dass bei der heissen Maceration 
das Gewicht der Schnitte nicht unverändert bleibt (wie es oben bei der 
Erläuterung des Verfahrens angenommen wurde) ; die Schnitte schrum- 
pfen zussmmen und halten nicht so viel Saft zurück, als frische. Ein 
Zusatz von Schwefelsäure, etwa 1 pro Mille, fördert die Maceration. 

Das Macerationsverfahren kann nun in der Praxis auf verschie- 
dene Weise ausgeführt werden. Man lässt entweder die Maceratibns- 
flüssigkeit periodisch über die Rübenschnitte sich ergiessen , welche in 
Bottichen enthalten sind, die mit einander durch Röhren in Verbindung 
stehen and in denen unter einem Siebboden Dampfspiralen liegen, uro 
den Inhalt beliebig erwärmen zu können, oder man taucht die, in 
Netzen oder Siebkästen befindlichen Schnitte in die Macerationsilüssig- 
keit, lässt sie einige Zeit darin und hebt sie dann wieder heraus, oder 
aber man lässt die Macerationsüüssigkeit durch eine Reihe von Ge- 
fässen langsam hindurchfliessen , welche mit Rübenschnitten gefüllt 
sind, wo dann die Maceration continuirlich fortschreitet 

Champonnois wendet anstatt des Wassers Schlempe zur Mace- 
ration an, theils um die Kosten der Erwärmung des Wassers zu spa- 
ren, theils um die ausgelaugten Schnitte stickstoffireicher zu machen, 
theils nm die bisweilen lästige Beseitigung der Schlempe zu umgehen. 
Es wird dabei in erst angegebener Weise gearbeitet 

Siemens, welcher den Macerationssaft durch wiederholtes Ein- 
senken von Bübenschnitten in die mit Schwefelsäure angesäuerte Ma- 
oerationsflflssigkeit (Wasser oder verdünnten Saft) erzielt, schreibt vor, 
den Saft vor der Gährung zum Sieden zu erhitzen , weil es ihm nur 
gelang, in gekochtem und durch Schwefelsäure hinreichend angesäuer- 
tem Safte den regelmässigen Verlauf der Gährung zu sichern« 

6. Die Rüben werden Berschnitten, die Sohnitte mit sohwefel- 
BäurehAltigem Wasser gekooht; die Flüssigkeit wird neutralisirt, 
•bgapreast oder ausgeschleudert und angestellt. — Weil hat dies 
Verfahren empfohlen. Die Rübenschnitte werden in einen Botti(sh ein« 



Digitized by 



Google 



118 Spiritusfabrikation. 

getragen, in welchem schwefelsaurehaltiges Wasser daroh direct einge- 
leiteten Dampf zum Sieden erhitzt ist Auf 100 Pfund BQben kommen 
8 bis 12 Liter Wasser und iVt bis 2 Pfund concentrirte Säare. Sobald 
die für eine Operation bestimmte Menge von Schnitten eingetragen ist, 
▼ersohliesst man den Kochbottieh ziemlich dicht und fährt fort zu ko« 
chen, unter bisweiligem Umrühren. Nach 2 bis 8 Stunden ist der Inhalt 
des Bottichs in eine klare Meische verwandelt ; man neutralisirt dieselbe, 
mit etwa 1 Pfund geschlämmter Kreide auf jedes Pfund Schwefeliaare« 
wobei sie noch den erforderlichen Grad von saurer Reaction behält, trennt 
das Flüssige von dem Schlamme aus Gyps und Mark durch Centrifa« 
gen, Pressen oder durch Filtration, rührt den Bückstand wieder mit 
Wasser um und schleudert, presst und filtrirt ihn nochmals« 

Die erhaltene Flüssigkeit wird auf 30o bis 250C. gekühlt und 
durch Schrothefe oder, unter gleichzeitiger Anwendung von etwas 
Schrotmeische, durch Bierhefe oder Presshefe angestellt. Die Gähmng 
soll sehr regelmässig in 24 bis 86 Stunden verlaufen. 

Weil 's Verfahren beabsichtigt durch das Kochen der Buben mit 
sehwefelsäurehaltigem Wasser das Mark theilweis zu lösen, und ihm 
dadurch die Eigenschaft zu nehmen, den Saft aufzusaugen (S. 115). 
Das Verfahren ist schon wegen des gänzlichen Ausfalls an Futter un- 
zweckmässig, überdies umständlich. 

7. Die Buben werden Beraohnitten, die Bohnitfce in g&bxen- 
dem Bübanaaft gahren gelassen. — Da Bübenschnitten durch Ms* 
ceration der Zucker vollständig entzogen werden kann, lag es sehr 
nahe, Rübenschnitte im Bübensafte oder verdünnter Melasse gähren so 
lassen, um auf diese Weise einen Theil Arbeit zu ersparen und eine 
alkoholreichere Meische zu erzielen. Leplay hat dies mit Erfolg aas- 
geführt. Die Bübenschnitte, ungefähr 1 Zoll breit, Vs bis 1/4 Zoll 
dick, werden sogleich in einen Gährbottich eingetragen, worin sich 
gährender Rübensaft befindet, und gleichzeitig wird nach and nach 
Schwefelsäure zugesetzt Die Gährung tritt bald wieder ein und ist 
nach 10 bis 24 Stunden beendet Man fischt dann die Schnitte mittelst 
einer durchlöcherten Schaufel, schliesslich mit einem Netze hersna, 
lässt sie in Körben abtropfen und unterwirft sie in einem besonders 
oonstruirtenDestillirapparate der Destillation. So geht es fort, die gaose 
Campagne hindurch , die Flüssigkeit bleibt stets in den Bottichen nur 
die Schnitte werden destillirt 

Da man beim Beginn des Betriebes keine gährende Flüssigkeit 
hat, so giebt man die erforderliche Menge Wasser in einen Gährbot- 
tich, trägt^ in dies die Rübenschnitte ein unter Zusatz von Schwefel- 
säure, erwärmt, lässt mehrere Stunden maceriren und stellt dann mit 
einer reichlichen Menge Hefe an. Es resultiren so begreiflich nach 
beendeter Gährung eine schwache alkoholische Flüssigkeit und schwach 
alkoholhaltige Schnitte, welche letztere destillirt werden. In die Flüs- 
sigkeit kommen nun neue Schnitte; man wendet wieder Hefe zum An- 
stellen an « wie das erste MaL Flüssigkeit und Schnitte werden nun 
schon alkoholreicher. I^ach dem dritten oder vierten Beschicken des 
Bottichs mit Schnitten kann die Hefe wegbleiben und kommen Flüssig- 
keit und Schnitte auf den gehörigen Alkoholgehalt Von Zeit zu Zeit 
giebt man etwas Hefe zu« 

Die Erfahrung hat gezeigt, dass man am besten 1000 KU. Schnitte 
in 20 Hectoliter Saft bringt, in einem Bottiche von 36 Hectoliter Ca« 

Digitized by VjOOQIC 



Spiritusfabrikation. 1 19 

paeitftt Dunit die Schnitte antergetaucbt bleiben, wird ein durch- 
Idoherter Boden auf die gährende Masse gelegt, der ans einzelnen Thei-. 
len besteht und von Spannstöcken gehalten wird. Auf lOOOKil. Schnitte, 
kommen dorchschnittlich 4 Eil. Schwefelsäure. Die Temperator muss 
nach dem Emtragen der Schnitte in den Saft 2Öo bis 28^ C. betragen, 
und da der gährende Saft durch die kalten Schnitte stark abgekühlt 
wird, so muss ein Dampfrohr in den Bottichen vorhanden sein. Das 
Verfahren verdient überall Beachtung, wo die Steuerverhältnisse die 
Ausführung zulassen. Die Ausbeute an Alkohol ist erheblich grösser 
als nach dem Verfahren von Champonnois, da der ganee Zucker- 
gehalt der Buben in Alkohol verwandelt wird. Die abdestillirten 
Sehnitte sind ein treffliches Futter. 

Aus Trauben und den Abfällen von der Weinbereitnng» 
— Die Tranben sind in den Weinländem ein ausgezeichnetes alkohol« 
gebendes Material, und der Wein ist die vorzüglichste weingahre Mei* 
sehe. Im südlichen Frankreich bereitet man aus dem Weine die sehr 
geschätzten Weinbranntweine (Franzbranntwein, Cognac), und gewinnt 
aus Wein den Weinsprit, der wegen seiner Feinheit sehr gesucht ist 

Das Keltern der Tranben für die unmittelbare Darstellung eines 
alkoholischen Destillats ist nicht wesentlich verschieden von dem EeU 
tem der Trauben für die Darstellung von Wein. Alle Modificationen, 
welche hier vorkommen, können auch dort stattfinden. Von der befolg- 
ten Modification ist nun eben so sehr, wie von der Beschaffenheit der 
Tranben, die Beschaffenheit der Producte abhängig. 

Für die Bereitung eines sehr feinen Branntweins wird der aus 
den reifen sertretenen oder zerquetschten Beeren oder Trauben durch 
Pressen erhaltene Saft in grossen Bottichen der Gährung überlassen« 
Dorch Zugeben von etwas lauwarmem Wasser zu dem Safte lässt sich- 
die Gährung sehr beschleunigen. Die ausgegohrene Flüssigkeit wird 
dann destiUirt, in einfachen nicht stark rectiftcirenden Apparaten, weil 
der charakteristische Geruch dem Destillate' erhalten bleiben muss. 

Die Fressrückstände von der Gewinnung des Saftes, die Trestem 
(U mare)^ werden in Bottichen mit so viel Wasser Übergossen, dass sie 
neh ontertauchen lassen, dann lässt man sie gähren, indem man einige- 
mal umrührt. Man hält die Bottiche gut bedeckt, um die Luft absu- 
sehliessen, weil namentlich in den aus der Flüssigkeit hervorragenden 
Trestem rasch Essigsänrebildung eintritt. Recht zweckmässig verhin- 
dert man das Hervortreten der Trestem durch ein aufgelegtes Gitter. 
Die Gährung dauert 4 bis 6 Tage, dann destillirt man. Der erhaltene 
Branntwein (Tresterbranntwein) hat einen weniger feinen Geruch als 
der Weinbranntwein. Einige Brenner trennen nach beendeter Gäh- 
rung die Flüssigkeit von den Trestem durch Pressen und Auslaugen^ 
am ein feineres Destillat zu erhalten. 

Anstatt den Saft aus den zerquetschten Trauben auszupressen^ 
läset man auch die ganze zerquetschte Masse gähren. Nach beendeter 
Gährung wird dann entweder die ganze Masse der Destillation unterwor« 
fen oder man presst die gegohrene Flüssigkeit ab, destillirt diese, and 
die Trestem für sich. Das auf diese Weise erhaltene Destillat ist 
nicht so fein als das auf erst beschriebene Weise gewonnene, weil die 
Schalen nnd Kämme bei der Gährong ein zwar starkes aber nicht sehr 
feines Aroma liefern. 

Bei der Fabrikation der Weinbranntweine konmit der seltenere 

Digitized by VjOOQIC 



120 Spiritusfabrikation. 

Fall yor, dass die weingahre Fifissigkeit nicbt in den Brennereien be* 
reitet wird, das heisst, es wird in den Brennereien vielfitch auch aa- 
gekaafter Wein verarbeitet Soll der Wein ea Sprit destiUirt werden, 
so kommt yorzüglich der Alkoholgehalt desselben in Betracht; msn 
ermittelt diesen beim Ankaufe in der Regel durch einen Destillations- 
yersuch in kleinen 1 Liter fassenden Probeapparaten. Auch aus der 
Differenz des speciftschen Gewichts des ungekochten und gekochten 
Weins kann der Alkoholgehalt mit Leichtigkeit gefunden werden (i. 
Bier, Untersuchung Bd, II, 1, S. 1077). 

Soll der Wein auf Branntwein (Gognac u. s. w.) verarbeitet wer- 
den, so kommt ausser dem Alkoholgehalte noch das Aroma des Destil* 
lats in Betracht, dessen Beurtheilung eine feine Zunge erfordert. Ver- 
dorbene Weine können nie ein feines Destillat geben. Säure schadet 
am wenigsten und kann leicht durch etwas Ejreide neutralisirt werden; 
yollständige Abstumpfung der Säure ist aber nie rathsam, weil dadorch 
der Geruch des Destillats verschlechtert wird. 

Die von der Weinbereitang fallende Hefe (Druse) liefert bei der 
Destillation einen Branntwein, der sehr reich ist an Aroma, den soge- 
nannten Dmsenbranntwein. Das Drusen 51, Weinöl, kann dabei als 
Nebenproduct erhalten werden und ist als Cognacöl zur Nachahmung 
des Cognacs sehr gesacht 0- 

Aus Aepfel und Birnen. — Wo diese Obstarten in solcher 
Menge geemtet werden, dass man Obstwein (Cider) als allgemein üb- 
liches Getränk daraus bereitet, wie in Baden, Württemberg, in der 
Nprmandie u. s. w., lassen sie sich auch unter Umständen mit Vor- 
theil auf Branntwein verarbeiten. Man zermalmt das Obst durch senk- 
recht rollende Mahlsteine oder zerreibt es durch eine Reibmaschine, 
und bringt den Brei in Fässer oder Bottiche. Er kommt bald ohne wei- 
teren Zusatz in Gährung, und diese hält 2 bis 3 Wochen an, kann aber 
durch Zusatz von warmem Wasser auch so beschleunigt werden, dass 
sie binnen 3 bis 4 Tagen beendet ist. Der Zusatz von Wasser ist in- 
dess nur dann zu empfehlen, wenn man zugleich die Menge des 
Zackers vermehrt, z. B. durch Stärkezucker u. s. w. Auch ein Zusatt 
von Schwefelsäure wird wohl angewandt, auf 1000 Pfund Obst 1 Pfund 
Säure. Es ist häufig zweckmässig den Obstcider statt auf Branntwein 
auf Essig zu verarbeiten. 

Aus Kirschen. — Aus den Kirschen wird das sogenannte Kirsch- 
Wasser oder der Kirschgeist gewonnen namentlich in der Schweiz 
und auf dem Schwarzwalde. Man benutzt dazu am besten die kleine 
schwarze Waldkirsche, die sich durch Süssigkeit auszeichnet Es ist 
nöthig, sie sehr reif werden zu lassen und die Stiele abzusondern. Man 
bringt sie ohne weiteren Zusatz gewöhnlich in aufrechtstehende Fäs- 
ser, deren oberer Boden herausgenommen ist, stampft sie mit einer 
Keule ein wenig durcheinander und schliesst dann die Fässer, so dass 
eben nur die Kohlensäure entweichen kann. Um dem Producte den 
eigenthümlichen Geschmack nach den Kernen, das ist nach bitteren 
Mandeln, in höherem Grade zu ertheilen, zerstösst man vor der Gäh- 
rung den sechsten Theil der Kerne in einem Troge und bedeckt dann 
mit dieser Masse die übrige Masse. Das Oel der Kerne hemmt die 
Gährung, weshalb man die Kerne nicht in der ganzen Masse vertheilt; 

>) Bantert, Dingl. polyt Jonrn. Bd. CXLIII, 8. 71. 

Digitized by VjOOQIC 



Spiritusfabrikation. 121 

das Oel schötsi aber auch gegen Säaemng, die in den obersten Schich- 
ten am niMsten zn befürchten ist. Nach Einigen wendet man aber sn 
«ehr leineni Kirschwasser zerstossene Kerne nicht an« 

Die schnell eintretende Gährong dauert 12 bis 15 Tage. Wenn 
keine Kohlens&nre mehr entweicht, und die Flüssigkeit nicht mehr 
Mm sondern weinig schmeckt, sieht man sie als beendet an. Am 
Sacebarometer seigt die Flüssigkeit dann 1 bis 8 Grad; die ursprQng- 
liche Concentration des Saftes wechselt zwischen 12 bis 16 Grad. 

Nach beendeter Gährung muss man sogleich zur Destillation schrei- 
ten^ da das Destillat einen herben Greschmack erhält, wenn man die 
DeBtillation verzögert Man rührt die Masse, ehe man sie in die Blase 
bringt, durcheinander, um die Kerne gleichmässig zu yertheilen, und 
rAhrt in der Blase, wenn diese über freiem Feuer steht, so lange um, 
bis die Masse fast znm Sieden gekommen ist, damit nicht die Kerne 
SU Boden sinken und anbrennen. Die Rfickst&nde werden von den 
Schweinen gern gefressen. An einigen Orten schlägt man aus den Ker> 
nen nach der Destillation ein gutes fettes Oel (Siemens). 

Durch Vermischen der zerquetschten Kirschen mit Stärkezucker- 
löeong von 15 bis 20 Proc. Grehalt lässt sich der Ertrag an Kirschwas- 
ser steigern, ohne die Güte desselben wesentlich zu beeinträchtigen. 
Sehr viel Kirschwasser wird jetzt durch Zugeben von Bittermandel- 
wasser zu reinem fiiselfreiem Branntwein dargestellt. 

Aus Zwetschen und Pflaumen. — In Böhmen gewinnt man 
daraus einen angenehm schmeckenden Branntwein, der den Namen 
Sliwowitz führt Blan behandelt die Zwetschen auf gleiche Weise wie 
die Kirschen. Die Gährung verläuft aber weit langsamer, weshalb man 
die Meise erst spät, oft erst gegen das Frühjahr zur Destillation bringt 
Vbllsttndiges Zerquetschen vor dem Einschlagen ist hier zu empfehlen, 
weil durch die Berührung mit der Luft die Gährung gefördert wird« 
Je mehr Steine beim Zerquetschen zerdrückt werden, einen desto stär- 
keren Kerngetchmack erhält der Branntwein; die Gährung wird aber 
in dem Verhältnisse langsamer. Bei der Destillation hat man dieselbe 
Vorsieht, wie bei den Kirschen zu beobachten. Nach Bai ling zeigt der 
Zwetsehensaft 16 bis 19 Proc. und vergährt für sich allein auf 5 Proc. 
Bfit */« des Gewichts der Zwetschenmasse an Stärkezuckerlösung von 
gleicher Concentration vermischt, war die Vergährung bis 3 Procent. 

Ans verschiedenen Beeren. — Beeren, wie Himbeeren, Hei- 
delbeeren u. s. w., werden im Allgemeinen wie Kirschen behandelt, das 
heisst, man zerquetscht dieselben und überlässt die Masse der Gährung. 
— Auf dem Schwarzwalde sammelt man in manchen Jahren HeideN 
beeren, Himbeeren und Brombeeren in grösserer Menge zur Ge- 
winnung von Branntwein. Die Gährung der letzteren beiden verläuft 
schneller als die der ersteren, auch muss man nach der Beendigung der 
Gährong die Masse sofort destilliren, während man die Heidelbeeren 
oft Monate lang in gut bedeckten Gefässen stehen lässt — Die wilden 
Maulbeeren, welche in einigen Gegenden des südlichen Frankreichs 
sehr häufig wachsen, liefern, vollkommen reif, guten Branntwein und Spi- 
ritus* — In Böhmen bereitet man ans den Vogelbeeren, den Beeren 
von Sorhus auetqxiria^ einen Branntwein, der dem Sliwowitz gleicht 
Die Gährung dauert in der zerquetschten Masse 5 bis 6 Tage (Bal- 
ling). — Die Wachholderbeeren enthalten, nach Steer, 18 Proc 
Zucker; ihr wässeriger Aussug giebt deshalb eine reichliche Menge voq 

Digitized by VjOOQIC 



1 22 Spiritasfabrikation. 

Branntwein, Borvoicska genannt >). Bei der Verarbeitung von Beeren 
jeder Art auf Branntwein kann ebenfalls durch Zusats Ton Stftrke* 
zuckerlösung der £rtrag gesteigert werden, ohne die Eigenthttmlioh« 
keit des Products erheblich zu gefährden. 

Mit den aufgeführten Substanzen ist die Zahl der zuckerhaltigen 
Materialien für die Gewinnung von alkoholischen Destillaten noch 
keineswegs erschöpft. So hat man in neuester Zeit die Stengel von 
Sorghum aaccharatum (S(frgho^ Znckerhirse), welche bis 16 Proc 
Zucker enthalten, angelegentlich nicht allein zur Fabrikation von Zucker, 
sondern auch zur Verarbeitung auf Spiritus empfohlen, weil der Ertrag 
vom Boden unter günstigen Verhältnissen ein sehr bedeutender ist (s. 
Sorghum). — Die grünen Maisstengel, ebenfalls als alkohol- 
gebendes Material angepriesen, sind ebenso zu verarbeiten. — Wo die 
Krapp Wurzel, die Wurzel von Rt^a Tinetorum^ in den Färbereien 
in grossen Massen mit Wasser ausgelaugt wird, bringt man die Flüssig- 
keit, welche etwas Zucker enthält, in Gährung und gewinnt Alkohol 
daraus ^). In Sardinien und Algier sind die Früchte von Caetn 
Opuntia^ in Italien die gewöhnlichen Feigen und das JohAunisbrot 
(die hülsenförmigen Früchte von Ceratonia SiUqua) zur Alkohol- 
gewinnung versucht worden. Auch aus Quecken, den lästigen Wur- 
zeln von Tritieum repena hat man Branntwein bereitet. 

2. Aus stärkmehlhaltigen Substanzen. 

Aus Getreide. -^ Fa.4t alle Getreidearten, nämlich Roggen, Wei- 
zen, Spelz (Dinkel), Mais, Gerste, Hafer, dienen zur Gewinnung von 
Branntwein, seltener von Spiritus. Oertliche und zeitige Verhältnisse 
entscheiden hauptsächlich bei der Wahl, aber auch Geruch und Ge- 
schmack des Destillats kommen in Betracht 

Die Umwandlung des Stärkmehls in Zucker geschieht bei der 
Verarbeitung des Gretreides immer durch Diastas, das ist durch Blak, 
und zwar wendet man fast immer Gerstenmalz an, dessen Spelze die 
Meischen aus den nackten Samen (Roggen, Weizen, Mais) auflockert 
Das Malz kann feucht (grün) genommen werden, wo es die zuoker- 
bildende Wirkung nngeschwächt besitzt. 

Man behauptet, daas gleiche Gewichte trockenes und grünes Malt 
gleiche zuckerbildende Wirkung haben ; ist dem so so erwächst aus der 
Benutzung des Malzes im grünen Zustande begreiflich ein erheblicher Vor- 
theil, nicht allein weil die Kosten des Trocknens wegfallen, sondern weü 
der Verlust vermindert wird, den die Verwandlung der Gerste in Malz 
nothwendig mit sich führt 60 Pfund Gerste liefern nämlich ungefähr 
eben so viel grünes Malz, als 100 PAmd Gerste trockenes Malz liefern« 
man hat also bei der Verwendung von Grünmalz 40 Proc Gerste weni* 
ger zu malzen (s. Malz). Roggenmalz und Weizenmalz ersetzen hier and 
da das Gerstenmalz theilweis, seltener ganz als zuckerbildendes Materia]. 

Die Menge des bei dem Meischen entstehenden Zuckers und Gummis, 
des Meischeztracts, ist natürlich im Wesentlichen von der Menge des im 
Getreide vorhandenen Stärkmehls abhängig und im Allgemeinen die- 
ser entsprechend. Nach Balling kann man annehmen, dass durch- 
schnittlich erhalten werden: 



*) Wagner, Jahresber. 1867, S. 8l9. — •) Dingl polvt Jonrn. Bd, CXXXII, 
S. 467 ; Bd. CXZXVUI, 9. 799 ; Wagner'a Jahresber. 1855' o. 1856, 



Digitized by VjOOQIC 



Spiritusfabrikation. 1 33 

ans 100 Pftind Weizen 70 Pfond Mdisoheztrsct 
r, 100 „ Mais 70 „ „ 

„ 100 „ Roggen 65 „ „ 

„ 100 „ Gerate 60 „ „ 

„ 100 „ Hafer 42 „ „ 

Da die Tersohiedenen Getreidearten in ihrer Beschaffenheit and 
ihrem chemischen Bestände einander ganz ähnlich sind, so ist das Ver* 
fahren zur Verarbeitung derselben auf eine weingahre * Meisehe mit 
unerheblichen Abweichungen gleich, aber es giebt zahlreiche Modifica- 
tionen, die ganz unabhängig sind von der Art des Getreides. 

Man verarbeitet bei uns am häufigsten Roggen oder Weizen, oder 
ein Gemenge von beiden, mit Gerstenmalz. Wo Spelz oder Mais häufig 
gebaut werden, treten diese an die Stelle des Weizens und Roggens. 
Ungemalzte Gerste und Hafer kommen bei uns nur ausnahmeweise zur 
Verwendung. Die Verarbeitung von Roggen und Weizen mag zu- 
nfichst betrachtet werden. Das Verhältniss des ungemalzten Getreides 
znni Oeratenmalz wechselt sehr. Früher nahm man sehr allgemein auf 
1 Thl. Malz 2 bis 3 Thle., jetzt 5 bis 6 Thle. ungemalztes Getreide. Ist 
anch die Verminderung der Menge des Malzes pecuniär vortheilhaft, so 
darf man noch nicht ausser Acht lassen, dass der Branntwein im All- 
gemeinen einen um so feineren Geruch und Geschmack erhält, je grösser 
die Menge des Malzes genommen wird. 

Die dichte Beschaffenheit des Roggens und Weizens macht die 
Verwandlung derselben in feines Schrot unerlässlich. Das Schroten ge- 
schieht zwischen den Steinen einer Mühle. Auch das Gerstenmalz wird 
häufig anf einem Mahlgange geschroten, wenn man es trocken anwendet, 
wobei indess darauf zu sehen ist, dass nicht zu beträchtliche Zerkleine- 
rung der Spelze stattfindet, weil diese, wie schon gesagt, die Meische 
lockern rouss. Deshalb kann man das Schroten des Malzes in Gemenge 
mit dem Getreide nicht billigen. Wie für die Brauereien erhält man aber 
ancli für die Brennereien das geeigneteste Gerstenmalzschrot durch 
Quetschmaschinen, Quetschwalzen (s. Bier, Bd. U, 1, S. 1040). Es 
resnltirt dadurch ein Schrot, in welchem die nur zerrissene Spelze 
das Mehl des zerdrückten Mehlkems auflockert. Soll das Malz im grü- 
nen Zustande zur Anwendung kommen, so muss begreiflich die Zer- 
kleinerung durch Quetschwalzen stattfinden. 

Das Meischen geschieht in dem Meischbottiche, in den Brennereien 
gewöhnlich Vormeischbottich genannt. Er ist mehr flach als tief, wenn 
Arbeiter die Operation mit Meischhölzem (Rührscheiten) auszuführen 
haben, er ist rund und tief, wenn sich ein Rührwerk darin findet. 

In den Meischbottich kommt reines weiches Wasser ; man schüttet 
dann nach und nach das Schrot ein und verarbeitet es mit dem Was- 
ser, so dass eine klumpenlose Masse entsteht (das Einteigen); ni\ch. 
einiger Zeit giebt man nun, unter fortwährendem tüchtigen Durcharbei- 
ten, siedendes oder fast siedendes Wasser hinzu in solcher Menge, dass 
die Masse auf die Zuckerbildungstemperatur, gewöhnlich auf 64<^bis 67<>G. 
erhoben wird (das Gahrbrennen). Die Meische bleibt hierauf so 
lange stehen, als es zur Zuckerbildung erforderlich gehalten wird. 

Die Abweichungen, welche in den verschiedenen Brennereien bei 
dem Meischverfahren stattfinden, sind sehr mannigfach. Das Einteig- 
wasser wird in verschiedener Menge und von verschiedener Tempera- 
tur angewanat; 6etreide9chrot und Malzschrot werden bald gemengt 



Digitized by VjOOQIC 



124 Spiritusfabrikation. 

in das Einteigwasser eingetragen, oder man schQttet das eine nach dem 
anderen oder abwechselnd Antheile von dem einen und anderen ein; 
die Temperatur bei dem Oahrbrennen ist bald höher bald niedriger, 
natfirlich zwischen 60^ bis 75<)C., man lässt die Meische l&ngere oder 
kfhrsere Zeit cur Zuckerbildung stehen. 

Mit je weniger und je wärmerem Wasser geteigt wird, desto we* 
niger Meisohwasser ist begreiflich zum Gahrbrennen erforderlich, eine 
desto dickere Meische resultirt. Die Temperatur des Einteigwassers 
schwankt im Allgemeinen zwischen 50<> bis 60<^C.; Temperatur der Luft, 
wie des Bottichs und des Schrots, Grösse des Bottichs machen eine Ver- 
schiedenheit der Temperatur des Wassers für gleichen Zweck nothwen* 
dig. Wärme von 40<^ bis 45<> C. gelten als zweckmässigste Tempera- 
tur der eingeteigten Masse.. 

Vom wissenschaftlichen Standpunkt betrachtet ist keine wesent- 
liche Verschiedenheit des Erfolgs anzunehmen, je nachdem man Ge- 
treideschrot und Malzschrot gemengt oder gesondert in das Einteig« 
Wasser einträgt. Die Abweichungen, auf welche man hier stösst, sind 
meistens davon abhängig, ob man das Malz trocken oder grün ver- 
wendet und ob man das trockene Malz für sich oder gemengt mit dem 
Getreide schroten läset. 

Nach der Erfahrung fast aller Brenner ist von der Temperatur, 
welche man der Meische beim Gahrbrennen giebt, ganz vorzüglich 
mit die Ausbeute an Alkohol abhängig, und die meisten Erfahrun- 
gen stimmen darin überein , dass eine Temperatur von ßO^ bis 70^ C. 
eine grössere Ausbeute ermögliche, die Temperatur von 62<^ bis 
^b^ C. dagegen den Erfolg mehr sichere. Die grössere Ausbeute wird 
durch die grössere Vergährungsfähigkeit der bei niederer Temperatur 
gahr gebrannten Meische bedingt. Jedenfalls muss die Meische die Er- 
scheinungen zeigen, welche das Eintreten des Zuckerbildungsproeesses 
darthun, und man muss berücksichtigen, dass die Zuckerbildung nicht 
plötzlich erfolgt, sondern allmälig, dass also die Meische längere Zeit 
stehen bleiben muss, wobei sie natürlich sich abkühlt. Die Umstände, 
welche auf rascheres oder langsameres Erkalten der Meische Einfluss 
haben, kommen also in Betracht Wenn der Meischbottich geschützt 
steht und zugedeckt werden kann pflegt man etwa 65^ C. für die pas- 
sendste Meischtemperatur zu halten. In Belgien wendet man zum Mei- 
schen einen liegenden Cylinder an, den Macerator i). 

Für die Dauer des Stehenlassens der Meische nach dem Gahr- 
brennen, ist im Allgemeinen das zu berücksichtigen, was in dem Ar- 
tikel Bier, 2. Aufl. Bd. II, S. 1044, gesagt worden ist. Man hat zwei 
Klippen zu vermeiden, unvollkommene Zuckerbildung auf der einen 
Seite bei zu kurzem Stehen, Säuerung Bildung von Milchsäure auf der 
anderen Seite bei zu langem Stehen. Da aber die Entstehung einer ge- 
ringen Menge von Milchsäure in der Branntweinmeische nicht den 
Nachtheil bringt, wie in der Biermeische, ja sogar der Vergährung 
recht förderlich ist, so lässt man unserer Meische längere Zeit zur 
Zuckerbildung. Man hält jetzt zwei Stunden für eine passende Zeit, 
aber die Umstände unter denen Säuerung rascher oder langsamer ein- 
tritt, dürfen nicht ausser Acht gelassen werden. 

In Brennereien, wo ein Dampfkessel vorhanden ist, findet eine 

Abänderung des Meischverfahrens insofern statt, als man das Gahr- 
. * 

1) 8. Otto*B laiidw. Gew. 5. Aufl. S. 881, Brannscbw. 1860, 

Digitized by VjOOQIC 



Spiritusfabrikation. 125 

brennen der eingeteigten Schrotm^se durch Wasserdampi^ anatatt durch 
siedendes Wasser, bewerkstelligt. Wie leicht einzusehen, muss die ein- 
geteigte Masse eine gewisse DünnflQssigkeit besitzen, soll sie durch 
eingeleiteten Dampf erhitzt werden können; man muss also dQnner ein- 
teigen. Während des Eintretens des Dampfes wird unausgesetzt ge- 
meischt, um die Wärme rasch gleichmässig zu yertheilen und zu ver- 
hüten, dass da, wo der Dampf eintritt, kleistrige Klumpen entstehen. We- 
gen der bedeutenden latenten Wärme des Dampfes findet eine erhebli- 
che Verdünnung der Meische durch den Dampf nicht statt; 1 Pfund 
Wasserdampf leistet ungefähr soviel wie 15 Pfund heisses Wasser. Fär 
Meischbottiche , welche mit Rührwerk versehen sind, ist das Gahrbren- 
nen mit Dampf fast nnerlässlich, weil das Rührwerk dünneres Einteigen 
erforderlich macht. 

Balling hat verschiedene Zusätze beim Meischen versucht, durch 
welche die Yergährung der Meische erhöht, also der Ertrag an Alko- 
hol vergrössert werden soll, so Phosphorsäure, abgerahmte Milch und 
Hefe (Presshefe oder Schrothefe). Namentlich die letztere wird von 
ihm empfohlen; man mengt sie dem Einteigwasser, im Betrage von 
2 Proc. des Schrots, vor dem Einschütten des Schrots bei. 

Nachdem die Meische die zur Erreichung des Zweckes des Mei- 
schens erforderliche Zeit im Meischbottiche gestanden hat, ist sie noch 
viel zu warm, um ohne Weiteres in Gährung gebracht werden zu kön- 
nen, und auch viel zu dick dazu. Sie muss also abgekühlt und ver- 
dünnt werden. Wäre der Grad der Verdünnung der Meische gleich- 
gültig, so Hesse sich die nöthige Abkühlung durch Zugeben von kaltem 
Wasser allein erreichen. Dem ut aber nicht so, verschiedene Um- 
stände sprechen gegen eine zu bedeutende Verdünnung. Weniger ver- 
dünnte Meischen säuren bei der Gährung nicht so leicht als verdünn- 
tere, und bewirken überdiess eine Erspamiss an Anlagecapital, Raum, 
Zeit und Heizmaterial, da sie nach der Gährung aus gleichem Volumen 
oder Gewichte mehr Alkohol liefern, als verdünntere. Vorzüglich muss 
auf möglichst geringe Verdünnung der Meische gesehen werden in den 
Ländern, wo die Steuer von der Grösse der Gährbottiche erhoben wird, 
wie es z. B. in Preussen und vielen Staaten des Zollvereins, auch in 
Belgien der Fall ist 

Man drückt den Grad der Verdünnung der Meische auf die Weise 
aus, dass man das Verhältniss der trockenen Substanz zum Wasser in 
der Meische angiebt. Das Getreideschrot und das Schrot von trocke- 
nem Malze werden dabei als trockene Substanz angenommen, un- 
geachtet sie etwa 10 Proc. Feuchtigkeit- enthalten. Bei Anwen- 
dung von Grünmalz bringt man 0,6 desselben als trockenes Mab 
oder gewöhnlicher die Gerste in Rechnung, aus welcher es erhal- 
ten ist In früherer Zeit war das Verhältniss von 1 Theil Schrot auf 
8 Theile Wasser das mittlere Verhältniss, jetzt ist man durch Ver- 
minderung des Wassers bis auf das Verhältniss von 1 Theil Schrot 
auf 5, 4 ja SVs und 8 Theile Wasser gekommen. Das den Gähr- 
räum besteuernde Steuergesetz gab bei uns die erste Veranlassung 
zur möglichsten Verminderung des Wassers, zum sogenannten Dick- 
meischen ; die Einführung der Dampf -Destiilirapparate, welche die De- 
stillation dicker Meischen erlauben, war die Folge davon und trug 
zur Verbreitung des Dickmeischens sehr bei. Man geht bei uns jetzt 
so weit, dass man die Meische nur eben so flüssig macht y als es für 

Digitized by VjOOQIC 



126 Spiritusfabrikation. 

den gehörigen Verlauf der Gährung in der bestimmten G^ahmngsfmt 
durchaus erforderlich ist. Allerdings liefern Meischen, welche etwas 
dünnflüssiger sind, einen etwaa höheren Ertrag an Alkohol, weil sie 
besser vergähren, aber der Minderertrag dicker Meischen wird durch 
die Ersparniss an Steuer und durch die anderen Vortheile des Dick* 
meischens mehr als aufgewogen, und man bringt in Anschlag, dass das 
in der gegohrenen Meische unzersetzt geriebene Meischeztract bei 
dem Verfüttern der Schlempe dem Viehe zu Gute kommt 

Bei dem jetzigen Dickmeischen reicht nun das Verdünnungswasser, 
das Zukühl Wasser, wie man es nennt, nicht aus, die im Meischbottiche 
befindliche Meische bis auf die Temperatur abzukühlen, welche sie zum 
Anstellen haben muss. Man muss sie deshalb vor dem Zugeben des 
Wassers erst abkühlen. 

Am häufigsten wird das Abkühlen auf Kühlschiffen ausgeführt, 
ähnlich denen wie sie in den Brauereien im Gebrauche sind. Man 
findet dieselben indess jetzt häufiger von Steinen gemauert , als Ton 
Holz, den Boden mit Steinplatten belegt, die Fugen mit Oelkitt oder 
Asphaltkitt verstrichen. Kalkstein ist, der Säure der Meische wegen, 
nicht anwendbar , auch Eisen nicht. Um die Porosität vollständig za 
beseitigen, tränkt man wohl die Steine mit einer Lösung von Asphalt 
und Schellack in Leinölfirniss und Terpentinöl, die man nach voUstän* 
digem. Austrocknen der Steine heiss aufstreicht Man giebt auch wohl 
dem ganzen roh gemauerten Kühlschiffe einen Ueberzug von Asphalt- 
masse, die natürlich sehr strengflüssig sein muss. 

Zur Förderung der Meische aus dem Meischbottiche auf die Kühle 
dient in den grösseren Brennereien eine weite Pumpe, s 

Die Abkühlung der Meische auf den Kühlschiffen erfolgt, wie die 
Abkühlung der Bierwürze, vorzugsweise durch Verdunstung (siehe 
Bier, 2te Aufl. Bd. II, 1, S. 1059) und Alles, was die Verdunstung 
befördert, befördert deshalb auch die Abkühlung. Wegen der dick- 
flüssigen Beschaffenheit der Meische findet keine Strömung in derselben 
statt, es erzeugt sich vielmehr eine Haut auf der Oberfläche , welche 
die Verdunstung hindert Die Meische muss deshalb unausgesetzt mit 
langgestielten Meischkrücken gerührt werden. Die Kühlschiffe haben 
ihre Stelle an einem hohen luftigen Orte. Durch Ventilatoren verstärkt 
man häufig den Luftzug, um raschere Abkühlung zu erzielen, und da- 
durch sicherer der hier leicht eintretenden Säuerung vorzubeugen. Wo 
Eis zu Gebote steht , ist dies ein ausgezeichnetes Kühlmittel. 

Die Meische muss auf der Kühle oder in dem Macerator so weit 
abgekühlt werden, dass sie nach dem Zugeben des Zukühlwassers 
die zum Anstellen ßrforderliche Temperatur besitzt Diese ist nun ab- 
hängig von der Temperatur des Gährungslocals, von der Grösse und 
Höhe der Gährbottiche, von der Beschaffenheit des Gährmittels und von 
der Zeit, binnen welcher die Gährung beendet sein soll oder muss. Es 
gilt hier Alles was bei dem Bierbranen über die Abkühlung der Bier- 
würze gesagt worden. 

Je höher die Temperatur des Gährlocals ist, bei desto niedrigerer 
Temperatur muss angestellt werden. 

Je grösser die Gährbottiche sind und je weniger flach, desto ge- 
ringere Abkühlung durch Ableitung findet statt, desto mehr erhöht sich 
die Temperatur bei der Gährung, desto niedriger muss die Temperatur 
beim Anstellen sein. 

Digitized by VjOOQIC 



Spiritttsfabrikation. 1 27 

Je laogere Zeit die Gäbniog danern soll oder kann, eine desto 
niedrigere Temperatur muss die Meische beim Anstellen haben. 

Es ist schon mehrfach erwähnt worden, dass auf die Dauer der 
Gähmng in mehreren Ländern die Steaerverhältnisse einwirken. In 
den meisten Ländern des Zollvereins z. B. erlaubt die Steuerbehörde 
nicht, die Gährungszeit beliebig auszudehnen; sie lässt nur die Wahl 
zwiBchen sogenannter dreitägiger und viertägiger Gährung. Bei der 
dreitägigen Gährung muss die Meische am Morgen des dritten Ta- 
ges nach dem Anstellen destillirt werden, dauert also die Gährung 
etwa 36 bis 48 Stunden (daher richtiger zweitägige Gährung); bei 
der viertägigen Gehrung beginnt die Destillation am Morgen des vier- 
ten Tages, ihre Dauer ist etwa 60 bis 70 Stunden (daher richtiger 
dreitägige Gähmng). In Belgien muss die Gährung schon innerhalb 
24 Standen beendet sein, weil dort die Steuer pro Bottich und 24 Stun- 
den entrichtet wird. 

Man kann annehmen, dass bei sogenannter dreitägiger Gährung 
in der kälteren Jahreszeit mit ü^ bis 2b^C.^ in der wärmeren mit 20<> 
bis 22<>C. angestellt werden muss; bei sogenannter viertägiger Gäh- 
nmg in der kälteren Jahreszeit mit 20^ bis 22^ C, in der wärmeren 
mit 18<^ bis 20^ C. Die Erfahrung, ein Versuch, muss in der Regel 
für die obwaltenden Verhältnisse die passende Temperatur zeigen* 

Sobald nun die Meische vor dem Zukühlen auf die erforderliche 
Temperatur herabgekommen ist, wird dieselbe mit einem Theile des 
ZukQhlwassers verdünnt und in die Gährbottiche fliessen gelassen* Mit 
dem noch übrigen Zukühlwasser spühlt man das Eühlpchiff nach. 

£s ist wohl überflüssig, zu bemerken, dass das Zukühlwasser nicht 
gemessen wird, sondern dass man davon so lange zufliessen lässt, bis 
der Gährbottich zur richtigen Höhe mit Meische gefüllt ist. Nach der 
Grösse des Gährbottichs, unter Abzug des Raums, welcher wegen des 
Steigen« der Meische während der Gährung leer bleiben muss, des 
Steigraums, wird die erforderliche Menge Schrot für das gewünschte 
Verh^tniss der trockenen Substanz zum Wasser berechnet. Die nach« 
stehende kleine Tabelle macht die Berechnung sehr leicht. 

Da 100 Pfd. Schrot in der Meische den Raum von 75 Pfd. oder 
37,5 Liter Wasaer einnehmen, so geben 100 Pfd. Schrot bei einem 
Verhältnisse des Schrots zum Wasser wie: 

1:8 1:7 1:6 1:5 1:4 1:3 
437,6 387,5 387,5 287,5 237,5 187,5 Liter Meische. 

Angenommen, man habe Gährbottiche von 3000 Liter Rauminhalt, 
so bleiben, wenn man ^/i« Steigraum lässt, 2800 Liter Raum für Meische. 
Bei einem Verhältnisse des Schrots zum Wasser wie 1 : 5 würden daher in 
einen Bottich 974 Pfd. Schrot zu bringen sein (287,5 : 100 = 2800 : 974), 

Der Gehalt der Meische an Meischeztract ist bei dem verschiede- 
nen Verhältnisse des Wassers zum Schrote, nach gleich sorgfältiger 
Ansfübrung des Meischprocesses, abhängig von der Art des angewand- 
ten Getreides, seiner Beschaffenheit und dem Verhältnisse des Malzes 
znm ungemalzten Getreide (s. S. 123). 

Das Meischextract ist in der Flüssigkeit der Meische aufgelöst. 
Ermittelt man daher den Extractgehalt dieser Flüssigkeit durch das 
Saccharometer, wie es allgemein geschieht, so muss man eben berück- 
sichtigen, dass sich die Angabe desselben nicht auf die ganze Meische, 
sondern nnr auf den flüssigen Theil derselben bezieht. Denn die Mei- 



Digitized by VjOOQIC 



128 Spiritusfabrikation. 

sehe ist ein Gemenge dieser Flüssigkeit, der MeischwQrze mit den 
nnlöslichen Theilen des Getreides und Malzes, den Trebern. 

Bei einem Verhältnisse des Schrots zum Wasser 
wie 1:6 l:5Va 1:5 1:41/2 1:4 1:8V2 
berechnet sich der Gehalt der Meischwürze an Extract zu 

9,4 10,1 11,0 12,1 13,85 15 Proc. 

In welchem Gewichtsverhältnisse Meische und Meischwürze zu eiiwo- 
der stehen, lässt sich wenigstens annähernd berechnen. 100 Pfd. Schrot ge- 
ben mit 400 Pfd. Wasser 500 Pfd. Meische; davon sind 478,25 Pfd. Ex- 
tractiösung, es bleiben also für Trebern 26,75 Pfund. 100 Pfd. Meisehe 
enthalten danach 94,65 Pfd. Meischwürze und 5,35 Pfd. Trebern. 

Das Yerhältniss der Meischwürze zur Meische wechselt natürlich 
mit dem Verhältnisse des Wassers zur Trockensubstanz; die relatiTe 
Menge der Meischwürze wird grösser, wenn die Menge des Wassers 
grösser wird. Balling, welcher den Gehalt des Schrots an Hälsen 
zu 20 Proc. annimmt, berechnet den Baumyerlust durch die Hfilsen 
(Trebern) bei einem Verhältnisse der trockenen Substanz zum Wasser 
wie 1 : 4 zu 3,2 Procent 

Das Ferment zum Anstellen der süssen Meische muss ein krfilti- 
ges sein und darf nicht in zu kleiner Menge genommen werden, weU 
nur durch möglichst vollständige Vergährung der Meische der höchste 
Ertrag an Alkohol zu erzielen ist. Die Wahl des Ferments wird 
durch, örtliche Verhältnisse und durch die Steuerverhältnisse bedingt. 
Bei uns wendet man jetzt fast ohne Ausnahme Kunsthefen an, die man 
in den Brennereien selbst bereitet und fortpflanzt Sie bestehen, wie 
schon früher angedeutet, aus Meischen, welche man in besonderen 
Gefässen, den Hefengef ässen , bereitet, durch längeres Stehen milch- 
sauer werden lässt, dann anstellt und in der Hefenbildungperiode, nach- 
dem die Gährung aufgefrischt ist, benutzt Zum Anstellen der Kunst* 
hefe dienen nur anfangs Bierhefe oder Presshefe, später dient dazu ein 
Theil der gährenden Kunsthefe selbst, sogenannte Mutterhefe. In der 
Regel kommen die Kunsthefen nicht früher als 38 oder 42 Stunden 
nach dem Beginn ihrer Anfertigung zur Verwendung; diese Zeit vo^ 
aus muss also mit der Bereitung angefangen werden. Es ist sehr 
wesentlich, dass die Kunsthefen genau dann zur Verwendung kommen, 
wenn die Gährung derselben so weit vorgeschritten ist, dass sie am 
geeignetsten sind, als Ferment zu dienen. 

Man wendet zu den Kunsthefen bald Malz (trocken oder grün) al- 
lein an, bald ein Gemenge von Malz und ungemalztero Getreide. Die 
Menge des trockenen Schrots, aus welcher man die Hefe darstellt, be- 
trägt 4 bis 5 Proc. vom Gewichte des zu verarbeitenden Getreideschrots 
und Malzschrots. Vom grünen Malze nimmt man etwa anderthalbmal 
soviel, als vom trockenen Malze. In Belgien, wo die Anwendung sol- 
cher Kunsthefen unmöglich ist, weil die Steuerbehörde sie nicht er- 
laubt, wendet man Presshefe , auch wohl Bierhefe an. 

Presshefe wird in lauwarmem Wasser aufgeweicht und zerrührt, 
entweder der Meische unmittelbar zugemischt, oder aber es wird da* 
mit erst ein kleiner Theil der Meische in Gährung gebracht, es wird 
damit „ vorgestellt % wie man sagt. Hierzu nimmt man von der, auf 
der Kühle befindlichen noch warmen Meische, vor dem Zukflhlen, 
einige Eimer, bringt sie in ein Hefenfass, verdünnt sie mit Wasser, flo 
dass die Temperatur auf 30^ bis 2b^ C. kommt und mischt ihr die gante 



Digitized by VjOOQIC 



Spiritusfabrikation. 129 

Menge der Hefe sq. Wegen der höheren Temperatur dieser Meische 
and der Menge des vorhandenen Ferments beginnt hier sehr bald die 
Gähmng; sobald dieselbe recht kräftig zu werden anf&ngt, rührt man 
die Masse durch und mischt sie der unterdessen abgekühlten und zu- 
gekfihlten Meische im Gährbottiche zu. Man rechnet auf die Mei- 
sche von 1000 Pfund Getreide und Malz 2 bis 6 Pfund Presshefe, die 
grosseren Mengen bei kleineren, die kleineren Mengen bei grösseren 
Bottichen. 

Das Anstellen mit Bierhefe (flüssiger) wird wie das Anstellen mit 
Presshefe ausgeführt; man nimmt auf die Meische von 1000 Pfund Ge* 
treide und Malz 10 bis über 20 Liter Hefe. 

Bei gehöriger Beschaflenheit der Meische und des G&hrmittels 
und wenn die Temperatur beim Anstellen die passende war, beginnt 
die Gährnng etwa 2 Standen nach dem Anstellen. Die Meische be- 
deckt sich mit einem Schaume von Kohlensäurebläschen, welche die 
Trebern an die Oberfläche treiben; die Temperatur erhöht sich und 
damit wird die Entwickelung der Kohlensäure immer stärker. Hat die 
Gährnng den höchsten Punkt erreicht, so wird sie nun allmälig wie- 
der schwächer; die Temperatur sinkt, die Meische beruhigt sich, es 
entsteht schliesslich eine feste Decke von Trebern, welche von Kohlen- 
säore gar nicht mehr durchbrochen wird. 

Nach der Beschaffenheit des angewandten Getreides, nach der Art 
des Gährmittels, nach der Temperatur beim Anstellen u. s. w. wer- 
den die Gährungs- Erscheinungen, namentlich in der Hauptperiode 
der Gähmng, mannigfach modificirt; man redet deshalb in der Praxis 
von verschiedenen Gährungsarten oder besser Gährungsformen, de- 
nen man Namen giebt, welche das charakteristische Verhalten der 
Meische während der Gähmng bezeichnen sollen. Die kräftigste Gäh- 
rnng ist die, bei welcher sich die schaumige Treberdecke in rollender 
wälzender Bewegung befindet, an der einen Seite des Bottichs empor- 
tritt an der anderen niedersinkt (wälzende Gähmng). Bei einer an- 
deren Gährungsform wird die Decke der Trebern von der Kohlensäure 
gehoben, bis sich das Gas einen Ausweg gebahnt hat, dann sinkt die 
Decke wieder. Dieses Steigen und Sinken erfqlgt in ziemlich regel- 
mässigen Perioden (Ebbe- und Fluth- Gähmng). Bisweilen steht die 
Treberdecke sehr rahig, die Kohlensäure entweicht aus einzelnen Oefi'- 
nnngen wie aus Kratern (Deckengährung, Puppengährang). Gähmng 
ohne Decke ist immer kraftlose Gähmng. 

Am sichersten entscheidet wieder über den Verlauf und Erfolg 
der Gähmng die Attenuation, deren Betrag durch das Saccharometer 
erkannt wird. Die Alkoholfactoren für die scheinbare Attenuation der 
Meischwfirze sind dieselben wie für die scheinbare Attenuation der 
Bierwfirzen (s. Bier, Brauen desselben, 2. Aufl. Bd. ü, S. 1063). 
Durch Multiplication der scheinbaren Attenuation mit dem betreffenden 
Alkoholfactor kann man den Alkoholgehalt der Meischwürze erfahren. 
Angenommen, die Meischwürze habe vor der Gähmng 13 Proc. am 
Saeefaarometer gezeigt, nach der Gährnng 2 Proc, die scheinbare At- 
tenuation sei also 11 Saccharometergrade, so ist der Alkoholgehalt der 
Meischwürze (s. Bd. H, 1, S. 1081) nach der Gähmng 11 . 0,42 = 
4,6 Gewichtsprooente« Da, wie wir wissen, 1 Pfund Alkohol gleich ist 
63 Literprocenten Alkohol (S. 112), so sind 4,6 Pfund Alkohol gleich 
290 Literprocenten Alkohol. 100 Pfund Meischwürze werden also bei 

BiadwOrtarboch der Chemie. Bd. Vin. 9 



Digitized by 



Google — 



130 Spiritusfabrikation. 

der Destillation 290 Literprocente Alkohol liefern, z. B. 5,8 Liter Bräunt* 

wein von öOProc. Tr. 100 Pfund Meischwfirze sind annähernd 50 Liter; 

290 
1 Liter Meisch würze liefert daher ^ 5,8 Literprocente Alkohol. 

Man beachte auch hier wieder den unterschied zwischen Meischwfirze 
und Meische (S. 128). 

Weizen, Gerste und Hafer werden auf ganz gleiche Weise 
wie der Boggen verarbeitet, das heisst, sie werden geschroten, mit 
Gerstenmalzschrot oder zerquetschtem Gersten -Griinm alz gemeischt 
u. s. w. Besonders bei hartem Weizen ist die Verwandlung in sehr 
feines Schrot erforderlich, wenn nicht ein grosser Theil des Stärkroehh 
sich der Zuckerbildung entziehen soll. Gerste und Hafer liefern ihrer 
Spelze halber eine sehr lockere Meische. 

Eine Modification des beschriebenen Meischverfahrens muss bei 
der Verarbeitung von Mais (türkischem Weizen, türkischem Korn, Ea- 
kurutz) wegen der hornartigen Beschaffenheit des Korns stattfinden. 
Man muss den, vollständig oder mit Zurücklassung von Kleie, in Mehl 
verwandelten Mais erst für sich mit warmem Wasser einteigen, dann 
die geteigte Masse durch eingeleiteten Wasserdampf allmälig auf die 
Temperatur von 82^ bis 88® C. bringen, sie hierauf hinreichend abküh- 
len und dann das, zuvor mit kaltem Wasser eingeteigte Malz zusetzen. 

Das Wasser zum Einteigen des Maismehls erhält die Temperatur 
von etwa 70<^C.; so dass die eingeteigte Masse die Temperatur von 
etwa 60<^C. zeigt. Bei dem Einleiten des Wasserdampfs fängt die 
Masse an aufzuquellen, sobald sie auf 64^0. gekommen ist, und hatte 
man zu wenig Wasser zum Einteigen genommen, so lässt sie sich nicht 
mehr durcharbeiten. Erst über 82^ C. giebt sich aber die gehörige Er- 
weichung der Mehlkörnchen zwischen den Fingern zu erkennen und es 
verbreitet sich dann oft ein eigenthümlicher aromatischer Geruch. Das 
Abkühlen der weichgebrühten Masse muss rasch geschehen, durch tüch- 
tiges Aufrühren in dem Meischbottiche auch wohl auf einer Kühle 
oder durch Einstellen von grossen mit kaltem Wasser gefüllten Blech- 
flaschen. Nach dem Zugeben des Malzes muss die Masse die Zucker- 
bildungstemperatur haben; die Meische bleibt dann bedeckt einige 
Stunden stehen, während der man einigemal umrührt. Schliesslich wird 
abgekühlt, zugekühlt u. s. w. 

Sehr rationell erscheint das Verfahren, dem Maismehle beim Ein- 
teigen eine kleine Menge des Malzes zuzusetzen. . Das Diastas dieses 
Malzes verflüssigt dann bei dem langsam bewerkstelligten Weichbrühen 
die feineren Theile des Maismehls, die Masse wird weniger dick. 

Oft wird mit dem Mais zugleich Boggen verarbeitet, der die Ver- 
gährung der Meische fördern soll. Das eingeteigte Roggenschrot kommt 
dann zu der weichgebrühten Maismasse unmittelbar vor dem Malze, 
oder es wird 'mit dem Malze zugleich eingeteigt und zugesetzt. In 
einer grossen Brennerei Ungarns wurde, nach Hamilton, 14 Mais, 
3 Roggen, 2^2 Malz angewandt. 

Vortrefflich geeignet zum Meischen von Mais ist der früher (Seite 
124) erwähnte belgische Macerator. 

Zum Anstellen der Maismeische dient bei uns die übliche Schrot- 
hefe, welche man entweder mit Maismeische oder auch wohl mit einer 
besonders bereiteten Roggenmeische (4 Thle. Roggen, 1 Thl. Malz) 
auffrischt. Im ersteren Falle pflegt man doppelt soviel Hefe wie für 



Digijized by VjOOQIC 



Spiritusfabrikation. 131 

gewöhnliche Getreideineische za nehmen. Nach dem Anstellen bildet 
sich auf der Meische ein gelblicher Schaum und dann oft eine Decke, 
die an einzelnen Stellen eine gelbe Farbe zeigt, herrührend von dem 
fetten Gele des Mais. 

Englisches Verfahren der Verarbeitung des Getreides. 
— Das in England gebräuchliche Verfahren der Verarbeitung des Ge- 
treides auf eine weingahre Meische unterscheidet sich von dem im Vor- 
stehenden beschriebenen dadurch, dass nicht die ganze Meische in Gäh- 
mng gebracht wird, sondern dass man eine Würze zieht und diese der 
Gährong unterwirft. Man operirt dabei im Wesentlichen ganz so wie 
in den Brauereien. Das Malzschrot oder das Gemenge von Malzschrot 
and Getreideschrot wird mit Wasser von ungefähr 65^0. eingeteigt 
in einem mit Seihboden versehenen Meischbottiche. Die eingeteigte 
Masse wird dann durch fast siedendes Wasser auf die Zuckerbildungs- 
temperatur erhoben, gahr gebrüht, und die Meische einige Stunden der 
Buhe überlassen, während welcher man sie alle halbe Stunde durchrührt. 
Dann wird die erste Würze gezogen; sie zeigt 16® bis 18^ am Saccha- 
rometer. Nach dem Abfliessen der ersten Würze macht man einen 
zweiten Guss , meischt tüchtig , lässt eine Stunde auf der Ruhe und 
zieht die zweite Würze. Die schwache dritte Würze, welche man durch 
einen dritten Guss erhält, sowie die noch verdünntere Würze, welche 
schliesslich durch Besprengen' erhalten wird, dienen anstatt Wasser bei 
den folgenden Meischen. 

Die beiden ersten Würzen werden auf etwa 22<> C. gekühlt und in 
hohen Gährbottichen mit (auf 1000 Vol. 5 Vol.) guter Hefe gestellt Die 
Concentration ist 13 bis 15 Proc. Die Gährung, welche nach 36 bis 
40 Stunden sehr kräftig wird, dauert 4 bis 6 Tage. Um sie gehörig 
regeln zu können , sind meistens Schlangen in den Bottichen vorhan- 
den, mittelst welcher man die gährende Flüssigkeit zu kühlen oder zu 
erwärmen vermag. 

Znm Whisky, dem berühmten schottischen Branntwein, wendet 
man, (ur die vorzüglichste Sorte, nur Gerstenmalz und Weizenmalz an, 
mit einem Znsatz von Hafer, dessen Spelze die Meische locker macht. 
Für geringere Sorten Whisky und für Gin (Wachholderbranntwein) be- 
nutzt man Gemenge von Gerstenmalz und ungemalztem Getreide (Gerste, 
^SS^*^ Weizen). Ein Zusatz von Hafer ist dann noch nothwendiger. 

Die Verarbeitung des Getreides nach dem englischen Verfahren 
verdient auch bei uns versucht zu werden. Bei zweckmässiger An- 
wendung des continuirlichen Meischverfahrens ist es möglich, die Wür- 
zen weit ooncentrirter in Gährung zu bringen alsv unsere Getreide- 
raeischen. Man erhält dann natürlich alkoholreichere Flüssigkeiten, es 
erhöht <dch der Ertrag an Alkohol pro Liter Meischraum. Ueberdies 
sind die Trebem bekanntlich ein treffliches Futtermaterial und der Rück- 
stand von der Destillation wird zum Anbrüben von Futter wohl geeignet 
sein. Auch die beiläufige Gewinnung sehr guter Hefe verdient Be- 
achtung. 

Verarbeitung des Getreides unter Anwendung von 
Schwefelsäure zur Zuckerbildung. — Dies Verfahren der Ver- 
tfbeitiing des Getreides auf eine weingahre Meische ist neuerlichst 
wieder von Frankreich aus empfohlen worden. 

Ungeachtet aber die Schwefelsäure das Stärkmehl vollständiger 
in Zucker verwandelt als es das Diastas thut, ist der Ertrag an Alko- 

Digitized by VjOOQIC 



1 



132 Spiritusfabrikation. 

hol, nach den Mittheilnngen ans Frankreich, geringer als bei Anwen- 
dung von Malz. Da zudem die Schlempe, welche bei diesem Verfahren 
fallt, ungeeignet ist, als Futtermaterial zu dienen, während die Schlempe 
von der Verarbeitung des Getreides mit Malz ein höchst werthvolleii 
Futter abgiebt, ist das Verfahren durchaus verwerflich. 

Eines Versuches werth wäre aber das Kochen der nach dem eng- 
lischen Verfahren erhaltenen MeischwOrze mit Schwefelsäure (etwa 
1 Proc.) zur vollatändigen Umwandlung des darin vorhandenen Gumniiä 
in Zucker. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass dadurch der Ertrag an 
Alkohol nicht unerheblich gesteigert würde. 

Aus Reis. Es sind begreiflich nicht die ausgezeichneten Sorten 
von Reis, welche in die Brennereien kommen, sondern die nicht völlig 
weissen und die kleinkörnigen Sorten, z. B. der Arracan-Reis, ausser- 
dem die Abfälle der besseren Sorten, vom Schälen und Poliren der 
Körner. 

Der Reis reiht sich durch seinen chemischen Bestand den Getreide- 
arten an; er enthält Stärkmehl und Proteinstoflo. Balling giebt die 
Ausbeute an Meischextract aus Reis zu 74 Proc. an ; in meinem Labo- 
ratorium wurden aus Reismehl 82 bis 85 Proc. erhalten und es blieben 
9 Proc. Trebern. Bei dem ungeschälten Reis hängt die Ausbeute an 
Meischextract von der Grösse der Körner ab, weil dadurch das Ver- 
hältniss des Korns zu der Spelze bedingt ist. Der Ertrag an Meisch- 
extract aus den Abfallsproducten von dem Schälen, Reinigen und 
Polireu des Reis ist natürlich sehr verschieden. 

Was die Verarbeitung des Reis auf eine weingahre Meische mittelst 
Malz betrifllt, so gilt dafür im Wesentlichen Alles was für die Verarbeitung 
von Mais gesagt wurde. Die harte hornartige Beschaffenheit des Reis, 
namentlich mancher Sorten, macht die Verwandlung in Mehl durchaus 
erforderlich. Ebenso sind längeres Einteigen des Reismehls und Weich- 
brühen vor dem Zugeben des Malzes unerlässlich. Sehr zweckmässig er- 
scheint der Zusatz einer geringen Menge von Malz bei dena Weich- 
brühen, um Verflüssigung zu bewirken, die Bildung einer zu dicken, 
kleistrigen Masse zu verhüten. 

In einer Brennerei in Lille (Vorstadt, Haubourdin) sah ich den 
Reis (täglich 12000 Kilogr.) mit Salzsäure 10 bis 11 Proc. vom Ge- 
wichte des Reis verarbeiten. Das säurehaltige Wasser wurde in grossen 
Bottichen, durch eingeleiteten Dampf, zum Sieden erhitzt, das Reis- 
mehl nach und nach eingeschüttet und 12 Stunden gekocht. Nach hin- 
reichendem Kochen wurde die saure Zuckerflüssigkeit in Bottiche ab- 
gelassen, darin mit kohlensaurem Kalk fast nentralisirt, hierauf abge- 
kühlt und in die Gährbottiche gebracht. Die Gährung wurde durch 
die gährende Masse selbst fortgepflanzt, sie war sogenannte continnir 
liehe Gährung. Aus einem Bottiche mit gährender Meische Hess man 
mittelst eines Hebers ungefähr ^/g des Inhalts in deu mit neutrali- 
sirter Zuckerflüssigkeit zu füllenden Bottich überfliessen. Die Gährnng 
war eine äusserst stürmische, der Inhalt der Gährbottiche schien zn 
kochen, die Temperatur war natürlich sehr hoch. Der Verlust der 
Schlempe als Futtermaterial macht das Verfahren verwerflich. In der 
fraglichen Fabrik war die Schlempe (vmasse) diie grdsste Last; nach- 
dem untersagt worden war, sie in einen Graben fliessen zu lassen, wurde 
sie in grossen in die Erde gegrabenen ausgemauerten Behältern ge- 

Digitized by VjOOQIC 



Spiritusfabrikation. 1 33 

sammelt, wo ich sie in höchst stinkender Fäulniss befindlich und rings 
umher die Lnft verpestend, antraf. 

Aus Hülsenfrüchten. Bohnen, £rbsen, Linsen, obgleich stärk- 
mehlhaltige Substanzen, sind kein lohnendes Material für die Gewin- 
nung yon Alkohol. Der Gehalt an Stärkmehl, 80 bis 40 Proc. be- 
tragend, steht in keinem günstigen Verhältnisse zu ihrem Preise. *Sie 
können übrigens wie Getreide verarbeitet werden. 

Aas Kastanien. Die Kastanien (Rosskastanien) enthalten eine 
sehr beträchtliche Menge von Stärkmehl, sind aber nicht in hinrei- 
chender Menge zu erhalten, um zur fabrikmässigen Bereitung von Al- 
kohol benutzt werden zu können. Ein bitterer Stoff macht ausserdem 
die Schlempe dem Vieh unangenehm. Die getrockneten Kastanien wer- 
den gemahlen, dabei ist für Entfernung der braunen Schale und der 
darunter liegenden Haut Sorge zu tragen, weil diese durch den Gehalt 
an Gerbstoff die zuckerbildende Wirkung des Diastas beeinträchtigen, 
ja ganz hemmen. 

Aus Kartoffeln. Die Kartoffeln sind zur Zeit bei uns das loh- 
nendste also geeignetste Material zur |Gewinnnng von Alkohol. Der 
daraus erhaltene Branntwein hat nur geringen Werth, weil das Kar- 
toffelfiiselöl sehr widrig ist. 

Die Zellen der Kartoffeln strotzen von Saft, in welchem Stärke- 
köTDchen liegen. Der Saft enthält Eiweiss, Salze und sogenannte ex- 
tractive Stoffe (siehe den Art. Solanum). Die Verschiedenheit, welche 
die zahlreichen Spielarten der Kartoffeln zeigen oder welche eine und 
dieselbe Art nach Bodenbeachaffenheit, Düngung nnd Witterung der 
Jahre zeigt, ist vorzugsweise in der verschiedenen Menge der vorhan- 
denen Stärkekömehen begründet (mehlige Kartoffeln, wässerige Kar- 
toffeln). 

Für die Spiritusfabrikation sind begreiflich die stärkmehlreichsten 
Kartoffeln die besten. Man nimmt den Durchschnittsgehalt an Stärk- 
mehl zu 20 oder 21 Proc. an. 

Die süsse gährungsfahige Meische wird aus den Kartoffeln stets 
mit Malz dargestellt, weil der Anwendung von Schwefelsäure der Aus- 
fall an Futter entgegensteht (Seite 131). Die Abweichungen zwischen 
dem Verfahren der Verarbeitung der Kartoffeln und dem Verfahren 
zur Verarbeitung des Getreides beruhen lediglich auf der Verschieden- 
heit der vorbereitenden Arbeiten, die zum Zwedke haben, die Kartof- 
feln in eine Masse zu verwandeln, auf welche das Diastas des Malzes 
gehörig zu wirken vermag. 

Die Kartoffeln können in Scheiben geschnitten, diese getrocknet und 
zermahlen werden. Das feine Schrot ist dann wie Getreideschrot mit 
Mals zu meischen. Oder die Kartoffeln können durch die Reibmaschine 
von Thierrj in Brei verwandelt werden, der dann dem Meischprocesse 
unterworfen wird. Oder endlich können sie gekocht und hierauf durch 
geeignete Vorrichtungen zerquetscht werden. Die zerquetschte Masse 
wird dann gemeischt. 

Der erste Weg ist umständlich und kostspielig, deshalb für die Praxis 
nicht brauchbar. Der zweite Weg verdient mehr Beachtung als ihm 
bislang zu Theil geworden; der dritte Weg ist der, welcher allein in 
den Brennereien betreten wird. Der Aufwand an Heizmaterial, welchen 
das Kochen erfordert, kommt nicht in Betracht, weil durch die heisse 
Kartoffelraasse die Meischtemperatur ersielt wird. 

Digitized by VjOOQIC 



1 34 Spiritusfabrikation. 

Die Kartoffeln sind in der Regel durch anhängende Erde so ver» 
unreinigt, dass sie gewaschen werden müssen. Man bedient sich dua 
in allen grösseren Brennereien der Waschmaschine von Champon- 
nois, welche in den Rübenzuckerfabriken zum Waschen der Rübeo 
dient. 

Das Kochen der Kartoffeln geschieht allgemein durch Wasser^ 
dampf in einem aufrechtstehenden Fasse, dem Kartoffeldampflasse. 

Man erkennt das Gahrsein der Kartoffeln mittelst eines eisernen 
Stabes, den man durch eine Oeffnung über dem EU>6te oder Siebboden 
des Fasses in die ELartoffeln stösst. Lässt sich der Stab leicht ein- 
stoBsen, zeigen sich die Kartoffeln hier völlig weich, so sind sie im 
ganzen Fasse weich, denn sie werden, wegen des geringen specifi- 
schen Gewichts des Wasserdampfes, oben im Fasse früher gahr als 
unten. Man schliesst dann den Dampfhahn so weit, dass nur noch eine 
kleine Menge Dampf in das Fass tritt, um die Temperatur während 
des Zerquetschens der Kartoffeln, das nun sogleich ausgeftihrt werden 
muss, hinreidiend hoch zu erhalten. Fasst man den anatomischen 
Bau und den chemischen Bestand der Kartoffeln ins Auge, so erge- 
ben sich die Veränderungen, welche sie beim Kochen erleiden, sehr 
leicht. Die Kartoffeln enthalten, wie früher gesagt, eine eiweisshal- 
tige Flüssigkeit (Saft), worin Stärkekörnchen liegen. Bei dem Ko- 
chen zerplatzen die Stärkekörnchen, die innere Substanz derselben 
saugt den flüssigen Inhalt der Zellen auf, die mehr oder weniger zerstört 
werden, und bildet damit eine ziemlich feste Masse; zugleich gerinnt 
das Ei weiss und bindet ebenfalls Wasser. Die rohe Kartoffel verhalt 
sich zu der gekochten, wie das rohe Ei, zu dem hart gekochten El 
Rohe Kartoffeln enthalten flüssiges Wasser, sie geben zerrieben einen 
ziemlich flüssigen Brei, in den gekochten Kartoffeln ist das Wasser so 
aufgesogen, dass sie beim Zerdrücken eine trockene Masse bilden. Die 
mehr oder weniger mehlige Beschaffenheit der Kartoffeln hängt von 
dem Verhältnisse des Wassers zum Stärkmehl ab; je mehr Stärkniefal, 
je weniger Wasser vorhanden, desto mehliger sind die Kartoffeln, desto 
weniger feucht erscheinen sie nach dem Kochen. 

Zum Zerquetschen der gekochten Kartoffeln dienen glatte Quetsch- 
walzen, jetzt fast allgemein von Gusseisen, hohl gegossen, früher hänfig 
von Stein, ja selbst von Holz. Damit die Walzen die Kartoffeln gnt 
fassen, müssen sie einen beträchtlichen Durchmesser haben, bis 2 Foss. 

Die zerriebenen Kartoffeln werden sogleich in den Meischbottich 
geworfen, in welchem sich das Malzschrot mit Wasser eingeteigt be- 
findet. 

Die heisse Kartoffelmasse erhöht nach und nach die Temperator 
des eingeteigten Malzes und nach beendetem Eintragen nuiss die Tem- 
peratur 62^ bis 6ö<^C. betragen. Die Menge und die Temperatur des 
Einteigwassers müssen danach passend gewählt werden und die Schnel- 
ligkeit des Zerquetschens der Kartoffeln ist danach abzumessen; Nach 
beendetem Meischen bleibt die Meisclie 2 bis 3 Stunden stehen, damit 
die Zuckerbildung gehörig erfolge. 

In allen grösseren Brennereien wird jetzt das Meischen roittekt 
eines im Meischbottiche befindlichen Rührwerkes ausgeführt i). Der 
Meischbottich ist dann tief und rund, und die Quetschmaschine erhalt 



>) S. Ottos landwirtbschaftl. Gew. 6. Aufl. S. 364, Brannschw. 1860. 

Digitized by VjOOQIC 



Spiritusfabrikation. 135 

ihren Platz auf dem Bottiche, so dass die zerquetschte Kartoffelmasse 
unmittelbar in den Bottich fallt. 

Da die zerquetschten Kartoffeln unmittelbar in das eingeteigte 
Malz fallen, so kommen sie sehr heiss in dasselbe, was berücksichtigt 
werden muss, damit sich die Temperatur der Meische nicht über 65 o C. 
erhöhe. Uebrigens bleibt Alles ungeandert; man bringt etwa ^s 3ton<ie 
vor dem Gahrwerden der Kartoffeln das Einteigwasser in den Meisch» 
bottich, 8 bis 9 Liter auf 100 Pfd. Kartoffeln, lässt das Bührwerk an- 
gehen und schüttet nach und nach das Malzschrot oder zerquetschte 
Malz ein. Dann schreitet man zum Zermahlen der Kartoffeln. Man kann 
diese Operation einigemal auf einige Minuten unterbrechen, damit Ver- 
fliUsigung der Meische erfolge und zu bedeutende Temperaturerhöhung 
vermieden werde. Unter Umständen kann es nothig sein, kaltes 
Wasser zur Abkühlung zuzugeben; besser ist es aber stets, das Einteig- 
wasser in solcher Menge und von solcher Temp^atur anzuwenden, 
dass angebührliche Erhöhung der Temperatur der Meische nicht ein- 
tritt. Die Meische bleibt auch hier, bei bedecktem Bottiche, 2 bis 3 
Stunden stehen. 

Das beschriebene einfache Meischverfahren erleidet in manchen 
Brennereien Abänderungen. 

Mag man nun nach der einen oder anderen Weise gemeischt haben, 
immer muss die Meische eine gleichartige möglichst klumpenfreie süsse 
Masse darstellen. Beschaffenheit der Kartoffeln und Stellung der 
Quetschwalzen haben darauf grossen Einfluss. Das Fortschreiten der 
Zuekerbildung giebt sich durch die bekannten Erscheinungen kund; die 
Meische wird durchscheinender, dünner, süsser. 

Es ist nicht zu leugnen, dass die jezt üblichen Quetschwalzen zum 
Zermahlen der gekochten Kartoffeln immer noch recht unvollkommene 
Zerkleinernngsapparate sind. Zerdrücken auch die Walzen, bei rich- 
tiger Stellung, Kartoffeln von sehr mehliger Beschaffenheit so, dass die 
Masse locker pulverig erscheint, so zerkleinern sie doch Kartoffeln, 
welche schliefig oder speckig und durch Erkalten etwas zäh geworden 
sind, nicht in erforderlicher Weise. Es bilden sich dann leicht zusam- 
mengequetschte Massen, die beim Meischen nicht zergehen und auf 
welche das Diastas nicht wirken kann. Man hat sich deshalb vielfach 
bemüht, ein besseres Verfahren der Zerkleinerung der Kartoffeln an 
die Stelle des üblichen Verfahrens zu setzen. Man hat z. B. durch- 
löcherte Walzen, oder aus starkem Drahtgeflecht bestehende ange- 
wendet. 

Am sichersten wird vollständige Zerkleinerung der gekochten Kar- 
toffeln dadurch erreicht, dass man die mechanische Wirkung einer 
Quetschvorrichtung durch die chemische Wirkung des Diastas unter- 
stutzt und für Trennung des verflüssigten Antheils der Meische von dem 
noch nicht verflüssigten sorgt. Ein zur Erreichung des Zweckes sehr 
geeigneter einfacher Apparat ist von Siemens^) construirt. 

Die fertige Kartoffelmeische wird auf die Kühle gebracht, dann 
zngekühlt und in die Gährbottiche gelassen. Es gilt für diese Opera- 
tionen, was darüber bei der Getreidemeische gesagt wurde (Seite 126); 
doch ist hier das Verhältniss der trockenen Substanz zum Wasser an- 
ders zu berechnen. Der Wassergehalt der Kartoffeln beträgt im AU- 



1) S. Otto'8 landwirthscham. Gew. 5. Aufl. S. S74, Braunschw. 1860. 

Digitized by VjOOQIC 



136 Spiritusfabrikation. 

gemeinen 70 biB 75 Proc, es bleiben also för Trockensubstonz 30 bis 
25 Proc. Würde man sum Meischen und Zukühlen auf 100 Pfd. Kar- 
toffeln 400 Pfd. Wasser nehmen, so hätte man in dem Gahrbottiche 
auf 25 bis 30 Pfund Trockensubstanz 475 bis 470 Pfd. Wasser, also 
das Yerhältniss 1:19 oder 1 : 15,6. Man muss also nur die Trocken- 
substanz in Rechnung bringen und den Wassergehalt der £[artoffeln dem 
Meischwasser und Zukühlwasser zurechnen. Für das anzuwendende 
Malz wird die Menge des Wassers besonders berechnet. 

Bei der Berechnung des Volumens der Meische setzt man das Vo- 
lumen der Trockensubstanz der Kartoffeln und des Malzes gleich ^4 ^ 
Volumens des gleichen Gewichts Wassers. Es ist klar, dass das Vo- 
lumen, welches die Kartoffelmeische bei gleichem Verhältnisse der 
Trockensubstanz zum Wasser einnimmt, etwas verschieden sein mius, 
nach dem grösseren oder geringeren Gehalte der Kartoffeln an Trocken- 
substanz und nach dem grösseren oder geringeren Zusätze von Malz- 
schrot. 

Für den mittleren Gehalt der Kartoffeln an Trockensubstanz 
(28 Proc) und für einen Zusatz von 5 Proc. trockenem Malze ergiebt 
die folgende Tabelle das Volumen, den Baum. 

100 Pfd. Kartoffeln und 5 Pfd. Malzschrot nehmen bei einem Ver- 
hältnisse der trockenen Substanz zum Wasser wie: 

1:7, 1:61/2, 1:6, 1:5V«, ^'^i 1 • ^Va» 1 = ^1 liS^l^^liS, 
den Baum ein von 

128 119 111 103 94,5 84 78 70 61,8 Liter. 

Wird Grünmalz anstatt trockenen Malzes angewendet, so darf natür- 
lich auch dieses nicht als Trockensubstanz gerechnet werden, sondern 
man hat die entsprechende Menge trockenes Malz in Bechnung zu bringen. 
1 Pfd. Grünmalz entspricht 0,6 Pfd. trockenem Malze. Für 5 Pfd. 
Grünmalz werden also 3 Pfd. trockenes Malz gerechnet. 

100 Pfd. Kartoffeln und 5 Pfd. Grünmalz erfüllen bei einem 
Verhältnisse der trockenen Substanz zum Wasser wie 

1:7, 1:6V2, 1:6, 1:5V2, 1:5, 1:41/«, 1:4, 1:31/2,1:3 
den Baum von 

120 112 104,5 96,7 89 81 73,6 65,8 58 Liter. 

Der Gebrauch dieser Tabellen zur Berechnung der Menge Kar- 
toffeln für die Grösse des Gährraums ist oben Seite 127 erläutert. 

In der zugekühlten Meische wird die Concentration der Meisch- 
würze durch das Saccharometer erkannt Die Concentration (gewöhn- 
lich 16 bis 18 Grad) ist begreiflich verschieden nach dem Gehalte der 
Kartoffeln an Trockensubstanz, nach dem Verhältnisse des Malzes zu 
den Kartoffeln, nach der Menge Wasser oder nach der vollkommenem 
oder unvollkommenem Zerkleinerung der Kartoffeln. Man kann an- 
nehmen, dass 100 Pfund Meische 96,5 Pfund Meischwürze enthalten, 
100 Liter Mei«che 97 Liter Meischwürze. In der Praxis geschieht die 
Ermittelung der Concentration erst nach dem Zugeben der Hefe, weil 
man die Saccharometer -Anzeige zur Erkennung des Grades ^er Ver- 
gährung benutzt« 

Dass es möglich ist, Kartoffelmeischen in die Gahrbottiche zu brin- 
gen, welche extractreicher sind als die Getreidem eischen , hat darin 
seinen Grund, dass die Kartoffeln weniger Stoffe enthalten, die beim 
Meischen ungelöst bleiben, und dass das Ungelöste nicht so bedeutend 
aufquillt. Würde bei dem Meischen das Stärkmehl bis auf die letzte 



Digitized by VjOOQIC 



Spiritusfabrikation. 137 

Spur gelöst^ 8o würden 100 Pfund Kartoffeln nur etwa 2 Pinnd Cellulose 
ongelöst hinterlassen. Das Sehrotgemenge für die Getreidemeische, hin- 
terlässt dagegen von 100 Pfand an 26 Pfund Trebem (S. 128). In der 
Praxis wird bei den Kartoffeln der hohe Grad von Verflüssigung nicht 
erreicht; es findet sich stets ungelöste Kartoffelniasse in der Meische. um 
concentrirtere und doch hinreichend dünnflüssige Kartoffelmeische in die 
Gakrbottiche zu bringen, entfernt man hie und da die ungelösten Stoffe 
aus der Meische durch eine Sieb Vorrichtung, die sogenannte Pellkufe, 
ein vierseitiges flaches Gef äss mit durchlöchertem Boden von Zinkblech, 
das man auf die Kühle stellt und durch welches man die süsse Meische 
ans dem Meischbottiche fliessen lässt. Bei der Anwendung der oben 
erwähnten Apparate zur vollständigen Zerkleinerung der Kartoffeln, ist 
natürlich eine solche Siebvorrichtung nicht nöthig. 

Ueber das Anstellen und die Gährung der Kartoffelmeische braucht 
dem nichts hinzugefügt zu werden, was darüber bei der Getreide- 
meische gesagt worden ist (S. 129). Man benutzt fast ohne Ausnahme 
zum Anstellen Schrothefe, Kunsthefe, und zwar besonders die Grün- 
malzhefe. Die Menge dieser Hefe, welche oben S. ISO als ausreichend 
für 1000 Pfund Getreide oder Malz angegeben ist, reicht für 3500 bis 
4000 Pfund Kartoffeln aus. Bisweilen benutzt man Kartoffelmeische 
bei der Bereitung der Hefe, was indess nicht so gut Wenn Presshefe 
oder Bierhefe angewandt wurde, stellt man auch damit einen Theil der 
wärmeren Meische vor. 

Die Grährung der Kartoffelmeische zeigt im Wesentlichen diesel- 
ben Erscheinungen wie die Gährung der Getreidemeische , und wie 
bei dieser haben Art der Hefe, Temperatur beim Anstellen, Goncen- 
tradon and Quantität der Meische, Gestalt der Bottiche, Temperatur 
des Gährlocals, Einfluss auf den Verlauf. 

Kräftige Kunsthefe bringt in einer concentrirten bei etwa Id^^C. 
angestellten Meische nach einigen Stunden eine Bewegung hervor, bei 
welcher die Meische auf verschiedenen Stellen emporquillt und an an- 
deren wieder niedersinkt, worauf nach 10 bis 15 Stunden die Masse 
in Perioden von 8 bis 10 Minuten regelmässig steigt und fällt (Ebbe 
und Fluth). Sehr gewöhnlich findet man auch die wälzende Gährung. 
Presshefe und Bierhefe, so wie dünne Meische und höhere Temperatur 
des Gährlocals veranlassen, dass die Gährung schaamig ist 

Ueber den Verlauf der Gährung belehrt wieder das Saccharome- 
ter. Die Hauptgährung ist bei sogenannter viertägiger Gährung schon 
nach 48 Stunden beendet Nach B allin g zeigte eine Kartoffelmeisch- 
würze, deren Concentration 16 Proc. war, nach 24 Stunden 10 Proc, 
nach 48 Stunden 2 Proc, nach 60 bis 66 Stunden 1 Proc. am Sac- 
charometer. Die scheinbare Attenuation war also 15 Proc. Saccharo- 
meter- Anzeige, der Vergährungsgrad i*/i6 =^ 0,987 oder 93,7 Proc. 
Die Temperatur war bei der Gährung von 180C. auf 32^0. nach 40 
Stunden gestiegen. Da der Alkoholfactor für 16procentige Meisch- 
wttrze 0,4267 ist (s. Bier, Untersuchung desselben, Bd. II, 1, 
S. 1081), so enthielt die ansgegohrene Meischwürze 15 . 0,4267 = 
6,4 Gewichtsprocente Alkohol Da 100 Pfund Meische ungefähr 50 
Uter Meische sind und 6,4 Pfund Alkohol = 6,4 . 63 = 403 Quart- 
piocent Alkohol, so- musste 1 Liter der Meische 8 Literprocent Alkohol 
liefern. 

Die Verarbeitung der Kartoffeln auf eine süsse Meische durch 

Digitized by VjOOQIC 



1 38 Spiritusfabrikation. 

Schwefelsäure macht es möglich, eine conoentrittere Meische in die 6&hr- 
bottiche zu bringen, weil voUst&ndigere Verflfissigang stattfindet, aber 
die Unbrauchbarkeit der Schlempe als Fnttermaterial wiegt den dadoroh 
ernelten Yortheil bei weitem auf. Für die Verarbeitung mit Schwefel- 
säure warden übrigens die Kartoffeln roh zerrieben, der Brei wird in 
siedendes mit. Schwefelsäure (ly, bis 2 Proc der Kartoffeln) ange* 
säuertes Wasser naqh und nach eingetragen. Die fertige Meische wird 
vor dem Anstellen mit kohlensaurem Kalk fast nentralisirt. 

Bei der Fabrikation der Kartoffelstärke bleibt neben anderen 
Abfällen stärkehaltige Faser (gros aon) zurück, welche 10 bis 12 Proc 
trockene Stärksubstanz enthält und zur Gewinnung von Alkohol be- 
benutzt werden kann. 

Die Zuckerbildung muss hier durch Schwefelsäure bewerkstelligt 
werden, in der Weise, wie es eben für die zerriebenen Kartoffeln selbst 
angedeutet ist. 

Die Erdäpfel oder Topinambour, die Knollen von ßeUanßm 
tuberosuB^ enthalten kein gewöhnliches Stärkmehl, sondern vorzugsweiie 
unkrystallisirbaren Zucker und Inulin, welches noch leichter als du 
gewöhnliche Stärkmehl durch Diaatas und Säuren in Zucker übergeht 
Schulz-Fleeth fand darin 80 Proc. Wasser, 16 Proc Zucker und Inn- 
lin, 1,8 Proteinstoffe, 1,25 Proc. Cellulose. 

Die gewaschenen Knollen werden gedämpft, gequetscht und mit 
Grünmalz, gemeischt Das bei dem Dämpfen abfliessende Wasser moss 
in den Meischbottich geleitet werden, weil es sowohl Zucker als Innlin 
enthält Die Meische ist braun, nicht so dick als Kartoflelmeische nnd 
schmeckt widrig süss. Da die alkoholgebenden Bestandtheile der Erd- 
äpfel zu|n grössten Theile in Wasser löslich sind, sich also im Safte be- 
finden, so hat man auch nur den Saft, der 16 bis 18 Saccharometer- 
grade zeigt, verarbeitet. 

II. Destillation der weingahren Meische. 

Der älteste einfachste Destillirapparat der Brennereien besteht 
nur aus einer Blase mit Helm und Kühlfass (s. unter DestillatioD). 

Wo man mit dem Kühlwasser sparsam umgehen muss, wendet 
man anstatt des sonst noch immer am häufigsten vorkommenden Köhl- 
fasses mit der Kühlschlange, rationellere Kühlapparate an, denen sämmt- 
lich das Princip des sogenannten Röhren -Kühlapparata von Liebig 
zu Grunde liegt. 

Die Meische wird in die Blase gebracht, so lange destillirt ab 
das Destillat noch Alkohol enthält. Der Rückstand ist die Schlempe 
oder das Spühlicht 

Das Destillat, der Lutter, ist noch nicht Handelswaare ; er mnss 
durch Rectification verstärkt werden. Man destillirt davon so lange 
ab, dass das Destillat einen Alkoholgehalt von 45 bis 50 Volumprocenten 
erhält, das ist die Stärke des Branntweins. Das später kommende alko- 
holärmere Destillat, der Nachlauf, wird bei einer folgenden Rectifica- 
tion verwendet. Man nennt die Operation der Verwandlung des Lut- 
ters in Branntwein, das Weinen oder Weinmachen. 

Soll die Destillation der Meische durch eingeleiteten Was8e^ 
dampf bewerkstelligt werden , so giebt man der Blase eine grössere 
Tiefe, damit die Meische durch den Dampfstrom vollständig aiifge- 



Digitized by VjOOQIC 



Spiritusfabrikation. 



Fig. 9. 



139 

rührt werde. Hinsichtlich des Materials zu der Blase ist man bei der 
Dampfdestillation weit weniger gebnnden, als bei der Destillation über 
directem Feaer, wo Blase und Helm stets von Knpfer sein müssen. 
Die Blase kann von Gusseisen, Holz, ja selbst ans Steinplatten zu- 
sammengefügt sein. Hölzernen Blasen giebt man gewöhnlich, um die 
Haltbarkeit zu erhöhen, eine Ausfütterung von dünnem Kupferblech. 
Fig. 9 zeigt eine für Dampfdestillation geeignete Form einer Blase aus 

Knpfer, deren dünne Seitenwände durch 
hölzerne Dauben verstärkt sind. Der obere 
und untere Boden sind gewölbt, was die 
Haltbarkeit erhöht, und von der tiefsten 
Stelle des Bodens geht das Abflussrohr 
für die Schlempe aus. 

Die Dampfdestillation bietet den we- 
sentlichen Vortheil, dass sie, weil An- 
brennen der Meische nicht möglich ist, 
die Destillation sehr dicker Meischen zu- 
lässt, welche ohne Weiteres nicht durch 
directes Feuer destillirt werden können. 
Hierzu kommt noch, dass das Arbeiten 
mit dem Dampfapparat viel reinlicher ist, 
dass die Apparate aus billigerem und 
schwächerem Material angefertigt werden 
können und demungeachtet haltbarer sind. 
In den gewöhnlichen Destillirapparaten wird die Wä^me, welche 
den ans der Blase entweichenden Dämpfen entzogen werden muss, da- 
mit sie sich zu flüssigem Destillate verdichten, auf das Kühlwasser über- 
tragen. Es liegt nun sehr nahe, einen Theil dieser Wärme auf die Mei- 
sche für die nächste Blasenfüllung zu übertragen, wodurch begreiflich 
Zeit und Heizmaterial erspart werden. Fig. 10 zeigt einen Apparat mit 
Yorwärmer. Die alkoholischen Dämpfe treten hier nicht unmittelbar 

Fig. 10. 





aus der Blase in die Kühlschlange des Kühlfasses, sondern sie passiren 
erst die kleine Schlange a des Vorwärmers, der gerade soviel Meische 
enthält, als für eine Füllung der Blase erforderlich ist, und erhitzen 
so diese Meische. Ist die Blase abdestillirt, die^ Schlempe abgelassen, 



Digitized by VjOOQIC 



140 Spiritusfisbrikation. 

80 lässt man durch das Hahnrohr 6 die heUse MeiBohe aus dem Vor- 
wärmer in die Blase flie^sen und bringt durch die Oeffnung o wiederum 
kalte Meische aus dem Gährbottiche in den Vorwärmer. Anstatt durch 
eine Schlange lässt sich der vorzuwärmenden Meische die Wärme der 
alkoholischen Dämpfe auch in anderer Weise zuführen, wie man aus 
der Construction der unten abgebildeten Apparate ersehen wird. 

Die Apparate mit Vorwärmer liefern begreiflich, wie die Appa> 
rate ohne diesen, Lutter. Allen Lutter -Apparaten kann man nun mit 
Recht den Vorwurf machen, dass sie die Erzielung von Branntwein und 
namentlich von Spiritus nur auf sehr kostspieligem Wege ermöglichen, 
weil das verdichtete und sogar abgekühlte Destillat hier wiederholt 
durch Erhitzen in Dampf verwandelt, und wieder abgekühlt werden 
muss, wozu begreiflich nicht allein ein grosser Aufwand an Zeit, son- 
dern namentlich auch an Brennmaterial erfordert wird. Ein grosser 
Uebelstand liegt besonders darin, dass das anfangs alkoholreichere De- 
stillat durch das später übergehende wasserreichere verdünnt wird. 

Man hat daher verbesserte Brennapparate construirt, welche aus 
der Meiftche unmittelbar Branntwein oder Spiritus liefern. Es sind 
dies die Apparate mit Bectificatoren und Dephlegmatoren. Mö- 
gen auch diese Apparate noch so grosse Verschiedenheit hinsichtlich 
der Form und Stellung der einseinen Theile zeigen, sie gleichen sich 
alle im Wesentlichen und man versteht sie alle leicht, wenn man die 
Principien der Bectificatoren und der Dephlegmatoren versteht. Zur 
Erläuterung derselben dient die folgende Fig. 11. Ä stellt eine 
Meischblase dar, B und C sind zwei leere Gefä«se, D ist das Kühl- 
fass. Der Hahn a ist geschlossen. Wird die Meische in Ä zum Sie- 

Fig. 11. 




den erhitzt, so treten natürlich die aus ihr entweichenden alkoholi- 
schen Dämpfe in das Gefäss B^ wo sie, weil das Gefäss kalt ist, zu 
einer alkoholischen Flüssigkeit verdichtet werden. Die fortwährend 
aus der Meische nachströmenden Dämpfe erhitzen aber die in B ver- 
dichtete Flüssigkeit bald wieder zum Sieden, es entweichen aus B 
Dämpfe , welche in C treten und hier wieder anfangs verdichtet wer- 
den. Durch die Dämpfe aus B wird aber die Flüssigkeit in C ebenfalls 
bald wieder zum Sieden gebracht, und die aus C entweichenden Dämpfe 
gelangen jetzt in die Kühlschlange, wo sie sich zu Destillat verdichten, 

Digitized by VjOOQIC 



Spiritusfabrikation. 141 

Das Destillat ist nun begreiflich bedeutend alkoholreicher als es ohne 
das Vorhandensein der beiden Gef ässe B and C sein würde, denn es hat 
in B eine erste Rectification, in C eine zweite Rectification stattgefun- 
den (s. S. 111). Diese wiederholten Destillationen verursachten keinen 
Mehraufwand an Heizmaterial, denn sie fanden statt, ehe aus der 
Meische in A aller Alkohol verflüchtigt war. Darin liegt die 
Erspamiss; es wurde die latente Wärme der aus der Meischblase ent- 
weichenden Dämpfe, anstatt sie wie bei den älteren Apparaten durch 
Kühlwasser zu entziehen, hier benutzt, um die in B anfangs verdich- 
tete Flüssigkeit nochmals zu destilliren, zu rectificiren, u. s. f. 

Weil eben in B und C Rectification stattfindet , 8o nennt man die 
beiden Gefässe Bectificatoren, und diesen Namen erhält nun jeder 
Theil eines Destillirapparats, mag er eine Form haben, welche er wolle, 
in welchem eintretende alkoholische Dämpfe sich zur Flüs- 
sigkeit verdichten, in welchem aber die verdichtete Flüssig- 
keit durch nachströmende alkoholärmere Dämpfe wiederum 
erhitzt und destillirt wird. 

Ist bei der Destillation der Zei^ankt eingetreten, wo die aus A 
entweichenden Dämpfe -alkoholleer sind, so muss die Destillation unter- 
brochen werden. Die Flüssigkeiten in B und C sind dann noch nicht 
alkoholleer; aber man würde den ganzen Yortheil opfern, welchen die 
Bectificatoren gewähren können, wollte man durch den alkoholleeren 
Dampf aus A^ den Alkohol ans B und Cabdestilliren. Man lässt deshalb 
die Schlempe aus A ab, füllt A mit frischer Meische und öflhet den Hahn 
a, damit die schwache alkoholische Flüssigkeit , welche sich in B und 
C befindet, das sogenannte Phlegma oder der Lutter, nach Ä zu der 
Meische fliesse. Dann beginnt die Destillation von Neuem. 

Bleibt an dem Apparate der Hahn o, vom Beginn der Destillation 
an und fortwährend offen , so kann sich natürlich in B und C keine 
Flüssigkeit ansammeln. Die aus der Meischblase A nach B tretenden 
alkoholischen Dämpfe werden hier anfangs, weil B kalt, vollständig ver- 
dichtet und die Flüssigkeit fliesst nach A zurück. Dies dauert aber nur 
einen Augenblick, denn B wird durch die Dämpfe erwärmt, die Dämpfe 
treten nicht mehr in einen kalten Baum, sondern in einen erwärmten. 
Es erfolgt dann eine Scheidung der Dämpfe in alkoholreichere Dämpfe, 
welche ihren Weg fortsetzen, nach C übertreten, und in eine alkohol- 
ärmere Flüssigkeit, welche liach A zurückfliesst. In C wiederholt sich 
derselbe Vorgang. 

Diese Scheidung alkoholischer Dämpfe in alkoholreichere Dämpfe 
und alkoholärmere Flüssigkeit wird Dephlegmation oder Dephleg- 
miruDg genannt, die Theile eines Apparats, in welchem sie stattfindet, 
heissen Dephlegmatoren, die niedergeschlagene alkoholärmere Flüs- 
sigkeit nennt man Phleigma. Es leuchtet ein, dass die Dephlegmatoren 
stets eine Temperatur haben müssen, welche niedriger ist als die Tem- 
peratur der in sie eintretenden alkoholhaltigen Dämpfe, denn nur dann 
bt Dephlegmirung möglich. ,Die Dephlegmirung ist um so stärker je 
niedriger die Temperatur; aber diese darf begreiflich nie unter den 
Siedepunkt des Alkohols (79^ C.) herabgebracht werden, weil sonst 
vollständige Verdichtung stattfindet. Fast immer wendet man erwärm- 
tes Wasser an, um die Dephlegmatoren auf der bestimmten Temperatur 
zu erhalten. 

Soll ein Dephlegmator seinen Zweck möglichst vollständig erfül- 



Digitized by VjOOQIC 



142 Spiritusfabrikation. 

len^ so mttssen in demselbeo die alkoholischen Dämpfe, zu einer dün- 
nen Schicht ausgebreitet, mit der abkühlend dephlegniirenden Flache 
in Berührung kommen. Kugelförmige oder eiförmige Dephlegmatoren, 
wie die oben abgebildeten, können nur wenig wirken, nicht viel mehr 
als ein grosser Helm. £ine sehr übliche und zweckmässige Form 
eines Dephlegmators, des sogenannten Pistor ins' sehen Beckens, zeigt 
die Fig. 12. Die aus der Bohre a eintretenden alkoholischen Dämpfe 



Fig. 12. 




werden durch die Scheibe 
bh genöthigt sich auszu- 
breiten und in der Rich- 
tung der Pfeile zu gehen. 
Die untere Fläche des De- 
phlegmators wird durch die 
Luftströmung gekühlt, die 
obere Fläche .durch auf- 
fliessendes Wasser. 
Am sichersten erfüllen die Dephlegmatoren ihren Zweck, wenn in 
denselben eine sehr allmälige Erniedrigung der Temperatur der Dämpfe 
stattfindet, woraus sich dann die Nothwendigkeit der Verlängerung des 
Weges für die Dämpfe von selbst herausstellt Man benutzt deshalb 
für starke Dephlegmation zwei, drei, ja noch mehr Dephlegmatoren, 
deren Temperatur zunehmend geringer gehalten wird. 

Bei der Abkühlung der Dämpfe in Dephlegmatoren wird mit dem 
Wasserdampfe um so mehr Alkoholdampf verdichtet, je alkoholärmer 
die Dämpfe sind und je stärker das Product sein solL Deshalb ist De- 
phlegmirung nur für schon alkoholreiche Dämpfe vortheilhaft, während 
Rectification sich zur Abscheidung des Alkohols aus alkoholärmeren 
Flüssigkeiten am besten eignet ' Wenn sich daher an einem Apparate 
Rectificatoren und Dephlegmatoren finden, so müssen jene immer die* 
sen vorangehen und das Phlegma fliesst dann aus den Dephlegmato- 
ren in die Rectificatoren. Fig. 13 zeigt den Destillirapparat mit Bec- 
tificator von Dorn, der unmittelbar Branntwein giebt 




Digitized by VjOO^IC 



Spiritusfabrikation. 143 

Die Dämpfe der Meische treten aus dem Helme B in die Schlange 
q des Vorw&rmerB C, gelangen dann bei g in den Rectificator D, wo 
die anfangs verdichtete Flüssigkeit bald wieder zum Sieden kommt mid 
von wo die nun entweichenden alkoholreichen Dämpfe in die Schlange 
des Kühlfasses E geführt werden. Man destillirt, bis aller Alkohol 
aas der Meische verflüchtigt ist, was durch den Probehahn r (am Helme), 
der die Dämpfe in die Schlange eines kleinen Kühlfasses leitet, erkannt 
wird. Die Schlempe wird dann aus der Blase abgelassen; die vorge- 
wärmte Meische des Vorwärmers kommt durch den Hahn e in die 
Blase, zugleich auch durch den Hahn / die Flüssigkeit, welche sich in 
dem Rectificator angesammelt hat. 

Pistorius war in Deutschland der Erste, welcher zwei Meisch- 
blasen anstatt einer einzigen benutzte und welcher neben dem Rectiii- 
cations-Principe zugleich das Dephlegmations-Princip auf zweckmässige 
Weise in Anwendung brachte. Fig. 14 (s. f. S.) zeigt einen Pisto- 
rias'schen Apparat neuester Gonstruction für die Destillation mit Dampf, 
der unmittelbar Spiritus von 80 Proc. und darüber liefert. 

A ist die erste Meischblase, B die zweite , welche so viel höher 
steht, dass die Meische daraus in die erste gelassen werden kann. C* der 
Vorwärmer oder Meischwärmer, C der darunter befindliche Rectificator. 
^ebenfalls ein Rectificator, gewöhnlich Niederschlagblase genannt. N^- 
ben dem Rectificator C und dem Vorwärmer C^, und etwas höher, stehen 
die drei Dephlegmatoren. Beide Blasen und der Vorwärmer erhalten die 
gehörige Füllung Meische. Durch den einströmenden Wasserdampf wird 
die in der Blase A befindliche Meische zum Sieden gebracht. Die aus die- 
ser Blaae entweichenden alkoholischen Dämpfe treten in die Meische 
der Blase B, erhitzen sie und bringen dieselbe ebenfalls zur Destilla- 
tiofl. Die nun alkoholreicheren Dämpfe, welche diese Blase ausgiebt, 
gelangen in den Rectificator F. Sie werden hier anfangs verdichtet, 
aber die Flüssigkeit wird durch die nachströmenden Dämpfe sehr bald 
wieder siedend und giebt nun noch alkoholreichere Dämpfe aus. Diese 
treten in den Rectificator C, in welchem, wie man sieht, der Vorwär- 
noer C* so eingehängt ist, dass an den Seiten ein sehr enger Raum, 
onten ein weiterer Raum vorhanden ist. Die eintretenden Dämpfe wer- 
den auch hier wieder anfangs verdichtet; die verdichtete alkoholische 
Flfissigkeit sammelt sich am Boden von C an; die nachströmenden 
Dampfe, von einer Kappe genöthigt durch die Flüssigkeit zu gehen, 
Ivingen aber diese wieder zur Destillation. Nachdem die, nun schon 
»ehr alkoholreichen Dämpfe den Boden und. die Seiten wände des Vor- 
wärmers umspielt haben, so die Meische vorgewärmt haben und selbst 
dadurch dephlegmirt sind, gelangen sie nun endlich durch das seit- 
liche Abzugsrohr in die drei übereinander stehenden, von auflfliessen- 
dem Wasser gehörig gekühlten Becken, wo sie beliebig stark dephleg- 
wt werden können und von wo ab sie in die Kühlschlange über- 
gehen. 

Die Destillation muss auch hier wieder unterbrochen werden, so- 
li«ld die Meische in der ersten Blase alkoholleer geworden ist Die 
Schlempe wird dann abgelassen, die siedend heisse Meische der zwei- 
ten Blase kommt in die erste Blase, die zweite Blase erhält die vorge- 
wärmte Meische des Vorwärmers. Die Flüssigkeit (Phlegma, Lutter), 
welche sich in dem Rectificator C angesammelt hat, lässt man in den Rec- 
tificator jP ab, in welchem sie durch eingeleiteten Wasserdampf ab- 



Digitized by VjOOQIC 



1 44 Spiritus&brikation. 

destillirt wird. Fehlt der Rectificator F, die sogenannte Niederschlags- 
blase, wie es der häufigere Fall ist, so. treten die alkoholischen 
Dämpfe ans der zweiten Blase unmittelbar unter die Kappe des Recti- 




Digitized by VjOOQIC 



Spiritusfabrikation. 145 

ficators C^ und was sich in C an Fl&ssigkeit sammelt, läset man dann 
nach jeder Destillation in die zweite Blase zurück ^). 

Sehr verschieden von den in Deutschland gebräuchlichen Appara- 
ten, sind die Apparate, welche in Frankreich und Belgien sehr allge- 
mein benatzt werden. Es sind dies sogenannte continuirliche Apparate 
oder Colonnen, ip welche die alkoholhaltige Flüssigkeit oben einfliesst und 
unten als Schlempe abläuft Fig. 15 (s. f. S.) zeigt eine solche Colonne, 
an welcher ein Theil offen dargestellt ist, um die Einrichtung im Inne- 
ren erkennen zu lassen. Die Colonne wird von einer grossen Zahl über- 
einander stehender Becken oder Abtheilungen {casea) gebildet, welche 
die Einrichtung von Rectificatoren haben. Die einzelnen Becken ste- 
Hen nämlich durch mehrere, gewöhnlich sieben, kurze weite Röhren mit 
einander in Verbindung, die von glockenartigen Kappen gedeckt wer- 
den. Die Glocken zwingen die Dämpfe durch die Flüssigkeit oder Mei- 
sche zu gehen. Der Stand der Flüssigkeit in den Becken wird durch 
sogenannte Ueberlaufröhren bedingt. 

Die zu destillirende Flüssigkeit , vorgewärmt in dem Behälter B^ 
fliesst durch das Rohr c oben in die Colonne, fällt in derselben durch 
die Ueberlaufröhren (o) von einem Becken in das andere und läuft 
schliesslich unten durch das Rohr e in die Cisterne C ab. In das un- 
terste leere Becken tritt, durch das Rohr a, der Dampf ans dem Dampf- 
kessel, steigt in der Colonne in die Höhe, die Meische auf angegebene 
Weise in jedem Becken durchströmend, beladet sich dabei mehr und 
mehr mit Alkoholdampf und wird schliesslich oben aus der Colonne in 
dasKAhlfass abgeleitet, nachdem man ihn zuvor durch die Schlange des 
Vonribrmers hat gehen lassen. Man erkennt, dass in der Colonne Flüs- 
sigkeit und Dämpfe den entgegengesetzten Weg gehen, dass die Dämpfe 
von nnten nach oben zu reicher an Alkohol werden, die Meische von 
oben nach unten zu immer ärmer an Alkohol wird, und unten alkohol- 
frei als Schlempe ankommt. Das Rohr e muss tief genug in die Schlempe 
des Schlempebehälters eintauchen, damit durch dasselbe nicht Dampf 
entweichen kann. Das Rohr d dient zum Ablassen des in dem unteren 
Becken verdichteten Wassers. In den Vorwärmer tritt die Meische^ 
welche für den Apparat, wie leicht ersichtlich, nicht dickflüssig sein 
darf, durch das Rohr h ein, und zwar wird sie meistens continuirlich 
eingepumpt, in dem Maasse als unten Schlempe abfliesst. 

Die Leistungsfähigkeit dieses continuirlichen Apparats in Bezug 
auf Quantität der zu destillirenden Meische ist sehr bedeutend, aber 
das Destillat {fiegme) ist nicht sehr alkoholreich , sondern nur etwa 30 
bis 40 Yolumprocente stark. Es muss deshalb, um zur Handelswaare 
n werden, noch Rectification erleiden. Dazu dienen den Destillir - Co- 
iHMiea ähnliche Rectifications-Colonnen, in denen oft eine 20fache 
B ialttca tion und dann noch Dephlegmation stattfindet. Die Rectifica- 

»bl aber keine continuirliche, die Colonne steht deshalb auf einer 
^ welche mit dem schwachen Producte gefüllt wird und in der 
Xtaunpfspirale zum Erhitzen des Inhalts liegt ^). 
Solche Apparate liefern begreiflich nicht alles Destillat von glei- 



^) Man kann die eiozelnen Theüe des Apparates natürlich anch in anderer 
Webe stellen, b. Otto's landwirthschafU. Gew. S. 481. 

*) Einen Bectiflcationa-Apparat dieser Art s. Otto^s landwirthschaftliche Qe- 
wcib« S. 468. 

\ der Ohemlt. Bd. YIII. XO 



Digitized by VjOOQIC 



146 Spiritusfabrikation. 

eher Stärke und auch nicht von gleicher Reinheit. Man erhält anfangs 
ein Product von vielleicht 90 bis 92 Proc, dann schwächeres. Ist der 

Fig. 15. 




Digitized by VjOOQIC 



Spiritusfabrikation. 147 

Alkoholgehalt auf etwa 50 Proc. herabgekommeiii, so »teilt man, wie 
schon angedeutet, den Wasserzufluss am Dephlegmator ab und destil- 
lirt bis 0. Das ganz zuerst übergehende Destillat (la tele) wird beson- 
ders gesammelt, es ist nicht rein, da die Dämpfe aus denen es entstan- 
den, Colonne und Schlange reinigten. Dann kommt da» ausgezeich- 
netste und stärkste Product {bon g(mt\ das spätere schwächere Pro- 
dnct dient für gewisse Verwendungen, das letzte Product {mauvaia gout^ 
la queue) wird wieder mit rectificirt, eben so die tSu, 



Fig. 16. 




Bei dem Apparate von 
Cellier-Blumenthal, der in 
Frankreich sehr verbreitet ist, 

[indeiL *\vh Kectiticatiün und 
Üe^^tillfttiiin (Mit einander ver- 
tu tjtleii. Fig. 16 zeigt diesen 
Apparat, der, früher nur zur 
De*tillatio» von Wein be- 
stimmt, jets!t auch zur De- 
stillation itnJerer gegohrener 

d n n n flf i * s i ge r Flu a >iigkeiten 
z. B. Kiibenpaft, benutzt wird. 

A lind fi dind liie beiden 
Blasen dea Ap|>arats B soviel 
höher stehendn dn^ns der In- 
halt diircfi c nach A abgelassen 
werden knnn. 

C' unterer Thcil der Co- 
lonne die Destillations -Co- 
lonne; B oberer Theil derCo- 
lonnu die Kectififatlons- Co- 
lonne* 

A' Vorwärmer und zugleich 
Dephlegmator, eine liegende 
Schlange, iium deren Windun- 
gen das Verdinhtete entweder 
in die Colonne zurück oder in 
da8 Schlangenrohr <ies Kühl- 
apjiarats geKoU^t werilen kann. 

F Kiihlap|iarnt, G kleines 
Reservoir für die zu destilli- 
rende Flüssigkeit, in welchem 
der Stand derFlnsfiiirkeit durch 
den öchwininier j, der an dem 



10* 



Digitized by VjOOQIC 



148 Spiritusfabrikation. 

AbfluBsrohre des grossen Reservoirs H befestigt ist, auf gleicher Hohe 
erhalten wird. 

Lässt ma^ aus dem Hahne n die Flüssigkeit ansfliessen, so ge- 
langt sie, durch das Trichterrohr k in das ganz geschlossene Köhlfass, 
wird dann , nachdem sich dies gefüllt hat, durch das Rohr g in den 
Vorwärmer übergetrieben, gelangt aus diesem, nachdem er sich gefüllt, 
durch das Rohr h in die Destill ations-Colonne und fliesst aus dieser in 
die Blase B^ aus welcher sie in die Blase A abgelassen wird. 

Denken wir uns Kühlfass und Vorwärmer völlig, die Blase B zu 
Y5, die Blase A zu ^j^ mit der Flüssigkeit gefüllt und die Destillation 
begonnen, nachdem der Zufluss in die Colonne aus dem Rohre h unter- 
brochen ist durch Schliessen des Hahnes w am Reservoir. Die aus 
der Blase A entweichenden Dämpfe erhitzen die Flüssigkeit in der 
Blase zum Sieden und zur Destillation. Die Dämpfe durchstreichen 
die Colonne C, deren 'Einrichtung sogleich erläutert werden wird, er- 
leiden in der Colonne Z>, die aus Rectiücationsbecken besteht, Rectifica- 
tion und treten in die dephlegmirende Schlange des Vorwärmers. Da 
anfangs der Inhalt des Vorwärmers kalt ist, so findet vollständige Ver- 
dichtung der Dämpfe statt. Man lässt anfangs die Flüssigkeit aus der 
Schlange durch die geöffneten Hähne nxx* in die Colonne zurGck- 
fliessen, weil dieselbe den Apparat umspühlt. 

In dem Maasse, als sich nun der Inhalt des Vorwärmers er- 
wärmt, erfolgt unvollständige Verdichtung der Dämpfe und es beginnt 
Destillat aus dem Kühlrohr bei z abzulaufen. Die Stärke des Destillats 
wird durch Oeffnen oder Schliessen der Hähne nxae' bestimmt. Nun- 
mehr öffnet man auch den Hahn w (am Reservoir), damit die vorge- 
wärmte Flüssigkeit aus dem Vorwärmer in die Colonne D einfliesse, 
anfangs in schwächerem Strahle, dann in stärkerem. In dieser Colonne 
befindet sich ein System von concaven und convexen Schalen, über 
welche die Flüssigkeit herabrinnt, sich auf denselben ausbreitend. Wäh- 
rend des Herabrinnens giebt die Flüssigkeit an die aus der Blase B 
aufsteigenden Dämpfe Alkohol ab, und kommt also theilweis entgeistet 
in die Blase B an. 

Ist nach einiger Zeit die Blase A frei von Alkohol, so lässt man 
die Schlempe davon ab, und ersetzt das Abgelassene durch Flüssigkeit 
aus der Blase B, So geht es fort ; die Destillation ist, wie gesagt, eine 
continuirliche. 

Der Apparat kann auch zur Rectification von schwachen Destilla- 
ten (Lutter, flegme) benutzt werden, man lässt dann aber zweck- 
mässig die Destillation nicht eine continuirliche sein, speist den Kuh- 
ler und Vorwärmer mit Wasser und löst das Rohr h von der Colonnei 
damit das heisse Wasser weggeleitet werden könne. 

Ertrag an Alkohol aus den verschiedenen Materialien. 

Der Gehalt an Zucker oder Stärkmehl, so wie die mehr oder we- 
niger vollständige Umwandlung in Alkohol machen nicht bloss den 
Ertrag aus verschiedenen, sondern auch aus gleichen Substanzen 
wechselnd. 

Wie S. 105 gesagt wurde, kann man für die Praxis genau genug 
annehmen, dass der Zucker bei der Gährung die Hälfte seines Gewichts 
Alkohol liefert: 1 KiL Zucker, V2 Kil. Alkohol = 68 Literprocente 



Digitized by VjOOQIC 



Spiritusfabrikation. 149 

oder 55 Quartprocente Alkohol. Ist daher der Zuckergehalt eines zucker- 
haltigen Materials ermittelt, so lässt sich die theoretische Ausbeute an 
Alkohol aus demselben angeben. Sie ist in der Praxis nahezu zu er^ 
reichen, wenn der Oährungsprocess vollständig verläuft, der Umwand- 
lung des entstandenen Alkohols in Essigsäure vorgebeugt und Verlust 
bei der Destillation möglichst vermieden wird. 

Weit unsicherer sind die Angaben, welche sich aus dem Gehalte 
eines Materials an Stärkmehl auf den daraus zu erzielenden Ertrag an 
Alkohol machen lassen. Nach den Formeln G12H10O10 und Ci9fti2 0i9 
können aas lOOThln. Stärkmehl 111 Thle. Glucose entstehen; aber bei 
dem Meischprocesse erfolgt niemals vollständige Umwandlung des Stärk- 
mehls in Glucose, es bildet sich stets zugleich Starkgiimmi, von wel« 
ehern man nicht mit Sicherheit weiss, wie viel es bei der Gährung zur 
Erzeugung von Alkohol beiträgt. Nach den Angaben der Praktiker 
stellt sich die Ausbeute an Alkohol aus stärkmehlhaltigen Substanzen 
nie höher, als sie sich berechnet, wenn man Vio^^^Vio ^^^ Gehalts an 
Starkmehl als Zucker in Rechnung bringt 

Die folgenden Angaben über den Ertrag an Alkohol aus den wich- 
tigeren der verschiedenen Spiritus- und Branntwein - Materialien sind 
der Erfahrung im Grossen entnommen. 

In England erhält man, nach La C ambro, aus 100 Kil. gutem Roh- 
zucker, bei 5 bis 6 Tage dauernder Gährung, 3780 bis 4050 Liter- 
pTOcente Alkohol; in einer Brennerei Belgiens wurden, nach Merkel, 
bei Anwendung einer bedeutenden Menge von Schlempe und bei sehr 
lebhafter Gährung 4400 bis 4500 Literprocente Alkohol gewonnen. 
Das Destillationsproduct aus indischem Rohzucker ist sehr fein, wäh- 
rend Bübcnrohzncker ein Product von unangenehmem Geruch liefert, 
wenn es nicht durch starke Rectification auf einen sehr hohen Alkohol 
gebracht ist. * 

Indische Melasse liefert, nach La Cambre, bis zu 3600 Liter- 
procente Alkohol aus 100 Kil. Merkel erhielt in Belgien 8800 Liter- 
procente. 

Für Rübenmelasse giebt La Cambre den mittleren Ertrag zu 
2500 Literprocente Alkohol pr. 100 Kil. an, Merkel zu 2750 bis 2800 
Literprocente. Bei uns erzielt man von 100 Kil., incl. des Hefen- 
schrots, 2500 bis 2750 Literprocente Alkohol, Einige wollen über 2900 
Literprocente erhalten haben. 

Die Ausbeute vonStärkezuckersyrup beträgt, nach La Cambre, 
2400 bis 3000 Literprocente Alkohol aus 100 Kil.; die Ausbeute aus 
Honig 3000 bis 3400 Literprocente. 

Bei der Verarbeitung der Zuckerrüben durch Dämpfen, Zer- 
quetschen n. s« w. resultiren in kleineren Brennereien, nach Siemens, 
aus 100 Kil. 495 Literprocente Alkohol. In Eldena wurden, nach 
Trommer, 528 Literprocente erhalten; in Weyhenstephan, nach Helfe- 
rich, 526 Literprocente. Der Ertrag aus dem Gährraume stellt sich sehr 
ungünstig zu 2,7 bis 3,2 Liter pr. Liter Gährraum. — Die Verarbeitung 
der Rüben durch Zerreiben derselben in rohem Zustande, Verdünnung des 
Breies u. s. w. gab in Belgien nur etwa 2,25 Literprocente Alkohol 
von Liter Gährraum. — Wird aus dem Brei der Rüben der Saft durch 
Anspressen oder Schlendern gewonnen, so resultirt, wenn die Vergäh- 
mng des Saftes gehörig erfolgt, nahezu die Menge Alkohol, welche 
sieh aus dem Zucker berechnet, der in dem Safte enthalten ist, etwa 

Digitized by VjOOQIC 



150 Spirituslaiupen. — Spiroischwefelsäure. 

V? des Zuckers der Bttben. Man erhält an 500 Literprooento Alkohol 
aus 100 Kil. Rüben. Der Ertrag vom G&hrraum ist ebenfalls recht 
günstig, n&mlich über 6 Literprocente vom Liter. — Für die Gewin- 
nung des Saftes aus dem Rübenbrei oder aus Rübenschnitten durch 
Maeeration gilt im Allgemeinen dasselbe , das heisst, der Ertrag an 
Alkohol entspricht der Menge des Zuckers, welche in den Macerationi- 
saft übergegangen ist. In Hohenheim wurden nach dem Macerations- 
verfahren von Siemens 570 Literprocente Alkohol aus 100 Kil. Ro- 
ben gewonnen, 5 Literprocente Alkohol ans dem Liter Gährraum. Dm 
unvollkommene Macerations verfahren von Champonnois liefert in 
Frankreich nur etwas mehr als 400 Literprocente Alkohol aus 100 Kil. 
Rüben und 3,2 Literprocente vom Liter Gährraum. — Nach dem Ver- 
fahren von Weil sollen aus 100 Kil. Rüben 460 Literprocente Alko- 
hol erhalten werden. — Das Verfahren von Le Play soll 560 Liter- 
procente Alkohol aus 100 Kil. Rüben geben. 

Bei den Angaben über den Ertrag an Alkohol aus stärkmehlhal- 
tigen Materialien muss man zuvörderst beachten , dass der Ertrag an 
Alkohol aus dem zum Meischen (zur Zucker bildung) und zur Hefe Ter- 
wandten Gerstenmalze in den Brennereien verschieden hoch angenom- 
men, also verschieden hoch in Abrechnung gebracht wird. Für das 
trockene Gerstenmalz findet man den Ertrag an Alkohol zu 25 bis 50 
Literprocenten vom Kil. angegeben, was für das Grünmalz 14,5 bis 
17 Literprocente ausmacht. Im Mittel wird man also 27,5 Proc. für 
trockenes Malz, 16 Proc. für Grünmalz rechnen dürfen. Einige lassen 
den höheren Ertrag für das Meischmalz gelten, während sie für dai 
Hefenmalz nur den niederen Ertrag annehmen. 

Der Ertrag aus 100 Kil. Weizen liegt zwischen 3000 bis 3500 
Literprocenten; der Ertrag aus Roggen ist etwa 3000 Literprocente; 
der BHrag aus Gerste schwankt von 2600 bis 2800 Literprocenten. . 

Die Angaben über den Ertrag aus Kartoffeln, weichen, abgesehen 
von anderen Ursachen, deshalb oft sehr von einander ab, weil das Ge- 
wicht der Maasseinheiten, je nachdem das Maass weiter oder enger iit 
und man beim Messen mehr oder weniger häuft, sehr verschieden sein 
kann. Man wird der Wahrheit nahe kommen, wenn man sagt, daas 
100 Kil. Kartoffeln 920 bis 1030 Literprocente Alkohol geben. 0. 

Spirituslampen s. Bd. IV, S. 765. 

Spirogyra quinina, Kützing. Diese Süsswasseralge ent- 
hält 97,5 Wasser auf 2,5 trockene Substanz, welche 7,5 Proc. Stickstoff 
und 0,28 Asche enthält. In der Asche sind 35,8 Proc. Carbonate und 
Sulfate der Alkalien und Chlornatrium, 1,5 kohlensaurer Kalk, 9,3 koh- 
lensaure Magnesia, 18,4 phosphorsaurer Kalk, 3,4 phosphorsaure Mag- 
nesia und 31,6 Kieselsäure, dann Spuren von Eisenosiyd (v. d. Mark^). 

Spirol ward auch das Phenyloxydhydrat (s.Bd. VI, S. 186) ge- 
nannt, weil es aus der Spiroylsäure aui ähnliche Weise dargestellt wer- 
den kann wie das Benzol aus Benzoesäure« 

Spiroischwefelsäure, syn. Phenyloxydschwe- 
felsäure, Bd. VI, S. 186. 



1 



Arch. d. Pharm. [2.] Bd. LI, S. 156. 

Digitized by VjOOQIC 



Spiroyl. — Spitzbeutel. 151 

Spiroyl nennt Löwig das in dem Spiräaöl enthaltene Badical, 
welches jetzt allgemein als Salicyl (s. d. Art.) bezeichnet wird, daher sind 
dann die salicylige Säure und die Salicylsäure spiroylige Säure (oder 
Spiroylwasserstoff) und Spiroylsäure. 

Spiroylamid, Spiroylamidsäure, syn. Salicyl- 
aminsäure, Bd. VII, S. 68. 

Spiroylige Säure, Siproylsäure, Spiroylwas- 
serstoff, s. Salicylige Säure, Salicylsäure und 
Salicyl Wasser st off. 

Spiroylimid, Spiroylimidamid, syn. Salicyl- 
imid s. Salhydramid, Bd. VII, S. 65. 

Spiryl, Spirylige Säure und Spirylsäure nennt 
Berzelius das Salicyl, die salicylige Säure und die Salicylsäure. 

Spitzbeutel nennt man einen kegelförmigen Sack von Leinen, 
Baumwollenzeug, Filz oder dergleichen,. in dessen Oeffnung ein eiserner 
oder hölzerner Beif eingenäht ist. Statt des Reifs kann auch ein kreisf ör- 
roigea, nach oben mit gleich weit von einander entfernten eisernen Spitzen 
▼ersehenes Tenakel gebraucht werden, auf dem man den Spitzbeutel 
befestigt. Zum Aufhängen desselben dienen drei oder vier starke 
Schnure, die nach oben durch einen Knoten vereinigt sind; oder man 
hingt den Spitzbeutel mit seinem Beif in einen passenden hölzernen 
Bock. 

Der Spitzbeutel dient zum Abfiltriren und Auswaschen von Nieder- 
schlägen, z. B. der Schwefelblumen, so wie auch zum Klären von 
Fläsaigkeiten, des gereinigten Honigs, ausgepresster Pflanzensäfte und 
dergleichen. Zu letzterem Zweck empfiehlt sich das sogenannte Tay- 
lor' sehe Filter. Dies besteht aus einem weiten langen cylindrischen, 
oben nnd unten offenen Sacke von Leinen oder dichtem Baumwollen- 
zeug, der unten regelmässig zusammengefaltet und mittelst einer star- 
ken fe«t angezogenen Schnur verschlossen wird. In der oberen Mün- 
dung befestigt man ebenfalls durch Umlegen einer Schnur die nicht zu 
enge Spitze eines Blechtrichters, dessen unterer Band ein wenig vor- 
springt, um das Herabrutschen des Sackes zu verhüten. So eingerich- 
tet wird derselbe in einen Blechcylinder von gleicher Länge gehängt. 
Der Trichter ist so weit, dass er mit seinem oberen Bande auf dem 
Cylinder liegt und von diesem sammt dem Sack getragen wird. An 
der Seite des Cylinders sind ein Paar Henkel angebracht, mittelst de- 
rer man den ganzen Apparat aufhängen kann. Benutzt man mehrere 
Filter zu gleicher Zeit, so ist es bequem, ein Brett anzuwenden, das 
mit der nöthigen Zahl Löcher versehen ist, in welche man die Filter 
hineinhängt Das Brett ruht auf einem passenden Gestell, das über 
einem hinlängUch weiten GefäsB zur Aufnahme der Flüssigkeiten steht. 
Das zn Filtrirende wird durch den Trichter eingegossen. Die Filtra- 
tion geht rasch vor sich und giebt ein klares Prodnct, weil die Form 
des Filters es mit sich bringt, dass eine hohe Flüssigkeitssäule und also 
ein starker Dmck entsteht, weil viel Fläche zum Durchfiltriren vor- 

Digitized by VjOOQIC 



152 Spieissherd und Spieissofen. — Spondumen. 

banden ist, die Unreinigkeiten sich meistens in der Spitse des Filters 
ansammeln, und bei heissen Flüssigkeiten endlich, weil der umgebende 
Cylinder die Abkühlung verlangsamt. Wp. 

Spleissherd und Spieissofen, Kupferspleissofen. 
Der Spleissofen ist ein dem Principe nach mit dem Treibofen (s. Art. 
Abtreiben 2te Aufl. Bd. I, S. 63) übereinstimmender Flammofen; 
nur ist die Haube nicht zum Abnehmen eingerichtet, sondern ein festes 
Gewölbe. Er wird benutzt zum Garmachen des Kupfers (s. Kupfer, 
Gewinnung, Bd. IV, S. 708). Seine Construction erläutert bei- 
stehende Zeichnung (Fig. 17). Auf dem Herde ^, der aus Thon ge- 
bildet, dem bisweilen etwas Sand zugemengt wird, oder aus* schwerem 
p. Gestübe geschlagen ist, 

wird das zum Garma- 
chen bestimmte Kapfer 
durch das auf dem Rost 
r brennende , über die 
Feuerbrücke b schla- 
gende Feuer einge- 
schmolzen ; ist die Ar- 
beitsoffhung, n n zwei 
Formen, durch welche 
der erforderliche Wind 
zur Oxydation der frem- 
den Beimischungen ein- 
geblasen wird. Die heis- 
sen Ga.se entweichen 
zum grössten Theil 
durch die Oeffnungen // und begeben sich von dort unter den Rauch- 
mantel, welcher über dem Ofen steht und dessen vorderer Theil von 
den Säulen pp getragen wird. Durch dieselben Oeffnungen // lasst 
man auch das gargemachte Kupfer in die Spieissherde ee ablau- 
fen, wo dasselbe gespleisst wird. Es besteht dies darin, dass sobald 
die Oberfläche des geschmolzenen Kupfers in den halbkugelförmigen 
Vertiefungen e e etwas erkaltet ist , Wasser mit Vorsicht darauf ge- 
sprengt wird, wodurch die Oberfläche vollends erstarrt und als feste 
Scheibe mit einer Gabel abgehoben, in Scheiben gerissen werden 
kann. Das gespleisste Kupfer, die Scheiben, nennt man Rosetten- 
kupfer, s ist das Schürioch, qq das Gemäuer des Ofens. V. 

Splintkohle ist als Name einer Varietät der Schwarzkohle 
mit Unrecht im Gebrauch, weil der englische Name SpUnt-coal soviel 
als Splitterkohle mit der deutsch als Blätterkohle bezeichneten Kohle 
übereinstimmt (s. unter Steinkohle). 

Spodumen, Triphan, prismatischer Triphan -Späth, 
Spodumeney Triphane^ ZeoHte de Suede, Die Zusammensetzung wird 
nach den übereinstimmendsten Analysen durch die Formel 3 Li . 2 Si O3 
-f- 4(Ala08 . SSiOg) ausgedrückt, wobei zum Theil etwas Natron, 
Kali, Kalk, Eisen u. s. w. vorkommen. Er krystallisirt klinorhombisch, 
ist isomorph mit Augit, namentlich mit Diopsid, und bildet zuweilen 
grosse Krystalle, gewöhnlich kommt er jedoch nur derb, in individua- 




Digitized by VjOOQIC 



Spongia. — Spratzen. 153 

lisirien Massen^ in kryataiiiDiBch-st&ngligeo, stänglig-blättrigen bis scha- 
ligen Aggregaten vor. Vollkommen spaltbar parallel den Querflächen, 
deutlich parallel den Flächen des Prisma ooP = 87 <> 30'; Bruch un- 
eben bis splittrig. Blassgrän ins Grünlichweisse und Grünlichgraue über- 
gehend, zuweilen auch gelblich, glasartig glänzend, auf den Spaltungs- 
flächen perlmutterartig, durchscheinend bis an den Kanten ; Strichpulver 
weiss; Härte = 6,5 bis 7,0; spröde; specif. Gewicht = 3,1 bis 3,2. 
Vor dem Löthrohre sich aufblähend^ schmilzt der Spodnmen leicht zu 
eineni klaren farblosen Glase, die Flamme vorübergehend roth färbend; 
lebhafter beim Zusammenschmelzen mit Flussspath und zweifach-schwe- 
felsaurem Kali. Mit Phosphorsalz geschmolzen, giebt er ein Kiesel- 
skelet. In Säuren ist er unlöslich. Analysirt wurde der Spodumen von 
Utö in Södermannland in Schweden von Arfvedson^), von Stro- 
meyer^), von Begnault^), von Hagen^) und von Bammelsberg^), 
der von Nor wich in Massachusetts in Nord* Amerika von G. J. Brush<^), 
von demselben und J. L. Smith^, der von Sterling ebendaselbst von 
C. Rammelsberg^), von J. L. Smith und Brush^) und der von 
Sterzing in Tirol von C. Rammeisberg ^o). K. 

Spongia, s. Schwamm, Badeschwamm, Bd. VII, 
S. 383. 

S p o n g i n ^^) nennt S t adele r die fadenförmige Gewebesubstanz 
des Badeschwammes, die in vielen Beziehungen mit dem Fibroin über- 
einstimmt, allein in einigen wesentlichen Punkten davon abweicht; 
während nämlich das Fibroin der Seide bei der Zersetzung durch Schwe- 
felsäure Leu ein und eine reichliche Menge (etwa 5 Proc.) Ty rosin 
liefert, erhält man bei gleicher Behandluog des Spongins keine Spur 
von Tyrosin, sondern Leucin un<I Glycin^ und es schliesst sich da- 
durch das Spongin den leimgebenden Stoffen in derselben Weise an, 
wie das Fibroin dem Schleim- und dem Horngewebe. Demungeachtet 
aber giebt das Spongin, nach Städeler's Versuchen, beim Kochen mit 
Wasser keinen Leim. In verdünnter Natronlauge ist es in der Kälte 
wenig, in der Wärme dagegen leicht löslich. Concentrirte Schwefel- 
säure löst es schon beim gelinden Erhitzen rasch auf, wobei schwach 
bräanliche Färbung eintritt. Concentrirte Salz- und Salpetersäure lö- 
sen es ebenfalls beim Kochen, und in beiden Fällen erhält man farblose 
Lösungen. 

Städeler stellte das Spongin dar, indem er in kleine Stücke zer- 
schnittenen Badeschwamm mit verdünnter Salzsäure und hierauf mit 
5procentiger kalter Natronlauge erschöpfte, vollständig auswusch und 
trocknete (vgl. d. Art. I^hwämme Bd. VII, S. 383). G.-B. 

Spratzen nennt man das schwammartige Auftreiben des unter 
freiem Luftzutritt geschmolzenen Silbers beim Erstarren durch Entwei- 
chen des absorblrten Sauerstoffs (s. Silber Bd. VII, S. 893), wobei 



») Benel. Afhandl. i. Fisik T. VI, p. 166. — •) DesseD Unters. Bd. I, S. 487. 
— *) Annal. d. min. 8. Ser. 1839, S. 380. — *) Deascn Disscrt. de comp. Fetal, e. 
Spodom. 1889, u. Pogg. Annal. Bd. XLVTII, S. 871.— *) Pogg. Annal. Bd. LXXXV, 
S. 646. — •) Jahreiber. v. Liebig n. Kopp 1860, S. 721. — ') Sillim. Americ. 
Joarn. T. XVI, p. 871. - ") Pogg. Annal. Bd. LXXXIX, S 144. — «) SLlUm. 
Americ. Jonrn. T. XVI, p. 871. — »•) Pogg. Annal. Bd. LXXXV, S. 646. 

>') Stftdeler, Annal. d. Cbem. n. Pharm. Bd. CXI, S. 12 u. ff. 



Digitized by VjOOQIC 



154 Spirengen. — Spreustein. 

häufig Silber in feinen Kugeln umhergeschleudert wird. Eine ähnliche 
Erscheinung zeigt das Kupfer beim Garmachen (s.- Art. Kupfer 
Bd. IV, S. 690 u. 709). ^ 

Sprengen s. Glassprengen Bd. III, S. 597. 

Sprengeisen. Um Glas in einer bestimmten Richtung mit 
einem Sprung zu versehen, es auf diese Weise zu zerschneiden, wendet 
man bei der Glasfabrikation häufig glühend gemachte Eisen, Spreng- 
eisen an (s. Art. Glas Bd. III, S. 555). In den Laboratorien findet 
man auch nicht selten eiserne mit einem langen eisernen Stiel verse- 
hene Ringe, , welche man glühend macht und über die konischen Hälse 
von Retorten und Kolben schiebt, ji^mit eine kreisförmige Stelle stark 
erhitzt, wodurch der Hals meist schon von selbst hier abspringt. Ge- 
schieht dies nicht, so kann man oft durch Berühren der erhitzten Stelle 
mit einem nassen Finger, in dem Augenblick wo man den aufgescho- 
benen glühenden Eisenring zurückzieht, nachhelfen (s. Art Glas- 
sp.rengen Bd. III, S. 597). v. 

Sprengkohlen. Dieselben werden aus derselben Masse wie 
Räucherkerzen angefertigt und dienen dazu, um Glas zu sprengen, d. h. 
durch Hervorbringung von Rissen in beliebiger Richtung Glasgefässe 
zu zerschneiden (s. Art. Glassprengen Bd. III, S. 598). Na4ih 
Gähn 's Vorschrift stellt man dieselben dar, indem man 'i^sLoth ara- 
bisches Gummi in 4 Loth Wasser löst, so dass eine Lösung erhalten 
wird, welche dasselbe Volumen wie 6 Loth Wasser einnimmt. Man 
macht ausserdem eine Lösung von 1 Loth Traganthgummi in 8 Loth 
kochendem Wasser und vermischt diese mit einander. Dann rührt man 
sorgfältig die Lösungen von Y2 ^^^ Storax calamita in l^j^ Loth Al- 
kohol von 0,83 specif. Gewicht und von Vs Loth Benzoe in V5 Loth 
Alkohol hinzu, und stösst damit 6 bis 7 Loth durch ein feines Seiden- 
sieb gesiebte Holzkohle von weichem Holz zu einer weichen Pillen- 
roasse an. Je feiner das Kohlen pul ver und je länger und kräftiger die 
Masse gestossen wird, ohne dabei einzutrocknen , desto besser werden 
die Sprengkohlen, indem dann nicht leicht der glühende Theil beim 
Gebrauche abbricht. Man formt die Masse zu Stengelchen von etwa 
20 Centim. Länge und der Dicke mittelstarker Bleifedern etwa y^ 
Centim., und lässt sie bei sehr gelinder Wärme völlig austrocknen. 
Man zündet dieselben an und bläst darauf, wodurch sich bald eine glü- 
hende Spitze bildet. 

Nach einer Vorschrift von Bohus^) soll eine gute Sprengkohle 
erhalten werden, wenn man 16 Thle. gepulverte Buchenkohle nüt 
1 Thl. gepulvertem Bleizucker sorgfältig mischt und mit so viel Tra- 
ganthschleim als erforderlich zu einer Masse anstösst, welche sich leicht 
zu Stengelchen ausrollen lässt. Fl 

Spreustein, Bergmannit, ist Natrolith, welcher verworren 
fasrige Aggregate von fleischrother, ziegelrother, röthlich weisser, röth- 
lieh oder gelblich grauer Farbe bildet und im Zirkonsjenit von Laurvig, 
Fried richswäm, StaVern und Brevig vorkommt. Diese Aggregate sind 
ihrer äussern Gestalt nach zu urtheilen Pseudokrystalle, nur sind über 

*) Oest. Zeitschr. f. Pharm.; Diogl. polyt. Journ. Bd. GXLin, S. 466. 

Digitized by VjOOQIC 



Springgupke. — Spritzflasche. 155 

die Art des Minerals, dessen Krystalle darch chemische Ver&nderang 
in Natrolith übergegangen sind, die Meinungen getheilt. KBluro und 
A. Krantz ^) hatten zuerst angegeben, das« die Krystalle ursprünglich 
dem Nepbelin angehörten, welcher noch als solcher an zum Theil um- 
gewandelten Erystallen zu sehen sei. Scheerer^) dagegen fand, dass 
die Gestalten der Pseudokrystalle nicht hexagonale sondern klinorhom- 
biache sind, und weil die Gestalten die ursprüngliche Species nicht 
bestimmen Hessen, so nahm er an, dass hier eine sogenannte Paramor- 
phose (Bd. VI, S. 68) vorliege. Die ursprünglichen Krystalle wären der 
Substanz nach auch Natrolith gewesen, nur hätte dieser Natrolith eine 
andere Krystallform gehabt, später wäre eine Umlagerung der kleinsten 
Theilchen eingetreten, die Substanz dieselbe geblieben, und so eine 
Paramorphose gebildet worden, wie sie der Schwefel nachweisen lässt. 
Der Hauptunterschied hierbei ist der, dass man bei dem Schwefel die 
Sache weiss, bei dem Natrolith beliebig die Existenz eines anders kry- 
stallisirenden Natrolith annimmt. 

H. Dauber^) dagegen sprach sich dafür aus, dass die Spreustein- 
krystalle von Brevig in Norwegen Pseudomorphosen nach Orthoklas 
sind, während Scheerer*) seine frühere Ansicht durch die Verschie- 
denheit der Gestalten zu bestätigen suchte. Später erklärte 
R. Blum ^) dass der Spreustein nicht allein pseudomorph nach Ne- 
phelin vorkommt, sondern auch nach Oligoklas. Carius analysirte 
nämlich einen noch unveränderten Kern in den Spreusteinkrystallen 
und fand die Zusammensetzung des Oligoklas. Dieser Deutung wider- 
sprach Dauber^ aufs Neue und sucht die Analyse dadurch zu ent- 
kräften, dass dass Sauerstoffverhältniss nicht ganz genau dem Oligoklas 
entspreche und glaubt, dass es möglich sei, einen Natron - Orthoklas 
daraus zu machen, was jedoch ebenso willkürlich ist, wie die Voraus- 
setzung eines Natrolith in anderer Krystallgestalt. Wir sehen hieraus, 
dass der Spreustein (Natrolith) psendomorph nach Krystallen ist, welche 
sich specifisch nicht feststellen Hessen, durch die Analyse aber sich als 
Oligoklas erwiesen haben. K. 

Springgurke oder Eselsgurke, die Frucht von Mo- 
mordica ElaUrium s. Elaterium n. Elaterin. 

Springkörneröl, OUum Euphorbiae Lathyria, Dieses Samenöl 
ist dem Crotonöl ähnlich, doch dünnflüssiger und blassgelb, und weni- 
ger scharf als dieses. Es wirkt wie Crotonöl schon in kleinen Dosen 
(4 bis 8 Tropfen) purgirend. 

Sprit, die gewöhnliche Bezeichnung im Handel für den stärke- 
ren Weingeist von 88o bis QO^Tr. s. S. 102. 

Spritz flasche« Diese Apparate dienen in der Regel, um an 
den Wänden von Filtern hängende Niederschläge in der Spitze zu 
sammeln und auszuwaschen oder um die letzten Reste von Nieder- 
schlägen aus den Fällungsgefässen herauszuspülen. Die einfachste 



*) Pogg. Ann»l. Bd. LXXXVII, S. 816. — •) Ebendas. Bd. LXXXIX, S. 26. 
— *) Pog«- Annal. Bd. XCII, S. 261. — *) Ebendas. Bd. XCIU, S. 96. — *) Ebendas. 
Bd. CV, 8. 138. — «) Ebendas. Bd. CVI, S. 601. 



Digitized by VjOOQIC 



156 Spritzflasche. 

Form zeigt Fig. 18. Auf ein gewöhnliches Glas oder Kolben wird em 
gat passender Stöpsel gesetzt, der durchbohrt ist und ein eben hindurch- 
reichendes Stückchen Glasrohi* trägt, was an seinem aus dem Kork 
hervorstehenden etwa 2 Zoll langen Ende zu einer Spitze ausgezogen 

Fig. 18. Fig. 19. 





und abgeschnitten worden ist Die scharfen Ränder werden durch Er- 
hitzen geschmolzen und die Oeffnung zu geeigneter Dimension verrin- 
gert. Man füllt die Flasche nur halb mit Wasser und bläst mit dem 
Munde in das Röhrchen. Die Luft wird dadurch comprimirt, und dreht 
man nun rasch die Flasche um, so treibt dieselbe einen Theil des Was- 
sers mit einer gewissen Heftigkeit als feinen Strahl aus der Oefinung. 
Der Uebelstand ist nicht zu vermeiden, dass der Strahl sofort beginnt, 
wie man die Flasche vom Munde entfernt. Man bespritzt daher sich 
selbst und die Umgebung, bevor man den Strahl auf das Filter zu rich- 
ten vermag. Deshalb hat man eine zweite Art von Spritzflaschen in 
Gebrauch gezogen (Fig. 19), deren Kork zwei Röhren trägt. Die eine, 
a, reicht bis auf den Boden der Flasche und ist an dem abwärts gebo- 
genen Ende zu einer konischen Spitze mit feiner Oeffnung mit abge- 
schmolzenen Rändern ausgezogen, die andere mit aufwärts gebogenem 
Ende geht nur eben durch den Kork. Comprimirt man die Luft in 
der Flasche durch Einblasen in diese Röhre, so erhält man einen Strahl 
aus a, dessen Schnelligkeit man ganz in seiner Gewalt hat, und der an- 
fängt und aufhört, wenn man es wünscht. Die Unbequemlichkeit ist nur, 
dass man mit dem Munde stets allen Bewegungen folgen und sich Über 
das Filter neigen muss. Mohr hat deshalb empfohlen, eine 2 Fuss 
lange dünne Kautschukröhre an das Einblaserohr zu stecken, und das an- 
dere Ende mit einem kleinen Mundstück von Bein oder Uorn zu ver- 
sehen. Solche Flaschen eignen sich auch besonders, um sich darin des 
kochenden Wassers zu bedienen. Man versieht sie alsdann mit einem 
Griff, wie Fig. 20 zeigt, oder man umwickelt den Hals mit sehr dickem 
Bindfaden doppelt, um die heisse Flasche anfassen zu können. Dreht 
man die Flasche um, so läuft ein dicker Wasserstrahl aus der Ein- 
blaseröhre, während Luft durch die spitze Spritzröhre in die Flasche tritt 
Bequemer als alle diese Vorrichtungen sind die jetzt käuflichen 
etwa 3/4 Pfd. Wasser fassenden Ballons von starkem, volcanisirtem Kaut- 



Digitized by VjOOQIC 





Sprödglanzerz. — Sprotten. 157 

schak, wie Fig. 21. zeigt. Man drückt die Luft aus und steckt die Glas- 
Pj 20. Fiff 21. spitzein Wasser. Sofort dehnt 

sich der Ballon aus und saugt 
sich voll Wasser. Als Wasser- 
behälter wählt man ein grosses 
Glas mit weiter Oeffnung und 
setzt den Ballon, wenn man 
ihn gebraucht hat, jedes Mal 
darauf, bevor man den Druck 
wesentlich vermindert Er 
saugt sich dann sofort wieder 
voll und ist stets zum Ge- 
brauch gefüllt. Durch stärke- 
ren oder minder starken Druck 
der Hand, mit der man den Ballon fasst, ist man befähigt, dem 
Strahl jede beliebige Schnelligkeit zu ertheilen, und eiTnüdet dabei 
nicht die Mundmuskeln wie bei der oben gezeichneten. Der stets auf 
der Oeffnung des Glases stehende Ballon verhindert das Einfallen 
von Staub, und die weite Oeffnung des Glases erleichtert das Ein- 
l^essen des destillirten Wassers ans grossen Flaschen. Wenn man 
heisses Wasser benutzen will, so sind diese Kautschukballons ebenfalls 
brauchbar. Man kann damit das Wasser aus den gewöhnlichen, zum 
Erhitzen des Wassers benutzten Kesseln aufsaugen. Leider sind viele 
ZQ stark mit Schwefel vermengt. In diesem Fall pflegen dieselben durch 
öfteres Füllen mit heissem Wasser bruchig zu werden, sind dieselben da- 
gegen gut präparirt, so vertragen sie auch diesen Gebrauch unbeschadet. 
Meistens sind die Ballons mit einem Holzstöpsel verschlossen, der ein 
eingeschraubtes Rohr von Bein trägt. Es ist nicht unzweckmässig, diese 
Vorrichtung sitzen zu lassen und nur ein kleines spitz ausgezogenes Glas- 
rohr mit Hülfe eines Kautschukröhrchens vorzusetzen, welches so lang 
ist, das8 es fast bis an den Boden des Standglases reicht. V. 

Sprödglanzerz, Sprödglaserz, syn. Polybasit 
u. Stephanit. 

Sprotteo. Eine kleine Häringsart {Clupea sprattus^ eughSprats^ 
franz. Eaprots^ ital. Sardino)^ die auch an den Küsten von Sussex, Kent 
und Kssex in grosser Menge vorkommt, hat man dort zur Darstellung 
Ton künstlichem Dünger benutzt. Die gestampften und getrockneten 
Fische enthielten in 100 Thln.: 64 Wasser, 19 Fett und 1,94 Stickstoff, 
entsprechend 12,3 Proc. eiweissartigen Stoffen; sie hinterliessen 2,1 Proc. 
Asche. Diese bestand nach den Untersuchungen von W a y i) aus : 



Kali 


. 17,2 bis 


21,9 


Natron .... 


. 1/2 „ 


— 


Kalk ..... 


. 23,6 „ 


27,2 


Magnesia . . . , 


3,0 „ 


3,4 


Eisenoxjd . . . 


0,3 „ 


0,6 


Schwefelsäure . . . 


Spur „ 


1''^ 


Kieselsäure . . . 


. Spur „ 


0,3 


Pbosphorsäure . . 


43,5 „ 


40,5 


Chlorkalium . •' . 


j» 


2,3 


Chlorantimon . . 


. 11,2 „ 


2,3 


Joum. Boy. Agr. Soc. of Engl T. 


X, pan 2; Jabresber. ▼. L!«big o. Kopp { 


1849, 8. 658. 




Digitized by LjOOQIC 



158 Sprudelstein. — Stachelbeeren. 

Sprudelsteins, unter Arragonit, 2. Aufl. Bd. II, 
AbthL 1, S. 20S. 

Spuren. Spurschmelzen, Concentrationschmelzen. Bei 
der Gewinnung von Kupfer aus Kupferkiesen wird der zuerst erhaltene 
noch arme Stein nach mehrmaligem Rösten einem Concentrations- 
schmelzen oder „Spuren^^ unterworfen, um durch Verschlackung and 
Verflächtigung von fremden Metallen, namentlich von Blei, Antinaon, 
Arsen u. s. w., einen reicheren Stein, den „Spurstein^^ zu erhalten. 

Squalus maximus. Die Leber des Sonnenfisches oder 
Pferdehaies enthält reichlich 80 Proc. Oel, das im frischen Zustande 
schwach gelblich ist, von unangenehmen Fischgeruch, von 0,87 specif. 
Gewicht; es bleibt auch unter O^C. flüssig. Das rohe Oel enthält 82,8 
Kohlenstoff, 12,9 Wasserstoff und 4,3 Sauerstoff, es enthält ziemlich 
viel Jod; reine Oelsäure Hess sich nicht aus dem Oel darstellen. Es 
kommt unter dem Siedepunkt des Quecksilbers zum Kochen, wobei 
unter Entwickelung eines starken Acroleingeruchs ein klares gelbes 
Oerl überdestillirt, die Bildung von Brenzölsäure konnte hierbei nicht 
nachgewiesen werden (Ronalds ^). Ft. 

Stabeisen, weiches Eisen, s. unter Eisen. 

Stachelbeeren. Die Fruchte von Rihes Grossularia L 
Die bekannten meist behaarten Früchte sind von John, B6rard, zn- 
letzt am vollständigsten im Laboratorium von Fresenius untersucht 
Scheele*) hatte die Gegenwart von Aepfelsäure, John 3) und Chod- 
new *) die von Citronsäure darin nachgewiesen. B^rard giebt als 
Bestandtheile der Früchte an: 

anreife reife 

Harziges Blattgrün . . . 0,03 — 

Zucker 0,52 6,24 

Gummi 1,36 0,78 

Ei weiss ....... 1,07 0,86 

Aepfelsäure 1,80 3,41 

Citronsäure 0,12 0,31 

Kalk 0,24 0,29 

Pflanzenfaser und Kerne. . 8,45 8,01 

Wasser 86,41 81,10 

Fresenius*) liess vier Sorten Stachelbeeren von den Jahren 1854 
und 1855 unsersuchen, nämlich a grosse und b kleine rothe rauhhaarige 
Früchte, c mittelgrosse gelbe wenig behaarte und d grosse glatte rothe 
Stachelbeeren. Es wurde gefunden: 



Chem. 6az. 1862, p. 420; Journ. f. prakt. CheSi. Bd. LVll, 8. 478. 

^ Creirs chem. Annal. 1786, Bd. 11, S. 291. — *) Chem. Unters. Bd. IV, 
S. 84. — *) Annal. d. Chem. u. Pharm. T. LITT, S. 283. — *) Annal. d, Chem. 
u. Pharm. Bd. CI, S. 222. 



Digitized by VjOOQIC 



Stachelschweinstein. — Stärkesyrup. 



159 



a 

1854 




d 
1855 



Zucker 

Freie Säure 

EiweiMsabstanzen 

Farbstoff, Gummi, Pektinsoffe, Fette, ge- 
bundene organische Säuren .... 

Aschenbettandtheile der löslichen Sub- 
stanzen 

Kerne 

Schalen und Cellulose 

Fektose 

Aschenbestandtheile der unlöslichen Sub- 

stansen 

Oder im Ganzen: 

Lösliche Bestandtheile 

Unlösliche Bestandtheile 

Wasser 



8,06 
1,36 
0,44 

0,97 

0,82 



6,08 
1,57 
0,44 

0,51 

0,45 



2»*^ l 2 44 
0,6 U ' 

0,61 



0,29 

0,14 

11,16 

8,29 

85,56 



0,07 

8,95 

2,96 

88,09 



8,24 
1,59 
0,86 

0,52 

0,50 
2,58 
1,43 

0,25 

11,21 

3,96 

84,88 



6,88 
1,08 
0,58 

2,11 



7,51 
1,88 
0,87 

2,11 



0,20 0,27 

0,44 i ^^^^ 



0,31 

0,10 

10,35 



0,95 

0,17 

11,60 



4,18 3,04 
85,52 ; 85,86 



6,48 
1,66 
0,80 

0,84 

0,65 
2,80 
0,89 

0,18 

9,85 

3,19 

86,96 



Kali. . . . 


38,6 


Natron . . . 


9,3 


Kalk . . . 


12,2 


Magnesia . . 


5,8 


Schwefelsäure 


5,9 



Der Zacker ist Krümel- and Fruchtzucker ; die freie Säure ist als 
Aepfelsäorehydrat berechnet Die Aschenbestandtheile des unlöslichen 
Rückstandes dürfen selbstverständlich nicht mit addirt werden, weil sie 
schon im Gewicht dieser Bestandtheile enthalten sind. 

Die Asche der Stachelbeeren enthält nach Th. Richardson^) in 
l(K)Thln.: 

Kieselsäure. ... 2,6 
Phosphorsäure. . . 15,6 
Phosphorsaures Eisen- 
oxyd 8,6 

Chlornatrium ... 1,2 Fe. 

Stachelschweinstein, Trivialname der Quarzkry- 
stalle, welche nadelformige Krystalle des Pyrrho^iderit eingewachsen 
enthalten, die zum Theil noch aus den Quarzkrystallen herausragen. 

Stängelkalk ist stänglig abgesonderter Kalk. 

Stängelkobalt wurde der stänglig abgesonderte Smaltit 
genannt, wogegen derSafflorit in gleicherweise und vermöge seiner 
rhombischen Krystallisation noch öfter so vorkommen kann, ohne dass 
jedoch bei dem Ausdruck Stängelkobalt auf den Unterschied der beiden 
gleich zusammengesetzten Species Rücksicht genommen wurde. K 

Stärke s. Stärkmehl. 

Stärkegummi s. Dextrin. 

Stärkeschwefelsäure s. Stärkmehlschwefel- 
säure. 

Stärkesyrup, Stärkezucker s. untfer Trauben- 
zucker. 



^) Annal. d. Chem. n. Pharm. Bd. LXVII. Tabelle. 



Digitized by VjOOQIC 



160 StÄrkmehl. 

Stärkmehl, Stärke, Amidonal Amylum. Franz. fecuk\ 
engl, canylaceous matter^ storch. Ein zu den sogenannten Kohlehydraten 
gehörender indifferenter Körper. Formel Ci 2 Äio Oio« Da« Stärkmehl ge- 
hört zu den verbreitetsten organischen Stoffen des Pflanzenreichs und fin- 
det sich fast in allen Pflanzen, aber nicht überall zu jeder Zeit Es ist 
vorzugsweise Product der Parenchymzellen, findet sich jedoch auch in den 
Markstrahlzellen, desgleichen im Holzparenchym , und in einigen Bast- 
zellen (bei den Euphorbiaceen). Eine Pflanze die zu keiner Zeit und 
in keinem Theile Stärkmehl bildet, wäre nach den Untersuchungen von 
Schacht Monotropa Hypopitys. Auch bei den Pilzen wurde Stärkmehl 
noch nicht mit Sicherheit gefunden. Das Stärkmehl wird, wie dies ans 
zahlreichen Beobachtungen der Pflanzen physiologen hervorgeht, von 
den Pflanzen zu einer gewissen Zeit erzeugt, um von ihnen zu einer 
anderen Zeit wieder verbraucht zu werden. Der Baum speichert im 
Herbste in seiner Rinde und in den Markstrahlen seines jungen Holzea 
Stärkmehl auf, das im Frühjahr dem Cambium das Material zur Zellen- 
bildung liefert. Der Chemismus dieser Umwandlung ist zwar nichts 
weniger wie aufgeklärt, und namentlich der Uebergang des Amylnms 
in Cellnlose keineswegs bewiesen, allein Payen hat auf das Bestimm- 
teste nachgewiesen, dass das Amylum unter gewissen Bedingungen 
des Lebens gänzlich verschwindet, und zwar nach seiner Ansicht, in- 
dem es in Dextrin und Zucker übergeht, ein Vorgang, der sein Ana- 
logon in der Veränderung flndet, welche die Kartofleln beim Erfrieren 
erleiden, wo ihr Amylum ganz in Zucker verwandelt wird. Wie 
Fritzsche gezeigt hat, erscheinen auch während der Keimperiode 
der Kartoffeln ihre Stärk mehlkörnchen mehr und mehr angefressen, bis 
sie zuletzt ganz verschwinden. Auch die Stärke des unreifen Kern- 
obstes verschwindet zur Zeit der Reife. Es ist ferner bemerkens- 
werth, dass man in den Zwiebeln, deren Schuppen sehr reich an Amj- 



Literatur: Schacht, Lehrb. d. Anat. u. Phys. Bd. I, S. 55. — Haider, 
Vers, einer allgem. phys. Chem. Bd. I, S. 214. — Payen, Annal. de chim. et de 
phys. [2.] T. LIII, p. 78 u. T. LVI, p. 387; Annal. d. sc. nat. 1888, Aoüt 69. — Fritz- 
sche, Pogg. Annal. Bd. XXXII, S. 157. — Krocker, Annal. d. Chem. n. Pharm. 
Bd. LVin, S. 212. — Moleschott, Physiol. der Nahrungsmittel Zahlenbel. S. 173. 
2. Aufl. — Schieiden, Orundzüge etc. 8. Aufl. Bd. I, S. 187. — Unger, Grandi. 
d.Anat. S. 31. — N&geli, Zeitschr., Heft 3. S. 182. — Berzelius, Lehrb. d. Chem. 
8. Aufl. Bd. VI, S.876. — Jessen, Pogg. Annal. Bd. CVI, S. 497. — H. Reinsch, 
N. Jahrb. d.- Pharm. Bd. lU, S. 65. — Delffs, N. Jahrb. Pharm. Bd. XHI, S. 1. 

— Böttger, Annal. d. Chem. u. Pharm, Bd. XXXVIII, S. 94. — Liebig, AdmL 
d. Chem. u. Pharm. Bd. XLII, S. 808. — Ni^pce de St. Victor u. Corvisart, 
Annal. d. Chem. Bd. CXIII, S. 112. — G^lis, Compt. rend. T. XLV, p. 690 
u. 988. — Erdmann' n. Marchand, Journ. f. prakt. Chem. Bd.XXIX, S. 466.— 
Schulze, Journ f. prakt. Chem. Bd. XLIV, S. 178. — B^champ, Compt. rend. T. 
XLn, p. 1210, u. Annal d. Chem. u. Pharm. Bd. C, S. 866. — Puscher, Dingler's 
polyt. Journ. Bd. CLV, S. 891. — Scharling, Journ. f. prakt. Chem. Bd. XXV, 8. 262. 

— M^ge-Mouri^s, Compt. rend. T. XLVlfi, p. 481 ; Dinglef s polyt. Jonm. Bd. CLV, 
S. 310; Derselbe, Compt. rend. Marc. 1860, T. X, p. 467. — Benutzung der Ceo- 
trifngalkraft beim Entwässern der Stärke; Dingler^s polyt. Journ. Bd. CLV, 
S. 287. — Anthon, Dinglers polyt. Journ. Bd.CLIV S. 691; Chem. Centralbl. 1859, 
S. 920; — Scheven, Chem. CentralbL 1857, S. 888. — H. Schwarz, Annal d. 
Chem. u. Pharm. Bd. LXX, S. 54. — FehÜng, Annal d. Chem. u. Pharm. Bd. 
LXXn, S. 106. — May et, Journ. de Pharm. [3.] T. XI, S. 81 ; Chem. Centralbl 1847, 
S. 398. — J. Wolf, Journ. f. prakt. Chem. Bd. LXXI, S. 86. — Eine vollständige 
Zusammensetzung der älteren Literatur ttber das Stärkmehl findet sich in Poggen- 
dorfs Annal Bd. XXXVII, S. 114, bei Payen a. a. O. n. bei Cop, Ditsertatio. 
continens quaedam de Amylo. Dordraol 1841. 



Digitized by VjOOQIC 



Stärkmehl 161 

lam sind, wenig oder gar nichts mehr davon findet, wenn sie dem 
Lichte ausgesetzt waren. Dies erklärt, warum in den Pflanzentheilen 
Aber der Erde sich weit weniger Stärke findet, als in den Wnrteln, 
Knollen a. s. w., und dass ihr Vorkommen in den Stengeln der Pflanzen 
sich besonders auf das Mark derselben beschränkt. So findet man bei 
den Cactnsarten die Körner um so grösser, je weiter man in das Innere 
der Blätter eindringt (Payen). Nach de Candolle nimmt die Quan- 
tität der Stärke in den Kartoflfeln bis zum Zeitpunkt ihrer Reife fast 
ebenso zu, wie sie nach dieser Zeit abnimmt. Im August gaben 1 60 Pfd. 
Kartoffeln 10 Pfd. Stärke, im September 14,5 Pfd., im October 14,75 
Pfd., im November 17 Pfd. Dieser Gehalt blieb während des Januars und 
Februars constant, nahm ab im März, und war im Mai bis auf 10 Pfd. 
herabgesunken. Junge Pfianzentheile, die Spitzen der Wurzelfasem und die 
jungen Sprösslinge enthalten, nach Pajen, kein Amylum, sondern Cellu- 
k>se und Albuminate. Das Amjlum entsteht also erst, nachdem die Theile, 
worin es sich ablagert, eine gewisse Entwickelung erreicht haben, und 
wenn die aufgenommenen Nahrungsstoffe zur Bildung der ersten noth- 
wendigen Bestandtheile nicht sämmtlich verbraucht werden. Indem das 
gebildete Stärkmehl im Vegetationsprocesse wieder verschwindet, wird es, 
nach Payen, in Dextrin und Zucker verwandelt, und aus diesen Producten 
soll sich anter dem Einfiuss der stickstoffhaltigen Substanz (des Proto- 
plasmas und des Zellenkems) Cellulose, die als Membran vom Proto- 
plasma ausgeschieden wird, bilden. Umgekehrt soll bei den Flechten 
unter bestimmten Verhältnissen (im Fruchtlager) durch den Vegetations- 
proeess ans der Cellulose Stärke gebildet werden. Doch entbehren alle 
diese Angaben eines stricten Beweises, wenn gleich dafür angeführt wer- 
den kann, dass Pasteur in neuester Zeit eine theil weise Umwandlung 
des Zuckers in Cellulose bei der geistigen Gährung beobachtet hnt 

Besonders reich an Stärkmehl sind die Wurzeln von Bryonia alba^ 
von Rhewn^ Daueus Carota^ AUhaea^ Olycyrrhiza^ Iris u. s. w., ferner die 
Knollen der Kartoffeln, der Bataten {Convokmlus batataB und eduU$)^ von 
UdkmAus tuherosuB^ Jatropha Manihot^ Ärum maetdatum u. a.; die Zwie* 
beln der Lilien, Tulpen und anderen Liliaceen, das Mark der Palmen und 
der Samen der Leguminosen: der Bohnen , Erbsen und Linsen, der Cerea* 
lien : des Weizens, Roggens, der Gerste, des Hafers, des Mais, der Hirse 
and des Reis; die Früchte der Eichen, die Kastanien, die Lichenes. 

Nachstehende Tabelle von K rocke r, nach seinen Untersuchungen 
entworfen, giebt eine Uebersicht des Stärkmehlgehaltes der als Nahrungs- 
mittel und in technischer Beziehung wichtigeren Pfianzentheile. In 
100 Thln. wasserfreier Substanz sind enthalten: 

Stärke Stärke 

Reine Stärke aus Bohnen .... 99,96 Gerstenmehl 64,4 

Wmenmehl Nro. 1 65,7 Gerste 38,3 

„ „ II 67,2 Jerusalem-Gerste 42,3 

„ „ IIF 57,4 Bnchweizenmehl ä5,0 

TalaTeraweizen 56,4 Buchweisen 44,1 

Whitingtonweizen 52,5 Maismehl 77,7 

Saodomierzweizen 53,3 Mais 66,3 

R.ggenmchl Nro. 1 60,9 Einkorn 54,8 

„ ir 64,6 Reis 86,2 

„ „ III 57,4 Bohnen «7,1 

Standenroggeu 45,1 Erbsen 38,8 

Schilfroggen 47,4 Linsen 39,8 

Rispenhafer '37,4 luftrockene Kartoffeln . . 16,1 bis 23,20 

Kamtscbatkahafer 39,8 

HaadwOrterbucb der Chemie. Bd. VIU. 



Digitized by VjOOQIC 



162 Stärkmehl. 

Der JStärkinehlgehaU der Kartoffeln in obiger Tabelle erschebt 
deshalb so gering, weil sie lufttrocken zur Bestimmung verwendet wor- 
den, aber in diesem Zustande noch 68,9 bis 76,8 Procent Wasser 
enthielten. Die Angaben über den Stärkmehlgehalt der anderen Sub- 
stanzen beziehen sich auf bei 100 C. getrocknete Versuchsobjecte. 

Eine Uebersicht der pflanzlichen Nahrungsmittel nach dem auf- 
steigen den Gehalt an Stärkmehl hat ferner Moleschott in sdoer 
Physiologie der Nahrungsmittel gegeben. 

In 100 Thln. der nachfolgenden Substanzen sind enthalten: 

Stärke Stärke 

Wurzel von Polypodiam vulgare . 2,1 Samen von Chenopodiam quinoa . 88,7 

Ausgeschwitzter Saft von Eucaly- Roggenbrod 39,1 

ptnsarten 4,2 Linsen 40,0 

Bataten 18,0 Weizenkleie 40,2 

Kartoffeln 15,4 Buchweizen 45,€ 

Kastanien 15,5 Gerste . . 48,S 

Tams 16,3 Saubohnen 50,0 

Wurseln von Lathynu tuberosus . 16,8 Hafer 50is 

„ „ Maranta anindinacea 17,8 Roggen 55,5 

„ „ Jatropha 20,4 Weizen 56,8 

„ des essbaren Cypemgrases 27,0 Mais 6S,T 

Erbsen 81,6 Weisenmehl 64^ 

Weizenbrod 88,4 Bananenmehl 66,9 

Schminkbohnen 35,3 Reis 82,3 

Eicheln 36,6 

Das Stärkmehlkörnchen ist ein organisirter Körper, nur sel- 
ten erscheint es formlos; so nach Schieiden in der Sarsaparille, im 
Wurzelstock von Cortx arenaria^ und im Samen von Cardamomttm nmu. 
Gewöhnlich aber bildet es weisse glänzende Körner: die Stärkmehlkör- 
ner, die von Seh leiden genau und erschöpfend beschrieben sind. £r 
unterscheidet einfache und zusammengesetzte Körner. Die einfache sbd 
entweder rundlich (sehr allgemein verbreitet), flachgedrückt linsenförmig 
(im Albumen von IHUcum^ Hordetm^ Secak)y oder platte Scheiben (im 
Rhizom der Zingiberaceen), oder es sind endlich stabförmige Körperchen 
(im Milchsaft einiger Euphorbaceen). Die zusammengesetzten sind solche 
mit deutlicher Centralhöhie (in der Zwiebel von Colchicum^ in der 
Wurzel von Änathermi Iwarancusae^ im Rhizom von Arum maeuUOam^ 
und solche ohne deutliche Centralhöhie (in den Knollen von ApwO' 
ffeton^ in der Wurzel von Bryotua). Die Stärkmehlkörner sind aas 
Schichten zusammengesetzt, die aber nicht bei allen gleich deutlich sicht- 
bar sind; in den meisten Fällen bemerkt man ausserdem einen centralen 
oder excentrischen Kern, welcher hohl zu sein scheint (Schleiden's 
Centralhöhie). Sie sind farblos und durchsichtig, brechen das Licht 
stark, und zeigen bei Anwendung eines NicoTschen Prismas ein schönes 
Farbenkreuz. Liegt die Centralhöhie in der Mitte der Starkmehlkdr- 
ner, so fallt der Kreuzungspunkt der beiden Arme des Kreuzes gleichfalls 
in die Mitte, liegt sie dagegen excentrisch, wie bei dem Stärkmehl der 
KartufTel, so trifft der Kreuzungspunkt wiederum mit der Centralhöhie 
zusammen. Man kann deshalb durch den Polarisationsapparat des 
Mikroskopes, wenn Schichten und Centralhöhie undeutlich sind, deren 
Lage erfahren. Das Kreuz entsteht hier wie überall, wenn ein Körper 
aus Schichten besteht, und diese um einen Mittelpunkt angeordnet sind. 
Jodlösung, und noch sicherer Chlorzink- Jodlösnng, färbt die Starkekör- 
ner unter dem Mikroskop violett bis blau; lässt man letztere längere 



Digitized b\/ VjOOQIC 



Stärkmehl. 163 

Zeit m der Kälte einwirken, oder erwärmt man das Objectglas, so quillt 
das Stärkmeblkom, sich höher flu-bend, von aussen her auf, und eine 
Schicht lost sich nach der anderen ; man erkennt auf diese Weise selbst 
bei Stärkmehlarten, die sonst keine Schichtung zeigen, deutliche Schieb- 
ten. Durch die Untersuchungen von Schieiden und von Mo hl wird 
es wahrscheinlich, dass die inneren Schichten der Stärkmehlkörner 
wasserreicher seien, als die äusseren, übrigens zeigen sämmtliche 
Schichten keine anderen chembchen Verschiedenheiten als die durch 
yencbiedene Dichtigkeit bedingt sind. — Die ältere Ansicht von Len- 
▼enhoek and Raspail, wonach die Stärkmehlkörner aus einer unlös- 
lichen Membran, die einen löslichen Inhalt einschliesse , bestehen soll- 
toDy ist dorch die neueren Untersuchungen wenigstens fär eine Phase 
ihrer Entwickelung wieder wahrscheinlich geworden. Wenn man Stärk- 
mehlkömer der Kartoffel unter dem Mikroskope vorsichtig in Wasser 
eiwärmt, so dehnt sich das Korn von seiner Centralhöhle aus allmälig 
aus, es wächst zusehends, indem die Höhle immer weiter, und die sie 
mngebende Hülle immer zarter würd, wobei gleichzeitig die Schichten 
mehr nnd mehr undeutlich werden ; zuletzt erhält man eine grosse Blase. 
Ueber die Art des Wachsens sind die Pflanzenphjsiologen nicht einig; 
während Schieiden und Unger annehmen, dass das Wachsen durch 
Bildung nener Schichten an der Aussenseite stattfinde, soll nach Nä- 
gelidas Stärkmehlkom primitiv nur aus einer Membran und einem 
flnasigen Inhalte bestehen, und' würden sich dio concentrischen Schich- 
ten, den Yerdickungsschichten der Pflanzenzelle ähnlich, durch Ablage- 
rung von innenher bilden. Die Discussionen hierüber sind bei den 
angeföhrten Autoren und bei Schacht nachzulesen. Jedenfalls lässt 
die Schichtenbildung des Stärkmehlkorns auf eine periodische Stoffab- 
scfaeidoDg schliessen. Die Bildung neuer Stärkmehl kömer scheint in 
der nnnoittelbaren Nähe des Protoplasmas zu erfolgen ; deshalb findet 
man die jungen Stärkmehlkömer fast überall entweder im Umkreis der 
Zelle, oder noch häufiger in der unmittelbaren Nähe des Zellenkems, 
z. B. in den jungen Parenchymzellen der Kartoffelknolle. 

Die Stärkmehlkörner sind von sehr verschiedener Grösse, und auch 
in demselben Organe derselben Pflanze an Grö^ne sehr ungleich. Doch 
hat Payen nachstehende Tabelle über den Längsdurchmesser der 
StärkekSmer verschiedener Pflanzen entworfen, die sich auf Tausendstel 
von Mülimetem bezieht: 

Rohan-Kartoffeln (grosse Varietäten) 0,185 Millim. 

Mmüpermum pahmaivm . . 0,180 

Rkixome von Canna gigantea 0,175 ,. 

„ discolor 0,150 ,. 

n «f Marcmta arundinacea 0,140 „ 

Verschiedene Varietäten von Kartoffeln 0,140 „ 

LüienÄwiebel 0,115 

Knollen von Oxalis crenata 0,100 ,, 

Stamm von einem grossen Echinocactus erinacnis 0,075 „ 

Si«o (importirt) 0,070 „ 

OroMe Bohnen 0,075 

Linsen 0,067 „ 

Schauukbohnen 0,068 „ 

Eibsen 0,050 „ 

Weisen 0,050 „ 

Sago (nicht rerändert) 0,045 

Hjacynthenzwiebel 0,045 „ 

Batatenknollen 0,045 

11* 

Digitized by VjOOQIC 



164 Stärkmehl. 

Knollen von Orchü latifoUa and bifoUa 0,045 Hillim. 

Mais • 0,030 

Sorghum (rother) 0,030 „ 

Stamm von Cactus penguianus 0,030 '„ 

Samen von Naj\ja major 0,030 „ 

Stamm von Cactus pereskia gran<^flora 0,022 „ 

Samen von Avonogetum distachyum 0,022 „ 

Stamm von Ginkgo bihha 0,022 „ 

Stamm von Cactua brasiUensis 0,080 „ 

Frucht von Panicum ttaUcum 0,016 „ 

Halbentwickelte Samen von Najas major 0,0 IC „ 

Pollen von Globba nutans 0,015 „ 

Stamm von Echmocactus erinaceus 0,012 „ 

Pollen von Ruppia maritima 0,011 „ 

Stamm von Opvntia tuna und Ficus indica •• 0,010 „ 

Stamm von Opuntia curassavica 0,010 „ 

Hirse (^Panicum miUaceum') 0,010 „ 

Stamm von Cactus (Mamülaria diseolor) 0,008 „ 

Rinde von A^aiUhMs glanduhsa 0,008 „ 

Stamm von Cactus serpetUmus 0,007 „ 

Panais-Wurzel 0,007 

Pollen von Najas major s 0,007 „ 

Stamm von Cactus momftruosus 0,006 „ 

Samen der Runkelrübe . 0,004 „ 

Samen von Ckenopodium quinoa 0,002 „ 

Im Durchschnitt eind demnach die Starkmehlkörner der Kartoffel 
die grössten, und die von Ckenopodium qßiinoa die kleinsten. 

Die vollständig getrocknete Stärke hat nach der Analyse verschie- 
dener Chemiker, von Gay-Lussac undThenard, Brunner, Berze- 
lius, Pay en und Mulder, die Formel C12 HiqOio ; die lufttrockene Stärke 
enthält noch 18 Proc. oder 4 Aeq. Wasser, von dem die Hälfte im 
Vacuum über Schwefelsäure fortgeht. 

Die Stärke vollkommen gereinigt stellt sich dem unbewaffhe* 
tan Auge ab ein weisses glänzendes sich zart anfllhlendes und zwi- 
schen den Zähnen knirschendes Pulver dar, welches gemch- und 
geschmacklos ist, an der Luft unverändert bleibt, und ein apecifi- 
sches Gewicht von 1,Ö3 besitzt. Mit kaltem Wasser Übergossen, aus- 
pendirt es sich, und ist darin wie in Alkohol und Aether unlöslich. 
Gegen die absolute Unlöslichkeit sind übrigens in neuerer Zeit von 
verschiedenen Seiten Beobachtungen angeführt worden, so von Jessen, 
Beinsch und Delffs, wonach zerriebene Stärke an kaltes Wasser 
einen Bestandtheil abtrete, der ähnlich der Stärke selbst durch Jod 
blau gefärbt wird, und dem Delffs den Namen Aroy logen giebt, allein 
jedenfalls ist, wie aus obigen Beobachtungen hervorgeht, die Menge 
des Gelösten ausserordentlich gering, und sind die Versuche von H. 
Reinsch, aus denen er folgert, dass die Stärke fertig gebildeten Zucker 
und Gummi (Dextrin). enthalte, nicht beweisend, da er die Stärke meh* 
rere Stunden lang mit Wasser in einer Reibschale zerrieb, und sie 
hierauf 12 Stunden lang einer Temperatur von 18^ C. aussetzte. Wenn 
überhaupt die Stärke einen in Wasser löslichen Bestandtheil enthält, 
80 muss er jedenfalls mit der Stärke gleiche Zusammensetzung besitzen^ 
da sonst die Analysen eines solchen Gemenges nicht gleiche Zahlen lie- 
fern könnten. 

Wird Stärke mit dem doppelten Volumen Wasser in einer Reib- 
schale gerieben, so wird eine klebrige fadenziehende salbenartige Masse 
erhalten. Unter dem Mikroskop zeigt sich dann, nach denBeobacbtun- 



Digitized by VjOOQIC 



Stärkmehl. 165 

gen von Schlei den, ein grosser Tbeil der Körner aaf sehr mannigfaltige 
Weise zerquetscht, zerrissen, zum Theil in kleine Flöckchen verwandelt, 
und die inneren dichten Schichten erscheinen heransgepresst, and stel- 
len eine granulöse zusammenhängende Masse dar. Dieselbe wird duroh 
Jod blau gefärbt, nachdem das Wasser ringsum vollkommen ungefärbt 
bleibt 

Wird Stärke mit heissem Wasser von 60^ bis 700C. zusammen- 
gebracht, so quellen die Körner auf, eine Schicht n^ch der anderen 
platzt, die ganze Masse saugt Wasser ein und bildet eine dicke schleimige 
Masse, bekannt unter dem Namen Kleister. Wird der Kleister unter das 
Mikroskop gebracht, so zeigt sich das einzelne Kömchen zu einem dicken 
h&otigen Sacke aufgequollen, jedoch bleibt die Kleistermasse immer 
zusammenhängend; Jod färbt dieselbe blau. Wenn man Wasser, in 
welchem 1 bis 2 Proc. Stärkmehl vertheilr ist, bis zum Sieden erhitzt, 
so quellen die Kömer dergestalt auf, dass man eine Lösung zu haben 
glaubt ; wenn man aber sodann die Fliissigkeit gefrieren lässt, so schei- 
det sich das Stärkmehl als eine zusammenhängende Masse aus. Wird 
Kleister zum Gefrieren gebracht, so wird eine Masse erhalten, welche 
Papier gleicht, und sich mit Wasser in Berührung wie ein Schwamm 
mit Wasser fiElllt Unter dem Mikroskop erscheint diese Masse als ein 
verfilztes Conglomerat von unendlich feinen Fasern, die durch Jod blau 
gellLrbt werden. Mit Wasser behandelt geht sie in weisse schleimige 
Flocken Über, und bildet mit kochendem Wasser unter keiner Bedingung 
mehr Kleister (Reinsch). Wird endlich der Stärkekleister mit Wasser 
▼erdünnt, und die scheinbare Auflösung verdunstet, so verliert sie in 
dem Verhältnisse, als sie concentrirter wird, ihre schleimige Beschaffen- 
heit, sie wird milchig, und setzt dann eine Menge durchsichtiger 
FloiÄen ab, welche abfiltrirt werden können. Ist die Flüssigkeit bis 
zur Syrapsconsistenz gebracht, so gesteht sie nach dem Erkalten zu 
einer Grallerte; diese zwischen Leinwand gepresst, lässt in dieser durch- 
scheinende Flocken zurück, welche aber nicht mehr in dem Grade auf- 
quellen, wie die ursprüngliche Stärke. 

Alle diese Beobachtungen zeigen, dass das Verhalten der Stärke 
gegen kochendes und heisses Wasser ein ganz eigenthümliohes ist, und 
die Kleisterbildung keineswegs auf einer wirklichen Lösung beruht. 

An der Luft zersetzt der Kleister im feuchten Zustande sich leicht, 
er wird flüssig und sauer (s. S. 168), schimmelt, entwickelt Kohlen- 
säure, und wenn die Stärke Kleber enthielt, übelriechende ammoniaka- 
lische Producte. 

Ausgetrocknet hinterlässt der Kleister die Stärke als hornartige 
Masse. Der Sago ist so theilweis veränderte Stärke, da bei seiner Be- 
reitung das feuchte Stärkmehl um es zu körnen erhitzt wird (s. Bd. 
Vn, S. 54). 

Eigentlich chemische Verbindungen der Stärke von festen und 
einigermaassen stabilen stöchioraetrischen Verhältnissen sind nur we- 
nige bekannt; es sind daher die nachstehenden Angaben, die sich zum 
Theil auf Körper beziehen, deren chemische Individualität mindestens 
zweifelhaft ist, einzig nur als Anhaltspunkt für weitere Untersuchungen 
zu betrachten. 

Jodstärke. Stärke mit freiem Jod zusammengebracht färbt sich 
sogleich violettblau bis blauschwarz. Es beruht hierauf bekanntlich 
eine der empfindlichsten Reactionen auf freies Jod, die wir besitzen. 



Digitized by VjOOQIC 



166 Stärkmehl. 

Nach der ongleicheu Menge von Jod ist das Product der Einwirkmig 
▼iolett, röthlioh oder schwarzblau. Nach Fresenius i) hängt die Tiefe 
der Farbe von der niedrigen Temperatur und der Gegenwart freier Säure 
ab. Bringt man zu Stärke unter dem Mikroskope Jod, so färben sich 
die Stärkekörnchen alle gleichmässig blau. Nach Fritz sc he erhält 
man reine Jodstärke, indem man zu Kartoffelstärkekleidter soviel coa- 
oentrirte Salzsäure setzt, bis Alles gelöst ist, hierauf die Lösung filtrirtf 
und so lange mit einer Lösung von Jod in Alkohol versetzt, als noch 
ein blauer Niederschlag gebildet wird, wobei man einen Ueberschuss 
der Jodlösung vermeiden muss , da sonst freies Jod roitgefallt wörde. 
Der Niederschlag wird auf ein Filter gebracht, mit kleinen Mengen 
Wassers ausgewaschen, wobei nach der Entfernung der freien Salzsäure 
der Niederschlag anfangt sich in Wasser zu lösen, und das Filtrat blau 
zu färben. Ist dieser Punkt eingetreten, so unterbricht man das Aus- 
waschen, und trocknet die Jodstärke im luft verdünnten Baume fibar 
Schwefelsäure. 

Böttger stellt die Jodstärke dar, indem er zu einer kochenden 
Jodkaliumlösung ein wenig mit kaltem Wasser angerührte Kartoffel- 
stärke setzt ; die Lösung wird filtrirt und zu dem Filtrate eine dem an- 
gewandten Jod entsprechende Menge Chlorwasser gesetzt Die Jod* 
stärke scheidet sieh sogleich in dicken dunkelblauen Flocken aus. 

Auf die eine oder die andere Weise dargestellt, ist die Jodstärke 
getrocknet eine gummiartige zerreibliche schwarzblaue glänzende Masse, 
welche in Wasser mit blauer Farbe löslich ist, und ans der Lösung 
durch Säuren, Salze und Weingeist vollständig niedergeschlagen mrd. 
Wird dagegen die wässerige Lösung erhitzt, so verliert sie ihre blaue 
Farbe, erlangt sie aber beim Erkalten wieder, wenn die Lösung nicht 
bis zum Kochen erhitzt wurde. Bei fortgesetztem Erhitzen kann alles 
Jod vollständig ausgetrieben werden. 

Da nun der Jodstärke das Jod auch durch Weingeist, Kali, Schw^ 
felwasserstoff, schweflige Säure, Chlor, Salpetersäure, und durch alle 
jene Flüssigkeiten entzogen werden kann, welche das Jod auflösen, und 
endlich kein Beweis vorliegt, dass die Jodstärke ihre Bestandtheile in 
festen Verhältnissen enthalte, so muss man der Ansicht Payen's und 
Liebig's, der zu Folge die Jodstärke nicht als eine wirkliche chemische 
Verbindung, sondern als eine mechanische Auflagerung von Jod auf 
Stärke zu betrachten ist, beipflichten. 

Bromstärke. Brom färbt die Stärke pomeranzengelb. Wird, 
nach Fritzsche, eine Auflösung von Stärke in salzsäurehaltigem Was- 
ser mit einer concentrirten wässerigen Bromlösung vermischt, so fallt 
Bromstärke zu Boden. Allein schon während des Trocknens entweicht 
das Brom vollständig, ja selbst schon in der Flüssigkeit, in welcher sich 
die Bromstärke gebildet hat, entweicht das Brom allmälig, schneller 
noch beim Kochen. Es kann daher die Bromstärke ebenso wenig als 
eine eigentliche chemische Verbindung betrachtet werden, wie die Jod- 
stärke. Das Verhalten der Stärke gegen Brom wird aber zur Erken* 
nung des Broms bekanntlich benutzt. 

Stärke, in Wasser vertheilt, giebt mit Kalk- und Barytwasser Nie- 
derschläge, lose Verbindungen von Stärke mit Kalk oder Baryt 
Der Stärke -Baryt ist ein Niederschlag, welcher nach einiger Zeit 



>) Annal. d. Chem. u. Pharm. Bd. CII, S. 184. 

Digitized by VjOOQIC 



Stärkniehl 167 

elastiseber and zarter wird. Bald darauf lost sich derselbe jedoch wie- 
der auf. 

8tärke*Bleioxyd wird erhalten, wenn man 1 Thl. 8t&rke in 
120 bis 150 Thln. kochendem Wasser mit ungefähr 1 bis iVs Thlin. 
Ammoniak yermischt, und zu dieser L<5sang eine ammoniakalische 
Bleizackerlösnng hinzufügt. Der erhaltene Niederschlag wird mit laf^ 
freiem Wasser ausgewaschen und bei 100<> G. getrocknet, lieber die 
Zusammensetzung herrscht Unsicherheit Payen giebt nach seinen 
Analysen der bei 180® C. getrockneten Verbindung die Formel 2PbO. 
C12H9O9, während, nach Mulder, die Stärke auch in der Bleiverbin* 
dang die Formel Ci^HioOio hat (s. S. 164). 

Auch über Verbindungen der Stärkemit Salzen existiren einige 
Angaben. B u c h o l z und Schiller haben gezeigt, dass Auflösungen Ton 
Stärke durch Borax coaguHrt werden, wobei eine Verbindung der 
Stärke mit Borax gebildet werden soll. Wird die Stärkelösung zuvor 
mit etwas Essigsäure oder einer anderen freien Säure vermischt, so bil- 
det sich kein Niederschlag, weil durch die froie Säure der Borax zer- 
legt wird; auch weinsaures Kali verhindert die Fällung. Nach Van- 
quell n soll eine kochend heisse Stärkelösung etwas phoßphorsauren 
Kalk auflösen. 

Hier ist endlich auch noch eines Froductes aus Stärke und 
Berlinerblau bestehend Erwähnung zu thun, welches im Handel 
als eine schwarzblaue Farbe vorkommt Es wird erhalten, wenn 
die Stärke in einem Eisenoxydsalze gleichwie beim Färben eines 
Zeuges gebeizt und hierauf in eine Lösung von Kaliuipeisencyanfir ge- 
legt wird, bis sie blau geworden ist, worauf sie gewaschen und getrock- 
ne« wird. Wird 1 Thl. Berlinerblau mit 4 Thln. Stärke und viel 
Wasser gekocht, so wird die Flüssigkeit, noch ehe sie aufkocht, zuerst 
grfin, dann braun, und setzt eine Substanz ab, die von Säuren nicht 
blau wird. Die filtrirte Flüssigkeit dagegen lässt beim Vermischen mit 
Etsenoxydsalzen BerUnerblau fallen, und giebt nach dem Abdampfen 
eine schlüpfrige Masse, die sich nach dem völligen Eintrocknen wieder 
leicht in Wasser auflöst (Berzelius). 

Auflösungen von Kupfervitriol, schwefelsaurem Eisen- 
oxyd, Chlorbarium und anderen Salzen geben mit Stärkelösung 
keinen Niederschlag. 

Wird zu einer klaren durchsichtigen Stärkelösung eine Lösung 
von Gerbsäure gesetzt, so erhält man einen hellgelben in kochendem 
Wasser löslichen Niederschlag. Man erhält ihn am besten, wenn Stärke 
durch Kochen in einer Galläpfelinfusion aufgelöst kochend heiss fil- 
trirt wird, worauf sich beim Erkalten der Niederschlag absetzt Nach 
dem Trocknen ist er braungelb, durchscheinend, spröde und von zu- 
sammenziehendem Geschmack. Spiritus zieht daraus einen Theil 
Gerbsäure aus und färbt sich braun. Dieser Niederschlag kann über- 
haupt als eine chemische Verbindung nicht angesehen werden (Kali- 
mowsky). Mit Ueberschuss an Gerbsäure ist der Niederschlag in kid- 
tero Wasser etwas leichter auflöslich. Auch mit Chinagerbsäure erhält 
man einen entsprechenden Niederschlag (Berzelius). 

Verwandlungen und Zersetzungen. Die interessanteste und 
;iuch praktisch wichtigste Verwandlung, welche das Stärkemehl erleidet, 
ist die in Dextrin und Traubenzucker. Dieselbe erfolgt: durch 
Einwirkung des Sonnenlichts auf einprocentige Lösungen (?) von Amy- 



Digitized by VjOOQIC 



168 Stärkmehl. ' 

lam (Niepce de St. Victor und Cowisart), — durch längeres Stehen- 
lassen von Stärkekleister in der Kälte (Saussure), — darch Erhitzen 
bis auf 1600 bis 200<^ C, — darch firhitsen mit gespannten Wasser- 
däropfen, — durch Kochen mit verdünnten Säuren, und endlich durch 
gewisse Fermente: Diastas, Speichel, Bauchspeichel, Blutserum, 
Galle und andere thierische Stoffe. Die Dextrinbildung durch Erhitzen 
des trocknen Stärkmehls wird durch Zusatz einer kleinen Menge Säure 
sehr beschleunigt. 

Wird die Stärke erhitzt, so geht sie zuerst in Dextrin über, färbt 
sich über ^OO^'G. dunkel, und enthält dann nach Gelis^) Pjrodex- 
trin, nach ihm Ci^iiMO^^.HO. Es ist ein brauner dem Üaramel ähn- 
licher K5rper^ in Wasser mit brauner Farbe löslich, aber von viel stär- 
kerem Färbe vermögen als CarameL Man erhält das Pyrodextrin rein, 
indem man Stärke so lange erhitzt, bis äie in eine stark gefärbte 
fast vollkommen geschmolzene Masse verwandelt ist. Man zieht mit 
Wasser aus, schlägt aus der Lösung noch vorhandenes Dextrin durch 
Alkohol nieder, und fällt aus dem Filtrate das Fyrodextrin durch 
Barytwasser unter Zusatz von etwas Alkohol. Das Fyrodextrin ist eine 
feste schwarze Masse, glänzend, elastisch wie Gummi, geschmack- and 
geruchlos, unveränderlich an der Luft, unlölisch in starkem Alkohol, 
löslich in wässerigem Weingeist, unlöslich in Aether, leicht löslich in 
Wasser. Die braune Lösung hat ein dreimal so grosses FärbeverroÖ* 
gen, wie CarameL Das Fyrodextrin findet sich in allen durch Rö- 
sten veränderten Stärkesubstanzen, in der Bastrinde, im gerösteten 
Malze, gebrannten Caffee u. s. w. Um es aus solchen Substanzen zu 
gewinnen, verwandelt man durch Behandlung mit Diastad oder Schwefel- 
säure die unzer setzte Stärke in Zucker, zerstört den Zucker durch 
Gährung, und fällt das Fyrodextrin durch Baryt. 

Das Assamar Reichenbach's ist jedenfalls eine wenn nicht 
identische, doch sehr ähnliche Substanz. 

Der trockenen Destillation unterworfen, liefert die Stärke dieseU 
ben Froducte wie der Zucker. 

Längere Zeit der Luft dargeboten, wird der Stärkekleister sauer, 
indem sich Milchsäure bildet; unter Mitwirkung von Kleber oder 
ähnlichen stickstoffhaltigen Verbindungen aber geht er, nach den Ver- 
suchen von Erdmann und Marchand, durch Gährung in Butter- 
säure über, während sich Kohlensäure- und Wassers tolTgas entwickelt. 

Bis auf 150<^C. in einem Oelbade erhitzt, wird der Stärkekleister 
vollkommen flüssig. Nach den Versuchen von Jaquelain setzen sich 
nach dem Erkalten der durchsichtigen Flüssigkeit runde Körner ab, von 
0,002™"» Durchmesser, die in heissem Wasser vollständig löslich sind, 
und durch Jod gefärbt werden. Auch nach den Versuchen von Be- 
champ soll bei der Verflüssigung in der Wärme das Stärkemehl nicht 
sofort in Dextrin, sondern zuerst in eine lösliche Modification „lös- 
liche Stärke ^^ {fdcule solubU) übergehen, die durch Jod gebläut wird, 
und den polarisirten Lichtstrahl viel stärker ablenkt als das Dextrin, 
welches überdies durch Jod nicht mehr blau gefärbt wird, dieser Kör- 
per soll der ursprünglich von Biot als Dextrin bezeichnete sein. 

Verdünnte Säuren verwandeln die Stärke mehr oder weniger 



1) Compt. rend. T. XLV, p. 590 ~ 594, a. p. 988 — 994; Annal. de chim. 
et de pbjs. [8.] T. LH, p. 888. 

Digitized by VjOOQIC 



Stärkmehl. 169 

rauch in Dextrin nnd Tranben sooker. Muscnlus*) Aohliestt, dass sowohl 
Dextrin wie Traabenzucker Zersetzting^producte der Stärke selbst seieo^ 
da nach ihm bei der Einwirkung von Diastas nnd von Sohwefels&nre 
aaf Stärke die Bildung von Traubenzneker nur so lange rasch fort* 
schreitet, ab noch Stärke vorhanden ist, dann sich aber auffallend ver- 
mindert, wenn gleich noch viel Dextrin vorhanden ist Als er 2 6nn. 
Stärke mit 200<)C. Wasser und Säure behandelte, hotten sich naeh 
einer halben Stunde, wo Jod keine Blännng mehr in der Flässigkeit 
bewirkte, 0,6 Grm. Tranbenzneker gebildet, während er nachher über 
4 Stunden lang kochen musste, um eine Zunahme von 0,2 bis 3 Orm. 
zu erhalten. Dieser Umstand spricht dagegen, dass sich der Trauben- 
zneker durch Wasseranfnahme aus dem Dextrin bildet, ebenso auch 
die Thatsache, dass sich sowohl bei der Einwirkung der Diastase, als 
der der SchwefeUänre Traubenzucker und Dextrin zu* gleicher Zeit 
nnd in demselben Verhältnif^se bilden. Nach ihm ent^hen bei der 
Einwirkung von Diastase, wie bei der Behandlung mit Säure bis zum 
Verschwinden der Stärke auf 2 Aeq. Dextrin 1 Aeq. Glucose. Nach 
Schulze ') und B^champ^) bildet sich zuerst Amidnlin oder lösli- 
ches Stärkmehl, welches, wie angegeben, durch Jod gebläut wird, aber 
das Licht stärker polarisirt als Dextrin. Bei der Umwandlung durch 
▼erdfinnte Schwefelsäure widersteht, nach B^champ's Versuchen, stets 
ein Theil des Dextrins der Einwirkung der Säure, und es lässt sich au» 
dem Krümelzncker durch Behandlung mit Alkohol eine nicht gährungs- 
iahige Substanz abscheiden, die aus zwei hygroskopischen Verbindun- 
gen von verhältnissmässig kleinem Drehungs vermögen zu bestehen 
scheint 

Essigsäure von mittlerer Cohcentration bewirkt, nach Biot 
Persoz und B^champ, eine Umwandlung des Stärkmehls, ohne es in 
Zucker überzuführen. B^champ erhielt Prodncte, die nicht gährnngs- 
fiihig waren, und durch Jod nicht gebläut wurden. Bei kürzerem (ein 
bis zweistQndigem) Erhitzen in zugeschmolzenen Röhren auf 100<>C. bil- 
dete sich eine fast klare Lösung von sehr hohem Drehungsvermögen, 
welche mit Jod eine rein blaue Färbung, und mit Alkohol einen reichlichen 
Niederschlag gab; nach längerem Erhitzen war das Drehungsvermögen 
der Flässigkeit viel schwächer, und dieselbe gab mit Jod nur noch braun- 
gelbe Färbung, mit Alkohol keinen Niederschlag. Die so gebildete 
Substanz war aber nicht gährungsfahig. 

Concentrirte Schwefelsäure löst die Stärke, wobei, wenn 
Kartoffelstärke angewandt wnrde, ein deutlicher Geruch nach Fuselöl 
auftritt, der bei Anwendung von Weizenstärke fehlt. Puscher em- 
pfiehlt daher die Behandlung mit Schwefelsäure (1 Thl. Säure, 2 Thle. 
Wasser), wenn es sich um die Erkennung einer Verfälschung von 
Weizenstärke mit Kartoffelstärke handelt, und will noch 1 Proc. Kar- 
toffelstärke auf diese Weise erkennen. Die Lösung der Stärke in 
Schwefelsäure enthält eine eigenthümliche Säure, die Starkes chwef Öl- 
säure (s. d. Art). 

Ein eigenthümliches Verhalten zeigen die verschiedenen Stärke- 
sorten gegen concentrirte Salzsäure. Wird 1 Thl. Kartoffelstärke 



'} Joarn. de pharm, et de chim. [8.] T. XXXVTI, p. 419; Ghem. Centralbl. 
J860, S. 602. — ^ Journ. f. prakt. Chem. Bd. XUV, S. 178. — ■) Annal. de 
chim. et de phyt. [8.J T. XLVUI, p. 45S. 



Digitized by VjOOQIC 



170 Stärkmehl. 

mit IVt bis 2 Thln. Salzsäure angerührt« so bildet sieb augeDblickliek 
ein dicker beinahe durchsichtiger Schleim, wobei sich ein Geruch nach 
Ameisensäore entwickelt. Mit Weizenstärke verhält sich die Salzsäure 
ähnlich. Bei Anwendung verdünnter Salzsäure entsteht bei beiden 
Stärkesorten ein so zäher Schleim, dass das Pistill mit dem Mörser 
in die Hohe gehoben werden kann, und zwar findet diese Verdickung 
sehr rasch statt. Reismehl oder Arrow-root dagegen mit concentrirter 
Salzsäure behandelt, geben unter Entwickelnng eines Ameisensäure- 
geruchs einen dicken aber unklaren Schleim, und bei Anwendung ver- 
dünnter Salzsäure wird die Masse je nach der Feinheit des Mehls in 
26 bis 30 Minuten erst so zähe, wie die Kartoffelstärke schon nach 
3 bis 5 Minuten. Scharling benutzt daher die Salzsäure als Mittel, 
Reism^ und Arrow-root von Kartoffelstärke zu unterscheiden. Er 
wendet eine Salzsäure von 1,105 specif. Gewicht (IdV^^^B.) an. 

Von concentrirter Salpetersäure wird die Stärke in der Kälte 
gelöst; Wasser fallt aus dieser Lösung eine Nitroverbindung: das Xy- 
loidin, Ci9 {{9 (N O4) Oio) eine weisse, in Wasser, Alkohol und Aether 
unlösliche Masse, welche durch Schlagen explodirt und bei 180^^0. 
mit Lebhaftigkeit verbrennt. Durch redncirende Agentien geht es 
wieder in Stärke über. Beim Erhitzen von Stärkmehl mit Salpetersäure 
findet lebhafte Einwirkung unter Entwickelnng von rothen Dämpfen 
Rtatt, und es bildet sich Oxalsäure; es beruht hierauf die gewöhnliche 
Methode der Darstellung der Oxalsäure. Tünnermann giebtan, dass 
beim Erhitzen von 1 Thl. Stärke mit 6 Thln. Salpetersäure von 1,29 
specif. Gewicht bis zur Verkohlung des Rückstandes sich ein krystal- 
linisches Sublimat neben einem wässerigen Destillat bilde, welches 
Bemsteinsäure enthalte. 

Chlor wirkt im feuchten Zustande wenig auf Stärke ein; trod^e- 
nes Chlor verwandelt sie unter Entwickelnng von Kohlensäure in eine 
flüssige Masse, welche Salzsäure enthält. Beim Elrwärmen mit Chlor- 
kalklösung wird die Stärke ebenfalls rasch unter Bildung von Kohlen- 
säure und Wasser zersetzt 

Mit Salzsäure und Braunstein destillirt, liefert die Stärke 
unter anderen Producten Chloral oder Trichloraldehyd (s. 2. Aufi. 
Bd. I, S. 109), und einen Körper von der Zusammensetzung C«HCl»Of, 
sona«^ Fünffach-Chloraceton (Städeler). 

Wird die Stärke mit Braunstein und concentrirter Schwe- 
felsäure destillirty so entwickelt sich Kohlensäure und Ameisensäure. 
Es beruht hierauf eine Methode der Darstellung der Ameisensäure (s. 
d. Art.). 

Chlorzink wirkt beim Erwärmen ähnlich auf Stärke ein, wie 
Alkalien. Es hebt den Organisationszustand auf und verflüssigt da- 
durch die Stärke. Aus der Lösung erhielt B^champ desorganisirtes 
Stärkmehl, welches in Wasser unlöslich war und nicht mehr Kleister 
bildete. 

Das Stärkmehl absorbirt in der Kälte allmälig Fluorbor, wo- 
bei es flüssig wird, sich aber nicht färbt. 

Verdünnte Alkalien bewirken schon in der Kälte SchwdUen 
und theilweise Zerstörung der Schichten der Stärkmehlkömer. Wird 
eine concentrirte Lösung von Kali mit Stärke zusammengerieben, 
j30 entsteht eine durchsichtige gallertartige in Wasser und Weingeist lös- 
liche Masse* Säuren sollen aus der Lösung die Stärke unverändert (?) 



Digitized by VjOOQIC 



Stärkmehl. 171 

niederschlagen. Nach den Untersnchnngen von Bechamp wörde 
rieh die Wirkung alkalischer Lösungen auf Stärke bei gewöhnlicher 
Temperatur auf Verflüasigung durch Aufhebung der Organisation be^ 
schränken. Wird dagegen Stärke mit Kalilauge gekocht, so ent- 
steht eine braune Lösung. Mit Kalihydrat geschmolzen wird die 
St&rke in oxalsanres Kali verwandelt. 

Mit Kalk innig gemengt und der Destillation unterworfen, liefert 
die Stärke Aceton und Metaceton. 

Kupferoxyd-Ammoniak, welches Gellulose bekanntlich zu einer 
achleimigen Flüssigkeit löst und ebenso Nickeloxydul-Ammoniak, 
lost nicht Stärkmehl; wird dieses damit Übergossen, so bildet sich eine 
unlösliche Kupferoxyd- Stärke; Ammoniak so wie verdünnte Säuren ent- 
ziehen dieser Verbindung das Oxyd und hinterlassen die Stärke, aber 
grosstentheils verändert (Payen^). 

Ln Organismus scheint, nach den Betrachtungen von Lieb ig, die 
Stärke unter Sauerste (Tausscheidimg in Fett übergehen zu können. 
Das Gleiche soll auch, nach Mulder, in den Pflanzen erfolgen, und 
namentlich das Wachs durch Desoxydation der Stärke entstehen. 

In der neuesten Zeit hat M^ge-Mouri^s eine eigenthttmliche 
Wirkung der Weizenkleie auf Weizenstärke beobachtet Nach 
ihm besitzt die Weizenkleie die Fähigkeit, die Stärke in Dextrin und 
Zucker zu verwandeln, und zwar wäre das Wirksame die Zellenmembran, 
welche die Mehlmasse im Korn unmittelbar umgiebt. Im Allgemeinen 
will M6ge-Mouri^s gefunden haben, dass Alles was die Keimung 
verhindert, was Albumin gerinnen macht, endlich Alles was wie Hitze, 
Frost, plötzliche Temperatnrsprünge diese Membran desorganisiren 
kann, auch die Wirkung desselben auf die Stärke aufhebt oder ver- 
langsamt Die Hülsen hatten nach sechsmaliger Wirkung noch nichts 
von ihrem Gewicht verloren« 

Darstellung und technische Gewinnung des Stärkmehls. 
Zur Darstellung des Stärkmehls im Kleinen eignen sich die KartoflTebi. 
Der durch Zerreiben der gereinigten Kartoffeln erhaltene Brei wird auf 
einem Haarsiebe, auf welches fortwährend ein Strom Wasser fliesst, so 
lange geknetet und ausgewaschen, als das Wasser noch milchig abläuft. 
Aus der durchgelaufenen Flüssigkeit setzt sich das Stärkmehl naofa 
einiger Zeit ab. Es wird einige Male abgewaschen, und bei massiger 
Wärme getrocknet Zu weiterer Reinigung wird es mit Weingeist und 
Aether erschöpft Aus Weizen erhält man die Stärke in ähzüicher 
Weise. Aus der milchigen Flüssigkeit setzt sich hier das Stärkmehl 
mit etwas Kleber ab, welches sich aber in der überstehenden, nach 
einiger Zeit sauer werdenden Flüssigkeit wieder auflöst; diese wird so« 
dann abgelassen und einige Male durch frisches Wasser ersetat, und 
dann die Stärke getrocknet. Um allen E^leber zu entfernen, wird hier- 
auf die Stärke mit verdünnter Essigsäure behandelt, und dann noch- 
mals mit Wasser, Alkohol und Aether extrahirt. In ähnlicher Weise 
wird Arrow-root aus der Wurzel vonMaranta arnndinacea, Tapioca 
aas Jatropha Manihot, der Sago aus dem Stamme mehrerer Palmen und 
Cycadeen gewonnen. 



^) Joum. de chim. et pharm. [8.] T. XXXY, p. IOC; Buohner'ft N. Repert. 
(1869), Bd. Vin, S. Sl4. 



Digitized by VjOOQIC 



172 Stärkmehl. 

Unter allen Pflanzen sind die Kartoffeln und die Getreidearten al- 
lein hinreichend wohlfeil und reich an Stärke, um als Rohmaterial für 
die St&rkegewinnnng im Grrossen zu dienen. Ans dem Weizen, 
denn anderes Getreide pflegt man nur sehr selten zu verarbeiten, erhalt 
man ein feinkörnigeres Prodnct als aus den Kartoffeln. Obgleich beide an 
Reinheit gleich sind, so ist doch die Weizenstärke fitr mehrere Zwecke 
▼iel besser geeignet, und wird in der Praxis als von feinerer Qualität 
angesehen. Die Abscheidung aus Weizen ist aber des Kiebergehaltes 
wegen eine viel schwierigere, als die aus den Kartoffeln, deren Stärke 
einfach in Zellen eingeschlossen ist Es bedarf daher hier nur des Zer- 
reissens der Zellen, um die Stärke herauszuspfilen. 

Bei der Gewinnung der Kartoffelstärke muss aber der Ope- 
ration des Zerreibens eine vollständige äussere Reinigung der Kartoffeln 
von Erde u. s..w. vorangehen, indem diese Stoffe die Maschinen ebenso 
sehr beschädigen als die Gute des Fabrikates beeinträchtigen würden. 

Die Maschinen i), welche gegenwärtig zum Waschen und Zerreiben 
der Kartoffeln dienen, sind den gleichen Processen der Röbeuzucker- 
gewinnnng entlehnt. 

Die Waschtrommel ist im Wesentlichen eine Walze, welche aus 
zwei Böden oder Scheiben besteht, worauf in regelmässigen Abständen 
Latten aufgenagelt sind. Diese Walze ist in einem Troge voll Wasser, 
welches in dem Maa^^se, als es Unreinigkeiten aufnimmt, abfliesst und 
durch frisches ersetzt wird, ungefähr zu Vs ^^^er Dicke eingetaucht, 
und dreht sich langsam um ihre Achse, so dass die Knollen dadurch 
um und übereinander gerollt werden, und sich gegenseitig rein spu- 
len; Von da kommen die Knollen in die Reibcylinder, deren Con- 
struction eine sehr verschiedene ist. Die Reibcjlinder nach Thierrj'- 
scher Construction bestehen aus sich sehr schnell um eine horizontale 
Achse drehenden mit horizontal liegenden Sägeblättern, die als Reib- 
eisen wirken, reichlich versehenen, in einem oben und unten offenen 
Kasten befindlichen Cylindern. Durch die Umdrehungen dieser Reib- 
walze werden die Kartoffeln sehr rasch in einen gleichmässigen Brei 
verwandelt. Ein Cylinder der Art von 1,6' Länge vermag in einer 
Stunde 14 bis 15 Hectoliter Kartofl^eln zu Brei zu machen. 

Von den Reib walzen gelangt der Brei auf die Apparate zum 
Auswaschen. Anfänglich, wie in kleineren Fabriken auch noch jetzt, 
bestanden diese in einem stehenden Gylinder mit zwei Abtheilungeu, 
deren Böden und Wände aus Metallgewebe gefertigt, sich nur dadurch 
unterschieden, dass das Gewebe der unteren Abtheilung viel engere 
Maschen hatte, als die der oberen; ein durch eine Brause sprühender 
Strom von Wasser wäscht mit Hülfe eines rotirenden Bürstenapparates 
die Stärke nebst den feineren Zellentheilchen durch das Drahtgewebe 
der oberen in die untere Abtheilung, deren engere Maschen nur der 
Stärke mit einer ganz kleinen Menge feiner Zellentrümmer den Durch- 
gang gestatten, was durch einen ähnlichen Bürstenapparat befördert 
wird. Aus jeder Abtheilnng werden die Zelienrückstände durch eine 
besondere Thür entfernt. Der Drahtcjlinder selbst ist mit einer Zarge 
umgeben, wodurch die stärkehaltige Flüssigkeit verhindert wird umher- 
znspritzen. Sie läuft vielmehr nach unten ab, wo sie sich mit der 



') Die Abbildungen solcher Mtschinen nach Huck, SUEtienne n. A. b. Knappet 
Technologie, Pa/en'B Gewerbchemie u. 8. w. 



Digitized by VjOOQIC 



Stärkmehr. 173 

durch die Böden gewaschenen vereinigt, und nach den Abeetzbotti« 
eben geleitet wird. Diese Waschcy linder arbeiten rasch und leicht, 
bedingen jedoch dadurch einen Zeitverlust , dass man darin die geriet 
benen Kartoffeln nur portionenweise verarbeiten kann, auch ist die Er- 
schöpfung zu unvollkommen nnd geht viel Stärke verloren. Diese 
Nachtheile werden durch den Laine'schen Waschapparat vermieden, 
worin die Siebe, an Zahl und Abstufung der Feinheit vervielfältigt, 
in einer geneigten Ebene so hintereinander geordnet sind, dass das 
unterste und weiteste Sieb ununterbrochen frische Kartoffelmasse em- 
pfangt, während vom obersten und engsten die erschöpften Rückstände 
ebenso ununterbrochen weggeführt werden. In gleicher Zeit geht der 
auswaschende Wasserstrom in entgegengesetster Richtung von oben 
nach unten über die Siebe, so dass die Rückstände, je mehr sie erschöpit 
sind, mit um so reinerem Wasser zusammentreffen, und umgekehrt. 
Andere sind wieder, ohne die eigenthüxnliohen Yortheile der Laine'« 
sehen Maschine aufzugeben, mit einigen Modificalionen zu den Cylinder- 
sieben zurückgekehrt, da sie im kleinsten Räume die grösste Siebober- 
flache darbieten. Eine derartige Maschine ist die Huck'sche. 

Diese Maschine umfasst zwei Siebcylinder, einen oberen und einen 
unteren, welche durch eine Trommel aus Messingblech verbunden sind. 
Die Cylindersiebe bestehen aus Ringen, auf welche hölzerne Leisten 
mit Reifen aufgezogen sind. In diese Cylindersiebe sind die Rühr- 
und Bürstenapparate, sowie die Speisungstrommeln eingesetzt. Die 
Siebe werden durch eine Welle mittelst eines Zahnrades um sich selbst 
gedreht, und sind von der Bewegung der Hauptachse unabhängig, auf 
welcher sie nur gleiten, aber nicht fest aufgezogen sind. Dagegen: 
sitzen die Trommeln sowie die Rührapparate und Bürsten fest auf der- 
selben auf, und empfangen durch Rollen eine Drehung, welche der der 
Kebcylinder entgegengesetzt ist. Der obere Cylinder nimmt den Kar* 
toffelbrei auf, während Wasser durch ein Rohr in die Speisnngstrommel 
fliesst, und aus derselben durch zahlreiche feine Oeffnungen gegen das Sieb 
spritzt. Der Brei fliesst nun durch die Neigung der Maschine langsam 
nach der Trommel, worin er inzwischen mit einem Rührer gepeitscht wird, 
and von da in den unteren Cylinder, wo er aufs Neue mit Rührer und 
Börsten verarbeitet wird. Die Maschen des Siebes dieses Cylinders 
sind feiner. Die Stärkeflttssigkeiten sammeln sich endlich in einem Troge, 
and laufen von da durch eine Rinne nach einem dritten Siebcylin- 
der ohne Rühr- und Btirstenapparate, aber mit viel feineren Maschen, 
worin die durch die ersten Siebe gegangenen Zellentrümmer abgeseiht 
werden. 

Die Idee von Völker, das Aufschliessen der KartoffelzeUen durch 
eine Art Gährung oder Verwesung, die sogenannte „Verrottung^S su 
bewirken, wobei die Stärke keine Veränderung erleidet, ist ans dem 
Orunde nicht wohl ausführbar, weil sie zu viel Zeit erfordert, und 
weil mit der Aufschliessung der Zellen die Substanz der Zellen zum 
Nachtheil ihrer leichten Trennung von der Stärke in zu feine Theilchen 
zerfallt. 

In den Bottichen ist nach Beendigung der obigen Operationen 
eine milch weisse Flüssigkeit angesammelt, worin die Stärke nebst vielen 
fremden Stoffen schwebend enthalten ist Nach einigen Stunden, wenn 
sich alle schwereren Theile abgesetzt haben, kann man die überstehende 
Flüssigkeit abzapfen. Sie dient wegen ihres Eiweissgehaltes zweck* 



Digitized by VjOOQIC 



174 Stärkmehl. 

mäMig zum BegieMen der Düngstätten ; — der Bodensatz wird hierauf 
aegleich mit frischem Wasser angerührt, bleibt hierauf etwas in Buhe, 
bis Steinchen, Erde und ähnliche Dinge den Boden erreicht haben, 
und wird dann sofort von dieser abgezapft und durch ein feines Sieb 
gelassen, was man mehrmals mit immer feineren Sieben wiederholt. 
Nach diesen Durchseihungen läset man die Flüssigkeit in einem Satz* 
b Ottich so lange stehen, bis sich die Starke nicht nur abgelagert, son- 
dern auch fest zusammengesetzt hat, worauf man das letzte Wasser ab* 
laufen lässt. Die oberste Schicht des Bodensatzes ist weisslichgelb und 
schlammig; sie enthält den Best der Unreinigkeiten und wird abge* 
nommen. Das Uebrige ist ein Kuchen reiner "Stärke, den man in klei- 
nere Stücke zertheilt und herausnimmt 

Die letzte Operation ist das Trocknen der Stärke. Zu dem Ende 
zerbricht man Kuchentheile zu noch kleineren Stücken, und füllt damit 
die Abtropfgefässe, eine Art Spitzkörbe aus Messingdrahttnch sehr 
feiner Sorte. Es fliesst viel Flüssigkeit ab, die nunmehr zusammenhängende 
Brode bildende Stärke enthält aber noch reichlich Wasser; ein Theil des- 
selben wird durch Absorption entfernt, indem man die Brode auf einem 
Gjpsboden neben einander reiht, wo sie noch mehr Zusammenhang ge- 
winnen, so dass sie nunmehr auf den Latten eines Trockengerüstes gu- 
tem Luftzüge ausgesetzt durch etwa 6 Wochen sich selbst überlassen 
bleiben. Nach diesem Zeiträume enthält die Stärke noch etwa % ihres 
Gewichtes Fenchtigkeit, welche man bisher unter Beihülfe von Wärme 
auf den sogenannten Darren oder Trockenstuben bei einer 40<^C. 
nicht übersteigenden Temperatur möglichst entfernte. So getrocknete 
Stärke, dann käufliche Waare, enthält noch ungefähr 18 Proc. Fench- 
tigkeit. 

Seit einiger Zeit wendet man zum Entwässern des Stärkmehls 
Centrifugalapparate an, was folgende Vortheile gewährt: 1. Er> 
spamiss grosser Bäumlichkeiten, da man keine Gypstennen und Darren 
mehr nöthig hat; 2. eine erhebliche Zeiterspamiss ; man erzielt nämlich 
in 10 Minuten eine so vollständige Entwässerung der Stärke, dass die- 
selbe nicht mehr als 12 Proc. Wasser enthält, während die Stärke, 
nachdem sie mehrere Tage auf den Gypstennen und Darren gewesen 
ist, häufig noch einen Wassergehalt von SO Proc. zeigt; S. das .Stärk- 
mehl wird sehr rein und weiss, sowie man es nach dem älteren Ver- 
fahren nie erhält. — Mittelst eines solchen Centrifugalapparates kann 
man in 12 Minuten 1500 bis IBOOKilogr. Stärke entwässern. Zur Be- 
wegung der Maschine bedarf es höchstens einer Pferdekraft. Derar- 
tige Maschinen werden von Liebermann in Paris construirt, welcher 
an selben auch eine Einrichtung angebracht hat, mittelst welcher die durch 
Auswaschen mit Wasser von dem Stärkmehl befreite Eartoffelmasse, 
welche als Futter benutzt wird, ebenfalls in dieser Maschine entwässert 
werden kann, so dass das Pressen dieser Bückstände entbehrlich wird. 

So sehr vervolikommt aber auch die Maschinen zur Gewinnung 
der Stärke aus Kartoffeln gegenwärtig sind, so erhält man durch selbe 
doch nur einen Theil ihres Gehaltes an Stärkmehl, indem ein anderer 
Theil so fest von der Faeer zurückgehalten wird, dass er für die Fa- 
brikation verloren geht, wie dies Anthon und Scheven neuerdings 
wieder nachgewiesen haben. Nach den Versuchen des erstgenannten 
Chemikers geht bei der Bereitung der Kartoffelstärke durch die gewöhn- 
lichen Apparate der dritte Theil (und auch mehr) des in den Kar- 

Digitized by VjOOQIC 



Stäxkmehl.' 175 

toifeln eDthaltenen Stärkmehls in der Faser verloren, und letoier« be- 
steht im wasserfreien Znstande in 100 Thln. ans SSbisSiProo. Stärke 
and 17 bis 16 Proc reiner Cellulose. Er hat ausser dem gezeigt» dass 
sich diese Rückstände in Zucker überfuhren (durch verdünnte Schwei£el- 
siure und durch Malz) und zur Spirituserzeugung verwenden lassen. 
Aus 100 Thlen. wasserfreier Ptärkmehlhaltiger Faser kann man noch so 
riel Spiritus erhalten^ als aus 350 bis 400 Gewthln. frischer Kartoffeln. 
Dieselbe Menge stärkmehlhaltiger wasserfreier Faser liefet endlich durch 
Schwefelsäure oder Mabs ihr gleiches Gewicht Stärkesyrup. 

Seit langer Zeit bringt man die Kartoffelstärke auch wohl in Stängel- 
form in den Handel. Man gewinnt sie dadurch, dass man die noch feuch- 
ten Stärkekuchen mit wenig Klebter und Wasser zu einem Brei knetet, 
und diesen dann durch Trichter mit feinen Oeffnungen passiren lässt, 
die über Hürden durch Maschinen in constanten Abständen hemmge:- 
führt werden. Auf den Hürden wird dann die Stärke getrocknet» 

Zur Gewinnung der Weizen stärke hat man früher ein Y^t^ 
fahren angewendet, welches in hohem Grade unreinlich und insofern 
auch nicht ökonomisch war, da hierbei der Stärkefabrikant ein werth- 
voUes Nebenproduct, den Kleber, entweder preisgab, oder ihn doch 
nur in einer Form erhielt, in der er höchstens als Thierfutter die- 
nen konnte. Im Wesentlichen bestand dieses Verfahren darin, den 
abgestäubten Weisen grob zu schroten und mit Wasser einzuweicbeiiv 
bis die Körner leicht zwischen den Fingern zerdrückt werden konnten» 
and dieselben hierauf in Säcken mit Wasser auszuwaschen. Diesai 
geschah unter Anwendung verschiedener Apparate, z. B. der Trotte, 
welche im Wesentlichen aus einem aus Stein gemeisselten horieontal 
liegenden Teller mit senkrecht aufstehendem Bande besteht, aus dessen 
Mitte sich eine verticale Achse erhebt. Die Achse steht durch ein ko- 
nisches Bad mit der bewegenden Maschine in Verbindung, dreht siok 
um sich selbst, und setzt eine mit ihr verbundene horizontale Stang«, 
nnd mittelst dieser zwei Mühlsteine in Bewegung, welche sich auf dem 
Teller walzen. Während der Operation lässt man auf die in den TeUes 
gebrachte weiche gequollene Masse fortwährend Wasser fliessen. Frl^ 
her geschah das Austreten auch wohl einfach durch Menschen mit 
den Füssen. Aus der trüben durchlaufenden Flüssigkeit setzt sieh 1^11** 
mälig das Stärkmehl mit Kleber gemengt ab. Indem man die Flüs- 
sigkeit einige Zeit lang auf dem Satze stehen lässt, tritt Gährung ein, 
wodurch ein kleiner Theil des Stärkmehls in Milchsäure verwandelt^ 
nnd der Kleber zersetzt und so löslich wird, dabei zugleich aber höchst 
übelriechende Producte bildet. Die Beinigung der so gewonnenen Stärke 
geschah auf ähnliche Weise wie bei der Kartoffelstärke. Eine Modifi«i 
eation dieses Verfahrens ist, die Frucht ungeschroten zu verarbeiten. 

Das neuere Verfahren bezweckt neben der Stärke unzer- 
setzten Kleber zu gewinnen, der wichtiger Anwendung fähig ist. 
Nach der Methode von Martin, welche auch in Deutschland mehr und 
mehr die alte verdrängt, wählt man als Bohstoff Weizenmehl, und 
bereitet daraus mit etwa Vs Wasser einen Teig von der Steifigkeit eines 
Nudelteiges ; er muss, damit alle Theile gut durchweichen, 1 bis 2 Stun- 
den liegen bleiben, bevor er ausgewaschen werden kann. Zum Aus- 
waschen dient ein Bottich mit Drahtsieb Nr. 120 bedeckt, auf welches man 
mittelst eines Bohree mit Hahn einen Strom von Wasser leiten kann. 
Der Kopf dieses Bohres endigt X förmig in ein Querstück, in dessen 



Digitized by VjOOQIC 



176 Stärkmehl. 

untere Seite 40 feine Ldcher eingebohrt sind, um den Strom in ebenso 
viele kleine Strahlen zu theilen. Auf diesem Siebe behandelt man ein 
gegen 10 Pfd. schweres Stück Teig; nach dem Anlassen der Braose 
]ftnft eine milchweisse Füssigkeit ab, was man durch gelindes Kne- 
ten nntersttttzt. Sobald das Wasser klar abläuft, ist das Auswaschen 
beendigt. Die stärkehaltige Flüssigkeit lässt man in der Regel 24 
Stunden lang in einem warmen Baum leicht gähren, um den mit durch- 
gegangenen Kleber leichter abscheiden zu können, und dann absetzen. 
Die Reinigung und das Trocknen geschieht auch hier wie bei der Kar- 
toffelstärke. 

Neben der eigentlichen weissen Stärke erhält man bei diesem Ver- 
fahren stets auch eine geringere Sorte ans demjenigen Antheil» der nicht 
gut von dem aufschwimmenden Schlamme getrennt werden kann, iÄnu" 
don gras oder iVoir der Franzosen). Sie ist fester, schwerer zu zerbrechen 
und missfarbig, giebt aber einen sehr guten Kleister. Nach dieser Me- 
thode erhält man aus 100 Thln. Weizenmehl ungeföhr 2ö Proc. Kleber mit 
38 Proc. Wasser. Man wendet den Kleber zur Fabrikation der Macaroni 
und anderer Nudeln an, indem man ihn mit gewöhnlichem Mehl und Was- 
ser zu einem Teig knetet. Da aber der frische Kleber leicht fault, so 
hat man in neuerer Zeit angefangen, ihn zu körnen (Veronas Ver- 
Cfthren), was dadurch geschieht, dass man den frischen Kleber mit der 
doppelten Qewichtsmenge Mehl zusantmenknetet, den Teig in lange 
Streifen aufrollt, und diese sodann in die Form von Körnern bringt, 
welche bei 30^ bis 40^ C. getrocknet werden. Durch dazwischen ge- 
streutes Mehl werden die Körner am Zusammenkleben verhindert Der 
gekörnte Kleber ist ein Nahrungsmittel, das weit mehr nährende Sub- 
•tanzen enthält, als eine gleiche Menge Mehl oder Schiffszwieback. 

Häufig verlangt man die Weizenstärke in „Stängeln^^; die eiuzel- 
aen Stücke des Kuchens werden dann in Papier eingewickelt, mit einer 
Schnur zusammengebunden und vorsichtig getrocknet; die Masse sieht 
sich beim Trocknen zusammen und trennt sich dann in prismatische 
eckige Stengelchen, die um so regelmässiger ausfallen, je langsamer 
und gleichmässiger getrocknet wurde. Diefle Form ist bedingt durch 
die Form der Weizenstärkmehlkörnchen, .die linsenförmige Scheiben 
bilden, welche beim Trocknen gern aneinander hängen. Diese eckige 
Henglige Form ist daher nur der Weizenstärke eigen. 

Durch Mahlen der schönsten Weizenstärkesorten in einer gewöhn- 
lichen feinen Mahlmühle erhält man den Weizenpuder. 

Quantitative Bestimmung des Stärkmehls. Wegen der 
physiologischen und technischen Bedeutung der Stärke kann es unter 
Umständen wichtig sein, die Menge des Stärkmehls in einer Pflaase 
oder einem Pflanzentheile zu erfahren. Leider besitzen wir aber kein 
Mittel seine Menge direct als Stärke genau zu bestimmen. Die bisher 
eingeschlagenen Verfahren beruhen alle darauf, das Stärkmehl durch 
verdünnte Säuren in Traubenzucker zu verwandeln, und diesen dann 
entweder durch Oährung oder durch Reduction mit einer titrirten Kupfer- 
oxydlöfung zu bestimmen. Diese Methoden setzen daher die vollstän- 
dige Umwandlung der Stärke und die Abwesenheit aller sonstigen in 
Zucker überführbaren Kohlenhydrate voraus. 

Zar Bestimmung der Stärke in vegetabilischen Nahrungsmitteln 
erhitzt Krocker eine gewogene Menge der Substanz (3 bis 8 Grm.) 
mit Wasser so lange in einer Porcellanschale, bis sie erweicht ist; hier- 



Digitized by VjOOQIC 



Stärkiiiehl. 177 

auf bringt er einige Tropfen verdünnter Schwefelsäure hinzu, und fährt 
mit dem Elrhitsen unter Erngierung des verdunstenden Wassers so lange 
fort, bis ein Tropfen der Mischung auf einem Uhrglas weder blaue 
noch weinrothe Färbung mehr zeigt. Ist dieser Punkt eingetreten, so 
dampft er die gesammte Flüssigkeit bis zur Syrupconsistenz ein, und 
bringt sie in das eine Kölbchen des Will-Fresenius'schen alkali- 
metrischen Apparates', stumpft die freie Säure durch eine concentrirte 
Lösung von weinsaurem Kali ab, da diese sonst die Gährung nach kur- 
zer Zeit gänzlich unterdrücken würde, bringt eine gewogene Menge Hefe, 
etwa 10 Grm. hinzu, schliesst den Apparat, wägt ihn genau und lässt 
gähren. In einem zweiten Apparat bestimmt man die aus einer gewo- 
genen Menge der angewendeten Hefe allein entwickelte Kohlensänre, um 
sie in Abrechnung bringen zu können. Der Gewichtsverlust des Appa- 
rates nach vollendeter Gährung zeigt die Menge der entwichenen Kohlen- 
säure an, und es lässt sich aus dieser dann die Stärke berechnen 
(4 Aeq. CO) 88 Thle. = 1 Aeq. wasserfreier Stärke = 162). 

Wie die Bestimmung des Zuckers durch eine titrirte Kupferlösung 
aoBcuf Uhren, ist unter Saccharimetrie (Bd. YII, S. 16) angegeben. 

Verfälschungen. Das Stärkmehl ist mancherlei Y erfklsehungen 
unterworfen. Die gewöhnlichsten sind Zusätze von Kreide, Gyps und 
auch wohl Pfeifenthon (ChevalUer) und Beimengung von Kartoffelstärke 
zu Weizenstärke. Eine Verfälschung mit anorganischen Substanzen giebt 
sich durch Asche'nbestimmungen am sichersten zu erkennen. Der nor- 
male Aschengehalt der Stärkesorten dürfte l,5Proc. kaum übersteigen. 
Auch ist schwefelsaurer Kalk kein Normalbestandtheii der Stärkeasche. 

Zur Erkennung einer Verfälschung von Weizenstärke mit Kartoffel- 
stärke sind mehrere Methoden vorgeschlagen. Vor Allem die mikro- 
skopische Untersuchung, bei welcher die Stärkekömehen de^ Kartoffeln 
durch ihre deutlichere Schichtung, ein deutlicheres Kreuz bei Anwendung 
des Polarisationsapparates, und durch ihre Grössen Verhältnisse erkannt ' 
werden; dann die Methode von May et, welche darin besteht, dass man 
1 Thl. Kali-Kalk in 3 Thln. Wasser löst, 5 Thle. dieser Mischung noch 
mit 6 Thln. Wasser versetzt, und 1 Thl. der zu prüfenden Stärke mit 
22 Thln. dieser Mischung anrührt Kartoffelstärke giebt dabei eine 
dicke Gallerte, welche opalisirend durchsichtig ist und nach Va Minute 
fest wird; Weizenstärke dagegen giebt ein Gemisch, das nicht fest wird 
and opak und milchig bleibt. 

Ein anderes Verfahren von Puscher wurde bereits weiter oben 
erwähnt Endlich hat man auch die Beobachtung gemacht, dass sich aus 
Gremischen von Weizen- und Kartoffebtärke die letztere viel rascher 
absetzt, und dass man daher hierauf ein Verfahren zur partiellen Schei- 
dung der Weizen- und KartoffeUtärke gründen kann, welches übrigens 
am so zuverlässiger ist, je mehr die Kartoffelstärke in dem Gemische 
vorherrscht, und um so unzuverlässiger, je mehr Weizenstärke vorhan» 
den ist (Justus WolO* 

Die praktische Wichtigkeit des Stärkmehls ist eine sehr bedeu- 
tende. Dasselbe ist häufig der Ausgangspunkt für die Gewinnung des 
Weingeists und Branntweins ; es dient femer zur Darstellung von Dex- 
trin und Stärkezucker, und ausserdem zum Verdicken der Farben 
und cum Appreturen der Zeuge. 

In physiologischer ''Beziehung ist das Stärkmehl dadurch wichtig, 
dass es ein Bestandtheil vieler vegetabilischer Nahrungsmittel, so na- 

HndwSrttfbooh du Chamto. Bd. Vm. 12/^ T 

Digitized by VjOOQlC 



178 Stärkmehlsch wefelsäure. 

mentlich des Brotes, der Mehlspeisen, der Kartoffeln nnd anderer Ge- 
müse iRt. Das Stärkroehl dieser Nahrnng^ittel kann, da es unlöslich 
ist, als solches nicht resorbirt werden, es wird aber im Organismus 
grösstentheils in Dextrin und Zucker verwandelt; diese Umwandlung 
beginnt schon in der Mundhöhle durch die Wirkung des Speichels, 
geht aber besonders energisch im Darmcanal durch die Einwirkung 
des pankreatischen und Darmsaftes vor sich. Dass es unter Umstanden 
im Organismus in Fett übergehen könne, wurde bereits weiter oben 
erwähnt. 

Ueber die unter dem Namen Inulin, Lichenin und Paramylon 
bekannten Stärkevarietäten, sowie über die Stärkesorten : Arrow-root, 
Tapioca, nnd Cassava und über Sago vergleiche die betreffenden 
Artikel. Ö.-ß. 

Stärkmehlschwefelsäure, Acide aulfamidonique. 
Gepaarte Säure aus den Elementen von Stärkmehl und Schwefelsäure 
entstehend, meistens unter Abscheidung von Wasser. Nach den gleich- 
zeitigen Untersuchungen von Blondeau de CarollesO und von 
Fehling') und denen von Kalinowsky'), deren Resultate sehr von 
einander abweichen, kann man nicht zweifeln, dass Stärkmehl sich in 
sehr verschiedenen Verhältnissen mit Schwefelsäure verbindet. Es ist 
bekannt, dass Schwefelsäure namentlich wenn verdünnt angewendet 
das Stärkmehl beim Erhitzen in Dextrin nnd Krümelzucker verwandelt; 
lässt man die concentrirte Säure in der Wärme auf Stärkmehl einwir- 
ken, so verkohlt dieses unter Entwickelung von schwefliger Säure. 
Reibt man das Stärkmehl mit kalter conoentrirter Schwefelsäure in 
einem Mörser zusammen, so wird die Masse bald gummiartig zähe, und 
selbst so steif, dass sie dem Pistill einen merkbaren Widerstand leistet; 
beim längeren Stehen in der Kälte wird die Masse dann nach und nach 
dünner, zuletzt vollkommen flüssig. Wird vollkommen gereinigtes Stärk- 
mehl genommen, so tritt hierbei, nach Gar olles, keine Färbung ein; 
mit der gewöhnlichen reinen Stärke des Handels wird die Masse bald 
gelblich und bei längerem Stehen dunkelroth (Fehl in g). Die flüs- 
sige Masse zeigt je nach der Menge der Säure nach ^s ^^ ^ Stunden 
auf Jod nicht mehr die Stärkmehlreaction, sie enthält Stärkmehlschwefel- 
säure nebe^ viel freier Schwefelsäure, ist vollständig in Wasser löslich; 
aber erst bei längerem Stehen (in einigen Tagen) bildet sich in der 
Flüssigkeit Dextrin und Zucker. 

Zur Darstellung der Stärkmehlschwefelsäure mengt man die Starke 
mit der Schwefelsäure (1 Thl. mit etwa 2 bis 2^9 Thln.) so allmälig, 
dass die Masse sich nicht merkbar erhitzt; es erscheint daher zweck- 
mässig, die Stärke der Schwefelsäure allmälig unter Umrühren zuzu- 
setzen; man lässt das Gemenge dann stehen, giesst die Masse langsam 
in überschüssiges Wasser, una sättigt dann zur Abscheidung der freien 
Schwefelsäure mit den Carbonaten von Kalk, Baryt oder Blei; die 
schwefelsauren Salze dieser Basen scheiden sich ab, während die stärk- 
mehlschwefelsauren Salze in Lösung bleiben ; ist das Filtrat trübe, so 
wird es nach Zusatz von etwas Alkohol und 24stüdigem Stehen klar. 



*) Revue scientif. Octob. 1848; Journ. f. prakt. Chem. Bd. XXXHI, S. 489. 
•) Annal. d. Chem. u. Pharm. Bd. LIII, S. 13öj Bd. LV, S. 18. 
*} Journ. f. prakt. Chem. Bd. XY, S. 198. 



Digitized by VjOOQIC 



Stärkmehlschwefelsäure, 179 

Durch vorsichtiges Abdampfen der Lösung am besten im Vacanm wer- 
den die Salze im festen Zi^tande erhalten. 

Die so erhaltenen Baryt- , Blei- o<fer Kalksake sowie auch die 
Kali- und Natronsalze sind amorph, leicht zerroiblich nnd sehr hygros- 
kopisch. Nach Car olles zeigen sich beim langsamen Verdunsten der 
Biasse in der syrupartigen Flüssigkeit zu einer gewissen Zeit einzelne 
strahlenförmige Krystalle, deren jedes die Form einer in sechs Flächen 
getheilten Rosette hat; die weisse Farbe dieser Krystalle sticht hin- 
reichend gegen die gelbliche Farbe der Lauge ab, um sie zu erkennen. 
Beim weiteren Abdampfen der Masse verschwindet die Krystallisation, 
und die ganze Masse ist gummiartig amorph. Die Salze lösen sich in 
Wasser, Alkohol fallt sie aas der Lösung. Mit Wasser erwärmt, zersetzen 
die Salze sich und bilden schwefelsaures Salz neben Zucker nnd Dex- 
trin; die Zersetzung findet um so schneUer statt, je höher die Tempe- 
ratar; bei gelöstem Barytsalz zeigte sich bei 20^ bis 25^0. auch 
nach mehreren Tagen noch keine Zersetzung, bei lOO^C. aber schon in 
6 bis 12 Stunden , es hatte sich dann aber etwas schwefelsaurer Baryt 
abgeschieden, und die Lösung enthielt freie Schwefelsäure ; als ein tnit 
Barytsalzlösung gefülltes zugeschmolzenes Rohr längere Zeit auf lOO^C. 
erhitzt war, hutte sich aller Baryt als Sulphat abgeschieden; die Lö- 
Bong enthielt freie Schwefelsäure, aber auch noch Stärkmehlschwefel- 
säore. 

Chlor zersetzt die wässerige Lösung der stärkmehlschwefelsauren 
Salze, es bildet sich Salzsäure, neben Chlor haltender Stärkmehlschwe- 
felsäure; Schwefelsäure wird aber hierbei nicht gebildet. 

12 bis 24 Stunden auf lOO^C. erhitzt, schneller bei höherer Tem- 
peratur, zersetzt das trockene Salz sich and enthält dann etwas schwe- 
felsaures Salz. Beim stärkeren Erhitzen werden die Salze vollkommen 
zersetzt, sie bräunen sich, schmelzen und entwickeln unter Aufblähen 
Saure Dämpfe, welche die Augen stark angreifen; nach Carolles ent- 
weicht hier Essigschwefelsäure. ' 

Aus dem Bleisalz lässt sich Jurch Zersetzung mit Schwefelwasser- 
stoff die gepaarte Stärkmehlschwefelsäure abscheiden ; beim Abdampfen 
der Lösung im Vacunm bei etwa 1 0^ C. bleibt die Säure als weisse 
amorphe Masse zurück, sie ist sehr hygroskopisch, löst sic^ leicht 
in Wasser und schmeckt angenehm sauer. Die wässerige Lösung zer- 
setzt sich bald schon bei 20^ bis 25<)C., sie enthält dann Schwefelsäure 
nnd fallt Barytsalze ; bei stärkerem Erhitzen der Lösung ist die Zerset- 
zung vollständiger, freie Schwefelsäure neben Dextrin und Zucker sind 
wohl die Endproducte der Zersetzung; im concentrirten Zustande 
schwärzt sich die wässerige Säure schon bei 100® C. 

Die Zusammensetzung der stärkmehlschwefelsauren Salze ist sehr 
verschieden gefunden. Carolles fand, wenn Stärkmehl und Schwefel- 
säure nur kurze Zeit mit einander in Berührung waren, das Bleisalz bei 
300 bis 400 C. getrocknet = Pb O . Cge ihs O^e . 2 SO» + 2 HO. Blie- 
ben Stärke und Säuren zuerst 36 Stunden mit einander in Berührung, 
80 war das Bleisalz PbO ^CaiHjiOa*. 2 SOa -f 2 HO, und das Kalk- 
«alz CaO . C34H24 O24 . 22 SOa + 2 H O. 

Fehling stellte die Barytsalze aus einem Gemenge von 1 Thl. 
Stärkmehl mit P/g bis 2, meistens mit 2^/2 Thln. Schwefelsäure dar; 
nach bald kürzerer bald längerer Einwirkung ward die Säure in Wasser 
gegossen, nnd durch Sättigen mit kohlensaurem Baryt die freie Schwe- 

Digitized by VjOOQIC 



180 Stahl. — Stahl, speudovulcanischer. 

fetoäure abgeschieden; das klare Filtrat ward im Luftstrom bei 20^ bis 
25<)C. eingedampft, dann unter der Luftpumpe ausgetrocknet» und zu- 
letzt einige Stunden bei lOO^C. getrocknet Die Salze enthalten nach 
der Menge der Schwefels&ure und der Dauer der Einwirkung ver- 
schiedene Mengen organischer Substanz; beim Mischen von 1 Tbl. 
Stftrkroehl mit 2,5 Thln. Säure enthielt das nach dem Verdünnen der 
Säure mit Wasser dargestellte Barytsaiz auf 1 Aeq. Baryt 

nach I2stiindiger Einwirkung — 12 Aeq. Kohlenstoff 
„ 24 „ „ - 20 „ 

ty 86 „ ,, — 28 „ „ 

11 *0 11 11 »^* 11 V 

11 ^0 11 11 — 40 „ „ 

In allen diesen Salzen liess sich kein Dextrin oder Zucker nach- 
weisen. Bleibt dagegen die Säure 6 bis 8 Tagl mit dem Stärknitehl 
in Berührung, so enthält die Flüssigkeit jetzt deutlich Zucker und Dex- 
trin, auf 1 Aeq. BaO kamen dann aber auch mehr als llö Aeq. C. 

Die in den verschiedenen bei 100^ C. getrockneten Barytsalzen 
mit Schwefelsäure gepaarte organische Substanz enthält Wasserstoff 
und Sauerstoff immer zu gleichen Aequivalenten, aber iiire Anzahl ist 
geringer als die des Kohlenstoffs, was von den Angaben Ca rolle«' 
abweicht; die allgemeine Formel dieser Salze ist BaO . €,„ Hu On . 2 SO3, 
wo m grösser ist als n. 

Die in der angegebenen Weise dargestellten Salze haben nun fol- 
gende Zusammensetzung: 

BaO.C13HnOn.2SO8 bei lOOoC. getrocknet 
BaO .CieftuOu. 2SO3 „ „ „ 

BaO.CjoHieOie.^SOa -I- 2 aq. bei lö^C getrocknet 
BaO.Ca4A20O20.2SO8 -f 3 aq. „ „ „ 

BaO.C28H24 024-2S08 + 4 aq. „ „ „ 

BaO .C32H26O26. 2 SO3 -|- 8 aq. n n n 

BaO.C86H8o08o.2S08 + ^ aq. „ „ ' 
• Ba O . C^o H32 Osj . 2 S O3 bei 1 00« C. getrocknet 
BaO .C44H88O38 .2SO3 „ „ „ 

Ob die Salze Gemenge sind oder nicht, ist allerdings nicht direct 
erwiesen; es liess sich aber weder Zucker noch Dextrin darin nach- 
weisen, und auffallend ist es, dass ohne Ausnahme bei allen Unter- 
suchungen die Anzahl der Aequivalente Kohlenstoff auf 2 S Os sich 
durch 4 theilbar zeigte; mit der Anzahl der Aequivalente Kohlenstoff 
steigt die Differenz zwischen dem Werthe von C^ und Hy. 

Kalinowsky erhielt abweichend von Carolles und Fehling 
Verbindungen, in welchen Wasserstoff und Sauerstoff nicht zu gleichen 
Aequivalenten enthalten sind; bei längerer Einwirkung der Säure er- 
hielt er ein Kalksalz: CaO .C28H27O23 .2 SO3; nach 7tägiger Einwir- 
kung der Säure erhaltenes Salz, vom Zucker durch Alkohol befreit, gab 
CaO . C82H82O81 . 2SO3. Unter welchen «Umständen diese Producte ent- 
standen, ist nicht genau angegeben. />. 

Stahl s. unter Eisen. 

Stahl, pseudovulcanischer, wurde ein von Mossier 
unter Erdbranderzeugnissen gefundenes Kohlenstoff enthaltendes Eisen 

Oigitized by VjOOQIC 



StahFs Eisentinctur. — Stahlkugeln. 181 

▼on dem Fandorte la Boniche im Allier- Departement in Frankreich 
genannt» welches^ nach Hany das specifische Gewicht = 7,441 hat 
und nach Godon de St. Memin ^4,5 Eisen, 4,3 Kohlenstoff, 1,2 
Phosphor enthält k, 

StahTs Eisentinctur, TincturamartUalkaUsataStahjUiy eine 
jezt kaum noch gebräuchliche Lösung von Eisenoxjdhjdrat in kohlen- 
saurem und salpetersaurem Kali, eine dunkelbraunrothe fast undurch- 
sichtige Plässigkeit bildend, von herbem und alkalischem Geschmack. 
Man erhält diese jetzt kaum noch gebräuchliche Tinctur durch Auf- 
lösen von Eisenfeile in ziemlich starker Salpetersäure; diese Lösung 
wird mit überschussiger Lösung von kohlensaurem Kali versetzt, wobei 
$ich der anfangs entstandene Niederschlag wieder löst. Die Lösung 
zersetzt sich beim Verdünnen mit Wasser wie beim Erhitzen leicht un* 
ter Abscheidung von Eisenoxydhydrat. /r^, 

Stahlantimonglanz, sjni. Jamesonit. 

Stahlkobalt wird ein faseriger Speiskobalt vonHamberg im 
Siegcnschen genannt 2). 

Stahlkugeln, Eisenkugeln, Eisenweinstein, Wein- 
saures Eisenoxyd- (oxydul-) Kali, GlohuU tartari martiales s. 
martiatij Tartarus ferratus s. chalybeatus^ s. martiatus^ 8. fer- 
ruginosuSy Mars solubilis^ Ferro-kali tartaricum^ T'artras ka- 
lico'ftrricusy Tartras potassae et Oxydi ferru 

Der Eisen Weinstein ist zuerst im Anfange des 17ten Jahrh\indert8 
von Angelus Sala beschrieben; die Stahlkugeln sind in der Mitte 
des 18ten Jahrhunderts in Gebrauch gekommen. 

Die Darstellung und Zusammensetzung dieses ph^Crmaceutischen 
Präparats ist verschieden, je nachdem es zum innerlichen oder äusser- 
lichen Gebrauche dient. 

Der reine Eisenweinstein, zum innerlichen Gebrauch, wird nach 
der älteren preussischen Pharmakopoe, 3te Auflage, auf folgende Art 
bereitet: anderthalb Unzen Eisenchloridlösung von 1,495 speoif. Ge- 
wicht werden verdünnt und mit Aetzkalilange gefällt. Den gut aus- 
gewaschenen Niederschlag mischt man mit einer Unze gereinigtem 
Weinstein und 8 Unzen Wasser und kocht bis zur Hälfte ein. Bei ge- 
lindem Feuer wird hierauf die Masse zum dünnen Extract abgedampft. 
Nach dem Erkalten mischt man letzteres mit 3 Unzen destillirtem 
Wasser , filtrirt , dampft in gelinder Wärme zur Trockne ab und be- 
wahrt das grünliche Product in gut verschlossenen Gläsern auf. 

Die sogenannten Stahlkugeln, ein unreineres Präparat, wer- 
den zu Bädern angewendet. Die Vorschriften zur Bereitung der- 
selben sind in den verschiedenen Pharmakopoen ziemlich überein- 
stimmend. Nach der 6ten Auflage der preussischen Pharmakopoe 
sollen 1 Thl. Eisenfeile und 4 Thle. gepulverter roher Weinstein in 
einem irdenen Gefässe mit gemeinem Wasser zum Brei angerührt 
werden ; derselbe wird unter öfterem Umrühren und mehrmaligem Er- 
gatz de.4 verdampften Wassers so lange digerirt, bis die Masse gleich- 
artig schwarz erscheint, und eine Probe davon sich in Wasser mit 



') Journ. de phys. T. LX, S. 840. — ■) Schnabel, Verhandl. d. nat. V. d. 
pmM. Rheinl. 1860, S. 168. 



Digitized by VjOOQIC 



182 ^ • Stahlkugeln. 

dunkelgrüner Farbe auflöst. Sie wird alsdann an einem m&ssig war- 
men Orte vollkommen ausgetrocknet, zu einem gröblichen Pulver zer- 
rieben und in gut verschlosi^enen Gefässen aufbewahrt Ebenso^ lautet 
die Vorschrift der hannoverschen Pharmakopoe, mit dem Unterschiede, 
dass die noch feuchte Masse in Kugeln von 1 bis 2 Loth geformt aod 
darnach völlig ausgetrocknet wird. Die württembergische Pharma- 
kopoe lässt statt des rohen Weinsteins gereinigten, und statt des ge- 
meinen Wassers destillirtes nehmen. Uebrigens ist das Verfahren das- 
selbe. Noch andere Vorschriften geben das Verhältniss von Eisen 
zum Weinstein wie 1 : 3 oder wie 1 : 6, 

Der aus Eisen oxydhyd rat und Weinstein bereitete Tartarus mar- 
Uatus stellt eine dunkelgrüne spröde glänzende Masse dar, die nach 
dem Zerreiben gelblich ist, einen milden süsslich eisenhaften Geschmack 
hat, und an der Luft etwas feucht wird. Beim Erhitzen zersetzt sie sich 
mit dem Geruch nach verbrennender Weinsäure und hinterlässt ein Ge- 
menge von Eisenoxyd oder Oxydul und kohlensaurem Kali. Sie löst sich 
nicht in Weingeist, aber leicht und klar in kaltem Wasser. Die Lö- 
sung ist im verdünnten Zustande gelblich, concentrlrt dunkelgelbgrün 
und röthet Lackmuspapier stark. Durch Aetzkali wird sie dunkelbraun 
gefärbt, aber nicht gefällt, durch Kochen entsteht ein Niederschlag, 
der, wenn die Auflösung verdünnt war, aus braunem Eisenoxydhydrat, 
war sie concentrirt, aus braunschwarzem Eisen oxydoxydul besteht 
Kohlensaures Natron färbt die Lösung grünlich braun. Aetzammoniak 
bringt auch beim Kochen keine Trübung hervor, die Flüssigkeit bleibt 
braun und klar, ein geringer Zusatz von Salzsäure erzeugt aber einen 
braunen Niederschlag, der sich durch mehr Salzsäure wieder auflöst 
und wahrscheinlich aus basisch- weinsaurem Eisenoxyd besteht. Essig- 
saures Natron färbt die Flüssigkeit dunkel rothbraun, bewirkt aber 
selbst beim Kochen und mit Zusatz von Salzsäure keinen Niederschlag. 
Von phosphorsaurem Natron wird sie dunkel olivengrün, ohne sich 
selbst beim Kochen zu trüben, wird aber nun noch essigsaures Natron 
hinzugefügt, so entsteht ein grünlichweisser Niederschlag, der alles 
Eisen enthält Wird die erwärmte Flüssigkeit mit phosphorsaurem 
Natron und etwas Salzsäure gemischt, so bildet sich alsbald ein weisser 
Niederschlag von phosphorsaurem Eisenoxyd ; vermehrt man die Menge 
des phosphorsauren Natrons und der Salzsäure und setzt nun noch essig- 
saures Natron hinzu, so scheidet sich beim Kochen alles Eisenoxyd als 
weisses phosphorsaures Salz ab, das Eiseooxydul bleibt gelöst und 
wird in dem Filtrat an dem grünlichen Niederschlage erkannt, welchen 
Aetzkali, an dem hellblauen, den Kaliumeisen cy an ür hervorbringt. Ea- 
liumeisencyanid erzeugt in der Lösung des Eisen Weinsteins sogleich 
einen starken blauen Niederschlag, der durch einige Tropfen Salzsäure 
noch sehr vermehrt wird. Kaliumeisencyanür färbt dieselbe anfangs 
nur grün, aber auf Zusatz von Salzsaure bildet sich ein starker Nieder- 
schlag von Berlinerblau, der dem Volumen nach fast ein Viertel mehr 
beträgt, als der durch Kalium eisen cyanid. Gallusäpfelinfusion färbt 
die Auflösung dunkelblau und macht sie undurchsichtig, durch Essig- 
säure wird sie nicht klar. Schwefelwasserstofiwasser erzeugt sofort 
eine grauschwarze Trübung; Schwefelwasserstoigas hin eingeleitet, bringt 
einen schwarzen Niederschlag hervor, doch wird nicht alles Eisen gefällt. 

Die nach Vorschrift der Pharmakopoen aus Eisen und Weinstein 
dargestellten Stahlkugeln bilden eine pechartig schwarse M«8»e, die 



Digitized by VjOOQIC 



Stahlkugeln. 183 

an der Luft etwas feucht wird. Sie löst sich nicht vollständig in Was- 
ser^ sondern es bleibt ein Bückstand , welcher bei dem Torgeschriebe- 
nen Ueberschuss des Metalls aus Eisen^ Eisenoxydoxjdul und dem in 
dem Vorstehenden schon besprochenen unlöslichen Antheil des Eisen- 
weuuteinB besteht, auch wohl weinsauren Kalk aus dem Weinstein ent- 
hält. Die filtrirte Lösung ist dunkelbraun ^ schmeckt fade, schwach 
soaslleh, wenig nach Eisen. Bei Zusatz von wenig- Schwefelsäure, Sal- 
petersäure, Salzsäure oder Essigsäure schlägt sich Eisenoxydhydrat 
daraus nieder, die überstehende Flüssigkeit schmeckt dann säuerlich 
und stark nach Eisen. Weinsäure giebt einen Niederschlag yon Wein- 
stein, durch Alkohol wird eine zähe Masse abgeschieden, das kaum 
noch gefärbte Filtrat enthält sehr wenig Eisen. 

Bereitet man Eisenweinstein nach der älteren preussischen Phar- 
makopoe aus Eisenoxydhydrat und Weinstein, so bekommt man zu- 
nächst eine dunkelbraune Lösung, in welcher sich aber durch Kalium* 
eisencyanid ein Gebalt von Eisenoxydul nachweisen lässt. Es ist wahr- 
scheinlich, dass die Weinsäure einen Theil Ebenoxyd reducirt und sich 
dabei in flüchtige Producte verwandelt Die Lösung reagirt sauer, 
was um so natürlicher ist, da, nach Mars so n, das vorgeschriebene Ver- 
hältuiss von Eisenoxydhydrat bei weitem nicht ausreicht, den Wein- 
stein zu sättigen. Von diesem bleibt daher auch etwas ungelöst. Beim 
Abdampfen wird sie immer mehr grün, zuletzt bleibt eine grünbraune 
harzartige Masse ^ die sich in Wasser nicht mehr klar löst, sondern 
einen gelblichen Absatz bildet. Marsson gelang es erst nach 16mali- 
gem Eindampfen und Wiederauflösen eine vollkommen klar lösliche 
Substanz zu erhalten, die, bei 100<>C. getrocknet, in zwei Analysen 
25,57 und 25,44 Proc. Eisenoxyd und 27,03 und 26,98 Proo. Kali 
lieferte. Dnlk^^) fand in dem nach der preussischen Pharmakopoe be- 
reiteten Tartarus ferruginosua 31,49 Proc. Kali, 13,06 Proc. Eisenoxyd 
und 55,48 Proc Weinsäure; Wittstein ^) erhielt mit überschüssigem 
Eisenoxydhydrat ein Product , welches er durch die Formel 4 K O • 
C8B4O10 +FeO.C8H40io + SFe^Os.CgHiOio ausdrückte. Man 
sieht, dass auch dies Präparat keine constante Zusammensetzung hat. 

Wittstein 3) giebt folgende Erklärung von dem Vorgänge bei 
der Bereitung der Stahlkngeln aus metallischem Eisen und Weinstein. 
Werden diese Körper unter Wasserzusatz mit einander digerirt, so ent- 
steht durch Wasserzersetzung unter Entwickelung von Wasserstoflgas 
Eisenoxydul, welches mit der freien Säure des Weinsteins neutrales 
weinsaores Salz bildet. Der grösste Theil dieses Salzes schlägt sich 
nieder, der geringere bleibt mit neutralem weinsauren Kali in Auflö- 
sung. Auf 1 Thl. Eisen sind aber 6 Thle. Weinstein erforderlich. 
Nimmt man das gewöhnlich vorgeschriebene Verhältniss von 1:4, so 
▼erwandelt sich das überschüssige Eisen theilweise in Oxyduloxyd und 
der Rest bleibt als Metall im Präparate. Das weinsaure Eisenoxydul 
verwandelt sich durch Einfluss der Luft nach und nach in basisch- 
weinsaores Eisenoxyd, 2(Fe2 08). C8H4O10, und giebt dabei die Hälfte 
seiner Säure ab, aus der gleichfalls durch den atmosphärischen Sauer- 
stoff flüchtige Producte gebildet werden, die entweichen. Diese Ver- 



•) Commentar zur preuss. Pharmakopoe, dte Aufl. Bd. 11, S. 827. — ■) Buch- 
B«r'« Repert. [2.} Bd. XXXVII, S. 146 ff. — ^) Viertoljahresachrift f. Pharm. Bd. L 
S. 17 ff. 



Digitized by VjOOQIC 



184 Stahlkugeln. 

»nderung wird durch Wärme beBchleanigt. In dem Maaage wie das 
nentrale Eisenoxydalaalz sich hoher oxydirt^ verschwindet der Nieder- 
schlag, den es gebildet ^ es entsteht ein leicht lösliches Tripelsals, 
8 K O . Cg «4 Oio + Fe O . C« H4 0,o + 3 Fe, O3 . Cg H4 0,o, welche« der 
Flüssigkeit eine grünlich schwarze Farbe ertheilt. Diese Tripelver- 
bindnng bildet im trockenen Znstande eine schwärzliche glänzende 
laftbeständige Masse, zerrieben ein grünlich gelbes Palver. Die Lö- 
sung derselben zersetzt sich in der Wärme in der Art, dass eine an weio- 
sanrem Eisen reiche Verbindang niederfällt, eine an weinsaurem Kali 
reichere aufgelöst bleibt. Diese Zersetzung nimmt gleich nach Entste- 
hung des Tripelsalzes ihren Anfang. Das unlösliche Proäuct dersel- 
ben enthält Eisenoxydul und Oxyd im Verhältniss = 1:3^ wie Rie im 
Tripelsalze vorkommen. 

Wird die Digestion so lange fortgesetzt, dass alles anfänglich ge- 
bildete Eisenoxydulsalz in die Tripel Verbindung übergegangen ist, so 
enthält das unlösliche Zersetzungsproduct der letzteren Eisenoxydul 
und Eisenoxyd im Verhältniss = 1:3. Im anderen Fall findet sich 
im Absatz noch weinsaures ^isenoxydul, und das Verhältniss ist ein 
anderes. ■ 

Das lösliche Zersetzungsproduct des Tripelsalzes ist wegen seines 
vorwiegenden Gehalts an neutralem weinsauren Kali sehr hygrosko- 
pisch, Eisenoxydul und Oxyd finden sich darin, wie in dem unlöslichen 
Zersetzungsproduct im Verhältniss =1:3. 

Wird die Digestion noch über die Bildung des Tripelsalzes hin- 
aus fortgesetzt, so vermehrt sich der eisenhaltige Absatz , doch bleibt 
stets eine gewisse Menge Eisen in Auflösung. Wittstein erhielt durch 
Eintrocknen einer sich nicht mehr trübenden Lösung eine sehr hygro- 
skopische Masse, welche nach der Formel 16KO.CgH4 0io -|- FeO. 
CgH4 0io + 3Fe2 08 .CgH4 0io zusammengesetzt war. 

Aus dem Vorhergehenden ist es klar, dass man bei der Veränder- 
lichkeit des Products nicht erwarten kann, für die Zusammensetzung 
der Stahlkugeln feste Formeln zu finden. In der That beansprucht 
dies auch Wittstein für die von ihm gegebenen Formeln nicht. Ver- 
suche von Marsson 1) bestätigen es gleichfalls, dass bei mehrfach ab- 
geänderter Bereitungsweise keine constante Verbindung erhalten werde. 
Aus diesen Versuchen geht ferner hervor, dass, wie auch Wittstein 
angiebt, eine theil weise Zersetzung der Weinsäure stattfinden müsse, 
und dass das von den Pharmakopoen gewöhnlich vorgeschriebene Ver- 
hältniss des Eisens zu gross sei. Zur Ermittelung der Quantität von 
Eisen, welche von einer bestimmten Menge Weinstein aufgelöst wird, 
brachte Marsson eisernen Ciavierdraht in einen Brei von reinem 
Weinstein mit Wasser und digerirte bei verschiedenen Temperaturen. 
Die Menge des gelösten Eisens wurde durch den Gewichtsverlust des 
Drahtes bestimmt. Beifolgenden Versuchen lösten 100 Thle. Weinstein 

I. II. in. IV. V. VI.- 

Theile Eisen 19,20 14,02 29,13 18,57 -21,11 20,94 
in Tagen . . 15 25 25 22 28 22 

Bei I. war die Temperatur ungleich, zuweilen dem Siedepunkte 
nahe, die Wassermenge gering. Das verdunstende Wasser wurde er- 
^ setzt. Bei II. wurde die ungleiche Hitze des Sandbafles in Aq^^D' 



') Archiv d. Pharm. 2 R. Bd. Uli, S. 169 ff. 

Digitized by VjOOQIC 



Stahlkugöln. 185 

dnog gebracht. Bei HI. ein breiartiges Gemisch von Wasser und 
Weinstein, die Temperatur gewöhnlich, nur zuletzt fast bis zum Sieden 
gesteigert. Bei IV. das Geroisch breiartig, die Temperatur wenig er- 
höht. Bei V. das Gemisch gleichfalls breiartig, die Temperatur zwi- 
sehen 1 6<> hv> 28^ C. Bei VI. dünnes breiartiges Gemisch, die Tempe- 
ratur zwischen 20« bis 50» C. 

In allen Fällen liess sich die Bildung zweier verschiedener Ver- 
bindungen wahrnehmen^ von denen die eine unlöslich, die andere lös- 
lich war. Das Gemenge beider Verbindungen wurde zur Trockne ge- 
bracht und die Gewichtszunahme ermittelt, welche der Weinstein durch 
die Aufnahme von Eisen erhaften hatte. Auf 100 Thle. Weinstein be- 
rechnet, ergaben sich an Eisenweinst^n 

i. IL m. IV. V. VI. 

101,25 88,49 107,12 99,70 107,87 105,84. 

Der Wassergehalt des Weinsteins beträgt 4,76 Procent Rechnet 
man diese ganze Menge ab und nimmt, z. B. bei Versuch V. an^ dass 
die 2 1 Proc. aufgelöstes Eisen nur in Oxydul verwandelt seien , wäh- 
rend doch in Wahrheit eine namhafte Menge in Oxyd übergeht, so 
würde dies eine Gewichtszunahme von 6,5 Proc. betragen, die Aus- 
beute an Eisenweinstein müsste demnach 127,50 — 4,67 = 122,83 
sein, während doch nur 107,87 erhalten wurden. Bei den anderen Ver- 
sachen ist dies Verhältniss noch auffallender; statt einer Gewichtszunahme 
des Weinsteins stellt sich sogar eine Gewichtsabnahme heraus. Es er- 
klärt sich dies durch eine Zersetzung der Weinsäure, die irgend wie 
stattgefunden hat 

Marsson benutzte die Producte der fünf letzten Versuche, um 
das Verhältniss von Löslichem und Unlöslichem in denselben zu be- 
stimmen. Sie ' wurden mit kaltem Wasser ausgezogen, das Filtrat ab- 
gedampft, bei 100^ C. getrocknet und gewogen. In Procenten ausge- 
drückt gab : 

n. in. IV. V. VI. 

53,92 51,71 65,51 64,48 58,43 lösliches Salz. 
Der unlösliche Antheil scheint, nach Marsson, von sehr veränder- 
licher Zusammensetzung. Er bestimmte in Producten verschiedener 
Bereitung den Kali- und Eisengehalt und erhielt 

L n. III. IV. V. VI. 

Eisenoxyd 34,39 35,62 35,54 34,82 37,39 37,48 
Kali. . . 21,59 19,01 19,33 20,55 17,26 17,19 
Eben so wenig zeigte sich eine constante Zusammensetzung bei 
dem löslichen Antheil des Eisenweinsteins verschiedener Bereitungen. 
Bei vier- bis fünfmal wiederholtem Abdampfen und Wiederauflösen 
scheidet sich immer noch etwas Unlösliches ab. Marsson setzte es 
so lange fort, bis das Endprodnct sich völlig klar in Wasser löste, und 
erhielt nun in vier Versuchen aus der bei lOO^C. getrockneten Masse 

I. II. in. IV. 

Eisenoxyd 23,07 23,06 25,39 25,96 Proc. 
Kali. . . 30,40 30,36 29,08 29,53 „ 
Die Auflösung des Eisens bei Bereitung der Stahlkugeln wird, nach 
Henle, sehr beschleunigt, wenn man einige Silbermünzen in die mit 
Wasser angerührte Masse legt oder wenn sie in einer Silberschale vor- 
genommen wird. 

Nicht bloss der Weinstein löst Eisenoxydhydrat und metallisches 

Digitized by VjOOQIC 



186 Stahlstein. — Stangenkohle. 

Eisen aof^ sondern auch das neutrale weinsaure Kali. Frisch gefälltes 
Eisenoxydhydrat giebt schon bei gewöhnlicher Temperatur eine rothe 
Lösung, getrocknetes erst beim Kochen und unter schwacher Gasent- 
Wickelung. Das metallische Eisen macht die Lösung des weinsaareA 
Kalis alkalisch. H>. 

Stahlstein wird wohl der Spatheisenstein genannt, weil er zur 
Stahlfabrikation verwendet wird. 

Stahlwasser, Eisenwasser, heissen die an Eisen reicheren 
Säuerlinge; bekannt sind namentlich die von Pyrmont, Spaa u. a. 

Stahlweinstein s. Stahlkugeln. 

Stalagmiten und Stalaktiten, Namen, welche die- 
selben Gestalten bezeichnen, die man mit dem deutschen Namen Trop f- 
steine benennt, deren Gestalten kegel- oder zapfenförmig sind. Wenn 
nämlich Minerale, wie besonders häufig der Kalkspath, durch Absatz aus 
an Geeteinswänden herabträufelnden Flüssigkeiten entstehen und da- 
durch kegel- oder zapfenfÖrmige Gestalten erzeugt werden, so sind die 
im Aeussern gleichen Formen nach der Art ihres Vorkommens als 
Stalaktiten und Stalagmiten unterschieden worden. Stalaktiten nämlich 
nennt mart derartige Gebilde, wenn sie von der Decke oder den Wänden 
der Höhlen herabhängen, wodurch das dickere Ende angewachsen ist 
und das dünnere nach unten herabhängt, Stalagmiten aber nennt man 
solche Gebilde, wenn sie auf dem Boden der Höhlen sich absetzend 
mit dem dickeren Ende unten aufgewachsen sind und das dünnere 
Ende nach ober frei ausgeht. Nimmt man auf diesen Unterschied keine 
Rücksicht, so gebraucht man für beide den Namen Stalaktiten, bezeich- 
net aber auch mit dem Ausdruck stalaktitische oder tropfsteinartige 
Gestalten nicht allein die kegel- und zapfenform igen Gestalten, sondern 
noch andere dazu, wenn nur die Entstehungsweise dieselbe ist. Stalak- 
titen im Allgemeinen sind in ihrem Innern entweder kristallinisch oder 
kryptokrystallinisch bis amorph, haben eine krummflächige Oberfläche 
und zeigen oft im Innern eine schalige Absonderung, welche der äus- 
seren Fläche parallel ist. Sind Stalaktiten krystallinisch, so sind die 
verwachsenen, meist linearen Krystalloide um die Achse, welche die 
Längsrichtung ausdrückt, strahlenförmig gruppirt, seltener sind die 
Stalaktiten im Innern krystallinisch • körnig. Bei manchen Stalaktiten 
ist im Innern längs der Achse eine Höhlung, wodurch die zapfen- oder 
cylindrischen oder kegelförmigen Gestalten hohle Röhren mit mehr 
oder minder dicken Wänden darstellen. JT. 

Stambaster oder Bastre. Unter diesem Namen kommt 
sehr unreiner Rohzucker in besonders grossen Hüten in Handel. 

Stangenkohle wurde der stänglig abgesonderte Anthracit 
genannt, welcher gerade oder gebogen stänglig, mehr oder weniger 
regelmässig prismatisch, zum Theil mit einer Qnerabsondernng, nahezu 
rechtwinklig gegen die Hauptrichtung vorkommt und früher zu der An- 
sicht Veranlassung gab, den Anthracit für krystallinisch zu halten, was 
er jedoch nicht ist. Der stänglige Anthracit hat muschligen Bruch, ist 
eisen- bis pechschwarz und hat einen halbmetallischen Glanz, der sich 
zum Theil dem Wachsglanze nähert. K, 

Digitized by VjOOQIC 



Stangenschörl. — Stannit. 187 

Stangenschörl s. Turmalin. 

Stangenschörl, weisser, s. Topas. 

Stangenschwefel, Schwefelstangen, s. unter 
Schwefel. 

Stangenspath s. Baryt. 

Stangenstein s. Topas. 

Stannäthyl, Stannmethyl etc., s. unter Zinnra- 
dicale, organische. 

Stannin, Zinnkies, hexaedrischer Dystom - Glanz, 
Sohwefelzinn, Ekiin sulfitrey Sulphuret of Tin^ Tm-Pyritea^ BeUmetal ' 
ore^ Or miatif naUf^ Etain pyriUux, Die verschiedenen Analysen des Stan- 
nin aus Cornwall von Klaproth^), von Kudernat sch^), und von J. 
W. Mallet'), des Stannin von Zinnwald in Böhmen von C.Bammels- 
berg *) haben zu der Formel 2 Cu2 S . Sn S.j -|- 2 R S . Sn S^ geführt, wobei 
BS wesentlich FeS und ZnS ist. Tesseral krystallisircnd, jedoch seltener 
in deutlichen Krystallen, Hexaedern, meist derb und eingesprengt in 
krystallinisch-körnigen Aggregaten, mit Spuren von Blätterdurchgängen 
nach den Flächen des Hexaeders und Rhomben dodekaeders und mit 
nnebenem bis kleinmuschligem Bruche. Gelblichstahlgrau, in Speis- oder 
Messinggelb geneigt, metallisch glänzend, undurchsichtig, mit schwar- 
zem Strichpulver, der Härte = 4,0 und dem specif. Gewichte = 4,3 
bis 4,5. Vor dem Löthrohre auf Kohle zu einer grauen spröded auf 
Kupfer und Eisen reagirenden Kugel schmelzbar, in der Nähe der 
Probe einen weissen Beschlag von Zinnoxyd absetzend; die Kugel 
giebft mit Soda und Borax ein blasses, nicht ganz geschmeidiges Kupfer- 
kom; iai Glasrohre erhitzt, giebt er einen weissen Rauch und schweflige 
Säure. Durch Salpetersäure wird er leicht zersetzt, Zinnoxyd und 
Schwefel abscheidend, während die Lösung blau gefärbt ist. Das sel- 
tene Mineral hat sich bis jetzt besonders in Cornwall in England und 
bei Zinnwald in Böhmen gefunden. K. 

Stanniol, Zinnfolie, s. unter Zinn. 

Stannit wurde von BreithauptO das sogenannte weisse 
Zinnerz aus Cornwall genannt, welches derb vorkommend Spuren 
von zwei schiefwinklig sich schneidenden Blätterdurchgängen zeigt, 
klein- bis flachmuschligen Bruch hat. Der Stannit i^t gelblich weiss bis 
blass isabellgelb, wenig wachsartig glänzend mit Hinneigung zum De- 
mantglanz, an dünnen Kanten durchscheinend, hat gelblich weisses 
Strichpulver, die Härte etwas unter der des Quarzes und das specif. 
Gewicht = 3,538 bis 3,558. Das vor dem Löthrohre unschmelzbare 
Mineral enthält nach Plattner ausser 36,5 Proc. Zinnoxyd Kieselsäure 
and Tbonerde, nach G. Bischof^) 51,57 Proc. Kieselsäure, 38,91 



*) Dessen Beiträge Bd. V, 8. 230. — *) Pogg. Annal. Bd. XXXIX, S. 149. ~ 
OSülim. Americ. Journ. T. XVII, p. 83.- *) Pogg. Annal. Bd. LXVIII, S.518 und 
Bd. LXXXVIII, S. 603, — *) Pogg. Annal. Bd. LXIX, S. 486. — •) Jahrb. ▼. 
Leonh. f. Min. 1865, S. 841. 



Digitized by VjOOQIC 



188 StÄimuui. — Stassfurtit. 

ZiDDoxyd, 4,58 Thonerde, 8,55 Eisenoxyd, 0,16 Kalk, 0,48 GlQb- 
yerlust, und findet sich als Pseadomorphose nach Orthoklas. K, 

Stannum wird erat seit dem 4. Jahrhundert für Zinn gebraucht, 
früher bezeichnete es eine Bleilegirung (so bei Plinius) oder das beim 
Ausschmelzen der Bleierze erhaltene meist Silber haltende Blei (Kopp). 

Stanzait, s}^. Andalusit. 

Starre Körper s. unter Aggregatform, 2te Aufl. 
Bd. i, S. 380. 

Stapelia. Eine am Cap einheimische, zu den Apocyneen ge- 
hörende Pflanzengattung; Bernap^) bemerkt, dass aus der St htr- 
sttta nach dem Ritzen mit einem Messer ein wasser heller schleimiger 
Saft ausfliesst, der an der Luft zu einer amorphen Masse erhärtet. Die- 
ser Saft enthält einen in Wasser, Alkohol und Aether löslichen Bit- 
terstoflF. 

Staphisagriasäure. Nach Hofschläger's«) bis jetzt 
nicht weiter bestätigter Angabe enthält der Samen von Delphinium Sia- 
phxB agria^ eine weisse krystallinische sublirairbare Säure, welche brechen- 
erregend wirkt. Die unvollständigen Angaben sind kein Beweis für die 
Existenz einer eigenthümlichen Säure. 

Staphisagrin nennt CouSrbe einen scharf schmeckenden Kör- 
per, der, nach ihm, neben Delphinin in dem Samen von Delphtniwn Sta- 
phis agria enthalten ist. Aus der Analyse von Couerbe (72,7 Kohlen- 
stoff, 8,7 Wasserstoff und 5,8 Stickstoff) berechnet sich die Formel 
C30H31NO4. Es scheint nicht, dass dieser Körper schon ganz rein 
dargestellt ist, und in sofern ist es die Frage, ob das Staphisagrin auch 
ein eigenthümlicher Körper ist. Es wird aus dem Samen von D. Sta" 
phis agria bei der Darstellung des Delphinins (s. d. Art.) erhalten, wenn 
man das durch Ausziehen der Samen mit Alkohol, Behandeln des Eztracts 
mit verdünnten Säuren und Thierkohle erhaltene unreine Delphinin 
zuerst in schwefelsänrehaltendem Wasser löst, mit verdünnter Salpeter- 
säure einen schwarzen harzartigen Körper f^llt, dann filtrirt mit Alkali 
niederschlägt, den Niederschlag in Alkohol löst und den beim Abdam- 
pfen bleibenden Rückstand mit Aether auszieht, welcher das Staphis- 
agrin zurücklässt. Es ist ein schwach gelblich gefärbter Körper, der 
einen scharfen Geschmack hat, in Wasser und in Aether fast unlös- 
lich, in Alkohol leicht löslich ist. Er löst sich in Säuren, aber ohne 
sie zu neutral isiren. Chlor zersetzt ihn, Salpetersäure verwandelt ihn 
beim Erhitzen in einen bittern harzartigen Körper. Fe, 

Staphisain, syn. Staphisagrin. 

Stassfurtit nannte G. R o s e 8) ein fUr dichten Bor acit gehaltenes 
Mineral, welches in dem Steinsalzgebirge bei Sti^sfurt in der prenssi- 
schen Provinz Sachsen erbohrt wurde und worüber G.J. B. Karsten^) 
die ersten Nachrichten gab. Der Stassfurtit ist weiss ins Grelbliche, 



") Buchner's Repert. d. Ph«riii. Bd. LXXXVm, S. 96. — *) Brande»' Ar- 
chiv. Bd. XIX, S. 160. — ») MoMteber. d. Berl. Akad. Febr. 1866. — ♦) Pogg. 
Annal. Bd. LXX, S. 667/ 



Digitized by VjOOQIC 



Statice. — Stative. 189 

hat dieH&rte = 4,0 bis 5,0 und das specif. Gewicht =: 2,913, ebenen 
diebten Bruch und ist derb. 6. Böse untersuchte das derbe Mineral 
mikroskopisch und fand, dass es roikrokrystalliniseh ist, ein Aggregat 
von prismatischen Krystallen darstellend, welches daher nicht mit dem 
tesseralen Boracit zu vereinigen war, obgleich Karsten 's Analyse die 
Zusammensetzung gleich der des Boracits ergeben hatte. Das Mineral 
löste sich zerrieben in concentrirter Salzsäure bei Erwärmung mit der 
Spirituslampe augenblicklich auf (nach einer Mittheilung von C. Ram- 
me Isberg ist es sogar schon in reinem Wasser etwas löslich), und aus 
der erkalteten Lösung scheidet sich nach einiger Zeit wasserhaltige 
Borsäure aus als ein weisser krystallinischer Niederschlag, was bei 
dem Boracit nicht der Fall ist. Vor dem Löthrohre schmilzt der Stass- 
furtit viel leichter als der durchsichtige Boracit. Sonst sind die Er- 
scheinungen dieselben. Zuweilen decrepitirt der Stassfurtit und giebt 
dann im Kolben erhitzt viel Wasser, in diesem Falle ist ihm aber, wie 
6. Rose glaubte, eine wasserhaltige Chlorverbindung beigemengt, die 
mit ihm vorkommt: 

Eine spätere Untersuchung Chandler's^) ergab die chemische 
Identität mit Boracit, die Formel: 3 Mg 0. 4 B Ca, mit dem specii'. 
Gemchte = 2,941, wogegen H. Ludwig^) Chlor und Wasser als 
Best&ndtheile, nicht als Beimengung neben Borsäure und Magnesia fand 
und die Formel 5(3Mg0.4B08 + HO) + 3(MgGl.H0) auf- 
stellte. Wegen dieser Verschiedenheit, da auch Sie wert und D renk- 
mann') borsaure Magnesia gefunden hatten, untersuchte Hein tz^) den 
Stassfurtit von Neuem und fand die Stoffe wie Ludwig, wonach er 
die Formel 2 (3 Mg O . 4 B Og) -f Mg Gl . HO aufstellte. 

Neuerdings wurde auch von J. Potyka ^), von Siewert und 
Geist ^ Chlor im Boracit gefunden und für denselben die Formel 
2 (8 Mg , 4 B Oa) + MgGl aufgestellt. Ä'. 

Statice. Eine zu den Plumbagineen gehörende Pflanzengat- 
tang, welche in der Nähe des Meeres oder von Salzquellen wächst, 
and viel Chlomatrium enthält 100 Thle. lufttrockener Pflanze enthält 
von ^t Gmduä = 7,7 Proc. Asche, davon sind 1 1,5 Thle. lösliche und 
8d,5 in Wasser unlösliche Salze. Von SU suffmctieoaa wurden 5,7 Proc. 
Asche erhalten, wovon 45,75 Proc. lösliche und 54,25 Proc. unlösliche 
Salze. Die in Wasser löslichen Satze epthalten in 100 Thln. von: 

SchwefelBAures Schwefelsaures Chlor« Kohlensaares Katron- 
Kali Natron natrium Katron hydrat 

Staäee Gmelini 22,2 29,7 29,0 7,0 — 

Statice 8uffructieoaa 18,4 24,8 46,0 2,7 1,2 

Fe. 
btative nennt man Gci^telle, welche in den chemischen La- 
boratorien gebraucht werden, um Apparate oder Theile derselben zu 
tragen oder in geeigneter Stellung festzuhalten. Sie müssen in der 
Begel so eingerichtet sein, dass man ein und dasselbe Gestell benutzen 
kann, um Apparate in verschiedener Entfernung von dem Fuss des 
Gestelies damit festzustellen. Daher steht in der Begel eine runde Stange 



*) MiacelLaneoiu chemical researches. 6()tting. 1856, p. 20. t- ") Chem. Centralbl. 
185S, S. 884. — *) Zeitaohr. f. d. ges. Natnrw. Bd. XI, 266. — *) Berlin. Akad. 
1858, 673. — *) Pogg. Annal. Bd. CVII, S.438. '— •) Zeitschr. f. d. ges. Natnrw. 
Bd. Xm, S. 106. 

Digitized by VjOOQIC 



190 



Stativ( 



senkrecht aaf einer viereckten Platte aus Holz, welche man bisweilen 
der Reinlichkeit halber mit Porcellari belegt, auch Fussplatten aus Guas- 
eisen finden Anwendung. 

Die Filtrirgestelle (Fig. 22 und 23) sind meist aus Holz gefertigt, 



Fig, 22. 




Fig., 23. 




auf die senkrechte Stange schiebt sich ein Arm , der, wo er auf der 
Stange sitzt, IV2 bis 2 Zoll dick ist und eine Schraube von Holz, 
Knochen oder Metall trägt, welche ihn an jeder Stelle der Stange zu 

fixiren erlaubt. Der horizontal her- 
vorstehende Theil ist dünner und 
mit Löchern versehen , welche in 
einem etwas spitzeren Winkel als 
der der Trichter gebohrt werden 
sollte. Dann lässt sich jeder Trich- 
ter durch Einschieben von etwas 
Löschpapier leicht darin feststellen. 
Es ist wichtig, dass der Theil, wel- 
cher sich auf der Stange schiebt, eine 
beträchtliche Dicke habe , weil das 
darin befindliche Loch bemerklich 
weiter als die Holzstange sein muss, 
um sich ohne Schwierigkeit jederzeit 
schieben zu lassen. Zieht man dann 
die Schraube auch fest an, so ver- 
mag dieselbe doch nicht zu verhin- 
dern, dass, wenn die Hülse schwach 
ist, sich der Arm bedeutend neigt, 
wenn ein schwerer Trichter darauf 
gesetzt wird. Ist aber die Hülse 
hoch, so kann diese Bewegung bei 
gleicher Weite des Loches doch nur 
unbeträchtlich sein. Auf dieselben 
Füsse mit Hulzstangen pflegt man 




Digitized by VjOOQIC 



Stative. 



191 



aach Retortenhalter (Fig. 24) nnd ähnliche Klemmen zu schieben, 
am Retorten, Kolben, Röhren in beliebiger Richtung und Höhe festzu- 
halten. 

Sobald die Apparate complicirter werden, mehrere Schrauben ha- 
ben, um die einzelnen Theile in verschiedener Weise feststellen zu kön- 
nen, sind sie nicht gut in Holz auszuföhren. Das Anquellen des Holzes, 
wenn es nass wird, die grosse Reibung, welche die Schrauben darbie- 
ten, ihre Zerbrechlichkeit sind nicht wohl zu beseitigende Uebelstände. 
Besser als Schrauben you Holz sind solche von Knochen. 

Desaga in Heidelberg fertigt aus Eisen vortreffliche Gestelle, 
welches er mit Lack gegen Oxydation schützt, und die Schrauben und 
Hülsen daran sind von Messing, damit sie nicht durch Rost leiden. 
Ein diesen nachgeahmtes Stativ besitzt folgende Einriclitungeo. Eine 
gusseiserne Platte A^ Fig. 25, hat an den beiden dem auirechtste- 



FiR. 25. 



henden Stabe zunächst liegenden 
Ecken ein paar kleine Füsse aa 
angegossen erhalten und einen 
dritten an der Mitte der dem Stabe 
gegenüber liegenden Seite. Auf 
der Platte A steht eine etwa 1 
Centimeter starke Eisenstange ; 
auf dieselbe lassen sich ver- 
schiedene Ringe 3, theils glatt 
aus runden Stäbchen gebildet 
und an den Arm angeschweisst, 
schieben, theils solche o, die 
nach innen mit drei kleinen her- 
vorragenden Zähnen versehen 
sind. Schalen, Retorten u. dergl. 
stehen besser auf denselben als 
auf den runden Ringen und man 
hat kein Einklemmen zu befürch- 
ten. Ein dritter Arm d besteht 
aus einem 15""" langen, 6"" brei- 
ten, 6"" dicken in den Schieber 
eingeschraubten Eisenstäbchen, 
welches horizontal durch einen 
etwa 2"" breiten Sägeschnitt et- 
wa 50""" tief in zwei hinten zu- 
sammenhängende Platten getheilt 
ist Dieselben lassen sich durch 
eine kräftige Messingschraube zu- 
sammenpressen. Zwischen die- 
selben lässt sich auf diese Weise 
leicht jeder Draht, den man etwas platt schlägt, jeder Triangel u. s. w. 
festklemmen. Die Fig. 25 zeigt einen aus Eisendraht gefertigten Tri- 
angel, in dem ein zweiter kleinerer aus feinem Platindrnht ausge- 
spannt ist, wie solche sehr bequem zum Tragen von Platintiegeln an- 
gewandt werden, denen man die grösstmöglichste Hitze durch eine 
Spiritus- oder Gaslampe mittheilen will; auf diese Weise findet die ge- 
ringste Ableitung der Wärme statt. 

Um Retorten, Kolben, Röhren von allen Formen und leicht in 




Digitized by VjOOQIC 



192 Stative. 

jeder Richtung aufsustelleo, ha^ De sag a sehr zweckmässige Klemmen 
construirt, die in Fig. 25 (s. v. S.)^ h bis n, abgebildet sind;- der auf der 
senkrechten Stange verschiebbare Theil Fig. 2b e ist hierbei etwas ab- 
geändert, wie es deutlicher Fig. 26 zei^t. Dieser zum Feststellen die- 
nende Theil e ist ein prismatisches Stück Schmiedeeisen von etwa 22""° 
p. .^^ Breite und Hohe und 45""" Länge, Fig. 26; es 

' ist in verticaler und horizontaler Richtung durch- 

^^^^B9H|^^^ bohrt und die Oeffhung dreiseitig prismatiKch 
^^im^^^^W ausgefeilt, so dass die BasL$ des Prismas paral* 
lel mit den Wandungen des Eisenstückes liegt, 
die Scheitel aber einander zugewendet sind. Die durch die Mitte 
der Basis jeder Oeffnung gehende Pressschraubo drängt die durch 
die dreieckigen Löcher gesteckten runden Stäbe fest in den Scheitel- 
winkel selbst bei schwachem Anziehen, so dass die Stabe, mögen sie sehr 
genau oder ganz willig durch die Löcher gehen, doch leicht ein festes 
rechtwinkliges Stellen der Tragarme gestatten. Für alle Schieber auf 
runden Stangen ist diese dreikantige Durchbohrung nicht genug zu em- 
pfehlen. Sie wird so weit gemacht, dass der Stab ganz lose hindurch 
geht sobald die Schraube gelöst wird; ist die Durchbohrung rund, so 
entsteht dadurch ein sehr unbequemes Neigen des Annes wenn er be- 
lastet wird, man mag die Schraube noch so fest anziehen, bei der drei- 
kantigen Lochung niemals. Bei Holzgesteüen ist sie etwas schwieriger 
anzubringen, weil das Holz gern in der Richtung der Basis der drei- 
eckigen Bohrung spaltet. Bei metallnen Schiebefn bietet es gar keine 
Schwierigkeit. Die Einrichtung ist sehr wenig im Gebrauch, aber 
eine wirklich grosse Verbesserung, wovon sich Jeder sofort beim Ge- 
brauch überzeugen wird. 

Die Fig. 25 « zeigt genau die Einrichtung der Klemmen, wie die- 
selben Desaga anfertigt. / dient dazu um in beliebiger Höhe an der 
Gestellstange befestigt zu werden. Die Schraube g fixirt den runden 
Arm h und gestattet ein Vor- und Zurückschieben, sowie die Drehung 
um seine Achse. Die Schraube t lässt es zu, dass man die eigentliche 
Klemme k im Kreise drehen kann. Die Schraube / bestimmt die Oeff- 
nung der Klemme ; ein spiralförmig lose darum gewickelter hartgezoge- 
ner Messingdraht strebt die Klemme stets zu öffnen. Diese trägt an den 
Spitzen ihrer Arme zwei Gabeln m, deren Zinken n etwas gebogen 
und mit Korkstreifen gefiittert sind. Bei m ist die obere Gabel drehbar. 
Fig. 27. Fig. 28. 

Fasst man mit dieser Klemme konische Röhren, z. B. Retortenhälse, so 
legt sich die bewegliche Gabel sowohl an den engeren, wie an den weite- 
ren Theil der Röhre dicht au, und die Gabeln halten dadurch sehr fest. 
V. Babo hatte, die Klemme so eingerichtet, wie Fig. 27 zeigt, 

Digifized by VjOOQIC 



Status nascens. 



193 



dass er dieselbe nicht durch eine Schraube , sondern durch eine Fe- 
der schliessen lässt. Es» gestattet dies ein sehr rasches E[erausneh- 
men der Retorte aus der Klemme, was bisweilen erwünscht ist. 

Fig. 28 zeigt eine einfache Klemme von Desaga zum Halten, von 
cylindrischen Rohren, Büretten, Pipetten, Kolbenhälsen u. s. w. 

Mohr hat eine gute Einrichtung eines Statives, um Röhren, 
' Kühlapparate n. dergl. in einer 

^^' ^^' Rinne eingelegt zu tragen, ange- 

geben (Fig. 29). Die Flügel- 
schraube c zieht das Brettchen d, 
woran die Rinne mittelst des drei- 
eckigen Stückes e befestigt ist, 
fest gegen den massiven Klotz a 
an. Die breite Berührungsfläche 
macht, dass man keine Drehung 
zu befürchten hat, auch wenn c 
nur massig angezogen wird. 

Stative, wie Fig. 30u. 3 1 zei- 
gen, sind von sehr verschiedenen 
Grössen in allen Laboratorien 
üblich. Die kleine Tischplatte ist 
auf einem runden Stock befestigt, 
der sich in der Hülse c durch die 
Schraube d beliebig hoch stellen 
lässt. Statt des Tischchens können 
natürlich auch auf runden Stäben 
befestigte Retorten halter, Gabeln 
u. dergl. eingeschoben werden* 
Auch bei solchen Stativen wird 
zweckmässig statt des rund ausge- 
bohrten Cylinders ein aus drei 
zusammengeschraubten 
Brettchen gefertigtes 
Prisma, welches somit 
eine dreiseitig prismati- 
sche Höhlung enthält, 
als Hülse angewendet, 
es ist alsdann gut die 
Schraube d durch eine 
Fassung gehen zu lassen 
und sie mindestens 20""" 
vom oberen Ende des 
Prismas anzubringen. 
Für specielle Appa- 
rate eingerichtete Stative werden an den passenden Orten beschrieben. 

F. 
Status nascens, Status nascendi^ nach Weltzien, Ent- 
stehongsznstand, Abscheidungsmoment. Es ist Thatsache, dass 
manche Körper aus einer Verbindung leichter an andere Körper übertre- 
ten, sich mit ihnen verbinden, als wenn sie mit ihnen im freien Zustande 
zQsammenkonimen; man nimmt an, dass sie im Momente, wo sie aus der 
eben Verbindung austreten, in die neue Verbindung eingehen, ohne 

HMdirteUrbiieh der Chemie. Bd. VUI. oliäed by GoOglc 






194 StauroUth. 

eigentlich zuerst in den freien Zostand überzugehen. WasserstofiTgas zer- 
setzt nicht die wässerige schweflige Säure; wird Zink mit verdünnter 
Schwefelsäure versetzt und etwas schweflige Säure zugemischt, so wird 
die schweflige Säure zu Wasser und Schwefelwasserstoff reducirt. Schwe- 
fel und Wasserstoff verbinden sich im freien Zustande nicht mit einander, 
im Status nasceru (aus Schwefeleisen mit verdünnter Schwefelsäure) ent- 
steht Schwefelwasserstoff. Brom verbindet sich nicht leicht direct mit 
Wasserstoffgas, eben so wenig Jod mit Sauerstoff. Wird Jodbrom mit 
Wasser gemischt, so bildet sich schnell Bromwasserstoff und Jodsäure. 
Man nimmt hier an, dass in einzelnen Fällen der weniger elastische Zu- 
stand, in anderen Fällen der weniger dichte Zustand, den ein Körper hat 
in dem Augenblick, wann er sich aus einer Verbindung abscheidet, dem 
Eingehen neuer Verbindungen günstig sei. Man kann zur Erklärung der 
Erscheinungen in manchen Fällen annehmen, dass hier Substitutionen 
stattfinden; wird Schwefeleisen mit wässeriger Säure versetzt, so kann 
man annehmen, dass Eisen an die Stelle des Wasserstoffs im Säure- 
hydraiund Wasserstoff an die Stelle des Eisens im Sulfuret tritt: 
FeS -f- HSO4 = HS + FeS04. 

Es haben hier Vertretungen stattgefunden. 

Man kann ferner annehmen, dass im Moment der Abscheidung der 
Körper mit besonders starken oder eigenthümlichen polaren oder elektri- 
schen Eigenschaften begabt sei, dass er sich daher leichter mit anderen 
Körpern verbinde. Solche Erscheinungen erkennen wir z.B. am Ozon, 
der sogleich die Körper oxydirt, während gewöhnlicher Sauerstoff diese 
Eigenschaft in weniger starkem Grade hat, oder, wie Schönbein meint, 
sich zuerst in Ozon verwandeln muss. 

Die Erscheinung, dass Körper oft leichter aus einer Verbindung 
in eine andere übertreten, ist nicht zu bezweifeln; die Erklärungen sind 
noch ungenügend. Fe. 

Staurollth^ prismatoidischer Granat, Granatit, Stau- 
rotid. Basler Taufstein, Croisette, Pierre de croix^ Sehorl crud- 
forme grenaUte^ krystallisirt orthorhombisch und die kurz- bis langprisma- 
tischen Krystalle bilden gewöhnlich die Combination eines orthorhonibi- 
schen Prisma von 128<) 42', dessen scharfe Kanten durch die Längs- 
flächen abgestumpft sind, mit den Basisflächen, wozu auch noch die 
Flächen eines Querdoma von 70^46' kommen, welche, auf die stumpfen 
PrLsmenkanten gerade aufgesetzt, die stumpfen Combinationsecken mit 
der Basisfläche abstumpfen. Die Krystalle sind bis jetzt nur eingewach- 
sen in krystallinischen Schiefem und Gneiss gefunden worden, einsein 
oder unregelmässig verwachsen, sehr häufig aber als Kreuzzwillinge, 
wobei sich die Hauptachsen unter rechten Winkeln oder unter schiefen 
(fast unter 60^) schneiden, zuweilen auch als Drillinge. Der Stanrolith 
ist vollkommen nach den Längsflächen spaltbar, in Spuren nach den 
Prismaflächen, der Bruch ist uneben, splittrig oder muschlig. Bothlicb- 
braun bis schwärzlichbraun, bisweilen brännlichroth, glasglänzend, durch- 
sichtig bis undurchsichtig. Härte = 7,0 bis 7,5; specifisches Gewicht 
=t 3,52 bis 3,75. Vor dem Löthrohre unschmelzbar, in Säuren unlös- 
lich, nur Schwefelsäure bewirkt eine theilweise Zersetzung. Das häufig 
vorkommende Mineral ist vielfach analysirt worden, ohne dass eine 
übereinstimmende Formel gefunden werden konnte; als wesentliche Be- 
standtheile wurden Thonerde, Kieselsäure und Eisenoxyd gefanden^ 

Digitized by VjOOQIC 



Stauroskop. - Stearen. 195 

and als die beste g^ilt die Formel 2 B9.O3 . SiOs* Geringe Mengen von 
Magnesia, Kalk u.9. w. mögen wohl die Folge von Beimengungen sein. 
Analysen des Staurolith lieferten Vauquelin^) von dem Fund- 
orte Morbihan in der Bretagne, Elaproth^), Jacobson^) vom St. 
Gotthard, derselbe*) von Airolo in Tessin, aus der Bretagne, von 
Polewskoi am Ural; Marignac^) vom St. Gotthard. Als eine Pseudo- 
morphose des Staurolith ist der sogenannte Crucilit'h^ von Dublin 
ansnsehen. k. 

Stauroskop nannte F. v. KobelF) ein von ihm erfundenes 
optisohes Instrument, welches vermittelst gewisser Polarisations- Er* 
acheinungen die Krystallisation zu bestimmender Krystallblatter besser 
bestimmen lässt, als es mittelst der Turmalinzange, des Polarisations- 
apparates und der dichroskopischen Loupe allein geschehen kann. Es 
können durch dieses Instrument, dessen Einrichtung sich nicht in Kärse 
beschreiben lässt, nicht allein optisch -einfachbrechende und optisch- 
doppeltbrechende Körper, bei letzteren nicht nur die optisch - einachsi- 
gen und optisch -zweiachsigen unterschieden werden, sondern es las- 
sen sich durch dasselbe, wie zahlreiche Beobachtungen es bis jetzt er- 
geben haben, auch die orthorhombischen, klinorhombischen und anorthi- 
schen Kiystallisationen unterscheiden und die einzelnen Gestalten durch 
gewisse Erscheinungen zum Theil erkennen. Eine Erweiterung dieses 
Instrumentes wurde durch die Verbindung mit Haidinger's dichroako- 
pischer Loupe erzielt, um die Complementärbilder des Stauroskopes 
sehen zu können, welche Vorrichtung den I^amen Gomplementär^Stau- 
roskop erhielt. . K, 

Staurotid; syn. Staurolith. 

Stearen hat R o w n e y s) einen festen Körper genannt, den er durch 
trockene Destillation von Stearinsäure mit Kalk erhielt, seine Formel 
ist C38 figg O oder wahrscheinlicher Ose {{53 O2. Diese Formel dürfte 
jedoch noch durch weitere Untersuchungen zu bestätigen sein. 

Bowney destillirte käufliche Stearinsäure mit der Hälfte ihres Ge- 
wichtes an Kalk in eisernen Gefassen im Sandbad; aus dem Destillat 
schieden sich beim Erkalten Krystalle ab, die nach dem Schmelzen mit 
Aether gemischt, und dann nach dem Erkalten abgepresst wurden. 
Diese fi^inignng ward einige Mal wiederholt, dann wurde die Masse 
noch ans Aether umkrystallisirt Man erhält so weisse tafelförmige 
SjrystaUe, die sich in siedendem Alkohol, leichter noch in Aether lösen, 
sie schmelzen bei 76<> C. und erstarren bei 72 C. Dieser Körper wird 
durch kochende Salzsäure nicht zersetzt, concentrirte Schwefelsäure 
verkohlt ihn beim. Erhitzen, mit einem Gemenge von Salpetersäure und 
Schwefelsäure erhitzt, zersetzt er sich und bildet eine flüchtige ölige Säure. 

Brom wirkt auf das geschmolzene Stearen schnell ein, es entwickelt 
sich Bromwasserstoff*, und es bildet sich ein rothes unter Wasser kry- 
stalliniseh erstarrendes Oel. Durch Abwaschen mit wässerigem Am- 
moniak and kaltem Alkohol, Lösen in kaltem Aether und freiwilliges 

Jonrn. d«8 mine«, Nro. 68, p. 864. — ') DesBen Beitr. Bd. V, S. 88 n. 86. 
— •) Pogg- AnnaL Bd. LXD, S. 419. — *) Ebend. Bd. LXVIII, 8. 414. — 
*) Annal. de chim. T. XIV, p. 60. — •) Kenngott's üebers. 1868, S. 98. — Mttn- 
dwDer gelehrte Anz. 1866, Bd. XL, S. 146 u. 164; Pogg. Annal. Bd. XGY, S. 
820; Jonrn. f. prttkt. Chem. Bd. LXIV, S. 889. ^ Chem. Soc. Qu. J. T. YX, 
p. 97; Annal. d. Chem. n. Pharm. Bd. LXXXYIII, S. 285. 

Dijtiäd*by Google 



196 Stearerin. — Stearin. 

Verdampfen wird Bromstearen in bü8chelf5rinig vereinigten federariigen 
Krystallen erhalten, die aus mikroskopischen Blättchen bestehen, welche 
bei 430 bis 45^ C. schmelzen 0- 
^ Jod wirkt selbst beim Schmelzen nicht auf Stearen ein. 

Stearerin. Das in der Wolle der Merinoschafe enthaltene Fett 
ist, nach Chevreul^), ein Geraenge von einem flüssigeren und einem 
festeren Fett, ersteres nennt j er Elaerin, letzteres Stearerin; dieses 
soll bei 600 C. schmelzen, bei lö^C. sich in lOOThln. Alkohol von 0,805 
lösen, wodurch es sich von dem viel leichter loslichen Elaerin trennen lääst. 
Das Stearerin giebt mit Kalilauge eine Emulsion; bei längerer Einwir- 
kung einer starken Kalilauge wird es verseift; die entstehende Seife ent- 
hält stearerinsaures Kali, welches aber ungelöst bleibt und in seinen 
Eigenschaften sich mehr einer Harzverbindung als einer eigentlichen 
Seife ähnlich verhält. Ob dieser Körper wirklich ein eigenthümlicher ist 
oder ein Gemenge verschiedener Substanzen, welche Producte sich bei der 
Einwirkung bilden, das sind lauter noch zu beantwortende Fragen. Ft, 

Stearerinsäure s. unter Stearerin, 

Stearicylhydrat, Stethai, Stethyloxydhydrat Ein 

noch nicht isolirter Alkohol, C36H38O2 =HO.Cs«H87 0, oder 

C H J 
^^ il^lOa, der zur Stearinsäure sich verhält vde der Aethylalkohol 

zur Acetylsäure. Nach He int z') ist dieser Körper neben einigen ho- 
mologen Verbindungen im Wallrath enthalten; es ist aber nicht gelun- 
gen, ihn von Aethal, Methai und Lethal durch Krystallisation zu tren- 
nen. Das Stethai unterscheidet sich von diesen anderen Alkoholarten da- 
durch, dass es beim Erhitzen mit Kali-Kalk unter Wasserstoffentwicke- 
lung Stearinsäure bildet, welche sich von den aus den übrigen Alko- 
holen entstehenden Fettsäuren dann durch partielle Fällung trennen läset 
(s. Wallrath). Fe. 

Stearin'^), Stearinfett, stearinsaures Lipyloxyd, Stea- 
rinsäure-Glycerid. Dieses neutrale Fett findet sich in verschiedenen 
Thier- und Pflanzenfetten (s. unter Stearinsäure) namentlich in den 
Talgarten, im Hammelstalg und im Rindstalg, dann in grösserer Menge 
auch in der Gacaobutter, in dem Fett der Kokkelskörner und den Früch- 
ten von Brindonia indica; in geringerer Menge ist das Stearin in der 

Chcm. Soc Qu. J. VI, p. 97; Annal. d. Chem. n. Pharm. LXXXVIU, 8. 285. 

•) Journ. de pharm. T. XXVI, p. 123; Compt. rend. T. XFV' ; p. 788; Berad. 
Jahresber. Bd. XXI, S. 643; Bd. XXIH, S. 611. 

») Pogg. Annal. Bd. XCITI, S. 619; Journ. f. prakt. Chem. T. LXni, S. 864; 
Jahresber. v. Liebig u. Kopp 1864, S. 400. 

*) Compt. rend. T. XXXVII, p. 898; T. XXXVIII, p. 068. — Berthelot: 
Annal. de chim. et de phys. [3.] T. XU, p. 220; Journ. f. prakt. Chem. T. LXH, 
S. 183; Annal. d. Chem. u. Pharm. Bd. XCII, S. 801; Jahresber. v. Liebig u. Kopp 
1854, S. 449. — Duffy , Chem. Soc. Qu. J. T. V, p. 197 u. 808; Journ. f. prakt. Chem. 
Bd. LVIl, S. 886; Bd. LVIII, S. 868; Annal. d. Chem. u. Pharm. Bd. LXXXVDI, 
S. 287; Jahresber. v. Liebig u. Kopp 1852, S. 607 u. 611. — Arz bächer, AnnaL 
d.Chem. u. Pharm. Bd. LXX, S. 239. •— Heintz, Pogg. Annal. Bd. LXXXIV, S.288; 
Bd.LXXXVII, S. 563; Bd. LXXXIX, S.679; Bd. XCIH, S.481; Annal. d. Chem. u. 
Pharm. Bd. LXXXVIU, S. 296 u. 804; Bd. XCII, S. 800; Berl. Akad. Ber. 1849, 
S. 222; 1862, S.540; Journ. f. prakt. Chem. Bd. XLVIII, S. 382; Bd. LVU, S.800, 
Bd. LX, S. 198; Jahresber. v. Liebig u. Kopp 1861, S. 447; 1862, S. 516; 1868, 
S. 445 u. 452; 1854, S. 447. 



Digitized by VjOOQIC 



Stearin. 197 

Kuhbatter, im Menschen- und Gänsefett, überhaupt in den weicheren 
Schmal zarten enthalten. 

Die Trennung des Stearins von Palmitin, Olei'n und den übrigen 
Fetten, mit denen es in den Talgarten gemengt ist, gelingt nur sehr 
unvollständig; man nahm nach den früheren Untersuchungen mit Ber- 
zelius an, dass das Stearin, und analog die übrigen neutralen Fette, 
eine Verbindung der wasserfreien Stearinsäure C^s^Sb^s i^it Lipyl- 
oxjd, C3H3O, zu gleichen Aequivalenten sei. Berthelot hat nun 
durch synthetische Versuche nachgewiesen, dass es drei verschiedene 
Stearine, das Mono- Di-, und Tristearin, giebt, welche die Elemente 
von 1 Aeq. Glycerin und von 1, 2 oder 8 Aeq. Stearinsäurehydrat ent- 
halten, minus 2, 4 oder 6 Aeq. Wasser ; ipan kann die Verbindungen an- 
sehen als Glycerin, in welchem 1,. 2 oder 3 Aeq. Wasserstoff durch 
das Radical Stearyl, C36H35O2, erstetzt ist. Oder es ist das Lipyloxyd, 
CeM^Os, verbunden mit 1 Aeq. wasserfreier Säure -f- 2H0, oder mit 
2 Aeq. Säure -|- H 0, oder mit 3 Aeq. wasserfreier Säur^ : 

CeHgOe -j- C36 » 86 O4 — 2 HO = C42 «42 Og 
Glycerin Stearinsäure Monostearin 

CeHsOß + 2.(C86H8604) — 4H0 = fig^Te^o 

Distearin 
CgftgOg -|- 3 (O^^R^ßO^) — 6H0 = Cii4HiioOi2 

Tristearin. 
Monostearin. 
Zweifach-basisches stearinsaures Lipyloxyd: C43li4206 
= C6H503.2HO.C8eH8fi08 = u ^ d^^S^I Og. Dieses Fett ist bis 

«2 • ^36 "35 ^^2 } 

jetzt nur künstlich dargestellt Es bildet sich in geringer Menge, wenn 
eine Mischung von Stearinsäure und Glycerin in einer verschlossenen 
Röhre Monate lang sich selbst überlassen wird, oder auch, wenn man ein 
Gemenge von Stearinsäure und Glycerin mit Salzsäuregas sättigt und 
dann auf 100® C. erhitzt; hier ist die Verbindung- mit Chlorhydrin ge- 
mengt, was sich abscheiden lässt Am reinsten wird das Monostearb 
erhalten, wenn gleiche Theile Stearinsäure und Glycerin in einem ver- 
schlossenen Gefass 86 Stunden lang auf 200<^C. erhitzt werden. Man 
nimmt nach dem Erkalten das feste Fett vom Glycerin ab, schmilzt es, 
setzt dann Aether zu und etwas gelöschten Kalk, um die freie Stearin- 
säure abzuscheiden, und erwärmt das Ganze Y4 Stunde lang auf 100® G. 
Man kocht nun die Masse mit Aether aus, worauf das Monostearin 
beim Erkalten des Filtrats krystallisirt. 

Das Monostearin ist ein weisses neutrales Fett, es ist wenig in 
kaltem, ziemlich leicht in heissem Aether löslich, und krystallisirt aus 
dieser Lösung in feinen mikroskopischen Nadeln. Es ist unlöslich in 
Wasser und Alkohol, schmilzt bei 61® C, und erstarrt bei 60® C. zu 
einer harten spröden wachsähnlichen Masse. 

Das Monostäarin lässt sich im Vacuum unverändert destilliren; 
bei Zutritt der Luft erhitzt föngt es an sich zu verflüchtigen, zerlegt 
sich aber dann sogleich unter Bildung von Acrolem. Es brennt mit 
weisser leuchtender Flamme. 

Das Monostearin wird durch kürzeres Erwärmen mit trockenem 

Digitized by VjOOQIC 



198 Stearin. 

Kalkhydrat nicht merkbar zersetzt; mit Bleioxyd und Wasser einige 
Standen aaf 100 C. erhitzt, verseift es sich vollständig unter Bildang 
von Glycerin und stearinsaurem Bleioxyd. Durch Kalilauge wird es 
leicht und vollständig verseift Ebenso zerfällt es nach längerem Er- 
hitzen mit Salzsäure (106 Stunden) nahezu vollständig in Glycerin 
and Stearinsäure; Schwefelsäure zerlegt es auch, aber nicht Essig- 
säure (Berthelot). 

Distearin. 

Einfach-basisches stearinsaures Lipyloxyd: CygllTeOio 

= CeÄftOg.HO.-iCseHsöOs = H . (Cge Hsfo!)^ t ^*' ^"^^ ^^^ 
Verbindung ist wie die vorige bis jetzt nicht in den Thier- oder Pflan- 
zenfetten nachgewiesen, sondern nur künstlich dargestellt. Das Di- 
stearin bildet sich beim Erhitzejn gleicher Theile von Stearinsäure und 
Glycerin, und zwar erhitzt man etwa 114 Stunden lang auf lOO^^C, 
oder 7 Stunden lang auf 275^0. Es bildet sich weiter auch durch 
dreistündiges Erhitzen von 1 Thl. Monostearin mit 3 Thln. Stearin- 
säure auf 260<>C., oder durch 248tündige8 Erhitzen von Tristearin 
mit überschüssigem Glycerin auf 200^0. 

Das nach der einen oder anderen Methode erhaltene Product wird 
geschmolzen, mit Aether und Kalkhydrat versetzt auf 100<> C. erwärmt, 
und dann aus kochendem Aether umkrystallisirt. 

Distearin bildet eine weisse kömige Masse, welche aus mikro- 
skopischen Krystallblättchen besteht Es ist vollkommen neutral, schmilzt 
bei 58® C, und erstarrt bei 55^ C. zu einer spröden harten wachsähn- 
lichen Masse. Beim Erhitzen wird es zersetzt unter Entwickelung von 
Acrolein. Es lässt sich leicht verseifen, und wird bei lOO^^C. auch 
durch Bleioxyd vollständig zersetzt (Berthelot). 

Tristearin* 

Stearin, Tetrastearin, Stearophanin (s. d. Art.), Bassin, 
neutrales stearinsaures Lipyloxyd: Cii4HiioOij = CgHgOs . 

3 CgeHss Os = rn u A ^ O«. Dieses Fett, gewöhnlich kurz als 

Stearin bezeichnet, ist bis jetzt das einzige der Stearinglyceride, welches 
in Pflanzen- und Thierfetten gefunden ist, aber immer gemengt mit an- 
deren Fetten , namentlich mit Palmitin , Olein , Myristin u. a. m. In 
grösserer Menge ist das Tristearin im Hammel- und Rindstalg, in der 
Cacaobutter, namentlich im Fett der Brindonia indica nachgewiesen. 
Es ist bis jetzt nicht gelungen, Tristearin ans Hammeltalg oder fiitods- 
talg vollkommen rein abzuscheiden, es bleibt ihm immer Palmitin bei- 
gemengt, und durch Verseifen dieses Stearins erhält man daher statt 
der bei 70® C. schmelzenden reinen Stearinsäure ein Gemenge dieser 
Säure mit Palmitinsäure, dessen Schmelzpunkt bei 62® bis 66® G. liegt. 
Dagegen lässt sich das Tristearin aus dem Talg der Brindonia indica 
leicht rein abscheiden, wie Bouis und d'Oliveira Pimantel in 
neuester Zeit nachgewiesen haben. 

Berthelot zeigte zuerst, wie das reine Tristearin sich künstlich 
darstellen lasse aus Glycerin und Stearinsäure. 

Nach Lecanu^) erhält man das Stearin aus Hammeltalg oder 

Annal. de chim. et de phys. [2.] T. LT, p. 192. 

Digitized by VjOOQIC 



r 



Stearin. 199 

Ochsentalg, was aber noch immer etwas Palmitin zurückhält, dadurch 
dass man dieses Fett in einem Glas mit ziemlich weiter Oefiriung im 
Wasserbad schmilzt und dann den Talg mit dem gleichen Gewicht 
Aether mischt, und gut durchschüttelt, hierauf setzt man noch ebenso 
viel Aether zu als schon genommen wurde, schüttelt wieder tüchtig 
uro and wiederholt dieses Zumisohen von Aether jedes Mal unter star- 
kem Umschütteln so oft, bis die Masse nach dem Erkalten die Con- 
sistenz von Schmalz hat. Der Aether hält hier nun das Olein, Palmi- 
tin und ein wenig Stearin in Lösung, während der grössere Theil die- 
ses Fettes in der Flüssigkeit als kömige Masse vertheilt ist. Man bringt 
das Geraenge auf Leinwand, presst zuerst hier ab, dann wiederholt 
zwischen vielfach zusammengelegtes Fliesspapier, so lange dieses noch 
fettig davon wird. Man erhält so etwa 1/5 vom Gewicht des angewandten 
Talgs an rohem Stearin, welches man durch wiederholtes Umkrystallisi- 
ren aus Aether reinigt« der Schmelzpunkt steigt dabei auf 62^0. etwa; 
selbst durch ä2maliges Umkrystallisiren aus Aether konnte der Schmelz- 
punkt des Stearins nur noch auf 64<>C. gebracht werden (Du ff 7). 

Man hielt früher das so hergestellte Stearin für ganz oder nahe 
zu rein; doch abgesehen von dem niedrigen Schmelzpunkte des Fettes 
selbst, zeigt auch der Schmelzpunkt der beim Verseifen daraus abge- 
schiedenen Fettsäure (ß2^ bis höchstens 66<>C.), dass es ein anderes 
Fett beigemengt erhält. 

Nach Bouis und PimanteH) wird aus dem Talg von Brinchtua 
mdiea durch Behandeln mit Aether leicht ganz reines Stearin erhalten, ' 
wenn man bei jedem Krystallisiren die Mutterlauge sorgfältig abpresst.* 
Ob der aus den Eokkelskörnem erhaltene Talg auch Tristearin ist, 
mnss einstweilen dahingestellt bleiben, da der Schmelzpunkt desselben, 
wie Francis angiebt (35^ bis 36^0.), so sehr abweichend ist von dem 
des reinen Stearins (s. Steürophanin); es wäre hier ein wiederholte 
Untersuchung wünschenswerth. 

Berthelot lehrte zuerst die Eigenschaften des chemisch-reinen 
Tristearins kennen, welches er künstlich erhielt, indem er Monostearin 
mit dem 15- bis 20fachen Gewicht Stearinsäure gemengt etwa 6 bis 8 
Stunden auf 270<^ C. erhitzte. Das Product wird dann geschmolzen 
and mit etwas Aether versetzt, darauf festes Kalkhydrat zugemengt, und 
einige Zeit auf 100^ C. erhitzt, um die freie Säure in Kalkseife zu ver- 
wandeln. Man kocht dann die ganze Masse mit Aether aus, lässt die 
heisa filtriite Lösung erkalten, presst die beim Erkalten fast vollständig 
sich abscheidende Verbindung ans, und befreit sie zuletzt durch gelin- 
des Erwärmen von anhängendem Aether. 

Das ans Talg dargestellte unreine Stearin wird aus Aether kry- 
staUisirt in perlmutterglänzenden Schuppen erhalten; es schmilzt bei 
620 bis 64® C. und bildet nach dem Erkalten eine weisse wachsähnliche 
leicht zerreibliche Masse. Es löst sich nicht in schwachem Alkohol, 
aber ist vollständig löslich in siedendem 97grädigen Weingeist; in 
siedendem Aether löst es sich ziemlich leicht, scheidet sich beim Er- 
kalten aber fast vollständig wieder ab. Bei der trockenen Destillation 
zersetzt es sich und giebt die Zersetzungsproducte der Stearinsäure 
(Palmitinsäure) und des Glycerins. 



*)Compt. rend. T. XLIV, p. 1866; Chem. Centralbl. 1S67, p. 607; Jahresber. 
V. Kopp n. WID 1S67, S. 886. 



Digitized by VjOOQIC 



200 Stearin. 

Das reine Tristeurin aus dem Talg der Brindonia indiea krystalli- 
sirt aus der Lösung inAether in perlmutterglänzenden strahligen War- 
zen, zum Theil in feinen Nadeln ; nach dem Schmelzen wird es bei dem 
Erkalten zum Theil durchsichtig, zum Theil aber ganz weiss undurch- 
sichtig, und sehr spröde. 

Das künstliche Tristearin, aus Stearinsäure und Glycerin darge- 
stellt, hat in Bezug auf Löslichkeit und Krjstallisirbarkeit im Wesentli- 
chen die gleichen Eigenschaften wie das unreine Stearin aus Hammel- 
talg, es üchmüzt aber bei 71,6^0.; dieser hohe Schmelzpunkt, und dass 
es wie auch das Stearin aus Brindonia -Talg beim Verseifen unmittelbar 
reine Stearinsäure giebt bei 70^ C. schmelzend, unterscheidet das reine 
Stearin von dem unreinen Glycerid aus Thiertalg oder Cacaobutter. 

Bei dem Tristearin zeigt sich die eigenthümliche Erscheinung, dass 
es zwei Schmelzpunkte hat, eine Erscheinung, die von Heintz zuerst 
bei dem unreinen Stearin aus Hammeltalg beobachtet, später auch 
am reinen Tristearin nachgewiesen wurde. Wird unreines Stearin lang- 
sam erhitzt, so wird es bei 52^0. vollständig durchsichtig und, wie 
Duffy zeigte, auch wirklich flüssig, bei weiterem Erhitzen wird es dann 
wieder undurchsichtig und fest, bis es bei 62<> bis 64oC. dann bleibend 
schmilzt. Duffy glaubt bei unreinem Stearin sogar drei verschiedene 
Schmelzpunkte gefunden zu haben, sein Stearin schmolz zuerst bei 
520 0., dann bei 62oC., und zuletzt bei ungefähr 690C. Heintz fand 
bei reinem künstlich dargestelltem Stearin, dass es zuerst bei 55<> C. 
flüssig werde, dann bei recht langsam steigender Hitze wieder erstarrt, 
und nun bei 71,6^0. wieder flüssig wird. Wird das bei llfi^C, ge- 
schmolzene Stearin nur etwa l^C. über diesen höchsten Schmelzpunkt 
erhitzt, so erstarrt es bei 70o C; wird es auf etwa 76^0. erhitzt, und dann 
rasch abgekühlt, so erstarrt es jetzt erst bei 55^0. £s scheint daher, 
dass es zwei isomere Modificationen von Stearin giebt, die verschiedene 
Schmelzpunkte haben, vielleicht auch sich sonst noch durch andere 
Eigenschaften von einander unterscheiden, vielleicht dass die eine Mo- 
diflcation krystallinisch, die andere amorph ist. Nach Duffy, der al- 
lerdings hier nur unreines Stearin untersuchte, unterscheiden die ver- 
schiedenen Modificationen des Stearins sich auch durch ein verschiede- 
nes specifisches Gewicht. Er fand für Stearin aus Hammeltalg, das 
den Schmelzpunkt S zeigte bei der Temperatur t das specifische Ge- 
wicht (auf Wasser von gleicher Temperatur als Einheit bezogen) wie 
es unter 1, 2 und 3 angegeben ist. 

Flüssig 



s 


t 


1 


2 3 


65» 


15« 


0,987 


— — 


66,5» 


15 


0,987 


— — 




/15 


0,987 


1,010 1,018 




15 


— 


— 1,018 


69,70 


51,5» 


0,960 


— 1,009 




65,5 


— 


— 0,993 




168,2 


— 


— 0,974 



0,9245 

Koppi) hat diese Angaben von Duffy bei Untersuchung eines aus 
Hammeltalg dargestellten, bei 60^0. schmelzenden Stearins bestätigt. 
Dieses Fett hatte in der ersten Modification bei 10<> C. ein speciü Ge- 

Annal. d. Chem. und PhArm. Bd. XCUI, S. 193; Jahresber. v. Liebig u. 
Kopp 1855, S. 48. 

Digitized by VjOOQIC 



Stearinkerzenfabrikation. 20 1 

wicht = 09987. Wird sein Volumen bei 0» = 1,0 gesetzt, so ist es bei 
50^ C. in der ersten Modification 1,031, in die zweite Modification über- 
gegangen aber nur 1,008^ es hat hier also bei dieser vorübergehenden 
Schmelzang nndUebergang in die zweite Modification eine wesentliche 
Vdomveränderung stattgefunden. Beim Erwärmen nimmt das Volumen 
dann wieder zu, und ist beim Schmelzpunkt (60<>G.) für die starre 
Substanz 1,076; beim Schmelzen selbst findet eine stärkere Ansdeh* 
nung noch statt, so dass das Volumen des flüssigen Fettes bei 60® C. 
= 1,129 ist. 

Das Tristearin wird beim Verseifen durch Alkalien, durch Blei- 
oxyd und andere Basen leicht zersetzt, es bildet sich reine Stearin- 
saure (bei 700 C. schmelzend) und Glyceriu, und zwar entsteht aus 
1 Atom reinem Tristearin 3 Atome Stearinsäure und 1 Atom Glycerin; 
das reine Tristearin aus dem Fett von Brindonia indica gab beim Ver- 
seifen 95,7 Stearinsäure; das künstliche Stearin gab 9ö,5 Stearinsäure 
und 10,2 im Vacuum getrocknetes Glycerin (Heintz), der Rechnung 
nach sollten 95,7 Stearinsäure und 10,3 Glycerin erhalten werden, 
so dass dadurch also dieJßeinheit der Substanz und die Richtigkeit der 
Formel hinreichend bewiesen ist. 

Eine Lösung von Aethyloxyd- Natron in absolutem Alkohol zer- 
setzt beim Erhitzen das Stearin, es bildet sich stearinsaures Natron und 
stearinsaures Aethyloxyd neben Glycerin. Aehnlich verhält sich Amyl- 
oxyd-Natron (s. unter stearinsaure Salze stearinsaures Aethyl- 
oxyd und Amyloxyd). Eine Lösung von trockenem Ammoniakgas in 
absolutem Alkohol wirkt selbst bei fortgesetztem Kochen nicht auf Stea- 
rin ein. 

Chrom und Chlor zersetzen das Stearin und bilden Substitutions- 
producte, welche weicher und leichter löslich sind als das reine Stea- 
rin; die Chlorverbindung enthält 21,2 bis 21,4 Chlor, die Bromverbin« 
dang 85,97 und 35,99 Brom (Lefort^* 

Tetrastearin. 

Den früher so bezeichneten Körper erkannte Berthelot später als 
Tristearin. 

Stearochlorhydrin. 

Chlorwasserstoff- und stearinsaures Lipyloxyd,C42H4iGlOe 

= Cg Hg O3 . H6l . C36 H35 O3 = u c« H *^ 0*( ^*' bildet sich durch 

längeres Einleiten von Chlorwasserstoffgas auf ein bis lOO^C. erhitztes 
Gemenge von Stearinsäure und Glycerin. Nach dem Absetzen lassen 
' mit kohlensaurem Natron gewaschen und wiederholt in Aether ge- 
löst, wird es als feste bei 28<>C. schmelzende Masse erhalten (Ber- 
thelot), re. 

Stearinkerzenfabrikation. Chevreul fand bei seinen 
1811 begonnenen Untersuchungen der fetten Körper im Jahre 18 13, 
dass aus Schweineschmalz und Olivenöl sich durch Verseifung und 
Zerlegung der Seife ein festes und ein flüssiges Fett trennen lassen, 



Jonrn. de pharm. [8.] T. XXIV, p. 24. 

• Digitized by VjOOQIC 



202 Stearinkerzenfabrikation. 

welche die Eigenschaften von Sänren besitzen, nnd dass dabei gleich- 
zeitig Glycerin abgeschieden werde. 1814 zeigte er, dass man schon 
ans dem unrerseiften Fette durch Alkohol ein festes Fett und ein 
flüssiges Oel trennen könne. 1816 ontersuohte er viele Fettarten, 
Menschen-, Binder-, Tieger-, Hammel-, Panther-, Gränsefett anf ihren 
relativen Gehalt an festem und flössigem Fett und belegte ersteres mit 
dem Namen Stearin, letzteres nannte er Elain. Gleichzeitig wies 
Braconnot dasselbe Verhältniss in den vegetabilischen Fetten nach 
and nannte den flüssigen Bestandtheil Huile absolu^ den festen Suifahwku 
Die ans den verseiften Fetten abscheidbare flüssige Säore nannte 
Chevreul Oel- oder Elainsäure, in dem festen krystaliisirbaren Theile 
nntersohied er die leichter schmelzbare Margarin- und die schwerer 
schmelzende Stearinsäure. 

Nachdem Chevreul ^) seine sämmtlichen Untersuchungen über 
die Fette, deren Yerseifung und die Ausscheidung der fetten Sänren durch 
andere starke Säuren aus den Seifen veröffentlicht hatte, erhielt er in 
Verbindung mitGay-Lussac 1825 ein Patent auf die Darstellung der 
festen fetten Säuren behufs Kerzenfabrikation in Frankreich. Auf den 
Namen von Moses Poole wurde dasselbe in England erlangt 

Obwohl die Inhaber des Patents keinen Gewinn daraus gezogen 
haben, so ist dasselbe doch merkwürdig, insofern die bis jetzt zur An- 
wendung gebrachten Mittel bereits alle in demselben angedeutet sind, 
nicht allein die Yerseifung mit Alkalien, Kalk u. 8. w., sondern auch die 
Zersetzung der Fette sowohl durch Destillation wie durch Schwefel- 
säure, welche zuerst von Achard in Berlin 1777 beschrieben, von 
Lefebvre^) 1829 wieder erwähnt, aber erst von Fremy') näher un- 
tersucht worden ist. 

Anfangs bot die Darstellung geeigneter Dochte ftir die Stearin- 
säur ekerzen Schwierigkeit, die freilich noch in einem 1825 gelieferten 
Nachtrage zu dem Patent als beseitigt beansprucht wurde, aber Cam- 
bac^rds^) hatte bereits die verbesserten Dochte patentirt erhalten. 
Erst 1831 fing de Milly an, im Verein mit Motard in der Nähe der 
Barriere de Vdtoile zu Paris, Stearinsänrekerzen zu fabriciren, denen 
man daher auch heute noch bisweilen den Namen Sternkerzen (Boti* 
gies de Fitoile) auch Millykerzen beilegt. Er verseifte mit Kalk, zer- 
setzte die Kalkseife in mit Dampf geheizten Gefässen, presste die ans 
festen und flüssigen fetten Säuren bestehende Masse mit hydraulischen 
Pressen bei allmälig gesteigerter Temperatur, tränkte die Dochte mit 
Borsäure statt mit Schwefelsäure, welche häufig dieselben zerstörte, und 
lehrte das Giessen der Kerzen. Es bestanden trotzdem damals noch 
viele unüberwundene Schwierigkeiten in dieser Fabrikation, besonders 
war die Krystallisation des Stearins beim Giessen hinderlich. Man fand, 
dass ein Zusatz von arseniger Säure dies beseitige, und griff zu diesem ' 
Mittel, was in sanitäts-polizeilicher Rücksicht absolut unstatthaft er- 
scheinen musste. Bald fand man jedoch, dass einige Procente Wachs 
dasselbe leisten, und nachher, dass der gleiche Zweck am allerbesten 
erfüllt wird, wenn man die geschmolzene Stearinsäure so lange rührt, 



Recherches, Paris 1828. — *) Annal de rindnstrie 1829, Um; Jouni. f. 5kom 
Chemie Bd. VI, S. 267. — ») Annal. de chim. et de phys. [2.] T. LXV, p. llBj 
Annal. d. Chem. u. Pharm. Bd. XIX, S. 269 und Bd. XX, S. 50. ~ *) Technolo- 
giste, 1844, p. 68; Dingler 's polyt. Journ. Bd. XCV, S. 88; Power's Patent im Bep. 
of Pat. Invent. 1845. p. 88; Dingler's polyt. Journ. Bd. XGVin, S. 403« 



Digitized by VjOOQIC 



Stearinkerzenfabrikation. 203 

bis ein krystaltinischer Brei entsteht, and erst mit der soweit abgekühl- 
ten Miisfle die Kerzen giesst. 

1884 befunden sich Milly's Stearinkerzen zam erstenmale and al- 
lein anf der Pariser Indnstrieaasstellnng. 1839 concurrirten bereits 
Tresca mit den sogenannten BimgtM de VecUpte und Paillasson mit 
den Beugtes Hiariques royales. 1840 befand sich die Münchener Fabrik 
von Schätz 1er and die von Gramer bei Nürnberg bereits in Thätig- 
keit, aber schon vom Jahre 1835 an bis 1847 fabricirteHempeP) nach 
der von Bange gegebenen Vorschrift mit Ealkhydrat aus Palmöl 
zo Oranienborg die sogenannten Palmölwachskerzen. Dieses Ver- 
fahren wurde 1836 Blandel in Hall patentirt'). Pelouze's neuere 
Versuche haben weitere Aufschlüsse über das Verfahren und seine Vor- 
theile gebracht. 

Im Jahre 1840 Hessen sich sowohl Gwynne wie Clark Patente 
ertheilen, um Fremy's Untersuchung der Zersetzung der Fette durch 
Schwefelsäure för die Technik nutzbar zu machen, aber sie erreichten 
keine zufriedenstellenden Resultate, bis die in Gay-Lussac's Patent 
erwähnte Destillation der Fette unter Mitwirkung von Wasserdampf 
aaf die Producte der Zerlegung durch Schwefelsäure Anwendung fand. 

Dnbrunfant hatte bereits 1841 versucht, die neutiialen Fette in 
grossem Maassstabe durch Destillation zn zerlegen und ftlr die Kerzen- 
&brikadon nutzbar zu machen, aber die Acroleinbildung and das Ent- 
stehen färbender nur schwer zu entfernender Substanzen haben die 
Anwendung des Verfahrens verhindert. 1842 Hessen sich Jones, 
Wilson*) und Gwjnne Patente auf gleichzeitige Anwendung der 
Zersetzung durch Schwefelsäure und der Destillation ertheilen und 
diese Methode, mit einigen Abänderungen, hat sowohl in England wie 
auf dem Continent in letzter Zeit eine bedeutende Ausdehnung gewon- 
nen, wo Triboulet, bald darauf Masse in Verbindung mitLepaige, 
erst ohne Erfolg, später durch Anwendung von Chatelain's^) Ver- 
bessemngen mit günstigerem Resultat, jetzt unter dem Namen Mo in i er 
und Jaillou arbeiten. 

Krafft und Tessi^ du Mottäy wollen die Fette durch rasches 
Erhitzen mit 8 bis 12 Proc. wasserfreiem Chlorzink bei 1500 bis 2000C. 
zersetzen, waschen dann mit Wasser und etwas Salzsäure aus (aus den 
Waschwassem wird durch Abdampfen das Chlorzink wieder erhalten), 
und destiUiren in einem Strom überhitzten Wasserdampf; das Destillat 
enthält die fetten Säuren. 

Unter dem Namen Stearinkerzen werden häuüg die Fabrikate 
ans Stearinsäure verstanden, obwohl man auch sowohl aus Talg wie aus 
Palmöl, welche man schmilzt, langsam erkalten lä^st und dann durch 
mehr oder minder sorgfältiges Pressen von ihren flüssigen Bestandtheilen 
befreit, Kerzen giesst, die mit Recht den Namen Stearinkerzen bean- 
spruchen können. Diese föhlen sich fettig an, sofern sie nicht „plattirt*^ 
(s. S. 211) sind *). Sie sind als verbesserte Talglichte zu betrachten. 

") Dingler's polyt, Joura. Bd. CXXXXVIII, 8.286. — •) London Jonrn. of «rt«. 
Vol. XI, p. 207; Dingler's polyt. Jonrn. Bd. LXVII, S. 488. — ^ London Joum. 
ot arU. 1846, p. 99; DingWs polyt. Jonrn. Bd. C, S. 472. — *) Soc. d'Enooursg. 
1860, p. 81; Dingler*8 polyt. Jonrn. Bd. CXVI, S. 801 nnd Bd. CXIX, S. 140. — 
*) Compt. rend. T. XLVIII, p. 410; Dingl. polyt. Joum. Bd. CLII, S. 469. — 
^ 8. unten und Newton Rep. of pat Invent. 1869, p. 101; Dingler s polyt. Joum. 
Bd. CLIY, 8. 448. 



Digitized by VjOOQIC 



204 Stearinkerzenfabrikation. 

^ Wilson 1) bat gezeigt, dass man zwar die feRte fette Säure des 
Cocnsnussöls allein nicht zu Stearinkerzen verarbeiten kann, weil der 
Docht geputzt werden muss, aber mit Palmitinsäure gemischt bereitet 
Rice daraus die sogenannten best compoaiie candUs^ während er die 
Kerzen aus heiss gepresster weisser Palmitinsäure Belmont iperm candles^ 
und die mit Gnmmigutt gelb geflirbten, um ihnen ein wachsähnliches 
Ansehen zu ertheilen, Belmont way candUs nennt. 

Nächst der Palmitinsäure aus Palmöl scheint die aus Mafurra- 
oder Mafutra-Talg dargestellte, welche, nach Pimantel und J. 
Bouis^, identisch sind und aus Mozambique und Bladagascar bezogen 
werden, ausgedehnte Anwendung zu finden. 

R. Wagner') hat Versuche angestellt, ob es nicht möglich sei, die 
bei der Stearinsäurefabrikation abfallende Oelsäure in Elaidinsäure ver- 
wandelt ebenfalls zur Kerzenfabrikation geeignet zu machen, wodurch 
man derselben einen höheren W'erth als in ihrer jetzigen Verwendung 
zur Seifenfabrikation und zum Einfetten der Wolle ertheilen würde. 
Er erhielt keine genügenden Resultate, machte aber darauf aufmerksam, 
dass sich vielleicht eine billigere Methode als die durch Schmelzen mit 
festem Kalihydrat finden lasse, um Oelsäure in Palmitinsäure überzu- 
führen, und meint, dass man dadurch aus 100 Thln. Oelsäure 96 Thle. 
Palmitinsäure gewinnen könne. Jacquelain^ empfiehlt wieder die 
Bereitung von Elaidinsäure, aber er verlangt, dass man die salpetrige 
Säure durch Erhitzen von trockenem salpetersauren Kalk bereite, um 
ein gutes Resultat zu erzielen. Tilghman^) giebt an, dass die neu- 
tralen Fette durch Behandeln mit schwefliger Säure fester würden, um 
so schneller je höher die Temperatur, die er bis auf 260<' sogar 288<^C. 
steigert. Um zu verhüten, dass sich Schwefelverbindungen der fetten 
Säuren bilden, setzt er etwas Kupferseife zu. Das gehärtete Fett wird 
mit Wasser gewaschen, dann mit Schwefelsäure behandelt und destillirt 
JacqueIain<0 beschrieb schon viel früher die Behandlung der Fette mit 
schwefliger Säure, schreibt derselben aber nur den Vortheil zu, dass da- 
durch in der später zur Zersetzung der Fette verwendeten Kammerschwe- 
felsäure der Gehalt an Salpeter- und Untersalpetersäure zerstört werde. 

1) Die Fabrikation der Stearinsäure durch Verseifung 
von Talg besteht im Wesentlichen in zwei Processen: in der Um- 
wandlung der neutralen Fette in Fettsäuren und in der Trennung der 
erhaltenen fetten und flüssigen Säuren. 

Da es sich um Gewinnung der grösstmöglichsten Menge von 
fester Säure handelt, so benutzt man in der Regel die festesten und 
schwerschmelzbarsten Talgarten. Der Hammeltalg ist zwar am reich- 
sten an krystallisirender Säure, er ist aber theurer als der Ochsen- 
talg. Deshalb findet letzterer fast allein Anwendung von den thieri- 
schen Fetten, das Palmöl von den vegetabilischen. Es liefert zwar nur 
Palmitinsäure, die einen niedrigeren Schmelzpunkt als die Stearinräore 
besitzt, aber es kommt auch oft viel billiger zu stehen als der Ochsen- 
talg, so dass die geringere Ausbeute an krystallisirbarer Säure nicht 



>) Chem. Gazette, 1862, p. 226; Dingler's polyt Jonrn. Bd. CXXIV, S. 156. 

— *) Compt. rend. T. XLI, p. 703; Dingler*B polyt. Journ. Bd. GXXXIX, S. 308. 

— ^ Dessen Jahresber. 1867, S. 466. — ^) Technologiste 1859; Dingler's polyt. 
Jonrn. Bd. CLIV, S. 319. — *) Rep. of pst. Invent. 1868; Dinglers* polyt. Journ. 
Bd. CXXXXIX, S. 318. -> ^ Bullet, de U soc. d'Encourag. 1852; Dingler s polyt. 
Journ. Bd. CXXVI, S. 42. 



Digitized by VjOOQIC 



Stearmkerzenfabrikation. 206 

störend für die Anwendung wird, obgleich Kerzen von bester Qaalität, 
höchstem Schmelzpunkt, Weisse nnd trockenem Angriff damit nicht 
erzielt werden. 

Die Fabrikation der Stearinsäurekerzen zerfällt in vier. Haupt- 
processe *). 

A. Darstellung der Fettsäuren durch Verseifung der Fette und 
Zerlegung der Seife, 

B. Trennung der festeren Fettsäuren durch Krjstallisation und 
Pressung, 

C. die Klärung, 

D. das Kerzengiessen. 

A. Darstellung der Fettsäuren durch Verseifung und 
Zersetzung der Seife. 

In einem mit Blei ansgeschlagenen Bottich, den man mit 1000 
Pfd. ausgelassenem Ochsentalg und 1500 Pfd. Wasser beschickt hat, 
und an dessen Boden durch ein ringförmiges mit vielen Löchern ver- 
sehenes Bleirohr Wasserdampf eingeleitet wird, erhitzt man hierdurch, 
den Inhalt bis das Fett geschmolzen; dann beginnt man, ohne die 
Dampfzuleitung zu sistiren, allmälig unter beständigem Rühren etwa 
1200 Pfd. Kalkmilch zuzusetzen, worin 140 Pfd. wasserfreier kaustischer 
Kalk enthalten sind. Nach etwa sieben Stunden pflegt die Verseifung 
vollendet zu sein, man unterbricht das Rühren uud den Dampfzutritt, 
es scheidet sich am Boden die das Glycerin enthaltende wässerige Flüs- 
sigkeit ab; man zieht diese ab und zersetzt die obenauf schwimmende 
Kalkseife, entweder in demselben Bottich, während sie noch warm und 
weich ist, indem man auf die oben angegebene Menge 245 Pfd. Einfaoh- 
Schwefelsänrehjdrat zusetzt, das man vorher mit Wasser bis zu 26^ 
Baum^ verdünnt hat, während drei Stunden Dampf einleitet und fleis- 
sig rührt. Man zieht alsdann diese untenstehende Flüssigkeit ab und 
schreitet zu dem Auswaschen der geschmolzenen fetten Säuren mit 
auf 12®B. verdünnter Schwefelsäure, welche noch 30 Pfd. Schwefel- 
säurehydrat enthält Oder man lässt die Seife erkalten, pulverisirt und 
reibt sie durch ein Sieb, und zersetzt sie, wie vorher beschrieben, mit 
Schwefelsäure. Die geschmolzenen fetten Säuren lässt man durch einen 
Hahn in eine zweite ähnlich mit Blei ausgeschlagene Kufe ab, um sie 
von dem Gypsniederschlag zu trennen, wäscht hierin mit verdünnter 
Schwefelsäure, auf einer zweiten mit reinem Wasser, indem man die 
Temperatur durch Zuleiten von Wasserdampf jedesmal auf nahe zu 
lOOOC. bringt und stark rührt. 

Delapchier^) empfiehlt statt der ersten Kufen geschlossene Ge- 
lasse mit Bührapparaten anzuwenden, worin man eine Spannung von 
P/s Atmosphären and IV2^C, Temperatur anwenden kann, wenn man 
Dampf aus einem Danpfkessel einleitet, und hat dadurch die Schnellig- 
keit der Verseifung bedeutend gefördert. 

Wenn man annimmt, dass man auf je 3 Aeq. fetter Säure, welche 
in dem neutralen Fette mit 1 Aeq. Glycerin verbunden zu sein pflegen, 
3 Aeq. Kalk bedarf und mit Ca« Hae O4 das Aequivalent der fetten Säu- 



') Bullet, de la soc. d'Encourag. 1848, p. 84; Dingler's polyt Joorn. Bd. CX, 
S. 106. 

<) Annengand G^nie indastr. 1854; Dingler's polyt. Joarn. Bd. CXXXYI, S. 48« 



Digitized by VjOOQIC 



206 Stearinkerzenfabrikation. 

ren ausdrückt, so würde man 8,7 Thl. Caloiumoxjd aaf 100 Thle. 
Fett bedürfen. Da dasselbe nie ganz rein ist, so pflegt man 13 bis 14 
Thle. gebrannten Kalk anzuwenden, wobei der Ueberschuss die voll- 
ständige Yerseifnng erleichtert« aber auch später einen entsprechend 
grossen Aufwand von Schwefelsäure verursacht 

Dieser Verbrauch von einer überflüssigen Menge von Kalk und 
Schwefelsäure wurde auch durchBnnge'sO Verfahren, welches He m- 
pel in Oranienburg und Blnndel in Hüll ausbeuteten^ nicht wesentlich 
vermindert. Sie vermischten 12 Thle. sehr trockenes Kalkhydrat mit 
104 Pfd. Pabnölstearin, dem ein Theil des Olelns durch kaltes Pressen 
entzogen war, erw&rmten allmälig auf llb^C und erreichten die voll- 
ständige Verseifting in etwa drei Stunden. Durch raschen Zusatz von 
kaltem Wasser zu der weichen Seife unter starkem Rühren erhielt man 
dieselbe als ein kömiges Pulver. Dieses wurde durch Salzsäure zer- 
legt, welche man gewann, indem man das aus der früheren Operation 
herrührende Chlorcalcium mit Schwefelsäure zerlegte und den gebil- 
deten Gyps absetzen liess. 

Die von Milly gemachte und von Pelouze^) untersuchte Erfah- 
rung, worüber Art. Seife, Bd. VII, S. 750, Genaueres mitgetheilt ist, hat 
gelehrt, dass sehr viel weniger Kalkhydrat, nur 3 bis 4 Proc, angewandt, 
also auch viel Schwefelsäure erspart werden kann, wenn man Fett und 
Kalkmilch in einem starken kupfernen Kessel unter einem Druck von 
8 Atmosphären bis zu 172^0. während sieben Stunden erhitzt. Man 
lässt etwa y^ Stande ruhig stehen, nachdem man den Zutritt von Dampf 
abgesperrt hat, der während der Verseifung aus einem Dampfkessel 
mit 10 Atmosphären Spannung, in geeigneter Menge zugeleitet, nicht 
allein die erforderliche Erhitzung sondern auch das nothwendige Mi- 
schen des Fettes und der Kalkmilch bewirkt. Durch ein unten im 
Kessel mündendes Bohr kann die Olycerinlösung abgelassen werden, 
man benutzt dieselbe dann bei den folgenden drei oder vier Opera- 
tionen statt Wasser zur Vertheilung des Kalkes und erhält dadurch zu- 
letzt eine an Glycerin reichere Flüssigkeit, aus der sich dasselbe wegen 
geringerer Verdampfungskosten billiger gewinnen lässt, was heut sa 
Tage, wo es bereits eine vielseitige Anwendung erfahrt, wetthvoll ge- 
worden ist. Nachdem die wässerige Flüssigkeit abgezogen, leitet man 
durch ein anderes Rohr die flüssigen fetten Säuren, in denen die ge- 
bildete Kalkseife vertheilt ist, in einen mit Blei ausgeschlagenen Bottich, 
welcher die ziur Sättigung des angewandten Kalkes etwas mehr als hin- 
reichende Menge verdünnter Schwefelsäure enthält. Die Zersetzung 
der Seife gelingt weit leichter, weil die Seife in der geschmolzenen 
fetten Säure vertheilt in der kochenden Flüssigkeit überall mit der 
Schwefelsäure in Berührung kommt Die weitere Verarbeitung der er- 
haltenen fetten Säuren, das Auswaschen, Krystallisiren, Pressen u. s. w. 
ist nach diesem Verfahren genau dieselbe wie bei dem zuerst be- 
schriebenen. 

Auf 1000 Pfd. Fett verwendet man nur 30 Pfd. wasserfreien kau- 
stischen Kalk, und 57,5 Pfd. Schwefelsäurehydrat. Man kann in dem 
von Milly benutzten Apparat auf einmal 4600 Pfd. Fett behandeln 
und in 24 Stunden drei Operationen vollenden. 

») Meyer, Dingler's polyt. Joum. Bd. CXXXXVIII, 8.286. 

*) Compt. rend. T. XLl, p. 978; Dingler's polyt. Journ. Bd. CXXXVIIl, S.422; 
anoh Compt. rend. T. XLII, p. 1081; Dingler's polyt. Journ. Bd. GXXXXl, S. 184. 

Digitized by VjOOQIC 



* Stearinkerzenfabrikation. 207 

Wagner 1) hat darauf hingewiesen, dass statt Kalkmilch anch 
eine Lösung von Schwefelcalcium) welches in Wasser weit löslicher 
als Kalk sei, angewandt werden könne, um die Yerseifung der Fette zu 
bewirken. 

Anch die Fabrikation von Permanentweiss, künstlichem amorphen 
schwefelsaurem Baryt (2* Aufl. Bd.II, 1, S. 6), glaubt er mit der Stearin- 
säarefabrikation verbinden zu sollen, indem man Schwefelbariumlösung, 
aas reducirtem Schwerspath dargestellt, zur Verseifung benutee und die 
Seife durch Salzsäure oder Essigsäure zerlege. Statt 1 5 Proc. Kalk werde 
man 45 Proc Schwefelbarium anwenden müssen und zwar in verschlosse- 
nen Kesseln, um den reichlich sich entwickelnden Schwefelwasserstoff 
ableiten, verbrennen und die sich bildende schweflige Säure zu anderen 
Fabrikaten verwenden zu können. Endlich macht Wagner selbst dar- 
auf aufmerksam, dass man ganz frische Lösung von Schwefelbarium 
anzuwenden habe, weil sonst ' geschwefelte Derivate der fetten Säuren 
gebildet werden, die selbst in kleiner Menge das Product unbrauchbar 
machen würden. In der Praxis wird der Vorschlag keine Anwendung 
finden können. 

B. Darstellung der festeren Fettsäuren durch Krystallisa- 
tion und Pressung. 

Die so sorgfaltig als irgend möglich durch Waschen mit Wasser 
von Kalk, Gyps und Schwefelsäure befreiten fetten Säuren erhält man 
einige Zeit geschmolzen, um dem Wasser Gelegenheit zu geben, sich 
vollständig abzusetzen, dann giesst man die fetten Säuren in Kapseln, 
welche 70 bis 7Ö Centimeter lang, 16 bis 18 breit und 5 Centimeter 
hoch sind. Dieselben werden aus Weissblech oder aus Schwarzblech 
gefertigt, letzteres wird dann mit einem Glasüberzug nach Paris Ver- 
fahren überzogen. Am oberen Bande hat jede Kapsel eine Tülle. Man 
stellt diese Formen treppenförmig an einem warmen Orte auf, giesst 
die flüssigen fetten Säuren in die oberste Form; sobald diese gefüllt, 
fliesst das mehr hinzukommende durch die Tülle in die nächste Schale, 
und so füllen sich allmälig sämmtliche Formen von der höchst stehen- 
den ab. Langsames Erkalten befördert die regelmässige Krystallisa- 
tion und erleichtert dadurch das Abfliessen der flüssigen Bestandtheile 
von den festen bei der Pressung. Nach vollständigem Erstarren der 
Kasse in den Formen stürzt man dieselbe auf Tücher von Bosshaar 
oder Wolle, schlägt sie in dieselben ein und unterwirft sie in. einer ho- 
rizontal gestellten hydraulischen Presse einem Druck von etwa 400000 
Pfd. Wenn keine Oelsäure mehr abfliesst, wärmt man vermittelst Dampf 
die Presse und die zwischen den Presstüchern liegenden hohlen Platten 
und vermehrt den Druck oft noch bis zum Doppelten. Man erhält auf 
diese Weise blendend weisse feste Platten von Stearinsäure und Idargarin- 
säure ans dem Talg, deren Gewicht jedoch selten die Hälfte des Ge- 
wichts des angewandten Talges beträgt Die beim Warmpressen ab- 
laufende Oelsäure enthält soviel Margarinsäure, dass daraas nach eini- 
ger Zeit durch kaltes Pressen nochmals eine beträchtliche Menge fester 
Säure gewonnen wird, welche man bei der nächsten Operation auf den 
letzten Wasohwassern * dem neuen Gemisch von fetten Säuren wieder 
zusetzt und so auch gewinnt. Andere empfehlen, die ganze Menge 



*) Dinglefs poljt. Jonrn. Bd. CXXXYTU, S. 182. 

Digitized by VjOOQIC 



208 Stearinkerzenfabrikation. ^ 

der Oeisäure der nächsten Operation zuzuschtnelzen, ehe man kry- 
Btallisiren lässt; je mehr Oelsäare vorhanden, desto vollständiger laufe 
sie beim Pressen ab. Milly*) hat früher vorgeschlagen, den Talg mit 
15 Proc. Terpentinöl zusammenzuschmelzen, kry stall isiren zu lassen^ 
auszupressen und das erhaltene Stearin auf Stearinsäure zu verarbeiten. 

C* Klärung. 

Die festen Säuren nimmt man aus den Presstüchern, und schmilzt 
sie mit Dampf auf verdünnter Schwefelsäure von 3^8. in mit Blei ans- 
geschlagenen hölzernen Bottichen, und wiederholt dann diese Operation 
auf reinem Wasser mehrmals, bis die letzte Spur Schwefelsäure ausge- 
waschen ist, erhält sie längere Zeit geschmolzen, damit sich alles Was- 
ser abscheidet und giesst sie in die Formen. Das Waschwasser för 
diese letzten Operationen muss kalkfrei sein. Steht kein solches zu 
Gebot, so fallt man den Kalk durch Oxalsäure oder Stearinsäure dar- 
aus vor seiner Anwendung zum Auswaschen. Einige klären während 
des Schmelzens auf dem letzten Wasser durch Zumischen von zu Schaum 
geschlagenem Eiweiss, andere, indem sie die Stearinsäure nochmals 
auf Wasser, dem Weinsäure zugesetzt ist, umschmelzen. 

Die Verarbeitung der Stearinsäurebrode zu Kerzen ist bei allen 
Gewinnungsmethoden ganz dieselbe, soll daher zuletzt beschrieben 
werden. 

2) Zersetzung durch Schwefelsäure. Aus den weniger rei- 
nen Fett- und Talgsorten ist es nicht leicht durch Verseifung mit Kalk und 
Zersetzung der Seife mit Schwefelsäure farblose Stearinsäure zu erhal- 
ten. Man bewerkstelligt daher die Zerlegung der Fette, welche in 
den Küchen und Hanshaltungen abfallen und gesammelt werden , der 
aus Knochen ausgekochten Fette, der Rückstände und Absätze aus 
Olivenöl, Leberthran, der braunen Oele aus den Samen der Baumwolle, 
endlich auch des Palmöls durch Schwefelsäure. Als sehr geeignetes 
Material dienen femer die Seifen wasser der grossen Wollmanufacturen, 
welche durch Zersetzung mit verdünnter Schwefelsäure sehr billige aber 
auch sehr verunreinigte Fettmassen liefern, die man schmilzt, absetzen 
lässt, in Säcken warm von den Unreinigkeiten abpresst und endlich 
mit concentrirter Schwefelsäure ebenso wie die übrigen genannten Fette 
in grossen hohen dicht verschliessbaren Kesseln, welche mit einem 
Bührapparat versehen sind und durch Einleiten von Dampf zwischen 
doppelte Boden erwärmt werden können, mischt und erwärmt, bis 
sich eine grössere Härte beim Erstarren zeigt und die anfiangs violette 
Farbe verschwindet; die dabei entwickelten Gase leitet man in das 
Feuer, nm sie zu verbrennen, da sie sehr schlecht riechen. Dieses 
Verfahren wurde zuerst von Lepaige 1846 in England ausgebeutet, 
Chatelain^) scheint mancherlei Verbesserungen eingeführt zu haben. 

Man verwendet zu Palmöl gewöhnlich 9 Proc, zu den unreineren 
Fettsorten 10 bis 16 Proc. Schwefelsäure, die man durch den Rührap- 
parat damit gemengt erhält, indess man auf 110<^ bis 115^0. wäh- 
rend 12 bis 18 Stunden erhitzt. Die Masse lässt man drei bis vier Stun- 
den abkühlen und dann in einen Kasten laufen, der zum dritten Theil 
mit Wasser gefüllt ist Hier leitet man Wasserdampf ein und bringt das 



*) Dinglcr'ß polyt. Journ. Bd. CX, S. 437. — *) Bullet, de la soc. d'Encoumg. 
1860, p. 81; Dingler's polyt. Journ. Bd. CXVI, S. 801. 



Digitized by VjOOQIC 



Stearinkerzenfabrikation. 209 

Oemisch auf 100<^ C, wodurch die Verbindung der Schwefelsäure mit 
den fetten Säuren zerlegt und dieselben theils mit einem grosseren 
Gehalt an Wasserstoff und Sauerstoff als die fetten Säuren, woraus sie 
entstanden, theils unverändert ausgeschieden werden (s. Bd. III, S. 951 
n. 953; Bd. V, S. 124) und obenauf schwimmen. Man peitscht sie 
lange mit immer neuem siedenden Wasser, in welches man Dampf 
leitet. Dann zieht man sie in ein Gefass ab, wo man sie bei einer 
Temperatur von 40^ bis ÖO^C. Wasser und fremde Korper absetzen 
läset. Die geklärten fetten Säuren werden in einer flachen Pfanne 
mit abgehendem Feuer erwärmt, bis alles Wasser daraus. entfernt ist. 
Dann bringt man sie in ein Destillationsgefass, welches entweder auf 
freiem Feuer ^) oder in einem Bleibade ^ steht und auf diese Weise 
sehr gleichmässig erhitzt wird, oder man wendet, nach Millj*), ein 
Luftbad an und leitet entwedw in einem Schlangenrohr überhitzten 
Waaserdampf in die Fettmasse oder nur in den darüber befindlichen 
Raum des Destillationsgefasses. Während Frühere die Fettmasse auf 
SOO^C erhitzten und 'den glühenden Wasserdampf in feinen Strahlen 
bineinleiteten, erhitzt Milly nur auf 180^ C. und leitet Dampf von nur 
150^ C. über die Oberfläche. £r soll auf diese Weise nur doppelt soviel 
Wasserdampf dem Grewicht nach bedürfen, um damit die Destillation der 
Fettsäuren zu befördern, als das Gewicht der letzteren beträgt, wäh-> 
rend von dem bei der höheren Temperatur aber durch das Fett ge- 
leiteten überhitzten Wasserdampf 16mal so viel erforderlich gewesen 
sein Boli. Die mit dem Wasserdampf übergehenden . und in einem 
Schlangenrohr nebst jenem condensirten Dämpfe der fetten Säuren 
sammeln sich auf dem Wasser. Bei Verarbeitung der Seifenwasser 
und geringerer Fettarten pflegen die Schmelzpunkte der zuerst und 
der xuletzt übergehenden Fortionen nicht viel zu variiren, zwischen 
40<^nnd45<>C. zu liegen; die schwerer schmelzbaren treten in Mitte der 
Destillationszeit auf; bei Anwendung von Palmöl dagegen besitzt das 
zuerst auftretende Destillat einen Schmelzpunkt von 54<^C., während 
das letzte nur 39<^C. zeigt ^). Das Palmöl, welches roh einen Schmelz* 
ponkt von 30^ Chatte, schmolz nach der Behandlung mit Seh wefelsäure 
vor dem Auswaschen bei 38<>C., nach dem Auskochen mit Wasser bei 
44<^.C. Aus einer Destillirblase, deren Durchmesser 1,4 Meter, deren 
Hdhe anter dem Deckel 1,8 Meter beträgt, soll man in Vi bis 15 Stun- 
den 1900 bis 2200 Pfd. Palmöl destilliren können und 70 bis 80Proo. 
destillirte und gepresste feste fette Säure erhalten, aus Fett aus Seifen- 
wasser etwa 50 Proc, aus Olivenölsatz 55 bis 60, aus schlechtem Ein- 
geweidetalg 60 bis 65, aus Oelsäure 25 bis 30 Proo. 

Die ersten Producte der Destillation des Palmöls sind so fest, dass 
man ihnen durch Pressen keine flüssige Säure mehr entziehen kann, 
sie sind fest genug, um direct zu Kerzen Verwendung zu finden; die 
späteren Producte schmüzt man um, giesst sie in die oben beschrie* 
benen flachen Schalen zur Krystallisation , presst die Kuchen und 



') Amtl. B«richt d. allg. IndastrieauesteUang zu Lond. 1861, Bd. m, S. 498 n. folgd.; 
DingWs polyt. Journ. Bd. CXXIX, S. 465 ; auch Boutigny Hechanics Hagaz. 1858, 
Nr. 1669; Dingler's pol^t. Joarn. Bd. CXXIX, S.279. — *) Poisat et Knab, Ar- 
mengaod Genie indiutr. 1869, S. 276; Dingler's polyt. Joarn. Bd. CXXXMI, S. 216. 
— *} Pajen, Pr^cis de chim. induBtr. Paris, 1869, p. 698 a. Diogler's poljt. Journ. 
Bd.CXlX, S. 126. — *) Bullet de la soc. d'£ncourag. 1861, p. 892; DingWs polyt. 
Jounu Bd. CXXII, S. 802. 

Bttdwteterboeli dar Chemto, Bd.,VUl. 14 

Digitized by VjOOQIC 



210 Stearinkerzenfabrikation. 

Bchmilst sie auf Wasser, welches dnrch Oxalsäure von Kalk befreit 
worden ist. 

Die flüssigen abgepressten Producte können in ordinären Lampen 
gebrannt and zur Fabrikation ordinärer Seifen verwandt werden. Die 
braunen theerartigen Bückstände sollen auch noch zu schwarzer Seife 
gebraucht werden können oder zur Bereitung von Leuchtgas, wo sie 
allerdings gut brauchbar sind, aber sehr schlecht bezahlt werden. 

In neuerer Zeit hat Tilgbrnan^) ein Patent erhalten, die neutra- 
len Fette zu zersetzen, lediglich durch Einwirkung der Wärme von 250^ 
bis 340<^C. auf ein Gemisch von Fett und Wasser. Er treibt dieses 
durch ein sehr langes zu einer vertical stehende Schlange gewundenes 
starkes Eisenrohr von 1/3 Zoll innerer Weite, welches bis zu d«r geeig- 
neten Temperatur erhitzt ist Wendet er kohlensaure Natronlösung statt 
Wasser an, so erhält er direct Seife schon bei Erwärmung des Gemi- 
sches auf 200<^C. Melsens^) hat gefunden, dass reines Wasser eben- 
falls bei 200^0. diese Zersetzung der Fette bewirkt, dass eine Tempe- 
rator von 171<>C. aber schon genügt, wenn das Wasser mit Schwefel- 
säure angesäuert ist. - Sein Apparat ist ein langer liegender KesseL, in 
dem die Mengung des Wassers und Fettes durch einen zweiten kleinen 
Kessel bewirkt wird, den man bald mit dem ersteren in Verbindung 
bringt, dadurch mit Dampf füllt, diesen alsdann in die Luft entweichen 
lässt und den Rest condensirt; der dadurch luftleer gewordene kleine 
Kessel saugt nun beim Oeffnen eines Hahnes Wasser und Fett aas dem 
unteren grossen Kessel, stellt man alsdann wieder zwischen den oberen 
Theilen beider Kessel eine Verbindung her, so wird das Flüssigkeits- 
gemisch mit Heftigkeit in den unteren Kessel getrieben und bewirkt 
dort Mischung der ganzen vorhandenen Flüssigkeiten. 

Für gute Fett- und Gehörten mag dies Verfahren immerhin das 
geeignetste sein, geringe werden dabei nicht farblos erhalten werden 
können, viele aber werden für die SeiTenfabrikation so vorbereitet von 
grossem Vortheil sein, da sie sehr leicht mit kohlensaiu'em Natron so 
verseifen sein müssen. 

Bouis 3) hat ans Ricinusöl durch Schmelzen mit Kalihjdrat Brenzol- 
säure in grosser Menge dargestellt (s. 2. Aufl. Bd. 11, 1, S. 419). Da 
sie bei 127o 0. schmilzt, so glaubt er, dass dieselbe mit Vortheil znr 
Verbesserung der leichter schmelzbaren Producte der Destillation der 
Fette behufs ihrer Anwendung zur Kerzenfabrikation verwendbar sei. 

D. Darstellung der Kerzen.. 

Die Herstellung der Kerzen aus der gereinigten Masse der festen 
fetten Säuren kann als rein mechanische Operation nur kurz hier er- 
wähnt werden. Spuren von Kalk, von Schwefel Verbindungen, von 
Schwefelsäure oder Wasser, die in der Masse zurückgeblieben wären, 
würden alle Mühe, gute Kerzen zu liefern, vereiteln. Die grosse Nei- 
gung der Stearinsäure zu krjstallisiren und zwar in grossen Blättern, 
wenn es langsam geschieht, hat Anfangs ebenfalls bedeutende Schwie- 
rigkeiten verursacht Man erhielt ungleichartig durchsichtige Kerzen, 



*) Repert. of pat. Inrent. 18 54; Bullet, de la «oc. d'Enconrag. 1865, p. 476; 
Dinglers polyt. Journ. Bd. CXXXVTIT, S. 122. — «) Repert of pat Inrcnt. 1855, 
p. 207; Dingler'8 polyt Journ. Bd. CXXXVIII, S. 126. — ■) Annal. d. Chenu u. 
Pharm. Bd. LXXX, S. 808; Wagner, Jahresber. d, ehem. Tech^ol. 1857, S. 46». 

Digitized by VjOOQIC 



Stearinkerzenfabrikation . 211 

die leicht brachen. Man setzte arsenige Säure zn, wodurch allerdings 
sehr viel gleichmässiger aussehende minder krjstallinische Kerzen er- 
Uogt wurden, aber die Schädlichkeit der beim Verbrennen entstehenden 
Arsendärapfe machte die Kerzen unbrauchbar; man setzte 2 bis 6 Proc. 
Wachs zu und erreichte dasselbe, aber die Kerzen wurden weniger weiss, 
erhielten einen höheren Preis und Hessen sich schlechter giessen ; endlich 
lernte man, dass, wenn die geschmolzene Stearinsäure gerührt wird, bis 
sich durch Abkühlung ein krystallinischer Brei bildet, nicht allein gleich- 
massig aussehende nicht zu brüchige Kerzen erhalten werden, sondern 
dass dann auch die Masse sich nicht mehr so sehr zusammenzieht, dass 
sie stellenweise den Docht verlässt und sich Löcher in der Mitte bilden 
und dass, wenn man die Kerzen in vorher bis 45^ C. erwärmte Formen 
giesst, sie auch sehr gut von denselben loslassen, ohne dass der Kopf 
abreisst u. s. w., was sonst Alles oft vorkam. Bei der durch Destillation 
dargestellten Stearinsäure ist das Schwinden beim Erkalten sehr be- 
deutend, man püegt daher besonders bei den daraus gefertigten Kerzen 
den Docht in der Form durch einen Uförmig gebogenen Draht, welcher 
plattgeschlagen ist, zu spannen, indem man die so gebildete Feder in 
das an der Spitze der Kerzenform vorstehend bleibende Dochtende ein- 
schiebt. Wenn der Docht dann oberhalb der aus einer schwach koni- 
schen Bohre bestehenden Form mit Hülfe einer durchbrochenen Scheibe 
befestigt und in der Achse der Kerzenform gespannt erhalten wird, so 
drückt die kleine Uformige Feder nicht allein den Docht so fest an 
das "Lach in der Spitze, dass keine Säure auslaufen kann, sondern sie 
giebt auch, wenn beim Erkalten die Kerze sich zusammenzieht, so viel 
nach, dass der Docht etwas in die Form gezogen werden und ein Bre- 
chen der Kerze nicht eintreten kann. Durch eine spiralförmige Dre- 
hung des Dochtes beim Einziehen in die Formen wird das Heraustre- 
ten desselben aus der Flamme der brennenden Kerze und dadurch 
seine Verzehrung befördert. Endlich hat Moryan^) einen Apparat 
construirt, wo sehr lange Dochtschnüre aufgespult sind und die vor- 
herige Einfuhrung der Dochte in jede neu mit Stearinsäure auszufül- 
lende Kerzenform mechanisch bewirkt wird, so dass das Abschneiden 
erst nach dem Onss der Kerze erfolgt und an Docht wie namentlich 
an Arbeit bedeutend gespart wird. 

Schon seit geraumer Zeit verfertigt man sogenannte plattirte Ker- 
zen. Man füllt erst eine Reihe der Formröhren mit der weissesten 
Stearinsäure. Durch einen Mechanismus ist man im Stande, dieselben 
alle rasch auszugiessen. Es bleibt dann nur ein dünner Ueberzug an 
den inneren Wandungen der Form hängen. Nun füllt man die Formen 
mit einer minder weissen Sorte von Stearinsäure und giesst mit einer 
noch geringeren Sorte den Kopf voll. Dieser Kopf wird abgeschnitten 
und hat nur den Zweck das Entweichen von Luftblasen zu befördern, 
and das Nachsinken von Masse beim Erkalten und Zusammenziehen 
der Kerze zu gestatten. 

Bevor man zu giessen beginnt, bringt man die Formen in einen Kasten 
mit doppelten Wandungen, zwischen welche man Dampf leiten kann und 
erwärmt sie auf 45^ C. ; entweder sitzt auf jeder Formröhre ein kleiner 
Trichter, oder dreissig solcher Röhren werden durch den gelochten Bo- 



^) Enoyclopädie der teohnischeD Chemie ▼on Mnspratt, deutsch bearbeitet von 
Stohmann und Oerding. Braunechweig, 1856, Bd. I, 8. 1016. 

14* 

Digitized by VjOOQIC 



212 Stearinkerzenfabrikation. 

den eines flachen Kastens gesteckt, damit sie sich alle mit geschmolze- 
ner Masse füllen, wenn man den Kasten damit anfüllt Die Dochte, 
welche aus lose geflochtenem Baarowollengarn bestehen, krümmen sich 
beim Brennen, treten aus der Flamme hervor, brennen ab und brauchen 
deshalb nicht geputzt zu werden. Sie müssen aber vorbereitet werden, 
damit sie sich gut krümmen, und die Asche auf das möglichst kleine 
Volumen beschränkt wird, indem dieselbe schmelzbar gemacht wird, 
damit sie beim Abfallen die Kerze nicht beschmutze. Diese Vorberei- 
tung besteht darin, dass man die Dochte eine Stunde lang in eine auf 
45^ C. erwärmte Lösung von 6 bis 3 Thln. Borsäure und 4 Thln. 
Schwefelsäure in 1000 Thln. Wasser eintaucht, die Flüssigkeit dann 
durch eine Centrifuge ausschleudert uad im Trockenschrank die Dochte 
vollends trocknet. Die beim Brennen sich bildenden kieselborsanren 
Salze sind so leicht schmelzbar, dass dieselben in der Flanmie zu Glas- 
kügelchen schmelzen. 

Die fertig gegossenen Kerzen werden beschnitten, bisweilen mit 
verdünnter kohlensaurer Natronlauge gewaschen, wenn sie äusserlich 
nicht ganz rein erscheinen, sonst sofort zwischen wollnen Tüchern ohne 
Ende gerollt und dadurch polirt. Manche Fabrikanten pflegen sie 
auch noch mit einem Fabrikstempel zu verseben. Derselbe besteht mis 
Messing und wird durch eine ganz kleine daruntergestellte Flamme 
60^ C. warm erhalten. Sowie man die Kerze daraufdrückt, schmilzt die 
Form des Stempels aus. 

H. Lernte ^) empfiehlt Kerzenformen wie die gewöhnlichen Bohren 
aus einer Blei- und Zinnlegirung, welche der Länge nach getheüt und 
beim Giessen durch zwei Binge verbunden gehalten werden. Man 
kann dieselben immer leicht gleichförmig einfetten und beseitigt da- 
durch die Schwierigkeit des Loslassens der gegossenen Kerzen. 

Schreiber^) fand in grüngefarbten Stearinkerzen Schweinfurter- 
grün. Diese Färbujig sollte nicht geduldet werden, da sie sicher die 
Entwickelung von Arsendämpfen veranlasst. 

Landerer') giebt an, dass, wenn man viele Stearinkerzen rasch 
auf einmal anzünden wolle, man die freien Dochtenden nur mit eti^ras 
Benzoe zu bestreichen und durch einen in Schiessbaumwolle verwandel- 
ten losen Baumwollfaden zu verbinden, diesen aber anzustecken brau- 
che. Die Kerzen entzünden sich leicht und brennen ruhig fort. 

Die Stearinsäure dient ausser zur Darstellung der Kerzen zu ver- 
schiedenen Zwecken, namentlich wird, sie wohl statt Wachs zu Salben 
Q. dergl. verwendet; sie wird auch nicht selten dem Wachs betrügeri- 
scherweise zugesetzt (s. unter Wachs). 

Es sind vielfaltige Versuche angestellt^), um die Stearinsäure als 
Beleuchtungsmaterial mit anderen, namentlich Wachs, zu vergleichen; 
besonders verdienen Karmarsch 's Versuche Vertrauen. In seinen 
frühesten Versuchen fand Karmarsch die Leuchtkraft gleicher Gewichte 
von Wachs und Stearinsäure im Verhältniss von 100 : 75,6, bei späte- 



G^nie industr. 1857; Polyt. Centralbl. 1868, S. 481. — •) Buchn. Repert. 
Bd. VII, S. 87; Polyl. Centralbl. 1868, S. 1166. — ») Wittstein's Viert«\JÄhreMclir. 
f. prakt. Pharm. Bd. VIU, S. 201; Dingler's polyt. Joum. Bd. CLII, S. 46S. — 
♦) Mittheil. d. hannov. Gew.-V. 1864, Hft. I; Dlngler's polyt. Journ. Bd. CXXXIV, 
S. S62, ferner Bd. LXXXIII, S. 221 u. Bd. LXXVI, S. 86. — Fyfe, Edinb. n«w 
phil. J(^am. 1842, p. 221; Dingler's polyt. Jonrn. Bd. LXXXIV, 9. 447. -^ Ra- 
dolph, DinglefB polyt. Journ. Bd. CXXV, S. 829 n. ff. 



Digitized by VjOOQIC 



Stearinsäure. 218 

rcn VersQcheD wie 100 zu 84, was von der Vervollkommnung des Ma- 
terials herrährt (s. Art. Beleuchtung, AvtA*2^ Bd. 11, S. 809). 

Schnbarth i) hat nachgewiesen, dass ein bestimmtes Gewicht 
Kerzen von kleinerem Caliber länger brennt, als ein ebenso grosses 
Gewicht aus demselben Material aber grösserem Caliber. So verbrann- 
ten von Stearinsäurelichten ans verschiedenen Fabriken 

4 Stück auf das Pfund in 10 Stunden 6,45 — 7,27 Loth 
^ n n « 91 w « 15 6^07 — 6,43 „ 

ö n 19 11 11 11 11 11 5,39 — 6,08 „ 
Nun ist zwar allerdings die Flamme der kleineren Sorten (wenn 
sie nicht mit ungewöhnlich dicken Dochten versehen werden) etwas 
weniger hell als jene der grösseren Sorten, aber nicht in einem so be- 
deutenden Yerhältniss wie der mindere Consum. Deshalb sind Lichte 
von geringerem Caliber auch für gleiche Lichtintensität berechnet doch 
billiger als solche von stärkerem Caliber, so dass man, um gleiche 
Helligkeit mit Lichten, von denen 4 aufs Pfund gehen 24,1 Sgr., von 
denen 6 aufs Pfund gehen 22,5 Sgr. und von denen 8 aufs Pfd. gehen 
20,2 Sgr, verwenden roüsste. F. 

Stearinsäure, Talgsäure, Bassinsäure, Stearophan- 
oder Anamirt insäur e« Eine der schwerer schmelzbaren allgemeiner 
vorkommenden Fettsäuren. Formel: 

Cs« »86 O4 = HO . Ose »85 Oj . oder HO . C, O2 (Cj* Hg») O . 



oder 



OäA H: 



H r^ 



Die Talgsäure ist zuerst von Chevreul in den festeren Thiertalg- 
arten entdeckt; er erkannte später, dass sie von der Margarinsäure 
(Aeide margarique) verschieden sei, wenn sie auch viele Eigenschaften mit 
ihr gemein habe ; er nannte sie daher Acide margareux^ und gab dem Hy- 
drat die Formel C70H70O7. Redtenbacher untersuchte diese Säure 
genauer, nach seinen Analysen berechnete er nach dem altern Atom- 
gewicht (0:^76,435 oder 6,1 1) die Formel Ceg Heg O7, oder da die Säure 
dann als eine zweibasische zu betrachten wäre = 2 HO . C^s Hee O5. 
Gerhardt hielt die Formel Csg Hag O4 für richtiger. Erdmann und 
später Gerhardt und Laurent glaubten annehmen zu müssen, dass 
Stearinsäure und Margarinsänre ganz gleiche Zusammensetzung = 
C84H84O4 haben; sie nannten deshalb die letztere Säure auch Metastearin- 
säure. Spätere Untersuchungen, namentlich von Heintz, haben allge- 
mein zu der Annahme der Formel €3^ Hse O4 geführt, und auch die 
früheren Analysen Redtenbacher's, nach dem neueren Atomgewicht 
des Kohlenstoffs (C = 75 oder 6) umgerechnet, stimmen gut mit dieser 
Formel. 

Die Stearinsäure ist von Chevreul namentlich in den festeren 
Thierfetten, besonders im Rinds- und Hammeltalg gefunden; spätere 
Untersuchungen zeigten, dass sie auch in den weicheren ThierfetteUi 
so in der Kuhbutter, im Menschen- und Gänsefett, im Schlangenfett, 
im Fett der Canthariden und im Wallrath vorkomme. Sie findet sich 
aber auch in den Pflanzenfetten, in bemerkbarer Menge z. B. in der 
Cacaobntter, in geringerer Menge im Baumöl, im fetten Gel des schwar- 



*) Verh. d. Vereins zur Bef. d. Gewfl. 1841, S. 169. Dingler'fl polyt. Joum. 
Bd. LXZXni, S. 221. 



Digitized by VjOOQIC 



214 Stearinsäure. 

zen Senfsamens, im Fett von Brindonia indica (s. d. Art.) und andere mehr. 
Die von Francis ans den Kokkelskörnern dargestellte Stearophansänre, 
so wie die von Hardtwick aus dem Bassiaöl erhaltene Basainsäore 
sind nach spätem Untersuchungen von Crowder unter sich identisch, 
und nach Heintz identisch mit der Stearinsäure des Hammeltalgs. Die 
Stearinsäure kommt also in den Fetten des Thier- wie des Pflanzen* 
reichs ziemlich verbreitet vor ; sie findet sich in diesen Fetten selten frei, 
wie z. B. ein Theil in den Kokkelskörnern, meistens findet sie sich als 
Gljcerid, als Stearin, häufig wie es scheint als Tristearin (s. S. 198); 
bei der Verseifnng geben diese Fette Stearinsäure. Nach Heintz ist 
auch die Margarinsäure (s. d. Art.) eine Verbindung von Stearinsäure 
mit Palmitinsäure, und beide lassen sich, nach ihm, durch fractionirie 
Fällung trennen. Nach Lewy soll sich Stearinsäure auch durch Er» 
hitzen von Bienen wachs mit Kali -Kalk unter Wasserstoffentwickelang 
bilden ; diese Angabe stimmt jedoch durchaus nicht mit den Versuchen 
von Warrington und Francis und mit denen von Brodie. 

Zur Darstellung von reiner Stearinsäure benutzt man am besten 
Hammel- oder Rindstalg oder Cacaobutter; man kann auch das soge- 
nannte Stearin der Stearinkerzenfabriken verwenden, besonders wenn es 
aus thierischem Talg dargestellt ist. Die genannten Fette enthalten 
Stearinsäure oder Palmitinsäure und Oelsäure. um sie zu trennen, 
werden sie zuerst verseift. Chevreul benutzt zur Trennung der San* 
ren die Eigenschaft des neutralen stearinsauren Kalis, durch viel Wasser 
zerlegt zu werden in lösliches freies Alkali und ungelöstes saures stearin- 
saures Salz. Er löst 1 Theil aus Hammeltalg bereitete Kaliseife in 
6 Thin. kochendem Wasser und setzt dann 40 bis öOThle. kaltes Was- 
ser hinzu; last man die FlüsMgkeit bei Vl^ bis 15<^C. ruhig stehen, so 
setzt sich saures stearinsaures Salz gemengt mit saurem Palmitinsäuren 
Salz ab. Man filtrirt den Bodensatz ab, dampft das Filtrat, nachdem 
es genau mit Salzsäure gesättigt ist, auf das anfangliche Volumen der con- 
centrirten Seifenlösung ein, und verdünnt wieder stark mit Wasser, 
worauf sich beim Stehen wieder die sauren Salze der genannten Fett- 
säuren abscheiden. Die Flüssigkeit wird nochmals abgegossen, neutra- 
lisirt, eingedampft und mit Wasser verdünnt, und diese Operationen 
werden wiederholt, so lange sich noch fettsanre Salze abscheiden, 
worauf zuletzt fast reines ölsaures Kali zurübleibt Die verschiedenen 
Niederschläge von Stearin* und margarinsaurem Kali werden in der 
20- bis 24 fachen Menge siedenden Alkohols von 0,82 specif. Gewicht 
gelöst, aus welcher Lösung sich beim Erkalten saures stearinsaures Kali 
abscheidet, das man durch wiederholtes UmkrystaUisiren ans Alkohol 
reinigt, bis die aus einer Probe des Salzes mit Salzsäure abgeschiedene 
Fettsäure bei 70^ C. schmilzt Hat die Säure einen niedrigeren Schroels- 
punkt, so wird das Salz nochmals aus Alkohol umkrystallisirt Ist es 
endlich rein, so löst man es in kochendem Wasser und zersetzt es mit 
Salzsäure; die Fettsäure wird in Wasser nmgeschmolzen und endlich 
aus Alkohol noch umkrystallisirt. 

Gewöhnlich stellt man die Stearinsäure aus Hammeltalg oder zweck- 
mässiger aus Cacaobutter so dar, dass man diese Fette mit Natronlauge 
verseift, den Seifenleim mit Wasser und verdünnter Schwefelsäure er- 
hitzt, die abgeschiedenen Fettsäuren nach dem Erkalten abnimmt, mit Was- 
ser abwäscht, und dann in möglichst wenig heissem Alkohol löst ; beim 
Erkalten scheidet sich der grössere Theil der festen Säure ab, dieOel- 



Digitized by VjOOQIC 



Stearinsäure. 215 

s»iue bleilyt aber gelöst; um diese su entfernen , presst man nach dem 
Abtropfen die Masse stark ab, löst den Bückstand wieder in wenig 
heissem Alkohol,, und presst den Rückstand wieder ab. Das so erhal- 
tene Gemenge von Fettsäuren kann durch Umkrystallisiren aus grösse- 
ren Mengen Alkohol, wobei man nur das zuerst Auskrystallisirende 
nimmt, gereinigt werden ; es gelingt aber schwierig auf diesem Wege ein 
reines Froduct zu erhalten; man erhält leichter die reine Stearinsäure, 
wenn man ans der alkoholischen Lösung des Gemenges von Stearin- 
Bäare und Palmitinsäure fractionirt mit einem Salz ausfällt, wobei sich 
zuerst stearinsaures Salz abscheidet Zu diesem Zweck eignet sich essig- 
saures Baryt-, Blei- oder auch Magnesia -Salz. 

Bilan verfährt, nach Heintz, hier so, dass man die unreine Fett- 
säure (4 Thle.), deren Schmelzpunkt bei etWA 60^ C. liegt, in so viel 
Alkohol löst, dass beim Erkalten selbst bei 0<>C. nichts auskrystaliisirt, 
man versetzt die heisse Lösung mit einer siedenden alkoholischen Lö- 
sung von essigsaurer Magnesia (1 Thl.). Das beim Erkalten sich ab- 
scheidende Biagnesiasalz wird abgepresst, und mit einer grossen Menge * 
verdünnter Salzsäure anhaltend gekocht Die dadurch freigemachte, 
nach dem Erkalten erstarrte Fettsäure wird dann wiederholt aus Alko- 
hol umkrystallisirt, bis sie einen Constanten Schmelzpunkt von 62^ bis 
700 C. zeigt. 

Die Stearinsäure aus Kokkelskömem (Stearophansäure) wird am 
besten aus dem reinen Stearophanin (s. d. Art.) durch Verseifen mit 
S[alilauge dargestellt Durch Aussalzen der Seife und Zerlegung der 
in Wasser gelösten reinen Seife mit Salzsäure und Umkrystallisiren aus 
Alkohol wird die Fettsäure in kleinen Nadeln erhalten; diese Säure 
ist wohl nicht ganz rein, denn sie schmilzt schon bei 68^ C, beim Er- 
kalten erstarrt die Masse in sternförmigen Gruppen von glänzend weisser 
Farbe. 

Im Grossen stellt man unreine Stearinsäure zu den Stearinkerzen 
durch Verseifen verschiedener härterer Fette gewöhnlich mit E!alk dar ; 
durch Zersetzen der Ealkseife mit Schwefelsäure erhält man ein Ge- 
menge von Fettsäure, das dann zuerst in der Kälte, darauf in der Wärme 
ausgepresst wird, um die leichter schmelzbare Säure von der schwerer 
sebmelzbaren Oelsäure, Stearinsäure und Palmitinsäure zu trennen. Dieser 
Pjroeess istunterStearinkerzenfabrikation ausführlicher beschrieben. 

Die reine Stearinsäure ist meist krystallinisch; aus Alkohol krystal- 
liairt bildet sie perlmutterglänzende Blätter oder Nadeln, sie ist g^ 
ruchlos und geschmacklos, sie ist bei niedriger Temperatur schwerer als 
Waeser, ihr specifisches Gewicht ist bei 0^= 1,01 (Saussure) ; bei 9<> bis 
10<^ C. hat sie das gleiche specifische Gewicht des Wassers, sie schmilzt 
bei 690 bis 69,2» C. (HeintzX bei 70» C. (Darby, Bouis u. A.), die 
Stearophansäure schmilzt bei 68^ C. (Francis), die Bassinsäure bei 
70,6<^ C.; nach Chevreul schmilzt sie bei 75^ C. und erstarrt bei 
700 C. 

Wird Stearinsäure mit leichter schmelzbarer Fettsäure zusammen- 
geschmolzen, so hat das Gemenge nicht den mittleren Schmelzpunkt, 
solidem dieser liegt meistens niedriger als der berechnete, oft selbst 
niedriger alt der der leichter schmelzbaren Säure fflr sich; es tritt hier 
ganz die gleiche Erscheinung ein, wie bei manches MetaQlegirungen, 
so zwischen Blei und Zinn allein oder mit Wismuth. Gottlieb machte 
bei den Fettsäuren zuerst auf diese Erscheinung aufmerksam; Heintz 

Digitized by VjOOQIC 



216 Stearinsäure. 

hat die Schmelzpunkte verschiedener Gemenge mit Stenrins&ure genau 
ermittelt. Nach ihm schmilzt ein Gemenge von 100 Stearinsäure mit 
11, mit 150 und mit 900 Palmitinsäure bei 67,7 o, 56,30 und 60, !• C. 
— 100 Stearinsäure mit 11, mit 400, mit 900 Myristinsäure schmeleen 
bei 67,10, bei 47,8», bei 51,70 C., 100 Stearinsäure mit 11, mit 400, 
mit 900 Laurostearinsäure haben den Schmelzpunkt bei 67,0^, bei 
d8,5o und bei 41,5o €., 100 Stearinsäure mit 200 Palmitinsäure und 
466,6 Mjristinsäure schmelzen bei 44,0® 0. Ausführliche Zusammen- 
stellung der Schmelzpunkte solcher Gemenge s. unter Schmelzpunkt 
Bd. VII, S. 372 u. folgd. 

Die reine Stearinsäure dehnt sich vor dem Schmelzen weniger aiu 
als Wachs, im Moment des Schmelzens aber «m 11 Proc; wird das Vo- 
lumen der festen Säure bei 0<^ G. = 1 gesetzt, so ist es bei 50^ C. = 1,088, 
bei 600 C. = 1,054; bei 70« C. = 1,079, und nach dem Schmelzen 
bei 700 0. = 1,198. Das Volumen der festen Säure ist bei verschiede- 
nen Temperaturen: 

V= 1 + 0,0013490 1— 0,000034007 1» + 0,00000044180 1», 
das der flüssigen Säure : 

F= 1,1980 + 0,001009 «, oder «=1 +0,000842 d, 
wo F das Volumen der festen Säure bei OO C. = 1, IB das Volumen der 
flüssigen Säure bei 700C. = 1; t die Temperaturen unter 70« C., d die 
Temperaturen über 70o C. sind (Kopp). Nach Saussure ist das spe- 
cifische Gewicht der geschmolzenen Säure = 0,854. Sie erstarrt beim 
Erkalten schuppig krystallinisch oder in glänzenden Nadeln. 

Die Stearinsäure ist unlöslich in Wasser, ziemlich leicht löslich 
in Alkohol, leichter in Aether, in Benzol in flüchtigen und fetten 
Gelen. 

Die reine Säure lässt sich in kleinen Mengen (15 bis 21 Grm.) 
unverändert überdestilliren, doch rauss man die Operation unterbrechen, 
sobald der Rückstand anfängt sich zu färben. 

Wendet man unreine Säure oder grössere Mengen an, so zersetst 
sich ein Theil. Die Zersetzung ist hierbei durchaus nicht einfach, son- 
dern es gehen mehrere Zerlegungen neben einander vor. Nach Che- 
vreul wird nur ein kleiner Theil der Säure zersetzt, und es bildet 
sich Kohlensäure, Kohlenwasserstoff und Wasser. Nach Redtenba- 
cher wird die Stearinsäure grösstentheils zersetzt, es destillirt Margarin* 
säure, Margaron, Kohlensäure, Kohlenwasserstoff und Wasser. Heintz^) 
hat nachgewiesen, dass das Destillat aber nicht Margarinsäure ist, son- 
dern unreine Stearinsäure; nach ihm ist die grösste Masse des Destil- 
lats fest, ausserdem erhält man ein wässeriges Destillat und gasförmige 
Producte. Das feste Destillat enthält viele reine Stearinsäure und einige 
nicht saure Körper, die beim Behandeln mit Kalk und Aether ausge* 
zogen werden ; der Aether löst hierbei Stearon (s. unten) und eine feste 
aber leichter schmelzbare und leichter lösliche Substanz und flüssige 
Ölige Stoffe ; bei der fractionirten Destillation dieser letzteren fing das 
Sieden bei 270^ C. an, der Siedepunkt stieg über 309» G.; die DestiU 
late erstarrten um so leichter , bei je höherer Temperatur sie überge- 
gangen waren; das letzte Destillat enthielt weniger als 1 Proc. Sauer- 
stoff und gleiche Aequivalente Kohlenstoff und Wasserstoff; demnach 



') I^ogg. Annal. Bd. XOIY, S.272; Joarn. f. pralt. Cbem. Bd.LXIY, S. 418; 
Jahretber. y. Liebig n. Kopp. 1866. S. 614. 



Digitized by VjOOQIC 



Stearinsäure. 217 

enthalten diese öligen Prodncte wahrscheinlich Eohlenwasserstofl!) €„ Hq, 
nnd Eetone, C^IIoOa. 

Ans dem festen Destillat der Stearinsäure Hess sich durch Erhitzen 
anf 150<> C. ein Öliges Destillat trennen, dessen empirische Zusaromen- 
setznng der Formel C70H70 O entspricht, es enthält daher auch wahr* 
scheinlich KohlenwasserstoflT, C„ H., und Aceton, C„ H. O3. Das wässe- 
rige Destillat der Stearinsäure enthält Essigsäure und eine höhere 
S&ore derselben Reihe, wahrscheinlich Buttersäure, unter den gasför- 
migen Producten Hess sich Kohlensäure nachweisen. 

Die Bildung dieser verschiedenen neben einander sich bildenden 
Producte lässt sich nach folgenden Gleichungen erklären: 

^86 "38 O4 = C„ «a O4 -f- Cge^n "8«-» 
2(C3eH,,6 04) = C7oH7o08 +2 HO + 0,04 
C70 H70 O2 = C7o_B »70-11 "T ^B "n Ö«« 

Die bei der Destillation von Stearinsäure zuröckbleibende Masse 
enthält nur wenig saure Körper, dagegen wesentlich die gleichen nicht 
sauren Körper, wie sie in dem neutralen Theil des Destillats sich fan- 
den, namentlich Stearon (s. unten). 

Wasserfreie Phosphorsänre zersetzt die Stearinsäure beim Zusam- 
menschmelzen im Wasserbad, wird die Masse dann mit Wasser gekocht, 
eo scheidet sich eine gelatinöse Masse ab, der man durch Kalilauge, worin 
sie fast ganz unlöslich ist, die unveränderte Stearinsäure entlieht; es 
setzt sich dabei ein dickes bräunliches Oel ab, das noch heiss abge- 
nommen und mit kochendem Alkohol wiederholt behandelt wird. Die- 
ser Körper ist schwierig farblos zu erhalten, er hat die Formel C^ß H^^ O), 
das sind die Elemente des Stearinsäurehydrats minus Wasser; es ist 
eine fast ganz unkrystallinische spröde und leicht zerreibliche Masse, 
sie schmilzt zwischen d4<> und 60<) C, ist selbst in kochendem Alkohol 
fast unlöslich, löst sich aber leicht in Aether. Dieser Körper verhält 
sieh ganz indifferent, er wird selbst von kochender Kalilauge nicht 
merklich angegriffen; durch Behandeln mit Salzsäure wird er nach und 
nach in eine wachsartige Masse verwandelt (Erdmann^). Phosphor- 
perehlorid wirkt schon bei gewöhnlicher Temperatur energisch auf 
Stearinsäure ein; beim gelinden Erwärmen steigt die Temperatur der 
Masse leicht über 150^ C; es bildet sich zuerst eine farblose Flüssig- 
keit, die sich dann plötzlich braun färbt und zuletzt schwarz wird, ohne 
ihre Flüssigkeit zu verlieren. Beim Erhitzen entwickelt sich Salzsäure, 
und es destillirt neben wenig Wasser unveränderte Stearinsäure, ein 
Kohlenwasserstoff und ein fester Körper von nicht ermittelter Zusam- 
mensetzung , der in Alkohol viel weniger löslich ist als Stearinsäure 
(Chiozza). 

Beim Erhitzen von Stearinsäure mit Salpetersäure wird die Fett- 
säure theilweise oxydirt, das Producthat einen niedrigeren Schmelz- 
punkt als vorher, und man nahm daher früher an, dass die Stearinsäure 
hierbei unter Aufnahme von Sauerstoff in Margarinsänre übergehe: 
C«8 Äßg O7 + O = 2 (C34 H34 O4). Nach Hein tz wird hierbei nur ein 
kleiner Theil der Stearinsäure oxydirt, es bilden sich kohlen- nnd 
wasserstoffarmere Fettsäuren, die, der unveränderten Stearinsäure bei- 
gemengt 9 ihren Schmelzpunkt erniedrigen; durch ümkrystallisiren 



*} Joarn. f. prakt. Chem. Bd. XXV, S. 500. 

Digitized by VjOOQIC 



218 Stearinsäure. 

am Alkohol lässt sich aber die Stearins&ure wieder rein alMeheiden 
(Heintzi). 

Wird das Kochen mit starker Salpetersäure längere Zeit fortgesetEt, 
so wird die Stearinsäure vollständiger oxydirt, es bilden sich verschie- 
dene flüchtige Fettsäuren, welche überdestilliren, während verschiedene 
Säuren der Oxalsänrereihci Eorksäure, Bemsteinsäure, Adipinsäare in 
der Betorte sich finden (Bromeis). 

Wässerige Chromsäure mit Stearinsäure erhitst, giebt auch ein 
Gemenge von Stearinsäure mit anderen Säuren, welches bei etwa 60^ G. 
schmilzt. 

Chlor und Brom werden, nach Lefort, nur in geringer Menge von 
Stearinsäure aufgenommen, und ohne Entwickelung von Chlor- oder 
Bromwasserstoff. Nach Hardtwick zersetzt trockenes Chlorgas die 
Stearinsäure (aus Bassiaöl), wenn es anhaltend in die Säure geleitet 
wird, während man sie im Wasserbad geschmolzen erhält; die Säure, 
zuerst dünnflüssig wie Wasser, wird später aber dickflüssig und zähe wie 
Gummi, zuletzt (nach zwei- bis dreiwöchiger Behandlung mit Chlor) 
verwandelt sie sich in eine gelbe harzähnliche Substanz, die nach dem 
Erkalten zu einer durchsichtigen, leicht zu pulvernden Masse erstarrt. 
Dieser Körper ist Chlorstearinsänre (Chlorbassinsäure), Cse Um ^Uo O4, 
sie ist in Alkohol löslich, die Lösung ist sauer and verbindet sich mit 
Basen. Das Baryt- und Bleisalz ist unlöslich, das Kalisalz ist unlöslich 
in Wasser aber löslich in Alkohol (Hardtwick 0. 

Wird Stearinsäure mit 1/4 oder 1/9 ihres Gewichtes an kaustischem 
Kalk gemengt destillirt, so geht ein butterartiges Gemenge von flüssi- 
gen Kohlenwasserstoffen mit brenzlichem Oel, Gasen und verschiede- 
nen festen Körpern über; Bussy hatte unter diesen Destillations- 
producten einen, dem Margaron ähnlichen, bei 86<> C. schmelzenden 
Körper sefunden, den er Stearon nannte, und der, nach ihm, die For- 
mel Ces Hs7 O hatte. Nach Bedtenbacher bildet sich, wie bei der 
trockenen Destillation, sowohl von Stearinsäure allein, wie auch des 
Gemenges mit Kalk neben anderen Körpern eine mit dem Margaron, 
C«e Bee O3, identische, bei 770C. schmelzende Substanz; ein ander Mal 
erhielt er einen bei 82<^ C. schmelzenden Körper, der auch Margaron 
oder vielleicht Margaryloxyd ist, CsiHgsO (s. d. Art Bd. Y, S. 134 
u. S. 185). Aus dem neben dem Stearon und den festen Kohlenwas- 
serstoffen übergehenden brenzlichen Oel konnte Bedtenbacher durch 
wiederholte fractionirte Destillation ein Oel von der Zusammensetzung 
C.Hb abscheiden. 

Rowney fand unter den Zersetznngsproducten der Stearinsäure 
mit Kalk einen bei 76<^ C. schmelzenden Körper von gleicher oder 
nahezu gleicher Zusammensetzung wie Redtenbacher's Stearon, der, 
nach ihm, aber CJsgfis^Os ist, und den er S tear en nennt (s. d. Art S. 1 95). 

Heintz erhielt durch Erhitzen von Stearinsäure mit Kalk einen 
Körper, dessen Zusammensetzung nach ihm Cro 870 ^s ^^ ^i^^ ^^^ ^<^ 
her wenigstens die Zusammensetzung des eigentlichen Ketons der Stearin* 
sänre hat Nach ihm bilden sich bei der trockenen Destillation von 
Stearinsäure mit Kalk gasförmige Producte in nicht bedeutender Menge, 



*) Pogg. Annal. Bd. XCIII, 8. 488; Joum. f. prakt. Chem. Bd. LUV, S. 66; 
Jahresber. v. Liebig u, Kopp. 1S64. 8. 446. — *) Chem. Soc. Qu. J. T. IX, p. Ml; 
AnnsL d. Chem. n. Phann. Bd. LXXH, 8. 268. 



Digitized by VjOOQIC 



Stearinsäure- Anhydrid. — Stearinsaure Salze. 219 

hanpisäehlich Kohlenwasserstoffe^ C, H. ; bei sehr starkem Brhitxen entsteht 
aach dnrch Zersetzung derselben anter Abscheidnng von Kohle Grrnbea- 
gas; daneben destillirt ein nicht sauer reagirendes Wasaer und ein nach 
dem Erkalten krystallinisches Product, welches hauptsächlich Stearon 
enthält (s. d. Art.), nebst wahrscheinlich durch Zersetzung desselben 
entatandenen anderen Ketonen. 

Wird Stearinsäure mit öberschflssigem Anilin auf etwa 130<> C. 
erhitzt, so erhält man aus dem Rückstande nach dem Umkrystallisiren 

C„H,) 
Mu Alkohol Stearins&nre-Anilid: C48fi4]NO, = C8«Il«»0,>N. Es 

H) 
bystallisirt in feinen weissen Nadeln, die bei 93,6^ €. schmelzen. 

Ft, 
StearinsÄure-Anhydrid. Wasserfreie Stearinsäure, 

Stearin-Stearat: CaeH^O» oder C72H7oOe =n^*2"R'|02. Man er- 

hält dieses Anhydrid durch Behandeln von stearinsaurem Kali mit 
Phosphoroxychlorid, es lässt sich aber nicht vollständig von der bei- 
gemengten Stearinsäure trennen, daher seine Eigenschaften nicht weiter 
beschrieben sind (Malerba^). 

Stearin-BenzoSsäure- Anhydrid, Wasserfreie Benzoyl* 
Stearinsäure, Stearinsaure Benzoesäure: G50H40O« = Ci^HsO« . 

Ci« »8» Oa = ^ g" Q*| O,. Diese Verbindung wird durch Erhitzen 

▼on stearinsaurem Kali mit Benzoylchlorid im Oelbad erhalten; man 
zieht die Masse mit siedendem absoluten Aether aus, beim Erkalten 
des Filtrats krystallisirt die Doppelverbindung in glänzenden bei 70<^ C. 
schmelzenden Blättchen (Malerba). Ft, 

Stearinsaure Salze. Talgsaure Salze. Bassiansaureoder 
stearophansaure Salze StiaraUa. Die Stearinsäure verbindet sich 
mit anorganischen wie organischen Basen; sie bildet mit .Glycerylozyd 
das Stearin (s. d. Art. S. 196); diesen analoge Verbindungen bildet 
sie, nach Berthelot, mit verschiedenen Zuckerarten, so mit Mannit, 
Qaercit, Trehalone u. s. w. (s. d. Art.). Die Stearinsäure ist eine ein- 

basiBche Säure, ihre neutralen Salze sind RO . Cge Hgj Os =^* '* R I ^«^ 

diese bilden mit den Alkalien einige saure Salze, die als Doppel- 
verbindungen von neutralem Salz mit Stearinsäurehydrat anzusehen sind. 
Die Stearinsäure verbindet sich direct mit den Basen und zersetzt auch 
die kohlensauren Salze. Die stearinsauren Salze können in dieser 
Weise oder auch durch Zersetzung von Stearin mit reinen Basen er- 
halten werden ; im letzteren Falle unter Abscheidung von Olycerin oder 
dessen Zersetzungsproducten. 

Die trockenen stearinsauren Salze werden von Wasser schwierig 
befeuchtet, sie fühlen sich fettig und seifenartig an. 

Die stearinsauren Alkalien lassen sich in der angegebenen Weise 
darstellen, sie sind in wenig reinem Wasser löslich, die conoentrirten 
Lösungen sind zähe (Seifenleim), durch überschüssiges Wasser werden 



') Annal. d. Chem. u. PbAnn. Bd. XCI, S. 104; Jabr«sber. v. liebig u. Kopp. 
1S56. S. 446. 



Digitized by VjOOQIC 



220 Stearinsaure Salze. 

rie zersetzt, es scheidet sich schwer lösliches saures Salz ab, wfthrend 
das Wasser freies Alkali und damit etwas neutrales Salz löst Die 
wässerigen Losungen bilden leicht einen Schaum (Seifenschaum). Die 
Alkalisalze sind in Wasser unlöslich, wenn dieses hinreichend Salze 
oder Fiel freies Alkali enth&lt, und sie können daher aus ihren wSsseri» 
gen Lösungen durch Zusatz von Salzen, namentlich von Chlomatrium 
oder von freiem Alkalihydrat, abgeschieden werden (Aussalzen der Sei- 
fen, 8. d. Bd. VII, S. 754 u. 755). Die Stearinsäuren Alkalien sind 
auch in Alkohol, leichter in der Wärme als in der Kälte löslich, sie 
lösen sich aber darin weniger leicht als Palmitinsäure Salze. Aether 
löst die neutralen Alkali- Stearate nicht, den sauren entzieht er Säure 
und verwandelt sie in neutrales Salz. 

Die Verbindungen der Stearinsäure mit den Erdalkalien oder Er- 
den und mit den schweren Metall oxyden sind in Wasser nicht löslich, 
sie lassen sich daher durch Fällen aus den stearinsauren Alkallen dar- 
stellen. 

Die stearinsauren Salze sind schmelzbar und werden durch stiur- 
keres Erhitzen zersetzt, wobei sich namentlich ölige Kohlenwasserstoffe 
verflüchtigen unter ZurQcklassung eines kohligen Rückstandes. Alle 
stärkeren Säuren zersetzen die stearinsauren Salze leicht unter Abschei- 
dung von Stearinsäure. Die in Wasser löslichen stearinsauren Salze 
werden durch die Salze aller Basen, welche mit dieser Säure unlösliche 
Verbindung eingehen, aus ihrer wässerigen Lösung gefällt. Mit Phos* 
phoroxjchlorid erhitzt, geben die stearinsauren Alkalien Steärinsaure- 
anhydrid, mit Benzoylchlorid oder anderen Chloriden bilden sich Dop- 
pelanhydride. Stearinsaurer Kalk giebt bei der trockenen DestillatioD 
neben Stearon verschiedene andere Ketone von niedrigerem Atomge- 
wicht, und flüssige oder feste Kohlenwasserstoffe; alle diese letzteren 
Producte wohl erst durch secnndäre Zersetzung von einem Theil Stea- 
ron selbst 

Die stearinsauren Alkalien zeichnen sich von den Salzen der ähn- 
lichen fetten Säuren durch grössere Härte aus, sie bilden einen wesent- 
lichen Bestandtheil der gewöhnlichen Talgseifen, namentlich enthalten 
diese Natronsalz; in geringerer Menge ist dieses Salz auch in Oliven- 
seife n. s. w.' enthalten. In der Zersetzung dieser Alkalisalze unter Ab- 
scheidung von freiem Alkali beruht ein Theil der Wirkung der Seife 
in ihrer Anwendung zum Waschen (s. Bd. VII, S. 754). 

Stearinsaures Aethyloxyd: C40 )t4o O4 = C4 H5 O . Cge {(35 O, 

C H O ) 

= ^*rj*^u*jO«. Dieser Aether ist von Redtenbacher dargestellt, 

später auch von Stenhouse, Duffy, Crowder, Pebal und Heints 
untersucht Er bildet sich bei der Einwirkung von Salzsäuregas auf 
eine Lösung von Stearinsäure in Alkohol, oder wenn man die fette 
Säure mit Alkohol und Schwefelsäure einige Zeit kochen lässt; nach 
Duffy entsteht er auch bei der Einwirkung von Natrium- Alkoholat 
auf eine Lösung von Stearin (nicht bei Anwendung von Lösung der 
Stearinsäure in absolutem Alkohol). 

Am leichtesten lässt sich dieser Aether darstellen durch Einleiten 
Ton trockenem Salzsäuregas in eine kochende Lösung von Stearinsäure 
in starkem Alkohol. Beim allmäligen Erkalten scheidet sich der Aether 
auf der sauren Flüssigkeit als ein Oel ab, das bald fest wird. Bfan 
wäscht dieses Product zuerst mit kaltem Alkohol, löst es dann in kochen- 



Digitized by VjOOQIC 



Stearinsaure Salze. 221 

dem Alkohol 9 and tröpfelt in diese Lösung langsam eine verdünnte 
kochende wässerige Lösung von kohlensaurem Natron; der Stearin» 
aaureäther scheidet sich bald als eine zuerst ölige später erstarrende 
Schicht ab, die man in Alkohol löst und aus dieser Löflung durch 
Wasser fallt. Durch Wiederholen dieser Operationen wird die Verbin- 
dung rein erhalten. 

Duffy erhielt Stearinsäureäther, indem er eine Lösung von Natrium 
oder Kalium in absolutem Alkohol mit der äquivalenten Menge Stearin 
(nicht Stearinsäure) kocht, den Alkohol danach abdesüllirt und den 
RQclutand mit Wasser versetzt; die sich abscheidende ölige beim £r* 
kalten erstarrende Schicht von unreinem Aether giebt durch Umkrj- 
ftallisiren aus Alkohol reines stearinsaures Aethyloxyd. 

Dieselbe Verbindung entstand auch, als trockenes steariosaures 
Kali mit Phosphoroxychlorid in zugeschmolzenen Glasröhren einige 
Zeit auf 150^ C. erhitzt war, und die gallertartige Masse dann mit 
Alkohol haltendem Aether ausgezogen wurde; beim Abdampfen des 
FiUrats krystallisirte der Aether, wahrscheinlich gebildet durch die 
Einwirkung von Alkohol auf Stearylchlorid : C8eH85 02 6l (Pebal). 

Der Stearinsäureäther ist zuerst weich, wird aber bald hart und 
spröde, er ist weiss und im Bruch krystallinisch, geruch* und geschmack* 
los; ans Alkohol krystallisirt er in weissen seideartigen Nadeln. Er 
schmüzt bei 33« C. (33,7© C. Heintz, Duffy; 33,8« C. Crowder; 
35<) C. Francis; 31« C. Redtenbacher, Uanhart). Er siedet bei 
165<^ C, wird aber dabei vollständig zersetzt. Kochendes Wasser zer- 
legt den Aether nicht, mit alkoholischer Alkalilauge erhitzt zerföllt 
er leicht. 

Stearinsaures Amyloxyd: C4e H4e O4 = C^q Hii O • Ca« Hs» O« 
ri u Q 1 
oder^* P^^h! I^^' l^er Amylstearinsäureäther wird in gleicherweise 

dargestellt, wie der Aethjläther durch Behandlung der Löaung der 
Saure in Amylalkohol mit Salzsäuregas. Er bildet sich auch nach dem 
von Duffy angegebenen Verfahren bei Einwirkung von Natron- Amyl« 
ozyd auf Stearin. 

Das stearinsaure Amyloxyd ist eine helldurchscheinende weiche 
und klebende weisse Masse; es löst sich nicht in Wasser, aber leicht 
in Alkohol oder Aether, und scheidet sich aus diesen Lösungen wieder 
gaUertartigab; es schmilzt bei 25,50 C. (Duffy; 25» C. Hanhart). 
Es wird leicht beim Kochen mit alkoholischer Kalilösung, aber nicht 
durch wässeriges Alkali zersetzt. 

Stearinsaures Ammoniumozyd. 1) Neutrales Salz, NH4O. 
CseHtsOt^ bildet sich, wenn man fein vertheiltes Stearinsäurehydrat 
einer Atmosphäre von Ammoniakgas so lange aussetzt, als noch von 
diesem Salze absorbirt wird. Das so erhaltene Salz ist weiss, fast ge- 
ruchlos, aber alkalisch schmeckend; in einer Atmosphäre von Ammo- 
niak lässt es sich sublimiren; bei der Sublimation selbst verliert die 
Verbindung aber einen Theil ihres Ammoniaks, den sie beim Erkalten 
wieder aufnimmt. Bei der trockenen Destillation in lufthaltenden Ge- 
fifcssen giebt dieses Salz zuerst Ammoniak ab , und später »ublimirt ein 
brenzllches Product, welches vielleicht Stearamid enthält. 

Das Salz lässt sich auf nassem Wege darstellen, wenn man kry« 
stalUsirte Stearinsäure in verschlossenen Gläsern mit concentrirtem 
kaustischen Ammoniak einige Zeit in Berührung lässt; die Säure nimmt 

Digitized by VjOOQIC 



222 Stearinsaure Salze. 

hier das Ammoniak auf, ohne eeine äussere Form zu ändern, oder ohne 
dasB sieh aach nur eine geringe Menge des Salzes in der Flüssigkeit 
löst* In verdünntem wässerigen Ammoniak löst sich aber das Sals 
und krystallisirt beim Erkalten in perlmutterglänzenden Blättchen; ist 
die Lösung ooncentrirt, so gesteht sie beim Erkalten zu einer Gallerte. 

2) Saures Salz bildet sich beim Austrocknen des neutralen Sal- 
zes an der Luft, wobei es als weisse geruchlose fettig anzufühlende 
Masse zurückbleibt, oder wenn man die ammoniakalische Lösung des 
neutralen Salzes in eine grosse Menge kochendes Wasser giesst; es 
scheidet sich dann beim Erkalten in feinen perlmutterglänzenden Schup- 
pen ab* 

Das saure Salz bleibt auch zurück, wenn man das neutrale Salz 
mit kaltem Wasser auswäscht Es ist in kochendem Wasser ein wenig 
löslich. 

Stearinsaurer Bar jt: BaO.GseHss Og, wird erhalten durch FäUen 
einer heissen alkoholischen Lösung von stearinsaurem Alkali mit heisser 
Chlorbarinmlösung, oder wenn man eine heisse alkoholische Lösung von 
Stearinsäure mit einer heissen wässerigen Lösung von essigsaurem Ba- 
ryt fiillt. Der Stearinsäure Baryt ist ein weisses krystallinisches Pulver 
aus mikroskopischen Blättchen bestehend; aus einer verdünnten Lö- 
sung der Säure in Alkohol mit essigsaurem Baryt gefällt, scheidet es 
sieh beim Erkalten in deutlichen Krystallblättchen ab. Das Salz hat, 
wenn trocken, Perlmutterglanz, ist unlöslich in Wasser, und zersetzt sich 
beim Erhitzen, ohne zu schmelzen. 

Stearinsaures Bleioxyd. 1) Neutrales Salz, PbO.Cyefi^^Oai 
bildet sich beim Fällen von heisser alkoholischer Lösung des Natron- 
salzes mit heisser wässeriger Lösung von salpetersaurem oder essig- 
saurem Bleioxyd; im letzten Falle muss die Lösung des Bleisalzes 
zuerst mit etwas Elssigsäure versetzt sein, um die Beimengung von ba- 
sischem Salz zu verhindern. Der sehr voluminöse Niederschlag wird 
znerst mit Alkohol, dann mit Wasser ausgewaschen. Nach dem Trock- 
nen bildet das Salz ein schneeweisses schweres amorphes Pulver, das 
dann nicht mehr von Wasser befeuchtet wird, wenn man es nicht zaenl 
mit Alkohol angerieben hat Das Salz ist unlöslich in Wasser, auch 
Alkohol und Aether lösen in der Siedhitze nur sehr geringe Mengen 
des Salzes auf, dagegen löst es sich in jeder Menge in siedendem Ter- 
pentinöl, aus welcher Lösung es sich beim Erkalten als gelatinöse Masse 
abscheidet Das trockene Salz schmilzt bei 12Ö<^ C. zu einer durch- 
sichtigen Flüssigkeit, und erstarrt beim Erkalten zu einer weissen, un- 
durchsichtigen, aber amorphen Masse. 

2) Saures Salz: PbO.CseHssOs.CaeHseO« (?). Nach Chevron! 
bildet sich ein saures Salz, wenn man 100 Thle. Stearinsäure mit 2 1 Thfau 
pulverigem Bleioxyd zusammenschmilzt; im flüssigen Znstande ist die 
Masse weiss und durchscheinend, nach dem Erkalten fast hellgraa mit 
strahligem Bruch. Kochender Alkohol von 0,823 specif. Gewicht löst aus 
der Masse ein saures Salz unter Zurücklassung von neutralem Salz, 
kochender Aether entzieht ihm freie Säure; in kochendem Terpentinöl 
löst das Salz sich vollständig, scheidet sich beim Erkalten aber wieder 
gallertartig ab. Das Salz schmilzt zwischen 95 ^ und 100^ C. 

3) Basisches Salz, iPbO.GsettasOs (?), bildet sich beim Kochen 
von Stearinsäure mit basisch-essigsaurem Blei bei Abschluss der Luft 
Es ist eine weisse harte durchscheinende leicht schmelzbare Masse. 



Digitized by VjOOQIC 



Stearinsaare Salze. 223 

Stearinsanres Kali. 1) Neutrales Sals, KO.CseMsgOs» bildet 
sich beim Kochen von Stearinsäure mit Kalilange. Man löst 1 Thl. 
Stearins&ure in 1 Thl. Kalihjdrat und 20 Thln. Wasser, beim Erkalten 
scheidet das Salz sich in krjstallinischen Massen ab ; man presst diese 
ana und I5st sie in dem 15- bis 20fachen Grewicht heissen Alkohols^ 
worauf beim Erkalten das reine Salz krjstallisirt. Nach Heintz er« 
h&lt man das Salz am leichtesten rein, wenn man die siedende Lösung 
der Säure in Alkohol mit einer heissen wässerigen Lösung von kohlen* 
saurem Kali im Ueberschuss versetzt, die Masse zum Trocknen ver- 
dampft und den Rückstand mit kochendem absoluten Alkohol auszieht; 
ans der heiss filtrirten Lösung scheidet sich das reine neutrale Salz 
krystallinisch ab. 

Das neutrale stearinsaure Kali bildet weisse glänzende sich fettig 
anfühlende Blättchen von schwach alkalischem Geschmack. Mit 10 Thln« 
kaltem Wasser gemischt, schwillt es allmälig zu einer schleimigen 
Masse auf, die bei 99^ C. zu einer klaren Flüssigkeit zergeht (Seifen- 
leim), welche beim Erkalten wieder schleimig wird. Eine noch con« 
eentrirtere heisse wässerige Lösung gesteht beim Erkalten zu einer stei« 
f«n Gallerte. Wird die concentrirte wässerige Lösung des Salzes in 
10 oder 20 Thle. Wasser mit etwa 1000 Thln. Wasser verdünnt, so 
findet eine Zersetzung satt; es scheidet sich saures Salz in kleinen peri« 
mutterglänzenden Schuppen ab, während freies Kalihydrat und damit 
etwas stearinsaures Kall in Lösung bleibt 

Neutrales stearinsaures Kali löst sich in ß'/s Thln« kochendem ab* 
solnten Alkohol, oder in 10 Thln. 93grädigem (0,821 specif. Gewicht) 
Alkohol bei 66o C; diese letztere Lösung trübt sich bei 55o C, und 
gesteht bei 38» 0. In der Kälte lösen 100 Thle. Alkohol nur 0,43 
Salz. Auch aus der alkoholischen Lösung scheidet sich beim Znmischen 
von viel Wasser saures Salz ab. In Aether ist das Stearinsäure Kali 
nur wenig löslich, 100 Thle. lösen nur 0,16 Thle. Salz auf; das ge- 
löste ist aber saures Salz. 

Das stearinsaure Kali ist unlöslich in Wasser, welches Salze oder 
freies Alkali enthält, z. B. Chlornatriuni oder Chlorkalium, kohlensaures 
Alkali 9 Kali- oder Natronhjdrat; es kann aus seiner wässerigen oder 
alkalischen Lösung durch Zusatz dieser Körper ausgeschieden werden^ 
wobei sich das ausgeschiedene Salz als eine körnige Masse auf der 
Oberfläche der schweren Salzlösung sammelt, während fremde beige- 
mengte Körper in der Lauge gelöst bleiben. Hierauf beruht das „Aussal- 
zen*^ und das Abscheiden der „Kernseife^^ (s. unter Seife Bd.VII, S. 755)* 

2) Zweifach-saures Salz, KO . C,« Hss Os . Cse Hse O4 , bildet 
sich, wie angegeben, beim Zersetzen der concentrirten wässerigen oder al« 
koholischen Lösung des neutralen Salzes durch einen grossen Ueber- 
schuss von Wasser. Es scheidet sich in perlmutterglänzenden Schup- 
pen ab ; diese werden auf einem Filter gesammelt, abgepresst und dann 
aus siedendem Alkohol nmkrystallisirt. Man erhält das saure Salz so 
in geruchlosen kleinen silberglänzenden, sich zart anfühlenden Schup« 
pen. Das Salz schmilzt noch nicht bei 100<> C«; es wird von kaltem 
Wasser nicht verändert noch gelöst; 100 Thle. kochender absoluter 
Alkohol lösen davon 27 Thle. auf; bei 24^ C. bleiben aber nur noch 
0,36 Thle. Salz gelöst; das gelöste Salz enthält aber etwas mehr Säure 
als das Salz, welches sich beim Erkalten krystallinisch abscheidet. 
Wird das zwei&ch-saure Salz mit 1000 Thln. Wasser g;ekocht, so bil- 

Digitizedby Google 



224 Stearinsäure Salze. 

det sich eine milchige Flüssigkeit, in welcher neutrales Salz gelöst, ein 
▼ierfach-sanres Salz (i) aber sospendirt ist ; diese Flüssigkeit wird bei 
7b^ C. etwas weniger unklar; bei 67^ C. fangt sie aber wieder an 
trüber zu werden, und bei 24^ C. ist die Trübung am stärksten; beim 
Filtriren def kochenden Flüssigkeit bleibt ein sehr saures Sab auf dem 
Filter zurück. 

Dieses Verhalten des stearinsauren Kali gegen Alkohol und Was- 
ser zeigt sich recht auffallend, wenn man eine kochende Losung des 
zweifach-sauren Salzes in wässerigem Alkohol tropfenweise mit einer 
Lackmuslösung mischt, wobei dieser sich röthet. Mischt man diese Flüs* 
sigkeit jetzt mit einem grossen Ueberschuss Ton Wasser, so wird dis 
Flüssigkeit wieder blau durch das Freiwerden von Alkali, während 
das sehr saure Salz sieh abscheidet. 

Das sehr saure Salz,., welches beim Zersetzen des doppelt- saurea 
Salzes mit viel kochendem Wasser sich abscheidet und durch Abfiltn- 
ren erhalten wird, schmilzt in kochendem Wasser zu einem Oel; es 
schwillt in kaltem Wasser stark auf, und zerföllt beim Kochen mit AI* 
kohol in sich abscheidendes doppelt-saures Salz und in freie Säure, die 
gelöst bleibt. Ob diesesSalz vierfach-saures stearinsanres Kali ist, oder 
ob es nicht vielleicht ein Oemenge von saurem Salz mit freier Säure, 
und seine Zusammensetzung daher sehr wechselnd ist, bleibt noch za 
ermitteln. 

Stearinsaurer Kalk, CaO.CgeHdftOg, wird in gleicherweise 
wie das Bar jtsalz dargestellt und verhält sich diesem durchaus ähnlich. 
Bei der trockenen Destillation von stearinsaurem Kalk bilden sich 
mannigfache Producte, namentlich Kohlensäure, Ölbildendes Gas, zum 
Theil Grubengas, flüssige und feste Kohlenwasserstoffe, verschieden* 
artige Ketone,nach'Buss7 CssHstO, nach Heintz Stearon, 0708700«; 
nach Bedtenbacher Margaron, G^ffHe«^»^ i^a<^^ Bowney Steareo, 
Cm 9ft6 ^89 ausserdem aber auch die zu den niedei:en Gliedern der 
Säurereihe C. K„ O4 gehörenden Ketone (s. unter Stearinsäure S, 218; 
Stearen S. 195 und Stearon S. 227). 

Stearinsanres Kupferoxyd, GuO.Cse H^5 Og, wird durch Fäl* 
len aus stearinsaurem Alkali mit schwefelsaurem Kupferoxyd erhalten; 
es ist nach dem Trocknen ein hellblaues voluminöses amorphes Pul- 
ver; es schmilzt beim Brhitzen zu einer grünen Flüssigkeit, die, etwai 
stärker erhitzt, sich leicht zersetzt 

Stearinsaure Magnesia, MgO.Cso HS5O3, wird durch Fällen 
von stearinsaurem Natron mit schwefelsaurer Magnesia erhalten, oder 
wenn man eine heisse alkoholische Lösung von Stearinsäure mit Am- 
moniak übersättigt, mit hinreichend Salmiak mischt, und dann über- 
schüssige gelöste schwefelsaure Magnesia zusetzt. Der so erhaltene 
Niederschlag wird zuerst mit Alkohol, dann mit Wasser gewaschen, 
zuletzt aus heissem Alkohol umkrystallisirt; das Salz setzt sich b^ 
Erkalten der Lösung in zarten krystallinischen Blättchen ab, die ge- 
trocknet ein feines lockeres leichtes blendend weisses Pulver darstellen« 
fis ist in Alkohol in der Kälte fast ganz unlöslich, aber löst sich darin 
bei der Siedhitze ziemlich leicht. Beim Erhitzen schmilzt es, ehe ei 
sich zersetzt. 

Stearinsaures Methyloxyd, Cgs H38 O4 = C3 H» O . Ose H35 Oj 

Ca fi O } 

^* fj** 11' 1^31 bildet sich nach Lassaigne, wenn 1 Thl. Stearinsäure 



Digitized by VjOOQIC 



Stearinsaure Salze. 225 

mit 12 Thln. Holzgeüt and 2 Thln. concentiirter Schwefelsäure etwa 
40 Minaten lang digerirt wird, es scheidet sich dann auf der Ober- 
fläche der Flfissigkeit als ein halbdurchscheinendes krystalliniscbes Fett 
ab. Der Methyläther wird auch durch Erhitzen der Säure mit Holz- 
geist in sugeschmolzenen Röhren auf 200® C, so wie bei Einwirkung 
▼on Ghlorwasserstoffgas auf die in Holzgeist gelöste Stearinsäure erhal« 
ten. Der Stearinsäure Methjläther ist unlöslich in Wasser, löslich in 
Alkohol, er schmilzt bei 85<^ 0. (?) Lassaigne, bei 880C.(Manhart). 

Stearinsaures Natron. 1) Neutrales Salz: NaO.CseHssO». 
Dieses Salz kann in gleicherweise wie das stearinsaure Kali aus Stearin- 
^nre und Natron dargestellt werden; es bildet sich auch, wenn Stearin- 
säure Kali mit gelöstem Chlornatrium in Ueberschuss erhitzt wird, in- 
dem Chlorkalium und stearinsaures Natron entsteht, doch ist die Zerlegung 
wohl nicht leicht ganz vollständig (s. unter Seife Bd.yn, S. 754). Um 
reines stearinsaures Natron darzustellen» verßihrt man so, dass man zu 
einer siedenden alkoholischen Lösung von Stearinsäure langsam eine 
heissa wässerige Lösung von kohlensaurem Natron tröpfelt, bis dieses 
Salz im Ueberschnss vorhanden ist Man dampft dann die Lösung 
anter Zusatz von etwas Wasser zur Trockne ein, und kocht den trocke- 
nen fein gepulverten Rückstand mit absolutem Alkohol aas, wobei das 
kohlensaure Natron zurückbleibt. Der heiss filtrtrten alkoholischen Lö'- 
snng setzt man sogleich ^/g ihres Volumens von heissem Wasser zu, worauf 
beim Erkalten der grösste Theil des stearinsauren Natron sich als Gal- 
lerte abscheidet, während das zugesetzte Wasser das Gelöstbleiben der 
vorhandenen geringen Menge von kohlensaurem Natron bewirkt Das 
aasgeschiedene stearinsaure Salz wird stark ausgepresst und dann bei 
10(H> bis 1200 e. getrocknet. 

Das stearinsaure Natron ist dem Kalisalze sehr ähnlich, aber här- 
ter als dieses ; es scheidet sich beim Erkalten einer heiss concentrirten 
alkoholischen Lösung gallertartig ab, beim längeren Stehen verwandelt 
sich diese in kleine glänzende, helle durchsichtige Blättchen bildende Ejry- 
stalle, die anfangs geschmacklos erscheinen, hintennach einen deutlichen 
alkalischen Geschmack haben. Francis erhielt das Salz aus Stearo- 
phansäure in säulenförmigen Krystallen von schönem Perlmutterglanz. 
Das Salz ist luftbeständig, es wird von kaltem Wasser nur langsam 
verändert; es löst sich in 10 Thln. kochendem Wasser zu einer dicken 
halbdnrchsichtigen Masse, die bei 62^ C. erstarrt und undurchsichtig 
wird. 1 Thl. Salz löst sich in 20 Thln. kochendem Wasser so, dass 
es sich filtriren lässt Durch eine grosse Menge kalten Wassers wird 
es wie das Kalisalz zersetzt in freies Alkali und saures Salz (s. unten). 

Das neutrale stearinsaure Natron löst sich in 500 Thln. kaltem und 
20 Thln. kochendem 93procent]gen Alkohol (0,821 specif. Gewicht), 
die concentrirte Lösung wird beim Erkalten gallertartig und nach und 
nach krystallinisch (Sternchen im Opodeldoc). Kochender Aether löst 
das Salz nicht merkbar. Das neutrale stearinsaure Natron bildet einen 
Hauptbestandtheil der festen Talgseifen ; seine Zerlegung durch Wasser 
macht es zur Reinigung der Wäsche brauchbar. 

2) Saures Salz, NaO . C^b H35 O3 .C^e Hse O4, bildet sich, wenn die 
Lösung von 1 Thl. neutralem Salz und 10 bis 20 Thln. kochendem 
Wasser mit 2- bis 3000 Thln. kaltem Wasser gemischt wird, oder wenn 
man eine Lösung von 1 Thl. neutralem Salze in 2- bis 3000 Thln. 
kochendem Wasser erkalten lässt Das Salz scheidet sich in perlmutter- 

iUadwOrterbaeb der Chemie. Bd. VUi, 15 ^ - 

Digitized by LjOOQIC 



226 Stearochlorhydrin. — Stearoconot. 

glänzenden Blättohen ab. Die alkoholische Lösung dieses Salzes rö- 
thet Lackmustinctur; auf Zusatz von viel Wasser scheidet sich, aber ein 
noch stärker saiires Salz ab, und die Lösung enthält dann wieder freies 
Alkali. 

Stearinsaures Quecksilberoxyd wird durch Fällen mit sal- 
petersaurem Quecksilberoxyd als weisses leicht schmelzbares Pulver 
erhalten y das schon zwischen den Fingern weich wird. 

Stearinsaures Quecksilberoxydul, durch Fällung mit Sal- 
petersäuren! Qnecksilberoxydul dargestellt, ist in feuchtem Zustande 
ein kömiges weisses Pulver; es wird beim Trocknen grau, ist unlöslich 
in Wasser und kaltem Alkohol, löst sich wenig in heissem Alkohol, leich- 
ter in Aether und ist schmelzbar. * 

Stearinsaures Silberoxyd, AgO . Ca« Hss ^si ^^<i durch Fal- 
len einer heissen alkoholische^ Lösung von stearinsaurem Natron mit 
einer heissen wässerigen Lösung von salpetersanrem Silberoxyd erhal- 
ten. Es ist ein weisser amorpher voluminöser Niederschlag, der sich 
am Licht nicht schwärzt, und nach dem Trocknen ein weisses lockeres 
leicht sich zusammenballendes Pulver bildet. Nach Francis fllrbt es 
sich am Licht wenn es unrein und feucht ist leicht roth, nicht aber im 
reinen trockenen Zustande. 

Stearinsaurer Strontian, SrO.CscHss O3, wird durch Fällen 
von stearinsaurem Alkali oder freier Stearinsäure wie der stearinsaure 
Baryt erhalten, dem er in allen Beziehungen sich ähnlich verhält. 

Die Verbindungen der Stearinsäure mit Chromoxyd, Eisenoxyd, 
Eisenoxydal, Kobalt-, Mangan- und Nickeloxydul, Thonerde, Zink- 
oxyd und anderen Basen werden leicht aus den Salzen der betreffenden 
Basen durch Fällen mit stearinsaurem Alkali erhalten. Es sind amor- 
phe Niederschläge, unlöslich in Wasser, meistens schmelzbar, und lös- 
lich in heissen fetten oder ätherischen Oelen. Fe. 

Stearochlorhydrin s. unter Stearin. 

S t e a r O C O n O t ^) , aus 6rsaQ (Talg) und fthvtg (Pulver) zusammen- 
gesetzt, nannte Couö'rbe eine von ihm im Gehirn aufgefundene fettartige 
Materie. Das Gehirn wurde erst mit Aether, dann mit siedendem Alko- 
hol erschöpft. Beide Lösungsmittel enthalten dieselben Fettarten, nur 
in verschiedenen Verhältnissen. Es setzte sich aus ihnen ein weisser 
pulverförmiger Bodensatz ab, der aus Cerebrot und Cholesterin 
bestand. Aether nahm daraus Cholesterin auf, und lässt das Cere- 
brot ungelöst zurück. Der ätherische Auszug des Gehirns wurde zur 
Trockene verdampft und mit Alkohol ausgezogen, wobei Cephalot 
und Stearoconot zurückblieben. Das in Alkohol Gelöste so lange 
verdampft, bis sich ein gelbrothes Oel auszuscheiden begann, wurde 
hierauf mit Aether vermischt, der feste Fette aufgelöst hielt, während 
sich ölige Tropfen von El^encephol ausschieden. Das bei dieser 
Behandhmg gewonnene Stearoconot stellte eine gelbbraune pulverför- 



^) Literatur: Couörbe, Du oerveau coil8ld<5r<^ sous Ic point d« vue chlmique 
et physiologiqiie Journ. de chim. m^d. 1834. T. X , p. 524; Annal. de chim. 
et de phys. [2.] T. LVI. p. 164. — Freray, Journ. de pharm., T. XXVI, p. 771: 
T. XXVJl, p. 451. — Fr. Simon, Haudb. der med. Chemie, Bd. I, S. 292. — 
V, Bibra, Vergleichende Untersuchungen über das Gehirn des Menschen und der 
Wirbelthierc. 1854. — W. Müller, Annal. d. Chem. u.Pharm., Bd. CV, S. 861. 



Digitized by VjOOQIC 



Stearolauretin. — Stearon. 227 

mige Substanz dar, die weder Geroch noch Geschmack besass, und ein- 
mal von den übrigen Fetten getrennt, weder in Alkohol noch in Aether 
mehr löblich war. Es löste sich aber in fetten Oelen, und war bei 
Gegenwart solcher auch in Aether löslich, wodurch der scheinbare 
Widerspruch, dass das Stearoconot aus der ätherischen Lösung ge- 
wonnen wurde, seine Lösung findet. Auch in Salpetersäure war das 
Stearoconot löslich, und fiel nach dem Kochen als saures farbloses 
festes Fett nieder, das von kochendem Alkohol gelöst wurde, und beim 
Erkalten in Blättern ähnlich der Stearinsäure anschoss. £s ist klar, 
dass bei der Behandlung mit Salpetersäure eine Zersetzung eingetreten 
war, deren Producte, näher studirt, möglicher Weise werth vollere Auf- 
schlösse über die Natur des Stearoconots gegeben hätten, wie diejenigen 
sind, welche man aus den wenig klaren und der Sache auf den Leib 
rückenden Angaben CouSrbe's und Simonis erhält. 

Bei der Analyse des Stearoconots erhielt Gouerbe: Kohlenstoff 
59,8, Wasserstoff 9,2, Stickstoff 9,3, Schwefel 2,0, Phosphor 2,4, Sauer- 
stoff 17,1. Da alle Garantien der Reinheit dieses Körpers fehlen, so 
haben diese Zahlen keinen Werth. 

Nach Fremy wäre das Stearoconot ein Gemenge von Gehirn- 
albannin, oleophospho^sauren Salzen und etwas Cerebrinsäure. 

Ueberhaupt sind alle die Angaben von Gouerbe und Fremy 
über die Gehirnfette bei dem gegenwärtigen Standpunkte der Wissen- 
schaft kaum mehr zu verwerthen, und es ist namentlich, seit W.Müller 
die Cerebrinsäure Fremy -s Schwefel- und phosphorfrei dargestellt hat, 
der Sehwefel- und Phosphorgehalt der Gehirnfette zweifelhaft geworden. 
V. Bibra fand im Gehirnfette eine Anzahl fetter Säuren von ausser- 
ordentlich verschiedenem Schmelzpunkt, und glaubt, dass die von 
C o u S r b e und Fremy gefundenen Stoffe grösstentheils Mengungen sol- 
cher fetter Säuren sind. Ebenso kam W. Müller bei seiner Unter- 
suchung der Gehimfette vorläufig nur zu dem Resultate, dass darin 
flüssige und feste Fettsäuren und ein phosphorhaltiger Körper enthalten 
sind, der mit Blei eine in Aether lösliche Verbindung einzugehen 
acheint. G.-B. 

Stearolauretin nennt Grosourdi') ein festes Fett, welches 
sich beim Stehen bei -f~ 10<^C. aus dem Oel abscheidet, welches durch 
warnnes Auspressen aus dem Pericarpium der Früchte von Laurua nobüia 
erhalten wird. Es bildet warzige Massen, ist aber gar nicht weiter 
untersucht. 

Stearolaurin nennt Grosourdi ein Fett, welches. sich beim 
Stehen des durch warmes Pressen aus den geschälten Kernen (Cotyle- 
donen) der Früchte von Laurua noMUs erhaltenen Gels bei -f- 10* C. bis 
-|- A9C. in gelblich weisser Masse abscheidet. Es ist nicht weiter 
untersucht. 

Stearon. Stearinsäure-Aceton. Das Keton der Stearin- 
säure. Formel: C7oH7oOa= ^^ n^ u h ^^ Stearon bildet sich bei 

der trockenen Destillation von Stearinsäure Hir sich oder mit Kalk. 
Die hier stattfindende Zersetzung ist nicht einfach, denn es treten neben 



>) Jonro. de chim. m^d. [8.] T. VU. p. 257; Pharm. Centralbl. 1851, S. 697, 

Diglz^dby Google 



228 Stearophanin. 

brenzlichen Oelen und Kohlenwasserstoffen verschiedene feste Korper 
auf, von denen einige als Stearon bezeichnet sind; Bnssy i) stellte 
znerst einen Körper dar, den er Stearon nannte, und der, nach ihm, 
GßgH^Y O ist und bei 86<>C. schmilzt Redtenbacher') erhielt bei der 
trockenen Destillation eine Substanz, die, nach ihm, identisch ist mit dem 
Margaron von Bus sy und Varrentrapp'), oder ein anderer Körper, den 
man vielleicht als Margarylozyd, €34 Hss O, bezeichnen kann ; Ro wney^) 
fand unter den Destillationsproducten einen Körper, den er Stearen (s. 
S. 195) nennt. Heinz^) hat znerst das Stearon von der Zusammensetzung 
C70 H70 O3 erhalten. Zu seiner Darstellung destillirt man Stearinsäuren 
Kalk oder ein Gemenge von Stearinsäure mit Kalk; das anfangs flüs- 
sige beim Stehen bald zu einer farblosen krystallinischen Masse erstar- 
rende Destillat enthält Stearon neben anderen Ketonen, die wahrschein- 
lich durch theilweise Zersetzung desselben erst entstanden sind. Das 
rohe Destillat wird zuerst mit Wasser ausgekocht, um es von einem 
riechenden Körper zu befreien, durch mehrfaches Auskochen mit Al- 
kohol (rascher durch Auskochen mit Aether), Filtriren der erkalteten 
Lösung und Wiederholen dieser Operationen mit dem ungelöst bleiben- 
den Theil mit neuen Mengen Alkohl (oder Aether) wird das Stearon 
dann rein erhalten. In der erkalteten alkoholischen oder ätherischen 
Lösung des rohen Stearons ist eine Substanz von der Zusammensetzung 
C.HgOs enthalten, wo n aber kleiner ist als 70, wahrscheinlich ist es 
ein Gemenge mehrerer Acetone verschiedener Säuren, C^ H^ O4, entstan- 
den aus dem Stearon durch Zersetzung desselben. Das reine Stearon 
bildet zarte perlmutterglänzende Blättchen, es ist selbst in kochendem 
Aether schwer löslich und schmilzt bei 87 <) C. 

Bei Einwirkung von überschüssigem Brom auf geschmolzenes 
Stearon bildet sich Bromwasserstoffgas und eine rothe ölige Flüssig- 
keit, welche beim Schütteln mit Wasser fest wird. Mit wässerigem 
Ammoniak und dann mit kaltem Alkohol abgewaschen und aus Aether 
wiederholt umkrystallisirt, erhält man daraus Brom stearon, G70 Hes Brs O^, 
in blättrigen Krystallen, die bei 72^0. schmelzen und in kaltem Aether 
ziemlich leicht löslich sind. 

Bei stärkerer Einwirkung von Brom auf Stearon entsteht ein sehr 
leicht schmelzbarer Körper, wahrscheinlich ein an Brom reicheres Sub- 
stitutionsproduct. Fe, 

Stearophanin, Anamlrtin. Diis Glycerid der Stearophan- 
sä'ure, von Francis^) dargestellt. Nach der früheren Ansicht über die 
Zusammensetzung der Fette glaubte er, dass es neutrales stereophan- 
saures Lipyloxyd sei = C3H2O .C35 II34O3. Die von ihm erhaltenen 
Zahlen (76,2 Kohlenstoff, 11,2 Wasserstoff, 11,6 Sauerstoff) stimmen 
nahe mit der Formel des Tristearios, C114 üno Od (genauer mit 
^114 Hl 10 Ol 8, welche Formel aber nicht die richtige sein kann). 

Man erhält das Stearophanin aus den Kokkelskömern durch Aus- 
pressen zwischen heissen Platten oder durch Auskochen mit Wasser oder 
Spiritus; so dargestellt ist das Fett aber sehr verunreinigt, besonders 

^) Annal. de chim. et de phys. [2.] T. LHI, p. 898; Berzel. Jahraaber. Bd. XIV, 
S. 856. ~ *) Anaal. d. Chem. a. Pharm. Bd. XXXV, S. 57. — ^ Ebendaseibst 
S. 80. — *) Literatur b. b. Stearen. — *) Po gg. Annal. Bd. XCVT, S. 65; Journ. 
f. prakt Chem. Bd. LXVI, S. 121; Pharm. Centralbl. 1855. S. 591; Jabresber. v. 
Liebig u. Kopp. 1855. S. 510. - *") AnnaL d. Chem. a. Pharm. Bd. XLII, 8. 2C2. 

Digitized by VjOOQIC 



Stearophansäure. — Stearyl. 229 

mit Farbstoff, welcher sich schwer trennen lässt. Am besten nimnit man 
nur die Kerne, welche von der äusseren Schale befreit sind, da diese 
einen grünen Farbstoff enthält. Man zieht die Kerne zuerst drei bis vier- 
mal mit Alkohol aus, uro die Säuren Picrotoxin und Farbstoff zu ent- 
fernen, und behandelt dann in der Wärme mit Aether, aus welcher Lö- 
sung beim Erkalten ein blendendweisses Fett in baumartigen Verzwei- 
gungen krystallisirt. Durch mehrmaliges AuflÖRen in kochendem abso- 
luten Alkohol wird, es rein erhalten. 

Das Fett krystallisirt aus Aether, in welchem es sich in der Wärme 
leicht löst, in weissen glänzenden krystallinischen Massen; in heissem 
Alkohol löst es sich schwieriger, und scheidet sich beim Erkalten pul- 
rerförmig ab. Es schmilzt bei 35^ bis 36^ C; beim Erkalten krystalli- 
sirt es nicht, sondern bildet unter Zusammenschrumpfen eine wachs- 
iholiche nicht zerreibliche Masse. Es wird schwierig durch verdünnte, 
aber leicht mit concentrirter Kalilösung verseift; die neben Olycerin 
daraus erhaltene Fettsäure, wahrscheinlich nicht ganz reine Stearin- 
säure (s. d. Art.), schmilzt bei 68^ C. Fe. 

Stearophansäure, Stearophaninsäure, Anamirt- 
säure, wird die in den Kokkelskörnem (^Semina coccuU indici von Me- 
nupermum cccculus oder Anamirta cocculus) enthaltene feste Fettsäure 
I genannt, welche darin theils frei, theils als Glycerid enthalten ist. 
Diese Säure wurde zuerst von Gasaseca^) und von Lecanu*) unter- 
sucht, sie hielten sie Hir Margarinsäure; Francis^) fand dann, dass sie 
davon wesentlich verschieden sei, er nannte sie wegen des Glanzes im 
krystallisirten Znstande Stearophansäure (von ötsuQog und (palvoiuci 
scheinen) und gab ihr die Formel Gas H35 O4 ; nach dem neuen Atom- 
gewicht des Kohlenstoffs berechnet, führte Francis' Analyse zu der 
Formel Gs« H36 O4 , welche Formel durch eine neuere Untersuchung von 
Crowder*) bestätigt ward, der diese Säure mit der nach Hardtwich 
imBassiaöl enthaltenen Talgsäure identisch fand. Heintz^) fand Stearo- 
[dums&ure im Wallrath und im Menschenfett, weitere Untersuchungen 
ergaben ihm, dass diese Säure als identisch mit gewöhnlicher Stearin- 
saure zu betrachten sei, und es liegt kein Grund vor, die Richtigkeit 
der Annahme zu bezweifeln. Wir haben daher hinsichtlich der Eigen- 
schaften der Säure und ihrer Salze auf Stearinsäure und st^ariu- 
saure Salze zu verweisen, und zugleich auf den Art. Stearo- 
phanin. Fe. 

Stearophanyl nennt Löwig den Kohlenwasserstoff, Gg« Hs^ 
das Radical der Stearophanylsäure (Stearophaninsäure). 

Stearopten, der festere Theil von ätherischem Gel (s. d. 
Art, Bi V, S. 640). 

Stearoyl nennt Weltzien den Kohlenwasserstoff, Gs^Hss, den 
man im Stearon annehmen kann. 

Stearyl. Das in der Stearinsäure enthaltene Radical Cze^s^O^; 
bis jetzt ist von Verbindungen desselben nur die Stearinsäure bekannt. 

') BnUetiii de pharmacie. 12">* Ann^e Fevr. 1826, p. 99. — *) Ibidem. Jaav. 
1826, p. 65. — •) Annal. d. Chem. u. Pharm. Bd. XLH, 8. 254. — *) PhüOBopli. 
Hag- |4.] Vol. IV, p. 24; Journ. f. pJ-akt. Chem. Bd. LVII, S. 292. — *) Po gg. 
AnntL Bd. LXXXVU, S. 588. 



Digitized by VjOOQIC 



230 Steatiii. — Steatit- 

Steatin, nannte L. Grnelin das Cerebrot Cou«rbe*8 wel- 
ches schon von Fremy als ein Gemenge verschiedener Stoffe, woruD- 
ter vorwiegend Cerebrinsäure erkannt wurde. Andere Bezeichnun- 
gen für diesen selben Körper sind Gehirn wachs (Omelin), Myelo- 
kon (Kühn), pulveriges Hirnwachs (Berzelius). S. d. Art. Ce- 
rebrin, Cerebrinsänre. G.-B, 

Steatit, Talk, Speckstein, Chlorite zum Theil, pris- 
matischer Talk-Glimmer und pseudomorpher Glyphin-Steatit 
zum Theil, Renssellärit, spanische, venetianische, Brian^o- 
ner Kreide, Schneiderkreide, Soapstone zum Theil. Mit dem 
Namen Steatit werden die sonst als zwei getrennte Species betrachteten 
und' als solche Talk und Speckstein genannten Varietäten einer 
Species benannt, welche krystallisirt , in krystallinischen Aggregaten, 
kryptokrystaliinisch bis dicht vorkommt, worin jedoch kein Grand na 
einer Trennung in zwei Species liegt. Die krystallinischen Steatite 
können als Varietäten mit dem Namen Talk benannt werden, während 
der dichte Steatit dann Speckstein heisst. 

Der Talk bildet vorherrschend lainellare in einer Richtung 
vollkommen spaltbare Krystalle, welche wegen ihrer unvolikomnie- 
nen Ausbildung die genaue Bestimmung des Krystallsystems nicht 
ermöglichten, wogegen optische Untersuchungen gezeigt haben, das» 
die Krystalle optisch - zweiachsige sind. Die luinellaren Krystalle 
wechseln in der Grösse und bilden Blätter, Blättchen und Schuppen, 
zuweilen sind sie nach einer Längsrichtung ausgedehnt. Durch die 
Verwachsung entstehen krystalliuisch-bli^ttrige, strahlig - blättrige bis 
schuppige Aggregate, welche in grösseren Massen bei schiefriger Ab- 
sonderung als wahre Schiefer (Talkschiefer) auftreten, und werden zum 
Theil fast dicht, wenn die Grösse der Krydtalloi'de sehr herabsinkt. 
Ausser der vollkommenen Spaltbarkeit parallel einer Fläche, der Basis- 
flache, sind noch Spuren zweier sich schiefwinklig schneidender Blätter- 
durchgänge sichtbar. Die Lamellen sind biegsam, sehr milde und 
fühlen sich fettig an. Die Härte ist sehr gering und wurde in der 
Härtescale als der erste Härtegrad gewählt, das specif. Gewicht ist = 
2,6 bis 2,8. Der Talk ist farblos, weiss, grau, grünlichweiss und grün- 
lichgrau, apfelgrün, lauchgrün, ölgrün und gelblichweiss bis gelblich 
grau, durchsichtig (in dünnen Lamellen) bis an den Kanten durch- 
scheinend, der Glanz iet wachsartig, auf vollkommenen Spaltungsflächen 
perlmutterartig. Vor dem Löthrohre erhitzt, leuchtet er stark, blättert 
sich meist auf und brennt sich hart, (bis 6) schmilzt nicht, und giebt 
mit Phosphorsalz ein Kieselskelett, mit Kobaltsolution befeuchtet und 
geglüht, wird er blassroth, in Säuren ist er weder vor noch nach dem 
Glühen auflöslich. 

Der dichte Steatit, Speckstein genannt, welcher derb, eingesprengt 
in nierenfbrmigen und knolligen . Partien, als Pseudomorphose, z. B. 
nach Quarz und Dolomit, vorkommt, hat unebenen bis splittrigen Bruch, 
ist milde, fühlt sich fettig an und haftet nicht an der Zunge. SpeciHsche.« 
Gewicht und Härte sind wie bei dem Talk, bisweilen ist die letztere 
ein wenig höher, 1,5, wie bei anderen Species auch bisweilen die dich- 
ten Varietäten etwas härter sind als die vollkommen spaltbaren kry- 
stallinischen. Er ist weiss, grau, gelb, roth, grün, matt, durch Berühren 
schwach wachsartig glänzend, undurchsichtig bis an den Kanten durch- 

Digitized by VjOOQIC 



Steatoid- — Stechpalmiij. 231 

sehexnend. Im Glaskolben erhitzt, giebt er etwas Wasser, i&t vor dem 
Löthrohre unschmelzbais brennt sich hart, dass er Glas ritzt und 
wird mit Kobaltsolution geglüht blasdroth. Von kochender Schwefel- 
säure wird er zersetzt, ein Unterschied gegenüber dem krystallinischen 
Talk> der bei jenem in der Krystallisadon und hier in dem dichten Zu- 
stande begründet sein mag. 

Zahlreiche Analysen beider Varietäten haben zu der vollkommenen 
Ueberzeugang geführt, das der Steatit ein wasserhaltiges Talkerde- 
silicat ist, worin meist etwas Eisenoxydul vorhanden ist, nur ist in 
Betreff des Wassergehaltes eine geringe Schwankung bemerkt worden, 
die an sich sehr gering wesentlich ihren Grund in der relativen Bein- 
heit des Minerals haben kann, und als die wahrscheinlichste kann man 
die Formel Mg0.2H0 + öCMgO.SiOs) aufstellen. Wegen der 
zahlreichen Analysen des Steatit ist auf die Angaben von Klaproth, 
Vanquelin, Berthier, F. v. Kobell, Tengström, Lychnell, 
Bacholz und Brandes^), und auf die Angaben von G. Kersten, 
A« Delesse, R Hermann, Marignac, Bahr, Bromeis, Beck, 
Brem, T. S. Hunt, Th. Scheerer und R. Richter 2) zu verweisen. 

Anhangsweise ist bei dem Steatit des sogenannten Topfsteins 
SQ gedenken, welcher ein wechselndes klein krystallinisches bis dichtes 
Gemenge von Talk, Ghlorit, Glimmer und Asbest darstellt und als 
solches keine eigene Mineralspecies mit bestimmten Eigenschaften bildet 
(s. d. Art* Topfstein). k. 

Steatoid wurde der in Pseudokrystallen bei Snarum in Nor- 
wegen Torkommende Serpentin genannt. K. 

Stechapfel s. Datura Stramonium. 
Stechheber s. Pipette Bd. VI, S. 535. 

Stechpalme. Ilea aqtafoUum. Eine strauchartige Pflanze, ans- 
geseichnet durch die glänzenden stachligen Blätter. Nach Lassaigne 
enthalten die Blätter einen eigenthümlichen Bitterstoff, den er II i ein 
oder Stechpalmbitter nennt; in der Rinde fand Braconnot Pectin, 
Hacaire Viscin. In neuerer Zeit hat Moldenhauer^) die im August 
gesammelten Blätter untersncht, and darin einen gelben krystallinischen 
Farbstoff, Ilixanthin, gefunden, der in Wasser und Weingeist löslich 
ist, bei 198^ C. schmilzt und bei 215^ C. unter Zersetzung sich ver- 
flüchtigt Das wässerige Decoct der Blätter enthält Ilexsäure, deren 
Kalksalz nach dem Ausfällen der Abkochung mit Bleiessig, Digeriren 
des Filtrats mit Bleioxyd, durch Eindampfen der vom Blei befreieten 
Flässigkeit erhalten wird, indem es sich hier als leicht lösliches Kalk- 
salz in Krystallen abscheidet. 

Nach Beithner enthalten die im März gesammelten, bei 100<^ C. 
getrockneten Blätter .4,3 Proc. Asche, darin: 

Kali 1498 Magnesia 14,7 Manganoxydnl 0,9 Phosphorsäure 3,6 

Natron 3,6 Thonerde 0,6 Chlor 0,2 Kieselsäure 5,6 

Kalk 26,5 Eisenoxyd 0,6 Schwefelsäure 0,7 Kohlensäure 28,5 

Fe. 

^) H«u8mann> Handb. d. Min. Bd. II, S. 457 u. 458. 

^ Kenngott'B Ucbersicbt d. min. Forsch. 1844 bis 1849, S. 82, 83, 89; 1850 
bis 1851, S. 64, 189 bis 194; 1853, S. 55; 185C bis 1857, S. 74 u. 1858, S. 59. 

*) Annal. d. Cbem. n. Pharm. Bd. CII, S. 846; Chem. Contralbl. 1857, S. 766. 

. Digitized by VjOOQIC 



232 Stein. — Stein, lithographischer. ' 

Stein. Bei der Metallgewinnnng ans Bchwefelhaltigen Brsen 
ist das erste Prodact der Schmelzung häufig keio regnlinisches Metall, 
sondern ein Sohwefelmetall. Wenn man die Schmelzung so vornimmt, 
dass man den ganzen Metallgehalt der Erze als Schwefelmetall zu ge- 
winnen bemüht ist, was meistens gut gelingt, weil der Schwefel der 
Verschlackung der Metalle entgegenwirkt, und meist leicht flössige, 
die Körnchen des reducirten Metalls aufnehmende Massen giebt, so 
nennt man dies die Roharbeit und das Product Stein oder Lech. 

Die Rohsteine pflegt man zu rösten, dadurch Schwefel zu ver- 
flQchtigen und zu verbrennen, und durch Einwirkung der gleichzeitig 
sich bildenden Oxyde schweflige und Schwefelsäure daraus zu erzeugen 
(Näheres s. Art Blei 2te Aufl. Bd. II, Abth. 2, S. 34; Art. Kupfer 
Bd. rV, S. 699 u. ff.; Silber, Gewinnung Bd. VIT, S. 927> Die 
bei nochmaligem Schmelzen, dem Steinschraelzen, fallenden Pro- 
ducte sind meist niedrigere Schwefelungsstufen, bisweilen solche, die 
man bisher nicht auf andere Weise dargestellt hat. 

Bei der Goldscheidung durch Schwefel (Bd. III, S. 671) gewinnt 
man einen Stein, der aus Schwefelsilber und Schwefelblei besteht, das 
Plachmal. Dies schmilzt man in Graphittiegeln mit 25 Proc. Eisen, 
wodurch bleihaltiges Silber und Schwefeleisen mit Blei- und Silber- 
gehalt, sogenannter armer Stein, erzeugt wird. Letzteren röstet man, 
schmilzt mit 20 Proc. Eisen, behandelt mit 30 Proc. Bleiglätte. Man 
gewinnt hierdurch silberhaltiges Werkblei und siiber- und bleihaltige 
steinartige Schlacke, Stein vom Stein, die in der Krätzarbeit zugute 
gemacht wird. F. 

Stein, armenischer, wurde der Lasurstein, so wie auch im 
Alterthum durch Kupferlasur blau gefärbter Kalkstein genannt, der im 
Aussehen dem Lasurstein ähnlich' war und zu blauer Farbe verwendet 
wurde. 

Stein der Weisen, Lapis philosophorum. Die von den Al- 
chimisten mit so grosser Au^sdauer erstrebte Substanz, welche Metalle 
in Gold verwandeln, und alle Krankheiton heilen sollte(s. unter AI Che- 
mie. 2. Aufl. Bd. I, S. 410). 

Stein, lithographischer. Der zum Steindruck verwen- 
dete Stein ist homogener Kalkstein, der ein feines gleichmässiges Korn 
und überall gleiche Härte hat, keinen körnigen oder unebenen Bruch 
zeigen darf, und frei von Kalkspathadern, harten Punkten, Löchern und 
anderen Fehlstellen sein muss. Dieser Stein findet sich in Platten von 
1" bis 4" Dicke von lichtgelber bis stahlgrauer Farbe im Horizont des 
oberen weissen Jura (Solnhofer Schichten, Kimmeridge, Kimmeridien); 
trotz der weiten geognostischen Verbreitung dieser Schichte steht die 
Gegend des fränkischen Jura zwischen Altmühl und Donau (Pappen- 
heim, Soinhofen, Monheim u. a.) wegen der mächtigen (bis zu 1500 
Entwickelung des Steins und seiner besonderen Bruchbarkeit fast ein- 
zig da. Dieselbe geognostische Schichte wie bei Soinhofen findet sich 
freilich auch an vielen anderen Orten z. B. in Württemberg bei Nua- 
plingen, Böbringen u. s. w., in Frankreich bei Cisin, Dijon, Chateaa- 
ronxi in der Schweiz bei Aarau u. s* w.; man hat hier auch wohl ein- 
zelne recht brauchbare lithographische Steine gefanden, doch bleibt die 

Digitized by VjOOQIC 



Stein^ lydischer. — Steinkohlen. 238 

Mehrzahl an Güte weit hinter den Solnhofem zurück, und fehlt überall 
die mächtige Entwickelung des Steins» welche den Abbau allein loh- 
naiid macht. Fe* 

Stein, lydischer, syn. Kieselschiefer. 

Steinalkali, AVkaJli mmerale. Die alte Bezeichnung der Soda, 
die insofern nicht sehr richtig gewählt ist, als dieses Alkali sich ja auch 
im Pflanzen- und namentlich auch im Thierreich findet. 

Steinbühl er Gelb. Unter diesem Namen kommt eine Farbe 
im Handel vor, die dem Chromgelb ähnlich, aber viel lebhafter und 
schöner ist. Diese Farbe ist, nach Pappenheirai), unreiner chrom- 
sanrer Kalk, dargestellt durch Fällen von saurem chromsauren Kali mit 
Chlorcalcium in concentrirten Lösungen. Der gewöhnliche chromsaure 
Kalk ist aber in Wasser, wenn auch schwerlöslich, doch nicht unlöslich, 
und daher ist die Farbe für viele Fälle nicht brauchbar. Aber nur der 
Krystallwasser enthaltende chromsaure Kalk ist löslich, erhitzt man das 
Salz hinreichend stark, so wird es wasserfrei, und löst sich dann nicht 
mehr in Waäser. Solcher wasserfreier chromsaurer Kalk kam vor eini- 
gen Jahren als gelbe Farbe im Handel vor. 

Steinbutter, syn. Bergbutter. 
Steinchemie, Mineralchemie, s. unter Chemie. 
Steinflachs, sjti. Bergflachs. 
Steingut s. unter Thonwaaren. 
Steinheilit, syn. Dichroit. 

Steinkohlen, Schwarzkohlen, HomUe^ Charban de 
terre^ Charhon miniral^ CoaL Die Steinkohlen, Zersetzungsproducte 
TOTweltlicher Pflanzen, sind mehr und mehr ein {Hr die grössere Indu- 
strie unentbehrliches Brennmaterial geworden. Es wäre ausserordent- 
. lieh schwierig, wenn das Aequivalent der jährlich verbrauchten Stein- 
kohle an Holz gezogen werden sollte; welche grosse Strecken Landes 
würden dazu nöthig sein, Strecken, wie sie in den bevölkerten Gegen- 
den dem Anbau von Nahrungspflanzen nicht entzogen werden könnten. 
Und wie umständlich würde es sein, wenn die Dampfschiffe statt der 
Steinkohle das viel grössere Volumen Holz mitnehmen sollten. Die Eisen- 
prodaction, die grosse Quantitäten Brennstoff consumirenden Gewerbe 
im Allgemeinen hätten nie die jetzige Ausdehnung erreichen können, 
wenn nicht die unterirdischen Wälder das Material lieferten. Nament- 
lich dienen die Steinkohlen auch zur Dampferzeugung, zur Heizung wie 
zur Bewegung von Maschinen; wohfeile Steinkohlen sind daher auch 
gleichbedeutend mit wohlfeiler Arbeitskraft, und sind so die unentbehr- 
liche Grundlage der heutigen Industrie. 

Wie und wann man darauf kam , Steinkohlen zuerst in Gebrauch 
zu bringen, lässt sich nicht bestimmt angeben; da manche Steinkohlen- 
flötze zu Tage ausgehen, so kann der Zufall leicht die Brennbarkeit 
derselben gezeigt haben; in China sollen sie seit den frühesten Zeiten 



Chem. Centralbl. 1869, S. 600. 

Digitized by VjOOQIC 



234 Steinkohlen. 

im Gebrauch gewesen sein. In England worden^ sie wohl schon fro- 
her in den Kohlendistricten benutzt; unter Edward I. sollen sie zu* 
erst in London in Anwendung gekommen sein. Der beim Verbrennen 
derselben ^sich entwickelnde dicke Qualm^^ veranlasste das Parlament 
1316, um ein Verbot des Gebrauchs der ,,pestilenzialischen*^ Steinkohle 
zu bitten. Aber die strengsten Verbote und selbst hohe Geldstrafen, 
die Zerstörung der betreffenden Feuerungen sogar, und andere Maass- 
regeln, wie später die hohen Abgaben, die man in den Städten, nament- 
lich in London, auf die Einfuhr der Steinkohlen legte, haben nicht ver- 
hindern können, dass die Benutzung der Steinkohle immer allgemeiner 
ward. Jetzt sind diese „schwarzen Diamanten^^ in England und in vie- 
len Gegenden Belgiens, Frankreichs und Deutschlands das ausschliess- 
liche Brennmaterial, nicht bloss für die Industrie, sondern oft auch ftir 
die Haushaltungen ; die Nothwendigkeit zum Theil, theils der geringere 
Preis gegenüber von Holz und Torf, dann der grössere Effect, haben 
gemacht, dass die Nachtheile des Brennens von Steinkohle, „der dicke 
Qualm^^ unberücksichtigt blieben. 

Der Bedarf an Steinkohlen hat daher mehr und mehr zugenommen 
und ist immer noch im Steigen, so dass die Gewinnung in volkswirth- 
schaftlicher Beziehung von höchster Wichtigkeit ist, sowohl in Bezug 
auf ihre Benutzung in der Industrie und deren dadurch ermöglichte 
Ausdehnung, als in Bezug auf den Transport und die Gewinnung selbst, 
indem diese eine Menge Hände erfordert. 

Um einen Begriff von dem Verbrauch an Steinkohlen zu geben, 
mögen folgende Angaben dienen. 

In Grossbritannien betrug die Kohlenproduction 1850 an 700 Millio- 
nen Centner; nach neueren genauen amtlichen Erhebungen ^) war sie 1854 
auf über 1300 Millionen Gentner gestiegen, die in 2397 Werken (1704 in 
England, 306 in Wales, 368 in Schottland, 19 in Irland) abgebaut wur- 
den, wobei neben den vielen Maschinen etwa 230000 Arbeiter unmit- 
telbar in den Gruben beschäftigt wurden. Etwa 94 Proc. der gewonnenen 
Kohle wurde im Lande selbst verbraucht, mindestens 130 Millionen Cent- 
ner in der Eisenindustrie, 22 Millionen Centner für Gasfabrikation. Die 
Ausfuhr betrug im Jahr 1854 70 bis 75 Millionen Centner, wovon ^/^ 
etwa nach Frankreich, Vio ^^^ den Hansestädten, Vn nach Däne- 
mark, ^/i7 nach Preussen, das übrige theils in die europäischen Länder, 
Bussland, Spanien, Italien u. s. w., theils in die britischen Colonien, 
aber auch selbst in die vereinigten Staaten von Nordamerika ging. 
Welche Capitalien erfordert nur der Transport der im Lande ver- 
brauchten wie der ausgeführten Kohlen. Der Preis der Steinkohlen 
in den Kohlenhäfen beträgt durchschnittlich etwa ^/e Thaler der Cent- 
ner, die Transportkosten im Lande, selbst auf den Canälen, vertheuem 
die Kohlen bedeutend. 

Belgien hat eine verhältnissmässig zu seiner Oberfläche bedeutende 
Kohlenproduction ; hauptsächlich im Hennegau, beiLüttich, Namur u. s. w., 
sie betrug 1850 = 125, 1854 = 143, 1857 nach v. Carnall 175 Millio- 
nen Centner; davon wurden 1850 = 40, 1854 = 52 Millionen Centner 



^) Mineral-SUtisticB of the united Kingdom for 1853 and 1864. By R. Hunt. 
London. AusftUirUche Angaben ttber Production der verschiedenen Lftnder an Stein- 
kohle, über EinAihr, Ansfdhr nnd Verbranch s. Trait^ de chim. g^n. par Felo nie 
et Fremy 8»»« ed. Paris 1860, T. I, p. 765 — 822. 



Digitized by VjOOQIC 



Steinkohlen. 235 

aasgeführt, und zwar fast ansschliesslich nach FVnnkreich (V|o), nnd 
nach Holland (Vio)« 

In Frankreich ist die Steinkohlenproduction noch nicht so ent- 
wickelt wie sie sein konnte; sie hat sich, wie überall, in den letzten 
Jahrzehnten wesentlich gesteigert, von 1835 etwa 50, auf 1852 = 98, 
1857 gegen 150 Millionen Centner. Der Verbrauch ist aber noch 
grösser,, er betrug 1852 = 158 Millionen Centner; die Einfuhr (aus 
Belgien, England und Preussen) betrug 1847 nahe 51, 1855 = 78 
Millionen Centner. Frankreich hat 62 Kohlenbassins, die reichsten sind 
bei St. Etienne, bei Valenciennes, Alais, Creuzot und Blancy. 

Von den den tischen Staaten hat Preussen die bedeutendste Stein- 
kohlenproduction, an der Saar wie an der Ruhr, in Westphalen nnd in 
Schlesien; die Geüammtproduction betrug 1841 etwa 52, 1848 = 76, 
1851 =90 und 1854 = 136, 1859 über 200 Millionen Centner. 
Die Kohlen production kann und wird hier noch unzweifelhaft gesteigert 
werden. Ebenso im Königreich Sachsen, wo in der letzten Zeit gro88- 
artige Vereine zum Steinkohlenbau sich gebildet haben; 1853 betrug 
die Production nahe 18, 1855 nahe 24, 1857 = 30 Millionen Centner. 

Oesterreich hat grosse noch sehr wenig aufgeschlossene Schätze 
an fossilem Brennmaterial ; die Production ist hier bedeutend im Steigen, 
doch noch bei weitem nicht so bedeutend wie sie sein könnte; die Ge- 
winnung an Stein- und Braunkohlen betrug 1823 bis 1827 jährlich 
etwa 3, 1848 bis 1847 im Mittel 15, 1854 =39, 1857 =50 Millionen 
Centner. 

In den übrigen deutschen Staaten, ausser Preussen, Oesterreich 
ond Sachsen, werden jährlich etwa 9 Millionen Centner Kohle gewonnen. 

In den vereinigten Staaten von Nordamerika betrug die Produc- 
tion 1845 = 56, 1854 =: 90, in neuester Zeit aber 300 Millionen 
Centner Steinkohlen und Anthra9it. 

Ausser den genannten Ländern findet auch noch in anderen Koh* 
lengewinnung statt, so dass die gesammte jährliche Production auf der 
Erde wohl auf 3000 Millionen Centner angeschlagen werden kann ; das 
entspricht einer Menge von etwa 7000 Millionen Centner lufttrockenem 
Holz ; welches Areal wäre nöthig, dieses Quantum Holz in einem Jahre 
zu erzeugen! 

Es wird nun oft die Frage aufgeworfen, ob die Kohlenlager bei 
der starken Production nicht bald erschöpft werden könnten; gewiss 
ist es Pflicht, selbst da wo die Kohlen einen geringen Werth haben, 
alle Verschwendung zu vormeiden, denn natürlich ist ein Kohlenlager 
eine begrenzte Grösse, die ein Mal erschöpft werden kann; wenn wir 
aber selbst nur die Grösse der schon aufgeschlossenen Kohlenfelder 
berechnen nnd ihren Inhalt mit der Production vergleichen, so finden 
wir immer hier Vorrath für Jahrtausende. Und wie viele Kohlenfelder 
liegen noch unberührt und ungefunden, selbst in Europa, geschweige 
in anderen Welttheilen. 

Allein das Kohlenfeld von Newcastle könnte, nach Mac cuUoch, den 
GesammtbedarfEuglaqds an Kohlen 200 Jahre lang decken, das Kohlen- 
lager von Süd Wales vielleicht für 1000 Jahre; die bekannten Kolilenfelder 
Grossbritanniens würden bei dem jetzigen Bedarf vielleicht an 20 000 
Jahre genügen; an der Saar wird jetzt jährlich wohl kaum V40000 ^®r ^o^' 
handenen Kohlenmasse gefördert. Wenn man bedenkt, dass doch wohl 
nur ein kleiner Thcil der Kohlenlager bekannt, noch weniger aufge-^ 



Digitized by VjOOQIC 



236 



Steinkohlen. 



schlössen sind, so hat man eine baldige Erschöpfung der Steinkohlen 
nicht zu besorgen. 

Ueber die Auadehnong der Kohlenfelder liegen nachstehende An- 
gaben vor 1): 



Kohlenfelder, 

Areal in engl. 

D Meilen. 



VerhältniM 

BOT Gesammt- 

oberflftche des 

Landes. 



Vereinigte Staaten von Nordamerika . 

Pensylvanien (Antbracit) 

Englische Besitsnngen in Nordamerika 

England and Irland 

Belgien 

Frankreich 

Preassen 

Spanien 



188 182 

15 487 

18 000 

11894 

518 

1719 

1200 

8 408 



17 

S 

9 

10 

22 

118 

90 

52 



- Die reichsten Kohlenlager sollen die vereinigten Staaten haben; 
Mitchell giebt die Ausdehnung der dortigen Kohlenfelder folgender- 
maassen an: 



Kohlenfelder, 

Areal in engl. 

a Meilen. 



Verhältniss 
Kur Gesammt- 
oberflache des 



Alabama . . 

Georgien . . 

Tenassee . . 

Kentucky . . 

Virginien . . 

Maryland . . 

Ohio . . . 

Indiania . . 

nUnois . . • 
Pensylvanien 

Michigan . . 

Bfissoori . . 



8 400 
150 

4 800 
18 500 
21195 

550 

11900 

7 700 

44 000 

15 487- 

5 000 

6 000 



14 

886 
10 
8 
8 
20 
8 
5 
4 
8 

12 
10 



Im Durchschnitt bedecken die Koblenfelder dieser 12 Staaten 1/4 
der Oberfläche derselben; ein einzelnes Kohlenfeld dort hat auf einer 
Länge von 750 (engl.) Meilen eine mittlere Breite von 85 Meilen; 
manche der Flötze mögen immerhin wenig mächtig sein; jedenfalls ist 
aber ein grosser Yorrath an Kohlen dort vorhanden, der Amerikas in- 
dustrielle Zukunft sichert. 

In Neu-Schottland und Neu -Braunschweig bedecken die Kohlen- 
felder '/g der Gesammtoberfläche. 

In England haben die Kohlenfelder 6039 Quadratmeilen, d. i. i/g 
der Gesammtoberfläche, in Wales 1160 Quadratmeilen oder ^[^ der 
Oberfläche, in Schottland 1720 Quadratmeilen c= Vis ^^^ Oberfläche. 



>) Eine «nglische MeU« := 1609 Meter; 21 englische Q Meilen = 1 geogra- 
phische Q Meile. 



Digitized by VjOOQIC 



Steipkohlen. 237 

Das grosse Centralkohlenfeld in Yorkshire, Derbyshire and Nottingham- 
shire umfasst eine Fläche von 650 000 Acres b^^ einer Gesammtmäch- 
tigkeit der 12 Flotze von 32 Fass. Das Eohlenfeld von Newcastle be- 
deckt eine Fläche von 500000 Acres nnd enthält 18 bauwürdige Flötze 
(das stärkste 7 Fass mächtig) mit der Gesammtmächtigkeit von 80 Fass; 
das Kohlenfeld von Lancashire, Cheshire nnd Wigan omfasst 400000 
Acres, von den Kohlenlagern in Irland das von Monster 1 Million, das 
von Ulster 500000 Acres. 

Es sind nan noch viele Kohlenlager in Brasilien, China, Ostindien, 
Afrika und Australien entdeckt, über die Aosdehnnng derselben und ihre 
Mächtigkeit wissen wir aber nichts. 

Die Steinkohlen finden sich in einer eigenthflmiichen derUebergangs» 
formation angehörenden Ablagernng der sogenannten Steinkohlenfor* 
mation; in chemischer nnd technischer Besiehung reihen sich den Stein- 
kohlen die geologisch noch älteren Anthracite an. 

Dass die Steinkohle ein Zersetznngsprodnct einer vorweltlieh«! 
Pflanzenwelt ist, darüber herrscht wohl kein Zweifel» das Vorkommen 
von deutlich erkennbaren Pflanzen und Pflanzentheilen giebt hierüber 
vollkommene Sicherheit; Schulze fand in den Steinkohlen noch wohl- 
erhaltene Zellen, Göppertin der Faserkohle, die deutliche Holzstrue« 
tur erkennen lässt, parenchymatöse Holzzellen und Markstrahlen. Häufig 
lassen sich noch deutlich verschiedene Pflanzenarten erkennen und un- 
terscheiden; nach Teschemacher sind es hauptsächlich Coniferen und 
Palmen und baumartige Farm, welche die Steinkohlenlager bildeten. 
Die Steinkohlenflora, namentlich von Brongniart, von Unger und 
von Göppert untersucht, enthält verschiedene Species von SUgmarwi, 
Stgtüarien^ Lepidodendreen^ CalamUn u. a.; die sogenannte mineralische 
Holzkohle besteht meistens aus Araniearites Cixrbonanus. 

Auf welche Art die ursprüngliche Pflanzensubstanz in Steinkohle 
umgewandelt sei, darüber herrschen verschiedene Meinungen. Nach 
einer früher allgemeiner verbreiteten Ansicht sollten die Wälder der 
Vorwelt unter glühenden Gesteinsmassen begraben und durch die Hitze 
hier in Kohle verwandelt sein. Es ist nicht wahrscheinlich, dass die 
Umwandlung der organischen Substanz so stürmisch nnd plötzlich vor 
sich ging; es ist aber auch eine solche Annahme nicht nöthig, um die 
gegebene Erscheinung zu erklären. Wir haben unzweifelhaft anzuneh- 
men, dass die Pflanzen, mit Thon und anderen mineralischen Absätzen 
bedeckt,' hier bei Abschloss der Luft und unter starkem Druck eine lang- 
same Zersetzung eineGährung oder Vermoderung erlitten; durch diese 
Gährung traten verschiedene Verbindungen aus, theils flüssig, theils gas- 
förmig, namentlich Wasser, Kohlensäure und Kohlenwasserstoffe^ welche 
letzteren wir ja als „Grubengas^^ oder schlagende Wetter noch in den 
Steinkohlenflötzen eingeschlossen finden und die beim Erwärmen schon 
bei 50<^C. aus den Kohlen entweichen; durch diese Zersetzung traten 
namentlich sauerstoffreiche Verbindungen, Wasser und Kohlensäure, aus, 
so dass der Bückstand, die Steinkohle, der Pflanzensubstanz gegenüber 
namentlich ärmer an Sauerstoff dagegen reicher an Kohlenstoff werden 
musste. Dass in Folge dieser Zersetzung Wärme frei ward, nnd dass 
diese dann die Zersetzung beschleunigte, ist nicht zu bestreiten ; nur 



^) 1 Acre = 0,4046 Hectare = 1,5846 Preuss. Morgen oder 1 Hectare =s S,47 
Acres« 



Digitized by VjOOQIC 



238 - Steinkohlen. 

ist es nicht nöthig anzunehmen, dass die Wärme sich bis zur Glühhitse 
steigerte. Die geognostischen Verhältnisse der Stein kohlenformation ma« 
chen die Bildung der Steinkohlen unter Mitwirkung von Wasser wahr- 
scheinlich; verschiedene Beobachtungen und Versuche haben diese Wahr- 
scheinlichkeit nachzuweisen gesucht, besonders der Umstand, dass Baum- 
stämme der Alluvialperiode am Delta der Flüsse mit grossen Schich- 
ten Sand bedeckt nach Jahrzehnten oder Jahrhunderten sich in eine dichte 
schwarze den Steinkohlen mehr oder weniger ähnliche Masse verwan- 
delt hatten. Die Geognosten sind nun theils der Meinung, dass die 
Kohlen sich an den Deltas der Flüsse bildeten, wo grosse Pflanzen- 
massen zusammengeschwämmt und mitSand bedeckt wurden, sich dann all- 
roälig hier zersetzen, oder sie betrachten sie als sedimentäre Bildung von 
zusammengeschwemmten Pflanzen ; andere Geognosten nehmen an, dass 
die Kohlen ans einer an Ort und Stelle befindlichen Vegetation durch 
Senkung des Landes entstanden seien. Göppert setzt auseinander, 
dass die Bildung der Steinkohlen der gleiche Process war, wie wir ihn 
noch heutigen Tages bei der Torfbildung sehen. Man hat auch wohl 
die Steinkohle als aus vorweltlichem Torf entstanden bezeichnet. An- 
dere Hypothesen über Bildung von Steinkohlen stehen vereinzelt und 
unbewiesen, so die Ansicht, dass die Steinkohlen entstanden seien durch 
Oxydation flüssiger Kohlenwasserstoffe, welche sich in Vertiefungen ge- 
sammelt hatten (BoQtigny ^), da könnte man wohl fragen, woher diese 
Kohlenwasserstoffe kamen? 

Ebenso wenig begründet erscheint die Annahme, dass Kohlenstoff 
haltende Gase, aus dem Erdinnern dringend, auf Schichten eingewirkt 
hätten, welche vegetabilische Reste eingeschlossen enthielten (Bi- 
vidre *). 

Es sind mannigfache Versuche angestellt, um nachzuweisen, dass 
Pflanzensubstanzen schon bei einer nicht hohen Temperatur, zum Theil 
unter Mitwirkung von Wasser, sich in eine steinkohlenartige Masse ver- 
wandeln können. 

Göppert glaubt, dass die Gegenwart von schwefelsaurem Eisen 
die Umwandlung wesentlich fördere; er fand, dass Holz in Wasser, 
welches etwa 1 Proc. Eisenvitriol enthielt und dessen Temperatur bei 
Tage 1000 C. bei Nacht 60<^ bis TO^C. war, sich nach einigen Jahren 
in eine steinkohlenartige Masse verwandelt hatte. Es ist wohl anzu- 
nehmen, dass bei etwas erhöhter Temperatur die Umwandlung schnel- 
ler, bei niedriger Temperatur aber langsamer vor sich gegangen sein 
würde. 

Cagniard-Latour erhitzte zerkleinertes Guajacholz oder altes Sy- 
camorenholz, mit der Hälfte seines Gewichtes Wasser gemengt, in einer 
zugeschmolzenen Glasröhre auf 360^ C, und fand, dass das Holz sich da- 
durch in eine der fetten Steinkohle ähnliche Substanz verwandelt hatte. 

Nach Violette verwandelt sich Holz, in einem zugeschmolzenen 
Glasrohr auf diO^ C. erhitzt, in eine dichte geflossene guter Steinkohle 
ähnliche Masse, 30 Proc. vom Gewicht des Holzes betragend; diese Masse 
enthielt in 100 Thln. neben 3,8 Asche: 77 Kohlenstoff, 4,7 Wasserstoff 
und 14 Sauerstoff, kam also auch in der Zusammensetzung mit der 
Steinkohle überein. 

Barouli^re fand, dass Vegetabilien, zwischen Thon stark zusam- 



*) Compt rend. T. XL, p. 476. — ») Compt. rend. T. XLVII, p. 646. 

Digitized by VjOOQIC 



Steinkohlen. 239 

inengepresst und damit auf 200^^ bis 300^^0. erhitzt, sich in eine stein- 
kohlenartige Masse verwandelten. 

Die Steinkohlen enthalten nun die gleichen Elemente wie Holz, näm- 
lich Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff, aber unstreitig in einem an- 
deren Verhältnisse als die ursprüngliche Pflanzensubstanz ; wir dürfen an- 
nehmen, dass die Pflan^ensubstanz der Vorwelt die gleiche Zusammen- 
setzung wie die der Jetztwelt hatte; die Steinkohle enthält dann mehr 
Kohlenstoff, dagegen viel weniger Sauerstoff und etwa die gleiche Menge 
oder etwa 1 Proc. weniger Wasserstoff als die Pflanzensubstanz. Sehen 
wir einstweilen von den übrigen Elementen ab, so liegt der Hanptunter- 
schied in dem geringeren Gehalt an Sauerstoff und dem grosseren Ge^ 
halt an Kohlenstoff. Der Sauerstoff ist theils als Wasser, theils als 
Kohlensäure fortgegangen, der Wasserstoff .theils als Wasser, theils ah» 
Kohlenwasserstoffgas (Sumpfgas), zuweilen haben sich auch flüchtige 
Kohlenwasserstoffe ausgeschieden, die sich auch zum Theil wohl in 
Bussiger Form z. B. als Steinöl sammelten. Die Bildung der Steinkohlen 
Ist also ein Vermoderungsprocess, doch mag auch zuweilen atmosphäri- 
scher Sauerstoff oder der Sauerstoff verschiedener Salze, vorzüglich 
von schwefelsaurem Eisenoxyd, an der Bildung der Oxyde (namentlich 
der Kohlensäure und des Wassers) Theil genommen haben. Die flüchtigen 
Prodacte sind theils entwichen, theils finden wir sie noch zwischen den 
Schichten der Steinkohlen eingeschlossen, aus denen sie beim Abbau oft mit 
grosser Heftigkeit entweichen, die gasförmigen Producte sammeln sich be- 
kanntlich ja oft in so bemerkbarer Menge, dass die Luft in den Gruben nicht 
mehr atherobar ist, und dass sie sich mit Leichtigkeit entzündet (schla- 
gende Wetter). Dass der Rückstand der Pflanzenfaser durch Abschei- 
dnng der erwähnten Verbindungen einen Rückstand von ähnlicher Zn- 
sammensetzung wie die Steinkohle geben muss, hat Liebig durch fol- 
gende Formeln entwickelt; die Zusammensetzung der Cannelkohle von 
Lancashire (s. unten) lässt sich durch die empirische Formel C24H18O 
ausdrücken ; rechnet man die Elemente von Sumpfgas, Cg He , Kohlen- 
saure, CsOig, und Wasser, {{3 Os hinzu, so hat man CaeHs^Ogs^ d.i. die 
empirische Zusammensetzung der Holzfaser. Natürlich sollen hier die 
Formeln nur procentische Zusammensetzung ausdrücken, ohne eine be- 
stimmte chemische Verbindung zu bezeichnen. Bischof macht die 
Umwandlung dem absoluten Gewichte nach anschaulich; als mittlere 
Znsammeni^etzung für eine grosse Reihe Steinkohlen (s. S. 240) hatte sich 
82,2 Kohlenstoff, 5,5 Wasserstoff und 12,3 Sauerstoff ergeben; nimmt 
man an, dass 100 Holzfaser (49,1 Kohlenstoff, 6,3 Wasserstoff, 44,6 
Saaeratoff) 57,6 Kohlensäure und 20,4 Kohlenwasserstoff, oder 54,2 
Kohlensäure und 4,0 Wasserstoff (der durch den Sauerstoff der Luft 
oder eines Salzes oxydirt ward), oder endlich auch 15,7 Kohlensäure 
imd 29,8 Wasser entwickelten, so blieben im ersten Falle 22,0, im zwei- 
ten FaUe 41,7 und im dritten Falle 54,5 Kohle von der angegebenen 
Zusammensetzung zurück. Eine Steinkohle von 76,7 Kohlenstoff, 5,2 
Wasserstoff und 18,1 Sauerstoff kann aus 100 Pflanzenfaser durch Ab- 
scheidung vnn 55,1 Kohlensäure und 20,0 Kohlenwasserstoff entstanden 
sein, oder es entwickelten sich 12,1 Kohlensäure und 28,2 Wasser oder 
49,8 Kohlensäure und 3,8 Wasserstoff, welcher durch von aussen kom- 
menden Sauerstoff oxydirt wurde; in einem Falle blieben 24,9, im an- 
deren 59,7 und im dritten Falle 46,3 Kohle, aber immer von derselben 
Zasammensetznng. 



Digitized by VjOOQIC 



240 Steinkohlen. 

Ein Anthracit (94,0 Kohlenstoff, 1,7 Wasserstoff, 4,2 Sauerstoff) 
kann sich aus 100 Pflanzensubstanz durch Abscheidung von 60,8 Koh- 
lensäure und 24,1 Kohlenwasserstoff oder von 59,3 Kohlensäure und 
5,7 Wasserstoff gebildet haben, es entstand dann 15,1 oder S5,0 An- 
thracit 

Der Umwandlungsprocess der Pflanzensubstanz in Steinkohle ist 
jedoch kein vollendeter, er ist ein heutigen Tages noch fortschreitender, 
wir sehen daher in den Gruben noch fortwährend Kohlenwasserstoff 
und Kohlensäure von neuem entstehen. > 

Sehen wir nun auf die empirische Elementarzusammensetzung der 
Steinkohle, so finden wir, dass der Gehalt an Kohlenstoff, Wasserstoff 
und Sauerstoff nicht constant ist, gerade weil, wie erwähnt, die Um- 
wandlung eine unvollendete noch fortschreitende und nicht übenJl gleich- 
artige und gleichmässige ist 

Der Grehalt an Kohlenstoff und Wasserstoff wird in den Steinkohlen 
am besten durch Verbrennung nach Art der Elementaranalyse bestimmt, 
nur muss man hierbei, um allen Kohlenstoff vollständig zu verbrennen, 
zuletzt in Sauerstoffgas erhitzen oder die Kohle überhaupt mit chromsau- 
rem Blei verbrennen (s. 2. Aufl. Bd. I, Analyse, organische). Eis ist 
hier aber bei schwefelreichen Steinkohlen darauf zu achten, dass schwe- 
flige Säure nicht in den Kaliapparat gelangen kann. Zahlreiche Ele- 
mentaranalysen von Kohlen liegen vor von Bichardson ^)9 von 
Begnault>), von Playfair*), von Heintz^), Baer*), Nendt- 
vich^. Steint und von vielen Anderen. Der Gehalt an Kohlen- 
stoff bewegt sich etwa zwischen 75 and 85 Proc ; bei den Anthradten 
steigt er Aber 90 Proc; der Wasserstoff schwankt meistens zwischen 
4,5 und 6,5, nur bei den Anthraciten fallt er niedriger als 4,0; der 
Sauerstoffgehalt beträgt zuweilen weniger als 5 Proc, kann aber selbst 
über 20 Proc. steigen. Ab Mittel einer Beihe von 128 Analysen der 
eigentlichen Steinkohlenformation berechnet Bischof die Zusammen- 
setzung von Wasser- und aschenfreier Steinkohle zu 82,3 Kohlenstoff, 
5,5 Wasserstoff und 12,2 Sauerstoff; danach berechnen sich auf 100 Aeq. 
Kohlenstoff mehr als 40 Aeq. Wasserstoff und etwa 1 1 Aeq. Sauerstoff. 
Die Analysen der englischen Steinkohlen von Play fair ergeben im 
Mittel von 97 Analysen nahe 86,5 Kohlenstoff auf 5,4 Wasserstoff und 
8,1 Sauerstoff, das entspricht auf 100 Aeq. Kohlenstoff nahe 37 Aeq. 
Wasserstoff und 7 Aeq. Sauerstoff. 

Die Bestimmung des Stickstoffs findet am leichtesten in der Form 
von Ammoniak nach Varrentrapp's und Will's Methode (2. Aufl., 
Bd. I, S. 881) statt Der Schwefel ist in den Steinkohlen häufig zum 
Theil als schwefelsaures Salz, ein Theil zuweilen in organischen Ver- 
bindungen, der grössere Theil ist aber jedenfalls in der Begel wohl als 
Schwefelkies darin enthalten. Dieses Schwefeleisen ist unzweifelhaft 



^) Annal. d. Ghem. u. Pharm. Bd. XXIII, S. 41. ~ *) Ebendas. Bd. XXV, S. 82 
11. 246; Annal. de chim. et de phys. [2.] T. LXVl, p. 837. — ') Mechan. Magas. 1848, 
Kr. 1285 bis 1288; Civil. Engin. and Arch. Joum. September 1849, p. 269; Dingl. 
polyt. Jonrn. Bd. CX, S. 112 u.268; Bd. CXIV, S. 845. — *) Brix, Untersnehong 
der Heizkraft der Brennstoffe a. s. w. Berlin 1853, S. 877. — ^)Baer, Archiv d. Pharm. 
[2.] Bd. LVI, S. 159 ; Bd. LXI, S. 1 ; Bd. LXIII, S. 129 ; Bd. LXVI, S. 263 ; Bd. LXYII, 
S. 277; Jahresber. v. Liebig u. Kopp 1847, S. 1112; 1850, S. 688; 1851, S. 783. 
— •) Nendtvich, Joum. f. prakt. Chem. Bd.XLI, S. 8; Bd. XLII, S. 865; Bericht 
d. Wien. Akad. 3d. VII, S. 487; Jahresber. v. Liebig u. Kopp 1851, S. 782. — 
ChemiBch-technische Üntersachung der Steinkohlen Sachsens. Leipsig, 1867. 



Digitized by VjOOQIC 



Steinkohlen. 241 

entstanden durch die rediicirende Einwirkung der yefmodemden orga- 
nischen Substanz auf schwefelsaures Salz. Der Schwefelkies hat sich 
zuweilen an einzelnen Stellen in grösseren Mengen abgeschieden, häufig 
ist er feinvertheilt durch die Masse der Kohle; er oxydirt sich dann zu- 
weilen in Berührung mit der Luft unter bemerkbarer Wärmeentwickelung, 
und kann so zur Selb3tentzundung der Kohle Veranlassung geben. Zur 
Bestimmung des Schwefels wird die Kohle feingepulvert mit Salpeter 
und kohlensaurem Natron gemischt und verpufilt, wobei freilich dann 
nicht zwischen der schon vorhandenenen und der bei der Oxydation 
gebildeten Schwefelsäure unterschieden wird; ein Theil der schon ge- 
bildeten Schwefelsäure lässt sich der gepulverten Steinkohle durch Be- 
handeln mit verdfinnter Säure entziehen. 

Endlich enthalten die Kohlen Aschenbestandtheile , deren Menge 
ausserordentlich wechselt ; während sie bei guten Steinkohlen nur einige 
Procent beträgt , und selbst oft unter 1 Proc. fällt, selten über 6 Proc. 
steigt, beträgt sie aber zuweilen auch 14 und über 20 Proc. und selbst 
mehr; Göppert ist der Ansicht, dass reine Steinkohle selten mehr als 
5 bis 10 Proc. Asche enthalte, dass bei höherem Aschengehalt man es 
in der Kegel nicht mit eigentlichen Kohlen, sondern wahrscheinlich 
meistens mit Schiefern zu thun habe. Es ist zweifellos, dass der ur- 
sprünglichen Pfianzensubstanz bei den Steinkohlen sich Mineralstoffe von 
aussen beimengen konnte, wie wir dies ja auch bei den Braunkohlen 
und beim Torfe finden; die nicht flüchtigen Beimengungen bleiben beim 
Verbrennen der Kohle natürlich mit der Asche gemengt zurück; daher 
finden wir, dass manche Kohlen 40 bis 50 Proc. Asche hinterlassen. 
Krem er s nimmt an, dass die ursprünglich in den Pflanzen enthaltenen 
Mineralstoffe meistens nicht mehr vorhanden, sondern dass sie durch 
andere ersetzt seien. 

Die Asche enthält namentlich Thon und Eisenoxjd neben etwas 
Kalk und Magnesia, Alkali findet sich meist nur in geringer oft in kaum 
nachweisbarer Menge, ausserdem enthält sie Schwefelsäure, zuweilen 
Spuren von Phosphorsäure; als in geringer Menge in den Steinkoh- 
len vorkommend ist noch Jod und Brom zu bezeichnen (Bussy); 
Baer hat geringe Mengen Baryt darin gefunden; Malaguti, Du- 
rocher und Sarzeaud geben an, Silber darin gefunden zu haben; Ri- 
chardson fand in der Asche einer Kohle, welche inKelso in Schottland 
benutzt und wahrscheinlich in Berwick gewonnen wird, ausser den 
gewöhnlichen Bestandth eilen noch Titansäure, Nickeloxydul und Zink- 
oxyd. Daubr^e fand Arsen und Antimon. Vaux fand auch Kupfer 
und Blei; Philipps konnte diese beiden Metalle bei der Untersuchung 
von 16 Steinkohlenarten nicht finden. 

Wegen des Gehaltes der A.«che an löslicher Thonerde und an 
Schwefelsäure hat man sie früher wohl zu Alaun benutzt. Wegen des 
meist bedeutenden Gehalts an Eisenoxyd ist die Asche roth, stark er- 
hitzt, ist sie selten pulvrig, meistens zusammengesintert und selbst 
verschlackt. 

Die quantitative Zusammensetzung von Steinkohlenasche ist wie- 
derholt untersucht. Die nachfolgende Tabelle zeigt die Zusammen- 
setzung verschiedener Steinkohlenaschen. 



BandwOiterbnch d«r Chemie. Bd. VIII. \ g 

Digitized by VjOOQIC 



242 



Steinkohlen. 



A 









'OJniiB 
-joqd 
-Boq^ 



*noi|ii^ 



•Tl»X 



*«I8 



-vn 



io«o©i"'*o^^ "i^roo oTco rfT« o «D i-J^i-T^-ToO r-l o I I I 



<S 






I I I I I t I i*o'S-S'S'l I I I 






I I i I I I I I I I I I I I I II 



II II II I I I II I I II o- I o'o' I II o' I 



I I I I I II 









^ 



M 

iS 



g «^r» G^OO »-«^t*;. 

O« t-To of .-T »-r i-T 






O »-^ ©« C4^ o r^ «>^ 









1 



'iraSuvyv 



*pXxo 
-aasig 



I 1 1 i I I I 



o' I II I I I II II I II I I II 



'9pJ9 

-uoqx 



00 »O O «-«^O '«f 
«41 lO lA 00 G4 O C4 



^ CO CC ^ t^ OO OD 0^ tO <S '<f G <S e^ ©i t^»-« 



»«- O -^ «^ "^ O ö>^ 0^*0^0.00^ -^^©».00. ^^®1 

o t>ror©r-^oracri-rc>r«-roo o* ©TocT *-5"i-r«» 

00 00 09 <^ OQ 00 00 64 64 00 »-< O* 00 00 O« 



*»PJ9 

-lasaiH 



o 0>C« O^OO <Ö<© 

o" o ^ oo" oT t-T f-T 

•^ e<9 00 lO o 00 CO 



00 •« 00 ifr"^o"cr«^i<ro «-T^-ToT"^ «^oo» 





'*^ flfi M* w Im 

'S .ts £ 2 o . j* S 



^ ^ri ^ S OJ 1^ A 



C» 



*-< <N eO '^ >C C9 r- 



' 5 '^ 2 .S S 2 



CO 



0» 

i 

■Sil 

1» 









g 

4S ^ o o» 



04 






c 

.sc 
SB 



c s 






Digitized by VjOOQIC 



Steinkohlen. 

Richardson i) fand in 100 Asche: 



Titanssare . . . 
Kieselsäure. . . 
Schwefelsäure . 
Nickeloxydul . 



7,0 

1,3 

21,2 

1,4 



Zinkoxyd 
Magnesia 
Chlor . . . 
Eisenoxyd 



Stein fand bei Untersuchung 



2,0 

1,0 

9,6 

27,0 



243 

Kadmiumoxyd . . 1,4 

Kali 18,8 

Natron 6,9 



der sächsischen Steinkohle von 100 



Thln. Asche im Maximum 14, im Minimum 0,4 Thle. löslich; im Durch- 
schnitt berechnen sich aus 67 Analysen 3,4 Froc lösliche Salze. 

Kremers fand in der Asche von Kohle, die in einem Glasrohr ver- 
brannt war: 





GlaiukoUe. 


BuMkohle. 


Sand * 


24,5 

17,5 

18,7 

13,5 

1,8 

6,4 

2,2 

0,2 

1,1 


6,6 

5,1 

40,1 

1,9 
11,6 


Kieselsäure 


Ewenoxyd 

Thonerde 

Kohkneauren Ka]k 


Kalk 


Ki^li . . - . . 


0,1 
0,4 
2,7 


Natron 


MinifBia 




Summe der onlödicheii Körper .... 


86,9 


68,5 



ScbwefiBlsauren Kalk 

SchwefeLsaure Magnesia 

Magnesia 

KaM 

Natron 

• 

Summe der löslichen Körper 



11,8 
0,8 



13,9 



18,7 
9,7 
2,4 
0,2 
0,2 



81,2 



Die Steinkohle ist schwarz, von etwa 1,2 bis 1,4 specif. Gewicht, 
und zeigt einen schwarzen Strich; 100 Liter Kohlen wägen mit dem 
leeren Räume ungefähr 80 bis 100 Kilogi*amm; das hängt zum Theil 
von der Grösse der Kohlenstücke und der dadurch bedingten Grösse 
der Zwischenräume ab. 

Man unterscheidet in technischer Beziehung verschiedene Arten, 
theils nach der Verwendung, so Dampfkessel kohlen, Gaskohlen, Haus- 
haltnngskohien , hauptsächlich nach dem Ansehen und dem Verhalten 
beim Erhitzen. 

In England unterscheidet man namentlich Backkohlen, Splint- 
oder harte Kohlen, Kirschenkohlen und Cannel- oder Parrot- 
kohlen. 

Die Backkohle {caking-eoal) ist grauschwarz, massig fest, hat un- 
ebenen Bruch und zeigt fettartigen bis sammtähnlichen Glanz. Die 
weniger bituminöse Backkohle zerfällt beim Erhitzen in kleinere Stücke, 
die beim stärkeren Erhitzen zusammensintern; die bitumenreichere 
Kohle erweicht beim Erhitzen durch die ganze Masse und binterlässt 



>) Jahresber. v. Liebig a. Kopp 1847, S. 1120. 



Digitized by VjOOQIC 



244 Steinkohlen. 

eine blasige Kohle (Kohks). Beim Erhitzen an der Luft giebt die 
Backkohle eine lange gelbe Flamme; wenn nicht gut aufgerührt wird, 
so verstopft die Kohle leicht den Roät durch festes Ansetzen, und die 
Flamme verlischt dann schnell wegen Mangel an Luft. 

Splintkohle oder harte Kohle {aplmt-coal) ist braunschwarz 
bis tiefschwarz, hat Harzglanz, zeigt einen splittrigen Querbruch, einen 
unebenen Hauptbruch, entzündet sich schwerer als die Backkohle, brennt 
aber ein Mal entzündet, mit lebhafter Flamme unter starker Wärme- 
entwickelnng. 

Die Kirschenkohle oder weiche Kohle (cherry-coal) ist der 
Backkohle ähnlich aber glänzender, entzündet sich leicht und giebt ein 
lebhaftes Feuer mit heller gelber Flamme. 

Die Cannelkohle, Pech- oder Parrotkohle (candU-coal^ par- 
ToUcoal) ist grau bis pechschwarz, zuweilen matt, zuweilen harzartig 
glänzend, hat einen muschligen oder Üachschiefrigen Bruch, feste und ' 
gleichroässigc Textur, und brennt, an der Luft erhitzt, leicht und mit 
gelber schöner Flamme (daher candle-coal). 

Zu der Cannelkohle gehört der Gagat (jet)^ der in England vielfach 
zu Schmucksachen, Nadeln, Brechen und dergleichen verarbeitet wird, 
weil er fest ist und eine schöne Politur annimmt. 

Man unterscheidet sonst auch wohl nach dem Aeusseren die schwär» 
zen glänzenden oder Pechkohlen, dann nach dem Bruch die stärker ge- 
schichteten sich leicht horizontal spaltenden Kohlen als Schieferkohle, 
oder wenn sie in ganzen dünnen Schichten spaltbar ist als Blätter- 
kohle, die dickschiefrigen von mattem Glänze als Grobkohle. 

Die Steinkohlen, beiAbschluss der Luft erhitzt, hinterlassen Kohle 
von ganz verschiedenem Aeusseren, und danach theilt Karsten sie in 
Backkohlen, Sinterkohlen und Sandkohlen, eine Eintheilong, 
die in Deutschland allgemein im Gebrauch ist. 

Die Backkohle wird beim Erhitzen ganz weich, und giebt eine 
zusammengebackene mehr oder weniger poröse bis blasige* Kohle; hier- 
her gehört die caking-cocU der Engländer. 

Die Sinterkohle wird beim Erhitzen nur wenig weich, sintert 
daher fest zusammen, bläht sich aber nicht auf, und ist daher eine 
dichte nicht poröse Masse. Hierher gehört die bitumenärroere Back- 
kohle, dann namentlich die Kirschenkohle. 

Die Sandkohle zerfallt beim Erhitzen, ohne weich zu werden, 
und hinterlässt daher eine pulverige Kohle. In diese Classe gehört die 
Splintkohle, dann der Anthracit. 

Dass dieses verschiedene Verhalten beim Erhitzen durch die Be- 
standtheile bedingt sei, ist keine Frage; wenn wir das Verhalten mit 
der Elementarzusammensetzung vergleichen, so scheint es, dass hier 
die absolute Menge des Wasserstoffs« und sein relativer Gehalt zum 
Sauerstoff in Betracht kommt. Man nimmt häußg an, dass eine backende 
Kohle mindestens 3 Proc. Wasserstoff enthalten muss, und dass der Sauer- 
stoff nicht mehr als höchstens das Vierfache des vorhandenen Wasser- 
stoffs betragen darf. Bei einer Sinterkohle findet sich ein sehr ver- 
schiedener Wasserstoffgehalt; ist dieser Gehalt höher als 1,5 Proc., so 
musK der Sauerstoffgehalt wenigstens das 5i/3fache des Wasserstoffs be- 
tragen. Bei den Sandkohlen ist der absolute Wasserstoffgehalt gering, 
und das Gewichtsverhältniss zwischen ihm und dem Sauerstoff nähert 
sich den Zahlen 1 : 8. Man nahm früher wohl an, dass die Backkohlen 

Digitized by VjOOQIC 



Steinkohlen. 245 

weniger Kohlenstoff enthalten als die Sinter- oder Sandkohlen, das ist 
aber dorchaas nicht feststehend , dagegen zeigt aach der Gehalt an 
Wasserstoff und sein Verhältnidä zum Sauerstoff sich auch nicht immer 
abereinstimmend mit der Beschaffenheit der Kohks. 

lieber die näheren Bestandtheile der Steinkohle ist kaum etwas 
mit Sicherheit bekannt; man kann nicht annehmen, dass die Koh- 
len eine einfache chemische Verbindung seien, dagegen spricht ihr .gan- 
zes Verhalten; eher lässt sich annehmen, dass sie ein Gemenge sind 
von Bitamen mit einem sehr koblenstoffireichen anthracitartigen Kör- 
per, hierfür scheinen mikroskopische Beobachtungen zu sprechen, da die 
Fflanzensellen gewöhnlich mit einer fremdartigen Substanz gefällt er* 
scheinen; gegen die Annahme pprieht aber die Schmelzbarkeit vieler Koh- 
lensorten und die gleichmässige Structur mancher Kohlen. Jedenfalls 
darf man wohl annehmen, dass die Steinkohlen Gemenge sind von sauer- 
stoffreicheren Verbindungen, veränderter Cellulose etwa, mit sauerstoff- 
irmeren Verbindungen oder mit Kohlenwasserstoffen ; die bei der trocke- 
nen Destillation erhaltenen flüchtigen Körper sind zum Theil vielleicht 
Edaete, grösstentheils jedoch wohl Producte. Dafür dass hierbei zum 
Theil Edaete abgeschieden werden, spricht der Umstand, dass frisch ge- 
brochene gepulverte Steinkohle schon bei gewöhnlicher Temperatur, 
schneller im Vacuum, und beim Erwärmen über 50^ C. Gas entwickelt 
(Grubengas), beim £rhitzen unier 300<>C. entwickelt sich auch etwas 
Gondensir bares Oel (0,001 bis 0,0015), wie es scheint Benzol. Dieselbe 
Veranderong wie beim Erwärmen erleiden die Steinkohlen auch beim 
längeren Liegen an der Luft (de Marsylli). Dafür dass die Kohlen 
schon fertig gebildete flüchtige Bestandtheile enthalten, scheint ferner 
die Erfahrung zu sprechen, dass sie beim längeren Liegen an der Luft 
an Brennbarkeit und an Ueizkraft verlieren. 

Eine anveränderte Absch^dung der Gemengtheile durch verschie- 
dene Lösungmittel, wie flüchtige Oele, Alkohol, Aether, Schwefel- 
kohlenstoff u. s. w., scheint noch nicht untersucht i). Kaustisches Alkali 
nimmt aus den Steinkohlen gewöhnlich nichts auf. 

Die Steinkohlen sind brennbar, sie entzünden sich beim Erhitzen 
an der Laft wie oben erwähnt, aber zuweilen schon ohne äussere Er- 
wärmung, und zwar kann hier die Selbstentzündung der Kohle beim 
Lagern wie in den Gruben stattfinden, sobald Luft hinzutritt; bei Dutt- 
weiler und bei Zwickau brennen seit langen Zeiten Steinkohlenflötze ; 
ob hier eine Selbstentzündung eingetreten ist, ob sie sich durch Er- 
hitzen von Aussen entzündet haben, lässt sich nicht nachweisen. Unter 
den Exhalationen finden sich als sublimirbare Producte namentlich 
Schwefel und Salmiak. 

Werden Steinkohlen bei Zutritt von Luft erhitzt, so entwickelt sich 
Kohlenoxyd und kohlenstoffreiche Kohlenwasserstoffverbindungen, welche 
mit heller meist russender Flamme brennen; das Brennen mit Flamme 
hört bei den Anthraciten sehr schnell auf, bei den Steinkohlen dauert 
es länger, sie verhalten sich aber ungleich, die fetten Kohlen brennen 
gewöhnlich nicht so lange wie die Cannelkohlen; der kleinere Theil 
des Kohlenstoffs geht hierbei in der Flamme in Form brennbarer Gase 
fort, der grössere TheU bleibt als glühende pulverige zusammengesinterte 



>) Nach Elwert and Holz löste ans 100 Thln. Kohrer Steinkohlen Schwefel- 
1 kohleiiitoff 4; sUrker Alkohol 2,7; Aether 1,3-, Benzol 0,9 Theile. 



Digitized by VjOOQIC 



246 Steinkohlen. 

oder poröse Kohle (s. obeu)^ die bei Zutritt der Lud dann vollständig 
mit Zurflcklassung von pulveriger oder verschlackter Asdie verbrennt. 
Die Verbrennung des Kohlenstoffs erfolgt schwierig ganz vollständig, 
ein Theil der Kohle wird leicht von der Asche eingehüllt und dadurch 
vor dem Verbrennen geschützt; aber auch aus den glühenden Gasen 
scheidet sich häufig ein Theil des Kohlenstoffs un verbrannt in feinver- 
theiltem Znstande als feiner Russ ab, ein Uebelstaud, der bei unseren 
Steinkohlenfenerungen in doppelter Hinsicht nachtheilig ist, durch Be- 
lästigung, indem der feine Russ in der Umgebung sich absetzt und 
diese beschmutst, und durch Verlust nn Kohlenstoff, daher an Wärme. 
Die Ursache dieser Abscheidung, des Riissens der Steinkohlenflamme 
kann in einem Mangel an Sauerstoff liegen, oder in einem Mangel an 
Wärme, indem durch zu starke Abkühlung ein Theil des Kohlenstoffs 
unter die Entzündungstemperatur abgekühlt wird und sich daher ab- 
scheidet Solche Abkühlung findet oft momentan statt, z. B. beim Auf- 
schütten frischer Steinkohlen, namentlich aber auch dadurch, dass sich 
ein Uebermaass von kalter Luft, plötzlich den glühenden Gasen bei- 
mengt, z. B. beim Oeffnen der Feuerungsthüren ; gewiss ist ein Ueber- 
maass von kalter Luft, d. i. eine zu starke Abkühlung, häufiger Ur- 
sache der unvollständigen Verbrennung, als Mangel an Sauerstoff. Der 
Uebelstand des Russens hat sich mit dem stark zunehmenden Consnm 
an Steinkohlen, mit der Vermehrung der Steinkohlenfenerungen, selbst 
in England ^) fühlbar gemtfcht , so dass durch eine Pariamen tsacte vom 
Jahre 1851 den Kaminen sogar verboten wurde, schwarzen Rauch aus- 
znstossen, leider hat das Parlament imr kein probates Mittel gefunden, 
den Uebelstand ganz zu heben <). 

Es ist hier nicht der Ort, auf die verschiedenen Vorschläge und 
die einzelnen Beschreibungen von Vorrichtungen einzugehen, welche 
als vortheilhaft und zweckmässig ungerühmt sind, um ein vollständiges 
Verbrennen zu erreichen. Wir müssen in dieser Beziehung anf die 
technischen Journale verweisen. Wir wollen hier nur das Princip der 
verschiedenen Verbesserungs vorteil läge im Wesen tliclien kurz bespre- 
chen, wegen der weiteren Einrichtungen auf die Literatur verweisend *). 



») Vergl. Dingl. polyt. Journ. Bd. CXXXVI, S. 73 u. 813. 

•) Dingl. polyt. Journ. Bd. CXXXIII, S. 190 u. S. 897. 

*) Wir kOnnen und wollen hier nur auf einige betreffende Abhandlungen rer- 
weisen. Meissner, Mittel zur vollständigen Verbrennung. Zeitschriil d. Oeeter- 
reichischen Ing.- Vereins 1864, Nro. 112; Dingl. polyt. Journ. Bd. CXXXII, S. 19. 

— Hall, Repert. of Pat. luv. Aug. 1854, p. 127; Dingl. polyt, Journ. Bd- 
GXXXIV, S. 261. 2. — Scott, Armeng. G^n. ind. Decemb. 1864; Dingl. poM. 
Journ. Bd. CXXXVI, S. 48; Poljrt. Centralbl. 1864, S. 1222. — MarsiDy, Bull, 
de la Boc. d*enc. Mars 1856, p. 160; Dingl. polyt. Journ. Bd. CXXXVI, S. 447.— 
Grade, Armeng. G^n. ind. Juill. 1864, p. 21; Polyt. Centralbl. 1854, S. 1102. — 
Price, Ciy. Engin. Journ. 1854, p. 14; Polyt. Centralbl. 1854, S. 682. — Wood- 
cock, London. Journ. of arts. December 1854, p. 446; Polyt. Centralbl. 1856. 
S. 468. — Dumen il, Gompt. rend. T. XL, p. 984 ; Dingl. polyt. Journ. Bd. CXXXVIl. 
S. 28. — George, Armeng. Gen. ind. Septb. 1855, 118; Decehr. 1858, p. 381; 
Dingl. polyt. Journ. Bd. CXXXVIII, 8. 410; Bd. CLII, S. 382. — Armstrong, 
Civ. Engin. Journ. Aug. 1865, p. 286; Dingl. polyt. Journ. Bd. CXXXVIII, S. 165. 

— 8 ilb ermann, Dingl. polyt. Journ. Bd. CXXXIX, 8.81 u. 88; Polyt. Centrmibl. 
1856, 8.567. — Rtthlmann, Mittheil. d. Gewerbe-Vereins in. Hanover 1856, S. 150 
u. 816; Polyt. Centralbl. 1866, 8.1226; Dingl. polyt. Journ. Bd. CXLIII, S.826.— 
Dumery, Armeng. G^n. ind. Juill. 1856, p. 6; Polyt. Centralbl. 1856, 8. 1283; 
Dingl. polyt. Journ. Bd. CXL, 8. 241, u. 465. — Clark, Armeng. G^n. ind. Mari« 
1867. p. 165; Dixigl. polyt Journ. Bd. CXLVUI, 8.264. — Deabsissi^ries: Polrt. 



Digitized by VjOOQIC 



Steinkohlen. 247 

Ein wesentlicher Nachtheil der gewöhnlichen ileitzeinrichtongen 
bei Dampfkesseln u. s. w. liegt darin, dass beim Oe£Enen der 
Thuren plötzlich eine Menge kalter Luft hinzutritt, welche die glühen* 
den Gase abkühlt und daher Kohle abscheidet; ein anderer Nachtheil 
ist der» dass die frischen Kohlen auf die glühenden geworfen werden, 
die aas den letzteren sich entwickelnden Gase werden dadurch zu stark 
abgekühlt, zugleich wird aus den frischen Kohlen rasch eine grosse 
Menge Gas entwickelt, aber nicht zugleich hinreichend' erhitzt, um voll« 
standig zu verbrennen, wobei es zum Theil auch augenblicklich an 
Sauerstoff fehlt. Die wesentlichsten Verbessernngsvorschläge gehen 
darauf hinaus, diese Uebelstände zu beseitigen. 

Man hat daher z. B. zwei Brennräume, a und b neben einander 
gelegt) in welchen beiden ein lebhaftes Feuer brennt. Sind die Kohlen 
ina in lebhafter Verbrennung, so wird b frisch beschüttet; durch Oeffnen 
and Schliessen der betreffenden Züge wird dann der Luftzug so ge- 
leitet, dass alle frische Luft jetzt durch b eintritt; die hier sich ent- 
wickelnden Gase gehen dann mit Luft gemengt durch die glühenden 
Kohlen in a, zu welchen sonst kein Luftzutritt stattfindet; hier tritt 
kinrmchende Erhitzung und, wenn Luft genug vorhanden ist, vollstän- 
dige Verbrennung ein. Sollen Kohlen nachgeschüttet werden, so wer- 
den jetzt die nöthigen Register geöffnet und geschlossen, die Kohlen 
kommen nun auf a, und alle Gase und Luft gehen von hier nach b, von 
welchem jetzt jeder andere Luftzutritt abgeschlossen ist. 

Man hat auch die Einrichtung so getroffen, dass die frischen Kohlen 
nicht auf die glühenden Kohlen zu liegen kommen, sondern unter diese 
so dass die hier sich entwickelnden, aber noch nicht hinreichend er- 
bitxten Gase durch die darauf liegenden Schichten glühender Kohlen 
hindnrchstreichen müssen, wobei sie dann leicht verbrennen, wenn es 
nicht an Luft fehlt. Den gleichen Zweck erreicht man bei den Porcellan- 
glühofen durch die eigenthumlicheu Feuerungen (s. unter Thonwaaren). 

Man hat auch, von der Voraussetzung ausgehend, dass es oft an 
Luft fehle, Einrichtungen getroffen, um die Gase mit Luft zu men- 
gen, oder erhitzte Luft zuzuführen. GalP) macht den Feuerraum sehr 
hoch, er bewirkt eigentlich eine Gasheizung, und er will dadurch 
grosse Vortheile erreicht und namentlich die hohen Kamine entbehrlich 
gemacht haben. Andere haben versucht, den brennbaren Gasen be- 
sonders am Ende des Rostes erhitzte Luft beizumengen; man hat zu 
dem Ende Röhren in die Wände der Feuerungen gelegt, die von aussen 
Luft einsangen, und sie dann in die Flamme leiten, nachdem sie sich 
auf dem Wege erhitzt hat 

Von den vielen verbesserten Heitzeinrichtungen hat wohl noch 
keine ihren Zweck einer vollständigen Verbrennung der Kohle ganz 



CentralbL 1857, S. 78S. — Schwarz, Ebendas. 1868, S. 775; Dingl. polyt. Jouro. 
Bd.CXLni, 8.1091. — Kindt: Polyt. Oentralbl. 1868, S. 310. — Herzog: Bom- 
bergs Baixzeitaiigl857, Hft. 7 bis 9 ; Polyt. Centralbl. 1868, S. 1083. — Williams, 
Meeban. Magaz. Ang. 1857, S. 152; T^ndon. Jouni. of arts. Mai 1854, p. 375; 
Dingl. polyt Journ. Bd. CXXXIII, S. 187; Bd. CXLVI, S. 388. — Teabrinek, 
AiraaL des minea. (1868), T. XIII, p. 175; Dingl. polyt. Jonrn. Bd. GL, S. 188.— 
Wagenmann, Pol}-!. Centralbl. 1869, S. 176. — Blanchard: Dingl. polyt* Jonrn. 
Bd. CLIi, S. 829. — Heitz, Eb^ndaa. Bd. CLIII, S. 321. — Ferner: Polyt. Cen- 
tralbl. 1856, S. 186 n. 591: 1858, S. 1091; 1860 S. 761; Dingl. polyt. Journ. 
Bd. CXXXVI, 8. 816; Bd. CLXIX, S. 283 u. 284; Bd. CUV, S. 88. 

*) Dingl. polyt. Journ. Bd. CXLI, 8. 1; Polyt. Centralbl. 1850, S. 1107. 



Digitized by VjOOQIC 



248 Steinkohlen. 

erreicht, obgleich allerdings gegenüber von früher oft bedeutende Er- 
ftpamißs bewirkt ist; von grosser Bedeutung ist es, darüber zu wachen, 
dass zur rechten Zeit und in nicht zu grosser Quantität Kohle aufgeschüt- 
tet werde. Sehr häufig mischt man der zu den Kohlen tretenden Luft 
Wasserdampf bei, was sich auf einfachem Wege erreichen lässt. Die 
Erfahrung und die Resultate bestimmter Versuche sprechen günstig 
hierfür, obgleich der Wasserdampf an und für sich keine vollständigere 
Verbrennung bewirken kann; vielleicht verhindert er eine zu rasche 
Entwickelung der brennbaren Gase, wie früher aus ein andergesetzt ist, 
(s. unter Brennmaterialien 2te Aufl. Bd. II, AbtheiL 2, 8. 398). 

Die flüchtigen Producte der vollständigen Verbrennung sind Koh- 
lensäure, Wasser, geringe Mengen Stickstoff und schweflige Sanre ; letz- 
tere fehlt wohl nie ganz, da die Steinkohlen je Im Mittel etwa 1 Proc* 
zuweilen selbst 2 Proc. Schwefel enthalten, ein grosser Theil bleibt 
freilich als Schwefelsäure in der Asche zurück, ein anderer Theil ent- 
weicht aber mit den übrigen Verbrennungsgasen in die Atmosphäre, 
der Geruch zeigt auch seine Gegenwart oft an, und sie findet 
sich, wo grössere Mengen Kohlen verbrannt werden im Regenwas^^er 
als Schwefelsäure wieder (vergl. unter Atmosphäre 2te Aufl. Bd. II, 
AbtheiL 1, S. 429. 

Da die Kohle nie vollständig verbrennt, so findet sich den genann- 
ten noch unverbrannten Gasen namentlich feinvertheilte Kohle bei- 
gemengt, auch findet sich der Stickstoff der ivohle darin in der Form 
von Aramoniumverbindungen. Wagner^) schlägt vor, um das Ammo- 
nium zu gewinnen, die Steinkohlen mit Chlorroagnesium oder wenn 
sie hinreichend Thon enthalten mit Chlornatrium zu befeuchten, 
damit das Ammonium sich als Salmiak verflüchtige, der sich mit dem 
Russ leicht absetzt. 

* Die nicht flüchtigen Producte der Verbrennung bleiben als Asche, 
zuweilen als pulverige, meistens als ver<«chlackte Masse zurück; bei dem 
geringen Gehalt derselben an Alkalien und Phosphorsäiire hat sie als 
Dünger keinen Werth, und kann auch nicht wie Holzasche zur Dar- 
stellung von Kalilauge benutzt werden ; man benutzt sie zum Beschlagen 
von Wegen, als Zusatz zu Kalkmörtel u. dergl.; manche Stein- 
kohlenasche ward früher auch wohl wegen ihres Gehalts an löslicher 
Thonerde, zuweilen auch an Schwefelsäure zur Alaunfabrikation benutzt. 

Die Quantität der Wärme, welche die Steinkohle giebt, ist^ auch 
vollständige Verbrennung vorausgesetzt, bei den verschiedenen Stein- 
kohlen verschieden (s. unter Brennmaterialien 2 Aufl. Bd. II, Abtheil. 
2, S. 384) ; nach allgemeiner Erfahrung verliert aber jede Kohle durch 
längeres Liegen an der Luft an Heitzwerth( s. S. 245). 

Werden die Steinkohlen bei Abschluss der Luft erhitzt, oder der 
trockenen Destillation unterworfen, so verdampft bei langsamen Erwär- 
men zuerst das hygroskopische Wasser, meistens nur wenige Procent, 
1 bis 4 Proc. betragend, und es geht oft etwas Gas fort; bei stärkerem 
Erhitzen findet die Zersetzung unter den gewöhnlichen Erscheinungen 
der trockenen Destillation statt, es entweichen brennbare Gase, während 
bald gleichzeitig wässerige Flüssigkeit übergeht, dann Theer, der mit 
steigender Temperatur immer dunkler und dickflüssiger wird. Im 
Rückstand bleibt aschenhaltende Kohle, die Kohks oder Coaks. 



*) Dingl. poljt. Jonra. Bd. CXLVUI, S. 365. 

Digitized by VjOOQIC 



Steinkohlen. 



249 



Die Beschaffenheit und namentlich die Menge der einzelnen Pro- 
ducte wechselt nach der Zusamniensetzung der Kohlen, der Schnelligkeit 
des Erhitzens nnd der Hohe der Temperatar. Genauere Yerünche über 
die relativen Quantitäten der einzelnen Bestandtheile bei der gleichen 
Kohle sind kaum bekannt. Im Allgemeinen lässt sich aus verschiede- 
nen Versuchen folgern, dass eine Steinkohle um so mehr flüchtige Be- 
Btandtheile giebt, je mehr Sauerstoff sie enthält, und daher um so mehr 
Kohks je weniger Sauerstoff darin sei. Hierbei kommt natürlich der 
Grehalt der Steinkohle an Aschenbestandtheilen in Betracht, die ja alle 
in den Kohks bleiben und daher deren Gewicht vermehren. Durchschnitt- 
lich lässt sich annehmen, dass 100 aschenarmer Steinkohlen zwischen 50 
and 70 Gewichtstheile Kohks geben, das Uebrige an flüchtigen Stoffen. 

Die Gase, welche sich bei der trockenen Destillation von Steinkohlen 
bilden, enthalten etwa? Kohlensaure, Kohlenoxyd, verschiedene Kohlen- 
wasserstoffe, in geringer Menge schweren durch Chlor condensirbaren 
Kohlenwasserstoff C„lf„, hauptsächlich Grubengas etwas Stickgas und 
endlich freien Wasserstoff, welcher letztere namentlich bei heller Weiss- 
glühhitze sich entwickelt, zum Theil durch Zersetzung der Kohlen- 
wasserstoffe. Ausser diesen genannten Gasen finden sich in dem Ge- 
menge geringe Quantitäten der flüchtigen aber condensirbaren Producte, 
wie der flüssigen Kohlenwasserstoffe, Benzol u. s. w. (Pitschke^, 
dann der Ammoniakverbindungen als kohlensaures Salz und als Schwe- 
felammoninm; ein Theil des Schwefels ist aber auch wohl mit Kohlen- 
stoff verbunden, wahrscheinlich zu der gasförmigen dem Kohlenoxyd 
entsprechenden Verbindung CS. Die Quantität der Gase ist nach Art 
der Kohle und der Stärke des Erhitzens verschieden. Die anthracitartige 
und bitnmenarme Kohle giebt verhältnissmässig wenig Gas, vielleicht 
200 bis 300 Cubikfnss von 100 Pfund Kohlen. Die besseren Gaskohlen 
geben vom Centner 400 bis 450 Cubikfuss, gute Cannelkohle giebt 500 
bis 550 Cubikfuss; Bogheadkohle giebt 700 bis 800 Cubikfuss. — Das 
speciflsche Gewicht des Gases variirt meistens zwischen 0,4 und 0,6. 
Die Quantität der darin enthaltenen schwereren durch Chlor condensir- 
baren Kohlenwasserstoffe differirt ausserordentlich, und damit die Leucht- 
kraft des brennenden Gases. Fyfe und Andere erhielten bei Unter- 
suchung englischer Kohlen in dieser Beziehung folgende Resultate: 



Art der Kohle. 


1 Ctr. giebt 
C Gas. 


Specif. Gew. 


Durch 
Chlor con- 


1 C ver- 
brennt in 






densirbar. 


Minuten 








Proc. 




Backkohle von Newcastle . 


400 


0,46 


5,0 


50 


Yorkflbire Parrotkohle . . 


570 


— 


7,6 


52 


Wigan Cannelkohle . . . 


480 bis .^70 


0,46 bis 0,57 


7,5 


57 


Schottische Parrotkohle . 


470 


— 


15,0 


80 


Kohle von Feiton ..... 


488 


— 


6,5 


— 


„ Wigan .... 


520 


— 


7,6 


— 


„ Ramsay . . . 


488 


— 


12,5 


— 


„ ,, Midlothian . . 


500 


— 


18,0 


— 


„ WcmjBS ... 


500 


. — 


19,5 


— 


Lesmahagokohle .... 


510 


— 


17,5 


— 


Bogheadkohle 


740 


— 


20,0 


— 


Kirkness 


480 


— 


27,7 


~~* 



1) Journ. f. prakt Chem. Bd. LXYU, S. 415. 



Digitized by VjOOQIC 



250 Steinkohlen. 

Die Zusainmenseiznng de8 Gasgemenges ist aber aach bei der- 
selben Kohle nach der Stärke des Erhitzens verschieden, bei ganz 
schwachem £rhitzen bilden sich wenig Gase, bei Rothgluhhitze enthalt 
dad Gas namentlich noch die schwereren Kohlenwasserstoffe und brennt 
dann mit hellleuchtender Flamme; bei Weissglähhitze wird die Menge 
des Gases vermehrt, es entwickelt sich dann aber reichlich freier Was- 
serstoff und Grubengas, und das Gemenge brennt dann mit schwach 
leuchtender Flamme (s. d. Art Gasbeleuchtung, Bd. III, S. 337). 

Die condensirbaren Producte der Destillation scheiden sich beim 
Stehen in eine leichte wässerige Flüssigkeit und in dickes öliges Li- 
quidum oder Theer. 

Die wässerige Flüssigkeit, welche bei der Destillation von Kohlen und 
daher bei der Gasfabrikation als Nebenproduct erhalten wird, enthält 
Theertheile gelöst, und zeigt daher Farbe und Geruch des letzteren; sie 
enthält Ammoniaks'alze neben geringen Mengen organischer Basen; das 
Ammoniak ist hauptsächlich an Kohlen^^äure gebunden, daher reagirt 
die Flüssigkeit alkalisch (Unterschied der Steinkohlen, Hulz- und 
Braunkohlen); in geringer Menge iät das Ammonium an Schwefel, Cyan 
oder Rhodan und an Chlor gebunden, zugleich finden sich geringe 
Spuren von Jod- oder Bromammonium. Die Quantität der Ammoniumver- 
bindungen hängt natürlicli von der Menge des Stickstoffs der Kohlen 
ab. Man gewinnt die wässerige Flüssigkeit hauptsächlich als Neben- 
product bei der Gasfabrikation aus Steinkohlen, und benutzt sie zur 
Darstellung von Ammoniak und Ammoniaksalzen, 100 Thle. Gaswasser 
mit überschussiger Salzsäure abgedampft geben 1 bis 2 Proc Chlor- 
ammonium; in dem Gase selbst findet sich namentlich kohlensaures Am- 
moniak, welches durch Waschen mit viel Wasser oder mit Säure ent- 
zogen werden kann (s. Gasbeleuchtung). 

Ku enz i ^) will aus den beim Verkohlen von Steinkohlen entweichen- 
den Gasen das Ammoniak gewinnen, indem er sie über Salzsäure leitet. 

Die Menge und ganz besonders auch die Beschaffenheit des Theers 
hängt neben der Art der Kohlen wesentlich von der Stärke des Erhit* 
zens ab. Young^) hat gezeigt, dass bei nicht zu starkem Erhitzen 
der Steinkohlen, bei etwa Dunkelrothglühhitze, eine reiclüiche Menge 
eines dickflüssigen paraffiuhaltenden Oels destillirt, aus welchem sich bei 
niedriger Temperatur, zuweilen schon bei -j- 10<^C., Paraffin absetzt; 
das Oel dient namentlich zum Schmieren von Maschinen. 

Bakewell 3) hat eine drehbare Retorte eingeführt, um die Kohle 
möglichst gleichförmig, und nicht zu stark zu erhitzen, damit sich 
wenig gasförmige Producte bilden. 

Hayes^) giebt an, dass die Menge des Steinkohlentheers ganz 
abhängig ist von den Umständen unter welchen die Erhitzung statt- 
findet; werden die Kohlen in geschlossenen Räumen in der Art erhitzt, 
dass die entstehenden Gase sofort aus den heissesten Stellen der Masse 
durch ein enges Ableitungsrohr fortgehen, so bilde sich nichts von 
den Substanzen, die im gewöhnlichen Steinkolilentheer sind; nach ihm 
hängt die Menge des Theers und die Zusammensetzung der Gase we- 
sentlich von der Weite des Aasströmungsrohrs ab. 



>) AnnenKand G^nie ind. Mars 1858, p. 189; Dingl. polyt. Jonrn. Bd. GIIL, 
S. S58. — «) Le Techtiologist. Aoüt, 1852, p. 573; Dingl. polyt. Jonrn. Bd. CXXV, 
8. 468; Polyt. Centralbl. 1852, S. U84. — *) Polyt. Ccntralbl. 1860, 8. 1104. — 
*) SilUm. Americ. Journ. [2.] T. XXVil, p. 294 ; B^p. de chim. appl. T. I, p. 894. 



Digitized by VjOOQIC 



Steinkohlen. 



251 



Nach CaWert 1) zeigte der Theer von verschiedenen Kohlen 
nachstehende Zneammensetsnng : 



Art der Kohle. 



«».So 



n 



O o 2 



s 






Bogheadkohle . . . 
Wigan-Cannelkohle . 
Newcasüekohle . . . 
StAfTordshirekohle 



12 
9 
2 
5 



S 

14 

5 

9 



30 
40 
12 
35 



41 







15 
58 
22 



14 
22 
23 
29 



Gewöhnlich wird der Theer als Nebenprodnct hauptsächlich bei 
der Gasfabrikation erhaltun, dieser Steinkohlentheer ist schwerer als 
Wasser, braun bis schwarz, meistens um so dickflüssiger je dunkler die 
Farbe. Er unterscheidet sich vom Holztheer durch seinen Gehalt an 
basischen Verbindungen, daher er basische Reaction zeigt, während 
jener in Folge eines Gehalts an freier Essigsäure sauer ist. 

Der Steinkohlentheer ist ein Gemenge verschiedenartiger öliger 
und harziger verschieden flüchtiger Substanzen, theils flüssig wie Naphthoi, 
Naphten, Eupion u. a. , theils fest, wie Naphtalin, Paranaphtalin, Chrysen, 
Pyren^ Substanzen, die meistens noch sehr wenig genau untersucht sind^). 

Wird der Theer destillirt, so geht zuerst ein wenig gefärbtes dünn- 
flüssiges leichtes Oel von etwa 0,77 specif. Gewicht über, bei steigen- 
der Temperatur steigt das specif. Gewicht rasch höher auf0,8bis0,9 und 
darüber; darauf kommen Oele, welche dunkler gefärbt dickflüssiger und 
schwerer als 'Wasser sind. Bei verstärkter Hitze destilliren beim Er- 
kalten erstarrende Producte. Wenn nicht zu weit verdampft wurde, 
ist der nicht flüchtige Rückstand ein Gemenge von Brandharzen, eine 
pech- oder asphaltähnliche Masse, welche bei sehr hoher Temperatur 
endlich verkohlt. 

Aus dem durch Destillation des Theers erhaltenen leichten Stein- 
kohlentheeröl oder Naplita von 0,8 bis 0,9 specif. Gewicht lässt sich 
durch Abwaschen mit verdünnter Säure oder Behandeln mit ^/lo Vol. 
concentrirter Schwefelsäure und 20 Proc. Braunstein (Calvert*) und 
durch spätere Rectification ein farbloses Oel, welches ein Gemenge verschie- 
dener Kohlenwasserstoffe ist, erhalten. Nach Mansfield^) und Ritt- 
hau sen^) enthält dieses Gemenge die leichteren Oele, hauptsächlich 
Kohlenwasserstoffe der Formel Co H„_ g nämlich Benzol (CigHe bei 
80« bis 900 C. siedend), Toluol (C^^E^ bei 100» bis 1150C.), Cumol 
(C,8Hi2 bei 1400 bis 1450 C), Xylol (CigHio hei 12700, Cymol 
(GjoHh bei 1700 bis 1750C.). Ritthausen fand das von ihm darge- 
stellte flüchtige Theeröl etwa zur Hälfte aus Toluol bestehend, ^/g aus 



*) Compt. rend. T. XLIX, p. 262: Dingl. polyt. Journ. Bd. (3LVT, S. 49. 

^ Runge, Pogg. Annal. Bd. XXXI, 8. 66 u. 618; Bd. XXXII, S. 308 u, S28. 
— Kcichenbach, ebend. Bd. XXXI, S. 80 u. 497. — Laurent, Annal. de chim. 
et de phys. [2] T. LXIII, p. 27; [3.] T. III, p. 196; Annal. d. Cbem u. Pharm. 
Bd. XXXIV, S. 287. — *) Die Destillationsproducte der Steinkohlen u. ihre An- 
wendung. Merh Mag. 1854, Nro. 1G34 u. 1635; Dingl, polyt. Jonrn. Bd. CXXXV, 
S. 378; Vergl. auch Shand u. Mac Lean: Gewinn, d. Prod. aus Theer, Ghem. 
Gaz. 1854, Nro. 270; Dingl. polyt. Journ. Bd. CXXXIIT, S. 809. — *) Chem. Soc. 
Qu. Journ. T. I, p. 244: Annal. "d. Chem. u. Pharm. Bd. LXIX, S. 162. — ^) Journ. 
f. prakt. Chem. Bd. LXI, S. 74. 



Digitized by VjOOQIC 



252 Steinkohlen. 

Benzol und etwa V4 ^^^ Camol. Church^) fand in solchem leichten 
SteinkohlentheerÖl einen dem Benzol isomeren Kohlenwasserstoff!, das 
Parabenzol, welches bei 97,5® C. siedet, weniger angenehm riecht 
als BenzoL mit Salpetersäure ein dem Nitrobenzol analoges Nitropara- 
benzol bildet, dagegen mit Schwefelsäure andere Verbindungen giebt, 
als Benzol. 

Ob das Theeröl aus gewöhnlichen Steinkohlen auch wie das 
Theeröl aus sogenannten Bogheadkohlen ^) Alkoholradicale, C.H. ^^t 
(wie Propyl, Butyl, Amyl und Caproyl), und die Kohlenwasserstoffe, C,R, 
(Cnproylen 0^2 His^ Oenanthylen Ci^¥ti^\ enthalte, ist noch nicht 
ermittelt. 

Ein Gemenge der flüchtigen Kohlenstoffe des leichten Steinkohlen- 
theeröls kommt in neuerer Zeit häufig mehr oder weniger rein im Han- 
del, das reinere unter dem Namen Benzin oder Benzol, vor; es dient 
fiir manche technische Zwecke, zum Auflösen von Fetten u. dergl^ ist 
ein farbloses dönnfliissiges Liquidum von etwa 0,85 specif. Gewicht, 
von wechselnder Zusammensetzung und damit verschiedenem Siede- 
punkte. Es enthält hauptsächlich die oben erwähnten Kohlenwasser- 
stoffe C.H..«, bald mehr bald weniger von den flüchtigeren; nach 
Schiff enthält es noch Holzgeist und essigsaures Methyloxyd, wird 
auch namentlich zur Darstellung des sogenannten Huile de Mirbane^ (un- 
reines Nitrobenzol, Nitrotoluol u. s. w.), so wie zur Darstellung des soge- 
nannten Anilins verwendet, welches letztere eine so wichtige Bedeutung 
in der Darstellung von rothen und violetten Farben gefunden hat. Das 
weniger reine leichte SteinkohlentheerÖl kommt wohl als Hy d rocarbo n. 
Photogen, flüssiges Gas u. s.w. vor, und wird zur Beleuchtung ver- 
wendet, indem man es direct in Lampen verbrennt, oder indem man 
schlecht leuchtende Gase, Kohlenwasserstoff, Grubengas oder Wasser- 
stoffgas durch dieses Oel leitet, wobei es in dem Gas verdampft und 
dieses „carburirt^^; hierzu kann aber nur recht flüchtiges Oel verwendet 
werden. Das unreine leichte Oel dient auch zum Auflösen von Kaut- 
schuk u. a. m.; es löst Jod, SchwefeU Phosphor, Harze u. s. w. 

Man erhält aus Steinkohlentheer 2 bis 7 Proc. leichtes Theeröl, 
die Art der Kohle und die Temperatur bei der Gewinnung des Theers 
bedingen hier die Unterschiede. 

Das weniger flüchtige Oel von 0,95 specif. Gewicht bis etwas 
schwerer als Wasser wird auch wohl zum Verbrennen in Lampen ge- 
braucht, auch als Zusatz zum Schmieren für Maschinen und oft als 
Solaröl bezeichnet. Dumoulin undCotelle^) wollen dieses Oel durch 
Behandeln mit Bleichkalk brauchbarer zur Beleuchtung machen. 

Bei der Destillation des Theers gehen mit steigender Temperatur 
mehr gefärbte dickflüssigere und schwerere Prodncte über, das bei 
1800 bis 2100 c. übergehende Destillat enthält Phenylhydrat oder Car- 
bolsäure (CiaHe^s hei 187 ^C. siedend) und Kressylhydrat (Ci4Hg02 
bei 2030c. siedend), so wie Anilin (s. unten); nach Runge^) enthält 
dieses Oel noch zwei Säuren, die er Brunolsäure und Rosolsäure (s. d. 
Art.) nennt; die Rosolsäure ist neuerdings vonTscheinitz untersucht; 



>) PhüoBoph. Mag. [4.] Bd, XIII, S. 415; Jabresber. v. Kopp 1867, S. 448; 
Annal. d. Chem. n. Pharm. Bd. CIV, S. Hl. — «) Philosoph. Mag. [4.] Bd. XHI, 
S. 134; Bd. XIV, S. 228; Annal. d. Chem. u. Pharm. Bd. CII, S. 126. — >) Poljrt. 
Centralbl. 1860, S. 1132. — ') Berichte d. Wien. Akad. Bd. XXIU, S. 269; Dingl. 
polyt Journ. Bd. CXLIV, S, 467. 



Digitized by VjOOQIC 



Stemkohlen. 253 

bach Soiith ^) ist sie ein Oxjdationsproduct des Phenols; nach 
Haarstick bildet sich schnell Rosolsänre bei Einwirkung von Chlor- 
kalk auf Carbolsänre; bei Anwendung von viel Chlorkalk oder Zusatz 
von ungelöschtem Kalk und etwas Wasser, unter starker Erhitzung, die 
bis zum Entzünden sich steigern kann. Das schwerere Oel dient zur 
Darstellung von unreinem Phenylhydrat, welches als Carbolsäure oder 
Steinkohlenkreosot in den Handel kommt. Seiner Dickflössigkeit wegen 
wird dieses schwerere Oel auch noch als Maschinenöl (JLubricating oil) 
benutzt. 

Sowohl das flüchtige wie das weniger flüchtige schwerere Theeröl 
enthalten neben den erwähnten Substanzen basische Körper beigemengt, 
welche sich den Oelen durch wiederholtes Schütteln mit wässeriger 
Säure entziehen lassen. Durch Uebersättigen der sauren wässerigen 
Flüssigkeit mit Alkali und Destillation lassen sich daraus die flüchtigen 
Basen erhalten; Williams^) hat sich mit Trennung und Untersuchung 
dieser Basen beschäftigt, er fand im Wesentlichen dieselben Basen 
wie sie sonst aus StickstoflVerbindungen und aus Thiersnbstanzen er- 
halten werden, ausser den wenig bekannten Pyrrholbasen wurden nach- 
gewiesen: Anilin (C12H7N bei 182<>C. siedend) in verhältnissmässig 
grösserer Menge, Piridin (C10H5N bei 116« C), Picolin (CijHtN 
bei 1360C.), Lutidin (Ci4H9Nbei 154oC.), CoUidin (C,«HiiN bei I8O0C.), 
Parvolin (CigHigN bei ieO^C.), Chinolin oder Leucolin (C18H7N bei 
2400 C), Lepidin (CjoHsN bei 2520 C); in demAntheil der flüchtigen 
Basen, welcher erst bei etwa 2740C. überging, fand Williams eine 
eigenthümliche Base, die er Cryptidin nennt, ihre Formel ist C^sHuN. 
Der Gehalt des Steinkohlentheers an diesen Basen kann nicht bedeutend 
sein, wenn mau bedenkt, dass die Kohlen nur 1 bis 2 Proc. Stickstoff 
enthielten, dass ein grosser Theil als Ammoniaksalz sich im Gaswasser 
findet, ein anderer Theil Stickstoff in den Kohlen zurückbleibt, ein 
kleiner Theil als Stickgas fortgeht. Hofmann erhielt aus 500 bis 
600 Kilogrm. Steinkohlentheeröl nicht ganz 2 Kilogrm. unreiner öl- 
haltender Basen. 

Der bei der Destillation des Theeröls bleibende zähe Rückstand^ 
Steinkohlentheerpcch, giebt beim stärkeren Erhitzen Naphtalin und 
einige weniger bekannte schwer flüchtige Kohlenwasserstoffe, die sich 
beim Erkalten des hinreichend dicken Theerrückstandes, auch wohl beim* 
Stehen ausscheiden. Der pechartige Rückstand der Oeldestillation wirdi 
wohl zur Darstellung von Rnss oder zur Herstellung von sogenannten« 
känstlichem Asphalt verwendet, wozu man in die heisse Masse Kalk undl 
etwas Gyps luengt, worauf Sand und kleine Steine in hinreichender 
Menge zugesetzt werden. Man benutzt den nicht zu stark eingekochten 
Theer zur Fabrikation von (Theer- oder Asphalt,)- Pappe,- Papier, - 
Filz Q. s. w. In Manchester hat man den stark eingekochten Theer zum 
Dichtmachen des Strassenpflasters verwendet Ein Gemenge von 100 
Steinkohlenpech mit 10 bis 12 Thln. Harz und 8 bis 10 Thln. Kalk, soll 
statt des schwedischen Schiffspech aus Holztheer verwendet werden ')* 

Nach Winkler 4) wird der reine Steinkohlentheer- Asphalt ge* 

*) Chem. 6az. 1868, S. 20; Jahresber. v. Kopp 1867, S. 448 Note. 
•) Chem. Gaz. 1866, S. 401; 1866. S. 288; Journ. f. prakt. Chem. Bd. LXVXI, 
S. 366; Jahresber. v. Liebig. o. Kopp 1866, S. 661; 1856, S. 686. 
'} O^nie ind. Hai 1860, p. 248; Polyt. Centralbl. 1860, S. 1082. 
*) Chem. Centralbl. 1868, Nro. 22; Dingl. polyt. Journ. Bd. CL, S. 141. 

Digitized by VjOOQIC 



254 Steinkohlen. 

wohnlich schon bei 50<>C. weich; bei lOO^C. dickfiasdig; durch Zusatz 
von 5 Proc. Schwefel und Erhitzen bildet sich unter Entwickelung von 
Schwefelwasserstoff harter Asphalt, etwa ^4 vom Gewicht des Theers. 

Ein Gemenge von 2 Thln. Schwefel mit 3 Thln. Steinkohlen- 
theer (Schwefeltheer , Benzasphalt), hinreichend erhitzt, soll sich als 
Anstrich für Holz und Metalle eignen^). 

Der Steinkohlentheer wirkt im hohen Grade fäulniss widrig; nach 
Calvert liegt die Ursache in der Carbolsäure; Demeaux undCorne 
haben ein Gemenge von 100 Thln. gebranntem Gyps mit 2 bis 4 Thln. 
Steinkohlentheer als Desinficirpulver namentlich beim Verbinden von 
Wunden mit glücklichem Erfolg angewandt^). 

Man verwendet den Steinkohlentheer zum Anstrich von Eisen und 
anderen Metallen und auch von Holz. In neuster Zeit hat man vorge- 
schlagen, ein sehr wohlfeiles Leuchtgas herzustellen, indem man über- 
hitzten Wasserdarapf über Steinkohlentheer leitet. Bis jetzt war die 
Verwendung dieses Theers, der nur alsNebenproduct bei der Gasfabri- 
kation gewonnen wird, unbedeutend, so dass man bei seinem geringen 
Preise ihn auch als Brennmaterial benutzte, theiis für sich thells gemengt 
mit Steinkohlen« Zweckmässiger ist es wohl, durch Erhitzen Gas 
daraus darzustellen, das eine grossere Leuchtkraft hat als das gewohn- 
liche Steinkohlengas. Li neuester Zeit haben die Destillationsproducte 
des Steinkohlentheers vielfache Verwendung gefunden, theiis die flüch- 
tigeren Oele (als Fleckwasser, Leuchtmaterial, zu Nitrobenzol u. s. w.), 
theiis das Anilin (zur Darstellung von rothen und violetten Farben). 

Eine künstliche schwarze Farbe hat man aus dem Theer erhalten 
durch Glühen eines innigen Gemenges von. 2 Thln. Alaun, 20 Thln. 
Kalk und 16 Thln Theer; bei Abschluss der Lufl erhitzt, bleibt eine 
schwarze oder braune Farb^ zurück. 

Das wichtigste Product der trockenen Destillation von Steinkohlen 
sind die Kohks oder Goaks (im Engischen Coaib, daher auch im Fran- 
zösischen Coke). Die Gewinnung von Kohks ist entweder der Hauptzweck 
der Zersetzung von Steinkohlen, oder sie sind wenigstens ein sehr 
werthvolles und wichtiges Nebenproduct wie bei der Gasfabrikation. 
Die Ausbeute von Kohks ist, wie oben augegeben, abhängig von dem 
Gehalte der Kohle an Sauerstoff und an Asche, und etwas auch von 
der Schnelligkeit des Erhitzens ; bei guten Kohlen kann man im Durch- 
schnitt annehmen, dass 100 Ge wich tsth eile Steinkohlen etwa 60 bis 
66 Proc. Kohks geben; die Untersuchung von 97 der gebräuchlichsten 
britischen Kohlensorten geben im Durchschnitt 64,5 Proc. Kohks. 
Das Volumen der letzteren im Vergleich zur Steinkohle ist sein* ver- 
schieden; bei den Sinter- und Sandkohlen ist das Volumen der Kohks 
bedeutend kleiner als das der Kohlen ; bei den Backkohlen kann es da- 
gegen ebenso gross oder selbst grösser sein; 100 Vol. bituminöser 
Backkohle können selbst bis über 150 Vol. Kohks geben. 

Die Kohks enthalten Kohlenstoff, aber wie Holzkohlen immer auch 
etwas Wasserstoff und Saueratoff nebst Spuren Stickstoff, und neben 
einen Theil des Schwefels alle Aschenbestandtheile, Wi4che in den 
Kohlen enthalten waren; danach ist ihr Werth als Brennstoff sehr ver- 



») Polyt. Centrmlbl. 18G0, S. 1132. — «) Compt. rend. T.XLIX, p. 146; T. L, 
p. 279. 



Digitized by VjOOQIC 



Steinkohlen. 



255 



schieden. Die Zusammensetzung von Kohks geben nun folgende Bei- 
spiele : 



Aus Steinkohle Yon: 



i 



& 



% 



i 
I 



I % 



< 



I 



Hanwick (Baer) . . 
der Saar (Faisst) . 
,, Ruhr (Faisst) . 
Mons (Marsily) . . 
Stockheim (StöUel) 
Stockton (Baer) . . 



93,0 
83,0 
82,9 
91,3 
54,2 
98,0 



0,26 

1,9 

0,9 

0,3 

0,G4 

0,2 



1,6 
2,9 
3,0 

2,1 
8,9 
7,8 



5,1 
8,2 
9,8 
6,2 
36,2 
0,7 



3,9 
3,8 



Die Eohks haben vor den Steinkohlen den Vorzug, dass gie ohne 
Flamme and Buss, und ohne Entwickelung riechender Gase verbren- 
nen. Das Verkohlen hat den Zweck, die Gase abzuscheiden, um ein 
ohne Flamme brennendes Brennmaterial zu erhalten, theilsist der Zweck 
aneh, den Schwefel der Kohle wenigstens grösstentheils zu entfernen, 
da der Schwefelgehalt in manchen Fällen, z. B. bei dem Ausschmelzen 
von Metallen, nachtheilig sein kann, daher man das Verkohlen auch 
wohl aU „Abschwefeln^^ bezeichnet. Da die Kohlen ikber durch blosses 
Erhitzen nicht allen Schwefel verlieren, so hat man versucht, denselben 
auf andere Weise auszutreiben; kommen die glühenden Kohks mit 
Wasserdampf in Berührung, so verwandelt dieser den Schwefel in 
Schwefelwasserstoff, zum Theil auch in schweflige Säure. Man nimmt 
das Verkohken daher wohl auf feuchten Plätzen vor, oder man besprengt 
die glühenden Kohks mit Wasser. Barth elemy^) hat sogar einen 
besonderen Apparat construirt, in welchem Wasserdarapf über die glü- 
henden Kohks geleitet wird, um sie zu entschwefeln und gleichzeitig 
ZQ I5schen. Scheerer') hat gefunden, dass Kohks vor der Einwir- 
kong von Wasserdämpfen 0,7 1 Proc. Schwefel, nach der Einwirkung nnr 
0,28 Proc. enthielten. Calvert^) sucht den Schwefel der Steinkohlen 
m eint bei der Hitze nicht zersetzbare Verbindung überzuführen und 
dadurch unschädlich zu machen, er setzt den Kohlen daher beim Ver- 
kohken Kochsalz zu, wodurch sich Eisenchlorid und Schwefel natrium 
bUdet, welches letztere beim Ausschmelzen von Metallen unverändert 
in die Schlacken geht und daher nicht nachtheilig auf das Metall wir- 
ken kann. 

Bleibtren^) mischt, um den Schwefel zu binden, das Kohlenklein 
vor dem Verkohken mit Kalk oder gemahlenem Kalkstein, dessen Menge 
"ich nach der Menge des Schwefels richten muss, im Mittel etwa 
9 Thle. Kohle auf 1 Thl. Kalkstein. 

Man wendet zum Verkohken nur Backkohlen an, da die Sinter- 
kohlen zu dichte, die Sandkohlen zu wenig compacte und feste Kohks 
geben; man vermeidet, wenn man nur die Kohks gewinnen will, zu 



') Dingl. polyt. Joum. Bd. CXX\a, S. 294; Polyt. Centralbl. 1868, S. 570. 
■) Polyl. Centralbl. 1854, S. 1278. 

») Compt. rend. T. XXXV, p. 438; Dingl. polyt. Jonrn., Bd. CXXVT, S. 112. 
'} Polyt. Centralbl. 1858, S. 265; Chem. Centralbl. 1858, S. 137. 



Digitized by VjOOQIC 



256 Steinkohlen. 

stark backende Kohlen, weil die Kohks 8on»t zu blasig und zu wenig 
fest werden. Man verkohlt die frisch geförderten Steinkohlen bald, 
weil sie nach längerem Liegen an der Luft nicht mehr so gut backende 
mürbe Kohks geben. 

Bei der Fabrikation von Leuchtgas werden hauptsächlich wasser- 
stofißreiche Backkohlen verwendet, welche in den eisernen oder tboner- 
nen Retorten rasch erhitzt werden, man erhält dabei eine voluminöse 
lockere Kohle, welche noch merkbare Mengen Wasserstoff und Sauer- 
stoff enthält, weil hier nicht so lange erhitzt werden darf, um einen zu 
grossen Aufwand an Brennstoff zu vermeiden, und um nicht ein zu schlech- 
tes Leuchtgas zu erhalten. Viel dichter und kohlenstoffreicher als diese 
Gaskohks sind die in Meilern und Oefen dargestellten Kohks» welche 
deshalb bei gleichem Gewicht auch einen höheren Heitzwerth haben als 
jene, weshalb sie für Feuerungen vorgezogen werden. Zur Verkohlung 
in Meilern oder Oefen eignen sich am besten schwach backende Stein- 
kohlen, die in der Wärme nicht zu weich werden, aber doch gut zu- 
sammenbacken, daher ziemlich dichte und schwere Kohks geben, die 
einmal entzündet gleichroässig fortbrennen und nachhaltende Hitze 
geben. Man wendet hauptsächlich kleine Kohlenstücke an, und selbst 
das Kohlenklein von Backkohlen, welches sich anr den Gniben ansam- 
melt» da es für sich nicht wohl als Brennmaterial zu gebrauchen ist, weil 
die kleineren Stücke zu dicht auf einander liegen und so den Zug ver- 
hindern, theils durch den Rost durchfallen und verloren gehen. Beim 
Verkohken sind sie aber sehr wohl anwendbar, weil sie beim Erhitzen 
ja zusammenbacken. Man mengt zu den Backkohlen unter Umständen 
auch wohl noch etwas Sinter- oder Sandkohlen, Anthracit, im passenden 
Verhältniss zu; Tardieu nimmt 1/5 fette Kohle auf ^j^ Anthracit. Da 
die Asche der Steinkohlen vollständig in den Kohks bleibt, so ist es 
besonders wichtig, dass die hierzu bestimmten Kohlen nicht zu aschenreich 
sind und dass sie nicht Steine, Schiefer u. dergl. beigemengt enthalten. 
Das die Steinkohle begleitende Gestein bröckelt nun beim Brechen und 
Fördern der Kohlen leicht ab, und die Steine mengen sich dann gerade 
dem Kohlenklein bei. Dadurch wird nicht allein der Aschengehalt ge- 
steigert, sondern beim Verbrennen der Kohks wird auch die Asche 
leicht verschlacken und die Schlacke Kohlenstücke einhüllen und bei 
den Bostfeuerungen die Roste leicht verstopfen; beim Ausschmelzen von 
Erzen können überdies die Aschenbestan dt heile nachtheilig einwirken. 
Man hat daher in neuerer Zeit vielfach Apparate eingerichtet, um die 
specifisch leichteren Kohlen durch Schlämmen von dem schwereren 
Schwefelkies, von Schiefer, Kalkstein u. s. w. möglichst zu befreien, da 
die aus gereinigten Kohlen dargestellten Kohks werth voller sind, weil 
sie weniger Asche hinterlassen, namentlich auch weniger Schwefel ent- 
halten, und regelmässiger brennen, als die ans ungereinigtem Kohlen- 
klein dargestellten. Viele Fabrikanten finden daher die Reinigung der 
Kohlen durch Waschen vortheilhaft, weil die Kohks daraus theurer be- 
zahlt werden; aber auch viele Consumenten verlangen jetzt ausschliess- 
lich solche gereinigte Kohks und lassen sich ein Maximum von Asche 
garantiren, z. B. 6 Procent. 

Die Steinkohlen werden vor dem Waschen zuerst sortirt, indem 
man sie durch ein System von vier schräg übereinander stehenden Sieben 
von verschiedener Feinheit bringt; auf dem oberen Siebe bleiben die 
Steinkohlen zurück, auf den zwei folgenden Sieben bleiben grobe Koh- 



Digitized by VjOOQIC 



Steinkohlen. 257 

lenstücke, welche dureh HandscheiduDg von den beigemengten Schie- 
fertheilen befreit werden können, durch das letzte Sieb fällt das un- 
reine Kohlenklein. Dieses wird vor dem Waschen oft noch in einem 
mit feinen Löchern durchbohrten horizontal liegenden und um seine 
Achse drehbaren Cy linder gebracht; beim Drehen des Cylinders zerreibt 
dich der Schiefer zum Theil und fällt durch die Löcher 0* 

Die Waschapparate sind in der Weise construirt, dass die Kohlen 
fortwährend durch Wasser aufgerührt werden, danach setzen sich dann 
die schwereren Theile, Schwefelkies, Schiefer und dergl. zuerst zu 
Boden, und darüber scheidet sich dann die reinere Kohle ab, weil sie 
später erst niederfällt. Andere Schlämmapparate bestehen aus Gruben, 
in welche das fliessende Wasser die Kohlen hineinreisst, wobei sich die 
fremden Substanzen wieder zuerst absetzen. Diese verschiedenen 
Waschapparate haben im Wesentlichen dieselbe Einrichtung wie die 
Setzheerde, Schlämm heerde und ähnliche Apparate, wie sie zur nassen 
Aufbereitung von Metallerzen benutzt werden 2). Bessemert) wendet 
Salzlösungen, von Chlorcalcium u. dergl. an, die eine solche Dichtig- 
keit haben, dass die Kohlen darin schwimmen, Kalkstein, Kies u. s. w. 
als schwerer darin zu Boden sinken. 

Die gewaschenen Kohlen trocknen an der Luft schnell ab, worauf 
sie dann verkohlt werden. Die Verkohlung findet in gleicher Weise 
wie beim" Holz in Meilern oder in Oefen statt. 

Bei der Verkqhluug von Steinkohlen in Meilern braucht der Luft- 
zutritt nach dem Verkohken nicht so sorgfältig abgeschlossen zu wer- 
den, wie bei den Holzkohlenmeilern, da die Kohks in der Luft nicht 
80 leicht fortbrennen wie Holzkohlen. Man verkohlt daher anfangs auch 
bei ungehindertem Luftzutritt, und deckt erst zu, wenn die Kohks schon 
gebildet sind. Man verfahrt dabei sehr wenig sorgfaltig; man verkohlt 
das Steinkohlenklein an den Gruben selbst wohl in der Weise, dass man 
einige Kohlen anzündet, darauf einige. Schaufeln frischer Kohle wirft, 
und wenn diese glühen, die Masse gleichförmig ausbreitet, und sobald 
die ganze Masse brennt, neue Kohlen aufbringt, und so fortfahrt, bis 
man einen hinreichend grossen Haufen glühender Kohks hat, (etwa 
4' Durchmesser und 3' Höhe). Die Kohlen werden dann mit feuchter 
Kohlenlösche zugedeckt; wenn der Haufen hinreichend abgekühlt ist, 
werden die Kohks gezogen und mit Wasser abgelöscht. Die Reguli- 
rang des Feuers richtet sich noch wesentlich nach der Art der Stein- 
kohle; bei stark backender Kohle muss die Hitze langsam steigen, da- 
mit die Masse nicht zu porös wird; erst gegen Ende der Verkohlung 
wird daher stark erhitzt. Bei sinternden Kohlen soll dagegen sogleich 
stark .erhitzt werden, und später schwächer, weil sonst die Kohks zu 
geringen Zusammenhang erhalten« 



*) Vcrgl. anch de Marsily; Annal. des mincs. (1850), T. XVII, p.881; Dingl. 
poljt. Journ. Bd. CXVUI, S. 266; Polyt. Centralbl. 1851, S. 162. 

•) De Francy u. Jarlot, Armeng. G^n. ind. F^vr. 1868, p. 75; Polyt. Cen- 
tralblatt 1868, S. 661. — Berard, Annal. des mines 1866; Polyt. Centralbl. 
1857, S. 81, 145 u. 209. — Dipgl. polyt. Journ. Bd. CXXVI, S. 112; Bd. CLI, 
8. 19. — Meynier, Bull, de la soc. denc. Octb. 1856, p. 664; Polyt. Centralbl. 
1862, S. 1308; 1867, S. 417. ~ FröUch, Bull, de la soc. Mulhouse 1854, Nro. 
128; Dingl. polyt. Journ. Bd. CXXXII, S. 381. — Abbildungen s. auch Muspratt's 
Chem. in Anwend. auf Gewerbe v. Stohmann Bd. 11, S. 688 bis 692 Fig. 486 bis 489. 
— *) Bessemer, Bepert. of pat Iny. April 1859, p. 301; Dingl. polyt. Journ. Bd. 
CLII, S. 286. 

HudwOrterbaeh der Cbemle. Bd. VlII. 17 

Digitized by VjOOQIC 



258 



Steinkohlen. 



Die eigentlichen Meiler sind entweder nind, wie die gewöhnli- 
ehen Holzkohlenmeiler, oder sie haben die Form langer Hänfen, sie 
werden so angelegt, dnss man zu unterst grös9ere Stöckkohle regel- 
mässig aufstellt, um eine Feuergasse zu bilden, darüber dann verschie- 
dene Schichten allmälig feinerer Kohlen schüttet, wobei durch Anbrin- 
gung von Quandelstangen überall für den nöthigen Luftzug gesorgt wird. 

Zur Entzündung der Meiler bringt man in die Feuergassen bren- 
nende Kohlen; man zündet die Meiler oft von aussen und oben an, was 
aber unzweckmässig ist, weil hier die äusseren Steinkohlen verkohkt, 
vielleicht schon zum Theil verbrannt sind, wenn die inneren noch stark 
brennen; man zündet daher zweckmässiger von unten und der Mitte 
aus an, so dass die Verbrennung sich allmälig nach aussen und oben fort- 
pflanzt, die entweichenden Dämpfe erschweren dann den freien Zutritt 
der Luft zu den glühenden Kohlen; sobald kei^ schwarzer Rauch mehr 
entweicht, sondern nur Gase die mit bläulich schwach leuchtender 
Flamme brennen, so wird der Meiler von unten anfangend allmälig be- 
deckt, worauf man ihn einige Tage stehen lässt, ehe die Kohlen gezo- 
gen und abgelöscht werden. 

Da das Verkohken immer an dem gleichen Orte in der Nähe der 
Gruben stattfindet, so hat man zuweilen eine feststehende Esse oder 
einen Lnftcanal von feuerfesten Backsteinen in der Mitte des Verkoh- 
lungsraumes angelegt. Die Esse ist 3 bis 4 Fuss hoch, und etwa 
3 Fuss weit, verjüngt sich etwas nach oben. Indem in regelmässigen 
Zwischenräumen einzelne Backsteine fortgelassen werden, erhält die Esse 
zahlreiche Oeffnungen, von denen aus die Kohlen entzündet werden, die 
aber auch als ZngöfiViungen und Ableitungsröhren dienen. Die Kohlen 
werden rund um dieses Kamin regelmässig aufgeschichtet, und zwar 
zuerst gröbere, dann immer kleinere. Bei kleineren Kohlen sorgt man 
dafür dass unten Canäle bleiben, durch welche die äussere Luft eintre- 
ten und in die Esse s^elangen kann; bei gröberen Stückkohlen ist das 
nicht nöthig, da überall hinreichend Zwischenräume bleiben (Fig. 32). 

Fig. 82. 




Der Meiler wird zuletzt mit Lösche oder Cinder bedeckt, die Wände 
dürfen^ deshalb nicht zu steil sein, damit die Decke hält. Der Meiler 
wird dann von der Mitte aus durch den Schornstein angezündet 



*) S. Knapp's Technolog. Bd.I, S.46; Musprstt's Chem. in Anwend. auf Gewerbe 
Stohmann Bd. II, S. 665, Fig. 468. 



Digitized by VjOOQIC 



St^kohlen. 



259 



Um den Fns^ des Meilers heram werden in der Decke Oeffnungen an- 
gebracht ztim Eintreten der Luft, nnd backen die Kohlen stark, so 
mössen die Oeffnungen von Zeit zu Zeit durchstossen werden, weil sich 
sonst die Canäle verstopfen und den Luftzutritt ganz abhaltet würden. 
Wenn der Eauch nachlässt und die Glühhitze durch die Decke bemerk- 
bar ist, werden die Oeffnungen verstopft und die Esse mit einer eiser- 
nen Platte geschlossen, um den Meiler abkühlen zu lassen. 

Da die Stückkohlen für sich gut verkäuflich sind, so verwendet man 
hauptsächlich das Kohlenklein von Backkohlen zum Verkohken, weil die- 
ses für sich einen geringeren Werth hat als gröbere Kohle, beim Verkohken 
aber durch Znsammenbacken grössere Kohks giebt, die dann denselben 
Werth haben, wie die von gröberen Kohlen. Um das Kohlenklein in 
Meilern verkohlen zu können, muss man Hülfsmittel anwenden, damit 
die Kohlen nicht auseinanderfallen und nicht zu dicht liegen, um den 
Döthigen Durchzug zu gestatten. Man bildet aus Rrettern den äussern 
Umfang des Meilers bei rnnden Meilern wie bei langen Haufen, stampft 
nun eine Schicht Kohlenklein nach der andern in den Raum zwischen 
den Brettern (Fig. 33 u. 34); in bestimmten Entfernungen sind Quan- 

Fig. 88. 




Fig. 34. 




delstangen wie horizontale sowohl der Länge als auch der Breite nach 
gehende Pfahle angebracht; ein langer Pfahl am Boden der Längen- 
achse nach geht durch den ganzen Meiler. Nachdem der ganze Raum 
zwischen den Brettern gefüllt ist, entfernt man die Quandelstangen, 
dann die horizontalen Pfahle und den langen Pfahl in der Achse, und 
zoletzt die Bretter; man hat nun einen massiven Kohlenblock, der mit 
vielen hohlen Canälen durchzogen ist; bei der Verkohlung in Haufen 
kann man durch Ansetzung der Bretter an einem Ende denselben leicht 
in einer Richtung verlängern, bis zu 50 bis 60 und noch mehr Fuss. 
Man zündet den Hänfen durch den langen Canal am Boden an, und 
leitet die Verkohlnng wie angegeben. Sobald die Kohks sich der 

17* 



Digitized by 



Google 



260 Steinkohlen. 

Gaare nähern, bedeckt man den Hänfen nach und nach mit Cinders, 
um allmälig das Feuer zu erdticken, zu gleicher Zeit giesst man wohl 
Wasser in die Canäle, um das Entschwefeln zu befördern* 

Zuweilen bringt man auch wohl steinerne Mauern an, am zwischen 
diesen die Kohlen einzustampfen, man muss hier natürlich auch Stangen 
anbringen, um horizontale und verticale Canale zu haben. 

Bei dieser Verkohlungsweise dürfen die Kohlen nicht zu stark 
backend sein, weil sie sonst durch Aufbl&hen die Canftle leicht ver- 
stopfen, in welchem Fall mit Hülfe eiserner Stangen der Luftzug her- 
gestellt werden muss. Bei sehr stark backenden Kohlen werden die 
Kohks auch weniger dicht, man hat deshalb die Verkohlung zwischen 
den feststehenden mit Zügen durchkreuzten Mauern vorgenommen, 
mit einer beweglichen Vorderwand und unter einer Decke von Lehm. 
Durch den Druck , der hier bei der Verkohlung stattfindet , werden 
die Kohks dichter. In der angegebenen Weise sind die sogenannten 
Schanmburger^) Oefen construirt, die auch in anderen Gegenden an* 
gewandt werden; auch in Schlesien sind ähnliche Vorrichtungen ge- 
bräuchlich 2). 

Man nimmt in neuer Zeit das Verkohken der Steinkohlen sehr 
häufig in eigentlichen Oefen vor, weil hier die Leitung des Feuers 
leichter und ein zu starkes Verbrennen der Kohle eher zu vermeiden 
ist; die Ausbeute soll daher auch grösser sein als in Meilern. Man 
hat nun diesen Oefen sehr verschiedene Constructionen gegeben; theils 
entweichen die Gase und Dämpfe aus ihnen ganz unbenutzt; andere 
sind so dass man durch Abkühlung der Dämpfe denTheer verdichtet; 
.die neueren Oefen endlich sind in der Weise eingerichtet, dass die 
brennbaren Gase und Dämpfe zum Erhitzen der Steinkohlen selbst 
verwandt werden 3). 

Die einfachsten Kohksöfen wie sie namentlich in England in Ge- 
brauch sind (Fig. 85 u. 36), bestehen aus vier an einander gekuppelten 
Oefen, wodurch an Mauerwerk gespart und die Wärme besser zusammen- 
gehalten wird. Jeder Ofen ist viereckig, oben gewölbt, etwa lOFuss breit 
auf 12 Fuss Tiefe und zwischen 3 bis 10 Fuss Höhe; der*cubische Inhalt 
eines Ofens beträgt zwischen 500 und 2000 Cubikfuss. Die inneren 
Mauern, etwa 2 Fuss dick, sind aus feuerfesten Backsteinen , die äusse- 
ren sind dicker, aber, da sie nicht so heiss werden, aus gewöhnlichen 
guten Backsteinen. In dem Gewölbe des Ofens ist eine OefTnung a' 
zum Entweichen der Gase; die Thür ^besteht entweder aus einer mit 
Löchern versehenen gusseisernen Platte, die sich in Charnieren bewegt, 
oder aus einem eisernen mit durchlöcherton Steinen ausgesetzten Kasten, 
der sich in einem eisernen Rahmen c bewegt und mit der Kette d, an 



») Dingl. polyt. Journ. Bd. XCI, S. 428. 

«) Ebendas. Bd. CXXI, S. 97; Polyt. Centralbl. 1862, S. 626. 

") Rogers and Mackworth, London. Journ. of, arts. Septb. 1857, p. 147; 
Polyt. Centralbl. 1867, S. 1428. — Newton, London. Journ. of arts. July 1852, 
p. 17; Polyt. Centralbl. 1862, S. 1132. — Jones, Repert. of. pat, Inv. Septb. 
1869, p. 179; DingL polyt. Journ. Bd. CLIV S. 178. — Claridge and Roper, 
Repert. of pat. Inv. Novbr. 1868, p. 876; Dingl. polyt. Journ. Bd. CLI, S. 110. — 
Bluhme, Berg- u. Hüttenmänniscbe Zeitung 1865, Nro 26 bis 29; Dingl. polyt. 
Journ. Bd. CXXXVII, S. 419. — Pieczonka, Dingl. polyt. Journ. Bd. CXLITI, 
S. 196. ■— Kohksöfen an der Ruhr, Polyt. CentralbL 1862, S. 235. — de 
Marsillv, Annal. des mines (1860), T. XVII, p. 189; Dingl. polyt, Journ. Bd. CXIX, 
S 264. 



Digitized by VjOOQIC 



Steinkohlen, 261 

der eiD Gegengewicht hängt, und dem Hebel c gehoben wird. Die 
Kohlen werden theils durch die Thiir i, theils durch die Oeffnung a 

Fig. 85. 




Fig. 36. 




in den angeheizten Ofen gebracht, so weit, dass sie bis zur Basis des 
Gewölbes reichen; sie entzünden sich in dem heisscn Ofen schnell, die 
nöthige Luft tritt durch die Oeffnungen in der Thtir, während die Dämpfe 
durch die Oeffnung a entweichen; der Zu^ wirdregulirt durch Oeffnen 
oder Schliessen der OefiFhungen in der Thür d und durch eine eiserne 
Platte, mittelst der a mehr oder weniger geschlossen wird. Nach beendig- 
ter Verkohlung verstreicht man die Oeffnungen an der Thür ^Jässt dann 
noch etwa 12 Stunden stehen, wo durch die Hitze der Ofenwandungen 
sich noch brennbare Gase entwickeln, die aus a entweichen. Danach 
wer4en die Oefen durch die Thür entleert, dieKohks, welche grosse 
zusammenhängende Massen bilden, zertheilt, und mit Wasser abgelöscht. 
Die noch glühenden Oefen werden sogleich wieder beschickt, wobei 
die Kohlenmassen sich nun sogleich von allen Seiten entzünden; man 
▼erfahrt dann ganz wie das erste Mal. 

Bei diesen und ähnlichen Oefen entweichen alle Gase und Dämpfe i) 
unbenutzt. In Schlesien hat man nun, um den Theer aufzufangen, einen 
Ofen (s. f. S. Fig. 37) in Anwendung gebracht von ähnlicher Construc- 
tion, wie sie wohl bei Verkohlung von Holz und Torf benutzt sind. Es ist 
ein cjlindrischer mit einer Haube überwölbter Ofen, von ganz verschie- 
dener Grösse, gewöhnlich 8 bis 9 Fuss hoch auf 4 P\iS9 Durchmesser; 
er ist innen von Chamottesteinen , aussen von Ziegeln; die Kohlen 
werden am Boden des Ofens so gelegt, dass sie eine an der Thür a 
mündende Zündgasse bilden ; darauf wird der Ofen durch die Seitenthür 
wie durch das Gewölbe mit Kohlen gefüllt, die Thüröffnung wird 



') Newton hat Vorrichtnngen beschrieben, um das Ammoniak ausRohksöfen zu 
l^vwinneii. London. Jonm. Decbr. 1862, p. 418; Polyt. Oentralbl. 1858, S. 175. 



Digitized by VjOOQIC 



262 



Steinkohlen. 



dann durch Ziegeln trocken zugesetzt und mit einer eisemeu Platte ge- 
schlossen, deren Fugen mit Thon bestrichen werden. Die obere Oeff- 

Fig. 87. 




nung wird durch einen gusseisemen Deckel geschlossen. In den 
Seitenwänden und in der Sohle des Ofens sind eiserne mit Thonstöpseln 
verschliessbare Köhren angebraciit, um die nöthige Loft einzuleiten, 
da man nicht von aussen heizt Man entzündet die Kohlen von unten^ 
und nachdem die Thür wie die obere Oeffnung luftdicht verschlossen 
sind, regulirt man den Luftzutritt durch die Köhren; zuerst tritt die Laft 
nur durch die untere Röhre ein, sobald man bemerkt, dass die Koh- 
len an der zweiten Rohre glühend werden, öffnet man diese und 
schliesst die untere, und rückt so allmälig nach oben fort, bis der 
ganze Ofeninhalt glühend ist. Es muss nur so viel Luft eintreten, dass 
die Kohlen dunkelroth glühen, aber nicht mit Flamme verbrennen. Die 
bei der Destillation sich bildenden Dämpfe entweichen durch das weite 
Rohr A, von wo sie in einen Condensationsapparat gehen, in dem sich 
der Theer verdichtet 

Von einer Kohle, die in Meilern 47Froc. Kohks giebt, sollen in sol- 
chem Ofen 53 Proc. neben 20Proc. Theer erhalten werden. Die gleich- 
zeitige Gewinnung von Theer ist hier nun ohne grosse Bedeutung, da 
man, seit die Gasfabrikation auch in Deutschland allgemeiner gewor- 
den ist, bei dieser so viel Theer als Nebenprodoct erhält, dass dieses 
Prodnct bis jetzt keinen grossen Werth hat, weil es keine ausgedehnte 
Verwendung findet. Wenn dagegen der Steinkohlentheer in grosser 
Masse Verwendung finden würde zur Darstellung von Gelen, von so- 
genannten Anilinfarben, vielleicht von Leuchtgas (s. S. 254), so könnte 
es allerdings von Wichtigkeit sein, die beim Verkohken sich bildenden 
Theerdämpfe durch Condensation zu gewinnen. 

Die gewöhnlichen Kohksöfen, bei denen der Bauch und die 



Digitized by VjOOQIC 



Steinkohlen. 



263 



Dämpfe unbenutzt entweichen, bieten nun doppelten Nachtheil, theils 
insofern in den brennbaren Gasen und Dämpfen und Kohlenstaub 
eine Menge Wärme unbenutzt verloren geht, theils dadurch dass dieser 
unverbrannte Theil so wie die entweichende schweflige Säure die Atmo- 
sphäre im hohen Grade verunreinigt. Der letztere Uebelstand macht, 
dass man die gewöhnlichen Kuhksöfen nicht in der Nähe der Städte an- 
legen darf. Man hat deshalb in manchen Gegenden die Kohksöfen so 
eingerichtet, dass die aus den Oefen abziehenden Dämpfe, ehe .sie ent- 
weichen, durch Zuführung von Luft verbrannt werden. £s giebt ver- 
schiedene Einrichtungen, um diesen Zweck zu erreichen. Man stellt 
eine Reihe von oft 18 bis 20 Oefen (wie Fig. 38 einen in vorderer 

Fig. 38. 




mmm 



Ansicht, den zweiten im Durchschnitt zeigt), an die Seiten eines ge- 
meinschaftlichen Kamin«; jeder Ofen ist qtal, etwa 12 Fuss weit auf 
11 Fuss Tiefe; die Zwischenmauern sind etwa 3 Fuss dick, mit feuer- 
festen Backsteinen bekleidet; die Sohle läuft nach unten konisch zu, 
das Gewölbe ist flach, die Thüren, welche zum Fällen und Entleeren 
der Oefen dienen, sind 5 Fuss hoch und 3 Fuss breit. Nachdem der 
Ofen, der etwa 75 bis 80 Ctr. Kohle fasst, erhitzt und gefüllt ist, wird 
der Zug durch die Thüren, so wie durch einen Schieber im Fuchs regu- 
lirt; die bei dem Erhitzen freiwerdenden Dämpfe gehen aus dem Ofen 
durch eine Oeffnung im Gewölbe und den knieförmig gebogenen 
Fuchs in den oberhalb des Ofens liegenden Hauj}tcanal, wo sie durch 
hinreichend zugeführte Luft vollständig verbrennen, so dass nur ver- 
brannte Producte durch das in der Mitte stehende gemeinschaftliche 
Kamin entweichen. Ganz ähnlich wie diese Oefen sind die Kohks- 
öfen, welche sehr gewöhnlich in Westphalen im Gebrauch sind (s. f. 
S. Fig. 39, welche drei Oefen zeigt, von denen der mittlere im Durch- 
schnitt) so bei Essen, auf der Horde bei Dortmund und an anderen 
Orten, nur sind die Oefen meist viereckig, und oft liegen vier Reihen 
um ein gemeinschaftliches Kamin, indem zwei Reihen rückwärts an 
einanderstossen. 

Die Wärme der brennbaren Gase geht hier grössten Theils voll- 
ständig unbenutzt verloren; man benutzt zuweilen einen Theil dieser 
Wärme zum Heizen von Dampfkesseln, um die nöthige Kraft zum 
Treiben von Maschinen, z. B. von Gebläsen u. dergl. zu erhalten. 



Digitized by VjOOQIC 



264 



Steinkohlen. 



Ebelmeni) berechnet, dass beim Verkohken von 3 Cnbikineter 
Steinkohlen mit den entweichenden Gasen mehr als 788000000 Wärme- 

Fig. 39. 




Einheiten sich entwickeln , wovon ^/^ im freien Zustande entweichen, 
Va durch Verbrennen der Gase entwickelt wird. Er untersuchte diese 
Gase, und zwar a. den etwa 2 Stunden nach Anfang der Verkohlung 
sich entwickelnden dicken Rauch, der zuweilen in Flamme ausbricht; 
b. die nach 7^2 Stunden auftretenden mit hellrother Flamme verbren- 
nenden Gase; und c. die nach 14 Stunden gegen Ende des Processes 
sich entwickelnden mit blasser Flamme brennenden Gase. 
Die Gase enthalten in (00 Volumen: 





a. 


b. 


c. 


Kohlensäure . . 


. . 10,1 


9,6 


13,0 


Kohlen oxyd . 


. . 4,2 


3,9 


2,2 


Grubengas . 


. . 1,4 


1,7 


0,4 


Wasserstoff . 


. . . 6,3 


3,7 


1,1 


Stickstoff . . 


. . . 78,0 


81,1 


83,3 



In Serai'ng liefern die Oefen, welche 18000 Kilogrm. Kohks in 
24 Stunden geben, hinreichend Gase zur Heizung eines Kessels fQr 
eine Maschine von 80 Pferdekraft. 

Ebelmen schliesst aus seinen Versuchen, dass ^/s des Wasserstoffs 
der Steinkohlen während des Verkohkens verbrennt. Der in dem Gase 
fortgellende Kohlenstoff betrug 23,7 Proc. vom Gewicht der Steinkohlen; 
und für 1 Thl. Steinkohlen traten 3,75 Thle. Luft in den Ofen. 

Die verlorene Wätme von 7 881 600 Wärme-Einheiten entspricht 
der Wirkung von nahe 1000 Kilogrm. guter Steinkohle, nach Versu- 
chen reicht sie hin 146 Kilogrm. Wasser pro Stunde in Dampf von 
2,76 Atmosphären Spannung zu verwandeln. 

*) Annal. des mines. [4.] T. XIX, p. 134; Dingl. polyt. Joum. Bd. CXIX, 
8. 860; Polyt. Centralbl. 1851, S. 940. 



Digitized by VjOOQIC 



Steinkohlen. 



265 



In neuester Zeit hat man nan in Belgien und in Deutschland 
Kohksöfen construirt, um die beim Verkohken entweichenden Gase zu 
verbrennen, und die dabei freiwerdende Wärme zum Verkohlen selbst 
zn benutzen. Diese Oefen sind complicirter als die beschriebenen, aber 
sie geben natürlich eine grössere Ausbeute an Kohks, da die nöthige 
Wärme hier nicht wie bei jenen durch Verbrennen eines Theils des 
Kohks selbst erhalten wird. Von den verschiedenen Oefen dieser Art, 
welche in Belgien, Deutschland und in Frankreich besonders im Ge- 
brauch sind, wollen wir nur drei erwähnen, die von Frommont, von 
Dobochet und von Appolt. 

Bei den Oefen von Frommont, in Belgien wie an der Saar im 
Gebrauch, etwa 10 Fuss lang, stehen, wie die senkrechten Durch- 
schnitte nach der Länge Fig. 40, und der Quere Fig. 41 zeigen, 

Fig. 40. 




Fi»?. 41. 




zwei übereinander befindliche Oefen (der untere etwa 37? Fuss, der 
obere 3 Fuss breit, und jeder 4 Fuss hoch) mit einander in Verbin- 
dung, so dass die Gase aus dem unteren Ofen durch 7 Canäle a an 
der einen Seite in den oberen Heerd steigen; sie gehen dann, mit den 
hier sich erzeugenden Gasen gemengt unter die Sohle des unteren 



Digitized by VjOOQIC 



266 Steinkohlen. 

Ofens, cireuliren in o, gehen von da nach der Hinterwand nnd nach der 
unteren Seitenwand in den Zögen d, nnd erwärmen diese ehe sie in 
die Esse gehen. 

P a u w e 1 8 , Ingen ieur in der Dubochet 'sehen Gasfabrik in Paris, con- 
atmirte einen eigenthümlichen, nach Letzterem benannten Verkohknngs» 
ofen, der ans zwei flachen Über einander liegenden Theilen mit stetig ge- 
neigter Corve besteht, die durch Thüren ganz von einander getrennt sind. 
Der obere Theil ist der eigentliche Destillationsofen, die hier entweichen- 
den Gase werden unter den Ofen hingeleitet und hier durch zugeleitete 
Luft möglichst vollständig verbrannt, wodurch die zur Verkohkung 
nöthige Hitze hervorgebracht wird. Nach beendigter Verkohkung 
fallen die Kohks in den unteren Theil des Ofens, den Kühlofen, um von 
hier nach dem Erkalten entleert zu werden. Diese Dubochet'schen 
Oefen i) sind der Construction wegen kostspielig ; in der Nähe von Dutt- 
weiler bei Saarbrücken in der Kohksfabrik der Madame de Wendel 
sind 100 solcher Oefen seit mehreren Jahren im Gange; jeder Ofen hat 
^OOOThlr. geko5«tet und liefert täglich 30 Ctr. Kohks aus 50 Ctr. Stein- 
kohlen. 

In neuester Zeit haben die Gebrüder Appolt bei Saarbrücken 
eigenthümliche Kohksöfen construirt, bei welchen die Steinkohlen in 
möglichst dicht verschlossenen Oefen verkohkt werden, indem die ent- 
weichenden Gase als einziges Brennmaterial dienen. Ein solcher Ofen 
besteht aus einer Menge kleiner Oefen, um eine grosse Erhitzungs- 
fläche zu erhalten und eine schnelle Erwärmung der Steinkohlen zu 
bewirken. Dieser Zweck wird dadurch erreicht, dass im Ofen senk- 
rechte doppelte Scheidewände angebracht sind; in dem dadurch gebil- 
deten hohlen Raum verbrennen die Ga^e und bewirken so eine mög- 
lichst gleichmässige Erhitzung der Steinkohlen. Eigenthümlich an 
diesem Ofen ist auch, dass die Gase aus dem unteren Theile des Ver- 
kohlungsofens ausströmen müssen, wodurch eine gleichmässigere und 
mehr constante Hitze desselben erreicht wird. Dann ist die Aussen- 
fläche des Ofens möglichst klein im Verhältniss zu der zu erzielenden 
Kohksmenge. Man soll in einem solchen Ofen 300 Otn. Steinkohlen in 
24 Stunden verkohken; Kohle, welche in den gewöhnlichen Kohksöfen 
55 Proc, und in verbesserten Kohksöfen 60 bis 62 Proc. Kohks giebt, 
soll in dem Appolt' sehen Ofen 67 bis 68 Proc. liefern; Steinkohlen 
von der Ruhr sollen 77 bis 78 Proc, Fettkohlen aus Belgien sogar über 
80 Proc. Kohks liefern»). 

Die in den Meilern wie in den Oefen erhaltenen Kohks sind un- 
gleich dichter als die bei der Gasfabrikation erhaltenen Gaskohks; sie 
sind stängelig, weiss, selbst silberweiss bis grau, oft metallisch glän- 
zend. Sie sind schwerer entzündbar als die Gaskohks, verbrennen 
aber mit intensiver Wärmeentwickelung. 

KünstlicheSteinkohlenziegel (BriqueUes). Das bei den Stein- 



') Die Abbildung und Beschreibung findet sich in Armengaud G<^nie iod. und 
daraus: Polyt. Ontralbl. 1857, S. 425 u. in Dingl. polyt Jo^rn. Bd. XCXLII, S. 414. 

') Die n&here Beschreibung mit Abbildungen 8. Armengaud's G^nie indnstr. 
Juin. 1856, p. 296; Dingl. polyt. Jonrn. Bd. CXLI, S. 350; Polyt. Centralbl. 1856, 
S. 669 u. 1194. — Noch andere, namentlich belgische VerkohkungBÖfen sind von 
Bluhme beschrieben: Berg- u. HUttenm. Ztg. 1855, Nro. 25 bis 29; Polyt. 
Centralbl. 1868, S. 1505. 



Digitized by VjOOQIC 



Steinkohlen. 267 

kohlengruben sich immer in grosser Menge ansammelnde Kohlenklein 
(Brockenkohle, Kohlengruss) wird, wie erwähnt, zur Darstellung Ton 
Kohks benutzt, seine Quantität ist aber oft zu gross, um hierzu ver- 
braucht werden zu können. Da das Kohlen klein für sich nur geringen 
Werth hat, hat man sich vielfach bemüht, aus demselben durch Zusatz 
passender Substanzen formbare Massen darzustellen, um so die Kohle 
in grösseren Stöcken zu erhalten , so wie man sie bei Rostfeuerungen 
braucht. 

Am einfachsten ist es, das Kohlenklein mit Lehmwasser vermischt 
tüchtig durchzuarbeiten, das Gemenge in Formen zu streichen und so 
Ziegel zu bilden, die nach dem Trocknen an der Luft zum Brennen 
fertig sind. Das Beimengen von Thon ist wegen des dadurch ver- 
mehrten Aschengehaltes nicht sehr zweckmässig, man hat daher nach 
solchen Substanzen als Bindemittel gesucht, welche selbst brennbar 
sind. Weschniakoff wendete bei seinem Carbolein wohlfeile Fette an 
(s. 2ie Aufl. Bd. II, 2, S. 404). In neuester Zeit wendet man haupt- 
sächlich Stein kohlentheer oder Steinkohlenpech an, und comprimirt das 
heisse Gemenge von Kohle und Theer, um eine beim Erkalten feste 
Masse zu erhalten. Es sind in England und Frankreich zahlreiche 
Patente auf verschiedene Methoden und Apparate für diesen Zweck ge- 
nommen. Es genügt, hier einige solche Methoden zu beschreiben. 

Die Gesellschaft der Steinkohlengruben von Blanzy ^) in Frank- 
reich stellt solche künstliche Steinkohlen oder Kohlenziegel (Peras ge- 
nannt) dar, indem gewaschenes Steinkohlenklein zuerst auf 200® C. etwa 
erhitzt» und dann mit der nöthigen Menge (7 bis 8 Proc.) Steinkohlen- 
theer sorgfältig gemengt wird; das heisre Gemenge wird darauf in guss- 
eiseme Formen von 0,32 Meter Länge, 0, 1 6 Meter Breite und gleicher 
Tiefe gebracht , wo sie unter einer hydraulischen Presse mit einem 
Druck von 20000 Kilogr. zusammengepresst werden; die Kohienstücke 
werden dann sogleich ans der Form, die einen losen Boden hat, gestos- 
sen. Es sind regelmässige quadratische Stücke, sehr fest, so dass sie 
nicht so leicht zerbrechen wie die meiste natürliche Stückkohle. Wegen 
der regelmässigen Form lassen sich diese Kohlen besser magaziniren 
als Stückkohle, so dass ^/^ an Raum gespart wird, weshalb sie sich be- 
sonders zur Verproviantirung auf Dampfschiffen eignen, da sie überdies 
weniger Bruch und Staub geben. Beim Verbrauch werden sie zerschla- 
gen, und geben dann eckige Bruchstücke, die sich leicht entzünden, und 
weil sie nicht zu dicht liegen , auf dem Rost gut verbrennen. Es wird 
angegeben, dass sie bei gleichem Gewicht mehr Hitze geben als Stein- 
kohlen; der Unterschied kann nicht gross sein, wenn die Kohlen gleich 
trocken sind. 

Sehr zweckmässig verwendet man zum Verbinden der Kohle statt 
des Steinkohlentheers seibat den beim Abdestilliren desselben bleiben- 
den pechartigen Rückstand (s. S. 253). 

Kurtz,Cropper u. Comp, in Liverpool') erhitzen das trockene 
Kohlenklein zuerst auf 175^0., und mengen dies dann heiss mit dem 
pechartigen Rückstand; die Masse wird heiss gut durchgeknetet, und dann 
sogleich in Formen gebracht, und mittelst Walzen comprimirt. 



Payen^s Gewerbschcm. bearb. v. FehKng. Stuttgart 1860, S. 726. 
*) London Jonrn. of arts. Oct. 1842, p. 195; Dingl. polyt. Joarn. Bd. LX2CXVI, 
S. 367. 



Digitized by VjOOQIC 



268 



Steinkohlen, 



Wylam^) mengt 4 Thle. Kohlenklein heisa mit 1 ThL Pech and 
formt die heisse Ma«Be unter starkem Drack. 

. Bei Benatzung von Backkohlen kann man auch ohne Zusatz eines 
Bindemittels durch Erhitzen und Pressen aus dem Eohlenklein ganze 
Stücke erhalten. 

Bessemert) wendet gut backende Staubkohlen an, erhitzt diese 
in einer Retorte möglichst gleichzeitig und stark, und bringt sie dann 
unter eine starke Presse. 

Warlich verwandelt die in der Hitze zusammengepressten Kohlen 
durch Verkohken im verschlossenen Baum in Kohks, wobei er die Ne- 
ben prodncte auffangt. 

Coffue^) verwandelt den Abfall von Kohks in ein feines Pulver, 
und presst nach Zusatz von etwas Steinkohlentheer das Gemenge un- 
ter einem mächtigen Dampfhammer in einer dreitheiligen gusseisernen 
Form zu einem sechsseitigen Prisma von 5 Zoll Seite und 3 Fuss Länge 
zusammen. Das Pulver wird in der Form mittelst eines Dampfhammers 
auf etwa 1/4 seines ursprünglichen Volumens zusammengepresst. Nach 
dem Pressen werden die geformten Kohlen in der Darrkammer getrock- 
net; sie sind so dicht, dass 1 Cubikfuss über 100 Pfd. wiegt, das ist eine 
grössere Dichtigkeit als die natürlichen Steinkohlen sie haben ^). 



Wir geben zum Schluss noch eine tabellarische Zusammenstellang 
über die procentische Zusammensetzung der Steinkohlen. 



Fundort und Namen der 
Kohlen. 



i2 



EngllBche Kohlen. 

Hunwick Kohle von Stockton . 

Newcftstle Backkohle 

Wigan Cannelkohle 

Kohle von St. Helens 

Anthracit von Wales 

Splintkohle, Glasgow 

Cannelkohle, Wigan 

Parrotkohle, Edinburgh . . . . 
Cheriykohle, Newca«tle . . . . 

„ Glasgow 

Backkohle, Newcastle 

,, Durham 



1,27 
1,27 
1,28 
1,89 
1,31 
1,32 
1,32 
1,26 
1,28 
1,28 
1,27 



86,8 
81,4 
804 
75,8 
90,4 
82,1 
82,9 
67,0 
84,0 
80,6 
87,1 
82,7 



5,9 
5,8 
5,5 
5,2 
3,3 
6,4 
5,6 
5,4 
5,0 
6,4 
6,2 
5,1 



2,0 
2,1 
1,9 

0,8 



1,6 
7,9 
8.1 

11,9 
3,0 

10,4 
8,2 

12,6 
8,8 

12.4 
6,0 
9,5 



0,7 
1,6 
0,9 
0,9 



6,1 
2,0 
2,7 
5,1 
1,6 
1,1 
2,5 
14,6 
1.7 
1,4 

2,5 



66,7 
60,8 
65,5 
92,1 



^) Repert. of Pat. Invent. March 1844, p. 146; Dingl. polyt. Journ. Bd. XCII, 
S. 885. — «) Hcpert. of Pat. Invent. Novbr. 1850, p. 297; Dingl. pol. Joan. 
Bd. CXX, S. 409. - 3) Dingl. polyt. Journ. Bd. CXXXIU, S. 100. 

*) In Bezug auf sonstige Vorschläge zur Darstellung von. künstlicher Stein- 
kohle 8. ReeÄ, Kepert. of Pat. Invent. 1851 Octbr. p. 287; Dingler's polyt. Journ. 
Bd. CXXn, S. 184; Polyt. Centralbl. 1852, S. 788. — Middleton, London. Journ. 
of arts 1845 Novbr., p. 249; Dingler's polyt. Journ. Bd. IC, S. 254. — Dehay« 
nin und Hamoir, Armeng. G^n. ind. Juill. 1864, p. 49; Dingler*8 polyt. Journ. 
Bd. CXXXII1,'S. 285; Polyt. Centralbl. 1854, S. 1882. — Eward, Bull, de la 
soc. d'encour Juill. 1859, p. 410; Dingler's polyt. Journ. Bd. CLIV, S.. 886. — 
Kings ford. Armeng. G^n. ind. Fevr. 1857, p. 96; Dingler's polyt. Journ. Bd. 
CXLIV, S. 81. YergL ferner Dingler's polyt. Journ. Bd. CLI, S. 107, und Mnspratt, 
Chemie in Anwendung auf Gewerbe von Stohmann Bd. II, 8. 698 u. folg. 



Digitized by VjOOQIC 



Steinkehlen. 



269 



Fundort und Namen der 
Koblen. 






3 



In 



S 



OD 



I 



o 



Wylam Banks NewcasMe. 

Splintkohle 

Aus Newcastle. 

▲ndrew's Hoose, Tanfield 

Haiwell Wallsend 

Newcastle Hartley 

West Hartley Main 

Carr's Hartley 

Broomhill 

Durchschnitt von 18 Proben .... 

Aus Lancashire. 

llaydock Little Delf 

Balcarres Arley 

Moss Hall, Pemberton 

King „ „ 

Bushy Park Mine 

Cannel, Wigan 

Durchschnitt vow 28 Proben .... 

Aus Derbyshire. 

Earl FitzwilÜam's Park Gate .... 

Stavely 

Durchschnitt von 7 Proben .... 

Aus Wales. 

Aberaman Merthyr *. . . 

Duffryn 

Graigola 

Old-Castle Fiery Vein 

Rock^Vawr 

Pontypool 

Durchschnitt von 36 Proben .... 
Aus Schottland. 

Wallsend Elgin 

Welhrood 

Fordel Splint 

Dalkeitb Jewel, Flötz 

Ewlowe 

Durchschnitt von 8 Proben .... 

Anthracitkohle von Glasgow. 

Fasenge Kohle 

Kornige Kohle 

Faserige Kohle von Ayrshire . . . 

M V V Fifeshire .... 

Anthracit von Calton Hill (Edinburgh) 

Aussereuropäische Kohlen. 

Vandiemensland, Südcap 

n Douglas Fluss . . . 

„ Schonten Insel . . 

Sydney 

Bomeo , 

Formosa Insel 

Chili, Conoeption-Bay 

„ Port Famine 

M Cokurra-Bay 

Patagonia Sandy-Bay 



1,80 

1,26 
1,28 
1,29 
1,26 
1,26 
1,26 
1,26 

1,26 
1,26 
1,26 
1,30 
1,28 
1,23 
1,27 



1,31 
1,27 
1,29 



1,30 
1,32 
1,30 
1,29 
1,29 
1,32 
1,31 

1,20 
1,27 
1,23 
1,27 
1,27 
1,20 



1,28 
1,24 
1,29 



74,0 

86,6 
88,6 
81,8 
81,8 
79,8 
81,7 
82,1 

79,7 
88,6 
76,6 
73,6 
77,7 
79,2 
77,9 

80,1 
79,8 
79,7 

90,9 
88,3 
84,9 
87,7 
78,0 
80,7 
88,8 

76,1 

87,8 
79,6 
74,6 
81,0 
78,6 

88,0 
72,7 
73,4 
74,7 
91,2 

63,4 
70,4 
64,0 
82,4 
64,5 
78,2 
70,6 
64,2 
78,8 
62,2 



6,1 



6,3 
6,7 
6,5 
6,3 
6,1 
6,2 
6,3 

6,1 
5,2 
4,8 
6,8 
6,2 
6,1 
6,3 



4,9 
4,8 
4,9 



4,3 

4,6 
8,8 
4,8 
4,3 
6,6 
4,7 

6,2 
6,3 
6,6 
6,1 
4,9 
6,6 

3,8 
2,8 
2,9 
2,7 
2,9 

2,9 
4,2 
8,6 
6,8 
4,7 
6,7 
6,7 
6,3 
5,6 
6,0 



1,8 
1,4 
1,3 
1,7 
1,2 
1,8 
1,8 



0,6 
1,0 
2,0 
1,7 
1,8 
1,2 
1,8 



2,1 
1,2 
1,4 



1,2 
1,4 
0,4 
1,8 
0,6 
1,8 
1,0 

1,4 
1,6 
1,1 
0,1 
1,1 
1,0 

0,7 



0,6 

1,3 
1,1 
0,9 
1,2 
0,8 
0,6 
0,9 
0,6 
1,1 
0,6 



6,1 

4,4 
8,2 
2,6 
7,5 
7,8 
4,4 
6,7 

10,6 
6,9 
8,0 
9,0 
9,0 
7,2 
9,5 

9,9 
10,9 
10,8 



13.9 



0,9 
0,6 
7,2 
8,4 
8,6 
4,4 
4,1 

6,0 
6,3 
8,3 
16,6 
8,2 
9,7 

6,8 
6,8 
8,3 
7,6 
1,4 

1,0 

9,3 

8,4 

8,3 

20,7 

10,9 

18,2 

22,7 

8,3 

17,5 



1,8 

0,06 

1,7 

1,1 

0,8 

2,8 

1,2 



0,6 
1,0 
3,0 
1,6 
1,0 
1,4 
1,4 

1,1 
0,7 

1,0 

1,2 
1,8 
0,6 
0,1 
1,0 
2,4 
1,4 

1,6 
1,6 
1,6 
0,3 
1,4 
1,1 



2,9 

1,0 
0,7 
0,8 
0,7 
1,4 
0,6 
2,0 
1,0 
1,0 

1,1 



2,1 

0,2 
7,1 
2,6 
5,2 
8,0 
8,8 



3,4 
8,3 

6,6 
8,7 
6,7 
4,9 
4,9 



1,8 
2,4 
2,6 



65,1 
62,7 
64,6 
§9,2 
60,6 
69,2 
60,7 



58,1 
62,9 
56,7 
62,4 
5^7 
60,3 
60,2 



61,7 
57,8 
69,3 



1,4 
3,2 
3,2 
2,6 
7,5 
6,5 
4,9 

10,7 
2.9 
4,0 
4,4 
8,4 
4,0 

6,1 
19,1 
16,4 
14,8 

1,0 

80,4 
14,4 

27,1 
2,0 

7,7 
8,9 

7,6 1 
6,2 , 

6,7 
18,4 1 



85,0 
84,8 
85,5 
79,8 
62,5 
64,8 
72,6 

58,5 
69,1 
52,0 
49,8 
64,6 
54,2 



Digitized by VjOOQIC 



270 



Steinkohlen. 



Fundort nnd Namen der 
Kohlen. 



I 





^ 


1 


1 




JBi 




C 


00 


CO 



^ 



Preussische Kohlen. 

a. Wettiner Revier. 
LöbejOner Gmbe, Oberflöts .... 

Wettiner Qrube, Oberflötz 

b. Waldenburger Revier. 

Segen-Qottes Grube, älteres Flötz . . 

Grüfi. Hochberg Gmben, zweites Slots 

Gläckh&lf-Gmbe, zweites Flötz . . . 

c. Oberschlesisches Revier. 

Engeniens Glück Grube 

Königsgrube, Gerhard-Flötz . . . .' 

Louisen Grube, Oberflötz 

Fausta Grube, Fausta-Flötz 

Köni(^n Louisen Grube, Heinitz-Flötz 

d. Saarbriicker Revier. 
Gerhard Grube, Beust Flötz . . . 
Heinitz Grube, Blücher Flötz . . . 
Duttweiler Grube, Natzmer Flötz . 
e. Inde Revier bei Eschweiler. 
James Grube, Flötz Grosskohl . . 
Centrum Grube, Flötz „ . . 

f. Worms Revier bei Aachen. 
Neulauerweg Grube, Flötz Fürth . 
Alte Grube, Flötz Grosslangenberg 

g. Bergamtrevier Essen. 
Zeche Sälzer u. Neamark, Flötz Rött- 

gersbank 

Zeche Hundsnocken, Flötz Hitzberg . 

h. Rergamtsrevier Boccham. 
Zeche Engelsbnrg, Flötz Stennsmanns- 

bank 

Zeche Präsident, Flötz Präsident . . 
Zeche Louise, Tiefbau, Flötz Nro 8 . 

i. Bergamtsrevier Ibbenbühren. 
Zeche Schafberg, Flötz Alexander 
Zeche Glücksburg, Flötz Flottwel . . 
Zeche Laura bei Minden 



Steinkohlen aus Sachsen. 

Zwickau, Russkohle von Bürgerschacht 

„ Pechkohle von Auroraschacht 
Zwickauer Kohlen, Oberhohndorf . . 

„ „ Planitz 

„ „ Zwickau .... 

„ „ Niederwürschnitz 

Kohle des Plauenschen Grundes. 

von ffinichen 

von Potschappel 

von den Königl. Werken 



Culmkohle 



von Betheisdorf 
von Ebersdorf . 



81,9 
77,6 

82,0 
70,9 
80,8 

78,2 
79,6 
70,0 
77,2 
78,9 

72,4 
80,6 
88,6 

89,6 
83,7 

88,6 
90,4 



86,6 
88,2 



86,9 
79,7 
78,1 

82,0 
77,2 

74,8 



82,1 
78,8 
76,0 
77,8 
72,2 
71,6 



68,2 
64,4 
66,4 
66,6 



64,1 
40,6 



8,7 

6,1 

6,2 
6,6 
6,1 

4,9 
4,8 
4,9 
4,6 
4»8 

4,4 

6,0 
6,1 

4,2 
4,0 

4.1 
4,0 



4,6 
8,8 



4,6 
4,6 
6,0 

4,1 
4,0 
4,8 



6,8 
4,7 
6,0 
4,2 

4,8 
4,3 



8,7 
8,3 
4,2 
8,8 



8,7 
2,7 



2,6 



0,6 



1,2 



1»7 



1,6 
0,8 



0,6 
0,6 
0,2 
0,2 
0,2 
0,2 



0,6 
0,2 
0,1 
0,1 



0,2 
0,1 



8,6 
6,8 

10,2 

14,8 

9,6 

19,1 
12,9 
14,8 
18,8 
16,1 

16,0 

11,9 

9,0 

4,0 
7,0 

4,4 
4,1 



6,9 
8,7 



4,8 
11,6 
12,9 

4,6 

8,1 
8,8 



10,4 
14,1 
10,0 
9,8 
12,8 
10,8 



11,0 
14,6 
11,0 
10,8 



10,9 
12,1 



0,8 
0,6 
1,5 
0,6 
1,8 
1,6 



1,1 
0,8 
1,8 
8,1 



2.2 
0,7 



10,8 
12,0 

2,6 

9,1 
4,6 

2,7 
2,6 
10,1 
4,8 
8,6 

8.1 
2,6 
1,6 

2,2 
4,0 

2,9 
1,4 



2,1 
4,2 



8,2 
8,2 
4.0 

9,8 
10,6 
12,1 



1,1 
6,2 
2,8 
4,0 
2,4 
4,6 



12,0 
14,0 
14,6 
28,4 



27,6 
41,7 



8,0 
6,0 
4,6 
4,8 
6,3 
7,5 



4.2 
3,8 
4,8 
4,9 



8,2 
3,7 



Digitized by VjOOQIC 



Steinkohlen. 



271 



Fnndoit and Namen der 
Kohlen. 



> 


•g 


9t 


s 




ja 




o 



£ 



Itali&nische Steinkohlen. 

Magere Kohle von Monte Massi . . 
Fette Kohle von Monte Bomboli . . 
Steinkohlen a. Sardinien, CantonGonexa 

Belgische Kohlen. 

Lerant du fl^nui 

Escoufianx . . (Mona 

BelleTue . . . ) 

Mariemont 

Trico kaiain . . \ r«i,-,io,«: • • • • 
Sars lea Monlins/ ^harleroi 

Französische Kohlen. 

Bonne part., Toussaint Flötz^Valcn- . 
Ni^leon-Ferier Flöts . . /ciennes 

a^}r«'^c.i.i. 

Alais, Dep. du Gard 

Corbeire, Rive de Gier 

Flenü von Mont 

Rive d. G. Cimeti^re, bourmc . . . 

Epinac 

Commentry, Dep. TAllier 

Blanzy 

Anthracitkohle, Lamure, Dep de l'Is^re 
C€ral, Dep. Aveyron 

Ungarische Kohlen. 

Baranyaner Comitat- 

Fette Backkohlen von der Barbaragmbe 
bei Szabols 

Fette Backkohlen von der Bfichaelis- 
grabe bei Vassas 

Kraosoer Comitat (Banat). 

Sinterkohlen aus der Grube von Purkari 
Sinterkohlen aus der Merkurgrube 
Sinterkohlen aus der Simon- und St 

Antongmbe 

Sandkohlen aus der Heil. Dreifaltig- 

keitsgrube 

Sandkohlen aus der Emiliagrube . . 



1,82 
1,81 
1,27 
1,28 
1,35 
1,82 
1,86 
1,36 
1,29 



1,88 



1,29 



1,32 
1,28 



1,42 



1,39 
1,86 



G2,0 
76,6 
60,0 



82,9 
85,1 
8M 
87,4 
S6,4 
88,7 



90,5 
84,8 
83,8 
82,7 
88,6 
87,1 
84,0 
81,4 
86,6 
83,0 
76,0 
89,0 
74,8 



83,7 



88,7 



85,3 
84,5 

82,5 

83,8 
78,4 



5,0 
4,8 
4,7 



5,2 
5.4 
4,4 
4,6 
4,6 
4,2 



3,6 
5,5 
5,8 
4,1 
4,8 
4,9 
6,2 
6,2 
5,1 
5,2 
6,2 
1,6 
4,7 



4,9 



5,0 



5,0 

4,9 



0,9 

0,9 



4,3 - 



4,3 

3,9 



17,8 
18,0 
29,4 



10,1 
7,2 
6,0 
6,7 
6,8 
6,2 



2,7 

6,8 

7,8 

4,8 

6,1 

6,0 

8,6 

9,8 

11,8 

12,5 

16,4 

4,6 

9,6 



11,2 



6,2 



9,6 
10,6 

18,1 

11,8 
17,7 



14,2 

4,7 
5,8 



1,7 
2,1 
8,1 
2,3 
8,6 
1,8 



«4 
2,8 
8,0 
8,6 
1,4 
2,9 
2,1 
3,6 
2,6 
0,2 
2,3 
4,6 
11,8 



11,4 



2,9 



1,6 
2,6 

10,5 

8,2 
1,5 



67,0 
61,0 
44,0 



66,8 
72,8 
79,9 
89,4 
83,8 
86,8 



92,9 

66,8 
64,0 
86,4 



77,8 



76.8 



73,1 

68,2 

76,8 

78,1 
70,6 



8,2 
7,8 



Bischoff giebt folgende Zusammenstellong über die elementare Znsammen- 
«etzang von Steinkohlen aus der älteren Steinkohlenformation. 

I. 9 Steinkohlen ans Oberschlesien, Saarbrücken, Essen, Werden, Eschweiler, 
nach Karsten. 

n. 8 Steinkohlen von Newcastle, Glasgow, Edinburgh und South -Hetton, 
nach Th. Richardson. 

m. 16 Steinkohlen von Alais, Rive-de-Gier, Mons, Lavaysse, Epinac, Commen- 
trj, Blanzy, Newcastle und Lancashire, nach Regnault. 

IV. 6 Steinkohlen ans dem Plaaenschen Grunde bei Dresden, nach Köttig. 

y. S Steinkohlen von Newcastle, von Taylor. 

VI. 4 Steinkohlen von Newcastle, St. Helens. Staifordshire und Oregon, nach 
Vaux. 



Digitized by VjOOQIC 



272 Steinkohlencamphor. — Steinkohlentheercamphor. 

VII. 12 Steinkohlen aas Schlesien, nach Baer. 

VIII. 9 Steinkohlen aus Westphalen, nach Baer. 

IX. 2 Steinkohlen von Monte Massi in Toskana, nach Bansen. 

X. 2 Russische Steinkohlen von Krassnokut und von den Ufern der Oka, nach 
Woskressensky. 

XI. 5 Russische Kohlen von Solikamsk, Charkow, Themolessnaja, Selenia und 
Grigoijewa, nach Woskressensky. 

XIL Eine grosse Reihe Nord- Amerikanischer Steinkohlen, nach Johnson: 

a. von Maryland und Pensylvanien, 

b. von Virginien. 

XIII. 18 Steinkohlen von Newcastlc, von Play fair. 

XIV. 28 Steinkohlen aus Lancashire, von „ 

XV. 8 Proben aus Schottland, von Play fair. 

XVI. 7 „ „ Derbyshire, „ ,. 

XVII. 3G Steinkohlen aus Wales, von „ 





Kohlenstoff. 


Wasserstoff. 


Sauerstoff. 


Asche. 




Max. 1 Min. 


^M^iT" 


Min. 


Max. 1 Min. 

1 


Max. 


Min. 


I. 


96,6 


74,8 


5,5 


0,4 


21,1 


3,0 


2,9 


0,6 


II. 


89,2 


79,1 


7,2 


5,3 


14,6 


5,5 


14,6 


la 


III. 


90,6 


83,1 


6,9 


4,0 


11,8 


4,4 


5,3 


0,2 


IV. 


81,8 


79,1 


6,2 


6,7 


15,1 12,2 


27,0 


7,5 


V. 


87,9 


81,0 


6,5 


6,8 


12,8 


4,5 


16,9 


1,4 


VI. 


83,1 


79,4 


6,0 


5,3 


14,9 


10,2 


35,5 


1,0 


VII. 


84,7 


74,2 


5,6 


4,8 


20,3 


13,3 


10,1 


2,7 


VIII. 


90,4 


81,3 


5,3 


4,5 


13,0 


6,0 


14,1 


8,« 


IX. 


77,2 


76,0 


5,5 


5,1 


18,5 


17,7 


4,1 


8,2 


X. 


78,1 


64,5 


5,1 


4,7 


30,8 


21,7 


6,5 


2,4 


XI. 


79,3 


67,9 


6,1 


3,6 


26,0 


15,5 


26,0 


2,7 


XII. a. 


76,7 


68,4 


— 


— 


— 


— 


14,0 


7,0 


xn b. 


68,0 


58,0 


— 


— 


— 


— 


14,0 


8,0 


XIII. 


86,8 


78,1 


6,7 


4,6 


12,1 


3,6 


9,1 


0,2 


XIV. 


83,9 


68,7 


6,2 


3,9 


21,3 


6,4 


14,8 


1,0 


XV. 


88,5 


74,5 


6,5 


4,8 


15,6 


3,0 


10,7 


1,2 


XVI. 


81,9 


77,5 


5,6 


4,6 


12,8 


9,8 


4,6 


1,2 


XVII. 


91,4 


71,1 


6,3 


3,4 


18,8 


2,0 


14 7 


1,2 
Fe. 



Als Mittel von 128 Analysen von Kohle aus der älteren Formation berechnet 
Bisch off nach Abzug von Asche und Feuchtigkeit: 
82,8 Kohlenstofif 
5,5 Wasserstoff 
12,2 Sauerstoff 
Danach kommen auf 100 Atome Kohlenstoff nahe 40 Aeq. WasHerstoff and 
gegen 11 Aeq. Sauerstoff. 

Steinkohlencamphor s. Steinkohlentheer- 
camphor. 

Steinkohlengas s. Gasbeleuchtung Bd. III, 8. 340 

und unter Steinkohlen oben S. 249. 

Steinkohlenöl, Steinkohlentheeröl, s. unter 
Steinkohlen S. 251. 

Steinkohlentheer s. unter Steinkohlen s. 250, 

Steinkohlentheercamphor sind die verschiedenen aus 
den Steinkohlen zu erhaltenden starren fluchtigen* Körper genannt, na* 
mentlich das Naphtalin (s. Bd. V. S. 429). 



Digitized by VjOOQIC 



Steinkreide. — Steinöl. 273 

Steinkreide wird im Gegensatz zur geschlämmten Kreide 
die natGrlich vorkommende Kreide genannt, welche oft durch kieselige 
und andere Beimengungen Weniger znm Gebrauche geeignet ist, ais 
die durch Schlämmen gereinigte. K. 

Steinmannit, ein bei Przibram in Böhmen vorgekommenes 
Mineral, in traubigen und nierenförmigen Gestalten mit drusiger Ober- 
fläche und mit kleinen Krystallen O, wurde von Zippe i) als eigene 
Species aufgestellt, welche Schwefelblei und Schwefelantimon enthalten 
sollte. Dieses Mineral ist jedoch nur Schwefelblei und durch zufällige 
Beimengungen verunreinigt, also eine Abänderung de^ Galenit, wie 
solches von Kenn g Ott ^)f Reussund Schwarz 3) nachgewiesen wurde. 

K, 

Steinmarky Lithomarge, Argile LiHwmarge^ ist die feste Va- 
rietät des Kaolin und wurde neben der erdigen oder zerreiblichen Va- 
rietät, der sogenannten Porcellanerde, als eigene Species aufgestellt. 
Dieser feste Kaolin, welcher derb, eingesprengt, als Ueberzug, in 
Pseodomorphosen vorkommt, hat ebenen flachmuschligen bis erdigen 
Bruch, ist weis«»« grau oder zufällig roth, gelb, braun, grün, blau ge- 
färbt, einfarbig und bunt, matt, nur durch Anfühlen oder im Strich 
glänzend, undurchsichtig, hat die Härte = 2,5 und darunter, fühlt 
sich fettig an und hängt meist stark, oft gar nicht an der Zunge. 
Im Wasser bleibt es unverändert, vor dem Löthrohre ist es unschmelz- 
bar, wird von Salz- oder Salpetersäure wenig angegriffen, von Schwe- 
felsäure vollständig zersetzt. Nach zahlreichen Analysen entspricht es 
in der Zusammensetzung dem Kaolin, ist aber häuÄg durch Beimen- 
gungen verunreinigt, weshalb man für dasselbe die Formel H O . AI2 O3 
-f- HO.SiOa oder 3 AlaOs-^SiO» + ^HO oder andere aufgestellt 
findet. A'. 

Steinöl^), Syn. Bergbalsam, Bergnaphta, Bergöl, Erd- 
öl, Quirinusöl, Petroleum^ Bitumen candidum^ Bitumine liquide^ Naphte. 



*) Verhandl. d. GeselUch. d. vaterl. Mus. in Böhmen 1838, S. 39. 

«) Dessen Uebers. d. Resul. min. Forsch. 1865, S. 109; 1866 u. 1857, S. 177. 

*) Kopp a. WilVs Jahresber. 1858, S. 682. 

*) Antbon, Repert. T. LIV, p. 77. — Blanchet und Seil, Annal. d. Chcm. u . 
Ptiarro. Bd. VI, S. 808.— Böttger, Repert. T. LXV, p. 138.— Bollcy, Schweiz. 

Gewerbebl. März 1853, Vierteljahrschr. f. Pharm. Bd. II, S. 418 Bouss ingault, 

Annal. d. Chem. u. Pharm. Bd. XXIII, S. 261; Bd. XXXV, S. 354. — Bu ebner, 
Repert. T. IX, p. 290. — Bussenius, Beiträge zur Kenntnis» der liquiden Koh- 
lenwaeserstoffe. Inauguraldiss. Göttingen, 1868; Annal. d. Chem. u. Pharm. Bd. CXIII, 
S. 161. — Dumas, Annal.de cbim. et de phys. [2.] T. L, p. 287. — Eisenstuck, 
lieber die HUssigen Kohlen wasaerstofTe des Erdöls von Sehnde. Inauguraldiss. Göttingen 
1859; Annal. d. Chem. u. Pharm. Bd. CXIII, S. 151, 169. — Gregory, Joum. f. 
prakt Chem. Bd. IV, S. 1. — Guyot. Joum. d. chjm. m^dlcale T. XXII, p. 487. — 
Herr mann, Pogg. Annal. Bd. XVIII, S. 868.— Hess, Pogg. Annal. Bd. XXXVII, 
S. 417. -r- Kobell, Journ. f. prakt. Chem. Bd. VIII, S. 305.— Laurent, Annal. 
de chim. et de phys. L2.1 T. LXIV, p. 321. — Malcolm, Hallesche Zeitschrift f. d. 
ges. Natnrw. Bd. XII, Hft. 7 u. 8, S. 186. — Martinovich, Crell's chem. Annal. 
1791, Bd. I, S. 82. — Mojon, Annal. de chim. T. XLV, p. 171. — Pebal, 
Annal. d. Chem. u. Pharm. Bd. CXV, S. 19. — Pelletier und Walter, Journ. de 
pharm. T. XXVI, p. 649; Journ. f. prakt. Chem. Bd. XXI, S. 93. — Petzholdt, 
Journ. f. prakt. Chem. Bd. XVIII, S. 339. — Pleischl, Buumgart. Zeitschr. Bd. II, 
S. 346. — Reichenbach, Schweigg. Journ. Bd. LIX, S. 19. — Saussure, Annal. 
de chim. et de phys. [2.] T. IV, p. 314, T. VI, p. 308; Biblioth. universelle 1832, 
S. 160; Pogg. Annal. Bd. XXV, S. 374.— Schweigger, Schweigg. Journ. Rd. LIX, 

Handwörterbuch der Chemie.. Bd. VIII. ]^^ 

Digitized by VjOOQIC 



274 Steinöl. 

Das Steinöl, welches in fast allen Ländern der Erde Yorkoramt, ist 
ein Product der Zersetzung organischer Substanzen im Innern der Erde. 
Es findet sich in den jüngsten Erdforraationen, häufig in der Nähe von 
Kohlenflötzen. Es entquillt entweder freiwillig für sich oder mit Was- 
ser zusammen dem Boden, oder man befördert sein Hervortreten an 
den geeigneten Orten durch Abteufen von Brunnen, in welchen es sich 
dann auf der Oberfläche des Wassers abscheidet. 

In grossester Menge findet es sich im birmanischen Reiche, wo es 
in der Umgegend der Stadt Rainanghang allein mehr als 500 Steinöl- 
brunnen giebt. In bedeutender Menge soll es jetzt in Westpennsylva- 
nien erhalten werden (3000 bis 13000 Liter täglich. Schwarz *). 

Im District Baku am Caspischen Meere bilden die der Erde ent- 
strömenden angezündeten Steinöldämpfe die sogenannten heiligen Feaer. 
Ausserdem findet man es noch beiTegernsee in Bayern und in anderen 
Gegenden Deutschlands, in der Schweiz bei Neufchatel; ikiAmiano bei 
Parma, in Frankreich im Departement l'Ain, zu Rangoon in Ava, in 
Galizien, Ungarn, Schottland, England u. s. w. 

Woher das Steinöl eigentlich stammt, wie es entsteht, sind nicht 
befriedigend gelöste Fragen. Am meisten war die Ansicht verbreitet, wel- 
che seine Entstehung unterirdischen Verkohlungs- oder Verbrennungs- 
vorgängen von Steinkohlenlagern zuschrieb. Dieser Ansicht trat jedoch 
Reichenbach mit gewichti^^en Gründen entgegen, indem er nach- 
wies, dass man niemals bei Erdbränden in Steinkohlengruben Steinöl 
entstehen sehe, noch dieses durch Verkohlung von Steinkohlen erhalten 
werden könne. Er hatte nun beim Destilliren von Steinkohlen mit 
Wasser ein Gel erhalten, welches einerseits völlig dieselben Eigenschaf- 
ten wie das Steinöl von Amiano zeigte, andererseits eine so ausseror- 
dentliche Aehnlichkeit mit Terpentinöl hatte, dass er zum Schlüsse 
kam, das Steinöl sei das Terpentinöl der Pinien der Vorwelt. Es 
war, nach ihm, fertig gebildet in den Steinkohlen enthalten, dieselben 
konnten sich demnach niemals in einer höheren Temperatur befunden 
haben und die Steinölquellen waren schwache Destillationen grosser 
Steinkohlenlager durch die allgemeine unterirdische Erdwärme. Pa- 
raffin und Eupion, jene beiden Körper welche Reichenbach sonst bei 
der Destillation aller pflanzlicheii StoflTe immer erhalten hatte, wurden 
von ihm im Steinöl nicht vorgefunden, und diese Thatsache lieferte ihm 
eine neue Stütze für die Annahme, dass das Steinöl kein Product eines 
unterirdischen Verkohlungs- oder Verbrennungsprocesses sei. Mit der- 
Entdeckung des Paraffin und Eupion im Steinöl von Rangoon, durch 
Gregory und Christison, waren die Reichenbach'schen Schlüsse 
nicht mehr für alle Fälle anwendbar, und Gregory betrachtete das Stein- 
öl wieder als ein Erzeugniss der trockenen Destillation. Kobell, der 
ebenfalls das Steinöl, wenigstens das paraffin haltige, als ein Erzeug- 
niss der trockenen Destillation ansah, nahm an, dass die das Material 
liefernden Kohlen alles Bitumen verloren haben müssten, weshalb die 



S. 29. — Serullas, Annal. de chim. et de phys. T. XXV, S. 818. — Thomson, 
Schweigg. Journ. Bd. XXIX, S. 874. — Torosie^vicz, Repcrt. T. LV, p. 16; 
T. LXI, p. 398. — üelsmann, Annal. d. Chem. «. Pharm. Bd. CXIV, S. 279. — 
Unverdorben, Schweigg. Journ. Bd. LVII, S. 248. — Ure, Schweigg. Journ. 
Bd. XXXIX, S. 836. — Warren de la Rue und Müller, Journ. f. prakt. Chem. 
Bd. LXX, S. 800. — Winterl, CrelPs chem. Annal. 1788, Bd. I. S. 498. 
») Dingl. polyt. Journ. Bd. CLVIl, S. 400. 



Digitized by VjOOQIC 



Steinöl 275 

gewöholichen Steinkohlen als bitumenhaltig nicht die Residaen dieses 
Processes seien, vielleicht aber der Anthracit, bei welchem nicht nur 
das gänzliche Fehlen des Bitumens sowie die Abwesenheit aller organi- 
schen Textur, sondern auch sein häufiges Vorkomnien in vnlcanischen 
Gebilden zu dem Schlüsse berechtige, dass er sich in einer hohen Tem- 
peratur befunden habe. 

Was nun die Eigenschaften des Steinöls betrifft, so lässt sich All- 
gemeines darüber nur wenig angeben. Die Consistenz desselben schwankt 
zwischen dünnflüssig bis butterartig, die Farbe zwischen wasserklar bis 
beinahe schwarz und das specifische Gewicht ist ebenfalls sehr verschie- 
den. Wegen dieser Verschiedenheiten sind wir genöthigt, hier kurz die 
Resultate der vorzüglichsten Untersuchungen des Steinöls von verschie* 
denön Fundorten mitzutheilen und daran das Weitere über Löslichkeits- 
verhältnisse, Zersetzungen und Anwendung desselben anzureihen« 

1. Ungarisches schwarzes zähes Bergöl, zwischen Pe* 
klenieza und Moslowina vorkommend. Untersucht vonWinterl 1788. 
Es fliesst mit einer Quelle aus einem Felsen und soll am Ursprung 
farblos sein. Es ergab bei der Destillation eine farblose und eine 
gelbe Flüssigkeit und eine bernsteinfarbene butterartige Masse. Auch 
enthielt es Borsäure. 

2. Galizisches Steinöl, unweit Kalusch in einem Thal vor- 
kommend. Untersucht von Martinovich(1791). Dunkelbraun, an der 
Luil unveränderlich, von unangenehmen durchdringendem Geruch; 
specif. Gewicht 0,943. Ergab bei der Destillation zuerst Wasser und 
eine brennbare Gasart, dann durchsichtiges orangefarbenes Oel von 
0^11 specif. Gewicht (wohl das eigentliche Petroleum), dann wurde 
ein dunkelgelbes durchdringend riechendes Oel von 0,867 und zuletzt 
ein dickes dunkelgelbes, dem unveränderten Bergöl ähnliches Product 
von 0,961 erhalten. Zurückblieb blauglänzende Kohle. Das Oel setzte 
nach 40 Tagen Krystalle von Borsäure ab. 

3. Steinöl von Amiano. Untersucht von Saussure (1817 und 
1832) und von Pelletier und Walter (1840). Nach Saussure hat 
das Oel ein specif. Gewicht von 0,836, liefert bei gelinder Wärme de- 
stillirt ein farbloses reinstes Oel von 0,753 specif. Gewicht bei 16<^G., 
welches constant bei 89^ C. siedet. Er hielt die Naphta von Amiano 
für identisch mit dem aus der Naphta von Gabian und aus dem De- 
partement Ain erhaltenen OeL 

Pelletier und Walter fanden das Oel bernsteingelb dünnflüssig, 
▼on starkem doch angenehmem Geruch, von 0,84 specif. Gewicht, ans 
84,67 Kohlenstoff und 13,17 Wasserstoff bestehend. Es fängt bei 125^0. 
an zu sieden, kocht erst vollständig bei 130^^0. Die Temperatur bleibt 
jedoch nicht lange auf diesem Punkte, sie steigt rasch, und bei 270^0. 
sind Vs ^^s Ganzen übergegangen. Das Destillat ist gelblich und we- 
nig ölig, bis 3000 c. geht noch flüssiges aber dickeres und mehr ge- 
färbtes Oel über, höher als 300^0. erhält man zuerst ein beim Erkal- 
ten gallertartig erstarrendes Product und dann eine butterartige paraffin*^ 
haltende Masse. Znrückblieb eine metallglänzende Kohle. 

Durch wiederholte Rectification des zwischen 130<^ und 27000. 
übergegangenen Oels erhält man die reine Naphta, O14H13. Sie be- 
trägt \'2 ^^ Oels. Man kann dieselbe einfacher durch Destillation 
von vorher mit Schwefelsäure behandeltem Oel erhalten. Sie ist wasser- 
hell und dünnflüssig; siedet, wenn durch fractionirte Destillation erhal- 

l®*r' I 

Digitized by VjOOQIC 



276 Steinöl. 

teil, bei 83^ bis SS^C.\ Dampfdichte 3,3. Das mit »Schwefelsäure be- 
handelte Oel hatte den Siedepunkt = 90^0., Dampfdichte 3,42. Bei 
der Fractionirung des letzteren Oeles erhält man besonders noch bei 
1150 und 1900C. siedende Producte; was ober 270öC. erhalten wird, 
zeigt keinen constanten Siedepunkt mehr. Das Product, welches bei 
llö^C. siedet, nennen Pelletier und Walter Naphten, Ci« Hi«. 
Es unterscheidet sich von der Naphta durch grössere Dichte, es ist 
öliger und weniger flüchtig. Chlor, Brom und Jod wirken zwar ein, 
jedoch weniger heftig als auf die Naphta. Dampfdichte 4,0. Als drit- 
ten Bestandtheil des Steinöls fanden sie das Naphtol, C24H1.29 der bei 
190^0. siedende Theil desselben. Es verhält sich gegen Chlor, Brom 
imd Jod ähnlich wie die vorigen. Dampfdichte 5,3. 

Steinöl von Tegernsee in Bayern. Quirinusöl. Untersucht 
von Buchner (1820), von Kobell (1836). Die Quelle bt seit 1430 
bekannt und liefert jährlich etwa 42 Liter Oel. Dieses ist bei niederer 
Temperatur dickflüssig, bei Iß^C. dünnflüssig; bei auffallendem Lichte 
bräunlich, bei durchfallendem olivengrün. Es riecht ziemlich stark 
durchdringend balsamisch, schmeckt wenig; specif. Gewicht bei20,5<^C^ 
0,835. Brennt mit stark russender, heller Flamme. Buchner hatte es 
zusammengesetzt gefunden aus wahrer Naphta, Bergfett (wohl Paraffin) 
und röthlichbraunem Erdharz. Nach Kobell besteht es aus Bergnaphta, 
einem flüchtigen Oel, welches schon bei — 5®C. ein Stearopten aus* 
scheidet und bei Behandlung mit Schwefelsäure und Salpeter QuellsatE- 
säure liefert, aus einer harzigen Materie und Paraffln. 

Persische Naphta. Untersucht von Thomson (1820), Unver- 
dorben(1829), Blanchet und Seil (1833), Gregory (1885), War- 
ren de la Rue und Müller (1857). 

Es ist, nach Thomson, farblos, specif. Gewicht 0,735, siedet bei 
1600 C, färbt sich dabei dunkler und der Siedepunkt steigt auf 178<>C. 
Unverdorben hat aus dejnselben durch Destillation mit Wasser meh- 
rere Oele erhalten. Das zuerst übergehende Ve war farblos, Siedepunkt 
95,7 <^C.; die zweite Portion, etwa die Hälfte desOels, hatte bis auf den 
Siedepunkt (112,^5), die Eigenschaften des ersten. Der bei 310<>C. 
überdestillirende Rest war gelblich, zurückblieb eine bituminöse Kohle. 
Unverdorben betrachtete es hiernach bestehend aus mehreren äthe- 
rischen Oelen, die etwas Weniges einer Art Stearin und Olein , ein 
Harz und einen indifferenten braunen Körper enthalten. Blanchet 
und Seil erhielten ebenfalls durch Destillation des Oels mit Wasser 
Oele von verschiedenem Siedepunkt und haben besonders vier unter- 
schieden. 1. Eine geringe Menge eines farblosen, aromatiscfi riecbenden 
Oels von 0,749 specif. (Gewicht bei 15« und 94» C.Siedepunkt. 2. Ein 
die Hälfte des ganzen Oels ausmachendes farbloses geruchloses bei 
138^0. siedendes Destillat. 3. Wenig eines farblosen aromatisch rie- 
chenden bei 187^0. siedenden Oels. 4. Gelbliches bei 220oC. sieden- 
des Oel wird durch Destillation über Aetzkalk ziemlich entfärbt uud 
siedet dann bei 2150C., specif. Gewicht 0,849. 

Gregory untersuchte die Naphta von Rangoon. Dieselbe hat 
bei gewöhnlicher Temperatur eine butterartige Consistenz, ist dunkel- 
braun mit einem Stich ins Grünliche. Bei 40<^C. ist sie ölig, specif. 
Gewicht 0,880. Riecht nicht unangenelim, blumenartig und zugleich 
nach Rauch. Hei der gebrochenen Destillation erhielt Gregory drei 
verschiedene Portionen, von denen die erste dünnflüssiger blassgelb 

Digitized by VjOOQIC 



StcinöL 277 

und klar von angenehm blumenartigem Geruch als das Steinöl gelbst 
war and Eupion hielt. Die zweite Portion war ebenfalls blassgelb und 
klar aber dickflüssig, unangenehm schwach rauchartig riechend und in 
der Kälte Parafiinflitter ausscheidend. Der dritte Theil war blassgelb 
und erstarrte bei gewöhnlicher Temperatur. Kr enthielt zum grössten 
TheiJ Paraffin. (Untersuchung von Warren de laRue und Müller 
(8. S- 279). 

Bechelbronner Steinöl. Untersucht vonBoussingault (1836). 
Bei der Destillation des zu Bechelbronn vorkommenden bituminösen San- 
des erhieltBoussingault ein ölartiges flüchtiges Princip, welches er für 
den wesentlichen Bestandtheil des Steinöls hält und Petrolen nennt. Dies 
ist schwach gelb, wenig schmeckend, specif. Gewicht 0,891 bei 2 !<>(•., 
bleibt noch bei — 12oC. flüssig, siedet bei 2800C. Wenig in Wein- 
geist, leicht löslich in Aether. Das klebrige Bitumen von Bechelbronn 
giebt bei 230® C. ein dem Petrolen identisches Oel. Ein flüssiges Bitu- 
men aus der Umgegend von Hatten (Unterrhein) fand Boussingault 
dunkelbraun, angenehm dem Petrolen ähnlich riechend. 

Niebylower und Truskawicer Steinöl. Untersucht von To- 
rosiewicz 1836. Ersteres Oel ist bei gewöhnlicher Temperatur ex- 
tractartig, von gelbbrauner ins Grüne spielender Farbe, bei 6 1*^C. bil- 
det es eine ölige Flüssigkeit. Es riecht schwach, angenehm gewürz- 
haft und schmeckt wie ein fettes Oel. Specif. Gewicht 0,9 GO. Das 
Truskawicer Oöl ist ein dünner dem vorigen an F'arbe ähnlicher Syrup; 
specif. Gewicht 0,890. Es riecht nach dem Behandeln mit Schwefel- 
:)äare angenehm blnmenartig; siedet bei 274*>C. und wird roth. Bei 
der wiederholten Destillation mit Schwefelsäure und etwas Salpeter er- 
hält man nach dem Waschen mit Kali eine wasserhelle Flüssigkeit, an- 
genehm blumenartig riechend, fast geschmacklos; specif. Gewicht, 0,722 
bei 15®C., Siedepunkt llO^C. Diese wird weder durch Säuren noch 
durch Alkalien verändert, und Torosiewicz vermuthet, sie sei Eupion. 

Ein an demselben Ort mit Mineralwa^^ser zugleich zu Tage treten- 
des Steinöl konnte durch nenn wiederholte Destillationen nicht unter 
0,720 specif. Gewicht erhalten werden. Es riecht angenehm, ist sehr 
fliichtig und entzündlich, mit weisser russender Flamme brennend, siedet 
bei 90^0. Hält kein Eupion und Paraffin. 

Steinöl von Baku. Untersucht von Hess (1836), hat ein specif. 
Gewicht von 0,835 und siedet bei 1400C. Durch wiederholte Destil- 
lation Hess sich daraus kein Oel von constantem Siedepunkt erhalten. 
Das dabei resultirende Destillat war dünnflüssig, roch nach dem Schüt- 
teln mit Vitriolöl angenehm gewürzhaft, fangt bei 80^C. an zu kochen, 
siedet erst völlig bei laO^C. In Baku über Wasser destillirtes Steinöl 
r>ch nach Terpentinöl, hatte 0,8 specif. Gewicht und 110®C. Sie- 
depunkt. 

Ostindisches Erdöl. Untersucht von Vohl. Bei 12^C. von 
weicher Bntterconsistenz , erscheint geschmolzen bei durchfallendem 
Lichte braun, bei auffallendem gelblich grün. Riecht unbedeutend. 
Das rohe Oel enthielt nahe an 10 Proc. Verunreinigung. Bei der De- 
stillation des Oels bildete sich eine kleine Menge brennbarer Gase, 
hauptsächlich Ölbildendes Gas und Schwefel wasserstofi: Nach dem Rei- 
nigen des rohen Destillats erhielt Vohl: Photogen 40,705, Gas- oder 
Schmieröl 40,999, Paraffin 6,078, Asphalt 4,600, Verlust 7,618. 

Wir haben hier nur von den besser untersuchten Oelen gesprochen^ 

Digitized by VjOOQIC 



278 



Steinöl. 



aasaerdem ist noch auf mehrere andere aufnierkgam gemacht worden. 
E» gehören hierher auch wohl die Oele^ welche Saussure durch 
DoBtillation der asphalthaltigen Kalksteine von Travers erhielt, wie auch 
das von Laurent untersuchte brenzliche Oel aus bituminösem Schiefer, 
in welchem er ein bei l^0<> bis 12*20 0. siedendes Oel vou der wahr- 
scheinlichen Zusammensetzung CigHig und vielleicht Eupion nachwies. 

Analysen von Steinöl. 



Kohlenstoff. 



Wasserstoff. 



Siedepunkt. 



Steinöl von Amlano 



Persisches Steinöl 



Becbelbronner Stein-. 

öl, klebriges Bitumen. , 

Aus bituminösem 

Sand. 

Hattener Oel. 



87,21 
85,65 
85,30 
84,50 
84,58 
85,80 
85,50 
82,20 
85,71 
85,92 
82,08 
83,88 
8G,48 
85,83 

88,30 
88,50 

88,70 
79,82 bis81,82 



84,20 



12,79 
13,81 
13,40 
13,40 
13,17 
13,80 
13 40 
14,80 
14,29 
12,12 
12,81 
14,29 
14,17 
12,80 

12,50 
11,50 

12,60 
13,50 bis 13,2 



14,27 



Oel von Baku 



85,85 



14,51 



100« bis 115« 
115« „ 120« 

125« 
120« bis 130" 
140« „ 150« 
ICO« „ 178« 



230« 
280« 



erstes Dcssillat 
von rohem 
Steinöl ; 
in Baku über 
Wasser de- 
stillirt; 
gereinigt 
durch Schüt- 
teln mit Salpe- 
tersäure, dann 
mit Kalilauge 
und mit Vi* 
triolöl. 



Saussure 



(Pelletier und 
r Walther 

Thomson 
Herrmann 
Dumas 
Ure 

iBlanchet und 
Seil 
fowncfl 

Boussignault 



Hess 



Nach den bis jetzt mitgetheilten analytischen Resultaten kann man 
annehmen, das Steinöl bestehe aus Kohlenwasserstoffen der verschiede- 
nen Reihen. So finden wir in den von Boussingault untersuchten 
Oelen Kohlenwasserstoff von der Formel Cn Hq _. 21 und die Zusammen* 
Setzung des bei 230^0. siedenden Kohlenwasserstoff des Becbelbronner 
Bitumens , wie die des Steinöls von Hatten, kann durch die Formel 
C16 I(i9 ausgedrückt werden, dem bei 280^0. siedenden Oel aus dem 
Becbelbronner bituminösen Sand, im Handel unter dem, Namen Petro- 
len vorkommend, würde die Formel C^g Hi« zukommen. DievonBlan- 
ebet und Seil wie auch die von Pelletier und Walter erhaltenen 
Oele, würden den Reihen C^Hn und CnHn — 3 zugezählt werden 
müssen« 

Dumas betrachtet die natürlich vorkommenden Kohlenwasserstoffe 



Digitized by VjOOQIC 



Steinöl. 279 

för identisch mit den kunstlicli durch Coinpression des aus Gel erzeug- 
ten Leuchtgases erhaltenen. 

In den letzten Jahren ist das Steinöl zur genauem Ermittelung sei- 
ner Zusammensetzung erneuten Untersuchungen unterworfen, deren 
Hanptresnltate wir hier im Zusammenhange wiedergeben. 

Warren de la Rue und Müller haben (1857) die Naphta von 
Burmah oder den Rangoontheer untersucht. Bei gewöhnlicher Tempe- 
ratur hatte er die Consistenz des Gänsefettes, meist grünlich braun ge- 
färbtv von eigeuthümlichem nicht unangenehmem Geruch. Er enthält 
96 Proc. theils feste theils flüssige flüchtige Bestandtheile. Mit Was- 
serdampf destillirt, gingen bei lOO^C. 11 Proc. flüssiger Körper über, 
bei 110^ bis 145^0. 10 Proc, die fast frei von festen Substanzen wa- 
ren, die über 145^0. erhaltenen Destillate setzen in Kältemischungen 
feste Bestandtheile ab, von denen die Naphta 10 bis 11 Proc. enthält. 
Dies gereinigte feste Product besteht aus einer farblosen Materie, wel- 
che sich durch fractionirteKrystallisation in mindestens zwei Verbindun« 
gen scheidet, die sich in ihren physikalischen Eigenschaften von einan- 
der unterscheiden und gleiche Zusammensetzung CuHn oder CnHn^ i 
zu haben scheinen. Die flüssigen Bestandtheile von den festen befreit, 
geben kein Product von constantem Siedepunkt. Durch Behandeln der- 
selben mit concentrirter Schwefelsäure erhält mnn gepaarte Schwefel- 
säuren, mit concentrirter Salpetersäure Nitroverbindungen, mit Salpe- 
terscbwefelsänre Di- und Trinitroproducte. Der grösste Theil der 
Destillationsproducte bleibt indessen bei Einwirkung dieser Säuren un- 
verändert. Die Nitroverbindungen sind flüssig aus den Kohlenwasser- 
stoffen unter 200^0., harzähnlich aus denen von höherem Siedepunkt. 
Es wurden erhalten Nitrobenzol, Dinitrotoluol, Trinitroxylol, Sulfocu- 
moisäure und andere nicht näher untersuchte Körper. Durch Reduction 
der Nitroverbindung erhielten Warren de la Rue und Müller viel 
Anilin, ferner Toluidin und einige neue Basen, darunter eine in schönen 
Nadeln und gefärbt wie Alizarin. Die durch Schwefelsäure und Sal- 
petersäure nicht angreif baren Kohlenwasserstoffe haben die wahrschein- 
liche Formel CnHn + i. Substitutionsproducte mit Chlor und Jod 
daraus zu gewinnen, gelang nur theilweise. Brom scheidet die Kohlen- 
wasserstoffe in zwei verschiedene Körper, ebenso rauchende Schwefel- 
säure. W^asserfreie Schwefelsäure absorbirt bisweilen das Ganze, andere 
Male zersetzt sie sich unter Freiwerden von schwefliger Säure. Durch 
monatelanges Kochen mit verdünnter Salpetersäure verwandeln sich die 
durch Säuren nicht angreifbaren Kohlenwasserstoffe in ein Gemisch 
verschiedener Säuren, namentlich in Bernsteinsäure und andere Säuren 
der Reihe 0^ Mq ^ 2 Og (doch keine Oxalsäure), und sehr geringe Men- 
gen der Säuren Cjfin O4. Das rohe Destillat der Naphta giebt bei der- 
selben Behandlung einige aromatische Säuren aus der Benzolreihe und 
deren Isomeren, aber verschieden von allen bekannten. 

Bussenius, Eisenstuck und Uelsmann haben (1858, 1859 
und 1860) das Erdöl von Sehnde bei Hannover einer ausführlichen Un- 
tersuchung unterworfen. Das rohe Oel ist ein bei gewöhnlicher Tem- 
perstur ziemlich dünnflüssiges grünlichbraunes unangenehm riechendes 
mit stark russender Flamme brennendes Liquidum, in welchem ne- 
ben mehreren flüssigen Verbindungen Paraffin in ziemlich bedeuten- 
der Menge enthalten ist. Bussenius hatte angenommen, das durch 
Destillation mit Wasserdämpfen aus dem rohen Erdöl erhaltene Steinöl 

Digitized by VjOOQIC 



280 Stoinöl. 

bestehe bis zum Siedepunkt HO® C. aus einem Gemenge polymerer 
Kohlenwasserstotfe nach <ler Formel C„H„ zusammengesetzt und Fon 
ihm Petrolen genannt (nicht zu verwechseln mit dem Petrolen Bous- 
singault's). 

Eisen{>tuck betrachtet die von Bussenius untersuchten Kohlen- 
wasserstoffe als ein Gemisch von Kohlenwasserstoffen der Formel 
Cn tf u + 2 und Kohlenwasserstoffen von bedeutend geringerem Wasser- 
Stoffgehalt, und zwar in solchem Verhältniss gemischt, dass deren Zusam- 
mensetzung zufällig der Formel C„Hn entsprach. Er nahm anfangs an, das 
Sehnder Erdöl bestehe hauptsächlich aus Kohlenwasserstoffen €•„ Hj, + j. 
Es stimmen mit dieser Formel, ohne es jedoch bestimmt zu entscheiden, 
die ermittelten Dampfdichten und die dargestellten Chlorsubstitute der 
Destillate, wobei man allerdings nicht ausser Acht lassen darf, dass 
es sich um die Untersuchung von Gemengen handelte, und dass keine 
Destillation ganz ohne alle Zersetzung ausführbar war. Ausser diesen 
Kohlenwasserstoffen fand Eisenstuck noch andere, wahrscheinlich 
nach der allgemeinen Formel CnHn — 6^ resp. CißHio und CigHi^, 
die unter bekannten Verhältnissen Nitroproductc bilden. Die Iden- 
tität mit der Reihe an Kohlenstoff- und Wasserstoffverbindungen, de- 
ren entsprechende Glieder das Xytol und Cuniol sein würden, ist 
nicht entschieden, da die Kohlenwasserstoffe nicht isolirbar waren, 
eine Abtheilung aus der Nitroverbindung aber niclit statthaft war. 
Nach einer späteren Mittheilung hielt er es für wahrscheinlicher 
die Kohlenwasserstoffe des Steinöls besässen <lie allgemeine Formel 
CuH„ und er nahm die Anwesenheit von Hexylen CisHj2, Oenan- 
thylen C14H14, Caprylen CicHj« und Nonylcn CisHig für erwiesen 
an. Nach den Untersuchungen von Uelsmann, angestellt mit 
den von Eisenstuck dargestellten Producten des Steinöls, be- 
steht dasselbe aus Kohlenwasserstoffen der Formel C„ Hy ^2- — Chlor 
und Phosphorsuperchlorid üben gleiche Einwirkung darauf aus und 
die dabei entstehenden Verbindungen h;iben die Formeln CnHn 4. 2 Gl, 
^211 H2n + 1 t'l;;, Cn Hn GI2. Natrium bildet aus den beiden ersten Chlor- 
substituten Kohlenwasserstoffe von der Formel C„ H„. Bei der Einwir- 
kung von weingeistigem Kali wurden theils sauerstofffreie theils sauer- 
stoffhaltende Verbindungen erhalten. 

Bussenius hatte durch Behandlung ^^r Kohlenwasserstoffe, deren 
Siedepunkt zwischen 90® und 140®C. liegt, mit Salpeterschwefelsaure 
eine krystalli$iirende Nitroverbindung erhalten, welche er Trinitropetro- 
leen (Trinitropetrol , nach Bussenius und Eisenstuck) nennt und 
rnit der Formel CißH? (N04)3 bezeichnet. Bei dieser Zersetzung war 
jedesmal ein gelbes penetrant nach ranzigem Fett riechendes widrig 
schmeckendes Oel aufgetreten, welches seinem äusseren Verhalten nach 
ebenfalls eine Nitroverbindung zu sein scheint, und Bussenius glaubt, 
liass die über HO^C. siedenden Kohlenwasserstoffe hauptsächlich jenes 
Oel liefern. Das Trinitropetroleen ist, nach Bussenius, weiss kry- 
stallinisch sublimirt bei 1650 0., schmilzt bei ITö^C. und erstarrt wie- 
der bei 70^0. strahlig krystallinisch. Es löst sich wenig in kochendem 
Wasser und Alkohol, fast nicht in Aether und Benzin, mehr in kochen- 
dem absohlten Alkohol. Diese Nitroverbindung ist, nach Eisen stuck, 
als ein Gemenge zu betrachten, welches der Hauptsache nach aus den Ver- 
bindungen C18H7N3O12 und CieHYNaOn besteht. Dieselben sind durch 
die Verschiedenheit der aus ihnen erhaltenen Arainbasen unterschieden. 



1 



Digitized by VjOOQIC 



Steinöl 281 

Durch Rediiction des Trinitropetrolcen niitteM Schwefelammoniiim 
lind Schwefelwasserstoff hatte Bnsseniiis eine Base erhalten, welche er 
Nitropetroinmin (Nitro petroldiamjn nach Bussen ins nnd Eisenstiick)^ 
Ci6 H7 (NHj).! NO4, nennt. Sie krystallisirt in langen hell orangerothen 
klinorhombischen Prismen (wohl die schon von Warren de la Rue 
lind Müller erhaltene alizarinfarbene Base). Die Krystalle sublimiren bei 
1950c. (210öBu33eniu8 und Eisenstuck), schmelzen erst bei 215^0., 
bei demselben Grad wieder krystallinisch erstarrend; höher erhitzt zer- 
setzen sie sich unter Abscheidnng von Kohle. Die Base bildet mit {Schwe- 
felsäure basische neutrale und saure Salze, mit Salzsäure konnten nur 
basische und neutrale Salze erhalten werden. Durch Behandlung mit 
.lodäthyl Hess sich die jodwasserstoffsaure Verbindung der Base dar- 
stellen, in welcher bei längerem Erhitzen 8 At. Wasserstoff durch 
3 At. Aethyl substituirt waren. Aus der salzsauren Lösung der Jod- 
wasserstoffverbindung wurde das Triäthylnitropetroldiamin durch Am- 
moniak in kleinen flimmernden citronen gelben Schuppen gefällt. 

Ausser dieser rothen Am inbase wurde von Eisenstuck noch eine 
zweite sich gleichzeitig bildende gelbe Am inbase erhalten. Sie bil- 
det nadelform ige Kry stalle, ist fast unlöslich in kaltem Wassur, Alkalien 
und Säuren lassen sie fast unverändert, nur kochende concentrirte Säu- 
ren lösen sie auf, aus welchen Lösungen sie durch Wasser wieder ge- 
fallt wird. Alkohol, Aether, Chloroform und Schwefelkohlenstoff lö<en 
sie nur wenig. Die Base schmilzt bei 19 P bis 192^C., sublimirt nur 
wenig und erstarrt bei I88OC. Fdr ihre wahrscheinliclie Zusammen- 
setzung gicbt Eisenstuck die Formel CigUioNsCj. Sie bildet nur 
mit Salzsäure eine Verbindung, welche indessen nur in concentrirter 
Salzsäure scheint in Lösung bestehen zu können; beim Behandeln mit 
Wasser, Alkohol, Aether und Chloroform wird sie unter Austritt von 
Salzsäure zerlegt. Aus dem oben genannten gelben Oele erhielten 
Bnssenius und Eisenstuck nach längerem Stehnlassen desselben perl- 
mutterglänzende Schüppchen, die bei 155o bis 156<>C. schmelzen und 
bei 1510 bis 152 C. wieder erstarren. Der Versuch, aus dem Oel eine 
Aminbase darzustellen, gelang nicht. Nach dem Behandeln mit etwas 
Kali und Waschen mit Wasser behält es stets seinen penetranten mo- 
schusartigen Geruch. 

Eisenstuck stellte aus dieser Verbindung ebenfalls eine rothe 
und gelbe Aminbase dar, welche indessen nicht identisch mit den frü- 
her beschriebenen gelben und rothen Aminbasen sind. Die Formel 
der Nitroverbindung selbst schwankt zwischen CigH? (N04)3 und 

ClsH9(N04)8. 

Ganz in der neuesten Zeit hat Pebal über eine von Freund un- 
ternommene Untersuchung des zwischen 50^ und 1850C. destillirenden 
Theils des galizischen Steinöls vorläufige Mittheilung gemacht. 

Durch fractionirte Destillation konnte kein Oel von c'onstantem 
Siedepunkt erhalten werden. Durch Behandlung der Naphta mit wenig 
concentrirter Schwefelsäure erhielt Freund Krystalle von gepaarten 
Schwefelsäuren. Aus allen seinen bis jetzt gemachten Beobachtungen 
schliesst er, die Naphta bestehe mindestens aus drei Classen von Ver^ 
biodungen: 1. ans den Homologen des ölbildenden Gases (durch Schwe- 
felsäure bei gewöhnlicher Temperatur nicht angreifbar) 2. aus Gliedern 
der Phenyl reihe (damit identisch oder nur isomer) und zwar vom Benzol 
angefangen bis zum Cymol; 3. aus den Homologen der Phenylsäure, 



Digitized by VjOOQIC 



282 Steinpapier. — Steinsalz. 

Das käufliche Steinol ist dönnflüssig gelblich oder röthlich von 
eigenthfimlichetn Geruch, leichter als Wasser, and darin unlöslich, je- 
doch nimmt das Wasser damit geschüttelt den Geruch desselben an. Es 
löst sich in jedem Verhältniss in absolutem Alkohol, in Aether, fetten 
und flüchtigen Oelen. Es löst Phosphor und Schwefel in der Wärme, 
die beim Erkalten krystallinisch niederfallen. Chlorwasserstoff, Ammo- 
niak und Ölbildendes Gas werden davon absorbirt. An der Lnft im 
Lichte verändert es sich nur sehr langsam und erhärtet mit der Zeit. 
Steinöldampf mit Sauerstoff gemischt, explodirt heftig durch den elek- 
trischen Funken. Durch Chlor, Jod und Chlorjod wird es zersetzt. 
Rectificirtes Steinöl wird durch Schwefelsäure oder Salpetersäure nicht 
zersetzt; ein Gemisch beider wirkt ein unter Bildung von Nitroverbin- 
dungen. Alkalien, Kalium und Natrium wirken nicht darauf ein, dar 
her seine Anwendimg zum Aufbewahren der letzteren. 

Das Steinöl kommt entweder roh oder gereinigt in den Handel. 
Zur Reinigung des rohen schlägt Böttger vor, 2 Pfund desselben mit 
4 bij 6 Unzen rauchender Schwefelsäure zu schütteln und damit ver- 
schlossen unter öfterem Umschütteln stehen zu lassen, wobei die frem- 
den Stoffe verkohlt werden. Das wasserhelle Oel wird abgehoben, 
wiederholt mit Wasser und darauf mit 3 Unzen erbsengrossen Stückchen 
Aetzkalk geschüttelt und decantirt. Man erhält so ein wasserklares 
schillerndes Oel. 

Um das Oel auf einen etwaigen Gehalt an Terpentinöl zu prüfen, 
kann man es mit Salzsäuregas sättigen, wo sich dann eine feste 
Chlorwasserstoffverbindung bilden würde. Besser mischt man es mit 
seinem halben Volumen einer Mischung von 1 Thl. gewöhnlichem Wein- 
geist, 2 Thln. Salpetersäure und 2 Thln. Wasser, und schüttelt öfters um ; 
bei verfälschtem Gele bilden sich nach zwei bis drei Tagen Krystalle 
von Terpin i). 

Das Steinöl wird an seinen Fundorten als Leuchtmaterial in Lam- 
pen gebrannt und dient auch als Heizmittel, indem man Klumpen trocke- 
nen Thons damit befeuchtet und anzündet. Ausserdem dient es zur 
Anfertigung mehrerer Firnisse, als Lösungsmittel für Kautschuk, zur 
Aufbewahrung von Kalium und Natrium. Auch in der Medizin findet 
es Anwendung. HL 

Steinpapier, syn. Bergpapier. 

Steinquarz, derber Quarz. 

Steinsalz, hexaedrisches Steinsalz, Salz, Bergsalz, 
Kochsalz, Seesalz, natürliches Kochsalz, Steppensalz, Spack, 
Salzspath, Sai gemme^ Salmare^ Sonde muriatee^ Muriateof Soda^ common 
SalL, ist wasserfreies mehr oder weniger reines Chlornatrium, Na Gl, kry- 
stallisirt tesseral, bildet gewöhnlich Hexaeder, parallel dessen Flächen es 
vollkommen spaltbar ist, krystallinischkörnige, schalige, stänglige, fase- 
rige bis dichte Massen, Stalaktiten, Platten, Ueberzüge, mehlige Beschläge 
Q. s. w. Der Bruch ist muschlig bis uneben. Es ist rein farblos oder weiss, 
durch Beimengungen gefärbt, durchsichtig bis an den Kanten durch- 
scheinend, hat glasartigen Glanz, weissen Strich, Härte = 2,0, specif. 
Gewicht =2,1 bis 2,2, ist wenig spröde, hat rein salzigen Geschmack. 



M Flttckiger, Chem. CentralH 1856, S. 188. 

Digitized by VjOOQIC 



Steiiitalg. — Stephanit. 283 

Vor dem Lnthrohre auf Kohle ist es leicht schmelzbir , und verdampft 
bei starker Hitze, auf Platindraht geschmolzen iarbt es die Flamme 
^elb, bei Zusatz von IMiosphorsalz und Kupferoxyd blau; im Glasrohre 
erhitzt, zerknistert es, bisweilen auch beim Auflösen im Wasser dareh 
mechanisch eingeschlossene Gase (Knistersalz). In feuchter Luft 
zerfliesst es allmälig. 

Das Steinsalz bildet mit Salzthon, Mergel, Anhydrit und Gyps 
mächtige Lager und sogenannte Stöcke in allen Formationen, von der 
silnrischen bis zu den neueren tertiären herauf, am mächtigsten tritt es 
aber in den Formationen des Zechsteins, der Trias, des Jura und der 
Kreide auf, ausserdem auch auf sandigen Ebenen als E(florescenz , wie 
in den Steppen am CaspiRchen Meere, am Aralsee, in Arabien, Abes* 
synien, im Inneren Africas, in der kirgisischen Steppe, in Asien u. s. w. 
(daher Steppensalz genannt), als vulcanisches Gebilde in den soge- 
nannten Salsen und auf Laven und im Wasser aufgelöst im Wasser 
des Oceans, vieler Seen, Flüsse nnd Quellen (Salzquellen, Soolquellen), 
woraus es durch Verdampfen des Wassers gewonnen wird (Koch- oder 
Siedsalz, Seesalz). K. 

Steintalg, syn. Naphthadil (Bd. III, S. 827). 

Steinzeug s. unter Thonwaaren. 

Stellen, Anstellen, heis8t in der Brauerei oder Brennerei das 
Mischen der Würzt mit Hefe behufs Einleitung der Gährung, so z. B, 
beim Bier (s. 2. Aufl. Bd. II, 1, S. 1061), die betreffenden Bottiche 
sind daher die Stellbottiche. 

Steint, syn. Pektolith (Bd. VI, 8. 123). 

Stephanit Melanglanz, Sprödglaserz, Sprödglanz- 
erz, Schwarzsilberglanz, Schwarzgiltigerz, Schwarzgülden, 
Röschgewächs, prismatischer Melanglanz, rhombischer Sil- 
berglanz, Argent antimoinie snlfure noir^ hrittle Sulphuret of Silver^ Black 
Silver^ Psatitrose, Die chemische Znsammensetzung wird durch die For- 
mel GAgS.SbSs ausgedrückt, wie die Analysen Klaproth*s ^) des 
von der Grube Alte Hoffnung Gottes bei Freiberg in Sachsen, H. Ro- 
se's*) des von Schemnitz in Ungarn, B. Kerl's 3) des von der Grube 
Andreaskreuz zu St. Andreasberg am Harz gezeigt haben. Es ist 
durch seine orthorhombischen Gestalten von dem ähnlichen hexa- 
gonalen Polybasit unterschieden, früher jedoch mit diesem verwech- 
selt und daher auch zum Theil gleich benannt (wie die Namen Spröd- 
glaserz und Schwarzgiltigerz als Synonyme beider bekannt sind), 
hat im Aussehen manche Aehulichkeit mit diesem und dieselben Be- 
standtheile , jedoch in anderen Verhältnissen. Die kurzprismatischen 
oder dicktafelartigen Krystalle sind vorherrschend Combinntionen der 
Basisfläche und eines orthorhombischen Prismas ooP = 115^ 39', des- 
sen scharfe Kanten durch die Längsflächen gerade abgestumpft sind 
und daher an iiexagonale Prismen erinnern. Dazu tritt oft die ortho- 
rhombische Pyramide P als Abstumpfung der Combinationskanten zwi- 



1) Desseii Beiträge Bd. I, S. 162. ^~ *) Pogg. Annal. Bd. XV, S. 474. 
^ Berg- und httttenmftnnisQhe Zeitscbr. Bd. VII, S. 17. 

Digitized by VjOOQIC 



284 Stephatiskömer. — Sternanisöl. 

sehen P und oc P und ein Läng^doma 2 P ob als Abf^tiimpfnng der Combi- 
nationskanten zwiftchen P und oc p od. Häufig sind Zwillinge nach ooP, 
meist mit Wiederholung. Ausser krytftallisirt anch derb, eingesprengt und 
als Anflug vorkommend. Unvollkommen spaltbar nach dem Längsdoma 
2 Poe und nach den Langsflächen ; Bruch muschlig bis uneben. Eisen- 
schwarz bis schwärzlich bleigrau, zuweilen bunt angelaufen, metallisch 
glänzend, undurchsichtig; Strichpulver schwarz; Härte = 2,0 bis 2,5; 
milde; specif. Gewicht = 6,1 bis 6,3. Im Glasrohre erhitzt, schmelz- 
bar, Antimonoxyd und zuweilen arsenige Säure absetzend; vor dem' 
l^öthrohre auf Kohle ziemlich leicht schmelzbar, zum Theil Arsenik- 
geruch entwickelnd, zu einer dunkelgrauen Kugel, welche allein oder 
mit Soda in der Reductionsflamme ein Silberkorn giebt; in warmer 
Salpetersäure leicht löslich, Schwefel und Antimonoxyd abscheidend. 

K. 
Stephanskörner sind die Samen von Delphinium Stapkis 
agria (s. d. Bd. S. 188). 

Steppensalz s. Steinsalz. 

Stercorit nannte Th. J. Herapath^) ein gelblich braunes 
durchsiphtiges Salz, welches sich in breiten krystallinischen Massen 
oder Knollen in einer Schiffsladung Guano von der Insel Ichaboe an der 
Westküste von Afrika fand. Die Analyse zeigte, dass es phosphorsaures 
Natron- Ammoniak (NaO . NH4O .HO) P O^ -(- 8 H O ist, verunreinigt 
durch 8,4 Proc. kohlensauren Kalk, kohlensaure Magnesia, phosphor- 
sauren Kalk, Sand und organische Materie. Specif. Gewicht = 1,615. 

K. 

btereusin, eine nicht gebräuchliche Bezeichnung für Stearopten. 

" Sternachat s. Achat 2. Aufl. Bd. I, S. 129. 

Sternanisöl^). Dieses aus den Samenkapseln und Samen des 
Sternanis, llicinm anisatnm^ durch Destillation mit Wasser gewonnene 
ätherische Gel ist bla^sgelb, dem Anisöl in Geruch und Geschmack 
ähnlich, aber dünnflüssiger, und sich noch bei -^ 2^ C. flüssig erhal- 
tend; in noch niedrigerer Temperatur scheidet es ein Stearopten ab, 
welches nach den Untersuchungen von Cahours mit dem Anisstea- 
ropten (s. 2te Aufl. Bd. II, 1, S. 8) identisch, und nach der Formel 
C20H12O3 zusammengesetzt ist Das Oel hat ein specif. Gewicht =0,97 
bis 0,98 bei 22^0. In Alkohol und Aether ist das Sternanisöl leicht 
und vollständig löslich. 

Da das Stearopten des Sternanisöls mit dem des AnisÖls identisch 
ist, so erhält man aus dem Sternanisöl alle jene Zersetzungsproducte, 
die man aus dem Anisöl gewinnt, insofern sie nämlich von diesem 
Stearopten deriviren, wie Anisylwasserstoff, Anisylsäure, Brom- 
anis ol, Nitranisid u. s. w. (vgl. Anisöl). 

Persoz hatte angegeben, dass bei der Behandlung von Stern- 



>) Liebig u. Kopp's Jahresber. 1849, S. 774. 

*) Literatur: Cahours, Annal. de chim. et de pharm. [8.] T. JI, p. 274 u. 
Annal. d. Chem. u. Pharm. Bd. XLI, S. 66. — Persoz, Compt. rend. T. Xm, 
p. 483. — Hempel, Annal. d. Chem. n. Pharm. Bd. LIX, 8.104. — Limpricht, 
Annal, d. Chem. u. Pharm. Bd. XCVII, S. 864. 



Digitized by VjOOQIC 



Sternanissamen. — Sternschnuppen, falsche. 285 

anisöl mit saurem chromsauren Kali und Schwefelsäure neben Essig- 
säure zwei neue Säuren, beide krystallisirbar , gebildet wurden, von 
welchen er die eine Badiansäure und die andere Umbellinsäure 
nannte; beide sind nach späteren Untersuchungen identisch mit Anisyl- 
säure (s. 2te Aufl. Bd. II, 1, S. 19). 

-Dagegen haben Limpricht und Ritter in neuerer Zeit es wahr- 
scheinlich gemacht, dass Sternanisöl bei der Behandlung mit Salpeter- 
saure nicht direct zu AnisylwasserstofT und Anisylsäure oxydirt werde, 
sondern dass der Bildung dieser Producte die der Anisoinsäure 
vorhergehe (s. 2te Aufl. Bd. II, 1, 8. 11). G.-B, 

Sternanissamen. Die braunen sternförmigen Fruchtkapseln 
von Hicnim anisatum^ eines in China und Japan einheimischen zur Fa- 
milie der MiignoUaceae gehörigen Baumes. Die Fruchtkapseln öffnen 
sich nach oben, und enthalten jede einen eiförmigen glänzenden brau- 
nen Samen. Sie besitzen einen angenehmen anisartigen Geruch und 
schmecken süsälich gewürzhaft. Bei der Destillation mit Wasser geben 
sie Sternanisöl. 

Eine von Meissner ausgeführte chemische Analyse hat nur noch 
historischen. Werth. Er fand in lOOThln. der Kapseln (ohne Samen) 
.5,3 ätherisches Oel, 2,8 grünes fettes Oel, 10,7 in Aether unlösliches 
Hartharz, 3,2 eisengrünenden Gerbstoff, 2,1 Extractivstoff, 6,0 Gummi, 
7,6 durch Kali ausgezogenen gummigen Extractivstoff, 19,8 durch Kali 
ausgezogenes Stärkmehl, 0,2 Benzoesäure, 8,4 Aepfelsäure und äpfel- 
sauren Kalk, 8,4 Wasser, 26,4 Cellulose. 

In dem Samen fand er: 1,8 ätherisches Oel, 17,9 flüchtiges fettes 
Oel, 1,6 butterartiges Oel, 2,6 Hartharz, 4,2 Extractivstoff, 6,4 Stärk- 
mehl, 4,8 Aepfelsäure und äpfelsauren Eialk, 0,4 Oxalsäuren Kalk, 4,2 
Wasser, 29,4 Cellulose. Zeller erhielt aus dem Samen im Mittel 
2,2 Proc. Oel, im Maximum 3,4 Proc. G.-Ä 

Sternbergit, prismatischer Eutomglanz, ein in tafelarti- 
gen orthorhombischen Krystallen und derb bei Joachimsthal in Böhmen 
und bei Schneeberg und Johann-Georgenstadt in Sachsen vorgekomme- 
nes Mineral, welches vollkommen basisch spaltbar ist, dessen Krystalle 
auch iacher«, büscliel- oder kugelförmig gruppirt sind oder krystalli- 
nisch - breiteten gl ig abgesonderte Aggregate bilden, Dunkel tom back- 
braun , oft blau violett angelaufen , metallisch glänzend , undurchsichtig, 
sehr milde, in dünnen Blättchen biegsam ; Strichpulver schwarz ; Härte 
= 1,0 bis 1,5 ; specif. Gewicht = 4,2 bis 4,25. Vor dem Löthrohre 
auf Kohle zu einer mit Silber bedeckten magnetische]) Kugel schmelz- 
bar, schweflige Säure entwickelnd, mit Borax ein Silberkorn und ein 
durch Eisen geffirbtes Glas bildend; in Salzsalpetersäure luiter Ab- 
seheidung von Schwefel auflösliciu Es enthält das von Joachimsthall 
in Böhmen nach M. F. X. Zippe ^) 38,2 Proc. Silber, 36,0 Ei.-»en und 
30,0 Schwefel. k. 

Sternsapphir s. Corund. 

Sternschnuppen, falsche^). Gallertartige Massen, die 
sich zuweilen auf Aeckern und Wiesen finden und von den Landleuten 



>) Pogg. Aiinal. Bd. XXVII, S. 690. 

■) Literatur: Mulder, Scheiknnd. Onderzoeking. 1842. I. Stttck. — H. Höff- 

Digitized by VjOOQIC 



286 Stehthal. — Stibilith. 

häufig für Sternschnuppen gehalten werden (daher der Name). Sie 
sind aber, wie aus den Untersuchungen Mulder's und H. Hoffmann's 
hervorgeht, thierischen Ursprungs, und stammen wahrscheinlich von 
Fröschen her, während sie Brandes früher mit den Ackerschnecken 
in Causalnexus zu bringen versucht hatte. 

Die von H. Hoffmann untersuchten Massen waren dem Glas- 
körper des Auges sehr ähnlich und besassen eine vielfältig geborstene 
und macerirte Cylinderform. Dieser Cy linder war an eine Art Gekröse 
befestigt, welches namentlich bei den unversehrten Massen sehr be- 
stimmt gestaltet und von fester Structur war. An dieses Gekröse war 
der solide Cylinder in vielfachen Spiralen aufgereiht, und betrug bis 
5 Zoll an Länge. Das Gekröse zeigte roth und schwarz pigmentirte 
Stellen und deutliche Aderung. Doch Hessen sich unter dem Mikro- 
skop weder Blutgefässe noch Blutkörperchen mit voller Bestimmtheit 
erkennen. Bei der chemischen Untersuchung derselben wies Mulde r 
Protein, Thierschleim , Milchsäure, und an anorganbchen Stoffen Na- 
tron, Kalk, Phosphorsäure, Kohlensäure und Chlor nach. H. Hoff- 
mann fand dieselben Stoffe, ausserdem constatirte er den Schwefel- 
gehalt der Masse, und ermittelte Eisenoxyd und Kieselerde. Die Art, 
wie die Gegenwart der Milchsäure nachgewiesen wurde, hat nach dem 
heutigen Standpunkte der Wissenschaft keine Beweiskraft mehr, und 
es bleibt demnach nur die Tliatsache übrig, dass die fraglichen Massen 
Albuminate, d.h. Stickstoff- und schwefelhaltige Körper, enthalten. Bei 
einer mit der ganzen durch Essigsäure, Alkohol und Aether gereinigten 
Masse angestellten Elementaranalyse fand Hoffmann 46,8 bis 48,3 
Kohlenstoff und 6,9 bis 7,0 Wasserstoff. 

H. Hoff mann macht darauf aufmerksam, dass Rö sei's Abbil- 
dung des Eileiters ,vom Frosche (Hist. ran. nostrat. 1858. tab. 8) bis 
auf das daselbst fehlende Gekröse den Gegenstand sehr gut darstelle. 

G.'B. 

Stethai, syn. Stearicylhydrat. 

Stethyl. Das Radical C36H37, dessen Oxydhydrat der zur 
Stearinsäure gehörende Alkohol wäre (s. Stearicylhydrat). 

Stibäthin, Stibäthyl, Stibamyl u. s. w., s. unter An- 
timonradicale, organische, 2. Aufl. Bd. II, 1, S. 84. 

Stibilith, Stibiolith, Stiblith, wurde von R. Blum und 
Delffs^) ein früher zum Antimonocher gerechnetes Mineral genannt, 
welches bei Losacio in Spanien, Felsöbanya und Kremnitz in Ungarn, 
Goldkranach in* Bayern, und in der Grube Carmen in Zacualpan in 
Mexico vorkommt, derbe Massen bildet, feinkörnig bis dicht, zum Theil 
porös und zerklüftet ist und Pseudomorphosen nach Antimon it bildet 
Schwefel-, citronen- und strohgelb bis gelblich wei^s, ins Graue und 
Braune übergehend, weissglänzend bis matt, undurchsichtig. Strich gelb- 
lichweiss und glänzend; Härte = 5,5; specif. Gewicht = 5,28. Vor 



mann, Ännal. d. Ghem. u. Pharm. Bd. XLIX, S. 240. — Frühere Versuche n. An- 
sichten vgl. Buchner, Kästner'« Arch. Bd. V, S. 182. — Schwabe, ehendas. 
Bd. VII, S. 428. Brandes, Schweigg. Journ. Bd. L, S. 486; Bd. LI. S. 248. 
Zenneck, Rcpert. d. Pharm. Bd. XXVII, S. 49. — Meyen, Isis. 1880. — Carn* 
u. Schwabe, Brandes' Arch. Bd. XXV, S. 824. . 
^) Journ. f. prakt. Chem. Bd. XL, S. 818. 



Digitized by VjOOQIC 



Stibin. — Stichherd. 



287 



dem Lothrohrer für sich nicht, aber mit Soda za Antimon redncirbar 
nnd, naoh Delffs, 75,88 Proc. Antimon, 1 9,54 Sauerstoff (entsprechend 
der Formel Sb04) und 4,63 Wasser enthaltend, von welchem letzteren 
Delffs glaubt, dass es nicht zu den wesentlichen Bestandtheilen ge- 
höre. K. 

St 10 in heissen die dem Typus Ammoniak, {I3N, and den Amin- 
basen entsprechenden Antimonverbindungen (s. 2te Aufl.Bd. 11, 1, S. 741). 

Stibiophyllit, syn. Antimonphyllit s. Weiss- 

spiessglanzerz. 

Stibiozincyl nennt Cooke Legirungen von Antimon mit 
Zink (s. 2te Aufl. Bd. II, 1, S. 78). 

Stibit, sjm. Weissspiessglanzerz. 

Stibium, syn. für Antimon. 

Stiblith, syn. Stibilith. 

Stlbonium sind die dem Ammonium, H4N, entsprechenden 
basischen Antimon Verbindungen (s. 2te Aufl. Bd. II, 1, S. 741). 

Stichherd, Spurtiegel, Bassin de reception^ de coulee^ Smel- 
fing pot^ nennt man die vor der Brust der Schachtöfen liegende Ver- 
tiefung, in welche der geschmolzene Inhalt des Ofens abgestochen 
wird. Wenn der Herd oder Tiegel, der untere Raum des Schach- 
tes unter den Formöffnnngen, eine Oeffnung nach aussen hat, so dass 
sich keine geschmolzene Masse darin ansammelt, sondern in dem Maasse, 
als sie sich bildet, abfliesst, so nennt man die hierfür gesparte Oefl- 
nnng das Auge. Wird dagegen diese Oeffnung geschlossen, so dass 
sich geschmolzene Masse im untersten Theile des Schachtes ansammelt 
und dieselbe nur zeitweilig abgelassen, wenn sie sich zu sehr anhäufl, 



Fig. 42. 



Fig. 43. 





Digitized by VjOOQIC 



288 Stichröhre. — Stickoxycl. 

so nennt man die meiat mit einem T hon pfropf ver«chloBseue^ alsdann 
durchzustoesende Oeffnung ^,den Stich^'' (s. Art Eisen). Die Opera- 
tion selbst wird ebenso benannt. Die nach dem Stichherd führende 
Rinne nennt man bisweilen die IStichgasse. Sind zwei Vertiefungen 
vor der Brust des Ofens im Vorherd angebracht, in welchen abwech- 
selnd abgestochen wird, so nennt man einen solchen Ofen einen Brillen - 
ofen. Fig. 42 u. 43 (8. S. 287) zeigt einen Schachtofen, sogenannten 
Augenofen mit verdecktem Auge p, in dem Vorherd m gelegen. Hier 
wird z der Stich und q der Stichtiegel genannt Die in p in dem 
Maasse als sie schmilzt sieh ansammelnde blasse wird, sobald p gefällt 
ist, durch z in <len Stichtiegel abgelassen und der Stich z sofort wieder 
geschlossen. 

Die Schachtöfen, welche zum Kalkbrennen benutzt werden, führen 
auch bisweilen den Namen Stichöfen, weil man durch an der Sohle 
des Schachtes angebrachte Oefinungen St ich Öffnungen, den Kalk 
zieht, sobald er gar geworden. V. 

Stichröhre wird bisweilen das gerade Abkühlrohr genunnt, 
welches man als einfachste Vorrichtung anwendet, um die Dämpfe ab- 
zukühlen und zu verdichten, welche sich ans einer Destillirblase ent- 
wickeln, indem man es mit kaltem Wasser umgiebt r. 

Stichtorf s. Torf. 
Stickgas s. Stickstoff. 

Stickoxyd, Stickstoffoxyd, Salpetergas, nitröse Luft, 
GcL8 nitroaunut Oxyde nUrique^ Oxyde dazote^ Deutoxyde dazoU^ Bioxyde 
dazote^ Gas nüreux, Formel : N O3 oder N2 O4. 

Dieses Gas wurde schon von Haies beobachtet und 1772 von 
Priestley zuerst genauer untersucht und beschrieben. 

Es bildet sich auf sehr verschiedenen Wegen; eine der ältesten 
Bereitungsarten war die, dass man Ammoniakgas über glühenden 
Braunstein oder calcinirten Eisenvitriol (Eisenoxyd) leitet, wob^i der 
Sauerstoff des letzteren die Bestandtheiie des Ammoniaks zu Was- 
ser und zum Theil zu Stickstoffoxyd oxydirt. Reiner, namentlich frei 
von den anderen Oxydationsstufen des Stickstoffs, kann man es erlialten 
durch Auflösen von Kupfer oder Quecksilber bei massiger Wärme in 
verdünnter Salpetersäure von 1,2 specif. Gewicht, und Auffangen des- 
selben über luftfreiem Wasser, nachdem vollständig alle Luft aus dem 
Apparat ausgetrieben, was man an dem Verschwinden der rothen 
Dämpfe in dem Entwickelungsgefass gewahrt. Die Reaction ist hier- 
bei folgende: 

4NO5 -f 3Cu = 3(CuO.N05) + NO2. 

Nach Regnault wird sehr reines Stickoxydgas erhalten, wenn 
man Salpeter mit einer stark sauren Auflösung von Eisenchlorur er- 
wärmt, welcher Process sich durch folgendes Schema veranschaulicht: 
ßFeGl + KO.NOj + 4HGl=3Fe,€l3 + KG1 + 4HO+ NO,. 

Kfl ist ein farbloses Gas, alle Versuche, es durch Kälte «ml Druck 
bis zu JJOOO Atmosphären zu verdichten sind bis jetzt erfolglos geblie- 
ben. Sein specif. Gewicht ist zu 1,039 gefunden, os enthalt in 1 Vol. 
Gas ^'2 V'ol. Stickstoff auf ^ a Vol. Sauerstoff, danach berechnet .sich das 
specif. Gewicht =• 1,0*^845. — Seine hervorstechendste Eigenschaft i^t 



Digitized by VjOOQIC 



Stickoxyd. 289 

die, dasfl 68, mit Sauerstoff oder mit der atmosphftriBchen Luft in Berüh- 
rung, augenblicklich dicke rothgelbe die Respirationswerkzeuge stark 
angreifende Dämpfe von Untersalpetersäure oder sogenannte salpetrige 
Dämpfe bildet. Wasser löst nur höchst geringe Mengen davon auf, nach 
Henry etwa ^/jg bis V20 seines Volumens, dagegen mehr wenn es Luft 
enthält, indem dann ein Theil in Untersalpetersäure und in Salpeter- 
säure umgewandelt wird. Alkohol, flüchtige and fette Oele absorbiren 
mehr davon, letztere sogar in grosser Menge indem sie Verbindungen 
damit eingehen. Nach Carius^) absorbirt 1 Volumen Alkohol bei 
00 C. = 20,31 Volumen Gas (s. unter Absorption, 2. Aufl. Bd. I, 
S. 37). 

Das Stickoxyd reagirt nicht sauer, doch wirkt es auf einige 
Pflanzenfarben zerstörend und fllrbt mehrere thierische Stoffe gelb. Es 
kann nicht eingeathroet werden und wirkt bei einem gewaltsamen Ver- 
such tödtlich. Von Eisenvitriollösung oder Eisenchlorür wird es in 
grosser Menge völlig verschluckt^ indem sich die Lösung dunkelgrün 
fast schwarz förbt. Beim Erhitzen dieser Lösung entweicht der grösste* 
Theil des Gases unzersetzt. Wegen dieser Eigenschaft wird auch ^eine 
Eisenoxydullösung bei eudiometrischer Untersuchung zur Absorption des 
Stickoxydgases angewandt. Auch concentrirte Salpetersäure, Schwefel- 
säure nnd Phosphorsäure verschlucken es in namhafter Menge, beide 
letztere indem sie damit Verbindungen eingehen, erstere indem sie sich 
damit zersetzt, nnd sich dabei grün, roth oder blau färbt (s. Bd. VTI, 
S. 144). Nach Priestley können 100 Thle. Salpetersäure von 1,4 
specif. Gewicht 90 Gewichtstheile Stiekoxydgas aufnehmen. Leitet man 
Sauerstoff durch diese Lösung, so wird sie nach und nach farblos, in- 
dem sie vollständig zu Salpetersäure oxydirt wird. Ungeachtet es noch 
ein mal soviel Sauerstoff enthält als das Stickoxydulgas, so giebt es doch 
viel schwieriger Sauerstoff an leicht oxydirbare brennbare Körper ab. 
Die meisten Körper verlöschen deshalb angezündet darin, so z. B. der 
Schwefel, nnd selbst Phosphor kann darin ohne zu verbrennen ver- 
dampft und mit einem rothglühenden Eisendraht berührt werden, ist 
er aber vorher in der Luft ordentlich zur Entzündung gebracht, so fahrt 
er darin fort mit grossem Glänze zu brennen. Auch weissglühende Kohle 
brennt darin fort, indem beide Körper es vollständig zerlegen. Lässt 
man Schwefelkohlenstoff darin verdampfen, so verbrennt das Gemenge 
beim Anzünden mit glänzender bläulicher Flamme. 

MitWassef stoffgas gemengt, kann es nicht durch den elektrischen 
Funken entzündet werden, selbst beim Durchleiten dieses Gemenges 
durch eine glühende Röhre verpufft es nicht (Berthollet, Davy). 
Berzelius giebt an, dass ein solches Gemenge, an der Luft entzündet, 
ruhig abbrenne indem nur der Wasserstoff auf Kosten der Luft ver- 
brannt wird. Ein brennender Strom von Wasserstoff in Stickoxydgas 
geleitet, verlischt sofort (Wal die). Kalter Platinschwamm verwandelt 
das Gemenge nach Dulong, Th^nard nnd Kuhlmann, nicht nach 
Döbereiner, in Wasser und Ammoniak. Stellt man den Versuch so 
an, dass man ein Gemenge von 2 Volumen Stickoxyd und 5 Volumen 
Wasserstoff in einem feinen Strom durch eine erhitzte Röhre leitet, 
welche mit Platinschwamm gefallt ist, so erhält man unter Erglühen 



>) Aniuri. d. Chem. n. Pharm. Bd. XCIY, S. 129; Jahrenber. v. Liebig n. Kopp 
1855, S. 280. 

HaadwOrterbaeh der Chemie Bd. VIII. 1 9 

Digitized by VjOOQIC 



290 Stickoxyd, schwefelsaures. — Stickstoff. 

des Platins Wasser und AmmoniAk (NO, -f 5M = NH, -f- 2H0) 
(vergL Ammoniak). — NachVille^) wird das Stickoxydgas vollstäD- 
dig in Ammoniak umgewandelt, wenn man dasselbe mit einem Ueber- 
schoss von Wasserstoff und Schwefelwasserstoff gemengt über glühen* 
den Natron -Kalk leitet. £r empfiehlt diese Methode zur Bestimmung 
des Stickstoffs in salpetersauren Verbindungen. 

Selbstentzündliches Phosphorwasserstoff zersetzt das Stickoxydgas 
bei gewöhnlicher Temperatur in kurzer Zeit, indem Stickgas und Stick- 
oxydulgas gebildet werden (Dal ton). Der elektrische Funke entzündet 
das Gemenge von Stickoxyd und Phosphorwasserstoff, das unter hef- 
tiger Explosion und grossem Lichtglanz abbrennt. 

Die leicht oxydirbaren Metalle, als Eisen, Zink, mit Stickoxyd 
längere Zeit in Berührung gebracht, entziehen ihm ebenfalls die Hälfte 
des Sauerstoffs und verwandeln es in Stickoxydul (vergl. dieses), bei 
Gregenwart von Feuchtigkeit bildet sich zugleich Ammoniak. Auch 
schweflige Säure desoxydirt es bei Gegenwart von Wasser zu Stick- 
'oxydul, indem Schwefelsäure gebildet wird (vergl. Bd. VII, S. 494). 

Mehrere Metalle, wie Kalium, Natrium, Kupfer u. s. w. entziehen 
in Her Glühhitze dem Stickoxyd den Sauerstoff vollkommen und lassen, 
Vs Vol. des Gases reines Stickgas übrig. Br. 

Stickoxyd, schwefelsaures, syn. salpetrige 
Schwefelsäure, s. unter Schwefelsäure (Bd. VII, 
S. 506). 

Stickoxyd, schwefligsaures, s. Nitroschwe- 
fel säure, (Bd. VII, S. 505). 

Stickoxydul s. StickstoffoxyduL 

Stickschwefelsäure, s}!!. Nitroschwefelsäure 
(s. Bd. VII, S. 505). 

Stickstoff, Salpeterstoff, Stickgas, Stickstoffgas, Sal- 
peterstoffgas, Stickluft, phlogistisirte Luft, verdorbene Luft. 
— Äzotum^ Nitrogenium. — Oas azote^ Azote^ Nitrogene, Alealigene. Sep^ 
tone^ Mo/ette cUmoapherique^ Air vide. Chemisches Zeichen N. (Die 
französischen Chemiker haben das Zeichen Az von Azot). Aequiva- 
lent oder Doppelatom 14 oder 175. 

Auffallend und unerklärt ist bis jetzt, dass das Aequivalentgewicht 
des Stickstoffs, aus dem specifischen Gewicht berechnet, stets hoher 
ausfällt, als es sich aus der Zusammensetzung irgend einer Stickstoff- 
verbindung ableitet. Gegenwärtig nimmt man an, dass das Aequivalent 
des Stickstoffs durch 2 Volume ausgedrückt wird. Danach berechnet 
sich das Atomgewicht des Stickstoffs aus dem gefundenen specif. Gewicht 
desselben (das specif. Gewicht des Sauerstoffs zu 1,10563 genommen) zu 
0,9713.2. 8 _ 

1,10563 ^ ^*'"^- 

Das chemische Verhalten des Stickstoffs hat vielfach der Ansicht 
Baum gegeben, dass er ein zusammengesetzter Körper sei, doch sind 

*) Annal. de chim. et de phys. [8.] T. XL VT p. 820; Compt. rend. T. XLI, 
p. 988 a. 987; Joum. f. prmkt. Chem. Bd. LXYUI, S. 184; Chem. CentralbL 1856, 
S. 14; Jafaresber. y. Liebig. m. Kopp. 1866, S. 794. 



Digitized by VjOOQIC 



StickstoflF- 291 

alle in diesem Sinne angestellten Versuche ohne allen Erfolg geblieben, 
und wir müssen ihn noch als ein Element ansehen. 

Es ist eine alte Erfahrung, dass durch den Athmungsprocess und 
durch die Verbrennung die dazu verwandte Luft verdorben, d. h. zur 
weiteren Unterhaltung dieser Processe unfähig wird. Rutherford 
fand 1772, dass solche Luft, nachdem er sie mit Ealkwasser gewaschen 
und hierdurch von Kohlensäure befreit hatte, eine ganz unathembare 
Luft in überwiegender Menge zurückliess, die er schon damals für eine 
eigenthümliche Gasart ansprach. Nach ihm trennte Scheele das 
Sanerstoffgas der Luft von dem beigemengten Stickgas und erkannte 
fast gleichzeitig mit Lavoisier 1775, dass die Luft aus diesen beiden 
Gasen gemengt sei^). Lavoisier gab dem Gas den Namen Azot (von 
a prioatiimm und |(Di}, Leben) die gleiche Bedeutung hat der deutsche 
Name Stickstoff. Ghaptal nannte es später Nitrogen, weil es das 
Radical der Salpetersäure {Acidum nitricurn) ausmacht. Ausserdem bil- 
det der Stickstoff einen wesentlichen Bestandtheil des Ammoniaks, des 
Cyans, so wie vieler organischen Verbindungen. 

Aus der Luft, in welcher das Stickgas nur mit dem Sauerstoff 
gemengt ist, lässt sich durch Absorption des letzteren der Stickstoff 
leicht in grosser Menge isolirt erhalten. Von den zahlreichen leicht 
oxydabeln Körpern, welche der Luft den Sauerstoff entziehen, eignen 
sich hierzu namentlich der Alkohol, der Phosphor, das Eisenoxydulhy- 
drat (D u p a s q u i e r), Bleialmalgam oder fein vertheiltes Blei (S a u s s u r e), 
feuchte Schwefelleber oder ein feuchtes Gemenge von Eisenfeile und 
Schwefelblumen, ebenso eine Lösung von Pyrogallussäure in Kalilauge 
(Liebig). Auch entzieht mit Salzsäure, Schwefelsäure oder mit Am- 
moniak benetztes Kupfer der Luft vollständig den Sauerstoff, ebenso 
glühendes fein vertheiltes Kupfer oder Eisen. 

Lässt man unter einer Glocke, die mit Wasser abgesperrt ist, auf 
einem schwimmenden Schälchen eine kleine Menge Alkohol oder Phos- 
phor verbrennen, so gewahrt man, wie nach dem Verlöschen derselben 
das Wasser in der Glocke aufsteigen bis es fast ^5 des Inhalts einnimmt, 
indem der Sauerstoff der eingeschlossenen Luft sich mit den Bestandthei- 
len dieser brennbaren Körper in dem ersteren Falle zu Kohlensäure und 
Wasser und in dem zweiten zu Phosphorsäure verbunden hat, welche 
theils verdichtet und von Wasser gelöst, theils von demselben absorbirt 
werden so dass sie unter der Glocke verschwinden. Das so zurückblei- 
bende Stickgas ist nicht ganz frei von Sauerstoff, da der Alkohol und 
der Phosphor noch vor der vollständigen Entziehung des Sauerstoffs 
verlöschen. ^ Leitet man die Luft durch Röhren, welche geschmolzenen 
Phosphor enthalten, so gelingt es, der Luft die letzten Spuren von 
Sauerstoff zu entziehen. Durch Waschen der so vom Sauerstoff befrei- 
ten Luft mittelst verdünnter Kalilauge und concentrirter englischer 
Schwefelsäure injswei hinter einander folgenden Wo ulf sehen Flaschen 
werden dem Stickgas der beigemengte Phosphordampf so wie die 
gebildeten Phosphoroxyde als auch die kleine Menge Kohlensäure, 
welche stets in der Luft enthalten ist, und die Feuchtigkeit entzogen. 
Um kleine Mengen Sauerstoff dem Stickgas zu entziehen, bedient man 
sich am besten einer Lösung von Eisenvitriol, welche man in eine Luft 
enthaltende Flasche giesst, darin mit einem Ueberschuss von Kali- oder 



1) Vergl. Sauerstoff u. Atmosphäre. 

19* 

Digitized by VjOOQIC 



292 



Stickstoff. 



Natronlauge mischt, die Flasche gut verschliesst und tüchtig sehöttelt- 
Das sich hierbei ausscheidende Eisenoxydulhydrat absorbirt, wie eben 
erwähnt, rasch allen Sauerstoff, und die überschüssige Kalilauge die 
Kohlensaure der Luft. Hierauf öffnet man die Flasche unter Wasser, 
wobei das verschwundene Gasvolumen rasch durch Wasser ersetzt wird. 
Dumas und Boussingault leiten die Luft über Kalihydrat und 
durch Schwefelsäure, um sie von Kohlensäure und aller Feuchtigkeit 
zu befreien, und hierauf über glühendes fein zertheiltes Kupfer (wie es 
durch Glühen von Kupferoxyd in Wasserstoffgas erhalten wird), das 
sich hierbei auf Kosten des Sauerstoffs zu Kupferoxydul und Kupfer- 
oxyd oxydirt. Fig. 44 zeigt einen Apparat, mit Hülfe dessen nach 
dieser Methode der Stickstoff leicht rein dargestellt wird. A ist ein 



Fig* 4i. 




gewohnliches Gasometer, wie solches zu chemischen Experimenten viel- 
fach angewendet wird; dasselbe ist mit reiner Luft angefüllt, die man 
durch Wasserzuflnss aus C in einem langsamen Strom durch die zwei 
ü-förmigen Röhren TT* leitet Die erstere enthält mit Kalilauge ge- 
tränkten Bimsstein, während die zweite solchen mit Schwefelsäure be- 
feuchtet enthält. Von hier tritt die so gereinigte Luft in die von einem 
Röhrenofen umgebene Röhre «/, eine schwer schmelzbare Glasröhre, 
die soweit mit dem fein vertheilten metallischen Kupfer angefüllt ist, 
dass der schwache Strom von Luft sich eben noch hindurch bewegen 
kann. Bei richtig geleitetem Versuch entweicht bei / reines Stickgas, 
das entweder über luftfreiem Wasser oder über Quecksilber aufge- 
fangen wird. Brunn er wendet statt Kupfer Eisen an, doch wird hier- 
durch das Stickgas bei dem geringsten Grad von Feuchtigkeit der Luft 
durch sich bildendes Wasserstoffgas verunreinigt. 

Man kann das Stickgas auch durch Zersetzung chemischer Ver- 
bindungen darstellen, so z. B. aus Ammoniak, indem man in einen 
Ueberschuss von Salmiakgeist Chlorgas leitet, welches letztere sich 
hierbei mit dem Wasserstoff zu Chlorwasserstoffsäure verbindet, die 
sofort sich mit einem Theil des überschüssigen Ammoniaks zu Chlor- 
ammonium verbindet, während eine entsprechende Menge Stickgas frei 
wird und entweicht : 4 Hg N + 3 €l =3 (NH4 Gl) -f N. 

Bei der Darstellung von Stickgas nach dieser Methode hat man 
darauf zu achten, dass stets ein Ueberschuss von Ammoniak in der 
Flüssigkeit bleibt, weil sonst sich der so leicht and so heftig explodi- 
rende Chlorstickstoff hierbei bildet. — Behufs dieser Darstellungsart 
von Stickgas bedient man sich zweckmässig des in Fig. 45 abgebildeten 



Digitized by VjOOQIC 



Stickstoff. 



293 



Apparats, a ist die Chlorentwickelungsflasche , aus der dieses Gas in 
die Flasche 6^ welche die AinmoDiakflüssigkeit enthält, geleitet wird. 

Fig. 46. 




Ist letztere concentrirt, so ist die Entwickelung leicht stürmisch, und 
jede Chlorblase, die eintritt, bringt eine schwache mit Feuererschei- 
nung begleitete Explosion hervor. Das Stickgas entweicht aus dem 
Ammoniak in sehr kleinen Bläschen, so das s die ganze Flüssigkeit der 
Vorlage aufzuschäumen scheint. Einfacher noch erhält man in Folge 
einer ähnlichen Zersetzung Stickgas, indem man zu einer Lösung 
von Chlorkalk kleine Stücke von Salmiak bringt. Der Sauerstoff 
des unterchlorigen Salzes oxydirt hierbei den Wasserstoff des Am- 
moniaks zu Wasser. Soubeiran erhitzt ein Gemenge von 1 Thl. 
Salmiak und 2 Thln. Salpeter und wäscht das sich entwickelnde Gas 
mit schwacher Kalilauge. Auch hierbei wird der Wasserstoff des Am- 
moniaks durch den Sauerstoff der Salpetersäure zu Wasser oxydirt, 
Chlor tritt an das Kalium des Salpeters und der Stickstoff des Ammoniaks 
so wie der Salpetersäure wird grösstentheils frei. Die kleinen Mengen 
des sich gleichzeitig entwickelnden Stickoxydnls, Stickoxyds und Chlor- 
gases werden durch die Kalilauge beseitigt. Döbereiner stellte das 
Stickgas so dar, dass er in einem pneumatischen Apparat 1 Thl. Sal- 
petei* mit 20 Thln, sehr feiner Eisenfeile über der Weingeistlampe er- 
hitzte. Die Salpetersäure des Salpeters wird hierbei vollständig zer- 
legt, indem sich das Eisen oxydirt und Stickgas frei wird. EmmetO 
erhitzt in einer Retorte salpetersaures Ammoniak und senkt durch den 
Tubulus der Betorte an einem Draht, welcher durch den Kork desTu- 
bnlus geht, ein Stück Zink in das geschmolzene Salz so weit ein, dass 
die Entwickelung nicht zu stürmisch wird. 

Nach Pelouze erhält man dadurch sehr reines Stickgas, dass 
man concentrirte Schwefelsäure mit Stickoxydgas sättigt, dieser schwe- 
felsaures Ammoniak zufügt und bis zu 160^ C. erwärmt Der Sauer- 
stoff des Stiokstoffoxyds oxydirt auch hier wieder den Wasserstoff des 
Ammcmiaks. 

Auf Grund einer gleichen Zersetzung wird auch beim Erhitzen 
einer Lösung von salpetrigsanrem Ammoniak Stickgas entwickelt 



») Sillim. Americ. Journ. T. XVin, p. 269; Annal. d. Pharm. Bd. XVIll, 
S. 168. 



Digitized by VjOOQIC 



294 Stickstoff. 

Hierzu ist es nicht nöthig, dass dae Salz im reinen und festen Znstande 
vorhanden sei, sondern man braucht nur aalpetrigsaures Kali oder 
Natron mit Salmiak zu versetzen und dieses Gemenge zu erhitzen. 
Die Entwickelung geht um so leichter von Statten, je weniger freies 
Alkali in der Flüssigkeit vorherrscht. Das salpetrigsaure Alkali be- 
reitet man zu diesem Zwecke am einfachsten dadurch, dass man Kali- 
oder Natronsalpeter bis zur stark alkalischen Reaction erhitzt Oder 
dass man in eine Kalilauge von 1,38 specif. Gewicht salpetrigsaure 
Dämpfe bis zur sauren Reaction leitet und hierauf wieder bis zur alka- 
lischen Reaction Kalilauge zufügt Mischt man ein Raumtheil dieser 
Lösung mit drei Raumtheilen einer concentrirten Salmiaklösung, so fin- 
det beim Erhitzen eine sehr reichliche Stickgasentwickelung statt. 

Auch hat man dadurch Stickgas dargestellt, dass man thierische 
Stoffe, wie Leim oder Fleisch, mit schwacher Salpetersäure bis zu30<^C. 
erhitzte. Doch ist das so erhaltene Gas nicht rein und muss zuvor zur 
Entziehung von Stickoxyd und Kohlensäure mit Eisenvitriollösung und 
Kalilauge behandelt werden. 

Der Stickstoff theilt, als überwiegender Bestandtheil der Atmo- 
sphäre, die äusseren Eigenschaften derselben. Er ist ein farbloses 
geruch- und geschmackloses Gas, es ist selbst bei einem Druck bis zu 
3000 Atmosphären Natter er nicht gelungen, ihn zu einer Flüssigkeit 
zu verdichten. Nach Dumas und Boussingault ist das specif. Ge.- 
wicht des Stickstoffgases = 0,972, während es nach den neuesten Wä- 
gungen von Regnaul r= 0,97137 beträgt, wonach 1 Liter desselben 
1,256167 Gramm wiegt. Es ist nur in sehr geringer Menge in Was- 
ser löslich. Nach früheren Bestimmungen sollen 1000 Volume Wasser 
25 Volume Stickgas absorbiren können, so dass 1 Liter Wasser 0,031 Grm. 
aufnehmen kann. Nach Bunsen nimmt die Löslichkeit des Stickgases 
in Wasser mit zunehmender Temperatur ab, während seine grössere 
Löslichkeit in Alkohol bei verschiedenen Temperaturen fast gleichblei* 
bend ist. 100 Volume Wasser von 0^ absonbiren etwa 2 Volume, 100 
Volume Alkohol von 0® = 12,6 Volumen Gas^). Die lichtbrechende 
Kraft des Stickstoffs verhält sich zu der der Luft wie = 1,02 : 1. Er 
ist nicht brennbar, unterhält auch nicht das Verbrennen und die Respi- 
ration, wirkt aber auch nicht weiter schädlich darauf ein, sondern wirkt 
nur durch seinen Mangel an Sauerstoff. Er kann daher auch einige 
Zeit ohne jede Beimischung von atmosphärischer Luft eingeathmet wer- 
den ; er reagirt nicht auf Pflanzenfarben. 

Der Stickstoff besitzt somit keine hervorstechende Eigenschaft, 
sondern ist vielmehr durch den gänzlichen Mangel derselben, gegenüber 
den anderen gasförmigen Stoffen, ausgezeichnet, was mit seinem ganzen 
auffallenden chemischen Indifferentismus tibereinstimmt. Er vereinigt 
sich mit den meisten Körpern, selbst mit den gasförmigen nur höchst sel- 
ten und schwierig direct und zwar fast nur dann, wenn besondere prä- 
disponirende umstände die Verbindung begünstigen, so z. B. im sUUus 
naacens oder mit Hülfe der Elektricität. Diese Indifferenz- scheint dem 
Stickstoff in der atmosphärischen Luft denn auch vorzugsweise die 
Rolle eines Verdünnungsmittels des Sauerstoffs zugetheilt zu haben. 
Doch verbindet sich der Stickstoff mit einigen Körpern , so mit Sili- 
cium, Bor, mit Titan und anderen Metallen (s. Stick Stoffmetalle). 



'} S. unter Absorption, 2. Aafl. Bd. I, S. 86. 

Digitized by VjOOQIC 



Stickstoff, oxydirtes. — Stickstoffinetalle. 295 

In den künstlich dargestellten Stickstoffverbindungen ist er zuweilen 
so schwach gebunden, dass bei vielen die geringste Störung der Af- 
finität genügt, um sie unter heftiger Explosion zu zersetzen, so dass, 
wie Omelin sagt, der Stickstoff die grösste Affinität zur Wärme zu 
haben scheint, d. h. das Bestreben besitzt, Gasform anzunehmen. Eine 
grosse Affinität besitzt er zu dem Wasserstoff, mit dem er das Ammo- 
niak bildet, welche Verbindung häufig den Ausgangspunkt und das 
Endglied bei freiwilligen chemischen Zersetzungen zusammengesetzterer 
stickstoffhaltigerer Körper bildet. Interessant sind seine Verbindungen 
mit den Metallen. Br, 

Stickstoff, oxydirtes, ^ja. Stickoxyd. 

Stickstoffbenzid s. Azobenzid unter Benzol 
(2te Aufl. Bd. II, 1, 875). 

Stickstoffgas, Erkennung undBestimmung. Die 
Bestimmung des Stickstoffgases bei eudiometrischen Untersuchungen 
geschieht immer in der Weise, dass man alle anderen Gase zuerst 
durch die passenden Absorptionsmittel entfernt; das zurückbleibende 
sich in allen Beziehungen indifferent verhaltende Gas wird als Stick- 
stoff berechnet (s. Analyse, Yolumetrische für Gase, Bd.I, S. 930). 

Auch aus vielen Verbindungen lässt sich das Stickgas im isolirten 
Zustande abscheiden und als solches bestimmen, der Sauerstoff lässt 
sich den Verbindungen häufig durch Glühen mit Kupfer, Kalium n« dgL 
entziehen (s. z. B. unter Stickoxydul). 

Aus vielen Verbindungen lässt sich der Stickstoff in der Form 
von Ammoniak abscheiden, und als solches nach den bekannten Me- 
thoden bestimmen (s. Bd. I, S. 440). 

Knop 1) bestimmt den Stickstoffgehalt in Ammoniakverbindungen, 
so wie auch in organischen Körpern durch Zersetzung mittelst unter- 
chloriger Säure in alkalischer Lösung, und misst das Stickstoffgas in 
einem Apparat, den er Azotometer nennt. 

Der Stickstoff aus organijschen Verbindungen wird theils als rei- 
nes Stickstoffgas abgeschieden und geroessen, oder in Ammoniak über- 
geführt und als solches bestimmt (s. Analyse organische Bd. I, 
S. 867). Fe, 

Stickstoffkohle, Thierkohle, die aus stickstoffhaltenden 
thierischen Körpern erhaltene Kohle, welche daher noch Stickstoff 
enthält. 

Stickstoffkohlenstoff oder Kohlenstoffstick- 
stoff, syn. mit Cyan. 

Stickstoffluft, syn. Stickstoff. 

Stickstoffmetalle, Stickstoffverbindungen, 

Nitride Nitrete. Der Stickstoff, dieser im freien Zustande durch seine 
chemische Indifferenz ausgezeichnete Körper, giebt mit den verschie- 
denen Elementen doch durch ihre Eigenschaften ausgezeichnete Ver- 
bindungen ; wichtig sind besonders die Verbindungen mit Wasserstoff, 



^ Chem. C«ntr»lbl. 1860, S. 248 n. 257. 

/Google 



Digitized by ' 



296 Stickstofftnetalle. 

mit Sauerstoff, mit Kohlenstoff das Ammoniak (NH3) ausgezeichnet 
durch die Fähigkeit eine starke Base zu bilden, die Salpetersäure (NO5) 
eine starke Säure, das Cyan (C3N) ein den Halogenen ähnliches Radi- 
cal ; alle diese Verbindimgen können, wenn auch zum Theil in geringer 
Menge aus atmosphärischem oder überhaupt aus freiem Stickstoff erhalten 
werden. Die Verbindungen von Stickstoff mit Bor, Phosphor u. dergl. sind 
ausgezeichnet durch ihr indifferentes Verhalten ; die Verbindungen mit 
Chlor, Jod und Brom ausgezeichnet durch die leichte und heftige Zer- 
setzung. Diese Verbindungen von Stickstoff mit Metalloiden zeigen sehr 
abweichende Erscheinungen, sie werden bei den betreffenden Elementen 
beschrieben. 

Die Verbindungen des Stickstoff mi^ den Metallen sind nament- 
lich erst seit den letzten Jahren untersucht; ilire Zusammensetzung 
ist verschieden, theils RN, oder R^N, zuweilen K3N, letztere entspre» 
chen in ihrer Zusammensetzung dem Ammoniak. Die Stickstoffmetalle 
entstehen hauptsächlich durch Einwirkung von Ammoniak auf die 
Oxyde oder Chloride der Metalle unter Bildung von Wasser oder von 
Chlorammonium; sie können sich nicht selten wohl auch direct aus 
atmosphärischem Stickstoff und den Metallen bilden im Moment, wenn 
diese aus ihren Oxyden durch Glühen mit Kohle abgeschieden werden, 
eine Erscheinung auf welche Wo hl er seit 1849 aufmerksam gemacht hat. 
Ob sich Stickstoffmetalle auch auf elektrolytischem Wege am negativen 
Pol bilden, durch Zerlegen passender Metallsalze bei Gegenwart von 
Salmiaklösnng, ist nicht mit Sicherheit nachgewiesen. Die Stickstoff- 
metalle zeigen oft metallisches Ansehen, sie zersetzen sich beim Erhitzen 
meistens leicht, zuweilen sogar unter mehr oder weniger heftiger Ex- 
plosion, manche Verbindungen widerstehen aber sehr hoher Tempera- 
tur. Durch starkes Erhitzen mit Wasserstoff oder Ammoniak werden 
sie häufig zu Metall reducirt; mit Wasser oder Kalihydrat erhitzt bil- 
den sie oft Metalloxyde und Ammoniak an der Luft erhitzt, verbrennen 
sie; sie verbinden sich mit anderen Metall Verbindungen, namentlich mit 
Metallamiden. 

Stickstoffchrom, CrsNj nach Schrötter, Cr.jN nach Ufer. 
Liebig 1) erhielt zuerst diesen Körper durch Zersetzung von Chlor- 
chromsäure mit Ammoniak, Schrötter^) stellte ihn aus Chromchlorid 
mit Ammoniak dar, und erkannte seine Bestandtheile ; er gab in Folge 
eines Rechnungsfehlers • dafür die Formel Cr4 N5 , die richtige Formel 
nach seinen Resultaten ist CrsNj (Gmelin). Ufer^) hat in neuester 
Zeit diese Verbindung am genauesten untersucht, und wohl zuerst ganz 
rein dargestellt, er giebt die Formel Cr^ N. Das Stickstoffchrom bildet 
sich beim Erhitzen von Chlorchromsäure oder Chromchlorid in Ammo- 
niakgas, oder wenn man ein Gemenge von Chromchlorid und Salmiak 
in einem Strom von Wasserstoffgas erhitzt Wird reine Chromsäure ino 
Ammoniakgas erhitzt, oder chromsaures Kali mit Salmiak geglüht, so 
bildet sich nur Chromoxyd, es entsteht hierbei kein Chromstickstoff. 

Zur Darstellung des Stickstoffchroms bringt man vollständig trocke- 
nes Chromchlorid in einer dünnen Schicht in eine Glasröhre, leitet 
trockenes Ammoniakgas darüber, und fängt erst dann an zu erhitzen. 



Pogg. Annal. Bd. XXI, S. 869. — *) Annal. d. Chem. u. Pharm. Bd. XXXVU, 
S. US. — Inaugural-DisserUt. Göttingen; Annal d. Chcm. u. Pharm. Bd. CXII, 
S. 281. 



Digitized by VjOOQIC 



Stickstoffhietalle. 297 

wenn das Aminoiiiak die atmosphärische Luft ganz vollständig ausge- 
trieben hat; man erhitzt dann so lange sich noch Salmiak bildet, wobei 
die Temperatur möglichst hoch gesteigert wird, und lässt zuletzt in 
einem Strom von trockenem Adimoniakgas erkalten. Das Chromchlorid 
wird beim Erhitzen in Ammoniakgas zuerst schön dunkelgrün (nach 
Ufer durch Verbindung beider Körper), bei stärkerem Erhitzen ent- 
weicht dann Salmiak und es bleibt schwarzes Stickstoffchrom zurück; 
dieser Körper enthalt aber noch immer unzersetztes Chromchlorid bei- 
gemengt; man muss daher das Product zerreiben und von Neuem im 
Ammoniakgas erhitzen, und diese Operationen selbst mehrere Male 
wiederholen. Um die letzten Spuren Chromcbiorid zu entfernen, be- 
handelt Ufer das unreine Stickstoff mit Zinn und concentrirter Salz- 
säure, wobei sich etwas Chromchlorür bildet, das dann das Chromchlo- 
rid leicht löslich macht. Es bildet sich daher eine grüne Lösung ; man 
filtrirt ab, wäscht den Rückstand gut aus, und trocknet ihn bei 100^ C. 
Die Bildung des Chromstickstoffs hier giebt folgendes Schema: 
Cr^eis + 4NH3 = CrjN -f 3NH4€L 

Wenn man ein Gemenge von Chromchlorid mit Salmiak in einer 
Rohre in Wasserstoffgas erhitzt, aber auch erst nachdem alle Luft voll- 
ständig verdrängt ist^ so geht Salzsäure fort und es bleibt Chromstick- 
stofT zurück, aber immer gemengt mit Chromchlorid: 
Cr, €13 + «»461 = CraN + 4HGl. 

Da die Chromsänre durch Ammoniak zu Chromoxyd reducirt wird, 
so erhält man bei Anwendung von Chlorchromsäure neben Chromstick- 
stoflT grössere Mengen Chromozyd: 
2(2Cr6l3.Cr08) + ITNHs = CraOg + 2(Cr3N) -f r2NH4€l 
+ 3H0 4- 3N. 

Durch Erhitzen von Chlorchromsäure kann daher nicht reiner 
Chromstickstoff erhalten werden. 

Der Chromstickstoff ist ein schwarzes, bei feiner Vertheilung brau- 
nes amorphes schweres Pulver, es ist leicht zerreiblich und beschmutzt 
die Finger. 

Der Chromstickstoff ist ziemlich schwer zersetzbar, wird er in einem 
gut geschlossenen Tiegel längere Zeit bei Nickelschmelzhitze erhalten, 
wobei das Eindringen von Luft in den Tiegel möglichst abgehalten wer- 
den mnss, so bleibt zusammengebacknes metallisches Chrom zurück, aber 
auch noch gemengt mit etwas Stickstoffchrom. 

Wird das Nitret an offener Luft erhitzt, so. zersetzt es sich unter 
Feuererscheinung, es verbrennt zu grünem Chromoxyd, während Stick- 
stoff, nach Schrötter auch etwas Untersalpetersäure, entweicht. Beim 
Glühen in reinem Sauerstoffgas zeigt sich ein intensiv rothes Licht. 
Ekithält das Präparat Chlorchrom beigemengt, so entweicht im Anfang 
beim Erhitzen auch Chlor, und lässt sich so erkennen. 

Mit oxydirend wirkenden nicht flüchtigen Metalloxyden, wie Blei- 
und Kupferoxyd, gemengt und erhitzt verbrennt das Stickstoffchrom 
mit rothem Licht zu Chromoxyd, es entweicht Stickstoffgas, aber keine 
salpetrige Sänre. Qnecksilberoxyd ist ohne Wirkung, weil seine Zer- 
setznng schon unter der Verbrennungstemperatur des Stickstoffchroms 
erfolgt. 

Wassersfoffgas wirkt beim Glühen nicht zersetzend auf Stickstoff- 
chrom. Auch beim Erhitzen mit Wasser in einem zugeschmolzenen 

Digitized by VjOOQIC 



298 Stickstofltnetalle. 

Glasrohr auf 220öC., oder beim Ueberleiten von Wassardampf in der 
Rothglühhitze zeigte sich keine Veränderung ; es ist jedoch wahrschein- 
lich, dass bei hinreichend hoher Temperatur sich hier Metalloxyd und 
Ammoniak bilden, analog wie bei anderen Stickstofifmetallen. 

Ammoniakgas wird durch Chromstickstoff bei anfangender Roth- 
glühhitze in seine Bestandtheile zerlegt, ohne dass die Stickstoffverbin- 
dung eine Veränderung erleidet; diese merkwürdige Zersetzung zeigt 
sich auch bei Bereitung von Stickstoffchrom gegen Ende der Operation, 
welches sich daher dadurch erkennen lässt, dass hier Stickgas und 
Wasserstoffgas statt Ammoniak auftreten. 

Wässerige Alkalien zersetzen das Stickstoffchrom nicht, auch 
nicht beim Erhitzen in verschlossenen G-lasröhren auf 190^ C; selbst bei 
mehrstündigem Schmelzen mit reinem Kalihydrate bildet sich nur 
eine Spur chrom»aures Kali. Aehnlich verhält es sich beim Schmelzen 
mit kohlensaurem Natron. Die Bildung von Ammoniak oder cyan- 
saurem Salz war nicht zu bemerken. 

Schmelzender Salpeter wirkt auf Stickstoffchrom sehr heftig ein, 
es findet Verpuffung statt unter rascher Entwickelung von Stickgas; 
hierbei entsteht zuerst Chromoxyd, dann chromsaures Salz. Chlor- 
saures Kali wirkt wie Salpeter, nur noch heftiger, hierbei bildet sich 
neben chromsaurem Kali auch etwas chromsaures Chromoxyd« 

Chlor gas wirkt in der Kälte nicht auf Chrom Stickstoff ein; beim 
Erhitzen finden kleine Explosionen in der Rohre statt, wahrscheinlich 
in Folge der Bildung und Zersetzung von Chlorstickstoff. Beim stär- 
keren Erhitzen findet eine vollständige Zersetzung der Stickstoffverbin- 
dung statt, der Stickstoff entweicht.als Gas, das Chrom sublimirtgrdssten- 
theils als violettes Chromchlorid; im Anfang der Operation sublimirt 
beim gelinden Erwärmen aber auch eine geringe Menge eines braun- 
schwarzen Sublimats von Chromacichlorid. 

ünterchlorigsanres Alkali löst das Stickstoffchrom unter Ent- 
wickelung von Stickgas als chromsaures Alkali. TrockenesSalzsäure- 
gas wirkt auf Stickstoffchrom erst bei Rothglühhitze und dann nur 
langsam ein; es bildet sich hier Chlorammonium und Chromchlorid; 
es zeigt sich also gerade die entgegengesetzte Reaction von der, welche 
beim schwächeren Erhitzen vor sich geht, wo Chromchlorid und Salmiak 
Stickstoffchrom und Salzsäure geben (s. oben). 

Wässerige Flusssäure wirkt weder in der Kälte noch beim Kochen 
auf Chromstickstoff ein. Ebenso indifferent verhalten sich die anderen 
wässerigen Säuren, selbst concentrirte Salzsäure oder Salpetersäure wir- 
ken auch in der Wärme nicht ein; Königswasser löst es beim anhal- 
tenden Kochen, aber schwierig vollständig; concentrirte Schwefelsäure 
löst es in der Kälte langsam aber ohne Gasentwickelung; die röthliche 
Lösung enthält Chromoxydsalz und Ammdniaksalz. 

Stickstoffeisen. Diese Verbindung ist noch wenig gekannt. 
Leitet man trockenes Ammoniakgas über Eisendraht, so entweicht, 
nach Berthollet und nach Th^nard, Stickgas und Wasserstoffgas, 
und das Eisen nimmt dabei kaum merkbar an Gewicht zu, während 
seine physikalischen Eigenschaften sich wesentlich verändert haben; 
es ist sehr spröde geworden, und Hess sich zuweilen härten, ein an- 
deres Mal war es aber sehr weich (Savart). Nach den Angaben eini- 
ger Chemiker nimmt das Eisen Stickstoff ans dem Anunoniak auf; nach 

Digitized by VjOOQIC 



Stickstoffmetalle. 299 

Des pretzi)7 bis 11,5 Proc, nachBuff >) 6 Proc, nachRegnault sogar 
12 bis 13 Proc. (die Formel Fes N verlangt 14,3 Proc); nach Letzterem 
entsteht das Stickstoffeisen besonders leicht bei Einwirkung von Ammo- 
niak auf Eisenchlorür. 

Das Stickstoffeisen ist weiss, krjstallinisch, spröde, selbst zerreiblich, 
von 5,0 specif . Gewicht, und wird vom Magnet gezogen. Im Wasserstoff 
geglöht, bildet sich Ammoniak; beim Lösen in verdünnter Schwefel- 
säure soll sich neben Wasserstoff auch Stickgas entwickeln, zugleich 
aber auch Ammoniaksalz bilden. 

Stickstoffgold. Leitet man durch eine wässerige Lösung von 
Salmiak einen galvanischen Strom, während ein Platindraht als negativer, 
eine Ghlorgoldkugel als positiver Pol dient, so setzt sich am Platin eine 
schwarze Substanz an von 10,3 specif. Gewicht, die beim Erhitzen in 
Gold und Stickgas zerfällt; 100 Gran gaben 1 CubikzoU Gas. 

Sti^kstoffkalium, K3N. Wird Amid- Kalium bei abgehaltener 
Luft erhitzt, so entweicht Ammoniak, zum Theil zerlegt als Wasserstoff 
and Stickgas, und es bleibt Stickstoffkalium zurück. Es ist grünschwarz, 
nach stärkerem Glühen grauschwarz, giebt ein grauei Pulver, ist wenig 
glänzend undurchsichtig spröde und bei Bothglühhitze schmelzbar, leitet 
die Elektricität. Beim starken Glühen zerfällt es in Stickgas und Ka- 
lium; mit Wasser zersetzt es sich unter Erhitzen und starkem Auf- 
brausen und giebt geradeauf Kalihydrat und Ammoniak : 
KajN + e HO = 3K0.H0 + NH». 

An der Luft entzündet das Stickstoffikalium sich leicht von selbst 
und verbrennt mit rother Flamme; beim Erhitzen mit Sauerstoff oder 
Qnecksilberoxyd entwickelt es Stickgas. 

Das Stickstofikalium verbindet sich beim Erwärmen mit Phosphor 
oder Schwefel zu sehr brennbaren Körpern, welche mit Wasser zu- 
sammengebracht neben Kali und Ammoniak Phosphorwasserstoff oder 
Schwefelwasserstoff bilden. 

Stickstoffkadmium. Grove^) giebt an, dass bei der Elektro- 
lyse von Salmiaklösung, wobei ein Platindraht als negativer, eine Ku- 
gel von Kadmium als positiver Pol diente, sich am Platin ein dunke